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IATERIALIEN UND FORSCHUNGEN 


ZI:R 


\VIHTSCHAFTS- rND VEH\VALTUNGSGESCIIJCHTE 


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EN. 
1 


1 


Herausgegeben 


von 


dem Verein für die Geschichte der Provinzen Dst- und Westpreussen. 


11. 


Gesellifhte des Kreises Strasburg in Westpreussen 


,"on 


Dr. Hans Plehn. 


A 


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LEIPZIG, 
VERLAG VON DUNCKER & HUMBLO'l'. 
19UU.
		

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			GESCI1ICII r rE 


DES 


[(ItElSES STR1\SBURG 


IN 


WESTI)REUSSEN. 


Von 


-- 


__ J
 


Dr. Hans Plehn. 


f 


LEIPZIG, 
VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 
1900.
		

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			leinem Vater 


lUttergutsbesitzer Bel'nhard Plehn' 


in Gruppe in \Vestpreussen 


111 Liebe und DallkLarkeit. 


. 


,
		

/Pomorze_003_12_007_0001.djvu

			, 



 


V or'\-vort. 


- -c..
 - 


Die vorliegende Schrift ist durch die Strasburger Kreis- 
vertretung veranlasst worden. Für die Geschichte des Kreises 
Strasburg lagen bisher ausser einigen kleineren Aufsätzen zwei 
grössere Arbeiten vor: der Strasburger Bürgermeister Zermann 
hat eine "Chronik der Stadt Strasburg" (Strasburg 1851), der 
frühere Lalldrat des Kreises, Geh. Oberregierungsrat Henning 
"Geschichtliche Nachrichten über den Kreis Strasburg" 
(Strasburg 1884) veröffentlicht. Beide Autoren, deren Werke sich 
im Kreise grossen Interesses und Beifalls erfreut haben, bezeich- 
neten ihre Schriften als Vorbereitungen zu einer Kreisgeschichte, 
da sie im Wesentlichen nur diejenigen historischen Quellen benutzen 
konnten, die sich in dem Kreise selbst erhalten hatten. Verfasser, 
dem nunmehr der ehrenvolle Auftrag wurde eine Kreisgeschichte 
zu schreiben, ist seinen heiden Vorgängern nicht nur für manche 
Anregung, sondern auch für die Übermittelung wichtiger historischer 
Materialien dankbar, deren Originale inzwischen verloren ge- 
gangen sind. 
Der Plan der vorliegenden Arbeit ist im Wesentlichen nach 
dem bewährten Vorbilde der Kreisgeschichten von Froelich und 
Märcker angelegt worden. Um die Fülle und die Ungleichartigkeit 
des Stoffs zu bewältigen, wurde eine Teilung vorgenommen. Während 
der vorliegende Band eine zusammenfassende Geschichtserzählung 
enthält, wird in einem zweiten Teile, der unter dem Titel: Orts- 
geschichte des Kreises Strasburg in der Zeitschrift des 
historischen Vereißs für den Regierungsbezirk Marienwerder dem- 
nächst erscheinen wird, eine Übersicht der Geschichte der einzelnen 
Ortschaften gegeben werden. Beide Teile ergänzen einander; in 
den Anmerkungen werden sie als "Kreisgeschichte" und "Orts- 
geschichte" zitiert.
		

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			VIII 


Vorwort. 


Die Schwierigkeit, eine Kreisgeschichte zu schreiben, liegt 
vornehmlich darin, dass ein einzelner Landkreis kein selbständiger 
politischer Organismus ist und daher im strengen Sinne keine Ge- 
schichte hat. Der alte Strasburger Kreis, der den Gegenstand der 
Darstellung bildet, besteht erst seit 1818 und ist 1888 durch die 
Bildung des Briesener Kreises erheblich verkleinert worden; er 
deckt sich in seinen Grenzen weder genau mit den Ordent:!kom- 
tureien noch mit den polnischen Starosteien Strasburg und Gollub; 
zur friderizianischen Zeit war er mit dem heutigen Kreise Löbau 
zu dem Michelau'schen Kreise vereinigt. Dazu kommt, dass die8e 
Verwaltungsbezirke niemals eine entscheidende, ja nicht einmal 
eine bedeutende RoBe in der Geschichte Preussens gespielt 
haben. Nur die Stadt Strasburg erscheint einige Male, be- 
sonders in der Zeit der Religionskämp
e, als ein eigener politischer 
Organismus, freilich mehr leidend als handelnd. In solchen Zeiten 
stellt sich die Geschichte einer Stadt und eines Kreises wohl als 
ein kleines Spiegelbild der grossen geschichtlichen Bewegungen 
und Kümpfe dar; oft freilich wird in diesen engen Verhältnissen 
die Geschichte zur Episode, ja zur Anekdote. Die groi'se Politik 
bildet nur den Rahmen, der eine Kreisgeschichte umspannt und 
begrenzt. In dem Vordergrunde stehen die lokalen Verhältni:3se, 
und zwar besitzt das Zuständliche, Typische das Übergewicht über 
das Persönliche und Individuelle. So ist dip vorliegende Schrift 
grossenteils ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Provinz. Die 
Entwickelung der sozialen und wirtschaftlichen, besonders der 
noch wenig erforschten agrargeschichtlichen Verhältnisse wurde, 
so weit die Quellen es erlaubten, ausführlich dargestellt. Ferner 
wurde die Besiedelung des Kulmerlandes und im Zusammen- 
hang damit die Nationalitätenfrage, namentlich im Mittelalter, 
untersucht. Diese Probleme sind zuerst von dem polnischen 
Historiker K
trzynski zum Gegenstande umfassender Forschungen 
gemacht worden, indessen erforderte gerade sein Buch über die 
polnische Bevölkerung des Ordenlandes eine eingehende grund- 
sätzliche Auseinandersetzung. Freilich reichte zur Lösung dieser 
allgemeinen Probleme das Quellenmaterial eines einzelnen Kreises 
oft nicht aus, und manchmal mussten Hypothesen die Stelle ge- 
sicherter politischer Ergebnisse vertreten. Andererseits erwies sich 
aber gerade die genaue Erforschung eines kleineren Bezirks als 
fruchtbar für die allgemeine historische Erkenntnis j z. B. gelang 
es auf diesem Wege, den Ursprung der westpreussischeI1'> Lehman- 


I 



 


J
		

/Pomorze_003_12_009_0001.djvu

			Vorwort. 


IX 


neien nachzuweisen. So ergaben sich, obwohl ein eigentlicher 
politischer Mittelpunkt fehlte, doch zahlreiche Zusammenhänge 
geschichtlicher und kulturgeschichtlicher Art, so dass der Versuch 
einer zusammenfassenden Darstellung lohnend erschien. Freilich 
konnte der Natur der Sache nach der Zusammenhang oft nur ein 
recht loser sein. Zugleich wurde durch die Ungleichartigkeit des 
Stoffs, den losen Zusammenhang und die grosse Ungleichmässigkeit 
der iJberlieferung die Darstellung beeinflusst; eS war nicht möglich, 
die einzelnen Abschnitte gleichmässig zu behandeln. 
Wie abhängig der Historiker von seinen Quellen ist, erfahrt 
er nicht leicht so deutlich als gerade bei eng umgrenzten lokalgeschicht- 
lichen Forschungen. Wenn sich hier Lücken in der Überlieferung 
finden, sind sie kaum auszufüllen. Und für die Geschichte unseres 
Kreises ist die Überlieferung ganz ausserordcntlich lilckenhaft. 
So sind von den Strasburger Stadtbiichern nur zwei Bände er- 
halten gehliehen. K
trzynski macht das Preussentum für den 
Untergang der wertvollen Urkundenschätze veranwortlicb. "Die 
preussische Regierung," sagt er, "gab sie den Deutschen, die sie 
ins Land zog, und den deutschen Behörden zum Raube, die sie 
in ihrer Verachtung polnischen Wesens rücksichtslos und gewissenlos 
zu Grunde gerichtet haben."l) Indessen deuten manche Anzeichen 
darauf hin, dass jener Verlust entweder in die Zeit des Krieges 
von 1806/7 oder in die Zeit des Herzogtums Warschau fällt. In 
den Strasburger Grundakten findet sich EJinmal die bestimmte Be- 
hauptung, dass die Yernichtung des Archivs der Stadt Strasburg 
der polnischen Herrschaft von 1807-15 zur Last zu legen sei. 
Auch ist folgendes zu bedenken. Die städtischen Rats- und Ge- 
richtsbiicher verloren mit der preu:!sischen Annexion ihre bis- 
herige Bedeutung: früher waren sie Gesetzsammlungen und Rechts- 
quellen ; aber durch die Einführung der preussischen Städteverfassung 
und des Hypothekenwesens verloren sie einen grossen Teil ihres 
Werts für die Praxis. Immerhin wal" das Strasburger Stadtarchiv 
Ende des 18. Jahrhunderts, als die Stadt mit dem preussischen 
Fiskus wegen des Karbower Waldes prozessierte (1788 - 99), offenbar 
noch vorhanden. 2 ) Was dagegen die verloren gegangenen Archive 
der Kulmer Woiwodschaft und des Schönseer Schlossgerichts be- 
trifft, so is t es fraglich, ob sie jemals sehr reichhaltig gewesen sind. 
I) K«;trzynski, 0 ludnosci polskiej w Prusiech niegdys krzyzackich. 
Lemb erg 1882, Einleitung S. XIIIf. 
2) Vgl. Zermann, Chronik der Stadt Strasburg S. 103 H.
		

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			x 


Vorwort. 


Die polnische Verwaltung war dem Schreibwerk sehr abhold; das 
Schönseer Grodgericht war, wie die ständigen Eintragungen in den 
Schöffen büchern beweisen, Jahre lang' geschlossen. I) 
Manche der Geschichtsquellen erschienen interessant genug, 
sie wörtlich wiederzugeben. Bei ihrer Veröffentlichung war der 
Gesichtspunkt massgebend, dass das Buch nicht ausschliesslich für 
Fachgelehrte geschrieben ist. Von einer diplomatisch getreuen 
Wiedergabe der Urkunden, die in dem Text mitgeteilt sind, wurde 
daher abgesehen, während die in dem Anhange veröffentlichten 
Dokumente nach den Grundsätzen der Diplomatik ediert sind. Die 
in den Text eingeflochtenen Quellenstücke sind des leichteren Ver- 
ständnisses halber modernisiert worden; zunächst in der Orthographie, *' 
dann sind aber auch kleinere lautliche, grammatische und syntak- 
tische Änderungen vorgenommen worden. Der Art dieser Moder- 
nisierung wird man mehrfach den Vorwurf der Inkonsequenz machen 
können; dies war nicht leicht zu vermeiden, da einerseits zwar das 
Verständnis erleichtert, andererseits aber doch auch der unmittel- 
bare Eindruck der altertümlichen Schriftstücke nach Möglichkeit ge- 
 
wahrt bleiben sollte. 


Die handschriftlichen Quellen einer westpreussischen 
Kreisgeschichte sind ungemein verstreut. Es wäre sehr wünschens- 
wert. dass die im Besitz von Privaten und von Lokalbehörden be- 
findlichen Archivalien an einer Zentralstelle gesammelt würden; 
es liess sich feststellen, dass noch in der allerjüngsten Zeit wert- 
volle Dokumente, die in Privathäusern aufbewahrt wurden, verloren 
gegangen sind. 
I!'ür die Ordenszeit besitzt das Königsberger Staats- 
are h iv das reichste Quellenmaterial. Indessen ist hier das 14, J ahr- 
hundert nur schwach vertreten. Eine Reihe von Urkunden aus 
dieser Zeit befinden sich in einem Anhange zu dem Samländischen 
Handfestenbande (Ordensfoliant 105). Die vollständigste Sammlung 
der ältesten Privilegien der einzelnen Ortschaften befindet sich in ) 
den Bänden des friderizianiechen Kontributions-Katasters von 
1772 auf der Kgl. Regierung zu Marienwerder. Bei der 
preussischen Annexion mussten aUe Privilegien des Ordens und der 
polnischen Könige sowie aUe Besitzdokumente der Behörde zur 
Prüfung vorgelegt werden; davon wurden Abschriften genommen, 


1) VgL u. S. 110, 220.
		

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			Vorwort. 


Xl 


die sich in dem Kontributionskataster befinden. Auch die alten 
Akten des Grundbuchamts enthalten viele solcher Kopien. Freilich 
sind diese Abschriften nicht von Sachverständigen angefertigt 
worden. Die Abschreiber haben die alten Urkunden häufig nicht 
lesen können; namentlich die Eigennamen sind oft bis zur U n- 
kenntlichkeit verderbt. Zur Veröffentlichung eignen sich deshalb 
nur wenige, da der Text im Einzelnen zu un8icber ist; manche 
sind gänzlich unbrauchbar, einige liegen nur in schlechten polnischen 
Übersetzungen vor. 
Iehrfach fehlt jeder Nachweis der Herkunft der 
Urkunden. Im grossen und gallzen aber kann man den thatsächlichen 
Inhalt ohne Schwierigkeit herausschälen, und es wäre eine dankens- 
werte Aufgabe, zuverlässige Regesten dieser Urkunden anzufertigen. 
Das Königsberger Staatsarchiv i8t besonders ergiebig mr 
das 15. Jahrhundert. Vorzüglich kommt folgendes in Betracht: das 
"Allgemeine Zinsbuch" von 1419 und 1437 (Ordensfoliant 131). Seine 
Angaben werden wesentlich ergänzt!) durch die speziellen Zins- 
register der Komturei Strasburg von 1446, 1447 und 1451 (DO.- 
Brief.A. 144ü Schieb!. LIla. Nr.1l0.-1447 Conventsrechnungen a.- 
1451 11. Nov. Schieb!. LIla. Nr. 89) und ein Zinsregister der 
Golluber Komturei von 1448/49 (Schiebl. LXXXV Nr. 102). 
Während das Allgemeine Zinsbuch uns besonders über die 
kölmischen Zinsdörfer 2 ) unterrichtet, enthält das "Dienstbuch des 
Kulmerlandes", das um 1420 abgefasst ist, (DO.-Brief-A. 1418/22 
Schiebl. LXXX V Nr. 137) ein Verzeichnis der kriegsdienstpfiich- 
tigen Güter 3 ) des Kulmerlandes; auch dies wird durch die ge- 
nannten speziellen Zinsregister der beiden Komtureien ergänzt. 
Ferner sind zu erwähnen die Handfestenbänrle des Königsberger 
Staatsarchivs, welche Ordensprivilegien, meist aus dem 15. Jahrhundert, 
enthalten. Eine wichtige Quelle ist ferner das Schadenbuch (Ol'dens- 
foliant 5b), in dem die Kriegs8chäden der einzelnen Ortschaften 
in den unglücklichen Kriegen mit Polen von 1410 und 1414 auf- 

ezeichnet sind; besonders wichtig ist es als vollständigstes Ort- 
schaftsverzeichnis der Ordenszeit. 4 ) Endlich das "Deutschordens- 
Briefarchiv" (zitiert: DO. Br.-A.), das eine ausserordentliche Fülle 
von Schriftstücken enthält, die besonders für die politische Geschichte 
des 15. Jah rhunderts eine reiche Ausbeute gewähren. 
1) S. u. S. 46. 
2) S. u. S. 44 ff. 
3) S. u. S. 42 f. 
4) S. u. S. 77.
		

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			XII 


Vorwort. 


Wichtige Aktenstücke für die politische Geschichte des 
15. Jahrhunderts befinden sich ferner in dem Rathsarchiv zu 
Thorn (Katalog 1). 
Für die polnische Zeit enthält das KönigsbergerStaats- 
archiv einzelne Urkunden in dem Deutschordens-Briefarchiv. Ein 
Band enthält Privilegien üher die Starosteien Strasburg und Gollub 
aus dem 15. und 16. Jahrhundert, ein anderer eine Beschreibung 
des Strasburger Schlosses im Jahre 1564 (Westpreussische Folianten 
231 u. 332). Beide hängen mit der "Exekutionsfrage" zusammen.!) Ferner 
sind drei Lustrationen (Visitationen der Starosteien durch königliche 
Beamte) vorhanden aus dell Jahren 1734, 1765 und 1771. (West- 
preussische Folianten 171. 172. 173.) 
Das Dan ziger Stadtarchiv besitzt einige Urkunden aus der 
Ordenszeit und eine unzusammenhängende Reibe von Briefen und 
Akten aus der Korrespondenz des Strasburger Rats mit dem 
Danziger aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sowie mehrere Privat- 
urkunden. 
In dem Thorner Ratsarchiv befindet sich ebenfalls eine 4 
ziemlich grosse Anzahl politischer Briefe des Strasburger Rates I 
und auch einige Antworten des Thorner, ferner ein Aktenuand über 
den Kirchenprozess von 1746-62 (Katalog 2, I 3483); neuerdings sind 
einige Urkunden aus dem Besitze des Strasburger Magistrats und 
einiger Strasburger Innungen daselbst deponiert worden (Katalog 3). 
In dem Warschauer Hauptarchiv, wo ich durch die Ver- 
wendung des Auswärtigen Amts arbeiten durfte, benutzte ich die 
vorhandene älteste Lustration der Starosteien Strashurg und Gollub I 
von 1664, von der dort freilich nur ein Auszug vorhanden ist, 
die 
Ietryka koronna (Privilegien der polnischen Könige), die Akta r 
kanclerskie, und das Regestrnm causarum sigillatarum. 
Von dem städtischen Archive von Strasburg sind nur 
zwei Bände Schöffenprotokolle vorhanden, der eine von 1554--75 I 
(im Thorner Ratsarchiv, Katalog 1, XV Nr.46); den zweiten, von t 
1603-7, entdeckte ich in dem Archiv des katholischen Pfarramts 
zu Strasburg. 
Von dem Lautenburger Stadtarchiv sind zwei wenig inhalt- t 
reiche Bände von 1739-45 und von 1738-47, vorhanden (im 
'fhorner Ratsarchiv), von dem Gurznoer Stadtarchiv ein Band 
Stadtakten von 1750-69 (Thorner Ratsarchiv, Katalog 2, XV 47). 


I) S. u. S. 115 f.
		

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			I. 


I 
I 
j 


Vorwort. 


XIII 


Von dem Golluber Stadtarchiv ist ein recht ansp.hn- 
licher Teil erhalten geblieben. Ktttrzynski hatte darauf auf- 
merksam gemacht, dass es sich in der katholischen Pfarrkirche in 
Gollub befände. Dort scheint es seit langer Zeit gelegen zu haben, 
und augenscheinlich war es ganz in Vergessenheit geraten, dass es 
das städtische und kein kirchliches Archiv war, das in der 
Pfarrkirche deponiert lag. In den achtziger Jahren wurde es nach 
Pelplin gebracht, wo es in der bischöflichen Kanzlei aufbewahrt 
wird. In ",inem Aktenbande des Strasburger Lsndratsamts ("Die 
Aufbewahrung der Akten, Dokumente und Urkunden bei den Be- 
hörden der Kreise betreffend") findet sich ein Bericht des Golluber 
Magistrats an das Landratsamt vom 17. Juni 1832, in dem gemel- 
det wird: 
"dass die zum hiesigen Archiv gehörigell Documente und 
Papiere ill der katholischen Kirche in einem geräumigen 
Mauerschranke unter dem Orgelchor aufbewahrt werden." 
Das Golluber Stadtarchiv ist sehr reichhaltig. Es enthält 
fünf Rechnungsbücher aus dem 16. Jahrhundert, ein Protokollbuch 
der Innung der Scbänker aus dem 17. und 18. Jahrhundert. ferner 
sieben Stadtbücher aus dem 16. Jahrhundert, viprundsiebzig Bände ans 
dem 17. und zweiundzwanzig aus dem 18. Jahrhundert, endlich ein paar 
Packete mit einzelnen Schriftstücken. Die Benutzung wird dadurch er- 
schwert, dass das Archiv vollständig ungeordnet istj vielfach sind 
Akten aus verschiedenen Zeiten zusammengeheftet oder -gebunden. 
Eine Reihe von Bänden ist überdies sehr stark beschädigt. 
Das Pelpliner Archiv besitzt eine Reihe von kirchlichen 
Visitationellj die bedeutendste ist die des Domherrn Strzesz 
(1667-72), deren Herausgabe geplant wird,!) ferner Gerichts- 
akten und Privilegienbiicher. 
In dem katholischen Pfarramt zu Strasburg befindet 
sich eine kirchliche Visitation von 1724, eine Reihe von Urkunden 
über den Religionsstreit, sowie neuere Akten. Auch die Archive der 
katholischen Pfarrämter zu Lauten burg und Gurzno enthalten einiges 
wertvolle Material, letzteres namentlich einige Kirchenvisitationen. 
Das evangelische Pfarramt zu Strasburg ist im Besitz 
einer kleinen Chronik über den Kirchenstreit von 1625-40 der 
, 
in dem vorliegenden Buche zum ersten Male abgedruckt ist,2) meh- 
rerer Privil egien polnischer Könige und einer neueren Kirchen- 
I) S. u. S. 162. 
2) S. u. S. 132. 133-39. 148-50. 151-53.
		

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			XIV 


Vorwort. 


chronik, die Pfarrer 'l'hiel (1829-66) angelegt hat; auch die 
Kirchenbücher gaben öfter gute Auskunft. Die erst in der frideri- 
zianischen Zeit gegründeten evangelischen Pfarrämter zu Gollub 
und Lautenburg besitzen ebenfalls Kirchenchroniken und einige 
interessante Akten. 
Innungsurkunden fanden sich fast nur in StrRsburg; ein 
Teil davon befindet sich in dem 'l'horner Ratsarchiv . 
Für die Z e i t von 177 2-1815 kamen in Betracht die Akten 
des Landratamts, des Grundbuchamts, der Domänen- und Forstämter, 
sowie die des Marienwerderer Regierungspräsidiums ; die letzteren 
befinden sich sämtlich im Königsberger Staatsarchiv. Für das 
19. Jahrhundert wurden die Akten des Landratsamts, des Magistrats, 
der Kirchen u. s. w. benutzt. 


_-----<_1___>- _ 


1
		

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			1 nha lt.. 


- ............- - 


Seite 
I. Die Ordenszeit . . . . . . . . . . . . . _ . . . _ . . . . . " 1 
I. Die Anfänge des deutschen Ordens. Einteilung des Landes . . ,_ 1 
Landschaftliche Bestandteile des Kreises Strasburg und deren 
Grenzen S. 1. Polnisch-preussische Grenzkämpfe. Bischof 
Christians Preussenbekehrung. Er erhält die Löbau. S. 1. 
Heidnische Reaktion. Kreuzzug von 12:22. Schenkungsvertrag 
von Lonyz. S. 2. Die Preussen fallen in Polen ein. Gründung 
des Dobriner Ordens. Angebliche Schlacht bei Strasburg. An- 
kunft des Deutschen Ordens. S. 3. Vertrag und Streit mit 
Bischof Christian. Gründung des Kulmer Bistums. Landaus- 
stattung des Bistums im Kulmerlande. S. 4. Aufteilung der 
Löball. S. 4f. Ansprüche des Ordens, der Polen und der 
Kulmer Kirche. Löbauer Besitz des Bischofs von Plock S. 5 
und des Kulmer Domkapitels. S. 6. Der masovische Bestand- 
teil des Kreises. Besitz des Plocker Bischofs. S. 6f. Der 
Orden erwirbt die Michelau S. 7 f. und 200 Hufen bei Grondzaw. 
S.8. Grenzen der Diözesen. Grenzbeschreibungen des 14. Jahr- 
hunderts. S. 8f. 
2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft . . . . . . 10 
Streitfrage, ob das Kulmerland von den Polen kolonisiert 
worden. K.;trzynskis Ansicht, dass das Kulmerland bei Ankunft 
des Ordens eine blühende Provinz gewesen sei. S.l1. Das Kulmer- 
land war ursprünglich preussisch, gehörte im n. Jahrhundert 
zu Polen. S. 12. Verwüstung des Kulmerlandes durch die 
Preussen 1216-30 S. 12-14. Kl)trzynskis Folgerungen aus 
dem Vertrage von Lonyz. S. 14f. Die polnische Kolonisierung. 
Ihre Voraussetzung ist der militärische Schutz des Landes. 
S. 15f. Die Ortschaften der Lonyzer Urkunde waren um 1230 . 
zerstört. S. 16. Charakter der polnischen Wirtschafts weise. 
S. 17f. Zeitgenössische Aussagen über die Entvölkerung 
des Kulmerlandes. S. 18f. Erfolglose polnische Kolonisations- 
versuche bei Gollub. S. 19f. Um 1250 waren etwa zwei Fünttel 
des Kulmerlandes besiedelt. S. 21. Verwüstung des masovischen 
Kreisanteils. S. 22. Die Löbau war ein preussischer Gau. 
Polnische Herrschaftsansprüche. S. 23. Die Löbau gehörte 
nicht zur Michelau. S. 24. Keine polnische Bevölkerung 
im 13. Jahrhundert in der Löbau nachweisbar. S. 25. Die
		

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			XVI 


Inhalt. 


Löbau ward erst nach 1300 besiedelt. S. 25f. K
trzynskis 
Folgerungen aus einzelnen Ortsnamen der Lonyzer Urkunde 
sind unrichtig. S.26ft. Für eine polnische Kolonisation fehlten 
die wichtigsten Voraussetzungen. S. 28. 
3. Das Besiedelungswerk des Ordens . . . . . . . . . . . . . . .. 28 
Das Kulmerland systematisch erst vom Orden besiedelt. 
Die deutsche Wirtschaftsweise verdrängt die polnisch- 
preussische. S. 29. Das kulmische Recht bedeutet Einf"ührung 
der deutschen Hufenverfassung. Dreifelderwirtschaft und Flur- 
zwang. S.30. Die Eroberung und Kolonisation Preussens folgt den 
Wasserstrassen. Plowenz gegründet. Die preussischen Aut
 
stände verzögern den Fortschritt der Besiedelung. S. 31. Das 
Kreisgebiet erst nach 1273 besiedelt. Gründung von Gollub 
und Strasburg. S. 31. Die Bedeutung der Drewenzübergänge. 
Einfälle der Preussen und Littauer. S. 32. Das OrdenBhaus Stras- 
burg. S. 33. Besiedelung des flachen Landes in den Komtureien 
Gollub S. 33f. und Strasburg 35. Besiedelung der Löbau 
S. 35, des Lautenburger Gebiets und Masoviens S. 36ff. Die 
Städtegründung. S. 38. Ihr Zusammenhang mit der ländlichen 
Besiedelung. S. 38ff. Wegeverhältnisse im Kreise. S. 40. 
Wasserbauten. Ableitung der Wicker. S. 40t. 
4. Der ländliche Grundbesitz. .. ................ 42 
Güter und Dörfer. Die Besitzrechte. S. 42. Die kölmischen 
"Dienstgüter" . Keine IDoderne Gutswirtschaft, sondern kleine 
Vorwerke im Gemenge mit Bauerland. S. 43. Zersplittel'ung 
von Dienstgütern und Vereinigung mehrerer in einer Hand. 
S. 44. Die kölmischen Zinsdörfer. Lokatoren und Schulzen. 
Die Bauern. S.44. Meist Geld-, selten Naturalzins. S.44f. Die 
Krüger-Abgaben von Pfeffer und.Safran. Die Müller. Wald- 
zins. S. 45. Besitzungen von "Ehrbahrleuten" in den Dörfern. 
Briefführer. S. 45. Ungenauigkeiten des "Allgemeinen Zins- 
buches." S. 46. Ursprung der LehmaDlleien. S. 46ff. Die 
"Lehmannsgüter" sind von der Gerichtsbarkeit des Dorfs nicht 
eximiert und entwickeln sich nicht zu adligen Güten. S. 48f. 
5. Die NationalItätenverhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . .. 49 
Keine Kontinuität des Volkstums im Kulmerlande vom 13. bis 
ins 19.Jahrhundert. Polnische Einwanderung im 15. Jahrhundi?rt. 
S. 49f. Das Kulmerland war zur Ordenszeit nicht rein deutsch. 
S. 50. Kennmale der Nationalität. S. 50. Das Recht. 
Sprachenverhältnisse. S. 51-53. Die Ortsnamen; preussische. 
deutsche und polnische. S. 53f. Entstehung der Ortsnamen. 
S. 54. Polnische Ortsnamen ohne Beweiskraft für das V olks- 
tum. S. 55. Ebenso die deutschen. S. 55 f. K
trzynski be- 
zweifelt die deutsche Einwanderung im Kulmerlande ausser- 
halb der Städte; Kritik. S. 56-58. Die Personennamen. 
K
trzynskis Verzeichnisse von Polen; Kritik. S. 58-60. 
Polnische Vornamen beweisen nichts für die Nationalität. 
S. 60f, Polnische und preussiscbe Dienstgüter. S. 61 ff. 


Seite 


! 
I 


.
		

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			. 
f 


Inhalt. 


XVII 


Seite 
6. Die Landesverwaltung zur Ordenszeit ....,....... 63 
Selbständige Stellung der Kirche. Unklare Grenzen der Ver- 
waltungsgebiete des Ordens. S. 64. Die Konvente. Das Ge- 
biet Lautenburg. S.65. Andere "Gebiete". S.66. Militärische 
und gerichtliche Befugnisse des Komturs. S. 66. Finanz- 
verwaltung. Einnahmequellen des Ordens. S. 66£. Zahl der Zins- 
hufen. Zinsgetreide. S.67£. Pilugkom kommt im Kulmerlande 
vor. S.68. .Wartgeld und Schalwenkom. S.69. Domänen des 
Ordens. Gestüt in Sortika. S.69. Zinsenkauf S. 69f. Inventar- 
verzeichnisse der Strasburger Komturei von 1396 und 1417. 
S. 70 ff. 
7. Kämpfe mit Polen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 
Politische Entwickelung des Ordensstaats. S. 72. Krieg mit 
Polen von 1327-43. S. 72 f. Vereinigung Polens mit Littauen. 
Politischer und nationaler Gegensatz zwischen Polen und 
dem Orden. S. 73 f. Tagungen in Strasburg 1402 und 1404. 
S. 74. Der "Grosse Krieg" 1409-11. S. 74 ff. Schlacht bei 
Tannenberg. Strasburg erobert. Heinrich von Plauen. S. 75. 
Gollub wird nicht erobert. Friede von Thorn. 1411. S. 76. Die 
Polen plündern 8trasburg. S. 76 f. Das Schadenbuch erweist 
den Wohlstand Strasburgs. S. 77. Schaden von Gollub. S. 78. 
Schwierige Lage des Ordens. S. 78. Verschwörung des Kom- 
turs Wirsberg und Niklas' von Renys. S. 78 f. Politik Heinrichs 
von Plauen. Der Landesrat. S. 79. "Aufbalterei" der Polen. 
Absetzung Plauens. S. 80. Der "Hungerkrieg" von 1414. Be- 
lagerung von Strasburg. Waffenstillstand. S.81. Verwüstung 
des Landes. GolIub erobert. S. 82. Neue Aufbalterei der 
Polen. Beschiessung von Gollub 1420. S. 83. Der "Golluber 
Krieg" von 1422. S. 83 f. Eroberung Gollubs. S. 83 f. Friede 
am Memo-See. S. 84. 
8. Die ständische Entwickelung. Der Abfall und der dreizehnjährige 
Krieg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 
Politische Bestrebungen der prl\ussischen Stände. Der 
ständische Staat. Das ständische Widerstandsrecht. S. 84 f. 
Spaltungen im Orden. S. 85. Politik Danzigs. S. 85. Politische 
Tendenzen der Kulmer Ritterschaft. S. 86. Gründung des 
preussischen Bundes 1440. Proklamation des Widerstandsrechts. 
Erfolge des Hochmeisters Ronrad von Erlichshausen. S. 86. 
Verschärfung der Gegensätze unter seinem Nachfolger. Jon 
von Eichholz und Jakob von Mossek. S. 87. Der Prozess vor 
dem Kaiser. Die Eidechsengesellschaft. S. 87 f. Bericht des 
Golluber Komturs über seinen Streit mit Petrasch von Klein 
Polkau. S. 88-91. - Der Schiedsspruch des Kaisers. Abfall 
der Stände. Krieg mit Polen. S. 91. Abfall von Strasburg, 
Lautenburg und Gollub. Schloss Strasburg erobert. S. 92. 
Götz Rubit, Hauptmann von Strasburg. Plünderungen der Polen 
undCzechen. S.93. Schlacht beiKonitz 1454. Ordensfreundliche 
Stimmung in Strasburg. S. 94. Streit Götz Rubits mit Thorn. 
1I 


-
		

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			XVIII 


Inhalt. 


Seile 
Götz will Strasburg den Polen auslieiern; er wird abgesetzt. 
S. 94-97. Gollub und Strasburg an czechische Söldnerführer 
verpfändet. S. 97 f. Strasburg verhandelt mit dem Hoch- 
meister. S. 98. Abfall der czechischen Söldner vom Orden. 
Zinnenberg und Czirwenka. S. 99. Verwüstung des Landes. 
Kleinkrieg. S. 100 f. Zinnen berg erobert Gollub und Stras- 
burg 1460. S. 101. Gollub fällt wieder an die Polen. Zinnen- 
berg schliesst Frieden 1463 und behält Strasburg, Kulm und Alt- 
hausen. Friede zu Thorn 1466. Abtretung Westpreussens. 1:3.102. 
11. Die llolnische Zelt. . . . . . . . , . . . . . . . . . . . . . . . 103 
I. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. Der Pfa ffenkri ego 
Die Verwaltung. Politisches Leben. . . . . . . . . . 103 
Strasburg, Kulm und Althausen im Pfandbesitz Zinnen- 
bergs und seines Bruders. S. 103. Der Pfaffenkrieg. Verhand- 
lungen des Unterhauptmanns Zedlitz mit dem Hochmeister 
wegen der Übergabe Strasburgs. S. 104. Der Orden gewinnt 
Strasburg 1478. Im Frieden von 1479 wird Strasburg an 
Polen abgetreten. S. 105. Strasburg und Gollub im Pfand- 
besitz. Die Starosten von Strasburg. Die Dzialynskis. Stras- 
burg brennt ab. S. 106f. Die Starosten von Gollub, Die 
Kostkas von Sztemberg. S. 107f. Lautenburg zeitweise von 
Strasburg abgetrennt; eine besondere Tenute. S.108. Gründung 
des Michelauer Landgerichts. Änderung des geographischen 
Begriffs "Michelau". S. 108-10. Gewaltthätigkeiten der Sta- 
rosten. S. 110. Allgemeine Rechtsunsicherheit. Der "Rokosz" 
von 1606. Die konf"6derierten polnischen Truppen 1612-13. 
S. 111 f. Geringe politische Bedeutung der kleinen Städte. 
S. 112. Sie werden der Landstandschaft beraubt. Ihre Quartier- 
städte. S. 113. Der Kampf Westpreussens um seine Selbständig- 
keit. Durchführung der Realunion mit Polen. S. 113f. Die 
"Exekution". S. 115£. Strasburg und Gollub den Starosten 
aberkannt, aber nicht genommen. Besichtigung des Stras- 
burger Schlosses. S. 115£. 
2. Reformation und Gegenreformation . . . . . . . . . . . . . . _ _ 116 
Beginn der Reformation in Westpreussen. Lorenz Discordia 
in Strasburg 1551. 1553. S. 117. Nikolaus Glitzner, der erste 
protestantische Prediger von Strasburg. übertritt der Stadt- 
gemeinde 1561-66. S. 117f. Religionsprivileg. S. 118. Zmiewo 
und Pokrzydowo protestantisch. Gollub und Lautenburg bleiben 
katholisch. S. 118f. Blüte des Protestantismus in Polen. Die 
Konföderation von 1572. Beginn der Gegenreformation. S. 119. 
Politik Sigismunds III. (1587-1632). S. 119f. Prozesse auf 
Herausgabe der Pfarrkirchen, S. 120. Die Strasburger Pfarr- 
kirche kommt an die Katholiken. Neuer Prozess. Vergleich 
der Stadt mit dem Pfarrer Praevantius 1599. S. 12lf. Evan- 
gelischer Gottesdienst "unter dem Rathause". Protestantischer 
Charakter der Stadt Strasburg. S. 122. Die Prediger Nikolaus 
und Erasmus Glitzner. S. 123. Die Starosteien Strasburg und 


l 


. 


J 
. 



 


I 


--
		

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			Inhalt. 


. 


Se", 
GoHub kommen an die Prinzessin Anna von Schweden. S. 124. 
Bittschrift der Stände, die Yerwaltung der Starosteien preussi- 
sehen Edelleuten zu übertragen. S. 12-1f. Prinzessin Annas 
Wirken für den Protestantismus. S. 125f. Hofstaat der Stras- 
burger Starosten. S. 126-28. Neuer Prozess Strasburgs mit 
dem katholischen Pfarrer. Vergleich von 1622. S. 128 f. Prin- 
zes,Ün Anna t 1625. Beschreibung ihres B
räbnisses 1636. 
S. 129-31. 
3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). . . 131 
Die folgenden Starosten Strasburgs sind katholisch. Ver- 
leihung der Starosteien I:.\trasburg und Gollub an die Königin 
Konstanze. S. 131 f. Beginn der Religionsverfolgung. Prediger 
Babski. S. 132f. Der "Gründliche Bericht" über die Religions- 
verfolgung. S. 133 - 39. Beginn des schwedisch - polnischen 
Krieges. S. 139. Gustav Adolf nimmt Strasburg Okt. 1628. 
S. 14Of. Koniecpolskis Versuch auf Strasbarg. S. 142. Die 
Schlacht bei Gurzno 1629. Strasburgentsetzt. S. 143-48. Waffen- 
stillstand. Die Pest in Strasburg. Neue Aktion gegen die 
Protestanten. Tod der Königin Konstanze. S. 149f. 
4. Das Religionsprivileg. . . .. ............... 150 
Folgeu des Schwedenkrieges. S. 150. Politik Wladislaus' IV. 
(1632-49). S. 151. Fortsetzung des "Gründlichen Berichts" 
(-1640). S. 151-53 Verleihung der Strasburger Starostei an 
die Ossolinskis. Das "Liebreiche Religionsgespräch" zu Thorn 
1645. S. 153f. Der evangelische Gottesdienst im Rathause 
aufgehoben. Der Starost erlaubt der Gemeinde den Ankauf des 
"Steinhauses". S. 154. Das Religionsprivileg. S. 155£. Vergleich 
mit dem Pfarrer Kortnicki 1647. S. 156f. Neuer Prozess. S.157f. 
5. Der zweite Schwedenkrieg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 
Rüstungen in Preussen S. 158f. Die Schweden nehmen 
Strasburg und Gollub 1655. S.159. Grosse Koalition gegen Schwe- 
den. S.159. Montecuculi erobert Gollub 1657.
S.159f. Strasburg 
f"ällt 1659. Friede von Oliva. S.160. Klage des Pfarrers Kortnicki 
gegen die Strasburger Protestanten. S. 161. Folgen der Schweden- 
kriege. S. 161ff. Die Kirchenvisitation des Domherrn Strzesz. 
S. 162f. 
6. Der nordische Krieg. . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 
Beginn des nordischen Krieges. S. 163£. Die Schweden be- 
setzen Strasburg und Gollub, Mai 1703. Gefecht bei Lautfln- 
burg, Juli 1703. S.l64f. Schwedische Besatzung in Strasburg. 
S. 165£. Die Pest 1708. - Der polnische Thronfolgekrieg. S. 166. 
7. Städtisches Leben. . . " .......... ....... 166 
I. Topographisches. - Stadtverwaltung. Grund- 
besitz und Brauwesen. Gross- und Kleinbürger. _ 
H ande!. 
Lage der Städte zur polnischen Zeit. S. 167. Topographie 
von Strasburg. S. 167ff. Deutsche und Polnische Vorstadt, 
Fischerei, Neustadt. S. 16tH. Die Stadterweiterung von 1353.
		

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			xx 


Inhalt. 


Belte 
S. 170. - Topographie von Gollub. Die Insel Blonie. Vorstädte. 
Dobrzyn. S. 171f. - Die Stadtverwaltung. Das Gericht. Die 
dritte Ordnung. S. 172f. Die Golluber Willkür von 1622. Die 
Marktordnung. S.173-77. Städtischer Grundbesitz. S.177. Ein 
Hausverkauf. S. 178f. Soziale Kämpfe um das Nutzungsrecht des 
Stadtfeldes in Strasburg. S.179f. Gross- und Kleinbürger. S. 11;0. 
Soziale Kämpfe um die Braugerechtigkeit in Gollub. S. 180£. 
Das Brauwesen nach der Golluber Willkür von 1622. S. 181 f. 
Der Handel. Streit der Drewenzstädte mit Thorn. S. 183 f. 
Die 
Salzwaaren&. S.184. Getreidehandel. Jahr- und Wochen- 
märkte. Strasburger Zoll privileg S. 185. 
8. Städtlsohes Leben. . . . - . . . . . . . . 186 
n. Die Innungen. 
Soziale Stellung der Gewerke. S. 186. Die Innungen 
zur Ordenszeit. S. 186f. Veränderungen im Zunftleben. 
S.'187f. Die Strasburger Bäckerinnung. S.189-94. Das Tuch- 
machergewerk. S. 194-96. Die Tischlerinnung. S. 196-98. 
Die Schneiderinnung. S.198-202. Die Töpfer. S. 202-205. Die 
Schlosserinnung. S. 205-6. Die Fleischerinnung. S. 206. Die 
Seiler. S. 206. Die Golluber Bäckerinnung. S. 206-9. 
9. Die ländllohen Verhältnisse . . , . . . . . . . . . . . . . . . . 209 
Umwandlung der kölmischen Dienstgüter in adlige Güter. Die 
Bauern werden Unterthanen. S. 209 f. Starke Parzellierung 
der Güter im 16. Jahrhundert. S. 210. Güterverpländungen. 
S. 211 f. Noch keine moderne Gutwirtschaft. S.212. Beginn der 
Gutswirtschaft infolge der Entvölkerung der Schwedenkriege. 
S. 213 f. Zusammenlegen der Güterparzellen. Latifundien. 
S.214. Bewirtschaftung. Schafhaltung. Waldnutzung. S. 214 f. 
Hörigkeit und Leibeigenschßft. Die bäuerlichen Dienste. S. 215 f. 
Die Vorwerksgebäude der Golluber Starostei. S. 216. Polnische 
Kolonisierungsversuche des 1
. Jahrhunders. S. 216 f. Polnische 
Waldkolonien. S. 216. Die protestantischen "Holländer". 217 f. 
Emphyteutische Vorwerke. Bauernpolitik des Bischofs von 
Plock. S. 218. Handwerker in den Dörfern. Jüdische Kolonien 
in Kl. Plowenz und Pulko. Verschiedene Einheiten des Scheffels. 
S.219. 
10. Die Verhältnisse der Nationalitäten und Bekenntnisse, . . . . . . . 219 
Die Bauern sind im 16. Jahrhundert polnisch. S. 219. 
Polonisierung des Adels. Urkunden der Strasburger und 
Golluber Schöffenbücher. S. 220. Die Familiennamen des Adel!'. 
S. 220 f. Nationalitätenverhältnisse in Gurzno, Lautenburg 
und Gollub. S. 221. Das Deutschtum in Strasburg. Sprachen- 
verhältnisse. S. 221 f. Familiennamen der Bürger. S. 22	
			

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			, 


. 


Inhalt. 


XXI 


Seite 
tantisch. Einflul!s der Protestanten 1m öffentlichen Leben. 
S.225. Der Protestantismus in den Innungen. S. 226-28. Die 
protestantischen Holländerdörfer. S. 228. 
11. Neue Religionsverfolgungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 
Lage des Protestantismus in Straeburg. S. 229 f. Vergleich 
der Stadt mit dem katholischen Pfarrer von 1722 S.230-32. Neue 
Prozesse 1725 und 1730. S. 233 f. Die kirchliche Immunität. 
Der Kirche wird untersagt, städtischen Grundbesitz zu erwerben. 
S. 235. Prozess darüber 1746-62. Visitationsdekret Fabian 
Pl
skowskis. S. 236. Die Stadt Strasburg zieht den Prozess 
vor das königliche Gericht. S. 237. Neuer Streit wegen "Ein- 
bruchs in geistliches Gebiet." Der Strasburger Bürgermeister 
exkommuniziert. S. 238. Abordnung der Stadt an den Bischof, 
richtet nichts aus. S. 239 f. Suspension des Bannspruchs. 
Intervention der Kronbeamten und der grossen Städte. S. 240. 
Die Stadt Strasburg exkommmuniziert. Suspension des Banns. 
Visitation des Bischof Leski in Strasburg. S. 241 ff. Die 
Katholiken Strasburgs unterwerfen sich der Kirche. S. 243 f. 
ExkommuDikation der Protestanten. Vergleich von 1762. S. 244. 
12. Der siebenjährige Krieg, . . . . . . . - . . . . . . . . . . . . 244 
Polens Neutralität nicht berücksichtigt. S. 246. Die Russen 
in Strasburg und Gollub. S. 245-47. Friedensschluss. 
Preussische Truppen in Gollub. S. 247. Durchmarsch von 
Österreichern. S. 247 f. Die preussische GrenzkommissioD in 
DrieseD. S. 248. 
13. Das Ende der polnischen Herrschaft . . . . . . , . . . . . . . . 248 
Die Konföderation von 1764. S. 24.8. Die Dissidentenfrage. 
Konföderat.ion von Radom 1766. S. 249. Gegenkonföderation 
von Bar 1768. Russisch-türkischer Krieg. Ein europä.ischer 
Krieg wird durch die erste polnische Teiluug abgewendet S. 250. 
Die Konföderierten und Russen in Strasburg und Lautenburg 
1768-70. S. 251. BedrückuDg der Protestanten. Zoll- 
streitigkeiten. S. 251 f. Die preussische Besitzergreifung. 
S. 252 f. Die Sfidgrenze des Kreises. Vertrag von 1776. 
S. 263 f. 
111. Die preussi
cbe Zeit _ . . . . . . .. ......... .. 255 
I. Die preusslsche Landesverwaltung _ . . . . 255 
Zustand des Landes. Friedrichs des Grossen Kulturarbeit. 
S. 255 f. Organisation der VerwaltuDg und Justiz. S. 256. Die 
friderizianische Kolonisation. S. 257. Bauernpolitik. S. 
57. 
Thätigkeit der Behörden. S. 258. Förderung 
er Bodenkultur. 
Pachtvertrag über die Domäne Strasburg. S. 259-61. Schlechter 
Zustand der Forsten. OrdnuDg der Forstwirtschaft. S. 261-63. 
KanalisieruDg der Brennitz, S. 263. - Das "RetablissemeDt" der 
Städte. S. 263 ff. Gurzno brennt 1773 ab. Kabinetsorders des 
Königs. S. 263 f. Kämmereietat von Strasburg und Gurzno. 
S. 265. Reform der bürgerlichen Gewerbe. S. 265. Gollub 
und die Konkurrenz Dobrzyns. S. 266. Bau der eV&Dge1ischen 


...I
		

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			XXII 


Inhalt. 


SeU.. 
Kirche in Gollub. S. 267. Ansiedelung von Kolonisten in den 
Städten. Bau von Kolonistenhäusern. S. 267 f. Abbruch des I 
Strasburger Schlosses. Friedrichs n. Handelspolitik. S. 261:\. 
Statistisches über die Industrie und das Wachstum der Städte. 
S.269. 
2. Das Schulwesen . -:'. . _ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 
Das Schulwesen im Mittelalter S. 269 f. Gründung von 
Pfarrschulen. Ihre Vernichtung in den Schwedenkriegen. S. 270. 
Die katholische Schule in Strasburg. S. 271. Die evangelische 
Schule in Strasburg. Die Lehrer. S. 271 f. Eine Lehrervokation 
von 1720. S. 272 f. Spätere Verhältnisse. 
. 273. Ein Schüler- 
ball im Jahre:1805. S. 273 f. Die ländlichen Schulen. S. 274 f. 
3. Der Krieg von 1806/7. - Das Herzogtum Warschau. - Die Wiederver- 
einigung des Kreises mit Preussen. . " ........,. 275 
Jena und. Auerstädt. Aufgabe der Weichsellinie S. 275 f. 
General L'Estocq. Gefecht bei Biezun. S. 276. Einnahme von 
Soldau. Die Franzosen in Strasburg und Gollub. S.277. Tilsiter 
Friede. - Das Herzogtum Warschau. S. 277. Huldigungseid für 
Friedrich August. S. 277 f. Die Verwaltung des Herzogtums 
Warschau. S. 271:\. Die Justiz. 8. 278 f. Der Code Napoleon. 
Charakter der Justizverwaltung. Die Polizei. Absetzung der 
preussischen Beamten. S. 279. Die Domänen und Forsten. 
Die polnische Bauernbefreiung. Ihr Charakter. S. 280 f. Be- ) 
drückung der Protestanten. S. 281. Wirtschaftliche Notlage. 
S. 282. Bericht des Landrats von Wybicki im Jahre Un5. 
S. 282-84. 
Die Russen erobern das Herzogtum Warschau 1813. Das 
Bfindnis von Kalisch. S. 284. Der Kreis unter russischer Ver. 
waltung. S. 284 f. Vertrag vom 3. Mai 1815. Das Kulmerland 
fällt an Preussen zurück. Das preussische Besitznahme-Patent. 
S. 285. Der preussische Aufruf an die Einwohner. S. 286 f. 
Verzichturkunde Friedrich Augusts. S. 287. Die preussische 
Besitznahme. Vorläufige Einrichtungen. Feier der Besitznahme. 
S. 288 f. I 
4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830/31 . ,. "" 289 I 
Das Kulmerland wird nicht zu Posen geschlagen, sondern 
bleibt bei Westpreussen. S. 289. Der russische Grenzvertrag 
von 1817. S. 290. Bildung des Strasburger Kreises. Wieder- 
herstellung .der preussischen Verwaltung. Ordnung der Justiz- 
verhältnisse. S. 290. Die herzoglich warschauischen Beamten. 
Schlechte Wirtschaft, namentlich in den Forsten, S. 291. Die 
ländlichen Verhältnisse. S. 291-93. Wolfsjagden. S. 293. Die 
städtischen Vt:rhältnisse. S. 293 f. Strasburgs Aussehen in der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhllnderts. Stadtbrände. S. 294. Strassen- 
pflaster. Bewirtschaftung des Stadtfeldes. S. 295 f. Die Sepa- 
ration. S. 296. Die Bierbrauerei. S. 297. Die Verkehrsver- 
hältnisse. Chausseebauten. S. 297f. Der Strasburger Handel. 
S. 298 f. Handel mit Polen. Blüte des Schmuggels. Die 


-
		

/Pomorze_003_12_023_0001.djvu

			Inhalt. 


XXIIT 


) 


Seite 
russische Zollpolitik ruiniert den preussischen Grl'nzhandel. 
S. 299-301. Die Handwerker. Lebensmittelpreise. S. 301-2. . 
Rückgang des Verdienstes. S. 302. Streitigkeiten über den 
Brodpreis. S. 302 f. Konkurrenz der einzelnen Städte. S. 303. _ 
Die Kreis8tände. S.303f. Polnischer und deutscher Grossgrund- 
besitz S. 304. Der Kreis und die Regi81 ung zu Marienwerder. 
S. 304 f. Friedrich Wilhelm IV. in Strasburg. S. 305. Die 
katholische Kirche. Die neue Kulmer Diözese. Grenz- 
berichtigungen. Bekenntnis und Nationalität. S. 305 f. - Die 
evangelischeKirche. Die Umon. Bau der evangelischen Kirche 
in Strasburg. S.306f. Gutes Verhältnis zwischen beiden Kirchen. 
S. 307 f. Das Schulwesen. S. 308. Das Reformatenkloster 
wird der;Stadt geschenkt. Projekt einer höheren Bürgerschule. 
Die Juden. S. 309. - Der polnische Aufstand. S 310. Bericht 
des Majors v. Brandt. S. 310-13. Die Cholera. S. 313. 
5. Das Jahr 1848. . _ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 
Gutes Verhältnis zwischen Deutschen und Polen bis 1846. 
S. 313 f. Der polnische Putsch von 1846. Unbegründete 
Verhaftung des Landschaftsrats v. Czapski. S. 314. Die Berliner 
Märztage. Die Revolution in Posen S. 315 f. Das west- 
preussische Nationalkomitee. v. Sulerzycki-Piontkowo. Aufruf 
des polnischen Nationalkomitees vom 28. März 1848. S. 316 f. 
Volksversammlung zu Briesen am 30. März. S. 311£. Sulerzyckis 
Anschlag auf Gollub und Strasburg missglückt. S. 318. Zwei 
polnische Aufrufe vom 1. April. S. 318 f. Die Bürgerwehr in 
Strasburg. S. 319 f. Ein polnischer Insurgententrupp bedroht 
Strasburg, muss aber unverrichteter Sache abziehen. S. 320 f. 
Garnison in Strasburg. Der "Volksklub". S. 321. Die Stras- 
bur
er Presse. Der ..Grillenfreund". Der "Preussische Grenz- 
bote". Broschüren-Lesezirkel. S. 321 f. - Die preussische An- 
leihe. S. 323. Die ersten konstitutionellen Wahlen. S. 323 f. 
Polnische Agitation. S. 324. Die Liga polska. Angriffe der 
Polen auf den Bischof von Kulm S. 324 f. Ein parlamentarischer 
Brief aus der Paulskirche. S. 325 f. Adresse Strasburger 
Bürger an den König. vom 15. Nov. 1849. S. 326 f. Die Gar- 
nison verlässt Strasburg. S. 327. 
6. Schluss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 
Der polnische Aufstand von 1863. Landrat v. Young. Ver- 
deutschung von Ortsnamen. Abzweigung des Kreises Briesen. 327 


A.nl1ßng J. Urkunden, S. 329. 
1. 1298. Dezember 13. Strasburg. Konrad Sack, Kulmer Landkomtur, 
verschreibt 50 Hufen in Szmygowo (Zmiewo) . . . . . . . . 329 
2. 1303. Juli 10. SChön,ee. Komtur Otto von Schönsee führt das 
kulmische Recht in Kaucke (Kawken, Hermannsruh) ein. . . 330 
a. 1310. März 17. Gollub. Herzog Luther von Braunscbweig, Komtur 
von Gollub, verleiht dem Nerelischo das Schulzenamt in Skomp 
(Skemsk), das dieser von Petrus de Leone gekauft hatte. . . 331
		

/Pomorze_003_12_024_0001.djvu

			""'" 


XXIV 


Inhalt. 


Seite 
4. 1311. Dezember 6. Gollub. Herzog Luther von Braunschweig, Kom- 
tur von Gollub, stellt die Handfeste für Pluschowantz (Plus. 
kowenz) zu kulmischem Rechte aus ............ 332 
5. 1316. März 21. Gollub. Heinrich von Ysenberck, Komtur von 
Gollub, bestätigt den ,r erkauf des Schulzenamts in Ostrovicz 
(Ostrowitt) . . . . . . . . . . .. ........ 333 
G. 1317. Juli 26. o. O. Heinrich tThuvel), Komtur von Schönsee, stellt 
die Handfe!lte für Rynischdorff (Kurkocin, Wimsdorf) aus . . 334 
7. 1319. Januar 10. Schönee. Heinrich Thuvel, Komtur von Schönsee, 
verleiht dem Schulzen Lutholf und der Gemeinde Rynischdorff 
tWimsdorf) den Wald zwischen Rynischdorft und Muchon- 
walde tDembowalonka). .... - . . . . . . . . . . . . 335 
8. 1322. August 9. o. O. Otto von Bonsdorf (7', Komtur von Schön- 
see, stellt eine Handfeste für ?dalken aus . . . . . . . . . . 336 
. 9/1327. Januar 2. Plock. Bischof Florian von Plock stellt die Hand- 
feste für Gurzno aus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 
10. 1333. Februar 2. Plock. Bischof Florian von Plock macht bekannt, 
unter welchen Bedingungan er im Jahre 1322 Grondzaw an 
Engelbert verliehen habe, und protestiert gegen dessen An- 
sprüche auf' Schwetz. . . . . . . . . . . . . . . . . , . . 341 
11. 1340. September 20. Parthaczyn. Hochmeister Dietrich Burggraf 
von Altenburg verleiht dem Clauko von Jura das Dorf Nevir 
(Niewierz, Neuheim) . . . _ . . . _ " ......... 342 
12. 1342. März 12. Bürgermeister und Rat der Stadt Strasburg be- 
urkunden die Schenkung eines wunderthätigen Kreuzes durch 
den Strasburger Stadtpfarrer Nikolaus Wolwelim oder von 
Sandomir. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344 
13. 1347. April 6. Marienburg. Hochmeister Heinrich Dusmer verleiht 
dem Schulzen Nikolaus von Zcezschin (Cieszyn) 7 1 / 2 Hufen 
in Campo oder zu dem Felde (Napole) . . . . . . . . . . . . 345 
14. 1353. September 10. Brathean. Hochmeister Winrich von Kniprode 
verleiht der Stadt Strasburg ein Stück Land an der Drewenz 
zur Vergrösserung der Stadt . . . . . . . . . . . . . . . . 346 
15. 1354. Oktober 22. Bütow. Hochmeister Winrich von Kniprode ver- 
verleiht dem Johannes Chaden das Gut Borskow (Gorzechowko, 
Hochheim) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 
16.1361. Juli 8. o. O. Werner von Bendiz (7) Komtur von Strasburg, 
verleiht dem Pyncuse das Land zwischen den Grenzen von 
Gross Smyow, Klein Smyow und Stybiiz (Zmiewo, Zmiewko 
und Zbizno) . . .. _.........,........ 34t1 
17. 1366. November 28. Bütow. Hochmeister Winrich von Kniprode 
verleiht dem Landrichter Jocosch das Gut Jacoschkovitz 
(Jagu6chewitz). ............... - , . . . . 349 
18. 1368. April 23. o. O. Konrad von Kalemont, Komtur von Stras- 
burg, verleiht dem Strasbnrger Bürger Claus Breker ein Erbe 
hinter der Georgenkirche an der Drewenz. . . . . . . . . . 350 
, 19. 1375. Juni 22. Plock. Bischof Stiborius von Plock stellt eine zweite 
Handfeste für die Stadt Gurzno aus. . . . . . . . .. . 351 


, 


-
		

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			Inhalt. 


xxv 


Seite 
20. 1415/16 (angeblich 1410). Februar 6. Soldau. Der Hochmeister (an- 
geblich Paul von Rusdorf, wahrscheinlich Michael Küchmeister) 
stellt der Stadt Lautenburg eine Handfeste aus _ _ _ . . _ _ 3M 
21. 1419. April 10. Marienburg. Der Hochmeister Michael Küchmeister 
erlässt Hartmann von Sachsendorf drei Mark Zins, die er von 
seinem Gute Sachsendorf als "Zehnten.' zu ent.richten hatte . 356 
22. 1421. Marlenburg. Hochmeister Michael Küchmeister stellt eine 
Handfeste für die Stadt Gollub aus . . . . . . . . . . . . . 357 
23. 1455. Dezember 29. Lancicz. König Kasimir von Polen verpfändet 
dem czechischen Söldnerführer Wilhelm Jenik von Mieczkowa 
Schloss und Stadt Gollub samt dem Bezirke der früheren 
Komturei. . . ., ......... .......... 359 
24. 1458. April 25. Gollub. Nachwal von Rinberk, Hauptmann von 
Gollub, verwendet sich bei dem Thorner Rat für den Schulzen 
von Pluskowenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 
25. 1553. März 20. Krakau. König Sigismund August von Polen ver- 
schreibt Rafael Dzialynski aufs neue die Starostei Strasburg. 361 
26. 1646, Januar 5. Warschau. König Wladislaus IV. von Polen er- 
teilt der Stadt Strasburg ein Rehgionsprivileg. . . . . . . . 363 
A.nbang 11. 
I. Die Komture von Strasburg . 
2. Die Komture von Gollub . . 
3. V ögte von Lautenburg . . . 
4. Strasburger Hauptleute (1454-71;) 
5. Golluber Hauptleute (14M - 66) 
6. Die Starosten von Strasburg 
7. Die Starosten von Gollub . . 
8. Die Landräte von Strasburg. 


365 
366 
367 
367 
367 
368 
368 
369
		

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			Berichtigungen. 


S. 2 Z. 9 v. u. liess: Landschaft - statt: Landschaften. 
S. 4 Z. 15 v. o. liess: 2/8 Hufen - statt: 11/
 Hufen. 
S 11 Z. 5 v. o. liess: mit ihm - statt: mit ihnen. 
S. 29 Z. 10 v. o. liess: zwei Drittel Hufen - statt: anderthalb Hufen. 
S. 31 Z. 15 v. o. liess: Jahrzehnte - statt: Jahrhunderte. 
S. 71:\ Z. 1:\ v. u. liess: Wirsberg - statt: Wirzberg. 
S. 79 (Anm. I) Z. 6 und Z. 11 v. u. liess: Wirsberg - statt: Wirzberg. 
S. 96 Z. 15 v. u. liess: Tamme Seidlitz - statt: Tamme, Seidlitz. 
S. 98 (Anm. I) Z. 16 v. u. liess: von Metczko - statt: Metczko. 
S. 100 Z. I v. u. liess: Berndt - statt: Brandt. 
S. 151 (Anm. 3) Z. 4 v. u. liess: Thielschen - statt: Thileschen. 
S. 213 Z. 12 v. u. liess: die ganze polnische Zeit - statt: die ganze Zeit. 
S. 214 Z. 11 v. u. liess: Sumo wo - statt: Sumowko. 
S. 219 Z. 9 v. u. liess: von dem Anfang - statt: vor dem Anfang. 
S. 240 (Anm. 1) Z. I v. u. liess: et au - statt: et ou. 
S. 257 Z. 4 v. u. liess: Marienwerderer - statt: Marienburger. 
S. 259 Z. 3 v. u. liess: anstellet - statt: ausstellet.. 
S. 286. Bei der preussischen Besitzergreifung von 1815 ist allerdings ein 
besonderer Aufruf an "die Einwohner der Stadt und des Ge- 
bietes von Danzig, des Culmschen und Michelauschen Kreises 
und an die Einwohner der Stadt und des Gebietes von Thorn': 
erlassen worden. Leider ist er dem Verfasser erst nach Vollendung 
des Drucks bekannt. geworden. Er lautet: 
Ich habe Euch durch Mein Besitznahme-Patent vom heutigen 
Tage wieder in Eure uralten Verhältnisse zurückgeführt; Ich habe 
Euch dem Lande wiedergegeben, den: Ihr ursprünglich angehört, 
und dem Ihr Euren früheren ,V ohlstand verdanktet. Ihr werdet 
in dieser Wiedervereinigung an der Konstitution Thei! nehmen, 
welche Ich allen Meinen getreuen Unterthanen zu gewähren be- 
absichtige, und an der provinziellen Verfassung, welche Meine 
Provinz Westpreussen erhalten wird. 
Diese Wiedervereinigung gewährt Euch Schutz und Sicherheit 
f"ür Euer Eigentum, die Gewissheit. die Früchte Eurer Industrie 
wieder selbst zu geniessen, und die Aussicht auf eine ruhige Zu- 
kunft. Mit landesväterlicher Sorgfalt werde Ich bemüht sein, 
Euren tief erschütterten Wohlstand noch einmal gründen zu helfen. 
Ausschliesslich mit der Zukunft beschäftigt, will Ich, dass jede 
Verirrung der Vergangenheit. der Vergessenheit übergeben wer- 
den soll. 


. 


--
		

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			Berichtigungen. 


XXVII 


Ich werde durch die Zeitumstände verhindert, den erneuerten 
Eid Eurer Treue in Person zu empfangen, und habe deshalb Meinem 
Oberpräsidenten von Ostpreussen und Landhofmeister des König- 
reichs Preussen von Aue r s wal d aufgetragen, die Erbhuldigung 
in Meinem Namen von Euch in der Stadt Danzig zu empfangen 
und die diesfälligen nöthigen Verfügungen zu treffen. 
Gegeben zu Wien, den 15. Mai 1815. 


Friedrich Wilhelm. 
S. 295, letzte Zeile und Anm. 3). Erst nach Herstellung des Drucks ging 
mir durch Herrn Posthalter Hoffmann in Strasburg die Mitteilung 
zu, dass die in den Akten des Magistrats angegebene Zahl der durch- 
schnittlich auf den \Vochenmärkten verkauften Schweine eher zu niedrig 
als zu hoch gegriffen sei. - Die an die Angabe der Akten geknüpfte 
Kritik ist somit hinfällig. 
S. 323 Z. 2 v. u. liess: Urwahlen - statt: Vorwahlen. 
S. 368 Z. 9 v. o.liess: Unterst.arost Christof Parzniewski 1615 bis 21; - statt: 
1615-32. 


----< l1li _ 


.
		

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			. 


. 


1. Die Onl('uszei t. 
1. Die Anfänge des deutschen Ordens. Einteilung des Landes. 
Dpr Bezirk des Strashurger Kreises gehörte in alter Zeit 
drei verschiedenen Landschaften an: dem Kulmerlande, der Löbau 
und 
fasovien. Die Grenzen des Kulmerlandes hihleten die drpi 
Fliisse Weichsel. Drewenz und OSBa. Die Weicbsel schied das 
Kulmerland von POllJmerellen, die Ossa von Pomesanien und die 
Drcwenz ,on der Löbau und Masovien. DiPBe beiden letzteren 
LandBchaften waren durch die BreIlDitz (Branica) von einander 
getrennt. Im Osten stiess die Löbau an das Land Sassen, die 
Grcnze zwischen heiden Gebiptell entspricht ungefähr der heutigen 
zwischen West- und Ostpreussen. Von jenen drei Landschaften 
gehörte .\Iasovien seit alter!:! zu Pulen, die Löbau war bci dpr 
Ankullft des deutschen Ordens noch ein preussischer Gau, das 
Kulmerland endlich war ursprünglich preussisch gewesen, aber von 
dcn Polen erobert wordell. 
Die erste genauere Kunde, die wir von dem Kulmerlande und 
dcr Löbau hesitzen, stammt aus dem Anfange des 13. Jahrhunderts; 
es sind Nachrichten von kriegerischen Einfällen der Preussen. 
Zwischell ihnen und den Polen, von Jenen sie sich durch Rasse 
und Sprache, durch Religion ulld Kultur unterschieden, warell die 
Grenzkämpfe wohl nie ganz erloschen, aber zu Anfang des 13. Jahr- 
hunderts entbrannten sie in ungewohnter Hcftigkeit in folge der 
Christianisierungsversuche, die von Polen ausgingen. Nach mehreren 
erfolglosen Unternehmungen hatte sich der Cistelzienser Chrii"tian 
dem W crke dcr Bekehrung gewidmet, und sein Wirken schien BO 
aussicbtsyoll, dass Paplit lnüocenz Ill. ihn 1215 zum )'lissions- 
bi8chof von Preussen weihen liess. Die bekehrten Heiden machten 
ihm ansehnliche Ländereien zum Geschenk, von dem getauften 
Preussen Suavahuno erhiplt er 1215 die Löbau. 1 ) Aber die Fort- 



 


1) Preussisches Urkundenbuch 7. 


I 


..
		

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			2 


1. Die Ordenszeit. 



chritte des Christentums riefen eine heidnische Reaktioll hervor. 
die folgenden Jahre bmcLten vprheerende Eillfälle dpr Preussenj 
llicht llur das Kulmerland, sondern auch )lasovien wurde '"er- 
wüstet,l) 
Dcn Polen fehlte es bpi ihrer damaligen Vielstaaterei an aus- 
reichender Widerstandskraft. Dem Herzog Konrad von 
lasovien, 
der sich der Angriffe der Preussel1 nicht I'rwehren konnte, schieIl 
die Persönlichkeit Bi8Chof Chrisiians eine lJessere Gewähr des Er- 
folges zu hieten, ulld das Mittel sollte ein Kreuzzug sein. SChOll 
1
17 erteilte ihm der Papst die Vollmacht, doch erst 1222 gelang 
es, ein stärkeres Heer von Kreuzfahrern zusammenzubringell. Die 
militärische Aufgabe war die Sicherung des Kulmcrlandes, llamentlich 
der Aufbau der zer"törten Burg Kulm. Dafür, dass der Bischof in 
dipse Vprwendung des Kreuzhperes einwilligw, trat ihm Herzog 
hOllrad einen Teil !:'eine8 Besitzes ab. Nach dem Vertrage, der 
hiel'über am [,. April 1222 zu Lonyz abgeschlossen wurde, erhielt 
Bischof Christiall einen 'reil dps Kulmerlandes, nämlich eine Reihe 
VOll Burgen, die allerdings zerstört waren, ferner was VOll Dörfern 
zu diespn Burgen gehörte, und ausserdem noch lO() Dörfer. ZU" 
gleich ühertrug der Bischof von Plock dem Bischof Christian alle 
gcÜ,tlichen und weltlichell Rechte, die er im Kulmerlande besass. 
Der Bischof VOll PreusstJn sollte ferner von allen Dörfern der Land- 
schaften, die anderen Besitzern gehörten, die Hälfte sämtlicher 
Eillkünfte und den Zehnten beziehen; ausgenommen blieben nur die 
Güter des Herzogs von Schlesien, der sich mit Christian besonders 
vergleichen sollte. 2 ) 
Von den in dem Lonyzer Vertrag genannten Burgen liegen 
folgellde im Kreise Strashurg: 3 ) Ostrovith, Nevyr (Niewierz), Bo- 
brofh (Bobrowo), \Vanzino (Wonsin), Mylel:Jevo pIiIil:Jzewo), Osechino 
(Osieczek), Plovenzo und Jablovo (Jablonowo). Von den in dem 
\" ertrage genannten Dörfel'll hat keins im Stl'asburger Kreise 
gelegen. 


1) Script. I. 33- 34. 246. 
2) Preuss. U.-B. 27. 
3) Allerdings werden diese Burgen nur in der Fassung des Lonyzer 
Vertrags genannt, die Perlbach, preussisch-polnische Studien I. 26 ff. als 
Fälschung wahrscheinlich gemacht hat. Da aber die Fälschung vermutlich 
von Bischof Christian um 1240 gemacht worden ist, und die Burgen sicher 
nicht von 1222-40 angelegt sind, durften sie an dieser Stelle angeführt 
werden. 


I 
I
		

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			,. 



 


l 
J 


1. Die Anfänge des deutschen Ordens. 


3 


Von irgend welcben greifbaren Erfolgen des Kreuzbeeres er- 
fahren wir nichts. Im Jahre 1224 hatte es sicb aufgelöst, und da 
zugleicb die polniscben Fürsten unter einander in Hader gerieten, 
war das Land bald von jeder Verteidigung entblösst; bis nach 
Pommern und tief nach Polen hinein drangen die Heerbaufen der 
Heidell, eine fürchterlicbe Verwüstung bezeichnete ihren Weg. So 
war der Herrschaft Christians ein schnelles Ende bpreitet worden. 
Herzog Konrad von Masoviell, der sich in seinen Erwartungen von 
dt'r :\Iacbt de8 Bischofs getäuscht sab, trat jetzt in Unterbandlungen 
mit dem deutschen Ordpn. Er verspracb ihm für seinen BeiAtand 

cgen die Prpussen das Kulmerland und ein zweites Stück Land 
an seiner Grenze. Der Hochmeister HerDlann von Salza liess sich 
122() von Kaispr Friedrich 11. diese Schenkung bestätigen und 
zugleich das Recht zur Unterwerfung Preussens verleihen, docb erst 
zwpi Jahre später trat er mit dem Herzog von Masovien in näbere 
Verhandlung. Inzwischen hatten die Preusspn berpits einen Teil 
von PolPn selbst erobert, und um der augenblicklichen Gefahr zu 
begegnen, gründete Herzog Konrad den Rittprorden VOll Dobrin. 
Dies Dobrin ist nicht das Städtcben Dobrzyn an der Drewpnz, 
Golluh gegenÜber, sondern die Weichselstadt; die Wabl des Ortes 
zeigt, wie sehr man ",ich scbon auf die Verteidigung beRchränken 
musste) Die Nacbricht von einer Schlacht bei Strasburg, die drei 
Tage gedauert bat, und aus der nur 5 Ordensritter entkommen sein 
sollten, ist eine Fabpl. Simon Grunau erzählt zuerst von dipser 
Scblacht, lä8st sie aber bei Kreuzhurg gescblagen wecden; Lucas 
David verlegte sie nach Strasburg. 2 ) Er war zu dieser Äusserung 
durch dpn Geographen Hennenherger veranlasst worden. der ihm 
przählte, gass in der Nähe ,"on StrasLurg, dort wo die Kapelle 
St. Veits (richtiger St. Valentins, unweit von dem N iE'kibrodno- 
See) stand, nach der Überlieferung ein altes Schlachtfeld sei; 
dies deutete I.ucas David auf jenen ZusaIDmenstoss der Preussen 
mit den Rittern von Dobrin. 3 ) 
Erst im Jabre 12
0 erscbien die erste Schar des deutscben 
Ordens unter dem Landmeister' Hermann Balk auf dem Platze. 
Herzog Konrad trat jetzt in einem neuen Vertrage das Kulmer- 
land an den Orden ab. Zugleich verzicbtete Biscb\\f Cbristiall auf 
seine Länd preien im Kulmprlande zu (junsten des Ordens; dafür 
1) Perlbach, preuss.-poln. Studien I. 63. 
2) Script. I. 35 7 . 
3) Hennenberger, Landtafel 439. 


I.
		

/Pomorze_003_12_032_0001.djvu

			4 


r. Die Ordenszeit. 


sollte er später mit einem Grundbesitz von ::?OO Pflügen Land und 
5 Höfell zu 5 Pflügen ausgestattet werden, und zugleich von jedem 
Pfluge in der Landschaft je einen Scbeffel Weizen und Roggen als 
Zehnten erhalten. I) Diese Auseinandersetzung mit dem Bischof 
wurde indes nicbt vollzogen, und erst nach langen und heftigell 
Streitigkeiten zwischen ihm und dem Orden wurde durch den 
Schiedsspruch eines päpstlichell LegateIl ihr Verhältllis zu ein- 
ander endgiltig geordnet. Dies geschah im Jahre 1243 in Ver- 
hindung mit der Einteilullg des eroberten Lalldes in Diözesen. 
Das Kulmerland sollte zusammen mit der Löbau eine Diözese bilden. 
Im Kulmerlande sollte der Kulmer Bischof einen Getreidezehnten 
erhalten, nämlich von jedem deutseben Pfluge (der Pflug entspricht 
etwa 4 kulmischen Hufen) je einen Scheffel Weizen und einen 
:3chefl'el Roggen und von jedem Haken (der Haken ist das polnische 
Ackergerätj als Ackermass beträgt der Haken 1 1 / 2 Hufen) einen 
Scheffel Weizen erhalten. Ausserdem wurde ihm eine Fläche von 
liOO Hufen Land zugesprochen.
) Von einer Landanweisung in der 
Löbau ist in dieser Urkunde lloch nicht die Rede. Die 600 Hufen 
illi Kulmerlande wurden dem neuen Bischof VOll Kulm Heidenreich 
1246 von dem Hochmeister angewiesen. Sie lagen in vier Stücken, bei 
Kulmsee, Briesen, Bobrowo und "an der Drewenz ll , wie es in der 
Urkunde beisst. S ) Dies vierte Stück, das noch durch keinen Ort8- 
nampn bezeichnet werden konte, war offenbar noch nicht besiedeltj 
wir finden es in dem beutigen Mszanno, denn dies war später der 
einzige Besitz des Kulmer BiBchofs im Kulmerlande, tIer an der 
Drewellz lag. 
Über das VOll den Preussen zu erobernde Land war zwischen 
dem Orden uud dem Bischof Christi an vereinbart worden, dass der 
Orden zwei und der Bischof ein Drittel erhalten sollte. Diese Be. 
stimmung galt auch für die Löbau, die ursprünglich im Jahre 1216 
dem Bischof von dem bekehrten Preussen Suavabuno geschenkt 
worden war. Eille förmliche Teilung des Landes, an dessen Be- 
siedelung noch nicbt gedacht werden konllte, war noch nicht vor- 
genommen worden. Nun erhob Herzog Konrad von Masovien All- 
sprüche auf die Löbau als ein Land, das er erobert habe; wogegen 
freilich die Ordensurüder einwendeten, die Polen hätten nicht ein- 


I) Preuss. D.-B. 53. 
2J Preuss. D.-B. 108. 
3) Prcuss. D.-B. 133. 



 


t
		

/Pomorze_003_12_033_0001.djvu

			) 


1. Die Anfänge des deutschen Ordens. 


[) 


mal ihr Erbland Masovien gegen die Preussen zu verteidigen 
vermocht.!} Da jedoch der Orden der Hilfe des Herzogs gegen 
Swantopolk von Pommern bedurfte, so entschloss sich der Land- 
meister Heinrich von Wida im Jahre 1242, die Hälfte des Löbauer 
Ordens besitzes an Konrads Sohn Boleslav abzutreten. 2 ) So gehörte 
die Löbau je zu einem Drittel dem Orden, dem Bischof und den 
Polen. 1m Jahre 1247 trat der Orden wiederum die eine Hälfte 
seines Löbauer Besitzes an Herzog Kasimir ab,3) sodass nun den 
Polen die Hälfte, dem Bischof ein Drittel und dem Orden ein 
Sechstel des Gaus gehörte. 
Den ganzen polnischen Anteil brachte im Jahre 1257 Bischof 
Heidenreich von Kulm durch Kauf an sich, sodass er nun fünf 
Sechstel der Löbau besass. 4 ) Mit dieser Wendung war aber der 
Orden so unzufrieden, dass er jenen Vertrag 1260 nur unter der 
Bedingung genehmigte, dass ihm ein Stück des erworbenen Gebietes 
überlassen wurde.5} Von dem Teil der Löbau, der zum Stras- 
burger Kreise gehörte, ward jetzt die westliche Hälfte bischöflich, 
die östliche Ordensgebiet; Slupp, Wlewsk (das 1408 an den Orden 
kam) und Klonowo waren die östlicht;ten Güter der Kirche. 
Ein Teil des bischöflichen Anteils der Löbau kam am Ende 
des 13. Jahrhunderts an die Plocker Kirche. Der Bischof von 
Plock Latte, wie schon erwähnt, 1222 alle seine weltlichen und 
geistlichen Rechte im Kulmerlande an BischofChristian von Preussen 
abgetreten. Trotzdem liest;en seine Nachfolger ihre alten Ansprüche 
nicht ruhen, und die Streitigkeiten zwischen den beiden Kirchen 
wurden erst dadurch aus der WPlt geschafft, dass ein Ort im 
Thorner Kreise und 300 Hufen in der Löbau an Plock abgetreten 
wurden.6) Der Vertrag wurde 1289 abgeschlossen; jene 300 Hufen 
sollten an die Plocker Diözese grenzen und kultiviert (extra borram 
positos) sein, der Bischot von Plock sollte höchstens 40 Hufen 
Heideland (borra) erhalten. 7 ) Im Jahre 1291 wurden die 300 Hufen 
ausgemessen und förmlich abgetreten. Die Grenze bildete im 
Westen die Drewenz, vom Einflusse der Brennitz bei Schwetz bis zu 


I) Preuss. U-B. 99. 
2) Preus8. U.-B. 103. 
3) Preuss. U-B. 137. Erneuert 1254 a.. a. O. 224. 
4) Wölky, Urkunden buch des Bistums Kulm 36. 
5) Wölky 43 f. 
6) Über diesen Streit vgl. Perlbach, poID.-preuss. Studien 1. !H ff. 
7) Wölky 79.
		

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			6 


I. Die Ordenszeit. 


der Nordgrenze des Strasburger Kreises, im Osten eine Linie, die von dem 
Sugainer See in nord-südlicher Richtung zu ziehen wäre. Im Süden 
schloss sich dieser Bezirk an den masovischen Besitz der Plocker 
Kirche an. Dieser Löbauer Besitz der Plockpr Kirche schob sich 
also keilförmig in das Ordensland hinein und trennte den Kreis 
Strasburg in zwei zusammenhanglose Hälften; indessen gehörte er 
staatsrechtlich zum Ordenslande, denn da der Bischof von Kulm 
nicht die Landeshoheit darüber besessen hatte, so konnte er sie 
auch nicht auf den Bischof von Plock übertragen. 
Was von der Löbau dem Bischof von Kulm blieb, übertrug 
er auf sein Domkapitel. Als Heidenreich, der erste Kulmer Bischof 
1251 sein Domkapitel stiftete, stattete er es mit einigen Gütern 
im heutigen Thorner Kreise aus und versprach ihm ausserdem 
600 Hufen in der Löbau.l) Seine Absicht war damals, sechs 
Klosterkirchen zu gründen, eine in Briesen, die zweite in Bobrowo 
im Strasburger Kreise und vier in der Löbau. 2 ) Aber dieser Plan 
ist nie ausgeführt worden. Der Bischof und das Domkapitel von 
Kulm traten 1264 in den deutschen Orden ein.3) Bei dieser Ge- 
legenheit wiederholte der Bischof das Versprechen, dem Kapitel 
600 Hufen in der Löbau anzuweisen, und 26 Jahre später wurde 
es eingelöst. Die damals (1289) vollzogene SchenkuDg4) wurde 
aber einer Änderung unterworfen, da ein Teil dieses Bezirks, die 
oben erwähnten 300 Hufell. an die Plocker Kircbe abgetreten 
werden mussten. Für dipsen Verlust wurde das Kapitel im heutigen 
Kreise J
öbau entschädigt. 5 ) Was in dem heutigen Kreise Stras- 
burg dem Bischof von Kulm gehört hatte, ging völlig in den Besitz 
des Kapitels über, mit Ausnahme der nordöstlichen Ecke; das 
Stück, wo heute Kowallik und Tarczyn liegen, blieb bischöflich. 
Im Jahre 1378 fand eine neue Vermessung der Besitzungen der 
Plocker Kirche statt.6) 
Zum heutigen Kreise Strasburg gehörte, wie bemerkt, auch 
ein Stück von Masovien. Der westliche Teil war herzoglich, der 
östliche gehörte dem Biscl10f von Plock. Die Burg 
cbwetz an 
der Drewenz, die schon illi Kulmerland lag, war eine bischöfliche 


I) Wölky 18. 
2) Wölky 16. 
8) Wölky 49, 
4) Wölky 77. 
5) Wölky 89. 
6) Wölky 268.
		

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			1. Die Anfänge des deutlICben Orden8. 


7 


Ka
tellallei. Um 12:19/40 liess sich der Bischof von Plock seillen 
Besit.z an der preussischen Grenze von dem masovischen Herzoge 
urkundlich beglaubigen. Danach gehörten zu der Kastellanei 
Schwetz folgende Ol'te: Lanscuo, Mesentcovo, Gozno mit eillem 
See, Sopino mit einem See, Golcovo, Gremsewo, Jast.rilllbe mit eiIlcm 
See, Yessewo, Clept.cvo, Kovalewo, Mycino, Brese, Czatowo, .Mazovse 
mit einem See, Pogorosove, Carvowc, Hosutowo, Mokre und der 
See Brensco mit einem groF'sen Bezirk von Heide und Walrl. Von 
diesen Orten lassen sich folgcndt' noch heute naehweisen: )Iesentcovo 
(Miesionskowo), Golcowo (Golkowo), Gremsewo (Grondzaw), Czatowo 
und Hosutowo - oder Osuchowo - (Szczutowo in Polen): Carvowp 
(Karw in Polen). Der Kame Sopino hat sich in dem Sopien-See 
bei der MÜhle Quasni erhalten, der S..e Brensco hat Brinsk den 
t-iamen gegeben.!) 
Von dem herzoglichen Besitze in )Iasovien erwarb der Orden 
die Michelau und ein Stück Land zwischen ihr und der hischöflif'h 
l'lockiscben Herrschaft. Die Michelau war ein kleines Ländchen 
auf dem lillken Ufer der Drewenz, das nacb eint'm gleichnamigen 
Schlosse hiess. Oie Burg Michalo wird im Jahre 1240 er- 
wähnt, hier fanden die Verhandlungen Über die Ansprüche des 
masovischen Herzogs und des Ordells über die Löbau statt; fernl'r 
wii'd Mi{'halowo 12f)2 als eine polnische Zollstation genanllt. Diese 
Burg ist mit dem heutigen Horf Michplau identil5ch, denn bis nach 

I ichalowo a. d. Weichsel hat sich das Michelauer Land nicht er- 
streckt. - Die 11ichelau erwarb der Orden Anfang des 14. Jahr- 
hunderts. Nach dcm Tode des Hcrzogs Ziemomysl hatten sich 
scine drei Söhne in das Erbe geteilt, und jeder herrschte als 
unabhängiger Fürst in seinem Gebiet. Der eine von ihnen, Herzo
 
Leszek, der in grosse Geldnot geraten war, verpiändete 1303 dem 
Landmeister KODrad Sack die Michelau für IHO )lark Thorner 
Pfennige. Die Bedingungen waren für ihn sehr ungÜnstig; die 


1) Perlbach, preuss.-poln. Studien I. 1m;. Perlbach versucht noch 
einige Ortsnamen zu erklären, macht aber den Fehler, sie in dem Kulmer- 
lande und in der Micbelau zu suchen. Das geht nicht an, da die kulmischen 
Besitzungen der Plocker Kirche 1222 dem Bischof Cbristian von Preussen 
abgetreten waren; nur Schwetz behauptete er nocb länger. Da ferner von 
Sopino ausdrücklieb gesagt wird, es gehöre ebenfalls zu der Burg Schwet.z, 
obwobl es jenseits (d. b. nördlich) von der Brennitz läge, so darf man diese 
Orte nur südlich von diesem Flusse suchen. Die Michelau aber war nicht 
bischöflich, sondern berzoglich.
		

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			8 


I. Die Ordenszeit. 


Binlötmng war nur innerhalb dreier Jahrp erlaubt und zur Eilllösung 
war allein Herzog Leszek oder eiller seiner beiden Brüder be. 
recht.igt. Würde das Land nicht zur rechten Zeit eingelöst, so 
sollte es mit allen N I1tzungs- und Hoheitsrechten an den Orden 
fallen. Ausserdem machte 8ich Herzog Leszek anheischig, einigp 
Giiter bei Osiek (in Polen), die der H!'rzog von Dobrin an Rich 
gebracht batte, zuriickzugewinnen und ebenfalls dem Orden als 
Pfalld zu übergeben. Alle Güter dieses Bezirk:; sollten von Lebns- 
vprhältnissen hefreit werden, nur Zelet (Cielenta) wurde hiervon 
ausgenommen. Im folgenden Jahrp (1304) erhöhte der Orden das 
Darlehn um 120 Mark, und zugleich liess er sich einen 'feil der 
Michelau, nämlich 40 Hufen an der Drewenz gegenüber von Stras- 
l,urg, noch pinrnal besonders für ti2 Mark verpfänden, unter der 
Bedingung, da:;s er ihm scbon zwei Wochen nach Oi3tern 1305 zu- 
fallen sollte, wenn die Pfandsumme nicht bis dahin bezahlt wäre. 
Weder Herzog Leszek noch seine Brüder hielten die Termine ein. 
1In Jabl"C 1317 trat Leszek die Michelau dem Orden endgiltig ab, 
wobei er noch eine I';uschlagssumme von 200 Mark erhielt, sodas8 
er im Ganzen 562 Mark dafür bekommen hatte - mehr, als nach 
der 
chätzul1g der Ritter die Michelau zur Zeit ihrer Besitzergreifung 
wert gewesen.I) 
Im Jahre 130G schenkte Leszeks Oheim Herzog Ziemovit Von 
J )obrill, vielleicht zum Ersatz für Osiek, dem Ordell 250 Hufell 
Landes, 200 bei Granzow (Grondzaw) und 50 gegenüber Gollub. 
Obwohl dpr Herzog sich das Bergregal und das Recht der Halz. 
gewinnung vorbehielt,2) war der Orden hier der Landesherr; aus- 
drücklich verpflichtete er sich dem Bischof von Plock, der bier 
Bcsitzungpn hatte, zur Landesverteidigung. 3 ) Die 50 Hufell gegen- 
über Golll1b trat der Orden 1311 an Herzog Wladislaw ah. 4 ) - 
Die Michelau, das Gebiet von Grondzaw und der Löbauer Besitz 
des Bischofs von Plock, der mit dem Kirchspiel Polnisch Brzozie 
zusamnwnfällt, gehörte in kirchlicher Beziehung zur Plocker Diözese. 
Über den Lauf der Grenze des Ordensstaates geben einige 
Gl'enzbeschreibungen des 14. Jahrhunderts ausführlichen Aufschluss. 
Bis zur !l1ichelau bildete die Drewenz die Orpnzlinie. Die Michelau 


1) Dogiel IV. Nr. 44. 45.49. Töppen, Geographie 80 f. Voigt IV. 190. 
f. 318. Caro H. 18 f. 74. 
2) Cod. dip!. Pruss. II. 62. Töppen, Geogr. 81 f. 
3) Cod. di}1l. Pruss. 11. 150. 
4) Caro H. 64. 


. 


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'- 


. Die Anfange des deutschen Ordens. 



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wird begrenzt durch die Rippenitz (Rypinica), dip Uppalitz,l) die 
z\\ischen Gorczill und Mossek (Gorczenitza und Osiek) und Koserok 
und Krotkaw(Kozirog und Kretki) fliesst, ferner die Rogkatn itz zwischen 
Sobaschirs und Rogkatnicz (Sobierczysllo und Rokitnica), erldlich dl1
 
Fliess Ksincktell zwische Klein und Gross Golekaw (Golkowo und GoI. 
kowko) und der Mühle Gestram und dem DorfSkutaw (Jastrzembie und 
Szczutowo), und dann eine Linie zwischen der MühleGrallschaw und Me:;- 
sinczkaw (Grondzaw und Miesionskowo) zu der Brennitz. 2 ) Die weitere 
Grellze hildete die Brellnitz bis zum Brinsker See. Der See wurde 
sowohl \"Oll dem Bischof von Plock als dem von Kulm in Anspruch 
genommen; deml als dieser 1289 seillen Löbauer Besitz dem Dom- 
kapitel verlieh, behielt er den See für sich. 3 ) Dann führtp die 
Grenze quer durch die Heide aJl einen Ort Ottoczin, der an 
der Neide (Soldau) lag und dann diesen I!'luss aufwärts bis t<\eu- 
hof, wo die Komturei Osterode begann. In welcher Richtung die 
Grenze durch die Heide, d. h. den Brinsk-Lautenlmrger Forst ver- 
lief, ist nicht zu hestimmen; die Ortsnamen, die die GrenzLeschrei- 
bungen erwähnen, sind untergegangen. 4 ) 


I) Von dem Bache Oppalicz oder Oppolcz hat Opalenica (Wilhelms- 
dank) seinen Namen. 
2) Ordensfoliant 270 a (im Königsberger Staatsarchiv, von Töppen 
"Grenzbuch BU genannt) fot 

; Töppen, Geogr. 87 H. Töppen irrt indess, 
wenn br S. 82373) Grondzaw als ausserhalb des Ordenslandes gelegen an- 
nimmt. Da nach dem Grenzbuch fot 99 die Grenze zwischen Grondzaw 
und Miesionskowo ging, gehörte Grondzaw zum Ordensgebiet. Grondzaw 
war allerdings eine Besitzung des Plocker Bischofs, gehörte aber staats- 
rechtlich zu Preussen. Daher ist auch die Handfeste für Grondzaw 1339 
auf den ausdrücklichen Wunsch des Bischofs von dem Strasburger Komtur. 
der die Verhandlungen leitete, mitbe8iegelt worden. (Wölky 20t). - Auch 
wird Gransche im Schadenbuch erwähnt. 
3) Wülky 7R 
4) Die Grenzbeschreibungen lauten folgendermassen : 
1. Grenzbuch B. fot 99: Die Scheidunge der Grenitcze, die do scheid 
die Masow und das Gebiete czum Lowterberge. Czum irsten anczuheben 
in der Ottoczna und nedir czu geen czwischen Maczkofa., Nihefa und einem 
fliesse ,. eronica, item vort in der Ocker uHczugeen czwischen Camnicza 
und Wanschos, item aus der Ocker vort uffczugeen in das fliess Niede 
czwischen dem dorffe genand HOt>H und dem dorff Neyczk, item in der 
Neydaw uffczugeen czwischen dem weyssen uber der aIden Kirchen czu 
Neyczk. Item in der Neydaw vort uffzugeen undir dem Borgwal bis czu 
der ostirrodischen Greniczen, und dasselbige Borgwal ist gelegen utf 
unsir seite. 
n. Grenzbuch B. foJ. 102. Die erste grenicze czwischen dem her- 


..,j
		

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			10 


1. Die Ordenszeit. 


Der heutige Kreis Strasbnrg bestand :llso zur Ordenszcit 
aus folgenden Teilen. Das Kulmerland, da!:! von der Drewenz be- 
grenzt wurde, gehörte lllit Ausnabme von zwei Enklaven des 
kulmischen Bischofs (Bobrowo und 
lszanno) dem Ol"den. Von der 
Löbau gehörte der westliche Tpil dem Ploeker I3ischof, war alJPr 
staatsrechtlich preussisch; den mittleren Teil nahmen die Besitzullgen 
des Kulmer Domkapitels ein, und das östliche Stück, das Lautenburger 
Gebiet, war wieder Ordensland. Die Michplau war staatsrechtlich 
preussisch und unterstalld in kirchlicher Beziehung dem Bischof 
von Plock, der hier mehrere Güter besass. Der siid.östliche 'reil 
des Kreises, der südlieh von der Brennitz lag, gehörte zu Polen j 
mit Ausnahme des Gebietes ,on Adl. Brillsk war es im Besitze 
des PI ocker Bistums. 


2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 
In der Geschichte der Besiedelung des Kulmerlandes sind 
zwei Perioden zu unterscheiden, die polllische vor der Ankunft des 
deutschen Ordens, und die des Ordens seihst. Über den Verlauf 
der polnischen Kolonisation feblt es vollständig an Nachrichten, 
wir müssen uns daher darauf hesehränken, die Zustände des Kulmer- 
landes sowie der Löbau und des allgrenzenden Teils von Masovien 
um das Jahr 1230, wo der Orden nach Preussen kam, zu untersuchen. 


zogen us der Mazow und unsir kirchen von Culmenzee heisset Othoczenaw und 
ist eine howptgrenicze czwischen dem herczogen aws der Mazow; item von 
der geet man uffwert uff dy andere howptgrenicze, die heisset Wirstkownow, 
dy steet mitten in dem fliesse das do heisset Wirstkofenaw. Item haben 
wir eine andere Grenicze czwischen dem hern Bisschove us der Mazow 
und czwischen uns, das ist das fliez Brenitcze und do ist ein see der heiset 
der Brenitcz, umb desselben Sees willen haben wir tage gehalten mit dem 
hern Bisschove von Ploczke; wand wir meynen, derselbe see hore czu unser 
kirchen Kulmenzee, so meynt her, der see gehore czu der kirchen czu 
Ploczke, den wir beiderseit haben gefisschet, wanu unsir iclicher meynt.. 
derselbe see hore czu seiner kirchen. 
IH. Grenzbuch B. fol. 12 b. Dis is dy houpgrencze czwischen den 
von Ostirrode, dem herzoge us der Masow unde dem kumpthur von Strosberg. 
Czum erstin sal man anhebin czu Niczk an deme burkwale, und so vort dy 

yde herhabe, bis an eyne gegenot dy heiset Ottuczhin, und denne von der 
Ottuczhin die twere obir dy heide, bis an eyn vlis, das heiset V yerkofny, 
von der Vyerskofny in dy Brenicz, von der Brenicz vort in die Drewancz; 
}'ewenwendig des huses Strasburg wol andir halbe mile weges; nicht verre 
davon, do haben sich an di greniczen von Mychelawer lande; an eyner 
gegenot di heiset Menchswerdir an der Drewancz gelegen. Nu vort uff
		

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			2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 11 


Das Problem ist, ob das Kulmerlaud eine polnische Kolonie 
gewesen ist. Dies Problem ist bereits 5 1 / 2 Jahrhundert alt. 1m 
] 4. Jahrhundert war es eine staatspolitische Streitfrage; die Polen 
bestritten dem Orden den rechtmässigen Besitz der Landschaft und 
führten deshalb mit ihnen Prozesse ulld Kriege. Heute ist es eine 
Streitfrage ethnogl'aphi:icher Natur; die Polen behaupten, dass das 
Kulmerland vom Mittelalter bis zur Gegen\\	
			

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			12 


1. Die Ordenszeit. 


mehr habe das Polentum alle :::;türme, die über das Kulmerland 
dahin brausten, glücklich überstanden, und als der Orden das IJand 
von dem Herzog von l\lasovien erwarb, habe er eine verhältnis- 
mässig wohl angebaute und dicht bevölkerte Provinz erhalten. Die 
Landbevölkerung sei beim Beginll der Ordensherrschaft polnisch 
gewesen und sei polnisch geblieben bis zur Gegenwart. Als ein 
neues Element seien im Kulmerland fast nur die Städte hinzuge- 
kommen, die überwiegend deutsch waren.!) 
Später hat Klttl'zynski seinen Vordersatz, das Kulmerland sei 
'on altersher poJnisch gewpsen, selbst aufgegeben. Er elltdeckte 
nämlicb in dem bischöflichen Archive zu Plock eine Urkunde aus 
df'r zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, worin das Gebiet des 
Kulmerlandes zu Pomesanien gerecLllet wird. Es ist ein Verzeich. 
nis der Kastellaneien der PI ocker Kirche; darunter wird die Burg 
Rusck genannt, die an der Drewenz und dem Ruz Jäge, und zu der 
Dörfer in "Pomesanien" gehörten. Der Ruziec ist ein Bach, der 
ein wenig unteJ'halb von Gollub in die Drewenz mündet, die Lage 
der Burg Rusck ist also genau zu bestimmen. Unter Pomesanien 
aber kann ill diesem Falle nicht das Land nördlich von der OBsa 
vprstanden werden, das zur Ordenszeit diesen Namen führte, son- 
dern allein das näher gelegene Kulmerland. K
trzynski folgert aus 
der Urkunde ganz richtig, dass das Kulmerland anfänglich nicht 
zu Polen, sondern zu dem preussischen Pomesanien gehört hat, dass 
aber die Polen darüber schon im J 1. Jahrhundert Herrschaftsrechte 
ausübten j der Bischof von Ploek hatte daselbst Besitzungen. Den 
neuen Namen erhielt die Landschaft von der Burg Kulm, die die 
Polen zur Beherrschung des eroberten Landes gründeten. 2 ) 
Wenn aber das Kulmerland kein altpolnisches Land gewesen 
ist, so versteht es sich nicht mehr von selbst, dass es sich zu An 
fang des 13. Jahrhunderts auf derselben Kulturstufe befunden habe, 
wie das übrige Polen. VieJmehr haben eS die Polen erst ver- 
hältnismässig spät erobert und kolonisiert - oder doch versucht 
es zu kolonisieren. Als der Orden ins Land kam, War es in den 
Händen der heidlliscLen Preussen. Nach der Ansicht K
trzynskis 
hätten dic Einfalle der Preussen zwar grossen Schaden angerichtet, 
aber keineswegs das Land ganz verwüsten und entvölkern können. 
Die Heiden, meint er, hätten sogar ein Interesse daran gehabt, 


I) K
trzynski 0 ludnosci S. 54-60. 
2) Mon. Pol. hist. V. 427 f. 473. Altpr. Mona.tsschrift 1886 S, 13
 ff. 


I 


I 


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			2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 13 


,. 


die Bevölkerung in einem gewisf:!en Wohlstande zu erhalten. Wie 
konnten die preussischen Heerhaufen sonst ihr Leben fristen? Denn 
sicher hätten sie keine regelmässige Zufuhr von Lebensmitteln aus 
Pomesanien bezogen. So wenig man behaupten könne, dass die 
späteren Einfälle der Littauer Ende des 13. Jabrhunderts das 
Kulmerland entvölkert hätten, so wenig dürfe man dies von den 
Einfällen der Preussen annehmen.!) 
Dem gegenüber stehen die Bl'richte von den fiirchtprlichen 
Verheerungen, die die Preussen III Pol e n sei b stangerichtet 
haben. Wenn auch in dem Schreiben Gregors IX. von 1232 die 
Zahlen der verbrannten Dörfer, der zerstörten Kirchen und Klöster 
übertrieben sind. wie überhaupt die mittelalterlichen Zahlenangaben 
ganz unzuverlässig zu sein pflegen, so ist die Thatsache eincr 
schrecklichen Verwüstung doch nicht gut in Abrede zu stellen. 
Der Vergleich mit den späteren BinfälJen der Sudauer und Littauer 
ist nicht zutreffend. Diese brach:m in das Land ein, plündertell, 
m'ordeten und sengten nach Kräften, und zogen dann wieder ab; 
die Kriegsrnacht des Ordens verhinderte, dass sie sich jemals 
längere Zeit in dem Lande festsetzten. So dauerte der Sudauer. 
einfall unter Skumand im Jahre 1273 nur neun 'l'age. 2 ) Dagegen 
hau8ten die Pl'eussen im Kulmerland etwa 14 Jahre lang. Ibre 
Einfälle begannen 1216. Wenn es zuerst nur vorübergehende 
Plünderungszüge waren, so eroberten sie spätestens nach Biscbof 
Cbristians Kreuzzügen 1222-23 das Kulmerland völlig, ja sie 
breitetell ibre Herrschaft über weite Strecken lliasovischen Gebietes 
aus. Der Lalldbesitz des Dobriner Ordens, deu Herzog Konrad 
von Masovien ihm 1228 verbriefte, sollte nördlich bis an die 
Grenze von Preussen reichen. Aus einer anderen genaueren 
Grpnzbestimmung erfahren wir aber, dass die:,;er Besitz sich nördlich 
nur bis an dell 
fnien erBtreckte, der bei Bobrowniki, unterhalb 
von Wloclawek, in die Weichsel mündet. Hier, also llur 3 1 / i Meilen 
nördlich VOll Dobrzyn a. d. W pichsel war 122R die preu8sische 
Grenze. 3 ) Der deutsche Orden musste das Kulmerland Schritt für 
Schritt erobern. Nachdem er die preussischen Burgen gebrochen, 
die Pomesanier iu der Schlacht an der Sirgune niedergeworfen 
und 1234 die Burg Reden erbaut hatte, beherrschte er noch keines 
wegH das ganze Kulmerland, sondern nur dessen südwestlichsten 


. 


.. 


I} K
trzY1l8ki 54. 
2) Script. I. 128. 
3) Perlbacb, preuss.-polD. Studien I. 63. 


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			14 


I. Die Ordenszeit. 


Teil. Wenll man sich die Verwüstungen durch die Heiden, worüber 
uns ja keine QueUe direkt unterrichtet, durch einen Vergleich klar 
machell will, so darf man eher als die nur wenige Tage währenden 
Littauereinfälle wohl die grauenvollen Verheerungen des dreizehn- 
jahrigen Krieges heranziehen. 
Die Prpussen hassten die Polen mit dem elf'mentaren Hass 
des Naturvolke, das in dem feindlichen Kulturvolk seine Unter- 
drücker sieht. Zu dem politischen Freiheitsdrang geseUte sich 
religiöser Fanatismus. Und diese Preussen sollten aus wirtschaft- 
lichen RÜcksichten absichtlich die polnische Bevölkerung des 
Kulmerlandes verschont hahen, um von ihnell beständige Natural- 
liefprungen beziehell zu können? Die Voraussetzung eines solchen 
wirtschaftspolitischen Weitblieks dürfte für die Kulturzuställde der 
Preussen denn doch zu schmeichelhaft sein, denn ihnen fphlte nicbt 
nur jeue Sicherheit für die Dauer ihrer Herrschaft, sonuern vor 
allem eine gefestigte politisc-he Organisation, die diesen Barbaren 
erlaubt hätte, f'in Volk von höherer Kultur unterwerfen und friedlich 
rf'gieren zu wollen. Zudem ist die Frage, wovon die Heiden in 
dem eroberten Lallde hätten leben können, leicht beantwortet. 80 
lange es sich nur um vorübergehpnde Einfälle handelte, VOll Raub 
und Plünderung; und seitdem sie begannen sich lliederzlllasE:en, 
fanden sie ihren Unterhalt wie in uer Heimat in dpn Erzeugnissen 
eines primitivpn Ackerbaues und der Viehzucht, und in den Er- 
trägen der Jagd ulld des Fischfanges. Es ist demnach kaum wahr- 
scbeinlich, da
s ein grösserer Teil dpr polnischen Bevölkp.rung die 
Stürme der hpidnischen Reaktion überdauert hat. 
Betrachten wir aber die näheren Beweise, die KQtrzJnski fÜr 
seine Behauptung anführt, dass das Ku]merland beim Einzuge 
des Ordens eine verhältnismässig wohl angebaute und dicht be- 
völkerte Provinz gewesen spi. Er zäblt zUllächst die Burgen und 
Dörfer auf, die in dem Lonyzer Vertrage von 1222 TIer zog Konrad 
VOll Masovien dem Bischof von Preussen Christi an schenkte. 
Freilich, Ragte er, waren einige dieser Burgen zerstört. Die Ur- 
kunde selbst drückt sich indessen gen aller aus: nicht eInIge, 
sondern aUf' waren zerstört. "Quondam castra" werden sie ge 
nanllt; d. h. es waren Ruinen; vielleicht nicht einmal das, da sie 
nicht von Stein, sondern nur von Holz erbaut gewesen sein werden. 
Die Burg Kulm sei schon seit mehreren Jahren gänzlich verwüstet 
(per multos annos a Prutf'nis destructum et totaliter desolatum), 
sagt dpr Herzog von Masovien in jener Urkunde. Ausser jenen 


. 


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2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 15 


24 Burgen schenkte Herzog Konrad dem Bischof Christian hundert 
Dörfer, wovon 
3 aufgt'zählt weruen. AUl'serdem trat er ihm die 
Dörfer ab, die zu den Burgen gehörten; hQtrzynski will auf jede 
Burg nur zwei rechnen, nimmt also 48 Dörfer an. Die Dörfer, die 
elJendamals der Bischof von Plock an Christian abtrat. rechnet 
Kfttrzynski auf 10, aus15er dcn bei den, dm"en Namell genannt werden. 
Ebensoviel möge der Herzog von Schlesien, der in der Urkunde 
als Grulldbesitzer im Kulmerlande genannt wird, besessen haben. 
Das macht zusammen 24 Burgen und 170 Dörfer, zusammen 194 Ort- 
schaften. Dazu kommen noch 8 Dörfer, die Bischof Chribtian 
später erwarb; indes weist Perlbach nach, dass sieben davon nicht 
im Kulmerlandp, sondern in Polen gelegen haben.') Alles in allem 
nimmt Kfttrzynski also 200 Orte an. Diese lagen aber sämtlicb 
mit wenigen Ausnabmen in dem westlichpn Teilc des Kulmerlandes. 
Im 15. Jahrhundert zählte das gesamte Kulmerland etwa 500 Ort- 
schaften; da lIUU viele hiervoll polniscbe Namen haben, so schlip8st 
KQtrzynski llicht nur, dass I:!ie polnischen Urs[Jrungs sind, sondern 
dass sie I'cbon vor der Ordpnszeit bestanden bättpn. Er nimmt also 
an, dass unter der Herrschaft des Ordens nicht mehr viple Ort- 
schaften zu dpn früheren hätten hinzukommen können. 
Nach diesen Berechnungen scheint das Kulmerlaud allerding" 
eine blühende Provinz gewesen zu sein; und man fragt sich voller 
Erstaullen, weshalb delln HPTZOg Konrad von )Iasovien dieses reiche 
Land an den Ordcn weggeschenkt babe. Sehen wir jedoch zu, ob 
Kfttrzynskis Berechnung einer genaueren Prüfung Htand hält. V Oll 
jenen Hl4 Ortschaften ues Lonyzpr Vertrags,. dip KEttrzynski an- 
nimmt, Riud uns nur die 24 Burgen und 33 Dörfer dem Namen 
uacb bekannt, ferner 2 Dörfer der Plocker Kirche und das Dorf 
Radzin (wohl Raczynipwo im Kulmer Kreise), das Bischof Christian 
12in erwarb. Dass die Burgen zerstört waren, steht fest. )Iuss 
man nicht dasselbe von den 33 Dörfern vermuten? sollten dip 
. 
Heiden, nachdem sie die Burgen erstürmt und verbrannt hatten l 
die Dörfer verl3chont haben, die nunmehr des militäri15cben Schutzes 
entbehrten? So dürftig die Nachric
lten über die polnischen Kolo- 
nisierungsversuche im Kulmerlande auch sind, so lässt es sich doch 
deutlich erkennen, dass ihre Vorbedingung stets der militärische 

chutz war. Die polnische Kolonisation kennzeichnet sich dem- 
cntsprechend als eine Kolonisation grosseI' Grundherrn. Die Lonyzer 


1) Preuss.-poln. Studien I. 43.
		

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			16 


I. Die Ordenszeit. 


8cbenkung selbst heweist dies. Die Lonyzer Urkunde nennt ferner 
den Herzog Heinrich von Schlesien und den Bischof von Plock als 
bisherige Grundbesitzer im Kulmerlande. Ein solcher Ansiedler 
grossen Stils ist vermutlich auch der Graf Syro gewesen, der nach 
der Lonyzer Urkunde früher Grundbesitz bei Kulm gchabt hatte. 
Ein ähnlicher Fall grossgrundherrlicher Besiedelung ist die noch 
näher zu erörternde Verlpibung von 1000 Hufen Landes bei Gollub, 
die 1276 die Leslauer Kirche den bei den polnischen Grafen Simon 
Gallicus und Albert SmolDa übertrug. Auch der deutsche Orden 
hat, wo er F'eine Kolonisation in ein von Burgen noch ungeschütztes 
Gebiet vorschob, LandkompleKe bis zu 1000 Hufen und darÜber 
an einzelne Ritter verliehen, so an Dietrich von Tiefenau und Diet- 
rich Stange in Pomesanien und an Heinemalln, Peter Heselecht 
und Konrad von Baisell im Lallde Sassen. 
Wenn aber die Kolonisation - ebenso wie zur Ordenszeit - 
nur unter ausreichendem militäriscuPID Scuutz wirkliche Fortschritte 
machen konnte, so folgt aus der im Lonyzer Vertrage erwähntpn 
Zerstörung der kulmerländischen Burgen, dass auch die dazu ge- 
hörigen Dörfer vemichtet gcwesen sind. Diese Festen waren sicher 
zugleich Fliehburgen für die Landleute; war die Burg von den 
Preusscll genommen, so fiel nicht nur die Besatzung, sOlldenl auch 
die LandbevölkerUllg, die sich dorthin geflüchtet hattp, in dip Gp- 
walt der Feinde. Die Notwendigkeit des militärischen Schutzes 
beleuchtet auch DusLurgs Bemerkung über die Scbwierigkeiten, mit 
denen die prsten deutschen Ansiedler zu kämpfen hattpn, wohpi er 
ührigens nicht besonlIers das Kulmerland im Auge hat; die Feldl'r. 
sagt er, könnten häufig nur bei Nacht bestellt wprdpn, und die 
Emte würde oft von den Heiden eingebracht. I) 
Auch ist es doch auffällig, dass in der Lonyzer Urkunde von 
den J 00 Dörfern, die dem Biscbof abgetreten wurden, mrr :13 nam- 
haft gemacht werden. Es scheint damals also noch nicht bestimmt 
worden zu sein, welche Dörfer abgetreten werden soll tell. Oder 
existierten diese Dörfer vielleicht noch garnicbt oder garnicht mehr'? 
Das in dieser Urkunde gebrauchte Wort: villa kann ebenso wohl 
eine Dorfgemarku ng bedeuten, als eine helJaute Dorfsiedplung. 
Das geht ganz klar aus lIen Lokations-(Dorfgründungs-)urkunden 
der Ordell:,;zeit hervor, wo oft dem Lokator (Ansiedler) ein mit 

amen bezeichnete:,; Dorf verlipben wird, das er erst gründen sollte. 


1) Script. I. 66. 


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::1. KulmerJand und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 17 


Hundert Dorfgemarkungen Lat Herzog Konrad zu Lonyz dem 
Bischof f'hristian ganz gewiss geschenkt; aber der Beweis fehlt, 
dass es damals wirklich bewohnte Dörfer gewesen sind. Selbst 
,"on den mit Namen bezeichneten steht dies keineswegs fest. 
A bel' wenn man auch der optimistischen Auffassung KQtrzynskis 
zustimmen wol1te, dass allein das westliche Kulmerland 200 be- 
wohnte Dörfer gezählt habe, 80 wäre damit noch keineswegs 
hewiesen, dass der Kulturstand des Kulmerlandes bei Beginn der 
Or(lensherrscllllft diebeHJe Höhe erreicht hätte wie im 14. Jahr- 
hundert. )Ian darf dies 80gar getrost in Abrede stellen. Zunächst 
ist scharf hervorzuheben, dass das Kuimerland kein altpolnisches 
Land gewesen ist, sondern dass es sich erst verhältnismässig. kurze 
Zeit im polnischen Besitze befand. Betracbten wir einmal ein alt- 
polnisches Land jener Zeit: Schlesien. Die sehlesischen Herzöge 
haben grosse SCLaJ.eIl deutRcber Ansiedler in ihr Land gezo
en, 
nicht um iure slavischen Unterthanen zu schädigen oder zu ver- 
drängen, sondern um die weiten unbebauten Strecken des Landps 
urbar zu machen. Dieser Beweggrund wird in einer grossen Zahl 
,-on Lokationsurkunden deutlich ausgesprochen. Auf Grund sehr 
umfangreicher Untersuchungen kommt 
Ieitzen zu dpm Schluss, "dass 
ill Schlesien dem slavischen Anbaue noch nicht ein Drittel des ganzen 
Landes, oder kaum dic Hälfte der jetzt kultivierten Ländereien unter- 
worfen war, und dass die Slaven stets ebenen und leichten Boden 
ausnutzten, wo sie aber Hügel und Berge anbauten, dies nur auf dem 
fruchtbarsten, milden und mö
lichst steinfreiell Grunde vel"tmchten. 
"Dies stimmt auch mit allen Überlieferungen. nam('ntlich mit den 
Alldeutungen dpr Breslauer Synodalbeschlüsse des l
t JaLrhundprts, 
mit den Angaucn Hclmolds ulld mit den Erzählungell der LeullUser 
Mönche überein, denn nach diesen Angahen bearbeiteten die Slawen 
den Boden nur mit dem hölzernell Haken bei schwachem Gespanll 
von Kühen und Ochsen oder einem einzelnen Pferde. Erst dip 
Deutschen führtcn deli grossen Pflug mit eiserner Schar ein, um dip 
schweren und steinigen Rodeländereien zu uewältigen." . . . . "Die 
nachweisbar altslawischen Fluren . ., geben uns durchaus keinen 
hohell Begriff von der slawischen Ackerwirtschaft." ..." Die 
bessere Ausnutzung, die überaU in den Urkunden als der Grund 
der deutschen Kolonisation angegeben wird, wurde nicht nur iIl der 
Aufuebung und Umwandlung der polnischen Lasten und Dienste 
sondern wesentlich auch in der Verbesserung des Ackerbaues nacb 
deutschell 
lustern gesehen. Gerade Jll der wirtscLaftlicLell 
2 


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IH 


I. Die Ordcnszeit. 


Überlegenheit der Deutschen ist der wahre Grund der Germani- 
sierung und der überraschenden Schnelligkpit ihrer Durchführung 
zu suchen. "1) 
Dass man zur Ordenszeit auch im Kulmerlande den Unter- 
schied zwischer deutscher und polnischer Wirtschaftsweise wohl 
kannte, lehrt eine Urkunde des Kulmer Domkapitels vom Jahre 
12
5. Das Kapitel hatte das Gut Morczyn (im Thorner Kreise) 
mit Polen besetzt, fand aber, "dass die Kirche von den Polen 
keinen oder llur geringen Nutzen bätte", und änderte deshalb die 
bisherige Bewirtschaftung. 2 ) Ebenso wird 1303 in Kauken (Her- 
nlannsrub) das deutsche Recht ulld Wirtschaftssystem zum "Nutzen 
des Ordens" (ad utilitatem ordinis) eingeführt.3) Man muss es dC'w- 
nach als eine ganz unbegründete Auffassung zurückweisen, wenn 
K
trzynski aus der Lonyzer Urkunde folgert, das Kulmerland sei 
heim Bpginn der Ordenshen'scbaft so wohl bevölkert gewesen, dass 
dem Orden nur noch wenig neue Ortschaftpn zu gründen übrig 
blieb. Überdies hat pr einige Urkunden gänzlich unberücksich- 
tigt gelassen, die den Kulturzustand des Kulmerlandes beim Beginn 
der Ordens herrschaft klar beleuchten. Im Jahre 1230 trat Bischof 
Cbristian seinen Besitz im Kulmerlande an den Orden ab, "damit 
dieser den Schutz über die Kirche übernähme, die dort durch 
die Heiden fast ganz entvölkert war."4) 
In der Urkunde VOll 1243, durch die Preussen in vier Diö- 
zesen eingpteilt wurde, heisst es: im Kulmerlande sollen diejenigen 
Ländereien dem Biscbof gehören, die nacb gemeinsamer Zustimmung 
und Einwilligung des Bischofs von Preussen, des Ordens und der 
Einwobner dazu bestimmt worden wären, als zuerst Menschen 
zur Besiedelung jener Wüste einwanderten. 5 ) In einer Ur- 
kunue, die von 12?,3 datirt ist, aber wahrscheinlich aus dem Jahre 
1247 stammt,6) und in der Herzog Kasimir von Kujavien die 
Schenk ung des Kulmerlandes an den Orden bestätigt, wird gesagt: 
Das KuIJuerland sei durch die Einfälle der Preussen an den Rand 


I) Abhandlungen der schlesischen Gesellschaft fÜr vaterländische Kultur. 
1864. II. S. 75. m -!:J2. 
2) Wölky 69 ff: Vgl. L. Weber 130. 
3) S. den Anhang I Nr. 2. 
4). . ob defensionem sacrosancte matris nostre ecclesie, heu jam 
pene in part.ibus illis depopulate a paganis. Preuss. UR 53. 
5). . quando primo ad habitationem illius deserti homines intrave- 
runt. Preuss. UB. 108- 
6) Perl bach, Preuss.-poln. Studien 1. 101 -6. 


.
		

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			2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 19 


des Verderbens gebracht worden, und auch 
fasovien, und die an 
Preu8sen grenzenden Landschaften seien von ihnen verheert worden) 
In der Urkunde über die Stiftung der Kulmer Kathedrale im Jahre 
li;>1 lässt sich Bischof Hpidenreich folgendermassen aus: als die 
pI"eussischen Diözesen gegründet wurden (124
), habe es im Kulmer- 
lande keine oder doch nur ganz wenige Kirchen gegeben, denn die 
CLristen wären ausgerottet gewesen. die Heideu hätten sic ver- 
trieben und das Land dem christlichen Gottesdienst entfremdet; 
seitdem aber hätte sich die Zahl der Kirchen vermehrt, es wohute 
jetzt eine grosHe Zahl von Christen im Lande, so dass eine Kathe- 
drale gegründet werden müsste. 2 ) Diese Urkunden reden eine 
deutliche Sprache. In bemerkenswerter Uebereinstimmung bestäti- 
gen Bischof Christi an von Preussen, der päpstliche Legat, der Herzog 
von Kujavien und Bischof Heidenreich von Kulm, dass das Kulmer- 
land von den Preussen völlig verwüstet war, als es der Orden in 
seinen Besitz nahm. 
Spezielle Nachrichten besitzen wir ferner über den Südostpn 
des Kulmerlandes. Zwar stammen die Urkunden, deren Benutzung 
man bei K
trzynski ebenfalls vermisst, aus einer Zeit, wo der Orden 
sC:lOn ein Menschenalter in Preussen herrschte; aber sie sind von 
um so grösserer Wichtigkeit für die Besiedelungsgeschichte des 
Kulmerlandes. An der Drewenz besass die Leslauer Kirche einen 
ansehnlichen LaDdbesitz. Im J ahre 1

0 urkundcte der Land- 
meister Hermann Balk, dasH ein Teil des Gutes Zloterie tKreis 
Tborn), Pluszczowcy (Pluskowenz) und l1ucbowar (?) ein alter Be- 
sitz der kujavischen Kirche wären. Dazu erwarb der Bischof 124fi 
das Dorf Crau
no (Kronzno) für 7fi 
lark Silber. Um 1250 kaufte 
er ferner die Dörfer Ostrowicze, Usansevo (?) und Chelmane f"ül' 
100 Mark Silber. Und im Jahre 12M schenkte der Lalldmeister 
ihm das Dorf Golube.3) 
ian sieht, wie geschickt die Bischöfe 
ihrell Besitz längs des Flusslaufes zu arrondiren bl:!strebt waren. 


I) Cum enim jam Culmensis terra finale exitium esset passa ab in- 
cursibus Prutenorum. et jam Mazovia et supramemorate terre (i. e. Cujavia 
et cetere terre adjacentes Prussie) ab eorundem Prutenorum tyrannidlJ 
inciperent demoliri. ipsis jam pro partu maxima demolitis seu devastatis. 
. . . . Pr. UR iOf. 
2) . . . propter Christianorum exterminium, (IUOS feritas Prut.henorum 
expulerat, terras predictas ponens divino cultui alienas , . . in tantum sunt 
aucte (ecclesie) propter inhabitantium hominum multitudinem . . . Wölky I 16. 
3) Perlbach, Altpreuss. Ms. 1t\81, S. 22!J f. 


. 


2*
		

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20 


I. Die Ordenszeit. 


Es war ein Gebiet von mehr als 1000 Hufen, es grenzte unmittel- 
bar all Polell und lag an der natürlichen Verkehrsstrasse der Dre- 
wenz. Die Voraussetzungen für die Besiedelung waren also die 
denkbar günstigsten. Und doch begann die planmässige Besiedelung 
thatsächlich erst im Jahre 1276. Also kann diese Herrschaft um 1230 
ganz sicher nicht "ver hältnis!'mässig wohl angeLaut und dicht bevölkert" 
gewesen sein. Erst nachdem der grosse preussische Aufstand sieg- 
reich niedergeworfen war, dachte der Bischof an die Kolonisierung. 
Er überliess dell ganzen Bezirk zwei schlesischen Grafen, Simon 
Gallicus und Albert VOll Smolna. Diese sollten die Besiedelung 
und Urharmachung der Ländereien übernehmen, die seit lange 
unbebaut und verlassen dalägen; denn vorher babe niemand aus 
Furcht vor den Heiden gewagt, sich dort niederzulassen und den 
Acker zu bebauen. Frühere Besiedelungsversuche seien an den 
Einfällen der Prenssen gescheitert; deshalh habe man das Land 
jetzt zwei Rittern verliehen, die im Stande wären, Land und Leute 
vor dell Angriffen der Feinde zu schützen. Zur Besiedelung wurde 
den beiden Grafen die ungewöhnlich hohe Zahl von 15 Freijahren 
eingeräumt.') Und doch schlug dieser Besiedelungsyersuch fehl. 
Siebzehn Jahre nach jener Verleihung im Jahre 1293 trat der 
Bischof sein Obereigentum an diesem Bezirk an den Orden aL. ln 
der Urkunde, die er darüber ausstellte, sagt er, die Kircbe babe 
so gut wie gar keinen Ertrag von diesem Besitze gehabt, teils weil 
die bei den Grafen dem Orden nicht den pflichtgemässen Kriegs- 
dienst leisteten, und die Kirche deshalb öfters mit Strafgeldern 
belegt wurde, teils aber weil diese Ländereien, die an der 
äussersten Grenze des Kulmerlandes gelegen seien, den 
häufigell Einfällen der Preussen oftim gestanden hätten. I) Die Be- 
I) Voigt cod. dipl. Pruss. I. 167. ff; igitur ut dicti milites Sy. et Al. 
terram nostram predictam jam dudum desertam et incultam locent et 
instruant, quam nemo primitus racione locacionis et iIJstructionis propter 
metum Prutenorum nccon et aliorum infidelium ingredi presumebat, illam 
locare et instruere desiderant, divins gracia concedente; preterea videntes, 
quam ;epius nos nostrosque homines crebris Prutenorum infestacionibus 
aliorum quoque persequentium nomen dei temere conculcari, sepedictos 
milites Sy. et Al., quos scimus viros fidedignos, strenuitate perspicuos, 
legis dei et justicie amatores tanquam obicem terreum et scutum ereum 
cum gladio ancipite, in manibus eorum ponimus ad dictam terram, ut nos 
necnon res nostras nostrosque homines ab hostium incursibus consulant, 
protegant et defendant. 
2) Cod. dipl. Pruss. II 31: turn quia in ultimis finibus terre Culmensis 
sita paganorum frequencius patebant insultibus. 


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2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 2] 


merkung', jener Landbesitz läge an der äussersten Grenze des 
Kulmerlandes, ist sehr bezeichnend, denn thatsächlich erstreckt sich das 
Kulmerland noch mehrere 
leilpn weiter nach Osten. Jene Wendung 
kann nur so verstanden werden, dass damals die Kolonisations- 
versuebe überhaupt nicht über Gollub hinausgereicbt habell, und 
dass die pollliscbe Kolonisation an jenem vorgeschobenen Posten, 
dem eine genügende militärische Deckung fehlte, missglückt war; 
denn der Orden war erst in den neunziger Jahren in der Lage, in 
den Osten des Kulmerlandes vorzudringen. Und ill dieser östlichell 
Hälfte des K
llmerlandel:! nimmt KEttrzynski um 1230 gegen 200 
blühende Dörfer an, die denen zur Ordenszeit nicht nach gestanden 
hätten I 
Eine Urkunde vom Jahre 1251 giebt uns einen ziemlich ge- 
nauen Aufschluss darüber, wie weit damals, also etwa 20 Jahrp 
nach der Ankunft des Ordens, die Besiedelung des Kulmerlandes 
gediehen war. Bei der Dotierung des neu gestifteten Kulmer Dom- 
kapitels wies ihm 125] Bischof Heidenreich 2000 Scheffel Roggen 
und Weizen von dem sog. Bisrhofsgetreide zu l ), das nach Bestilllmullg 
VOll 1248 und 1255 je einen Seheffel Roggen und Weizen vom 
deutschen Pfluge uod einen Scheffel Weizen vom polnischen Hacken 
ausmachen sollte. 2 ) In einer weniger gesicherten Ausfertigullg 
dieser Urkunde von 1251 heisst es, diese 2000 Scheffel Getreide, 
die das Kapitel erhalten sollte, seien die Hälfte des gesamten 
Ertrages aus dem Bischofscheffel. Dieselbe Bemerkung finden 
wir aber auch in der Urkunde über die Dotierung des Kapitels, 
die 1
64 erfolgte, nachdem die Domherren in den deutschen Orden 
eingetreten waren. Bischof Friedrich weist dem Kapitpl aus- 
drücklich die Hälfte jener Einkünfte, nämlich 1000 Scheffel Weiiell 
und 1000 Scheffel Roggen an j die anderen 2000 Scheffel behält der 
Bischof, und wenD der Ertrag der Abgaben steigen sollte, - 
nämlich bei fortschreitender Besiedelung - so fallt der Über8chuss 
ebellfalls dem Bischof zu.3) 
Da also in der Zeit von 125] bis 1264 der Gesammtertrag 
des Bischofscheffels je 2000 Scheffel Roggen und Weizen ausmacht, 
von jedem Pfluge aber)e ein Scheffel Roggen und Weizen zu ent- 
richten war, so waren im Kulmerland damals 2000 Pflüge in Kultur 
genommen. Der Pfluf?: als Landrnass bedeutet vier Hufen, mitbin 


I) Wölky 18. 
2) Wölky 7. 23. 
3) Wölky 49. f.
		

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			2:! 


I. Die Ordenszeit. 


warell um 1250 gegen 8UUU Hufen im Kulmerlande besiedelt. Das 
macht etwa zwei Fünftel des Kulmerlandes aus, denn die Lalld- 
schaft umfasst im Ganzen 20943,6 altkulmische Hufen.!) Jene 
8000 Hufen sind aber entschieden im Westen des Kulmerlandes 
zu suchen, das durch die Or-densburgen militärisch geschützt War. 
In jenen Bestimmungen von 1248 und 1255 werden alB Bestimmungs- 
orte, wohin das BiF1cLofsgetreide geschafft werden sollte, nur genannt: 
Kulmsee, Kulm, Thorn und Reden; und niemand sollte ,erpflicLtet 
sein, das Korn weiter als drei Meilen zu fahrell. Weit über Reden 
hatte dama]s der Ordell seille Macht lloch nicht hinausge!:!choLen. 
Nicht günstiger als im Ku]merIande sah es um 1230 in dem TC'i]e 
des Strasburger Kreises aus, der zu Masovien gehört. Der Bischof 
von Plock liess sich 1239/40 seinen Besitz an der preussischen 
Grenze von dem Herzog von Masovien urkundlich bestätigen. 
Dieser Akt wird fo]gendermas!:!en begründet: "Da der Bischof VOll 
Plock fürchtete, dass die Kenntnis von den Dörfern, die zu seiner 
Burg Schwetz gehörten, wpgen der Grenznachharschaft mit den 
Preussen aus dem Gedächtnis der Menschen verl'ichwinden könnte, 
so hat er gebeten, ihre Namen in einer Urkunde aufzeichnen zu 
lassen."2) Die Wendung: "wegen der Nachbarschaft mit den 
Preussen" ist llicht misszuverstehen. Um den Tbatbestand der 
Urkunde weniger euphemistisch anzugeben: alle jene Dörfer, oder 
der grösste Teil davon waren durch die Einfälle der lIeiden so 
gänzlich vernichtet worden, dass es der urkundlicben Aufzeichnung 
ihrer Namen bedurfte, wenn sie nicht ganz der Yergessenheit an- 
heim fallen sollten. Es ist daher auch nicht zu verwundern, dass 
sich nur so wenige jener Ortsnamen bis auf den heutigell Tag er- 
halten haben.3) Zu bemerken ist, das!:! auch die in dieser Urkunde 


1) Diese Berechnung ist auf dem Katasteramt zu Marienwerder 
gemacht worden, ich verdanke sie der Güte des Herrn Steuerrats Maruhn. 
Der Berechnung ist die Töppem,che Karte zu Grunde gelegt worden. Hprr 
Maruhn teilt mir mit, dass der Flächeninhalt des Landes nach sorgfältiger 
mehrmaliger auf den lOOOOOer Generalstabskarten ausgeführten Berechnung 
352 060 Hektar=20 943,6 altkulmische Hufen (die Hufe zu 65,831) preuss. Morgen) 
beträgt. Eine auf einer im Masstabe von I: 472000 gezeichneten I{arte 
ausgeführte Kontrollrechnung ergab die Richtigkeit der obigen Flächen- 
angabe; zugleich wurde der Flächeninhalt in Quadratmeilen ermittelt, 
wobei sich 63,9 Quadratmeilen rur das alte Kulmerland ergaben. was gleich- 
falls der in altkulmischem Masse ausgedrückten Flächenangabe von 
20!J43,6 Hufen entspricht. 
2) Perl bach, preuss.-polnisch. Studien 1. 108. 
3) S. o. S. 7. 


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I 
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2. Kulrnerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 23 


aufgeführten Ortsnamen Dorfgemarkungen, und nicht besiedelte 
Dörfer bezeichnen. Jene Zustände werden durch eine päpstliche 
Bulle bestätigt. Auf Antrag des Bischofs von Plock Leauftragte 
Papst lnnocenz IV. im Jahre 1252 den Erzbischof von Gnesen, die 
Grenze der Plocker Diözese, die durch oie Einfälle der Heiden an 
einzelncn Orten unsicher geworden war, von neuem festzustellen, 
doch unter Wahrung der Rechte des deutchen Ordens.') Es handelte 
sich also um uie preu8sische Grenze. Unsicher war die Grenze 
aber eben dadurch geworden, dass die dortigen Dörfer unter- 
gegangen waren. 
Die L ö Lau hatte, wie oben erzählt, der getaufte Prcm,se 
Suavabuno 1216 dem Bischof Christian zum Geschenk gemacht. 
Später kalll es zwischen dem Urden und dem polnischen Herzoge 
darüber zum Streit. Leute des Ordens hatten herzogliche Jäger 
in der Löban angetroffell und ihnen ihre Hunde und Jagdheute 
weggenommen. Jn einer Verhandlung zu Michelau im Jahre ]24U, 
wo der päpstliche Legat den Zwist schlichten sollte, bestrittpn die 
Deutschen, dass der Gau den Polen gehörte, er sei vielmehr 
preussisch und die Preussen hätten ihn noch gegenwärtig inne. 
Die Polen gaben zu, dass die Löbau ursprünglich zu dem Gl>biet 
von Preussen gehört habe, aber jetzt I!ei sie in ihrem Besitz, ihre 
Väter hätten sie probert. Dagegen meinten die vom Orden, die 
Polen hätten nicht eillmal ihr eigenes Erbland Masovien vor den 
Einfällen der Preussell sehützen, geschweige ein fremdes Land er- 
obern können. Zu einem späteren TermiIl erschienen die Polpn 
nieht mehr.:!) 
Die Löbau war also ursprünglich ein preussisches Land, auf 
uas die Polen Herrschaftsansprüche erhoben. Der Orden erkannte 
diese zwar nicht an, trat aber aus volitischen Rücksichten 1242 
den dritten 'I'eil der Löbau an Herzog Boleslaw ab. Die Herr- 
schaft über den Gau war sonach eine reine Machtfrage. 3 ) Uns 
interessiert hier aber das andere Problem, ob die [.öbau beim Bp- 
gllln der Ordensherrschaft sich nocb in dem preussischen Ur- 


1) Preuss. U.-B. 195. 
2) Preuss. u.-B. 99. 
3) K
trzynski 21 folgert aus der unrichtigen Darstellung Dusburg
, 
dass dem Orden von Herzog Konrad von Masovien nicht nur das Kulrnerland, 
sondern auch die Löbau abgetreten worden sei, der Ordenschronist habe 
die Löbau für polnischen Besitz gehalten. Für die Thatsachen beweist das 
jedenfalls gar nichts.
		

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			24 


I. Die Ordenszeit. 


zu
tande befand, oder ob die Polen mit Erfolg versucht hahen, das 
Land zu kolonisieren. 
KGtrzynski ist der Ansicht,l) dass die Löbau von den Polen 
nicht nur vollständig erobert, sondern auch koloniaiert worden sei. 
Es sei dort bei der Ankunft des Ordens eine sesshafte polnische 
Bevölkerung gpwesen und polnische Dörf
r, wenn auch vielleicht 
nicht viele, hätten dort bestanden. Das Land habe unter der 
V crwaltung der Michelauer Kastellanei gestanden. FÜr dies 
letztere bringt der polnische Historiker freilich keinen positiven 
Beweis, sondern folgert es daraus, dass die Löbau ein Teil des 

Iichelauer Landes ge"wesen wäre. 
Ian muss gestehen, dass der 
Scbluss hieraus, das Löbauer Land hahe im 13. Jahrhundert unter 
der KastelIanei }lichelau gestanden, etwas kühn ist. Ist aber in 
dcr l'hat im 13. Jahrhundert die Löbau als ein Teil des Michelauer 
Laudes angesehen worden? K
trzynski sagt, das "Michelauer" 
Landgericht hätte zur Ordenszeit t>eine Gerichtstage zu Neumark 
an der Drewenz abgehalten, dort sei auch das Archiv des "Miche- 
lauer" Landgerichts gewesen, die acta terminorum MichaloviensiullJ, 
die bis in den Anfang des 14. Jahrhunderts zurückreichen. K
trzynski 
hat nämlich eine Urkunde über eine Visitation des 
{jchelauer 
Landgerichtsarchivs vom Jahre HmO gefunden, in dem ein seither 
verloren gegangenes Gerichtsbuch aus dem Jahre 1319 erwähnt 
wird. 2 ) Der Beweis, dass das Neumarker Gericht schon damals 
da!! "Michelauer" gehei8sen hätte, wäre K
trzynski vollkommen 
geglückt, wenn dieser Name im Zusammenhange mit jenem 
Buche von 1319 genannt wäre. Das ist aber nicht der Fall, 
sondern der Name "Michelauer Landgericht" wird nur in der Ur- 
kunde VOn 1G30 gebraucht. K
trzynskis Ausführungen sind also 
nur ein Scheinbeweis. Das Michelauer Landgericht ist that!!ächlich 
erst Mitte des ]6. Jabrhunderts gegründet worden; in der Ordens- 
zeit gehörten t>owohl die l\1ichelau als die Löbau zu dem Bezirk 
des Kulmer Landgerichts, 
Endlich heisst ursprünglich nur das kleine Gebiet gegenüber 
VOll Strass burg die Michelau, nach den vorhandenen Quellen wurde 
erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, und zwar 
von polnischer Seite, dieser Name zunächst auf das Lautenburger 
Gebiet und dann auf die ganze Löbau ausgedehnt. 3 ) 
I) S. 23. ff. 
2) Einleitung XIV. 
3) S. u. Teil 11: Die polnische Zeit. Abschnitt 1. 


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I 


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2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 
5 


Wir kommen nunmehr zu df'm Kern des Problems zurück, 
ob die Bevölkerung der Löbau in jener Zeit polnisch gewesen sei. 
Hierbei iiberrascbt uns K!ttrzynski mit der Behauptung, dass Löbau 
(Lubawa) ein polnischer Name sei, denn - wie der heutige 
polnische Name Lubawa damals Lubowa geheissen, so sei auch 
uie frühere Form für Warszawa: Warszowa gewesen; nach dem 
Hauptortc habe später der Orden die Landschaft benannt. Dies 
ist falsch, denn das Land Lubovia wird schon in der Urkuudf' 
von 12]6 genannt, durch die der getaufte Preusse Suayabuno dem 
Bischof Christi an die Löbau geschenkt hat. Die Hewei5führung 
mit den Namensendungen aber ist eine reine Spiegelfechtcrei: 
weil die Endung des Namens polnisch scin kann, soll der ganze 
Name polnischen Ursprungs sein! 
Die vorhandenell Urkunden lasseu gar keinen Schluss auf die 
Existcnz einer poinischell Bevölkerung in der Löbau im 13. Jahr- 
hundert zu. In jener Verhandlung von 1240 sagen uicht nur die 
Deutschen aus, dass die Preussen gegenwärtig die Löbau besässf'n, 
sondern zum Schluss fiigt der J .egat hinzu, dass, da die Polen zu 
dem letzwn Termin nicht erschienen waren, das Geschäft sowohl 
für die Ordensbrüder als für die preu8sischl'n Besitzer (Prutenis 
possidentibus) unerledigt bleiben müsste. Wenn die Polen über- 
haupt eine Kolonisierung der Löbau versucht habeu, so hat sie 
jedenfalls keinen nennenswerten Erfolg gehabt. Der llischof vou 
Kulm, der damals den dritten 'I.'eil des Landes besass, wandte sich 
mit der Bitte an den Papst, in der Löbau Ritterlehen gründen zu 
dürfen; denn der Papst hatte bei der Begrülldung der preuBsischen 
Diözesen dem Bischof verboten, ohne besondere Erlaubnis des 
römisc-hen Stuhls Kirchengüter zu verkaufen, zu verlehnen oder zu 
verscheuken.1) Der Papst bewilligte 1255 dieses Gesuch; denn 
wie der Ri5Chof ihm geschrieben habe, sei zwar die Bevölkerung 
nunmehr zum Christentum bekehrt, aber nur wenn das Land an 
mächtige Ritter zu Lehen am;gethan würde, könnte es gegen die 
benachbarten Heiden geschützt und mit Nutzen für die Kirchp 
bebaut werden; andernfalls müsste es wüst bleil>pn. 2 ) Wenn nUll 
der Bischof sagt, die Löbauer Bevölkerung sei zum Christentum 
bekehrt worden, so folgt daraus, dass Preussen im Lande wohnten, 
uenn die Polen waren längst Christen. Von Wichtigkeit ist auch 


.. 


1) Preuss. U.-B. 109. 
2) Wölky 30.
		

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			26 


I. Die Ordenszeit. 


die bestimmte Angabe des Bischofs, dass die Löbau damals noch 
nicht besiedelt war. Hierher gehört noch ein Bericht Dusburgs. 
Im Jahre 1298 fielen die Littauer bei Strasburg ins Kulmerland ein, 
der Kulmer Landkomtur aber verfolgte die Räuber in die Wildnis 
(ad interiol'a deserti) holte sie ein und machte sie nieder; diese 
"Wildnis" - das Wort bezeichnet ein vom Orden noch nicht be- 
siedeltes Gebiet - ist augenscheinlich die Löbau.1) 
Wir haben bisher einer Reihe von Schlüssen noch nicht 
gedacht, die Kf2trzynski für seine Auffassung geltelld macht. 2 ) 
Sie gehören dem schwierigen Gebiet der Ortsnamen forschung an. 
K
trzynBki stützt sich hierbei auf die übrigens nicht unbestrittenen 
Folgerungcn Wojciechowskis.3) Wir erwähnten schon K-ztrzynskis 
Behauptung, dass die grosse Anzahl POlllh;cher Ortsnamen im 
Kulmerlande und in der Löbau nicht nicht nur darauf hin- 
deute, dass die Orte polnh;chen Ursprungs wären, sondern dass 
sie schon bei der Ankunft des Ordens hestanden hätten. Mit der 
Bedeutung der Ül.tsnamen für die Erforschung der Nationalitäten 
werden wir uns in einem späteren Abschnitte zu beschäftigen 
haben. doch muss eine spezielle Theorie K
trzynskis berf'its ,or- 
weg erörtert werden. Sehr häufig, führt er aus, sind die Ort;:- 
namen aus Personennamen entstanden. Sie bedeuten die Besitzung 
jcner Personen, so Turzno das Gut des Tur, Jablonuwo das Gut 
des Jablon, 'ruszewo das Gut des Tusz. In einigen Fällen werden 
lOugar die biossen Personennamen ohne jede Änderung als Orts- 
namen gf'braucht, z. B. Ploth, Warsz (War), Mircl1P (heute Plutowo, 
Warschewitz (?), Mirakowo). Dies deutet nach K«ttrzynski an, dass 
die Orte erst vor kurzem gegründet, und die Besitzer, die sie 
angelegt hatten, noch am Leben seien. Wenn also jene Ortsnamen 
in der Lonyzer Urkunde vorkamen, su sei kein Zweifel, dass die 

chlachtizen Ploth, Mirche und Warsz im Jahre 1222 auf ihren 
gleichnamigen Besitzungen lebten. Den Beweis für diese kühne 
Hypothpse bleibt KQtrzynski freilich schuldig; man könnte ihm nur 
dann beipflichten, wenn er nachgewiesen hätte, das mit dem 'rode 
jeller Männpr die Namen ihrer Güter wirklich eine Veränderung 
erfahren hätten. 


1) Script. I. 164. 
2) KGtrzynski 59. ff. 
3) Vlojciechowski, Chrobacya, rozbi6r staroiytnosci slowianskich. 
Krakau 1873. Vgl. Nehring, altpolnische Sprachdenkmäler. Berlin 
1887. S. 9. ff.
		

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			2. Kulmerland und Löbau beim Beginn der Ordensherrschaft. 27 


Sind aber die genannten Ortsnamen thatsächlich ,on Personen- 
namen herzuleiten? Ortsnamen werden entweder aus Personen- 
llamen oder aus Appellativen gebildet. Auch in der Lonyzer Ur. 
kunde von 1222 ist bei mphrpren Ortsnamen der Ursprung aus 
Appellativen mit der grössten Deutlichkeit zu erkennen, so bei 
Pasecno (piasek = Sand), Buc (buk = Buche), Gelenz Gelel! = Hirsch), 
Dambenz (dlj,b = Eiche), Glamboki (gl
boki = tief). K
trzynski 
hat nun bei der Erklärung dieser Ortsnamen den gl'ossen 
Iissgriff 
gethan, diese zweite Quelle für die Bildung' von Ortsnamen, die 
Appellativa, zu übersehen. Den Ortsnamen Jablonowo erklärt er 
aus pinem Personennamen, während jablOlI ganz einfach Apfelbaum 
heisst. Turzno soll nach einem Tur genannt sein; aber tur heisst 
auch der Auerochs, und die Ableitung von diesem Appellati\'um 
scheint sogar wahrscheinlicher zu sein; wenigstens nennt Miklosich, 
der in seiner Untersuchung über "die Bildung der Ortsnamen aus 
Personennamen im Slavischen" alle Suffixe aufzählt, die bei der 
Bildung von Ortsnamen aus Eigennamen vorkommen, die Endung 
-no (-n) dabei nicht) Auch Ploth ist nicht notwendig ein Eigen- 
llame j plot ist ein aus Geflecht hergestellter Zaun, Plutowo bedeu- 
tet also etwa ein eingehegtes Dorf. Ganz bedenklich ist das Bei- 
spiel von Warsz. Dieser Name steht nämlich gar nicht in der 
LOllyzer Urkunde, sondern hier wird ein Ort Clezchowar genannt. 
KEitrzynski teilt dies Wort in zwei Namen: Clezcho und War. 
Diese Kombination, gegen die Perlbach Bedenken erhebt,2) ist eine 
Sache für sich j aber auf den so gewonnenen r\amen eine derartig 
kühne Hypothese aufzubauen, - denn die Identität von Clezchowar 
und dem heutigen Warszewitz ist nicht im mindesten bewiesen - 
widerstreitet allpn Grundsätzen der historischpn Forschung. I
in 
fünftes Beispiel ist Klonowo, das in einer Urkunde von 1379 
Clonofczyk und einer andern von 1504 Clonaw genannt wird. Es 
unterliegt keinem Zweifel, sagt KQtrzynski, dass Clonofczyk der 
Name des ursprünglichen Lokators des Dorfes gewesen ist, der ein 
Pole war, und nach dem der Ort der Sitte gemäs8 den Namen 
t Klonowo erhielt. 3 ) Nun heisst aber der Ahorn auf polnisch klon j 


1) Miklosich, Denkschriften der Wiener Akademie (Philos.-hist. Klasse), 
Wien 1
ß5. S. 9 fI. - Denkschriften der Wiener Akademie 1865. 1871 (Miklo- 
sich, die slavischen Ortnamen aus Appellativen) 
. 95. 
2) Perl bach, preuss.-poI. Studien I. 34; im Jahre 1258 kommt dei' 
ähnlich gebildete Name Mucowar im Knlmerlande vor. 

 3) K
trzynski 65. Wölky 274. 618.
		

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			8 


I. Die Ordenszeit. 


der Ortsname ist also nicht von dem eigens dazu erdachten Eigen- 
namen abzuleiten, sondern von dem Appellativum; zu dem Suffix 
-ow, das sowohl an Appellativa als an Eigennamen angehängt 
werden kann,]) ist die Deminutivendung -czyk getreten, die sich 
später wieder abgeschliffen hat. 
Man sieht, wip überaus unsicher die Grundl;Jge ist, auf der 
K
trzynski seine Schliisse aufgf'baut hat. Seine erste V oraus- 
setzung, auf der all3s ührige beruht, dass nämlich jene Ortsnamen 
von Personennamell ahgeleitet sind, ist falsch. Seine ldee, aus 
der Form der 0rtsnamen, wie r:,ie die Zufälle der Überlieferung 
uns gegeben haben, t'inen Schluss auf die Bewohner eines Ortes 
in t'inem bestimmten Jahre ziehen zu wollen, ist geradezu groteRk 
phantastisch. Die polnischen Ortsnamen im Kulmerlande und in 
der J.öbau lassen, wie wir noch genauer sehen werden, nicht den 
geringsten Schluss auf die Nationalität der Ortsbewohner zu. 
Zur Kolonisierung gehören drei Dinge: ein Bevölkerungsüher- 
schuss in dem Lande, von dem die Kolonisation ausgehen SGll, 
militärischer Schutz des zu besiedelnden Gebiets und günstigere 
wirtschaftliche Bedillgullgen für die Ansif'dler, als ihre Heimat 
ihnf'n bieten kann. Polen war, wie das Beispiel Schlesiens und die 
deutsche Einwandf'rung in Polen selbst zeigt, diinn bevölkert; in- 
dessen wäre die Besit'delung eines kleineren Bezirkes wie des 
KulmerlandeR wohl Dicht unmöglich gewesen. Aber ganz unerfüllt 
blieben die beiden andern Bedingungen. Die Polen konnten den 
Einwanderern im Kulmerlande keinen genügenden militärischen 

chutz bieten, Und ebensowenig erwarteten die polnischen Ansied- 
ler günstigere wirtschaftliche Verhältnisse als in Polen selbst, da die 
grossen Grundherrschaften des slavischen Adels den Bauern wenig 
Freiheit und Selbständigkeit gewährten. Erst unter dem militäri- 
schen Schutz des Ordons und befördert durch die Vorteile des 
kulmischen Rechts hat sich die Besiedelung des Kulmerlandes wie 
des übrigen Preussens vollzogen. 


3. Das Eesiedelungswerk des Ordens. 
Das I\:olonisationswerk des Ordens harrt noch der Geschichts- 
schreibung. Selbst der äussere Fortgang der llesiedelung ist nur 
ganz oberflächlich bekannt, insofern man nämlich die Gründungs- 
jahre der Städte weiss. Fiir die Erforschung der Besiedelung des 


1) Miklosich, Ortsnamen aus Appellativen 9G.
		

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			3. Das Besiedelungswerk des Ordens. 


29 


flachen Landes ist bisher sehr wenig geschehen, und doch bedarf 
es gerade hier genauer Einzelforschungen, um zu be;;timmtpn 
Ergebnissen gelangen zu können. 
Dass das Kulmerland erst durch den Orden systematisch neu 
besiedelt worden ist, kann man deutlich aus don Zinsregistern des 
15. Jahrhunderts erkennen. Diese verzeichnen im Kulmerlande mit 
minimalen Ausnahmen nur Rufen, aber keine Haken) Der Haken, 
das polnische und preussische hölzerne Ackergerät, bedeutet hier 
das mit dem Haken bestellte Land und entspricht als Ackermas8 
anderthalb Hufen. Da die Zinsverhältni,:se der Hufen und Haken 
yerschil'den waren, erfahren wir aus den Zinsbüchern, wieviel Land 
auf polnisch-preussische und wieviel auf deutsche Art bewirtschaftet 
wurde. Während nun sowohl in den eigentlichen preussischen Gauen 
als auch in dem slawischen Pomerellen im 15. Jahrhundert noch 
häufig genug dpr Haken neben der deutschen Hufe genannt wird, 
fehlt der Haken wie gesagt im Kulmerland. Hier hat die deutsche 
Wirtschaftsweise und -Verfassung die polnisch-preussische vollständig 
verdrängt. Als der Bischof von Kulm sein Domkapitel mit Grund- 
besitz in der Löbau ausstattete, bestimmte er ausdrücklich die Ein- 
führung des kulmischen Rechts. 2 ) 
Ein arger Irrtum Kfttrzynskis ist es zu meinen, dass die 
Thätigkeit des Ordens sich im Westlichen auf eine genauere Ver- 
messung der Dörfer zu Ste\J.erzwecken beschränkt habe. Wir 
haben die Lage des Kulmerlandes um 1230 kennen gelernt. 
Obwohl man sich ein Gebiet, das der Ol'den noch nicht zu kolo- 
nisieren begonnen hatte, nicht als völlig menschenleer vor;;tellen 
darf - in der Löbau werden 1240 preussische Grundbesitzer er- 
wähnt - so war es sicher doch sehr dünn bevölkert und unvoll- 
ständig und in äusserst primitiver Weise angebaut. Überall werden 
den neuen ßinwandrern Preijahrc gewährt; es wurde ihnen eine 


I) Töppen, Zinsverfassung 50 ff., bes. S 52.- In Urkunden über 
Gutowo von 1429 (Wölky 437) und Jellen von 1442 lKönigsberger Staats- 
archiv, Handfestenband VIII. BI. 114) ist ebenfalls von Haken die Hede; 
Bischofsscheffel und Pflugkorn werden so bestimmt, dass von jedem Pfluge 
je I Scheffel Roggen und Weizen und von jedem Haken I Scheffel Weizen 
gegeben werden Bolle. Es ha.ndelt sich hierbei also nur um eine formell 
gen aue Wiedergabe der ursprünglichen allgemeinen Bestimmung; man darf 
umsoweniger da.rausfolgern, dasB in beidenOrten noch das preussisch-polnische 
'Virtschaftssystem geherrscht habe. als die ausführlichen Zinsregister der 
Strasburger Komturei in Jellen nur Hufen kennen. 
. 2) Wölky 7
.
		

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			an 


I. Die Ordenszeit. 


angemessene Frist zur Urbarmachung des Bodens gelassen, ehe sie 
Grundzins und Scharwerk zu leisten hatten. Und beu'ichnend 
ist die hohe Zahl von l!'reijahren; in Zmiewo warell es [) Jahre, in 
in Golkowo und :\liesiouskowo 8, in Sugaino, Glemboczek, Polnisch 
Brzozie, Janowko 10 und in Grondzaw 12. 
Die Einfiihrung der deutschen Wirtschafts verfassung fällt zu- 
sammmen mit der Einführung des kulmischen Rechts, womit im 
Kuhnerlande ebenso Polen wie Deutsche bewidmet wurden. W cnn 
ein Dorf kl11miRches Recht erhielt, so wurde ihm damit die deutsche 
Hufenverfassung gegeben. Die Dorfflur wurde vermessen, und zwar 
so genau, dass wo die Grenzen sich nicht später vf'fändert haben, 
noch heute die Arealangaben der Ordenszinsbi'tcher mit dem 
jetzigen Flächeninhalt nahezu übereinstimmen. Die Dorfgemarkung 
war in drei Pelder eingetheilt. wovon eins zur Winterung, eins 
zur Sommerung und das dritte zur Brache benutzt wurde. Die 
drei Felder zerfielen in mehrere Gewannen, in denen die Ackedoosc 
der Bauern lagen, so dass ein jeder einen Teil von jeder Ge- 
wanne besass. Auf diese Weise wurden die Verschiedpnheiten der 
Bodengüte ausgeglichell. Bei der gros sen Zahl dieser überall im 
Gemenge liegenden Ackerstücke war nicht daran zu denkpn, dass 
jeder Besitzer einen eigenell Weg zu jeder spiner Parzellen haben 
konnte, weil dadurch viel zu viel Land verloren gpgangell wäre; 
für die FeldbesteHl1ng bestanden dagegen überall Überfahrtsrechte. 
Die Überfabrtsrechte konnten natürlich nicht geltend gemacht 
werden, so lallge das Getreide stand; die Bewirtschaftung musste 
also gleichzeitig und gleichmässig geschehen. Unbeschränkt 
herrschte der Flurzwang. Auf Beschluss der Gemeinde wurden die 
Lose der einzelnen Gewannen gleichzeitig gepftügt und mit demselben 
Getreide bestellt. Wenn die Saat aufging, wurde das Feld gegen 
das draussen weidende Vieh abgezäunt;l) und wieder die Ge- 
meinde beschloss den Zeitpunkt, wann die Ernte beginnen sollte, 
nach deren Einbringung die Zäune entfernt wurden. Siedelten 
sich also in eint'ill Dorf zugleich Deutsche und PolpTl an, so wurdpn 
diese auf eine :sehr einfache Weise gelehrt oder vielmehr ge- 
zwungen, sich der deutschen Wirtschaftsweise anzupa!'sen. 
Die planmässige Kolonisierung des Ol'dens konnte erst be- 
ginnen, nachdpm das Land gegen die Einfälle der Heidpn mili. 
1) In den Golluber Stadtbüchern kann man bis weit ins vorige Jahr- 
hundert den jährlich wiederkehrenden Beschluss verfolgen, die Sa.at auf 
dem Stadtfelde einzuzäunen. 


-
		

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			3. Das Besiedelungswerk des Ordens. 


31 


tärisch geschützt war. Erst welln eine Burg gegründet war, konnte 
da6 von ihr aus beherrschte Land besicdelt werden. Aber nur 
allmählich griff die Macht des Ordens um sich. Die Deutschherren 
folgten bei der Eroberung Preussens den Wasserläufen. Die Weichsel 
und die Ostsee waren damals die wichtigsten, fast die einzigen Ver- 
kehrsstrassen, die miHtärischs Beherrschung des Landes beruhte 
aber auf der Möglichkeit einer schnellen Verbindung auch zwischen 
den entfernteren Ordensschlössern. So schob sich zunächst ein 
Kranz von Burgen an dem rechten Ufer der Weichsel hinauf bis 
zur 
lündung und zog sich weiter an dem Haff pntlang j 1254 war 
Königsberg gegründet. Von diesen festen Plätzen liess sich aber 
immer nur eill schmaler Streifen landeinwärts beherrschen, und e:! 
dauerte lange, bis eine zweite Linie von Burgen in das Innerp 
des Landes vorgescl1oben war. Im Kulmerlande war im Jahre 
1234 Schloss Rehden erbaut worden, das mehrere Jahrhunderte 
lang die östlichste Ordensfeste des h..ulmerlandes blieb, bis 
Schönsee gegründet wurde. Nur an einem Punkte hatte der Ordell 
3chon früher die Grenze des heutigen Strasburger Kreises be- 
rÜhrt, und zwar in Plowenz. Auch hier dem Wasser folgend, war 
er die Ossa aufwärts vorgedrungen, und hatte auf der alten 
Heidenfeste Plovenzo eine Burg anlegen lassell. Es war kein 
Ordensschloss, ein Landritter hatte sich an diesem vorgeschobenen 
Posten angesiedelt; 1m Jahre 1257 bestand hier schon eine 
Kirche.1) 
Die Aufstände der Preussen nahmen viele Jahre lang die 
ganze Kraft des Ordens in Anspruch; war doch mehrmals der 
ganze Bcstand seiner Herrschaft bedroht. Fast ein Menschenalter 
hindurch schehlt die Besiedelungsthätigkeit ganz geruht zu haben. 
Erst nachdem 1273 der grosse Aufstand niedergeworfen wal'. 
konnte das Werk weiter fortschreiten. Im Jahre 1274 wurde die 
Stadt Schönsee gpgründetj zwanzig Jahre später konnte dpr Orden 
6eille Herrschaft weiter uach Osten vorschieben. Im Jahre 1293 
erwarb er das Obereigentum an dem Golluber Besitz der Leslauer 
Kirche, deren Kolonisationsversuch verunglückt war. Auch hier 
war er dem Lauf eines Flusses, der Drewenz, gefolgt. Bald wurde 
das Dorf Gollub zur ::::itadt erhoben; 1291j wird die Burg erwähnt,2) 
Kurz darauf, im Jahre 1298, war ein paar Meilen oberhalb von 
Gnllnb an dpr Drewenz die Stadt Strasburg gegründet. 
I) Wölky 36. 
2) Script. L 163.
		

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			32 


J. Die Ordenszeit. 


Den Namen hat Strasburg von seiner Lage; es ist die Burg 
an der Strasse, die hier über die Drewenz führt) Der Fluss 
hietet auf der Strecke von Strasburg bis zur Mündung in die 
Weirhsel nur drei bequeme Übergänge: bei Strasburg selbst, bei 
Gollub und Leibitseh. Trils sind die Ufer zu steil, teils auf der 
einen Seite hoch und auf der andern niedrig; anderwärts hindert 
Sumpfland, das in jener Zeit viel ausgedehnter war wie heute, den 
Übergang. Strasburg, Gollub uud Leibitsch spielen daher die 
ganze Ordenszeit hindurch eine wichtige Rolle als Übergangs- 
punkte an der Landesgrenze. Bei der Uründung dieser Orte galt 
es natürlich die Drewenzlinie militärisch zu sichern, doch dachte 
man dabei weniger an die Polen als an die Preussen. Namentlich 
ruit den masovischpn Herzögen lebte der Orden noch lange in 
gutem Einvernehmen, dagegen hatte mall sich vor den Überfällen 
der Preussen und Littauer vorzusehen. Diese benutzten bei ihren 
Einfällen, die sich namentlich auf das Kulmerland richteten, zwei 
Wege, die nördlich und südlich von dem unwegsamen Seengebiet 
des Strasburger Kreises, wo Urwald und Sumpf den Durchmarsch 
hinderten, \orüberzogen. Der nördliche Weg führte über Plowenz 
im Kulmerland, im Jahre 129] ist von einer alten Strasse am See 

ugaino die Rede ;2) der südliche überschl'itt bei Strasburg die 
Drewenz. So drangen die Natanger um 12ü3 an der Stelle, wo 
t'päter Strasburg gpgründet wurde, über die Drewenz, und kamen 
auf ihrem Raubzuge bis vor 'l'horn. 3 ) Offenbar auf demselben Wege 
fiel 1272 der Bartenhäuptling Diwan ins Kulmerland, der bei der 
Belagerung der Burg 
chönsee seinen Tod fand. Die Sudauer 
wählten 1277 den nördlichen Weg und kamen bis vor Plowenz. 
Skumand belagerte den Rittersitz hart, und die Not der deutschen 
Besatzung wurde so gross, dass sie nur durch eine Verräterei 
ihr Leben retten konnten. Sie gaben den Heiden zwei wegekun- 
dige l\Iänner mit, die sie durch das eigene Land lühren . sollten. 4 , 
Später kamen die Littauer. Diese wäLlten in den drei Einfällrll 
von 1::!9G, 12f'
 und 1300 den südlichen Weg. 1296 verheerten 


1) Zur Ordenszeit hiess die Stadt Strasberg. Berg und Burg be- 
deuten dasselbe; es ist bei dem in der Flussniederung gelegenen Ort 
natürlich nicht an eine Anhöhe zu denken, sondern an das Bergen, den 
Schutz der Strassen. V gl. Grimms Wörterbuch 
2) Wölky 88. 
3) Script. I. 126. 
4) Script. J. 137. 


1 
, 


I
		

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			. Das Besiedelungsw6rk des Ordens. 



3 


sie 5 Dörfer bei Gollub;1) 1
9
 überlielen sie die neugegründete 
Stadt Strasburg, erschlugell die Männer, schändeten das Heiligtum, 
und I:!chleppten Wpiber und Kinder in die Gefangenscbaft;2) 1 :JOO 
sptzte wiederum ('in Littauerhaufen iiber die Drewenz und brannte 
zwei Dörfer im KulInerlande nieder.:':) Koch im Jahre 132:J kam 
ein Littauereinfall vor; sie hattpn das Land Dobrin verheert, kamen 
über die Drewenz und erschlugen bei Strasburg 60 Men8chen. 4 ) 
Das GründlIngsjahr von Str3sburg steht nicht genau fest. Die 
Ältere Rochmeisterchronik bemerkt bei dem Ueberfflll der Littauer 
im Jahre 1298, dass Strasburg "neulich zu eiuer Stadt hesetzt" 
war. 5 ) Zugleich mit den Städten wurden natürlich auch Ordens- 
festen; zUllächst wohl nur ein hefestigtes Lager, angelegt. Dass zu 
Strasburg ein Ordensk011vent ehen falls schon 1298 bestanden hat, 
erfahren wir aus der Gründungshandfeste des Dorfes Zmiewo, dpsspn 
Bewohner die bäuerlichen Abgaben an das Strasburgpr Haus zu 
entrichten hatten,B) 
Über die Besiedelung des platten Landes fliessen die Nach- 
richten ziemlich spärlich. J\' icht alle Nachrichten von dem V or- 
handensein einzelner Ortschaften geben uns Anhaltspunkte dafür. 
Wenn z. B. die Urkundell aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts 
Landritter wie Bartholomäus von Gajn (Gaiewo), Heinrich de Campo 
(Feldehell, Napole) und Heinrich von Delpn (Dilewo) als Zeugen 
nennen, so erfaLren wir damit doch nichts, was für die Besiede- 
lungsgescLichte von Belang ware. Entscheidend sind vielmehr nur 
bestimmte Nachrichten über die Einführung des kulmischen RechtB 
und damit der deutschen Wirtschaf'tsverfassung. Hierüber belehren 
uns fast ausschlie8slich die Urkunden der Zinsdörfer. Weiteres 

faterial giebt uns die Kunstgeschichte an die Hand. Wo die Ur- 
kunden schweigen, sprechen die ehrwürdigen Dorfkirchen, deren 
gotischer Stil mit vollster Gewissheit den deutschen Baumeister 
,-errät, und deren Stileigentümlichkeiten den Kenner ihre Ent. 
stehungszeit nicht nur auf das Jahrhundert, sondern auf den engeren 
Zeitraum weniger Jahrzehnte bestimmen lasRen. 7 ) 


I) Script. 1. 163. 
2) Script. I. 164. 
3) Script. 1. 166. 
4) Cod. dip!. Pruss. H. 140. 
5) Script. IB. 684. 
6) Vgl. den Anhang I Nr. 1. 
7) über die Gründungszeiten der Kirchen vgl. Heise, die Kunst- 
3
		

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			34 


I. Die Ordens zeit. 


Übet" die ßesiedelung des Gebietes der Golluber Komturei 
Hind wir am besten unterrichtet. Zu der Komturei gehörten nach 
den Zinsverzeichnissen des 15. Jahrhunderts 11 Dörfer: Scampen, 
Crausen, Osterwitz, Plewskewanz. Reddewisch, Lowdaw, Polkow, 
ReyniHchdorf, Linde, Neudorf und Leysaw (Skemsk, Kronzno, O"tro- 
witt, Pluskowenz, Radowisk, Lobdowo, Pulkowo, Wimsdorf, Lipnitza, 
Neudorf und Lissewo). Nur von vieren dieser Orte, nämlicb von 
Pulkowo, Lipnitza, Neudorf und Lissewo können wir die Zeit ihrer 
Gründung nicht bestimmen. Ostrowitt, Pluskowenz und Kronzno 
'Waren, wie wir gesehen haben, polnischen Ursprungs. Von 
keIll:;k 
besitzen wir eine Urkunde von 1310, worin der Verkauf dps 
"Scbulzenamtes oder des Gerichts" bestätigt wird ;1) es war also 
damals schon ein kölmisches Dorf. Wann in Kronzno die deutsche 
Hufenverfassung eingeführt wurde, ist unbekannt. In Ostrowitt be- 
stand sie 1316, wo ein Vprkauf des Schulzenamtes oder des Gericht:'! 
bestätigt wird.:!) In Pluskowpnz war sie um 1
1l durchgefÜhrt; 
der Komtur urkundet, dass er mit den Bauern über ibre Handfeste 
und über ihren Besitz verhandelt und ihnen das kulmische Recht 
verliehen habe.") Lobdowo ist von dem Landkomtur Günther VOll 
Schwarzburg (1:}02-9) angelegt worden. 4 ) Reynischdorf erhielt 
l:U 7 seine Handfeste zu deutschem Recht, war aber schon vorher 
angelegt worden; die Urkunde erwähnt nichts von 
'reijahren, die 
mindestens secbs Jahre zu umfassen pflegtenJ») Rauowisk wird ur- 
kundlich zuerst 1340 erwähnt, die Kirche stammt aber schon au" 
den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhullderts. Die Ostrowitter 
Kirche ist um 1300 gebaut, die Wimsdorfer bald nach IHOO, die 
Pluskowenzer in den ersten Jahrzehnten und die Lobdower in der 
ersten Hälfte deR 14. Jahrhunderts. 
Wir sehen also, dass von den 11 ZiusdörIern der Komturei 
die sechs, von denen wir Nachrichten besitzen, ungefähr in den 
ersten zwanzig Jahren, nachdem Gollub zu einem Ordenshause ge- 
llJacht worden war, bereits gegründet warCll. Diel;e sechs Dörfer 


und Baudenkmäler des Kreises Strasburg. Es ist bemerkenswert, da:ss 
Reises Urteil über die Erbauungszeit der Kirchen von Lobdowo und Wims- 
dorf durch die H.mdfesten der Dörfer, die er noch nicht kannte, indirekt 
bestätigt wird. 
11 Vgl. den Anhang I NI'. 3. 
2) Vgl. den Anhang I Nr. 5. 
3) Vgl. den Anhang I Nr. 4. 
4) Vgl. die Ortsgeschichte. 
5) Vgl. den Anhang I NI'. 6. 7. 


I
		

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			.... 


Besiedelungswerk des Ordens. 


35 


umfassen 3:30 Hufen. Die Planmässigkeit der Besiedelung ist hier 
durch vollkommen erwiesen. 
Aus der Strasburger Komturei besitzen wir wpniger Xachrich- 
ten. Zmipwo ist 1298 angelegt worden, also unmittelbar nach der 
Gründung d
r Stadt und des Konvents zu Strasburg. Die Gewäh- 
rung von sechs Freijahren zeigt, dass es eine N"eusiedelung war) 
Kauken (Kawken, Hermannsrub), eine ältere Ansiedelung. erhiplt 
1;303 kulmisches Recht. 2 ) Die Kirche zu Frotzkau (Wrock) stammt 
aus dem Ende des 13. Jahrbullderts. Die zu Crossen (Gross Kru- 
schin), Liebenberg (Lemberg) und Nesewanz (Niezywiens) aus den 
ersten Jahrzehnten, die zu Rrowsen (Brudzaw) und in dem Gut 
Mockenwald (Dembowalonka) aus der ersten Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts. Die Kirche in dem bischöflichen Gut Bobrau ist schon 
Ende des 13. Jahrhunderts gegründet worden. Das elltlegenere 
Lpynaw (GOI'al) wurde 1322 angelegt.3) Von den 19 Zilisdörfern 
der Komturei, die im Kulmerlande lagen, sind demnacb sieben be- 
stimmt in den ersten 25 Jahren nach der Gründung VOn Strasburg 
angelegt. Dpr Fläcbeninhalt dieser sieben Dörfer beträgt 487 Hufel!. 
Die Löbau wurde erst in den Verträgen von 1289 und 12
1 
cndgiItig aufgeteilt. Ortschaften werdpn in dem Vertrage bezeicb- 
nender Weise nicht erwähnt, sondern nur die beidf'n Seen Zambre 
UTld Suchaina, nach denen später die Dörfer Zemurze und Sugaino 
henannt wurden. Zwar bedang sich der Bischof von Plock aus, 
dass von den 300 Hufen, die er bekam, höchstpJls 40 Huft'n 
unangebautps Land (extra borram positos) wäre. 4 ) indessen ist es 
wohl zwpifellos, dass die Kolonisierung erst im Anfallg des 14. Jahr- 
hunderts begann. 5 ) In dem Allteil des Kulmpr Kapitels wurde 
1:310 Sugaino gegründet.6) .ocr Bischof von Plock liess liJlO 
Polnisch Brzüzie und 13]2 Glemboczek und Janowko anlegen.') 
nie Vedeihungen f'rfolgten sämtlich zu ueutschem Recht. Dcn 


I) Vgl. den Anhang [ 
r. 1. 
2) S. den Anhang I Nr. 2. 
8) V gl die Ortsgeschichte. 
4) Wölky RI f. 
5) Dusburgs Nachricht, 50 Littauerhätten 1803 in der Löbau "viele Dörfer" 
geplündert (Sript. I 169). i"t wegen ihrer Unbestimmtheit nicht zu verwerten. 
6) \\' ölky 111. 
7) Kl
trzynski in Sprawozdanie z czynnosci zakladu narodowego 
imienia Ossolinskich. 188S. S. 107-12. Die beiden Dörfer Broze und 
Zambsre (a. a. O. 109) sind das heutige Janowko. Vgl. die Ortsgeschichtl' 
von Janowko und Poln. Brzozie. 


:1*
		

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			3ti 


I. Die Ordenszeit. 


Leuten, "die diese Dörfer bewohnen werden", WIe e
 in den Plocker 
Urkunden heisst, wird die hohe Zahl von 10 Freijahren "zur 
R.odung und UrlJarmachung" (ad exstirpandos agros et silvas ex- 
colendas) gewährt; ebenso den Ansiedlern von Sngaino. 
Wir erkennen also auch hier die Planmässigkeit des V or- 
gehens, und besonders interessant ist es zu sehen, dass die heiden 
Kirchen zu gleicher Zeit die Besiedelung in die Band nehmen. 
Über die Besiedelung des Lautenburger Gebiets haben 
wir keine unmittelbaren urkundlichen Nachrichten. einen indirekten 
Anhalt bietet aber die Kolonisation der Nachbargebiete. hn Jahre 
13:21 wurden im Lande Sassen, das an die Löhau grellzte, östlich 
von Gilgenburg 1440 Hufen an Heinemann von Wansen, Peter von 
Heselecht u. a. verliehen.!) Die V crleihung einer Flache von vier 
Quadratmeilen faud zur Ordenszeit immer nur dann statt, wann der 
Orden seine Macht in ein noch nicht wirklich in Besitz genommenes 
Gebiet vorschob, wo also die Beliehenen für den militärischen 
Schutz selbst zu sorgeu hatten. Bald darauf, IB25, wurden eine 
Reihe von Gütern z
 40 und 80 Hufen ausgethan; 132li wurde die 
8tadt Gilgellburg gegründet. Im Jahre vorher war in der west. 
lichen Löbau Neumark gegründet worden. Um 1310 war, wie wir 
gesehen haben, die Besiedelung des südwestlichell Teils der Löbau 
bereits in Angriff genommen. Der Beginn der Besiedelung des 
Lautenburger Gebiets wird demnach in die Zeit zwischen 1310 und 
1325 zu setz
n sein. Die sich an den Namen knüpfende Kom- 
bination, dass die Stadt I/autenburg, die zur Ordenszeit r...uterberg 
hiesd, von dem Landkomtur Otto von Lutterberg (1320-1331) ge- 
gründet worden sei, scheint sich hiernach zu bestätigen. Es ist 
dabei zu bemerkell, dass in Lautenburg keine Ordensburg gestan- 
den hat. Die Besiedelung des Gebietes dürfte mit der des Landes 
Sassen etwa zu gleicher Zeit unternommen worden sein, sodass 
die westliche Landschaft des Schutzes durch eipe eigene Burg nicht 
bedurfte. 
Im zweiten Jahrzehnt des ]4. Jahrhunderts begann auch die 
Besiedelung des Teiles von Masovien, der zum Strashurger Kreise 
gehört. Ebenso wie die Besitzung des Bischofs VOll Plock blieben 
auch die Michelau und die 200 Hufen bei Granzewo bei der 
}'locker Diözese. Im Jahre 1312 wurde mit dem Bischofe verein- 
bart, dass er von den hier neu zu grÜndenden Dörfern llach Ab. 
I 


! 
, 
, 
I 
+ 


1) Töppen, Geographie 183
		

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			3. Das Besiedelungswerk des Ordens. 


:37 


I 
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laut von sieben Freijahren allstatt des Getreidescheffels einen Geld- 
zins von 90 Mark erhalten sollte, dip ihm in einigen Dörfern an- 
gewiesen würden, die in der Nähe der bischöflichen Besitzungen 
lägen. Die bischöflichen Güter, die staatsrechtlich zum Ordens- 
lande gehörten, sollten frei von Ordensabgaben sein, und der kirch- 
lichell Gerichtsbarkeit unterstehen. Die Gerichtsbarkeit erhielt 
einen gewissen territorialen Charakter ; Vergehen bischöflicher 
Unterthanen, die auf Ordensgebiet verübt würden, sollte der Orden, 
Vergehen, die sich Ordensunterthanen auf bischöflichem Lande zu 
Schulden kommen Hessen, sollte der Bischof richten.!) Im Jahre 
1325 wurden diese Bestimmungen dahin abgeändert, dass der Orden 
dem Bischof das Dorf Jastrebe (Jastrzembie) mit 60 Hufen und 
einem Zins von 56 
Iark abtrat, und ihm zugleich je vier )Iark 
Zins in Szczuka, Cielenta uno Swirczyn anwies. Indessen blieb 
Jastrzembie staatsrechtlich bei Prpussell, was aus der besonders 
betonten Pflicht des Ordens hervorgeht, das Dorf im Kriegsfall 
sowie seine eigenen Dörfer zu verteidigell. 2 ) 
Im Jahre 1317 wurden auf Heideland (in mericis) die bischöf- 
lichen Dörfer Gross Golkowo und Neu Mesanczkowo angelegt. Die 
Bauern, die zu kulmischem Recht angesetzt wurden, erhielten acht 
Freijahre. 3 ) Im Jahre 1322 wurde Granzewo gegründet, dessen 
Lokator 12 Freijahre zugebilligt wurden. 4 ) Als 1:125 in Gurzno 
eine Kirche gestiftet wurde, bildeten die beiden Golkowo, dip 
beiden Mesanczkowo, Gurzno selbst und Osuchowo (Szczutowo) das 
neue Pfarrsystem. 5 ) Im Jahre 1327 endlich wurde die 
tadt Gurzno 
gegründetj6) die Kirchen von Szczuka, Cielenta und Gorczenitza 
sind ebenfalls in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbaut 
worden. 
Die bisherigen Untersuchungen lassen ziemlich deutlich die 
Planmässigkeit der Besiedelung erkennen, sowohl in dem Gebiete 
des Ordells als des Bischofs von Plock, der dem Beispiel seines 
Nacbbarn folgte. · Freilich ist nur von einer verhältnissmässig 


I) Cod. dipl. Pol. IV. Nr. 48- 
2) Cod. dipl. Pruss. n. 150. Töppen Geographie 82. 
3) K
trzynski, sprawozdanie _z czynnosci zakladu narodowego Iml' 
nieme. Ossolinskich 1888 S. 118-21. 
4) Metryke Koronne (Warschauer Archiv) Bd. 137. S. 132. S. den 
Anhang I Nli" 10. 
5) Wölky 145. 
G) Metryke Koronne Bd. 37. S. 125. S. den Anhang I 
r, 
I.
		

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			38 


I. Die Ordenszeit. 


kleinen Zahl von Ortschaften die Gründungszeit oder die Bewidmung 
mit kulmischem Rechte bekanllt. Vermutlich ist die Bei:3iedelung 
sehr viP} intensiver gewesen, als sich urkundlich nachwei5en lässt, 
namentlich dürfte sich die Besiedelung eines Gebietes, da
 einmal 
in Angriff gellommen worden war, in eine kürzere Zeit zusammen- 
gedrängt haben. Indessen geht es nicht an, au
 dem geringen Ur- 
kundenmaterial eilles kleinen Bezirks allgemeinere Schlüsse zu ziehen. 
Kurz erörtert werden muss noch das Verhältnil'! der ländlichen 
KolonÜmtion zu der Städtegründung. Die grosse Zahl der Ordens- 
burgen und Komtureien in Preussen lehrt, dass die Besiedelung 
VOll dem militärischen Schutze der Landschaft abhängig war. Aber 
abgesehen von dem westlichen Teil des Kullllerlandes wurdf'u selten 
Burgen gegründet, ohne dass sich eine städtische Niederlassung 
darangeschlossen hätte.!) Die Städte wurden ebenso !'ystematisch 
angelegt, wie die Dörfer und Güter. Zu dem militärischen Prinzip 
tritt ein wirtschaftliches. Die Landwirtschaft und die bürgerlichen 
Gewerbe bedurften einander, welln sie zur Blüte gelangen sollten. 
Zwar trieb der Bauer der Ordenszeit in hohem Grade Eigenwirt- 
schaft. "Der deutsche Bauer" sagt Meitzen, "hat noch bis ill späte 
Zeit fa
t alle seine BedürfniBbe selbst zu befriedigen gesucht. Er 
Imt ge!>ponllen, gewebt, ge
chneidert, gemahlen, gebacken, gebraut, 
Seife gekocht, Eisen geschmiedet, ja geschmolzen, Gerät, Wagen 
und Pflug geff'rtigt und seiD Haus mit. Hilfe der Nachbarn ge- 
zimmert, geklebt und unter Dach gebracht."2) Andrerseits war er 
auf den Absatz seines Überschusses an Produkten auf dem städtischf'n 
Markte angewiesen. Denll in den meisten Fällen hatte er seinell 
nicht unbedeutenden Grundzins in barem Gelde zu zahlen. Von 
den 38 Zinsdörfern der beiden Komtureien Strasburg und Gollub, 
zahlten nur drei, Szabda, Szczuka und Gorczenitza einen Natural- 
zins. In Zbiczno war der Naturalzins 14i8 auf Bitten der Bauern 
in einen Geldzins verwandelt worden. Für dell Orden galt es also 
Yerkehrsmittelpunkte zu schaffen. Und zwar durften die )Iarkt- 
l,lätze nicht zu \\ eit von einander entfernt sein, damit der Land- 
wirt nicht an der weiten Fracht auf den zweitellos sehr schlechten 
Wegel! zu viel zusetzte. Eine Entfernung von mehr als 3.-4 Meilen 
t','"ehien damClls für Getreidefrachten schon zu weit. In den Yer- 


I) 1m Kulmerlande sind deren mehrere wie Roggenhausen, Papau, 
Birglau. Engelsburg und a. 
2) Meitzen, "AnsiedelulIg" (Handwörterbuch der StaatswissenschafteIl
) 
1. 356. 


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			3. Das Besiedelungswerk des Ordens. 


39 


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trägen von 1248 und 1255, durch die der Bischof von Kulm sich 
mit den Bewohnern des Kulmerlandes über den Bischofsschefl'el 
einigte, wird ausdrücklich ausbedungen, dass niemand verpflichtet 
sei, das Getreide weiter als drei Meilen zu fahren. Ähnlich he- 
stimmt der Bischof von Plock in den Handfesten von Golkowo 
und l\Iiesionskowo (1317). dass die Bauern das Zinsgetreiue nicht 
weitpr als 4 Meilpn zu fahren hätten. 
Betrachten wir nun die Verteilung der Städte in Ost- und 
,,- estpreussen, so sehen wir, dass es wohl wenige Orte giebt, die 
weiter als vier Meilen von der nächsten Stadt abliegen. Diese 
dichte Städtegründung ist kein Zufall, die schlechten VerkehJ's- 
yprhältnisse des Mittelalters verlangten eine weitgehende Dezentra- 
lisation des Verkehrs. Auch einzelne Dörfer hatten Marktverkehr. 
In Ostrowitt bestand 13]6 eine Fleisch- und eine ßrotbank, und 
nach den ZinsJ'egistern des 15. Jahrhunderts hatte Zmiewo zwei 
und Lernberg sogar fünf Fleischbänke. Die Städte andererseits 
hrauchten bald pine Getreideeinfuhr vorn Lande zur Versorgung 
der Bürger. Zwar waren die Städte selbst mit Land ausgestattet, 
aber sobald die Bevölkerung stieg, konnte das Stadtfeld llicht den Be- 
darf an Brodkorn decken. III seinem Aufsatz über die Epochen 
der Getreidehandelsverfassung . und -Politik sagt Schmoller: "Als 

tädte von 1-2000 Seelen, als neben dell Jahr- die Wochenmärkte 
sich bildeten, da enstand ein Anreiz für alle Ackerbauer der 
IÜichsten emgehung der Stadt, ÜberschÜsse für den städtil;chen 

Iarkt zu erzeu
en. Und so ist im Altertum und im :\Iittelalter 
die lange Epoche der Städte bildung und Städtegründung die Zeit, 
wo allerwärts dp)' Schwerpunkt des ganzen wirt
chaftlichen V p!,- 
kehrs in die Beziehungen des städtischen Marktps zu seiner länd- 
lichen Umgebung fiel. Der einzelne Bauer wic der grössere Be- 
sitzer brachte sein Getreide zur Stadt, verkaufte es da direkt an den 
städtischen Bürger; die Zahl solcher städtischen Bürger, die nicht 
mehr gellÜgende eigene Gttrcideproduktion hatten, musste wacL
l'u 
iu dem Masse, als die Stadt über 1000 
eelen himtUsging."I) 
Die Existenz einpr Stadt lockte die Ansiedler auch in das 
ftacbe Land und befördertc durch die Möglichkeit des Absatzes 
die Kultur des Landbaues. Andm'erscits gewährte sie den Eill- 
wandrern, die an eine höhcre Kultur gewöhnt in eine Wildnis kamt'lI, 


I) Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volks- 
wirtschaft 1896 R 70G 


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			40 


I. Die OrdenszeÜ. 


die Einfuhr ihrer Bedürfnissej Heringe, 
alz, Pfeffer u. s. w. sind 
schon frühzeitig wichtige Handelsartikel auch in den kleinen 
Städten, ja auf dem platten I
ande; den Dorfkrügern wird häufig 
ein Zins von Pfefi"er aufgelegt, denn dieser sehr wertvolle Artikel 
war damals bequemer zu transportieren, als bare Scheidemünze. 
Wenn der Orden die Besiedelullg des Landes mit der Gründung 
von Städten zu beginnen pflegte, so verfuhr er nach demselben 
Grundsatze, llach dem in unserem Jahrhundert die westlichen Staaten 
von Nordamerika kolonisiert worden sind. - 
Über die Wege illl Kreise Strasburg sind wir sehr wenig 
unterrichtet. 
chon im Jahre 1291 wird eine alte Strasse am 
ee 
SlIgaino erwähnt, wohl dieselbe, die nach einer Urkunde VOll 1378 von 
Sugaino am 
ee vorbei nach Polnisch Brzozie führte.!) In einer 
Beschreibung über Gutowo von 142f1 wird die Heerstrasse. (strata 
regia), von Gutowo über Klonowo nach Lautenburg gellannt. 2 ) In 
der Grenzbeschreibullg von zwei Hufen Landes, die der Hochmeister 
144i3 df'm Strasburger Stadtpfal"rer Andreas Santberg alll Niski- 
brodno-See verlieh, wird die Landstrasse von Strasburg nach Gross- 
Krawschin (Adl. Kruschin) erwähnt. 3 ) Im Jahre 1416 lässt der 
Hochmeister dem Herzog von Masovien schreiben, "dass wir zur 
Bequf'mlichkeit unser Lande ulld Leute eill Gebot haben gemacht 
und verkündigt, dass niemand ungewöhnliche 
trassen herein oder aus 
. diesen Landen soll ziehen, sondern ein jedermann soll ziehen die gewöhn- 
lichen Landstrassen, die auch niemand sollen sein verboten . . . . 
Nun vernehmen wir, dass eure Leute sind eingeschlagen und ge- 
zogen zwischen ,!'scholschaw und dem Sawerteige (Sloszewo und 
Sortika), da docb keine Strasse ist . . . .. "Lieber Hene, ge- 
ruhet eure Leute zu unterweisen, dass sie die alten gewöhnlichen 
Landstrassen ziehen, die auch niemand sollen sein verboten, und 
uns keine neueIl ungewöhnliche Strassen machen und auch unser 
Gebot halten..;4) Die Strassengerichtsbarkeit hat sich der Orden 
allezeit vorbehalten, während er sonst die hohe und die niedere 
Gerichtsbarkeit an die Landritter \ erlieb. 
V on Wasserbautell des Ordens sind zwei Unternehmungen 
zn nennen. Dammbauten an der Drewenz werden in einer UI'kuudH 
von 13]2 erwähnt. Der Bischof von Plock erwarb damals das 


1) Wölky 88. 271- 
2) Wölky 438. 
3) Vergleiche die Ortsgeschichte: Niskibrodno. 
4) Ständeakten I 295. f. 


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			Das Besiedelungswerk des Ordens 


41 


Dorf Bäl'walde im Kulmerland (Bahrendorf) ; seine dortigen Unter. 
thanen wE'rdell verpflichtet, bei Dammbauten (ad reformandum litus 
Drwance) Dienste zu leisten. Da Bahrendorf nicht an der Vrewenz 
liegt, so scheint diese Verpftichtung auch für die übrigen Bewohner 
des östlichen Kulmerlandes gegolten zu haben, obwohl wir andere 
Urkunden darüber nicht besitzen.!) 
Eiuen interessanten Wasserbau hat der Orden in der Löbau 
ullternOffimen. Er hat hier den Lauf eines Flusses verändert. 
Ursprünglich war die Wicker der Oberlauf der Wkra und floss in 
den Bug; deI' Orden aber dämmte sie zwischell Ciborz und Bölk 
durch )Iaucrwerk ab und leitete ilie in die Welle, wahrscbeinlich 
um diese und die Drewenz für die Flösserei brauchbarer zu machen.:?) 
Dies ist wohl schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ge- 
schehen. Ende des vorigen Jahrhunderts war der frühere Wasser- 
lauf noch deutlich zu erkennen. 1m Jahre 1793 beschrieb ihll der 
Kriegsrat Bock folgE'ndermassen: "Das ehemalige Bett der Wickel' 
ist Lesonders in und bei dem Dorfe Neuhof kenntlich. }Ian sieht 
an demselben, dass es der Schöpf
r für einen weit grösseren Fluss 
gemacht hatte, als der kleine Bach ist, der nach der Vprmauerung 
der Wickel' entstand und jetzt darinlJen fortströmt. Dieser 
Bach wird Martwica gemmnt, von dem polnischen Adjektivo 
martwy = tot, leblos. Dagegen aber sieht man auch wieder, dass 
das Bett der Wickel' oberhalb Lautenburg nicht für eine solche 
Menge Wasser gemacht, sondern dass es tiefer und breiter, als es 
ehedem war, gegraben worden sei. Hier ist es auch, wo es Kenn- 
zeichen giebt, dass sich der Fluss ehedem hin und wipder ver- 
sandet. und dann einen andern Gang durchwühlt babe."3) Heute 
besteht an dieser 
tene zwischen der Soldau, die durch jenen 
Bau aus einem Nebenfluss der Oberlauf der Wkra geworden ist, 
und zwiscuen der Welle eine Bifurkation j in dem grossen Über- 
scbwemmungsjahre 1888 trat das Wasser aus der 
oldau in das 
Gebiet der Welle über. 4 ) 


t 1) Wölky 115. 
2) Die früheste Erwähnung dieses Baues steht bei Hennenberger im 
Anhang zu der Erklärung der preussischen Landtafel S. 28. 
3) Baczkos Annalen des Königreichs Preussen 1793. S. 3!J. Töppen 
Geographie 6. 
4) Herr Oberför!!ter Hirschberg in Lautenburg teilt mir folgende Be- 
obachtungen mit: ,.Der Lauf der alten Wicker von Ciborz über Bölk und 
Neuhof muss damals einen sehr breiten Sumpf gebildet haben. Dies zeigt
		

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			4
 


I. Die Ordenszeit. 


4. Der ländliche Grundbesitz. 
Der ländliche Grundbesitz l ) weist zur Ordenszeit eme 
Mischung von Gütern und Dörfern auf. Die Güter gehörten dem 
Landadel. die Dörfer waren von Bauern bewohnt, die persönlich 
frei waren. Die öffentlich-rechtlichen Leistungen, die auf dem 
Grundhesitz ruhten, bestanden nach mittelalterlichem Grundsatz in 
,.Blut und Gut"; der Adel war zum Kriegsdienst verpflichtet, 
während die Bauern zinsen und scharwerken mussten. In den 
.Anteilen der Kulmer und Plocker Kirche herrschten. da sie eben- 
falL
 deutsches Recht eingeführt hatten, dieselben Verhältnisse wie 
in den Besitzungen des Ordens. 
Das Besitzrecht war vorwiegend das kulmische, das seinem 
Charakter nach ein Erbzinsrecht war, das aber verschiedene Formen 
annahm. Yon den Gütern, deren BauptJeistung in dem Kriegs- 
dienst hestand, wurde nur eine niedrige Abgabe, ein kölni8cher 
Pfennig und ein Pfund "\Vachs, "zu Bekenntnis der Herrschaft" 
d. h. zur Anerkenmmg des Obereigentums der Landesherrschaft er- 
hoben. Die Bauern in den Zinsdö:-fern hatten dagegen einen höheren 
Zim; zu elltrichtec, der dem Bodcnwert einigermassl'n entßprach. - 
}-ür die Güter kommt ferner im 15 Jabrhundert das magdehurgische 
Recht auf, das ein schlechteres ßesitzrccht war, insofern es die 
weiblichen :Kacbkommen von der l'
I'bfolge aw'schloss. Ferner waren 
im Kulmerlande, in der Löhau und Michelau mehrere Gü tel' zu 
polnil5Chem und preussischem Rl'cht aU8getban. 


.. 


sich an dem jetzt trockenen und 'hoch liegenden, durch Moorbildung 
schwarz gefärbten Sandboden. Die Ableitung der Wicker muss zwischen 
Ciborz und Bölk erfolgt sein, was sich aus der Geländebildung leicht her- 
leiten lässt, ohne dass eine ganz l.estimmte Stelle bezeichnet werden könnte. 
Später hat man nun das alte, versumpfte Bett nach der jetzigen Welle 
},in durch einen Graben noch weiter entwässert. Der ,,' eg von Ciborz 
nach Bülk führt Über diesen Graben; durch ihn ist auch 1
88 das Soldau- 
waliser in die V/elle gelangt. Von diesem Graben bis nach Lautenburg 
zeigt das Welleufer sehr viele und starke AusspÜlungen, deren scharfe 
3-4 
Ieter höher gelegenen Kanten die frÜhere Geländehöhe erkennen lassen. 
Diese Hochlage von 3 - 4 Metern Höhe über dem jetzigen Welleniveau 
dÜrfte, als Damm gedacht, auch jetzt noch das Wasser aus der Welle in 
die Soldau treiben, was die Höhenzahlen in der Generalstabskarte beweisen. 
In der Vorzeit dÜrfte die 'Velle eine halbe Stunde Über Lautenburg nur 
einen kleinen Bach gebildet. haben, den man sich als Druckgrundwasser 
der Soldau zu denken hätte." 
I) Vgl. v. BrÜnneck. Geschichte des Grundeigentums in Ost- und 
"\Vestpreussen I. 


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			4. Der ländliche Grundbesitz. 


43 


Die Güter stellten selbständige Gutsbezirke dar: dpr Besitzer 
natte die Polizei\'erwaltung und die hohe und niedere Gerichts- 
barkeit in den Grenzen seines Gutes, und mit einigpn Eimichrän- 
kungen das Jagdrecht. Der Besitzer des Guts besass also die 
Grundherrschaft. In polnischer Zeit wurden die Güter Allode, 
d. h. unbeschränktes freies Eigentum; es kommt nun auch die 
Bezeichnung adlige Güter auf. Auf dieOl'denszeit solJte dieser 
Begriff nicht angewandt werden; es empfiehlt sich zur Zusammen- 
fassung der kölmischen, magdeburgischen. prp.ussischen und pol- 
nischen Güter der Ausdruck Dienstgut; die Urkunden nennen sie 
kurzweg "Dienste". 
Die Grösse der Dienstgüter schwankt in unsern beiden 
Komt.ureien etwa zwischen 6 und GO Hufen; auf den Besitzungen 
unter 40 Hufen ruht gewöhnlich die Verpftichtung zu einem leichten, 
auf den grösseren zu einem schweren Reiterdienst (Platen- und Ross- 
dienst). Verleihungen von Latifundien von 1000 und mehr Hufen 
kommen nur ausnahm:jweise in der ältern Zeit "Vor und. wie be- 
reits erwähnt, nur wo ein neues Gebiet für die Besiedelung in 
Angriff zu nehmen war. 
Die Güter der Ordenszeit unterschieden sich aber in einem We
ent. 
lichen Punkte von dem heutigen. Eine Gutswirtschaft im heutigen Sinne 
kannte das Mittelalter nicbt. Zwar bestanden Y orwerke, d. h. 
gutsherrschaftliehe Wirtschaftsbetriebe, aller sie warpn nur klein; 
so betrug um 1450 in Miliszewo das Vorwerk 10 und das Bauerland 
34 Hufen. Ähnlich waren die Verhältnisse noch im IG. Jahr- 
hundert, Er,;t die EutY"ölkerung des Landes durch di
 
Schwedenkriege führte im 17. Jahrhundert zu ihrer Yergrösserung, 
indem wüst liegender Baueracker zum V orwerksland geschlagen 
\\ urde. Keben dem Y orwerk sassen auch auf den GÜtern Bauern. 
Diese gaben dem Gutsbesitzer eine Rente in Gestalt des lIufpn- 
zinses und leisteten ihm Scharwerksdienste zur B
wirtschaftung des 
Yorwerks. Über die Verhältnisse dieser Gutt:!bauern im Mittelalter 
wissen wir wenig; vermutlich haben sie sich von denen in den 
t. Zinsdörfern des Ordens wenig unterschieden. In den Gütcm 
Kruschin, Schenkendorf (Szymkowo) und Ciuorz werden 8chulzpn 
erwähnt 1) Durchweg herr,;cht die Dreifelderwirtschaft mit dt'm 
Flurzwang, die Vorwerke, die Bauernländereien und die Pfarrhufen 
lagen im Gemenge. 
1) Der Schulze Gregor in Kruschin steht unter den Zeugen der Ur- 
kunde vom 12. März 1343 über die Schenkung des wunderthätigen Kreuzes
		

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			44 


I. Die Ordenszeit. 


Anfänglich befolgte der Orden den Grundsatz, dass die 
Dienstgüter weder zersplittert noch ml
hrere in einer Rand ver- 
einigt werden durften. Im 15. Jahrhundel't war dies anders ge- 
worden. Im Jahre 1447 besass nach dem Strashurger Zinsregister 
Jon VOll Eichholz in der Strasburger Komturei die Dienstgüter 
Eichholz t Wichulec), Olschin, Ursibiu (Griewenhof), Klein Summe, 
Sachsen dorf und ein Dritteil von Konojad. Andererseits begünstigte 
der Ordell aus fiskalischem Interesse die Teilung von Gütern. 
Er gestattete sie namentlich bei Erbauseinandersetzungen, und 
zwar dergestalt. dass dann ein jeder Anteilbesitzer einen Reiter- 
dienst übernehmen musste. Im Jahre 1440 forderten dip. Stände, 
dass den Erben solcher Teilgüter erlaubt würde, die Anteile "zu 
demselben Dienst und Pflicht" zu vereinigen, d. h. es solltell im 
Falle einer Zusammenlegung nur dieselben Leistungen verlangt 
werden, wie vorher von dem ungeteilten Gute. I ) 
Die kölruischen Zinsoörfer t;tanden unter der Gerichtsver- 
waltung des Schulzen. Der Schulz ist bei der Gründung des 
Dorfes meist zugleich der Unternehmer der Ansiedlung (locator). 
Ihm wird die Gerichtsverwaltung und ein Theil der Gemarkung, 
gewöhnlich die zehllte Hufe, erblich verliehen; er ist frei von 
Scharwerkdiensten, und hat entweder keinen, oder nur einen 
niedrigen Zins zu entrichten; einige Schulzen, die eine grössere 
Anzahl von Hufen besassen, mussten Kriegsdienste leisten. Von 
den Gerichtssporteln erhielten sie den dritten Teil, hie und da 
wird ihnen auch die Kruggerechtigkeit verliehen. Die Pfarrhufen, 
gewöhnlich 4- 6, sind meistenteils auch ZillS- und scharwerksfrei. 2 ) 
Die B
uernstellen waren gewöhnlich gegen 2 Hufen gross. 
Der Rufenzins schwankte in unseren bei den Komtureien zwischen 
1/2 und 1 Mark; otfenbar richtete er sich nach der Güte des 
Boden!!. Der Geldzins ist die weit häufigere Form der Abgabe. 
In der Strasburger Komturei wurden nur von drei Dörfern, 
nämlich Szabda, Gorczenitza und Szczllka neben einem niedrigen 
Geldzins von 6 Skot von der Hufe ein Naturalzins von 12 Scheffeln 


an die Strasburger Pfarrkirche. (S. den Anhang I Nr. 12.) Das Schadenbuch 5b 
erwähnt den Schulzen von Stibor und "der Frauen Schulzen von Schenken- 
dorf". S. 217. 46. 
1) Ständeakten, II. 222. Vergl. Ständeakten I 629 a. 1434. 
2) Indessen zinste der Pfarrer von Radowisk von seinen 6 Hufen je 
3 Skot 3 Pfennige und 1 Huhn. In Gross Kruschin zinst die Gemeinde 
von den 4 Pfarrhufen 3 Mark. (Zinsregister von 1446.) 



 
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			--. 


.... 


4. Der ländliche Grundbesitz. 


45 


entrichtet. Szabda lieferte je drei Scheffel Roggen, Weizen, Hafer 
und Gerste, während Gorczenitza und Szcznka keinen \V eizen, 
dafür aber die doppelte Menge Roggen gaben. In Zhiczno wurde, 
als das Dorf 1428 nach der Zerstörung im Polenkriege neu besetzt 
werden sollte, auf Wunsch der Bauern der Naturalzins in einen 
GeldzinR verwandelt. Nehen dem Geldzins bestand eine Abgaue 
YOIl Geflügel, meist von zwei Hühnern von der Hufe: auch kommen 
Lieferungen von Gänsen und Eiern vor. 
Die Krüger hatten teils einen Geldzins, teils eine Satural- 
abgabe, und zwar in Handelsartikeln, nämlich in Pfeffer und 
Safran, zu entrichten. Die Krüger von Radowisk, Cieszyn, Nieszy- 
wiens zinsten je 1 Pfund, der von Uross KruRchin 1/2 Pfund 
Safran j die von Pokrzydowo. Zbiczno und Gross Brlldzaw 2, der 
von Gorczenitza 1 Pfund Pfeffer. ]n Szczuka zinste der Schulz 
1 Pfund Safran ulld der Krüger 4 Pfund Pfeffer. Von den 
Mühlen wurde teils ein Geldzins, teils ein Gl'treidezins erhoben. 
_ Einen 'Valdzins entrichteten die Dörfer Skemsk, Lobdowo und 
Wimsdorf, in der Komturei Gollub. An Waldhafer hatte der 
Komtur von Strasburg i. J. 1395 1000 Scheffel zu fordern, die 
rückständig geblieben waren. 
Eine Gruppe von Besitzungen verdient noch eine besondere 
Beachtung. Es sind Grundstücke, die in den Dorfmarken liegen, 
aber sich sowohl von den Schulzen- als von den Bauergütern 
unterscbeiden. Hierzu gebören die Besitzungen der BrieffÜhrer 
oder Brieftragerj in der Strasburger Komturei bestanden solche 
Güter, 2-5 Hufen gross, in Zmiewko und Neubof a. d. Drewenz, 
in Karbowo, l\Ialken und Pusta Dombrowken. Die Briefführer 
waren frei von Zins und Scbarwerk und hatten die Briefpost des 
Ordells zu besorgen.1) Ausserdem lagen in den Dörfern mehrfach 


1) Über die Beförderung der Ordenspost belehren gelegentliche Be- 
merkungen auf der Aussenseite der Briefe, So z. B. auf einem Briefe, den 
der Vogt von Schiewelbein am 8. Juni 1353 an den Hochmeister schickte: 
Adresse: Deme gar ernwirdigen Hoemeister dutzschis Ordens mit aller 
Ernwirdigkeit tag und nacht an alle sumen 
Darüber: Wer unserem Hoemeister will thun liebe, de fordere dissen 
briff ane alle sumen. 
Unter der Adresse: Gegangen von Arnswalde am Freitage negest 
nach dem achtenden tage corporis Christi (8. Juni) nach mittage hora tertia. 
Darunter: Komen unde gangen van Slochaw am sontag vor Viti et 
Modesti (10. Juni) nach mittage hora quinta. 
Darunter: Kommen unde gegangen von Stargard am sontag vor 


i 


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1. Die Ordenszeit. 


kölmische Güter, auf denen entweder die Pflicht eines leichten 
Reiterdienstes ruhte, oder die einen dem Bodenwerte entsprechenden 
Geldzills zahlten, aber Bcharwerksfrei waren. 
Das allgemeine Zinsbuch von 1437 erwähnt dipse Giiter nicht. 
Es zählt nur die zinspflichtigen Hufell in den Dörfern auf; auch 
die Hufen der Schulzen und Pfarrer, soweit diese keinen Zins 
zahlten,l) werden dort nicht verzeichnet. Dip in df'lli allgemeinen 
Zinsbuch angegebenen Hufenzahlen der Zinsdörfer entsprechen 
dahcr auch nicht ihrem wirklichen 1!
lächeninhalte. Ein genaueres 
Bild von den Dörfern geben die f'peziellen Zinsregister, die wir 
für 
trasburg aus den Jahren 144f:i, 1447 und 1451, und für 
Gollub von 1448/49 besitzen. Aus diesen erfahren wir, dass dip 
Besitzverhältnii'se in den Dörfern keineswegs so einförmig waren, 
als sie nach dem Allgemeinen Zinsbuch erscheinen. Häufig besass 
dcr Schulze, ausseI' seinen Diensthufen noch gewöhnliche Zinshufen. 
von denen er Geldzins oft in verschiedenen Höhen und zuweilen 
auch Scharwerksdienste leisten musste. Andere besassen ein paar 
Hufen, die vom Scharwerk befreit waren und wofür dann ein 
höherer Geldzins entrichtet wurde. Und aUBserdem werden mehr- 
fach "Hufen der Lehnlcute" oder der "Ehrbahrleute" erwähnt. 
Diese letzteren Bind die späteren t:Jogenannten Lebmanneiell. 
Es ist bisher nicht bearhtct worden, dass dic Lehmanneien bis in 
die Ordenszeit zurückreichen; selbst Brünneck hält sie für polnischen 
U rsprl1ngs. 2 ) \Venll auch einzelm', wie dia Lohdower, erst von 
polllischcn Königen oder den Staro'3ten gestiftet sind, so ergieut 
sich doch aus der Spezialforschung der direkte ZusammenhaD
 
zwischen diesen Besitzungen der ,.EhrharIeute" und der Lf'h- 
manlleien der polnischen Zeit. Solche Güter hestanden in Gro
s 
Krl1schin, Lemberg, Karbowo, :::3chwetz, Gottartowo, Zmiewo, Wom- 
pi"ersk, Jellen, Pusta Dombrowken: Wrotzk, Kawken, GOI'al und 
Lipnitza.:3) In Goral wurdpn bei der Gründung des Dorfes im 
Jahre 1:
2
 zw{>i Lehmannsgütcr geschaffen, die allerdings spätm' 


Viti et Modesti hora duodecima nach mittag. (DO. Brief A. 1450, 8. Juni. 
Scbieb1. XXXVII :Nr. H. 
1) Vg1. Note 2 auf Seite 44. 
2) Geschicbte des Grundeigentums J. 91'. - K..trzYDski (Einleitung 
XXI) identifiziert das lemanstwo mit Afterlebpn. 
3) Die l1rkunde von 1322 über die Lehmannei von Malken ist eine 
Fäll'lchung. (s. den Anhang I Nr. 8) Die Bt'läge für das FoIJ!"cnde s. in der 
Ort
geschichte.
		

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			4. Der ländliche Grundbesitz. 


47 


eingegangen sind. Dann wurde ]325 zwei Brüdern, die beide 
Johann hiessen, in dem Dorfe J.eynau (Goral) 6 Hufen mit der 
Verpflichtung eines Platendienstf's verliehen. Die Lehmannei in 
Kawken entstand 1303, als die deutsche Hufenverfassung in dem 
Dorfe eingeführt wurde; der Pole Boguscb erhielt 7 Hufen mit der 
Verptlichtung zu einem Platendienste; ein anderer, Gostko, dpr 
kriegsuntüchtig war, lehnte die VerlAihung von 7 Hufen zu den- 
selben Bejingungen ab und erhielt 2 Zinshufen. In Pusta Dom- 
browken wurde das Briefführergut zu einer Lehmannei, die noch 
im 18. Jahrhundert bestand. In Neu hof ging die Lehmannei schon 
zur polnischen Zeit ein. Die Lehmannei Z m ie w 0 (das heutige Gut 
Birkeneck) wurde durch eine Verleihung von 4 Hufen im Jahre 
1439 gescbaffen. In Wompiersk erwähnt das Zinsregister von 
1446 ,,7 Hufcn frei der Lehnleute" , in polnischer Zeit bestand 
eine Lebmannei. Der Lehnmann von Lern berg wird schon um 
1414 in dem Scbadenbuch genannt, er hatte 4 Hufen und musste 
einen Platendienst leisten: die J...ehmannei ging in der polnischen 
Zeit ein. In \V ro tz k beBaBsen die Ehrbarleute 18 Freihufen; im 
18. Jabrbundm't wurde der Rpst des Lehmannsgutes mit der 

chulzerf'i vereinigt. Das 16 Hufen grosse Lehmannsgut in Lip- 
nitza, auf dem ein Platelldienst ruhte, wurde schon im lf>. Jahr- 
hundert zerschlagen. In Gro ss Krusc hin wurde das 10 Hufen 
groBse Gut, auf dem ein Platendienst ruhte, zu polnischem oder 
preussischem Recht besessen; es ging zur polnischf'n Zeit unter. 
In Karbowo erwähnt das Zinsregister von 1446 neben dem Gut 
des Brieffiihrers eine Besitzung von 7 Freibuft'n, die "Ehrbaren 
Leuten" gehörten; es ist der Ursprung des Gutes Karbowo. 
Als der Orden nach den Verwüstungen der polnischen Kriege 
1409 und 
2 eine neue Besiedelung begann, sind mehrfach auf "er- 
last5enen Baueräckern Lehmannsgüter gegründet worden, so in der 

trasburger Komturei in Jellen, Goral, Gottartowo, Galczewo und 
Schwetz. In allen Fällen wurde der Kriegsdienst und der Re- 
kogn:itionszins, meist auch die Abgahp von Ptlugkorn gefordert: 
die Güter umfassten 8-12 Hufen. Von den neun Verleihungen 
wal en i:iieben zu magdehurgischen, eine zu kulmiscbem Recht und 
eine auf Lebenszf'it ausuestellt. Kur in dl'ei Fällen wird die GI'- 
<' 
richtsbarkcit .,in des Gutt's Grenzen" mit\'erliehen, ein Mal in 
Schwetz und zwei Male in Galczewo, während andere Verleihungen 
ebenfalls in 
ch wetz und Galczewo dieses Privileg nicht mit erhielten. 
Dieser Um!'tand ist wichtig. Im allgemeinen hc!'a
8ell dit'se
		

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			4-!o\ 


1. Die Ordenszeit.. 


IJehnleute keil1e Gerichtsbarkeit. Ihre Gütf'r lagel1, wie l10ch zn 
polnischer Zeit, mit den Dorfländern im Gemenge, und sic waren 
von der Dorfgerichtsbarkeit nicht eximicrt. Dasselbe finden wir 
in dem Dorfe Gross Lezno, das dem Kulmer Domkapitel gehörte. 
Dies verlieh 1410 dpm Pt'ter Schwan 3 Hufen mit der Verpflichtung 
zu eil1em Platpndienstp. In der Urkunde hcissL es: "Was aber die 
Gemeine des Dorfes zu Lezen angehet, damit wir Dicht zu tlJUn 
haben, da nehmen wir ihm nicht von, denn aHeine, dass man ihn 
nicht soll zwingen, in dem Gericht des Dorfes Schöppe oder Beisitzer 
zu sein."I) Ehenso wurde in der erwähnten Urkunde über Kawken 
oer Pole Bogusch von der Verpflichtung befreit auf der Schöffen- 
bank zu sitzen; yielleicht weil pr als Pole das deutsche Recht 
nicht kannte. Die Lehnleute genossen also nicht die Vergiil1stiguug 
der eigenen Gerichtsbarkeit, die die Besitzer der selbständigen 
Dienstgüter hatten, obwohl sie ebenfalls kriegsdienstpflichtig waren. 
Diese 'I'hatsache erklärt es, dal:!s die Lehmanneiell in polnischer 
Zeit nicht wie die Dienstgüter adlige Qualität erlangt haben. 
Andererseits wurden sie auch nicht zu dem Stand der Gutsunter- 
thänigkeit herabgedrückt wie die Bauern, sondern sie behielten t 

asst'lbe erbliche Besitzrecht wie die Schulzen; zu Besit.z- 
veränderungen war bei beiden die Genehmigung des polnischen 
Königs notwendig. Die Bczeichnung des Kulmischen Besitzrechts, 
die ill der Ordellszeit sowohl für die bäuerlichen als für die 
selbstalldigPlJ Dienstgiitel: gebraucht wurde, wurde unter der pol- 
nische.n Herrschaft ausschliesslich auf dic Schulzen, Lehmänner und 
:Müller angewendet. Das entspricht den ostpreussischen Kölmern. 
Allerdings sind Schwetz und Galczewko (das Ordensdorf 
umfasst Galczewo und Gakzewko) doch adlige Güter geworden. 
Die Ursache ist zweifelsohne, dass einige der hier gegründeten 
LeluDanneien die Gerichtsbarkeit besassen. Auf Grund dieser 
Gerichtsbarkeit, die die Besitzer des anderu Gutsanteils später 
ebenfalls an sich brachten, gewannen ganz Schwetz und Galczewko die 
adlige Qualität. Um 1450 bestand von dem Dorfe in Schwetz nur 
noch die Schulzerei VOll 2 1 / 2 Hufen, das übrige war in Güter auf- 
geteilt; im Jahre 1535 wird Schwetz nicht mehr unter den 

 tarosteidö rfern genannt. 2 ) Die Entwickelung von Galczewo lässt 
I) Wölky 368. 
2) In dem Privileg über die Starostei Strasburg für Nikolaus Dzia- 
I} nski von 1535 (Känigsb. Archiv, westpreuss. Foliant 231), wo die übrigen 
königlichen Dörfer aufgezählt werden, feblt Scbwetz. 


-11
		

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			l 


5. Die Nationalitätenverhältnisse. 


49 


" 


sich nicht so genau .erfolgen; wir wissen nur, dass Galczewo 
und Galczewko im 18. Jahrhundert ein adliger Besitz waren. Auch 
ill Gottartowo hatte der Besitzer der Lehmannei Mitte des 16. Jahr- 
hunderts seinem Gute die adlige Qualität beigelegt; 15ü9 wird 
eine halbe Hufe "Edelgut" .erkauft. Die Karbower I.ehmannei, 
die ursprünglich nur sieben Hufen ausmachte, sich aber unter der 
polnischell Herrschaft durch Zukauf oder durch Usurpation wüster 
BauersteIlen auf 22 Hufen .ergrösserte, errang uuter dem Namen 
eines Wojtgutes (Wojtostwo) eine halbadlige Qualität; die 
preussische Regierung liess es indess nur als kölmiscbes Gut 
gelten. 
Interessant ist auch die Eutwickelung von Z III i e w k o. Klpin 
Smeyaw war zur Ordenszeit eill kölmiscbes Zinsdorf. auffallender- 
weise hatte es keinen Schulzen, wenigstens werden auch in den 
ausführlichen Zinsregistern keine Schulzenbufen erwähnt. Das 
Briefführergut wurde eine Lebmannei. NUll bestand zwischen 
Zmiewo. Zmiewko und Zbiczno ein kölmisches Gut, das in polnischer 
Zeit adlig«. Qualität erlangte, obwohl eS nur 2 Hufen 
rOSB gewesen 
zu sein sclleint. Der Besitzer dieses Gutes hat sich im Laufe de
 
Zeit die Grunaherrschaft über Zmiewko angemasstj 1672 war es 
bereits ein adliges Gut geworden. 


5. Die NationalitätenverhältniBBe. 
Das Heweisthema von K
trzynskis Ullterf>uchungen ist, dass 
die Bevölkerung des K ulmerlandes bei der Ankunft des Ordens 
polnisch gewesen, und dass sie im ""esentlichen bis zur Gegenwart 
polnisch geblieben sei. Diese Auffassung VOll einer sechs Jabr- 
bunderte langen Kontinuität des polnischen Volkstums im Kulmer- 
lande ist indessen unrichtig. Wir haben bereits nachgewipsen, 
dass als der Orden nach Preussen kam, es einer Einwanderung im 
grOHsen Stile bedurfte, um die Yl}rwüstete Landschaft zu bevölkern 
ulld den Wohlstand u:Id die Kultur des 14. Jahrhunderts zu 
erzeugen. Welchem Y olkstum diese Einwanderung angehörte, 
wprden wir im Folgendell zu unter.,;uchen haben; aber auch von 
dieser Einwanderung des ] 3. Jahrhunderts darf man nicht eine 
Kontinuität des Y olkstums bis zur Gegenwart datiren. Wenn dns 
Kulmerland bereits in der zweiten Hälfte des W. Jahrhunderts 
sehr stark polonisirt war, so darf daraus noch kein Rückschluss 
auf die Ordenszeit gezogen werden. Die Kriege des Ordens mit 
Polen .on 1409 bis 1422, vor allem aber der 13jäbrige Krieg, battcn 
4 


.......
		

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			50 


1. Die Ordens zeit. 


von ncuem Preussen verwüstet und entvölkert. l\[an wird an- 
llehmen müssen, das:! eine neue Eillwanderullg die Lücken aus- 
gefüllt hat. DlId diese zwcite Einwanderung ist mit wenigen Aus- 
nahmen aus Polen gekommen; Deutschland hat nicht wie im l:t 
und 14. Jahrhundert, einen Überschuss seiner Volksvermehrung 
nach dem Osten abF:egeben.1) Die Untersuchung der Nationalitäten- 
verhältnit"se zur Ordenszeit ist daher eine Aufgabe für sich; weder die 
Nachrichten der früheren noch der späterf'n Zeit können dafür 
verwertet werdf'n, und vor allem müssen national-politische Ten- 
dellzen, der W unscb, für das eigene Volkstum den ehemaligen 
Besitz des alten Ordenslandes in Anspruch zu nehmen, ganzlich 
ausgeschlossen bleiben. 
Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Kulmerland auch im 
14. Jabrhundert nicht rein deutsch gewesen ist; die Bevölkerung 
bestand aus Deutschen und Polen, auch einige Spuren dt's preussi- 
scJum Volks Bind im Kulmerland im 14. und 15. Jahrhundert nach- 
weisbar. Der Orden selbst hat nicht nur Deutsche, sondern 
uch 
Polen .zur Besiedelung herangezogen. Die Deutschherren standen 
damals weder in politischem noch iIl nationalem Gegensatz zu den 
Polen. Nicht von nationalen Gesichtspunkten, sondern vorwiegend 
von den Riicksichten einer Bevölkerungspolitik bat sich der Orden 
bei der Besit'dclung des Landes leiten lassen. 

r wollte 
Ienschen 
in das unbevölkerte Land hineinziehcn; freilich mussten es Christen 
sein. Andererseits ist es sicher, dass deutsche Ansiedler wegen 
ihrcr überlegenen wirtschaftlichen Kultur bevorzugt wenl('n. 
Will man das Verhältnis der Nationalitäten untersuchen, so 
muss man zunäC'hst dcren Kennzeichen klarstellen. Heute ist das 
subjektive Bcwusstsein des Einzelnen das cinzige sichere 
lerkllial 
der Nationalität. Namcntlich bei Abkömmlingen national gemischter 
Familien ist dies das allein entscheidende; es kommt vor, dass von 
zwei Brüdern der eine sich zu den Deutschen, der andere zu den 
Polen hält. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rass'e ist im 
einzelnen Falle schwer zu erkennen, vor allem, wo zwei Rassen 
unter einander wohnen und unter einander heiraten; oft genug 
geschieht es auch, dass die politische Uel>erzeugung, die Umgebung 


1) Schulz, die Stadt Kulm im Mittelalter S. 113 ff" weist für Kulm 
einen beträcbtlichen Zuzug nach dem dreizehnjährigen Kriege nach. Für 
Thorn vgl. G. Bender, archival. Beiträge zur Familiengescbichte des Nico- 
laus Uoppernicus. Mitteilungen des Coppernicus - Vereins, Heft 3, 11:\t:\1. 
S. 8
 ff.
		

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			5. Die Nationalitätenverbältnisse. 


51 


und andere äussere Einflüsse den Einzelnen in das Lager hinüber- 
ziehen, dem er durch die Geburt nicht angehört. Diese subjektive 
Überzeugung fehlte im Mittelalter vollständig. Das Kennzeichen 
der Nationalität war viplmehr das Rech t: das den Einzelnen an 
das Volkstum band. 
Im Mittelalter herrschten in Deutschland die V olks- und 
Stammesrechte. Wie in Deutschland die einzelnen Stämme: 
Sachsen, Friesen, Franken u. s. w. nach besonderem Rechte lebten, 
so auch im Ordenslande die Deutschen, Polen und Preussen; Auf- 
zeichnungen preussischen und polnischen Rechts aus jener Zeit 
sind noch vorhanden. Nicht zu verwechseln mit diesem Privat- 
und Strafrecht ist das deutsche Grundbesitzrecht. Das 
kulmische Besitzrecht ist schon im 13. Jahrhundert an Polen eben- 
so verliehen worden wie an Deutsche; handelte es sich doch zu- 
glf'ich darum, mit dem deutschen Recht eine höhAre Kultur des 
Ackerbaus und dadurch eine höhere Steuerkraft der Bevölkerung 
herbeizuführen. Mit kulmischem Recht bewidmete 1276 df'r 
Bischof von Leslau die beideu schlesischen Grafen: als er ibnen 
die Golll1ber Herrschaft verlieh, kulmisches Recht gab der Bischof 
von Plock den Polen, die er in Glemboczek ansiedelte, und ebenso 
df'r Orden, wenn er wie in dem polnischen Kauken die deutt3che 
Wirtschaftsverfassung einführte. 
In Preussen haben die verschiedenen Volksrechte im 13. und 
im Anfan
e des 14. Jahrhunderts sicher noch gegolten. Später 
scheint sich das deutsche Privatrecht zu einem preussischen 
JJandesrechte entwickelt zu baben, das das polnische und 
preussische Privatrecht zurückdrängte. Doch sind wir über diesen 
V organg vorläufig noch ganz ununterrichtet. Jedenfalls ist aber 
im 13. und 14. Jahrhundert das Yolksrecht das einzige sichere 
Kennmal der Nationalität. Indessen dieses Kennmal fehlt uns, 
delln wir wissen nicht, nach welchem Volksrecht die Bewohner 
der einzelnen Ortschaften gelebt haben. 
Wir sind demnach auf andere weniger unmittelbare Anzeichen 
angewiesen. Eins davon ist die Sprache, obwohl in einem ge- 
mischtsprachigen Gebiete die Sprachenverhältnisse wenig beweis- 
kräftig sind, zumal so lang;e ein Gegensatz der Nationalitäten nicht 
besteht. Auch wissen wir hip) über aus der Ordenszeit nur sehr 
wpnig. Dusburg erzählt unterm Jahre 130:1, dass eine Schar von 
Littauern einen Plünderungszug in die Löbau ausführte. Sie 
Latten einf'n der Ihrigen vorausgeschickt, der polnisch verstand 
4* 


...........
		

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			52 


1. Die Ordenszeit. 


\ 
I 


und die Gelegenheit ausforschte; da alles sicher war, brachen sie 
sie ins Land ein und plünderten. I ) Klttrzynski folgert hieraus, 
dass in der Löbau das Polnische die helTschende Sprache gewesen 
wäre. 2 ) Aber man muss noch eine andere Geschichte Dusburgs 
heranziehen. Der Komtur von Ragnit machte 1290 zu Schiff eine 
Reise nach Littauen. Als er an der Burg Kolayne vorüberkam, 
erAannen die Heidpn eine List. Ein Littauer, der polnisch ver- 
stand, zog sich Weiberkleider an und rief vom Flussufer die 
Deutschen um Hilfp an. Als der Komtur an Land ging, wurde er 
mit seiner geringen Begleitung niedergemacht.3) - Aus beiden Er- 
zählungen folgt all'1o nur, dass damals das Polnische die Verkehrs- 
sprache war, die die Littauer kannten. Auch der heilige Adalbert, 
ein Czeche von Geburt, bediente sich iID Verkehr mit den Heiden 
eines Preussen, der polnisch sprach. 4 ) 
ln dem grossen Prozess des Jahress 1322 nahmen die Polen 
das Kulmerland für sich in Anspruch; bis zur Ossa und darüber 
hinaus habe einst die polnische Sprache geherrscht und herrsche 
nuch gegenwärtig, wenn auch der Orden die deutsche Sprache 
eingeführt hätte, so dass man jetzt schon zu einem grossen 
Teile deutsch spräche. ln den VerhandlUllgen von 1464 sagten 
die Vertreter der Polen: Pomerellen, das Kulmerland und die 
.. Micbelau seien von Anfang an von Polen besessen und bewobnt 
gewesen. Das polnische Volk habe das Land urbar gemacht, 
Dörfer, Burgen und Städ te (!) gegründet; die Namen der Ort- 
schaften, Gewässer u. s. w. seien polnisch bis auf diesen Tag; 
noch gegenwärtig herrsche dort polnisches Volkstum und polnische 
Spracbe. 5 ) Aber beides sind Parteiaussagen, denen angesichts der 
augenfälligen Übertreibungen kein allzugrosser Wert beigemessen 
werden kann. Höchstens könnte auffallen, das in dem zweiten 
Falle die Vertreter des Ordl'ns auf die Sprachenverhältnisse nicht 
näher eingingen; es wurde nur eingewandt, dass die Polen vielen 
Ort8chaften polnische Namen beilegten, die nachweislich nicbt von 
ihnen gegründet wären; also sei mit ihren Behauptungen nichts 
bewiesen. Man muss sich hierbei die Gesichtspunkte des Ordens 
vergegenwärtigen. Der Streitpunkt war allein der Rec h tst i te 1 


1 


j 
, 


t 


I 


1) Script. I. 169. 
2) K
trz'ynski 69. 
3) Script. 1. 152. 
4) Script. 
I. 417. 
5) Script. V. 241. K('trzynski 
9 ff. 


{ 
I 
i 


1
		

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			. 


10 


1 


t 


I 
I 


5. Die Nationalitätenverhältnisse. 


53 


auf dcn Besitz jener Länder; nur in diesem Zusammenhang er- 
wähnen die Polen jene Dinge. Ein rein moralischer Rechts- 
anspruch der Nationalität auf ein Land wäre der auch in politischen 
Fragen herrschenden formal-juristischen Auffassung jener Zeit ganz 
unverständlich gewesen. Bemerkenswert ist, dass auch die 
fanatischen Polen 1322 zugeben mussten, dass man im Kulmer- 
)ande zum grossen Teil deutsch sprach. Für eine genaue Unter- 
suchung der Sprachenverhältnisse haben beide Aussa.gen keinen 
Wert; vollends wäre es ein Unding, das Jahr 1464 als ein Normal- 
jahr anzusehen, nachdem das Land zehn Jahre lang systematisch 
verwüstet worden war. Dass das Kulmerland zweisprachig war, 
dass auch in den deutschen Städten polnisch verstanden wurde, 
ist ohnehin kaum zu bezweifeln. 
Wie die Polen im Jahre 1464, so beruft sich auch K
trzynski 
darauf, dass die Ortsnamen grösstenteils polnisch gewesen und bis 
heute geblieben sind. Dies ist eins seiner Hauptargumente. Hierbei 
übersieht er, dass manche der Ortsnamen, die er als polnische in 
Anspruch nimmt, thatsächlich preussischen Ursprunges sind. Er 
erkennt nur einen Namen, nämlich Jeglia im Kreise Löbau als 
preussisch an; schon vor ihm war N auschutten (Adl. Dombrowkcn 
illl Krpise Graudenz) als preussisch namhaft gemacht wordcn. Aber 
dies sind keineswegs die einzigen. Kauken (Kawken, Hermannsruh), 
die beiden Schaken (Czekanowo und Czekanowko) die beiden 
Canti! tKantilla und ein zweites Gut bei Sloszewo, das ullterge- 
gangen ist), und auch Kauernick sind preussisch.l) Ferner hatte 
Scampen (Skemsk) im Anfange der Ordenszeit "der Preussen Gut" 
geheissen. 2 ) ji'erner müsspn die polnischen Ortsnamen, die erst in 
d(>r polnischen Zpit die deutschen verdrängt haben, aus der 
Liste ausscheiden. Hierher gehören folgende. Durch einfache 
Übersetzung sind polonisiert worden: Karczewo (Rodau), Gremenz- 
mühle (Rauschenmühle), Zgnilloblott (Faulenbruch), Kamin (Stein), 
Piecewo (Ofen), Napole (Feldchen), LipniLza (Linde). Durch Um- 


I Kauken sind unterirdische GeIster, ähnlich den deutschen Alraunen 
und Kobolden. Nesselmann, thesaurus linguae Prussicae 67. - Dass Schaken 
(Czaken) ein preussischer Ortsname ist, verdanke icb der Mitteilung von 
Herrn Geheimrat Bezzenberger. Für die Umlautung von Czaken in da6 
polnische Czekanowo ist die Analogie interessant, dass das ostpreussiche 
Scbaaken auf einer polniscben Landkarte des 15. Jahrhunderts Schech ge- 
nannt wird. KI;trzynski 103. - Cantil und Kawernick sind preussische 
Personennamen. Bezzenberger, Altpr. Monatsschrift 1876. S. ß85. ff. 
2) Handfeste von Gollub. Vgl. den Anhang I Nr. 21.
		

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			54 


1. Die Ordenszeit. 


lautung sind verälldert Liebenberg in Lemberg, Eichholz in 
Wichulec, Gottersfeld in Pokrzidowo. Ganz neue Namen finden 
wir in Kurkocin (früher Reinischdorf), Goral (Leinau), Szezepanken 
(Dietrichsdorf), Dembowalonka (Mockenwald). Ferner darf nicht 
als polnisch der Name Damerau (Domäne Dombrowken und Pusta 
Dombrowken) angesprochen werden. Denn Damerau ist ein 
Appellativum, das etwa Heideland bedeutet und zur Ordenszeit ein 
allgemein übliches Fremdwort war. 
Bei vielen Ortsnamen macht zudem die sprachliche Ableitung 
sehr grosse Schwierigkeiten. Ein grosser Teil ist uns erst aus 
Urkunden des 15. Jahrhunderts bekannt. und zwar in deutscher 
Überlieferung. Die Deutschen haben manche polnischen Namen 
verdeutscht, durch blose übersetzllllg wie Szczuka in Hecht, oder 
sic durch Umformung der deutschen Zunge aubequl'mt, wie Sortika 
(deutsch Sauerteig). Allein es geht nicht an, dass wie Kfttrzynski 
es thut ill allen :Fällen die polnischen Namen, wo sie neben einem 
deutschen bestehen, als die älteren angenommen werden. Bei 
manchen Namen kann man zweifeln, ob sie deutscher, polnischer 
odCl' preusBischer Herkunft sind. Man muss daher in der Erklärung 
der Ortsnamen ungemein vorsichtig sein. Sagt doch Miklosich 
einmal, es sei garnicbt schwer, Namen wie Mekka und Medina als 
slavische Wörter zu erklären. 
Darf man aber überhaupt aus dem Namen eines Ortes 
Schlüsse auf die Nationalität seiner Bewohner ziehen? Oder prä- 
ziser gefragt: darf man aus dem polnischen Namen eines Ortes 
schliessen, dass er im 14. Jahrhundcrt von Polen bewohnt war? 
Man muss sich klar machen, wie Ortsnamen entstehen. Namen 
werden nicht nur menschlichen W obnorten, sondern auch andern 
Örtlichkeiten beigelegt, wie Seen, Flüssen, Bächen, Quellen, Furten, 
Bergen und Hügeln, Abhängen, Höhlen, .l!'elsen, Wasserscheiden, 
'l'hälern, Schluchten, Wald und Busch, Feld und Wiese, Sumpf und 
Bruch u. s. w) Viele Ortsnamen im Strasburger Kreise sind von 
ßaum- oder 'l'iergattungen hergeleitet, so Brzozie (brzoza = Birke), 
Choyno (chojna = die Kiefer), Klonowo (klon = der Ahorn), 
Cieszyn (cis = die Eibe), Jaworze (jawor = der Ahorn), Sosl:!nu 
(sosno = die Fichte), Gollub (golq,b = die 'l'aube), Jellen (jele11 
= der Hirsch), Jastrzembie (jastrzq,b = der Habicht), Szczuka 


. 


I 


I) Förstemann, die deutschen Ortsnamen. Nordhausen 1863. S. 6. 
Vielleicht gehören hierher auch die in den Grenzbeschreibungen (s. o. S. 94 J 
genannten Orte.
		

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			.. 


..L.. 


5. Die 
ationalitätenverhältnisBe. 


55 


szczuka = der Hecht). Bei aH diesen Namen, (die nur deshalb 
gewählt sind. weil ihre Erklärung keine Schwierigkeiten bietet) wie bei 
manchen anderen ist sehr wohl die Möglichkeit vorbanden, dass sie 
den Örtlicbkeiten beigelegt worden sind, bevor die erstcn Ansiedler 
sich daselbst niederliessen. Sehr richtig sagt A. Brückner in 
seiner yortrcftJieben Untersuchung über die slawischen Ansiedelungen 
in der Altmark und illl Magdeburgischen: "sla wisc h e Orts nam en 
bes agen, d ass Slawen einmal irg end welche Veranlassung 
gefundell haben, den Ort zu benennen, nich t dass sie ihn 
auch bewohnt oder bebaut haben müssen. Dass ein 
Ort von SI a wen beb a u t war, ist nur i n dem Fall e u nb ('- 
strittell, wenn Urkunden Slawen an diesem Orte aus- 
drücklich n
nnen."l) 
Wenn deutsche Ansipdler nach Preussen kamen, so lag es 
llahe, für ihre Niederlassung den Namen zu wählen, den die be- 
baute oder unbebaute Örtlichkeit schon vorher Latte. Es ist be- 
kannt, mit welcher Zähigkeit Ortsnamen festgehalten werden. Ein 
Beispiel bietet der Sopien-
ee. Hier hat früher ein Ort Sopino 
bestanden, der vermutlich nach dem See hiess; schon um 1240 war 
er untergegangen und ist niemals wieder aufgebaut worden, aber 
der Name des Sees hat sicb 700 Jahre lang bis auf den heutigen 
'l'ag erhalten. Die Dörfer Sugaino und Zembrze (heute Janowko) 
sind 1310 und 1312 angelegt worden j dass es Neugrüudungen 
waren, beweist die hohe Zahl von 10 Fl'eijabren, die den Ansiedlem 
gewährt wurden. Aber wir sind nicht berechtigt, aus den Namen 
zu schliessen , dass die LokatOl'en Johann von Karwowo und 
Gregor und ihre Bauern Polen gewesen sind j die Ortsnamen 
sind nachweislich älter, scholl 1291 werden die Seen Sucha)"na und 
Zamure urkulldlich genaullt. 2 ) Dass Ortsnamen slavischen Ursprungs 
an sich in der That nichts für die Nationalitätsfrage beweisen, 
zeigt ihr heutiges zahlreiches Vorkommen in 
Ieklenburg, Pommern, 
in der Mark und Schlesien, obwohl dort im 13. Jahrhundert die 
Germanisierullg fasst völlig durchgeführt war. 
Wenn die polnischen Ortsnamen nichts für die IS' ationalität 
ihrer Bewohnpr beweisen, so könnte man dies vielleicht von den 
deutschen Ortsnamen annehmen. Wo em deutscher Ortsname 


1) Brückner S. 22. Vgl. auch v. Sommerfeld, Geschichte der Ger- 
manisierung des Herzogtums Pommern oder Slavien tSchmoller staats- und 
sozial wirtschaftliche Forschungen) 1895 S. 53. 
2) Wöiky tIS.
		

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			56 


I. Die Ordenszeit. 


für eine Siedelung gewählt ist, möchte man vermuten, dass 
seine Gründer Deutsche waren. Dies dürfte z. B. bei Straslmrg 
der Fall sein; die Form Brodnica kommt zwar schon in der ersten 
Hälfte des 14 Jahrhunderts vor, ist wahrscheinlich aber nur die 
polnische Übersetzung und nicht der ältere Name. l\lit voller Bt>- 
stimmtheit kann dies von Luterberg (Lauten burg) behauptct werden; 
das polnische Lup.bark (Lidzbarg) ergieLt sich von selbst als eine 
spätere Umformung, die der slawischen Zunge angepasst ist. 
Freilich wird man diese Annahme nicht ohlle Bedenken auf Dörfer 
und Güter ausdehnpn dürfen. Der Umstand, dass die DienstgÜter 
S.tchf!t'ndorf. Sponsbrllck, V ogelsang und Susenberg trotz ihrer 
ausgesprochen deutschen Namen noch um 1420 zu preussischem 
oder polnischem Recht besepsen wurden,l) mahnt zur Vorsicht. 
Eber könnte man annehmen, dass Ortschaften mit deutschen 
Namen erst nach der Ankunft des Ordens gegründet sind, 
ohwohl man auch mit der Möglichkeit VOll Namemiinderungen 
zu rechnen hat. Auch dip deutschen Ortsnamen geben uns 
demnach kein zuverlässigEs 
Iaterial fÜr die deutsche Einwan- 
derung. 
Aber ist denn diese deutsche Einwanderung wirklich eine ge- 
schichtliche Thatsache und nicht nur eine bewusst oder unbewusst 
tendenziöse Erfindung nationalgesinnter deutscher Gelehrter? Ist 
dies speziell im K ulmerlande nachweisbar'? Freilich sie ganz ab- 
zuleugnen, daran denkt auch Klttrzynski nicht, aber er bemÜht sich 
zn beweisen, dass sie im Kulmerlande lange nicht so stark gewesen 
ist, als man bisher allgemein angenommen hatte. Ein Argument 
VOll ihm, dass nämlich uas Kulmerland eine dicht bevölkerte 
polnische Provinz gewesen ist, haben wir widerlegt. Ein zweites 
verträgt die Kritik noch weniger. KQtrzynski giebt zwar zu, Jass 
die Städte sämtlich von den Deutschen angelegt und zum über- 
wiegenden Teil von Deutschen bewohnt gewesen wären; er giebt 
fcrner zu, dass die nördlichpn Landscbaften an der See und die 
\Veichselniederung von Deutschen bevölkert worden seien, aber er 
bestreitet es von dem flachen Lande des preuBsischen Südens. Denn, 
sagt er, die deutschen Einwanderer seien alle auf dem Seeweg 
nach Preussen gekommen, dpr Landweg sei zu mühselig, zu un- 
sicber und zu kostspielig gewesen !2) Man braucht diese Behauptung 
nur nachzusprechen, um ihre ganze Nichtigkeit zu erkennen. Sind 
I) Königsberger Staatsarchiv lDo. Br. A. Schieb!. LXXXV NT. 37.) 
2) KQtrzynski 61 ff. 


..
		

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			.. 


5. Die Nationalitätenverhältnisse. 


i'l7 


die deutschen Einwanderer vorber samtlich Küstenbewohner ge- 
wesen, sodass ihnen der Seeweg der nächste war? 1st der Weg 
von der Ostseeküste bis ins Kulmerland 60 unsäglich weit? Sind 
vielleicht auch die deutschen Besiedler von Schlesien auf dem 
Wasserwege in ihre neue Heimath gezogen '? Haben überhanpt Hin- 
wanderer, die die Mühseligkeit einer weiten Wanderung scheuen, 
das Zeug zu wirklichen Kolonisatoren? Und dass die Deutschen 
im Mittelalter einige grfolge mit ihrer Kolonisation gehabt haben, 
ist doch nicht gut in Abrede zu stellen. Auch muss K
trzynski 
zugeben, dass oie c>rsten Einwanderer den Landweg gewählt hahen, 
da der Orden im Anfang die Seeküste noch nicht beherrschte. Aber 
im Kulmerland sei keine grosse Beute an Land zu lllachen gewesen, 
denn dort befand sich ja schon eine dichte polnische Bevölkerung. 
Die alte petitio principii! 
Nicht minder hinfällig ist K
trzynski's J	
			

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			r- 


58 


1. Die Ordenszeit. 


Wie K
trzynski das Verhandensein eines zahlreichen deutschen 
Bauernstandes im Kulmerlande bestreitet, so hält er den gesamtel1 
Adel für polnisch. Ein einzigcr deutscher Edelmann, Adalbert 
von Pak, habe nachweislich daseiLstGrundbesitz erwor11en. Kfitrzynski 
fragt erstaunt, wie das wohl zn erklären sei? Auf den nahe liegenden 
Ausweg, dass nur wellige Urkunden aus jener Zpit auf uns ge- 
kommen sind, verfällt er freilich nicht, sondern er führt auS: In den 
ersten Zeiten bemühte sich der Orden allerdings, den deutschen 
Adel ins Land zu ziehen. Aber seine Erwartungen schlugen fehl, 
denu der deutsche Adel, namentlich dcr wohl begüterte, der in der 
Heilllath die Rolle von Dynasten von Gottes Gnaden spielen konntP, 
hatte keine Neigung, im Schweisse seines Angesichts dem Orden 
zu dienen. - Waren es aber nicht gerade die minder wohlhabenden 
jüngeren Söhlle und Brüdpr der regierl-'ndeu Herren, die sich zur 
Auswanderung bewogen fühlten?- Sie nahmpn, fährt KGtrzynski fort, 
zwar die angebotellen Güter an, zogen N' utzen daraus, aber bliebpn 
nicht im Lande wohnen und kehrten wieder heim (ein iuteressalltes 
ulld bisher unbekanntes Beispiel von AbsentiMmus im Mittelalter I). 
Der Orden uatte davon nur Verluste, die pflichtmässigell Kriegs- 
dienste \\ urden nicht geleistet. Andererseits wagte der Orden nicht, 
die Güter zu konfiszieren. um sich im deutschen Reiche nicht un- 
populär zu machen (!) Die Deutschherren warell also fl"Oh, wenn 
sie die Güter an Slaven los wurden. Den besten Beweis für 
solche Vorgänge liefere Dietrich VOll l'iefenau, der 1236-42 ein 
grosses Latifundium in Pomesanien erhielt; 1241 weilte er, nach- 
dem er in Preussen kurze 
eit 'seinem Vergnügen nachgegangen 
war, in Deutschland und dann - hörell wir in Preussen nichts mehr 
von ibm. Wenn man später doch einell deutschen A deI be- 
merkt, der freilich unbedeutfmd blieb, so waren das meist (?) Nach- 
kommen von Stadtbürgern, die für ihre Dienste vom Orden mit 
Landgütern beliehen waren.!) 
Kfttrzynski giebt ein Verzeichnis aller derer, die er ihrem 
:Kamen gcmäss als Polen am,pricht. 2 ) Wie wir die Ortsnamen als 
Quelle für die Kationalitätenverhältnisse untersucht haben, müssen 
wir uns numnehr dem Gebiet der Personennamen zuwenden. Prüfen 
wir Kfttrzynskis Liste Im Einzelnen. Die Personen, die sich 
nach ihrem Wohnsitz im Kulmerlande benennen, wie z. B. 


- 


. 


I 
t 


I) K.:trzynski 110 ft'. 
2) Kt;trzynski 65 ff. 122 H.
		

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			- 


. 


......... 


5. Die Nationalitätenverhältnisse. 


-:I 


Jenichen vom Feldchen, Jon von Eichholz u. s. w., betrachtet 
Kfitrzynski mit einer petitio principii als antochthone Polpn, und 
nennt sie kurzweg Janek z Napola und Janek z Wichulca. Da 
aber die Bevölkll'ung des Kulmerlandes keine polnisch autochthone 
war, so müssen wir diese ganze grosse Gruppe von Namen aus- 
scheiden, deren einziges Kennzeichen für die Nationalität ihrer 
Träger der Name ihrer im Kulmerlande gelegenen Wohnorte ist. 
Bezeichnenu für den Mangel an Methode in KGtrz)nskis Unter- 
suchung ist übrigens, dass er Dietrich von Sanskau, der 12R9 ein 
Dorf loziert, als Polen bezeichnet. obwohl er diesem Dorfe den 
deutschen Namen Dietrichswalde gab. Die Zunamen, die von Ortt:;- 
namen hergenommen silld, sind für die Nationalität ihrer Träger 
um so weniger beweiskräftig, als sie noch keine festen Familien- 
namen waren. Der Bruder von Nitze von Renys nennt sich zuerst 
Hans von Renys und später nach seinem Gut Hans von Polkau. 
Ferner finden wir eine Reihe von Personennamen, die keines- 
wegs, wie Kfttrzynski meint, polnisch, sonuprn [JreUE'sisch oder deutsch 
sind. Preussische Namen, die Kfttrzynski für polnisch erklärt, sinu 
Clauko (Clauko von Jura 1340, C'lauko 
teynwege von Radosk 
1402. 1408), Buntke oder ßonueke (Heinrich Bondeke zu Gahilnau 
um 1420, Buntke zu Rulkendorf 1446/47), Kintiner oder Kintun
r 
(Jeske Kintiner von Czakell um 1420) und Scheyban (Scheyban 
zu Galsdorf 1448/50.)1) Dass der Name Scheyban Iolnisch sein 
solle, ist um so wunderlicher, al", Scheyban derselbe N aIDe ist wie 
Diwan, und dieser durch den Bartenhäuptling Diwan in dem gl"Ossen 
Preussenaufstand besonders bekannt ist. Ob die Träger jenpr 
Namen wirkliche Nationalpreussen gewesen sind, ist schwer zu ent- 
scheiden; jedenfalls können sie noch viel weniger als Nationalpolen 
gelten. 2 ) 
Auch deutsche Namen nimmt K
trzynski als polnische in An- 
opruch. Im Jahre 129:1 wurde Gohelinus, dem Schulzen von Reden, 
die Besiedelung des Dorfes Lindenau (im Kreise Graudenz) iiber- 
tragen; KGtrzynski erklärt Gobelin für einen Polen, der eigentlich 


I) Bezzenberger, Altpr. Monatsschrift 1876. C. 3ti5 ft, 
2) Auch dann nicht, wenn, wie K<:trzynski 217 sagt, Scheyban- 
Diwan und andere preussische Namen auch im Polnischen vorkämen. Yon 
anderen preussischen Namen kommen vor Glabun (Glabun vom Stein 1407) uml 
Cantil, der vor 1340 ein Gut Kantel bei Sloszewo besass; dieser und ein Otto 
Albert Wölky 204) werden ausdrücklich als Nationalpreussen (Pruteni) 
bezeichnet.
		

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			.60 


1. Die Ordenszeit. 


Gawel geheissen habe; den bekannten westfälischen Geschichts- 
schreiber des 15. Jahrhunderts Gobelinus Persona scheint er nicht 
zu kennen noch zu wissen, dass Gobel oder Göbel ein häufig vor- 
kommender deutscher Eigenname war.') Auch der Name Hoiko 
(Hoiko von Konojad 1401) ist nicht polnisch, sondern deutsch. 2 ) 
Peregrinus heres de Granzewo (1379) wird zu einem Pielgrzym 
gemacht, obwohl der Name häufig genug bei Deutschen vorkommt, 
und der Vorfahr dieses Pilgrim Engelbert hiess. 3 ) Der Strasburger 
Stadtpfarrer 
ikolaUis von Sandomir (vor 1343) ist nachweislich 
kein Pole, sondern ein Deutscber gewesen, denn in einer Urkunde, 
die K
trzynski übrigens unbekannt war, lleisst er Nikolaus W 01- 
welin (Wölflein); der Beiname: von Sandomir erklärt sich leicht 
dadurch, dass der Klerus in Polen im 14. Jahrhundert grossenteils 
deutscher Nationalität war. 4 ) Nitze von RenY8, der Verräter von 
Tannenberg. heisst bei K
trzynski 
likolaj z Rynska, obwohl der 
polnische Chronist Dlugosz ihn als einen Schwahen bezeichnet. 
(miles Suevus).5J Den famosen polnischen Lokator Clonofczyk 
haben wir bereits kenncn gelemt. 
Bei der Widerlegung KGtrzynskis haben wir uns natürlich auf 
die Fälle beschränken müssen, wo deutlich erwiesen werden konnte, 
dass die Personen entweder bestimmt keine Polen, oder dass ihre 
Nationalität zw('ifelhaft war. In sehr vielen Fällen ist beides un- 
möglich, aber diese Beispiele genügen völlig, um methodisch nach- 
zuweisen, auf wie schwachen Füssen KGtrzynskis Beweisführun
 
auch auf diesem Gebiet steht. 
Eine grundl"ätzliche Auseinandersetzung erfordert KGtrzynskis 
Behauptung, dass alle Vornamen von polnischer Form oder Endung 
wie Hannus, Jon, Janko, Mische, Jakusch, Jeschko, Bartusch, Staschko, 
Niklos u. s. w. den Polen kennzeichneten. Esist urkundlich nachzuweisen, 
dass dies unrichtig ist. Die Neigung, ihren Kindern fremdländische 

amen beizulegen und namentlich in der Koseform frelllde Endungen 
zu gebrauchen, besassen die Deutschen schon im Mittelalter. In 
unserm Jahrhundert ist das in Westpreussen und Posen sehr häufig 
gewesen; sonst sei an die Namen Harry, Fedora, die in Süddeutsch- 
land so beliebten Jean und Jaques erinnert; man könnte eine lange 


I) Lorenz, deutsche Geschichtsquellen 11 324l) 
2) Förstemann, altdeutsches Namenbuch (Personennamen). 
3j Wölky 202. 274. 
4) K.;trzynski 176. Vgl. den Anhang I Nr. 12. 
5) Script. IV 15.
		

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			5. Die Nationalitätenverhältnisse. 


öl 


Liste solcher Namen aufstellen. Aber auch in der Ordenszeit tragen 
eine Reihe von Personen polnische oder 
albpolnische Vornamen, 
während über ihre deutsche Herkunft kein Zweifel bestehen kann. 
Am sichersten steht das Deutschtum bei Mitgliedern des deutschen 
Ordens fest. Nach dem Allgemeinen Zinsbuch befanden sich u. a. 
um 1437 in dem Konvent zu Balga: Niklos I
ange aus Meissen 
und Frallczke Beyme aus Franken, in Brandenburg Kiklos 
Reychenaw, in Osterode Tytcze Trusez, in Strasburg IIann u s 
Gutterner aus Thüringen, Niklos Motberger aus der Lausitz und 
Niklos Zeydel, in Gollub Niklos Pochedefoy. Ein Vetter des 
Hochmeisters Küchmeister, Hauptmann zu Jägerndorf, unterschreibt 
sich Hannos) V on den Bewohnern des Kulmerlandes seien hier 
nur Nitze von Renys und sein Bruder Bannus von Polk au an- 
geiührt, da von Nitze ausdrücklich bezeugt ist, dass er schwäbischer 
Herkunft war. Weiteres Material bieten uns Urkunden aus Schlesien. 
wo in dieser Beziehung die gleichen Verhältnisse llerrschten. 2 ) 
In den ältesten Breslauer Bürgerbüchern von 13151-- 99 finden sich 
folgende unzweifelhaft deutsche Namen 3 ): Hannos Achczenheller 1370, 
Hannos Anevank 1383, Hanco Beyer 1 m18, HannoB Bel' VW6, 
IIannos Doring 1373, Maczco Diemeling 1371, Fl"anzco Vinke 13GB, 
Ticzko Pritag 1378, BartGo Gelbart 1381, Niczco Habedank 1374. 
Niczco Hebentorm 1367 . Weiter): Franczco Hartlip, Niczko 
Jordansmul, Hanco Schertelzan, Peczco Beyer u. a. m. 
Wir sehen, dass die Ortsnamen kein zuverlässiges Kriterium iür 
die Nationalitäten sind und dass d;e Personennamen lange nicht in 
dem Umfange, als K
trzynski annimmt, BewfJiskl'aft besitzen. Die 
Verleihung eines Gutes oder Dorfes zu kulmischem Rech t ist eben- 
falls kein sicheres Kennmal, da sowohl Polen als DfJutscbe damit 
bewidmet werden. Nun gab es aber im Kulmerland, in der Löbau 
und Michelau eine Reihe von Dienstgütern zu polnischem und 
preussischem Rechte. Der polnische Adel des KulmerIandes hatte 
in den dreissiger Jahren des 13. Jahrhunderts und dann 1278 ein 
bosonderes Privileg erhalten; wir wissen aber weder, für welche 
Güter dies galt und noch ob es nicht später in einzelnen Fällen 
in kulmisches Recht umgewandelt worden ist. Dagegen giebt das 


I) DO. Brief A. 1417, 11. August (Schiebl. LXIX Nr. 21). 
2) Schon Meitzen, Cod. dipl. Siles. IV 97 weist darauf hin. 
3) Breslauer Stadtarchiv H. 40. Ich verdanke diese Mitteilungen der 
Freundlichkeit des Stadtbibliothekars Dr. Wendt. 
4) Aus dem Cod. dipl. Siles. XI. 


....
		

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62 


I. Die Ordenszeit. 


Dienstbuch des Kulmerlandes 1 ) (um 1420) ein VerzeicLnis der Güter, 
die damals noch zu polnischem und preussischem Rechte besessen 
wurden. Die Einleitung dazu lautet: "Diese nachgeschriebenen sind 
die Dienbte der Polen und der Pomesanier und der Löbener auf 
jener 
eite der Drewenz, denen man nicht für den Schaden steht 
in der Reise (d. h. denen im Kriegsfall ihr Verlust an Pferden 
vom Orden nicht ersetzt wird), die da abgesondert sind aus den 
kölmischen Diensten allno domini 1386 bei Bruder KOllrad Zöllners 
Gezeiten unsers Hochmeisters; und (er) hat etlichen Diensten Gnade 
gethan und hatte sie lassen scbreiben in die kölmische Tafel. Auch 
sind ein Teil Güter, die hier mit ihrel1 Dicnsten nachgeschrieben 
stehen, die unser Hochmeister Bruder 
[ichel Küchmeistpr hat ver- 
lieben." Diese letzte Bemerkung bezieht sich auf Güter, die nicht 
zu polnischem oder preussisehem, sondern meist zu magdeburgischem 
Recht ausgethan waren und die für die Nationalitätf'nfrage nicht 
in Betracht kommen. - Die Worte: ,.auf jener Seite der Drewenz" 
heziehell sich offenbar nur auf die Löbauer, denn westlich von dem 
Flusse, im eigentlichen Kulmerlande sind 
weifellos Polen ange- 
sessen gewesen. So verzeichnet auch das allgemeine Zinsbuch von 
14] 9 Lei der Strasburger Komturei 35 kölmische Dienste und 
,,24 Dienstejenseits der Drewenz und auch eines Teils diesseits, 
die nicht kölmisch Recht haben." Unter den Pomesaniern und 
Löbauern sind trotz K'ttrzynskis Zweifel selbstverständlich Preussen 
zu ver
tehen. Im Kreise Strasburg- liegen folgende dieser GÜter: 
Kosil"Ock (Kozirog). Sachsen dorf, Sponsbruck, Kanten, Keitelaw 
(Chelst?), ScLackeu (Czekanowsko), Schwetz, Fogelsang, Susenberg, 
Crossen (das LeLmannsgut in Gross Kruschin), Karkaw, Koyan 
(ChOYI1O) und Klein Gorczin (KI. Gorczellitza). Iu Sponsbruck 
lagen zwei Dienstgüter, in Schacken zwei, in Koyan fünf und in 
Klein Gorczin drei. Kulmisches Recht hattell - wohl seit 1386- 
Janusch und Pauwel von Koyan und Dietrich zu Klein Gorczin. 
\Velche dieser Güter polniiJch und welcbe preussisch waren, 
sagt die Urkunde nicht: vermutlich waren die in der Michelau 
e- 
legenen (Kosiroek, Sachsendorf, Sponsbruck und Klein Gorczin) 
polnisch, und die in der Löbau gelegenen (Czacken, Keitelaw und 
Karkaw (?» preussisch. Von denen, die im Kulmerlamle lagf'n 
(Kanten (Kantilla ?), Schwetz, Vogelsang, Susenbetg, Crossen und 
ClJOyno) war Schwetz bestimmt polnisch, denn in eiller Urkunde 


1) no. Brief A. Schiebl. LXXV Nr. 37
		

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			6. Die Landesverwaltung zur Ordenszeit. 


63 


von 1450 ist von Polnisch-Schwetz die Rede; von den übrigen lässt 
sich nicht mit Gewissheit sagen, ob sie polnisch oder preussisch 
gewesen sind. 
[st es aber zweifellos, dass die Besitzer dieser Güter noch 
im 15. Jahrhundert. wirklich Preussen oder Polen waren? Es giebt 
gewisse Eigennamen, aus denen man die Nationalität ihrer Träger 
glauben darf erkennen zu könllen. Grymislaus, dem 1325 Cielenta 
gehörte, war sicber ein Pole. Desgleichen Mirogniwo, der 1295 
Bliesen im Graudenzer Kreise lozierte, ferner Zdistrigius und Martin, 
Sohn des DworisiuR, die 1312 Glpmboczek griindeten. Anderer- 
seits wird man Engelbert, der 1322 Grondzaw anlegte, für einen 
Deutschen halten müssen. Einen Deutschen scheint auch der Name 
Hartmann zu verraten; so hiess aber in den ersten Jahrzehnten 
des 15. Jahrhunderts der Besitzer von Sachsen dorf, das er zu 
preussischem oder polnischem Rechte besa8s. 
Von zwei Orten df'R zum Strasburger Kreise gehörigen 
masowischen Anteils des Bischofs von Plock, Golkowo und Klein 
1\Iiesionskowo wird übrigens ausdrücklich hervorgehoben, dass sie 
von Deutschen besiedelt waren; sie werden D eu t sc h M iesionskowo 
und Deutsch Golkowo genannt, das erste gehörte einem Deutschen 
namens Vernco.') 
Man wird die Hoffnung aufgeben müssen, über die Nationalitäten- 
verhältnisse im K ulmerlande zur Ordenszeit jemals ein deutliches 
Bild zu erhalten. Dass im Kulmerlande und in der Löbau Polen 
gelebt haben, ist nicht zu bezweifeln, dass sie aber das Überge- 
wicht über die Deutschen gehabt hätten, ist keineswegs bewiesen. 
Eitle polnische Fra
e hat es im Ordenslande nicht gegeben, und 
gerade deshalb fehlt es an Quellen, die auf die Nationalitätenver- 
hältnisse ein helleres Licht würfen. 


6. Die Laudesverwaltung zur Ordenszeit. 
Der heutige Strasbl1rger Kreis zerfiel, wenn wir von dem un- 
bedeutenden Anteil des Bischofs von Piock abHehen, in zwei Herr- 
8chaftsgebietf', die Komtureien des Ordens, und df'n Besitz des 
Kulmer Domkapitels, der zu der Vogtei Kauernik gehörte. Der 
Bischof von Kulm besass nur die Enklaven Bobrowo mit Faulen- 
bruch (Zgnilloblott), Mszanno und Kowallik. 


I) Mon. Pol. hist. 111, 123: Golkovo teutunicalis; in parvo Messencz- 
cowo teutunicali, quod dicitur Vernconis. 


- 


j
		

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			64 


1. Die Ordenszeit. 


Die Güter der Kulmer Kirche standen ausserhalb der direkten 
Yerwaltungshoheit dcs Ordens. Die Bischöfe nabmen im Ordens- 
staate eine Stellung ein, die nicht gerade die von Landesherren, 
aber doch sehr selbständig war. Die Bewohner der kirchlichen 
Güter unterstanden unmittelbar nur der Kirche. Das Kriegsaufgebot 
ging von der Kirche aus, im Gericbts- und Polizeiwesen scbaltete 
sie ganz unabbängig. Als der Bischof dem Domkapitel die 
600 Hufen in der Löbau überwies, trat er ihm alle Rechte ab, die 
er selbst dort gehabt hatte.!) 
Der dem Orden unmittelbar unterstehende Teil unseres Kreises 
bestand zum gröl::!sten 'I'eil aus den beiden Komtureien Strasburg 
und Gollub. Einzelne Ortschaften im Westen gehörten anderen 
Komtureien wie Rehtlen und Schönsee an, währelld andererseits einige 
Ortschaften des Löbauer Kreises zur Strasburger Komturei gehörten. 
Es ist hierbei zu bemerken, dass die Verwaltungsbezirke zur 
Ordenszeit nicht fest abgegrenzt gewesell zu sein scheinen. 
Wenn freilich in den nach 1411 abgefassten Schaden büchern, die 
tlie Kriegsschäden der einzelnell Orte in den Polenkämpfen ent- 
:.mlten, viele Dörfcr bald zur Schönseer und bald zur Golluber 
Komturei gezählt werden, so erklärt sich dies aus dem Umstande, 
dass beide Komtureien vom 1410 bis 1419 mit einallder vereinigt 
waren. Aber aueh die Grenzen von Strasburg und Gollub waren 
nicht gen au abgegrenzt; so wird z. B. Czulschaw (Sloszewo), das eine 
Ordensdomiine war, bald zu Strasburg bald zu Gollub-Schönsee ge- 
rechnet. Dies findet seine Erklärung wohl in der Finanzverwaltung 
des Ordens. Die Aufstellung eines Etats war im :Mittelalter selbst 
einem fillanzpolitisch so hoch entwickelten Staat wie Preussen lloch 
ganz fremd. Das Rechnungswesen war noch wenig ausgebildet; da!:! 
Rechnen mit den lateinischen Ziffern, sowie die verschiedenen 
Geldsorten erschwerten die Übersicht. Trotzdem stand die Finanz- 
politik des Ordens sehr hoch; machte doch der Orden durch seine 
ill grossem Stil angelegten Handelsunternehmungen den Städten 
eine empfindliche Konkurrcnz. Seine V crwaltung \\ ar sehr wirt- 
schaftlich; seit der Niederlage bei Tannenberg wurde sie extrem 
fiskalisch. Die Komture batten regelmässig von ihrcn Einllahmen 
Hechnung zu legen, danach wurden Bestimmungen über den Über- 
schuss getroffen. Je nach dem Bedürfnis wurden die Einnahmen 
1lJ den Komtureibezirken selbst angelegt, etwa durch Ankauf von 


1) Wölky 713.
		

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			6. Die Landes verwaltung zur Ordenszeit. 


65 


Land oder in "erkauften Zinsen", d. h modern gesprochen in 
Hypotheken auf Landgüter;1) oder sie wurden an die Zentralkas!:Je 
in l\!arienburg abgeführt, oder es musste einer anderen Komturei 
ausgeholfen werden. So machte es wenig aus, ob die Zinsen und 
Abgaben, die Erträge der Domänen u. s. w. von dem einen oder 
dem anderu Komtur erhoben wurden. 
Die Nachrichten, die wir über die Komtureien in Htrasburg 
und Gollub besitzen, stammen aus dem Ende des 14. und aus dem 
15. Jahrhundert. Aber nur die Nachrichten des 15. Jahrhunderts 
sind so reichhaltig, dass sie uns einen klaren Einblick in die Ver- 
hältnisse gewähren. 
In Strasburg und Golluh bestanden Ordenskonvente. An ihrer 
Spitze stand ein Komtur. Ihm lag die militärische, geJ"ichtliche, 
polizeiliche und finanzielle Lalldesverwaltung ob, doch war pr in 
seinen EntfOchliis:ien von der Zustimmung des Konvents abhängig. 
Die Ordensbrüder des Konvents hatten vielfach besondere Ämtprj 
da war der Hauskomtur, der 
liihlemneister, der Kellermeister, dpr 
Karwansherr, der Schuhmeister u. s. w. Die Befugnisse der Ver- 
waltung im Einzelnen darzustellen wäre die Aufgabe einer Verw3 1- 
tunggeschichte des Ordensstaates ; hier können nur die besonderen Ver- 
hältnisse des Strasburger Kreises in Betracht gezogen werden. 
Zu der Strasburger Komturei gehörte datl Gebiet Lauten- 
burg. Dies stand unter einem Vogt, der zu dem Strasburger 
Konvent gehörte. Ein eigener Ordenskonvent hat in Lautenburg 
Licht bestanden; der Lautenburger Vogt wird unter den Strashurger 
Ordensbrüdern mitgezählt, die Zins dörfer und Dienstgüter werrlen 
zu der Strasburger Komturei gerechnet, der Zins der Stadt Lauten- 
burg wurde nach Strasburg abgeführt. 2 ) 
Neben Lautenburg werden in der Strasburger Komturei noch 
andere "Gebiete" genannt. Die Grösse der Komturei scheint diese 


1) Der Komtur von Strasburg schreibt am 24. August 1452 an den 
Hochmeister, er habe auf dessen Anweisung. Land zu kaufen, Hansen von 
der Dameraw aus seinen zwei Hufen um 12 gute Mark ausgekauft. DO. 
Brief A. Schiebl. LXXVII Nr. 117. 
2) In einer Handfeste von Gelin (Jellen) von 1442 wird dies Dorf als 
im "GebietLauterburg" gelegen bezeichnet. Handfestenband VIII 114lKönigsb. 
Staatsarchiv). Das Gebiet L. wird ebenfalls im Grenzbuch B. (Kön. St.-A.) 
genannt, Toeppen, Geogr. 174 7 (0), ferner Gr. Bestallungsbuch a. 1409. - .Ein 
Vogt von Lautenburg wird 1409 erwähnt (DO. Urief A. 1409. 16,Okt.J, ferner 
in den Strasb. Zinsregistern von 1446 und 1447. - Vgl. die Handfeste der 
Stadt Lautenburg. Anhang I Nr. 20. 


5 


j 


-
		

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			....- 


ßli 


1. Die Ordenszeit. 


Unterabteilungen hervorgerufen zu haben. In den Zinsregistern von 
1447 und 1451 werden folgende Gebiete aufgeführt, deren Mittelpunkt 
meist ein Ordenshof ist: das Haus Strasburg, Lautenburg, Czolschaw 
(Sloszewo), Rauschenmühle (Gremenzmüble), Dameraw (Domäne Dom- 
browken) und das Michelauer Land. Diese Einteilung scheint 
wesentlich zur Erleichterung der A bgahenerhebung eingerichtet zu 
sein; die A bgrenzullg ist auch hier nicht ganz klar, da einzelne 
Zinsdörfer zugleich zu zwei Gebieten gerechnct werden. 
In militärischer Bcziehung hatte der Komtur die Land- 
ritterschaft aufzubieten. Nach dem allgemeincn Zinsbuch von 1419 
gehörten zu dem StrasburgPl" Gebiet 35 kölmische und 24 preussiRche 
und polnische Dienste. Von diesen waren die Besitzer dreier Gütcr 
zu dem schweren Reiterdienst, dem "Rossdienste" verpflichtet, näm- 
lich die von Gabilllau (Jablonowo), Sachsendorf und Czeine. Die 
Übrigen hatten den leichteren Reiterdienst, den sogen. Platendienst 
zu leisten. Die Zahl der Dienste wechselte indessen j in dpn Zins- 
registern von 1446, 1447 und 1451 finden wir einige Giiter als 
kriegsdienstpflichtig aufgeführt, die in dem Dienstbuch dps KIlImer- 
landes (um 1420) fehlen und umgekehrt. Die fehlenden Güter 
mögen zur Zeit unbesetzt gewesen sein. Ausserdem verfolgte der 
Orden, wie erwähnt, im 15. Jahrhundert die Praxis, dass wenn ein 
kölmisches Gut durch Erbteilung unter mehrere Besitzer geteilt 
wurde, jeder einen Platendienst leisten musste, auch wenn vorher 
das ganze Gut nur mit einem einzigen belastet gewesen war. 
Der Bezirk der Golluber Komturei stellte 8 Reitcr: von denen 
die Besitzer von Colmenchin und Gajn (Chelmoniec und Gajewo) 
zum Rossdienst verpflichtet warcn. Ferner hatten hier 8 Schulzen 
einen Platendienst zu leistcn. 
Die gerichtliche und polizeiliche Verwaltungsthätigkeit 
der Komture scheint hauptsächlich in der Ausführung dpr Ur- 
teile bestanden zu haben. Die Landritter und Dorfgemeinden hatten 
ein hohes 
Iass von Selbstverwaltung. Die Besitzer selbständiger 
Güter hatten wohl durchweg die hohe und niedere Gerichtsbarkeit 
über ihre Hintcrsassen, und in den kölmischen Zinsdörfern lag die 
Gcrichtsverrmltung bei den Schulzen und Schöffen. Für die Land- 
ritterschaft war das Kulmer Landgericbt zuständig, zu dessen Be- 
zirk auch die Michelau und die Löhau gehörten. 
ÜlJer die Finanzverwaltung der Komture von Strasburg 
und Gollub besitzen wir ziemlich ausführliche Nachrichten. Die 
Einkünftc der Komtureien setzten sich au8 sehr verschiedenen
		

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			6. Die Landesverwaltung zur Ordenszeit. 


61 


Rubriken ZUf:!ammen. Sie bestanden 1. aus dem tcils in Geld, teils 
in natura erhobellen Abgaben der Gütf>r und Dörfer, KrÜge und 
MÜhlpnj 2. aus dpm Reingewinn der selbstbewirtschafteten Höfej 
3. aus eigenen Unternehmungen. Der bare Bestand war aus den 
oben angeführten Gründen sehr verschieden. Ausser barpm Gelde 
be
tand das jeweilige Yermögen eines Konvents in grossen Natural- 
vorräten; denn die Ordensregel schrieb vor, dasf:! jeder Konvent 
auf ein ganzes Jahr mit allen notwendigen V orräten versehen 
sein müsste. 
Im Jahre 1374 übernahm der neue Komtur von Strashurg 
einen Barbestand von ] 700 Nobeln, 200 Gulden, 1150 Mark Scbil- 
ling, 
50 Schock Groschen j ausserdem waren (i 54 Mark ausständig. 
Der Geldzins der Dörfcr hetrug 1396 - einschlie"slich des neu 
angekauften Poln. ßrzozie und Jastrzembie - 700 Mark. Im 
Jahre 1404 betrug er 64ti Mark. Der Komtur Wilhelm von Rosen- 
berg (1404-6) vermehrte dcn Geldzins um 22 1 / 2 Mark 3 1 / 2 Skot 1 ). 
Im Jahre 1419 sollte der Zins 734 Mark hetragellj aber nach 
den \T erwiistungen des polnischen Krieges war er auf 324 Mark 
ge
mnken, und noch 14ß7 hatte Cl' sich nicht über 3ö5 Mark 
7 1 / 2 Skot erhoben. 2 ) Im Jahre 1447 wurde der Sollzins auf 
772 Mark 2 1 / 2 Skot berechnet, abpr nur 362 1 / 2 Mark 9 Skot, 
3 Pfcnnig kamen wirklich ein. 
Die Zahl der ZinBhufen in der Strasburger Komturei wird 
14]9 auf 1l;}!), 1437 auf 1244, ]447 auf 1150 1 / 2 ausgcgeben. Diese 
Differenz zwischcn den beiden Rechnungen von 1437 und 1447 ist 
wohl dadurch zu erklären, dass in der Zwischenzeit nachweislich 
eine beträchtliche Anzahl von Zinshufen in Dienstgüter verwandelt 
worden ist. Im Jahre 1447 wird die Zahl der freien Hufen, 
also die Güter der Landritter. der Schulzen, der Pfarrer, nnd 
Briefführcr auf 323 berechnet, die Summcn aller Hufen auf 1473 1 / 2 , 
Die Summe dcs Zinsgetreides in der Strasburger Komturei, 
wozu auch das Pfiugkorn und Reisekorn (das sonst unbekannt ist) 
gerechnet wurde
 wurde 1406 auf 1920 Scheffel Roggen und je 
1000 Scheffel Gerste und Hafcr veranschlagt. S ) Dagegen wurde 
das Zinsgetreide 1419 auf 29 Last (zu 60 Scheffel) Roggen, 
34 Scheffel Weizen, je 14 1 / 2 Last Gerste und Hafer und 52 Scheffel 


1) Gr. Bestallungsbuch. Toeppen. Zinsverfassung S. 63. 
2) Allg. Zinsbuch, 
3) Bestallungsbuch. Zinsbuch. Toeppen, 51 267). 


5*
		

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			68 


I. Die Ordenszeit. 


Erbsen berechnet, wovon aber bei der Verwüstung des Landes nur 
I) Last Roggen und je 2 1 / 2 Last Gerste und Hafer einkamen.!) 
Im Jahre 1447 betrug das Soll des Getreidezinses 2R LaRt 
lj Sclwffel, 
aber es kamen nur 14 Last 32 Scheffel ein. - Der Mühlenzins 
wurde 1419 auf 36 Last Roggen und 24 Mark bar berechnet, aber 
nur 10 Last Roggen gingen ein. 
In der Komturei Gollub betrug 1419 die Zahl der Zinslmfen 
445, 1437 waren es 535, 1448/49 wird die Zahl sämmtlicher Hufen 
auf 681 \'2 angegeben, wovon 180 1 / 2 "Lehnhufen" waren. Der Komtur 
bezog im Jahre ]
76 an Zins 340, im Jahre 1393 350 Mark. Im 
Jahre 1419 kamen nur 216 Mark , Skot ein, und 14a7 
341/2 
Mark. Im Jahre 1448/49 betrug das Soll 392 
fark 1 Skot 
20 Ff., davon fielen 54 Mark 1 Firdung 10 pr. au!". Üher den 
Getreidezins der Golluber Komturei fehlen zmmmmenfaHsende 
Angaben. 
Zu bemerken ist hier, dass sich die Abgabe des Pflugkornes 
auch in dem Strasburger und Gollllber Gebiet findet. Töppen 
identifiziert das Pflugkorn mit dem Bischof8cheffel, der abgf'sehpn 
vom Kulmerlande dem Orden zufiel und nimmt an, nass im Kulmer- 
lande das Ptlugkorn nicht vorkäme; wo die kulmischen KOll1tureiell 
in den Rechnungen das Ptlugkorn erwähnten, kämen die ausserhalb 
des eigentlichen Kulmerlandes gelegenen Landschaften in Betracht, 
also die Löbau und }1ichelau. 2 ) Dicse Ansicht erweisst sich inoess 
als unrichtig, und somit fällt auch Töppens Erklärung des Pflug- 
korns. Bei folgenden Ortschaften wird urkundlich Pflugkorn er- 
wähnt: in Jaguschewitz beträgt es ] Scheffpl Hafer von der be- 
setzten Hufe (1
66), pbenso in Hochheim (1:354). Folgende Dienst- '1 
güter zahlen den üblichen Satz von je 1 Scheffel Ruggen und 
Hafer: Galczewo (1432), Konojad (1417 und H22), Fripdeck t 1417), 
Klein Ostrowitt (141R), G01'al (14i32), Schwetz (1446 und 1450) und 
Milischewo. 3 ) In der Michelau und Löbau entrichten ehensovielGottar- 
towo (1448) und Jellen (1442). Ferner elltl'ichten Pflugkorn die 
Städte Lautenburg fUr Neuhof und Strasburg für Bürger"dorf und 
Michelau.3) Hartmann von Sachsendorf giebt "vor das Ptlllgkurn 
:3 Mal'k.'(3) Diese Angabe wurde ihm 1419 erlassen j er wird 
befreit von den :1 Mark "Z ins es" die er von seinem Gute 


1) Allg. Zinsbuch. 
2) Toeppen, Zinsverfassung 30 f, 50 f. 
3) DO. Brief A. Schieb!. LXXXV 
r. 119.
		

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			I 
f 


6. Die LandesverwaltuDg zur Ordenszeit. 


6
 


. 
Sacbsendorf jährlich 
,für den Zehn te n unserem Hause Strasburg 
zu geben verpflichtet ist."I) 
In der Golluber Komturei wurde von den Dienstgütern 
Gajewo, Chelmoniec, Klein Ostrowitt, Klein Pulkowo und Dilewo 
von der Hufe je 1/2 Firdung gezinst. 2 ) 
Wartgeld kommt vor bei Schramowo, Milischew0 3 ) und der 
Wassermühle zu Gross Radowisk; die letztere gab auch Schal- 
wenkorn. 4 ) 
Die Wirtschaft des Komturs gründete sich aber nicbt allein 
auf diese Einnahmen, sondern er betrieb selbst eine grössere 
Landwirtschaft. Zum Ordenshause Strasburg gehörten drei V or- 
werke, das Vorwerk "vor dem Hause", Damerau und Czolse und 
die Mühle "vor dem Hause" (Domäne StraHburg, Dombrowken, 
Sloszewo, Niskibrodno Mühle). Im 14. Jahrbundert war auch 
Niewierz eine Domäne gewesen. Von Gollub aus wurden die Vor- 
werke "vor dem Hause", Sauerteig, Kulping und Obitzkau (Schloss 
nolau, Sortika. Kelpin und Obitzkau) bewirtschaftet. Später kam 
Rodau (Karczewo) dazu. Erwähnenswert ist, dass zu der Golluber 
Komturei ein Gestüt gehörte. Im Jahre 1401 verkaufte der 
Golluber Komtur dem Hocbmeister 10 Fohlen für 100 Mark}» Nach 
einer Inventaraufnahme vom Jahre 1376 übernahm der neue Komtur 
von Gollub folgenden Viehbestand : 
"In des Komturs StaUe 4 "Schelen" (Beschäler), item 3 Hengste 
(Wallache), item 2 Knechtpferde, itcm 2 Sweiken (Pferde der 
prcussischen Rasse) und 1 "Czeldenpferd" (Zelter). Item im Karwan 
ill der "Ackerstut" (Gestüt fiir den Arueitspferdeschlag), 42 Kobeln 
(Stuten), 8 Ackerpferde. Item 42 Kühe, item 1400 Schafe, item 
, 
, 4 Schock Schweine, jung und alt. !tem zum Suwerteige (Sortika), 
75 Kobeln jung und alt, item 26 "Suckvollen" (Saugfohlen), item 
6 "Wurgevollen" (Wallachfohlen), item 19 Fohlen von 2 Jahren 
und darunter, item 10 Ackerpferde, item 35 Schweine, item 
14 Ziegen, item 48 Haupt Rindviehs, jung und alt.6) 
Die bereits erwähnten Geldgeschäfte des Komturs mögen 
durch ein paar Beispiele illustrirt werden. Im Jahre 1404 be- 
I) S. den ADhang I Nr. 21. 
2) Golluber Zinsregister von 1448/50. 
S) DO. Brief A. Schiebl. LXXXV. Nr. 119. s. o. 
4) Handfesten band VI, 47. 
6) Tresslerbuch 120. 
6) Bestallungsbuch. Y gl. Toeppen, über die Pferdezucht in Preussen 
zur Zeit des Ordens. Altpr. Ms. 1867. S. 681 ff.
		

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			70 


1. Die Ordenszeit. 


kundet der Strasburger Komtur, als er seinem Nachfolger Rechnung 
legt, dass er Herrn Peter Lobel 200 Mark, KOlll"ad Schramme 
50 Mark und Hannus von Mossek 50 Mark geliehen habe, die 
dafür einen Zim! von 81/20/0 an die St. Georgenkirche in Stras- 
burg zahlen sollten. Jokusch Swynchen waren auf seiD Dorf BrzosBow 
im Dobriner Lande 400 Mark geliehen worden, die Zinsen soHte 
er nach Marienburg entrichten. 
Einige Beispiele aus übergabeprotokollen bei dem Wechsel 
der Komture gewähren einen Einblick sowohl in das Rechnungs- 
wesen jener Zeit als auch in die Wirtschaftsweise der Konvente. 
Die Mengo der Bestände in den Ordenshäusern erklärt sich aus der 
erwähnten Vorschrift, dass jeder Konvent Vorräte aller Art für ein 
ganzes Jahr bereit haben müsste. 
Das Inventarverzeicbnis von 1396 hat folgendell Inhalt: 1 ) "In 
der Jahrzahl unsers Herrn W!!6 am Tage Philippi und Jacooi ward 
Bruder Kar! VOll Lichtensteyn des Komturamtes zu Strasburg er- 
lassen und (es) ward befoblen Bruder Friderich von W tll1enrode, 
als hiernach geschrieben steht: Zum ersten 700 
Iark Zinses mit 
den zwei Dörfern Jm;cirsam ulld Brzose (Jastrzembie und Polnisch 
Brzozie). Item hereiten (baren) Geldes dem Tresslcr geantwortet 
820 Mark. Item haben wir ausgegeben bei Meister Konrad Zölners 
Gezeiten 190 Mark für die Mühle zu Gabilnow (Jablonowo). Item 
150 Mark Herrn Peter Lobe!. Hem 12 Mark Herzog Semaschken 
aus der Herberge zu lösen. Item bei Meister Conrad Wallelll"odes 
Gezeiten 666 Mark für das Dorf Jescirsam. !tem 150 Mark 
dem Meister. Item 16 Mark, den Herzog Heinrich aus der 
Herberge zu lösen. Item 96 Mark für die Ziegelscheune 
und für den Ziegel zu Luterberg. öumma des gereiten Geldes, 
und das wir ausgegeben haben, 2095 Mark. 2 ) Hem 1221 Mark 
an Schuld. !tem 506 La.st Roggen. Item (j Last Weizen. Item 
570 Scheffel Gerste. !tem 1800 Scheffel Malz. Item 2510 Scheffel 
bereiten Haber. Item 1000 SchefIel Waldbaber, den man schuldig 
ist. !tem 4 Last Erweis (Erhsen). Item 850 Scheffel Hopfen ulld 
8 Last Mehl. Item 3 Rosse und 1 Hengst.:.!) !tem 17 Knecht- 
pferde und 9 Sweiken. ltem 19 Wagenpfe
de. !tem 20 
tutkobeln 
(Stuten). Item 3 Kobeln dreijährig. Item 101 Ackerpferde. Item 



 


.. 


1} Bestallungsbuch. 
2) Die Rechnung stimmt nicht; es sind 2100 Mark. 
3) "Ross" bedeutet Hengst, und "Hengst" bedeutet Wallach. Toeppen 
a. a.. O.
		

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			6. Die Landesverwaltung zur Ordenszeii. 


71 


3 Fohlen dreijäbrig. Item 19 Fohlen zweijährig. Item 2;:' Jähr- 
linge. !tem 158 Haupt Rindviehs. !tem 39 Kälher. Hem 750 alte 
Schafe. !tem 2ÖO Lämmer. Item 5 Schock und 2 Schweine. Item 
6-1Ruckarmbrüste und 16 Stegreifarmbrüste,der sind zwei "zurWise".1) 
Item 120 Schock Pfeile. Item 1 grosse Biichse. Item 4 Selbscho!"s 
mit ihrem Gerät. Item 12 Panzer, der sind 2 "zur Wise"l). Item 
4 Helme und 2 Gehänge. Hem 24 Eisenhüte, der sind 2 zur Wisc. 
Item 9 Hauben. Item 2 Paar Beingewand. Item 2 Paar Armleder. 
Item 2 Paar Schienen. Item 4 Paar Blechhantzken. Item 9 Hunds- 
kogeln 2 ), der sind 2 zur Weise. Item 
2 Platen und 20 8childe. 
Item 2 T,ntzen." 
Dem Inventarverzeichnis von 1417 entnehmen wir folgendes: 
"Zum ersten im Keller 10 Fass Märzen-Konvent (Konvelltbier), 
jegliches Fass von zwei Tonnen. Item 6 l\1ärzenbier, 2 Kollegien- 
bier minus eine Stande. 1 Fass mit altem Bier von 3 Tonnen. 
6 stählerne Kanncn klein und gross. Kleine irdene Hafen. (j 'l'isch- 
tücher dcr Herren, :J der Jungherren Tischtücher, 6 Handtiicher. 
41 Korn- und Malzsäcke, neu und alt. 400 Scheffel Hopfen. 7 Last 

[ehl. 1 1 / 2 Last Leinsamen. Item in der Küche: Zum 
ersten 9 irdene Töpfe, 9 Kessel, 2 Kupfersiebe, 1 
[örs('r,;
 Spiesst', 
2 Brodbacken, 2 Bratpfannen, 4 Kellen, 3 Kesselhaken, 2 Hantzken, 
2 Brandruten (Schüreisen), 3 Hackmesser, 1 Fleil5chbeil, 1 Back- 
pfanne, 6 1 /2 Schock Flicken (Speck8eiten), 7 Ochsen im Salz<" 
70 Spiesse Rindfleisch, 111/2 Schock Bratwürste, 30 Schmeer nen 
und alt, 2 Scbock Bugschinken, 1 Tonne Kuhfiisse, 1 Tonne ge- 
schmolzenes Unschlitt, 1 Tonne Schmalz, 4 Stof Aale, 1 Tonne Grütze, 
20 Scheffel Gerstengrütze, 1 Last Erbsen, 12 Schock Schuss elen (eine 
Fischart?), 1 Tonne Dorsch, 1 Tonne Heringe, 14 Tsmnen Salz, 
1 'l'onne Oel, 1 'l'onne getrocknete Hechte. :1 Viertel von einem 
Pfund Pfeffer, 1 Pfund Kümmel, 1 Viertel von 1 Pfund Safran. 
1 Viertel Senf, 11/2 Tonnen Zipollen (Zwiebeln), 1 Bütte mit "Com- 
post",3) 3 Tonnen Essig, 1/2 Stein Mandeln, 1 Stein Reis, 19 Stock- 
fische, 1li Schock Schafkäse und 10 1 /2 Schock Kubkäse." 


1) d. h. zur Besichtigung auf Reparaturbedürftigkeit; "Wise" kommt 
von dem Zeitwort weisen. 
2) Hundskogeln sind Beckenhauben mit spitz vorgetriebenem Visier, 
die eine der Hundeschnauze ähnliche Form besitzen. Boeheim, Handbuch 
der Waffenkunde. 1890, S. 35. 
3) Compost (aus dem lateinischen; Compositum) bedeutet hier Sauer- 
kohl oder eingesäuerte Rüben, das Wort kommt aber auch schon in der Be- 


j
		

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			72 


1. Die Ordenszeit. 


An Waffen führte das Haus Strasburg 1419 folgenden Be- 
stand: 13 Steinbüch!:!en und Steine dazu, 28 Lothbiichsell und Gelothe 
(Blei) dazu, 
 Schock Armbriiste, 500 Schock Pfeile, 26 Schilde, 
3 Tonnen Pulver, 1 Tonne Salpeter, 6 Panzer, 4 Hundskogeln, 
5 Hauben, 4 Schurze, 13 Bruste, 5 HaubengeLänge, 15 Eisenhiite, 
3 Paar Vorstollen, 12 Paar Blechhantzken, 3 Paar Beinharnische, 
und 8 Platen. 


7. Kämpfe mit Polen. (-1422.) 
Preussen begann schon Anfan
 des 14. Jahrhunderts sich zu 
einer TerritorialmacLt auszuwachsen. Nach UnterwerfuDg der 
Preussen war die Bekämpfnng der Ht'iden uicht mehr der Haupt- 
zweck des Ordens, sein geistlicher Charakter beginnt in den Hinter- 
grund zu treten, seineI' :Macht erstandf'n _on innen heraus neue 
Auf
aben, deren Wurzeln allein in dem politischen Dasein des 
jungen Ostseestaates lagen. Indem Siegfried von Feuchtwangen 
daB Ordenshaupthaus von Venedig nach der Marienburg verlegte, 
kamen die neuen Tendenzen der Ordensrnacht auch äusserlich zum 
Ausdruck. In demselben Jahre (1309) erwarb der Orden Pomme- 
reUen: Danzig, Dirschau und Schwetz mit ihrem Gebiet. Damit 
hatte er die Alleinherrschaft über den Unterlauf der Weichsel ge- 
wonnen; er versperrte, da er auch im Besitze von Kurlund war, 
auf der ganzen Linie dem polnischen Reiche den Zugang zur See. 
Hieraus entsprang der politische Gegensatz zwischen heiden Reichen, 
der sich schon in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in einem 
langen Kriege Luft machte. 
Der Kampf brach 1327 aus. In dem folgenden Jahre snchten 
die Polen 
as Kulmerland heim, SIe drangen bis zur Ossa vor, 
sengten und plünderten, zogen aber, ohne die Belagerung einer 
Burg auch nur zu versuchen, bald wieder iiber die Grenze zurück. 
1m Jahre 13t
 erfolgte ein zweiter Einbruch, d
r 5 Tage währte.1) 
Zum dritten Male wurde das Land im September 1330 mit Krieg 
überzogen. Der polnische König hatte mit dem Littauerfürsten 
Gedimin einen gemeinschaftlichen Zug ins Ordensland geplant. .. 
Gedimin rückte durch das Osteroder Gebiet in die Löbau, ver- 


deutung unseres heutigen "Kompott" und auch von "Kompost" Vor. Aus 
Kompost in der ersten Bedeutung ist a.uch da.s Wort .,Kumst" entstanden, 
zuerst auch in der Bedeutung für Sauerkohl, dann für die Kohlpflanze selbst. 
Grimm, Deutschf\s Wörterbuch. 
1) Voigt I\T 421. 431. Caro, Geschichte Polens Il 130 ff.
		

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			7. Kämpfe mit Polen. (-14221. 


73 


brannte Kauernik, zog aber wieder ab, da er das polnische Heer 
nicht antraf. Der König hatte inzwischen bei Strasburg vergebens 
den Übergang über die Drewenz zu erzwingen gesucht. Der Hoch- 
meister Werner von Orseln, der mit dem Deutschmeister und dem 
)Ieister von Livla!1d die Verteidigung leitete, leistete erfolgreichen 
Widerstand. Das polnische Heer zog, nachdem es die Michelau 
verwüstet hatte, flussabwärts, während das Ordensheer auf der 
andern Seite der Drewenz folgte. Bei Gollub standen sie längere 
Zeit einander gegenüber. Scblif'sslich gelang es den Polen 
durch eine List, hei Leihitsch den Übergang zu bewerkstelligen, 
und nun ergossen sich ihrf' Scharen über den westlichen Teil des 
Kulmerlandes.1) Noch einmal standen das polnische und das Ordens- 
heer im Jahre 1:m2 an der Drewenz einander gegenüber. 2 ) Es 
kam indes diesmal nicht zum Kampfe, ein Waffellstillstand wurde 
geschlossen, der mehrfach erneuert und endlich 1343 in einen end- 
giltigen Frieden verwandelt wurde. 
Weit gefährlicher wurde aber der polnische Nachbar dem 
Orden, als l38G der Grossfürst von Littauen Jagal sich mit der 
Erbin der polni
chen Krone, der jungen Königin Hedwig, vermählte. 
Zugleich trat er mit seinem Volke zum Christentume über, so dass 
für den Orden der Heidenkampf aufhörte und seine politische 
Mission erfüllt zu sein schien. Nach der Vereinigun,:{ Littauens 
mit Polen stand Preussen einem Reiche gegenüher, dass sich im 
Süden bis zum Dnjepr und Dnjestr ausdehnte und im Osten das west- 
liche Russland bis Kaluga und Orel umfasste. Durch diese Ver- 
einigung hatte aber Polen den ersehnten Zugang zur See auch 
nicht gefunden, denn die Ostseeküste war bis nach Estbland hinauf 
in dem Besitze der deutschen Ritter. Zu dem politischen Gegen- 
satz, der durch die territoriale Lage der bei den Staaten gegeben 
war, trat der nationale. Was Polen an Kultur vor den ostslavischen 
Völkern voraus hatte, yerdankte es dem Dputschtum, das auf allen 
Gebieten des Lebens sein Lehrmeister gewesen war. Es konnte 
aber nicht aURhleiben, dass das Polentum dif'sen Einfluss als etwas 
Fremdes empfinden und darnach etreben musste, sich davon zu be- 
freien; es wollte der eignen Kraft vertrauen und die W cge gehen, 
die der eigne nationale Genius ihm vorzeichnetf'. Das erwachende 
polnische Nationalgefühl äusserte sich folgerichtig im Nationalhass 


1) V oigt IV 462 f. Caro II 149. 
2) V oigt lV 503. Caro II 170.
		

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			74 


I. Die Ordenszeit. 


gegen das Deutschtum, und dieser richtete sich in ganz uesonderer 
Heftigkeit natürlich gegen das politische Gpuilde, in dem das 
Deutschtum sich ihm am nächsten, aID gefährlichsten und am feind- 
lichsten darstellte, gegen den Ordensstaat. 
Der Kampf zwischen den Polen und dem Orden war eine 
Naturnotwendigkeit. Zwei Gellerationen hindurch wird er ausge- 
fochten; die Stufen der Elltwicklung werden bezeichnet durch 
die Schlacht von 'l'annenberg (1410), den Abfall der Stände 
(1454) und die Unterwerfung Westpreussens unter die Krone Polen 
(1466.) 
Eine Reihe von Kämpfen mit Littauen und 
treitigkeiten 
mit Polen gingen dem "grossen Kriege" von 1409 voraus. In den 
Jahren 1402 und 1404 fanden in Strasuurg Unterhandlungen 
zwischell dem Orden und seinen Gegnern statt. Der erste Tag zu 
Strasuurg brachte eine Versöhnung des Ordens mit den Herzögcn 
von Masoviell zu stande.l) Im 'l'resslerbuch fiu"den wir Rechnungen 
von jener Veranstaltung: ,,3 )Iark des Herzogs Pfeifern; item 
8 Schilling den Fiedlern und 8 Schilling den Schülern (von 
Strasburg); item 1 Firdung einem Fuhrmann, der die Woythsäeke 
(Reisesäcke) von Brathean gen Strasberg und wieder gen Brathean 
führte. !tem 2 Skot dem Mallne, der die Flaschen von StraBberg 
gen Brathean hrachte, die zu Strasberg blieben waren, als man 
dem Herzoge Wein brachte; item 12 Mark und 8 Skot, die Her- 
zoge aus der l\lasow - (die des Ordells Gäste waren.) - zu Stras- 
berg aus der Herberge zu lösen, als der Komtur zu Stra!:!berg in 
der Herberge hatte lassen recbnen,"2) - Auf dem Strashurger Tage 
von 1404 erhoben die Gesandten König Jagiellos Ansprüche auf 
die südliche Hälfte des Drewenzfiusses mit einem Hofe gegenüber 
der Mühle Leibitsch, die zu Polen gehören sollten. Der Orden wies 
auf Grund einer Anzahl von Urkunden sein Besitzrecht llach. 3 ) 
Der "Grosse Krieg" begann 140
. Ende 1408 hatte der 
Hochmeister die Grenzburgen Osterode, Brathean, Strasburg, 
Gollub. Schön see u. s. w. besichtigt und ihre Verteidigungsanstalten 
in Augenschein genommen. 4 ) Am 6. August 1409 sagte Ulrich 
von Jungingen dem polnisch-littauischen Könige den Frieden auf. 
Der Hochmeister machte am 16. August von Strasburg aus einen 


1) Voigt VI 226. 
2) Tresslerbuch 169 f. 
3) Voigt VI 347f. 
4) Voigt VII3!:!.
		

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			7. Kämpfe mit Polen. (-1422). 


75 


Einfall ins Dobriner Land, nahm einige Burgen eill und verheerte 
die Landschaft. Die Entscheidung brachte erst das folgende Jahr. 
König JagielJo hatte im Juli mit einem polnisch.littaui
chen Heere, 
verstärkt durch Tatarenborden, die preussische Grenze üherschritten 
und nahm bei Gilgenburg Aufstellung. Der Hochmeister, der bei 
Lautenburg standI), zog dem Feinde entgegen, und am 15. Juli 1410 
kam es zu der blutigen Schlacht bei Tannenberg, in der der 
Hochmeister fiel und der Orden eine verhängnisvolle Niederlage 
erlitt. Die kulmi8che Ritterschaft hatte in einem entEcheidenden 
Augenblick der Schlacht Verrat geübt; ihr Bannerführer N iklas von 
Renys unterdrückte das Banner und gab damit das Zeichen zur 
Flucht. Auch der Strasburger Komtur Balduin Stahl fiel in dem 
Kampfe, und das StTasburger Ordensbanner, das den 
pringenden 
Hirsch im Wappen führte, geriet in Feindes IIand. 2 ) 
Die Folgen der Schlacht waren nicht nur von militärischer 
Bedeutung. Kaum war das Ordensheer zersprengt, so begann ein 
allgemeiner Abfall des Landes. Die Städte, denen es vor alI('m 
um Bestätigung und womöglich um Erweiterung ihrer Privilegien zu 
thun war, begannen mit verdächtigem Eifer Unterhandlungen mit dem 
siegreichen Könige. Die Landritterscbaft aber trieb den Verrat 
noch weiter, sie warff'n sich auf die von V erteidigungen cntblössten 
Burgen, eroberten sie und lieferten sie den Polen aus. "Die 
Bürger zu Thorn" sagt ein zeitgenössischer Bericht, .,nahmen das 
Schloss zu Thorn ein und stiessen die Brüder des Ordens davon 
mit Gewalt und aDtwortetpn unsers Ordens Schloss und Stadt 
dPID Könige zu Polcn . . . . Dergleichen geschah zu G
audenz unO. 
zu Strasburg."3) 
Die Rettung kam dem Orden durch Heinrich 'on Plauen. 
An dem eisernen Widerstande dieses ausserordentlichen 
Iannes 
brach sich die Macht der Polen. Er warf sich in das Haupthaus 
M arienburg und zog hier die Reste der Wehrkraft des Ordens zu- 
sammen. Nach mebrwöchiger Belagerung musste König Jagiello 
unverrichteter Sache abziehen. Schon im Oktober war das ganze 
Land mit Ausnahme von Strassburg, Rehden, Thorn, Nessau und 
Stubm wieder im Besitz des Ordens. 4 ) 


1) Script III 314. 
2) Script IV 21. 
3) Script. IH. 486 ADm. 
4) Script. IH. 323.
		

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			76 


I. Die Ordenszeit, 


Golluh hatte sich den Krieg hindurch gehalten.') Die Lage 
deI! Komturs war um so schwieriger, als ullter der Besatzung !'elbst 
Strcit ausbrach. In der Burg lagen livische und schlesische Söldner, 
zwisehen beiden kali es bei der Verteilung der Beute zum offenen 
Handgemenge; dcr Komtur bat den Hochmeister, die 8chlesier, 
die der angreifende Teil gewesell warell, ahzuberufen. 2 ) Von den 
Schlössern, die im Besitzc der Polen waren, wurde cin unbarm- 
herziger Kleinkrieg geführt. "Die auf den Häusern waren zum 
Reden und Strassbl1rg, erzählt der Chronist, verbrannten viele 
Dörfer im Lande zum Colmen, niemand t.hat dazu nichts. 11 Ende 
Dezember 1410 meldet der Vertreter des Golluber Komturs dem 
Hochmeister, dass die polnische Besatzung von Strasburg das 
Golluher Gebiet geplündert hätte; 115 Pferde, 211 Kühe, 388 Schafe 
hatten sie gerauht, ein Teil der Beutc wurde ihnen abgejagt, aber 
sie behielten 38 Pferde, 38 Kühe und 88 Schafe. Der Schaden 
wurde auf 130 Mark berechnet. 3 ) 
Am 1. Februar 1411 schloss der inzwischen zum Hochmeister 
erwählte Heinrich von Plauen mit Jagicllo zu Thorn den Frieden 
ab, der dem Orden das ganze Gt:biet li£'ss, jedoch zur Auslösung 
von Kriegl'igefangeneu eine Schuld ill Höhe von 100000 
Ik auf- 
£'rlegte. Die Burgen, oie die Polen noch hielten, wurden geräumt. 
Unter denf'n, die sich für die Kriegs8chuld des Ordens verbürgten, 
befand sich auch die Stadt Strashurg. 4 ) 
Die Polen hatten Schloss und Stadt 
trasburg geräumt, aber 
nicht ohne Leim Abzuge noch einc grosse Plündcrung vorzunehmen. 
Zunächst bemächtigten sie sich des Ge(o;chützes; zwei mächtige 
llauptbüchsen schleppten sie weg, sechs kleine SteinbüchselJ, eine 
Menge Lothbüchsen, allc Armbrüste, Pfeile und anderes Schussge- 
räte. Von dem gesamten Getreidevorrat fand der Orden nur 
7 -8 Last Korn vor. Aus der Küche des Ordenshauses stahlen 
sie Grapen, Kessel, Pfannen und Fä!;ser, nicht einen Löfff'l liessen 
sie zurück, sie rissen - ein Beweis für den Wert des Metalls in 
damalige r Zeit - die Schlösspr und eisernen Bänder von rl'hüren 
1) Reise, Baudenkmäler 341, sagt irrtümlich, Gollub sei von den 
Polen erobert worden. 
2) DO. Brief A. 1410, November, Schieb!. XXI Nr.53. Auch sonst machte 
der Orden schlechte Erfahrungen mit den schlesischen Söldnern. Caro III. 
427 f. Der Komtur von Schön see klagt ebenfalls über die "Gäste" (Söldner). 
DO. Brief A. 1411, Jan. 19. Schieb!. XXII.. 119. 
3) DO. Brief A. 1410, 26. Dez. Schieb!. XXII.. 44. 
4) Toeppen, Ständeakten I. 157.
		

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			I 


7. Kämpfe mit Polen. (-1422). 


77 


und Fenstern los. auch eine neue Braupfanne aus dem Brauhaus im 
Werte von 20 :\lk. Hessen sie mitgehen. Selbst die KÜ'chell plün. 
derten sie aus. Aus der 8chlosskapelle rauhten sil'! eine vergoldete 
Monstranz, einpn Kplch, drei kleine Monstranzen, alles "übergoldet 
und voll Heiligtumes". Aus der Bücberei nahmen sie zwei Legenden. 
bücher, zwei Psalter, zwei gute l\Ii::osalia, eine gut Antiphonarium, 
ein gut Graduale und viel ander guter ß Ücher" . Von den Altären 
rissen sie die Verzierungen ab, einen goldenen Vorhang von dem 
Hochaltar, einen silhernen "Vorspan" von unserer lieben Frauen 
Bilde, der 20 :\tk. wert war, seid elle l\tessgewänder und Ornate 
und viel anderes Gpräte. l ) 
Der Orden gah sich iiber die Verluste des Krieges genau 
Rechpnschaft. Es entstalld das Schadenbuch,2) in dem die Verlu;;te 
der einzelnen Ort::och1Lften des ganzell Landes mit grosser Genauigkeit 
angegehen sind. Es wurde nach dem folgenden Kriege von 1414 
fortgeführt uud bildet eine wichtige Geschichtsf}uelle. Für uns sind 
namentlich dip Angaben über die Stadt Strasburg von Interesse. 
Empfangt man schon aus den öfIe ntlichen Bauten, der Pfarrkirche 
und dem Reste dl's Rathauses, den Eindruck eines gros sen W obl- 
standes der Strashurger Bürgerscbaft, so wird dies hestätigt durch 
die Angaben de8 Schadpns, den die einzelnen Bürger in den Jahrell 
1410 14 erlitten haben. Beruhard Crudener giebt 2::!O 
Iark an 
, 
Johanu l'eczko 105(} Mark an 8chafell, Schuld (d. h. Zinsen von 
ausgeliehenem Kapital, die er llicht erhielt), WOlle, :\liihlen und 
Korn. Elias hatte an Schafen und Rchuld 800 Mark eingehüsst, 
Ywan 
OU }Iark, Baneman 282 
Iark an Schafpn und Schuld. 
Frauczke Groe 1100 :\Iark an Schafen, Schuld und Wolle, )Iattis 
ßrunl'iteyn 400 }lark 
n seinem Vorwerk, an. Pferden, Schafen und 
Gewand (Tuch), Michael Ostirreich 150 :\Iark an 
Ialz, Hafer, Bier, 
Heu, 13pttgewand, Armbrüsten und anderer falu'ender Habe. Den 
Fleischhauern waren Kühe, Ochsen und 8ehöpse im Werte von 
30 )Iark genommen. Der Bürger V aisgries (oder Fegesgreis) verlor 
,10 Mal'k, Johannes Weisenbeuer (Weizen bauer) 155 Mark an 
Ialz 
und anderpr fahrenderHabej Michel LemanYlle(Lemanin=FrauLemann) 
4 
Jark an 8chafcn, Stormer 14 
[ark an Weizen und Korn, Mattis 
vom LI
well 341 
Iark an Pferden, Korn, Vieh und fahrender Habe. 
Die Lankynne 310 Mark an Schafen und Schuld, Herr Johaunes 
.Magerlin 
iO Mark an Schafen und 8chuld, die Vogelynne 14 Mark 


I) Scho.denbuch 5b, S. 36 ff. 
2) König:3b. Staats-Archiv, Ordensfoliant 5b.
		

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			78 


1. Die Ordenszeit. 


all Bettgewand und fahrender Habe. Peter Burgirdorf 200 Mark 
an Schafen und Schuld, Lodwig 400 .Mark an Pferden und Vieh, 
230 "Mark an Schafen, Wolle und Schuld, und IiOO Mark an dem 
Dorfe za MO:3onze (Miesion8kowo?) an Gebäudell, Pferden, Vieh, Ge- 
treide, Schafen und Schuld, zusammen also 1230 .Mark. Dies waren 
die reichsten Bürger; die Handwerker aber, arm und reich, und 
die ganze Gemeinde schätzte ihren Schadell an Handwerk und Kauf- 
schatz (Waren) auf mindestells 20000 Mark.!) 
Der Schaden von Golluh. das ja Dicht erobert worden war, 
war geringer, aber auch hier erkennen wir die interessante Tat- 
fache, dass die Bürger ibr Kapital grossenteils im Dohriner Lande 
angelegt hattell, das dpr Orden von 13f1
-1404 im PfandiJesitz 
gehaLt batte. Und zwar hahen die Golluher hier namentlich 
1\1 iihlen angelegt, Viehhandel und Scllafzucht im grossen Stil ge- 
trieben und bares Geld auf Hypotheken (Zinsenkauf) geliehen. - 
Hatte durch den Thorner Friedell der Orden äusserlicll seine 
Stellung wiedergewonnen, so war er im Innern doch sehr geschwächt 
aus dem Kriege heryorgegangen. Schon die Kriegs:3chuld war 
äUS8erst drückend für ihn, des:3enReichtum vorher sprüchwörtlich war. 
Um die erste Rate der Schuld zu deckell, wurde 1411 zum ersten 

[ale eine allgemeine Steuer, ein ..Schoss", ausgeschrieben, dem 
bald neue Auflagen folgten. Die Stadt Straslmrg hatte im Jahre 
1413 190 Mark zu zahlen, der Komtur schickte sie am 21. Mär
 
dem Tressler unter Abzug von 25 .Mark, "die wir zu unserer Not- 
durft behalten."2). Auch die Geistlichkeit, der Orden selbst wurde 
Lescbätzt, alles Silberzeug, sogar das der Kirche, wurde einge- 
schmolzen. Die innere Lage war äU8serst bedenklich. Der Verrat 
der Kulmer Ritterschaft war noch unvergessell, und jetzt nach dem 
Friedellsschlus!:! verweigerte die Stadt Danzig ofl"eJl dell Gehorsam. 
Sogar des Orden9 selbst war der BochmeisteI' nicht sicher. Georg 
von Wirzberg, der Komtur von Reden, zettelte mit einigcn Kulmer 
Landrittern, Niklas von Renys, dem Verrater vOllTannenberg, dessen 
Bruder Hans VOll Polkau (Pulkowo) und andern: eine Vel'schwörung 
an; mit dem Könige von Ungarn und Böhmen stand er in n1\her 
Yerbindung, auch mit dem littauischen Grossfürsten Witold und den 
Polen soll er konspiriert haben. Er gedachte von Reden aus, wohin 
er 4000 böhmische Söldner führen wollte, die Marienburg zu über- 
fallen, Hein rieb von Plauen zu beseitigen und sich selbst zum Hoch- 
1) Schadenbuch 5b. S. 43-47. 
2) DO. Brief A. 1413 (1) 21. März. Schieb!. LILa 93.
		

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			7. Kämpfe mit Polen. (-1-122). 


79 


meister aufzuwerfen. Durch sein Amt als Grossschäffer batte er 
sich in den Besitz von bedeutendell Geldmitteln gesetzt, auch aus 
Strasburg und Gollllb batte er Geld und Silberzeug an sich gehracht. 
Aber der Plan wurde entdeckt, dpr Komtur wurde zu ewigem Ge- 
fängnis verurteilt, Niklas von Renys hingerichtet, die andern Ver- 
scbworenen, die nach Polen entkommen waren, wurden geachtet 
und ihrer Güter verlustig gesprochen.') 
Die Verscbwörung des Komturs mit den Landrittern gegen 
Heinrich von PI auen war symptomatisch, alle zentrifugalen Kräfte im 
Oi'den und im Lande richteten sich gegen seine Bestrebungen, dem 
Ordensstaat eine neue kräftige Organisation zu verleihen. Er 
schuf den Landesrat, eine Versammlung von Landrittern und 
Bürgern, die. wenn auch mit beschränktell politischen Rechten be- 
gabt, zur Behandlung wichtiger 
taatsfragen zugezogen werden 
flolltpn; und sicher wäre diese Organi8ation geeignet gewesen, ein 
festes Bindeglied zwischen der Lalldesherrschaft und dem Lande 
seIhst zu hildeJl. Aus der Stadt Strasburg war Vegesgreis, aus 
dem Gebiete Friedrich von Kruschin in den Landesrat berufen. 2 ) 
Diese Neuerung trug aher dem Hochmeister den Hass der Ordens- 
brüder ein, die sich in ihrpr Suveränität beschränkt sahen; zwanzig 
Jahre später griff sein Kachfolger - nun zu spät - auf diesen 
Gedanken zurÜck. Die einzige denkbare Politik für den Orden 
war der Krieg mit Polen. Heinrich von Plauen glühte danach, 
blutige Abrechnung für Tannenberg zu halten; aber das Kapitel 
des Ordens, dcssen Grundpriuzip Krieg hiess, war voller Friedens- 
liehe, die letztl:'ll Endes doch nichts als Feigheit war. Der Führer 
von Heinrich8 Gpgnern wurde der Ordensmarschall Michael Küch- 
meister, ein Mann der kleinen .Mittpl, der mit diplomatischer Fein- 
heit den Orden durch die schwerell Konflikte sicher hindurch zu 
steuern ged acbte. 
1) Standeakten J 177-87. Voigt VII 145 H. - Kar! Graske, die 
Verschwörung Georgs von "\Virzberg (Zs. West. GV. Heft 34) sucht darzuthun, 
dass die Verschwörung in die Zeit vor dem Thorner Frieden fiel. Dass 
ihre Anfänge an den Abfall nach der Schlacht von Tannenberg anknüpften, 
ist allerdingR wahrscheinlich; dass aber der eigentliche Handstreich erst 
nach dem Frieden geplant wurde, geht unzweifelhaft daraus hervor, dass 
"Tirzberg auch das Schloss S tras burg geplÜndert hat. Strasburg blieb bis 
zum Thorner Frieden (2. Februar 1411) in den Händen der Polen; und wenn 
die auch mit dem verräterischen Komtur in Verbindung gestanden haben 
mögen, so ist es doch im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass sie frei- 
willig etwas von ihrer Strasburger Beute abgegeben hätten. 
2) Ständeakten I, 205: "Kuschyn" ist offenbar ein Schreibfehler.
		

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			\ 


80 


I. Die Ordenszeit. 


Anlass zum Kriege war genug vorhanden. Der Frieden wurde 
von den Polen nicht gehalten. Die polnischen Marschälle, der 
Bichof von Leslau, die Starosten an der Grenze plünderten die 
Bürger von Strasburg und Gollub, Schönsee unu Thorn, die im 
Dobriner Lande ihren Geschäften nachgingen, in frechster Weise; 
sie betrieben die "AufLalterei" (Wegelagerei) systematisch, ja sie 
wagten in das Ordent;land selbst einzubrechen.!) Hpinrich 
von Plauen beschloss den Kampf. Aber daB Heer verweigerte den 
Gehorsam, die Gebietiger zogen nach der 
arienlJUrg, der Orden 
setzte Heinrich ,on Plauen ah und wäblte Michael Küchmeister 
zum Hochmeister. 
Das folgende Jahr brachte dennoch den Krieg, nur dass die 
Polen, ihres gefährlichstell Gcgners entledigt, ihn jetzt selbst be- 
gannen. Der König bemühte sich, eingedenk der Vorgänge nach der 
Tannenberger Schlacht, den Landadel und die Städte Preussens zu 
sich herüberzuziehen. Im Strasburger Gebiet suchtpn die polnischen 
Herren Niklos von Xintin (Xi ente sw. VOll Gurzno) und Andris 
Stolingk den Abfall vum Orden vor zu he reiten, aber der Ritter Hans 
vom Ofen (Piecewo), der wohl mit Unrecht im Verdacht stand mit 
Polen zu konspirieren, berichtete dem Strassburger Komtur von 
diesen Machellschaften. 2 ) Allgemein erhielt der König von den 
Preut;t;en entschiedene Absagen; die Regierung Heinricbs von PI auen 
hatte trotz ihrer Kürze in dcr Bevölkerung die Staatsgesinnung ge- 
stärkt. Übrigens war die Strashurger und Bratheauer Ritterschaft 
beim Aufgebot die säumigste. 3 ) 
Im Juli 1414 begann der Krieg. Die Grenzburgen waren 
gut besetzt, an der Drewcnz "lag das gemeine Land Landwehr" 
und bei dem hohem Wut;Berstande konnten die Polen den Ühergallg 
über den PluSA nicht erzwingen. 4 ) Von Thorn und Strashurg aus 
erfolgten Einfälle in das dobriner und kujavische LandJ') Jagiello 
überschritt bei Allenstcin die Grenze ulld eroberte mehrt're Burgen 
in Ostpreussen. Zu einer 
'eldschlacht kam es nicht; der Orden 
beschränkte sich auf die Verteidigung, verheerte das eigene Land, 
verbrannte die offenen Städte und hielt sich in den wohl mit V or- 


, 


. 


1) Voigt, YII. 193. VgI. das Schadenbucb. 
2) DO. Brief A. 1414, 2. Juli, Schieb1. XXI. Nr.180. - SchiebI. XXa. 
Nr, 115 (undatiert). 
3) StändeakteIl I, 252. 
4) Script. III, 341. 
5} Script. III, 344,
		

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7. Kämpfe mit Polen. (1422). 


81 


. 


räten versehenen Burgen. Im Gegensatze zu dem Grossen Kriege 
von 1410 nannten die Polen diesen Feldzug den Hungerkrieg. "Mit 
der Wut verhungerter Banden" hausten die Feinde in dem unglück- 
lichen Lande. Nach ziemlich planlosem Umherstreifen schritt 
Jagiello zu der Belagerung von Strashurg. Der Komtur soll den 
König mit der Erwartung einer baldigen Eroberung- heran gelockt 
haben, um das polnische Heer hier festzuhaIten.l) Am 11. September 
rückte Ja
iello vor die Stadt in der Hoffnung, in einem oder zwei 
Tagen einziehen zu können. Von beiden Seiten wurde Strasburg 
umzingelt. Der König, der von Norden her kam "lagerte sich da- 
vor auf die Seite gegenüber dem Hause und die von Dobrin lagerten 
sich jenseits der Drewantz und schlugen viel Brücken darüber, 
Leide oben und nieder, dass sie darüber mochten holen und führen, 
was ihnen not wäre. Was sie in das Land holen sollten, das 
musste gar von fern her geschehen, da ihnen das Futter allum 
,-erbrannt war."2) Im polnischen Heere brach aus }langel an Brot 
dip Ruhr aus, die die Reihen furchtbar lichtete und ihre Sieges- 
zuversicht stark dämpfte)) Indes ging die Belagerung fort. "Der 
König, erzählte der deutsche Chronist, blieb liegen vor Strasburg 
dem Hause und Stadt und stürmte Tag und Nacht mit Büchsen 
und verlor viel Leute davor in dem Sturme, wenn die Seinen zu- 
gingen mit Macht; aber der Leute waren wenig beide auf dem 
Hause und auch in der Stadt, aber sie wehrten sich männlich als 
fromme Leute. Sie hatten nicht mehr bei sich von Gästen 
(Söldnern) denn 30 Glevpnien. 3 ) Diesen voran ritt Hprr Niclos 
von der Rybenitz als eill gut Ritter und schlug in der Belagerung 
andere zu Rittern aut dem Hause; Gott der Herr war sonderlich 
mit ihnen und das heilige Kreuz, das da in grossen Würden wird 
gehalten, dass sie nicht mehr denn 17 Menschen verloren von allen 
ibren Leuten. Der König und die Seinen konnten ihnen nichts 
anhaben; sie wollten mit dem König noch den Seinen nie sprechen 
(unterhandeln). "4) 
Während der vierwöchigen Belagerung von Strasburg gewann 
der Orden die eroherten Burgen zurück. Durch Verruittelung des 
papstlichen I.egaten kam es im Lager vor Strasburg am 7. Oktober 


1) Dlugosz L, 356ff. 
2) Script. IH, 346. 
3) Eine Glevenie (das Wort ist französischen Ursprungs) beträgt etwa. 
3-4 Pferde. Script.. IH, 3281). 
4) Script. UI, 346. 


6
		

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			82 


I. Die Orden8zeit. 


zu einem Waffellstillstand auf zwei Jahre; die Streitsache zwischen 
beiden Mächten sollte vor dem Forum des Konstanzer Konzils aus- 
getragen werden. 
Das Land war schrecklich verwüstet, es hatte weit mehr ge- 
litten, als in dem Grossen Kriege von 1410. Im Golluber Gebiet 
waren die Dörfer Wrotzk, Cipszyn. Kawken, Tillitz, Malicen, Pusta 
Dombrowken, Gross und Klpin Radowisk, Wimsdorf, Lohdowo, 
Dembowalonka und Karczewo ganz verbrannt. Kein Ort war ver- 
schont gehlieben; das Schadenbuch über den Krieg von 1414 bildet 
das vollständigste Verzeichllis der Ortschaften, das wir aus der 
Ordenszeit besitzen! Der Schaden betrug ill GI'. Kruschin ti400 Mk., 
in Lemberg 4400 Mark, in Choyno 1000, in Karhowo 1800, in 
Gr. Brudzaw 3400, in Szabda 2000, in Zmiewo 1550, in Gottartowo 
2:200, in Cielenta 10,10, in Swirczyn und Konojad je 1000, in GOI'al 
3500, in Milischewo 1400, in Pulkowo 2000 Mark. Das Lauten- 
burger Gebiet hatte am wenigsten gelitten, hier hatte der Krieg 
nicht so arg getobt; Ciborz meldet nur 64, Jamielnik 76, Jellen 80, 
W ompiersk 212, die Stadt Lautenburg nur 800 Mark Schaden au. 
Aus dem Schadenbuch erfahren wir, dass die Stadt Gollub in 
die Hände der PolelJ gefallen war. Die Kirche, in der die BÜrger 
ihr Hah und Gut geborgen hattell, war gewaltsam erbrochen wordell, 
und nacbdpm sie ausgeräumt und auch das heilige Gerät daraus 
gestohlen war, wurden das Gotteshaus und die Stadt den Flammen 
übergeben. Der Gcsamtverlust beläuft sich im Gehiet Strasburg 
in runden Zahlen auf 40000, im Gebiet Gollub auf 20000 Mark: 
der Komtur von Strasburg hatte 6000, der von Golluh 1150 Mark I 
Schaden, endlich die Stadt Strasburg 20200, Gollub 8000 und 
Lautenburg 800. Der Gesamtverlust diescr bei den Komtureien 
betrug demnach fast 100000 Mark, also ebeusoviel als die Kriegs- 
kosten, die dem Orden nach der Tannenberger Schlacht auferlegt 
waren.l) Das war die Wirkung des etwa neunwöchigen Krieges! 
Noch im Jahre 1419 lagen im Golluber GeLiet von 445 Zinshufen 
127, und im Strasburger Gebiet VOll 1139 Hufen 666 wüst da. 2 ) 
Der Beifriede von Strasburg wurde mehrmals verlängert; 
1416 erscheinen unter den Bürgern des Priedens Friedrich von 
Kruschin, Konrad von Colrnenchin (Cbelmoniec) \1nd die Stadt Stras- 
burg. 3 ) Freilich stand der .J!'riede llur auf dem Papier, die Polen 


I) Schaden buch 5 b, S. 317 ff. 417 ff. 
2) Allg. Zinsbuch S. 80. 82. 
3) Ständeakten I 276.
		

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			'I. Kämpfe mit Polen. (-1422). 


83 


t.rieben ihre Aufhalterei nach wie vor, sie schädigten nicht nur die 
Deutschen in ihrem Besitz im Dobrinerlande, sondern unternahmen 
freche Rauhzüge über die Grenze. Im Jahre 1417 kamen sie bis 
vor die Thore von Strasburgjl) einem Lautenburger, der dorthin 
zu Markte z0Jr, wurden sein Pferd und Geld g-eraubt j 2) der 'fhorner 
Komtur schreibt einmal aus Strasburg, die Polen streiften bis zu 
10 Glevenien stark illl Preussischen und plünderten an der Grenze, 
ohne dass jemand sie hindertej er schlägt vor, die Bauerschaft auf. 
zubieten, um die Furten der Drewenz zn besetzen.3) Die Stadt 
Strasburg bedauerte, sich für den Frieden verbürgt zu haben, da 
sie es nun mit ihrer Ehre nicht vereinbaren konnte. für den Rechts- 
bruch Rache zu nebmen. 4 ) 
Als am 
Iargaretentage (13. Juli) 142u der WaffenF;tilMand 
wieder ablief, bpgannen die Polen, ohne die Fehde anzusagen, den 
Kampf von neuemj 14 Tage lang beschossen sie Gollnb und zogen 
verheerend durclls Kulmerlaud, das Nessauer und Osteroder Gebiet.5) 
Dann wurue der Waffenstillstand wiedpr verlängert. Im Sommer 
1422 kalll es wirklich zum Kriege. Ende Juli brach König Jagiello 
bei Lauttnbllrg ins Preussische ein, nachdem er vorher die Unter- 
thanen des Ordens gegen ihre Landesherrschaft aufgehetzt hatte. 
Das polnische Heer erzwang den "Obergang über die Drewenz.6) 
Die Ordenstruppen wurdf'n in die Stadt Löbau zurückgeworfen, 
-verteidigten sich aber hinter den Mauern mit Erfolg. BratlJean 
dagegen fiel. Jagiello verwüstete die Gebiete von Hrathean und 
Strasburg, konnte aber keinen festen Platz einnehmen. Am 15. August 
schlug er am W onsiner See ein Lager auf, rückte dann aber gegen 
Gollub, dessen Belagerung der littauische Grossfiirst kurz vorher 
begonnen hatte. Bald gelang es den Polen, die Stadt. zu erobern, 
die der Plünderung preisgegeben wnrde. Ein Teil der Bürgerschaft 
hatte sich in einen Turm der Stadtbefestigung auf der Drewenz. 
seite geflüchtet, doch musste auch sie sich nach kurzer Verteidigung 
ergeben. Länger hielt sich das Schloss. Am 21. August unter- 
nahm Jagiello einen Sturm. Die Besatzung wurde so hart bedrängt., 
dass sie sei bst die Vorburg in Brand steckte. nie polnischen Ge- 


1) Voigt VII 269. 272. 298- 
2) Schadenbuch 11 a S. 11 (a. 141!U). 
3) DO. Brief A. Schieb!. XXa Nr. 179 (ohne Jahr.) 
4) DO. Brief A. Schieb!. LIla Nr. 91. 
5) Caro III 531. V oigt VII 379. 
G) Caro BI 540 ff. V oigt VII 437 ff. 


G*
		

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			84 


I. Die Ordenszeit. 


schütze spielten aber auch der Bauptburg übel mit, und schliesslich 
mussten die Ritter kapitulieren. Der Komtur und 140rdensbrüdpr 
waren im Kampf gefallen. Während des Sturmes auf das Schloss 
wurde noch der grösste Turm der Stadtmauer in die Luft gesprengt, 
offenbar aus reiner Zerstörungswut, da die Stadt längst erobert war.!) 
Die Eroberung von Gollub blieb die Bauptthat des ganzen 
Feldzuges, der danach auch der Golluber Krieg genannt wurue. 
Obwohl er kaum 
 Wochen gedauert hatte, so hatte das 
Land doch von den Polen, Wallachen und Tataren schwer 
gelitten. Koch 15 Jahre nach diesem Kriege, 1437, waren von 
den 38 Zinsdörfern der beiden Komtureien nur in drei Dörfern 
alle Bauernstellen be8etzt, nämlich in Lipnitza, Radowitz und Wims- 
dorf. Die Gesamtzahl der wüsten Hufen erreichte aber fast die 
der besetzten. Diese Zahlen setzen den Niedergang des Ordens 
in ein helles Licht. 
Am 27. September 1422 wurde am 
Ielnosee der Friede ge- 
schlossen. Der Orden verzichtete endgiltig auf Samaitien und trat 
an Polen die Komturei Nessau ab. - Der llächste Krieg mit Polen, 
der von Thorn ulld Gollub aus 1431 mit einem kurzen aber wirk- 
samen Verwüstungszug in das Douriner Land begann ulld der in 
den folgenden Jahren die wilden Horden der Hussiten nach 
Pommerellen führten, hat dell Strasburger Kreis llicht berührt. 


8. Die ständische Entwickelung. - Der Abfall und der 
 
dreizehnjährige Krieg. 
Wie die politische Stellung de:,; Ordensstaats nach aussen hin 
eme wesentliche Umgestaltung erfahren hatte, so veränderte er 
auch im Innern seinen Charakter. Er war im Übergallge zu dem 
ständischen Staate begriffen. Zwar hatten die Stände, der 
Landadel und die Städte schon früher einige politische Rechte be- 
sessen, vornehmlich bei der J!'eRtstellung und Änderung des Rechtes; 
auch die Erhebung neuer Steuern war von ihrer Zustimmung ab- 
hängig. Mehr und mehr aber traten sie mit der Forderung heryor, 
in allpn wicl1tigen Fragen der Landesrpgiernng, schliesslich auch .. 
in den Angelegenheiten der auswärtigell Politik einen beratenden 
oder gar bestimmenden Einfluss zu üben. Wie es in den deutschen 
Territorien allgemein geschah. stellten sich auch die preussischen 
Stände der Lalldesherrschaft als eille politil3cbe Körperschaft gegen- 
über, die e benso wie jene aus eignern Recht bestünde. Sie strebten 
1) Dlugorz 458.
		

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			tj. Die ständische Entwickelung etc. 


85 


danach, der Landesherrschaft einen 'rei! der Suveränitätsrechte 
abzugewinnen und auf sich selbst zu übertragen. Die Stände 
dünken sich der Landesherrschaft gleichgeordnet, so dass jemehr 
die 
lacht der Stände wächst, der Staat einen dualistischen 
Charakter erhält. Der Gipfel der ständischen Ansprüche ist, im 
Falle ungesühnten Rpchtsbruchs der Landesherrschaft den Krieg 
zu erklären, ja sich yon ihr loszu
agell und sich eine andere Herr- 
schaft zu erwählen. Das preussische Stände wesen hat sich folge- 
richtig bis zu diesem letzten Punkte entwickelt.!) 
Dass es so weit kommpn konnte, hat nicht zum wenigsten der 
Orden selbst verschuldet. Der Orden bildete eine Aristokratie, 
deren monarchische Spitze nur eine beschränkte Gewalt besass. 
Der Hochmeister war absetzuar, bei Heinrich von Plaucll hatte 
man zu 8einern Unheil von diesem Recht Gebrauch gemacht; seine 
Nachfolger waren in den entscheidenden Zeitpunkten energielose, po- 
litisch unfähige Naturen, die den Einfluss ihres Amts durch ihre 
persönliche Ullzulänglicbkeit nur noch mehr schwächten. Es kam 
vor, dass dem Hochmeister von den Ordensbrüdern geradezu der 
Gehorsam verweigert wurde. Der Orden selbst spaltete sich in 
Parteien, und alle Schäden einer ungezügelten Aristokratie machten 
sich bemerkbar. Die Selbständigkeitsbestrebungen der Stände 
wurden durch diese innere Spaltung einer vielköpfigen Landes- 
herrschaft noch mehr befördert, zumal da sie diese als Fremd- 
herriichaft empfanden. Der Orden ergänzte sich aus den Fürsten- 
und Rittergeschlechtern des Reiches; nur selten nahmen die Konvente 
Mitglieder des einheimischen Landadels auf. 
Die Vorkämpfer der ständischen Bewegung waren die grossen 
Städte, vornehmlich Danzig, und unter dem Adel die Ritterschaft 
des Kulmerlandes. Die grossen Städte fühlten sich ebenso sehr 
als 
Iitglieder der Hansa wie als Unterthanen des Ordens. Sie 
erstrebten für sich die politische Selbstbestimmung und die selbständige 
Handelspolitik der deutschen Reichsstädte, die doch nur auf der 
Anarchie des Reiches beruhten. Und indem sie den Orden nnd die 
Hansa gegen einander ausspielten, gewannen sie in der That ein 


.. 


I) Caro V. 1,14 f. meint irrig, für das preussische Ständewesen biete 
die deutsche Rechtsentwicklung keine Unterlage und die deutsche Geschichte 
kein zutreffendes Analogon. und er glaubt es daher, aus dem' polnischen 
Staatsrecht erklären zu dürfen. Caro berücksichtigt die Geschichte der 
deutschen Landstände nicht. Die ältere Litteratur darüber vgl. bei Gierke, 
Deutsches Genossenschaftsrecht I 571 ff. 


t
		

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			86 


I. Die Ordenszeit. 


hohes Mass von Unabhängigkeit. Weniger positiv scheinen die 
politischen 'l'endenzen des Kulmer Landadels gewesen zu sein. Wenn 
('in Teil des kulmischen .A de]s polnischen Blutes gewesen ist, so 
darf man doch nicht annehmen, dass die nationale Strömung im 
polnischen Reiche auch ihn ergriffen bättej denn bis tief ins 
W. Jahrhundert hinein bat der gesamte Adel für die politische 
Unabhänigkeit der polnisch gewordenen Provinz Preussen gekämpft 
und der Realunion mit Polen den entschiedensten Widerstand ge- 
leistet. Eher ist es möglich, dass dem Kulmer Adel die un- 
gebundene Freiheit und die demokratische Rechtsgleichheit der 
polnischen Schlachta und ihre politische Macht unter dem sehr be- 
schränkten Königtum verlockend erschienen. Entscheidend für die 
Stellungnahme des Adels war indes wohl weniger ein positives po- 
litisches Ideal als der nun schon in die zweite Generation vererbte 
Hass gegen die zwar volksgleiche aber landfremde Adelsherrscbaft 
der Ritter. 
Die ordensfeindlichen Bestrebungen des Kulmer Adels zeigten 
sich schon in der Tannenberger Schlacht; mehrere Landritter 
nahmen an der Verschwörung des Komturs Wirsberg teil, und diese 
Tendpnz breitete sich immer weiter aus. Symptomatisch ist ein 
Konflikt, der 1432 ungeachtet des Kriegszustandes mit Pulen 
zwischen dem Komtur von Strasburg und dem Adel des Gebietes 
und der Stadt ausbraC
 Das Zerwürfnis war so tief. dass der 
Komtur entfernt werden musste, und der Komtur von Thorn riet 
dringend, Schloss und Stadt einem Söldnerhauptmann anzuvertrauen, 
damit wenigstens die Grenze gesichert bliebe.!) 
Im Jahre 1440 wurde der preussische Bnnd gestiftet. In der 
Bundesurkunde wurde das ständische Widerstandsrecht pro- 
klamiert, d. h. das Recht, gegen Rechtsverletzungen der Landes- 
herrscbaft (die zwar nicht ausarück]jch genannt, aber gemeint ist) 
Selbsthilfe anznwenden. Die Stadt Strasburg war unter den ersten, 
die beitraten, Der Umsicht des Hochmeisters KODrad von Erlichs- 
hausen (1441-49) gelang es noch einmal die Bewegung zu dampfen. 
Im März 1442 erhielt er aus vielen Gebieten, so auch von der 
Strasburger und Golluber Ritterschaft Loyalitätserklärungen. 2 ) 
Strasbnrg und Gollub betonten die Verschiedenheit ihrer Inter- 
essen und derer der grossen Städte. 3 ) Am 29. September 1444 
I) Ständeakten I 569. 
2) Ständeakten 11 420. 421. 
3) Ständeakten II 428. 



 


I
		

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			8. Die ständlsche Entwickelung etc. 


87 


fanden in Gollnb, wohin sich der Hochmeister begeben hatte, neue 
Verhandlungen statt) Im Jahre 1446 hoffte der Hochmeister den 
Bund auflösen zu können. Mehrere Städte waren bereit auszu- 
treten, auch Strasburg schwankte, aber es wollte nur mit Einwilli- 
gung des Bundes selbst ausscheiden; wenn er sein Siegel zurück- 
erhielte, sagte der Rat dem Komtur, so würde er den Austritt 
vollziehen. 2 ) 
Unter Ludwig von Erlichshausen, der 1449 znm Huchmeister 
gewäblt wurde, verschärften sich aher die Gegensätze von neuern. 
Zwar mussten sich die Bundesführer im StraBburgischen dem Ver- 
bote fügen, ohne des Hochmeisters Genehmigung Versammlungen 
anzuberaumen ;3) aber der Bund besass die Mehrheit, die Aussen- 
stehenden wurden terrorisiert. Im KnlmerIande wurde jedem 
Ritter die Erklärung abgefordert, ob er treu zum Bund stehen 
wolle oder nicht. Der Vogt zu Leipe riet daher dem Hochmeister, 
er solle in derselben Weise die Ritter einzeln von den Komturen 
berufen lassen. und sie su dem Bunde abwendig machen. 4 ) Aber 
die Stände behielten im Kulmerlande doch die Oberhand. Die 
Ritter des Leiper und Golluber Gebiets erklärten, wer den Bund 
verliesse, den sollte man fUr keinen Biedermann mehr halten ;5) 
eine Tagfahrt, die der Hochmeister nach Leissaw (Lissewo, Kreis 
Kulm) einberief, ward nur von zwei Personen besucht.6) 
Unter den Strasburger Rittern, die dem Bunde angehörten, 
haben zwei eine fUhrende Rolle gespielt, JOIJ vom Eicbholz (Wicbu- 
lee) und Jacob von 
fossek (Osieczek). Heide gehören zu den 
Stiftern des preussischen Bundes, J on vom Eichholz war auch ein 
Mitglied der Eidechsengesellscbaft, deren politischer Einfius"s Anfang 
der fUnfziger Jahre etwas deutlicher zu Tage tritt. 
Die allgemeine Erregung und Agitation stieg, als beide Par- 
teien, der Orden und die Stände, übereinkamen, im Prozesswege 
vor dem deutscheu Kaiser die Streitfrage auszutragen, ob der Bund 
überbaupt zu Recht bestände oder nicht. Um ihre Politik wirk- 
sam fUhren zu können, beschlossen die Stände, die die Steuerauf 
lagen des Ordens stets heftig bekämpft hatten, einen Schoss fUr 


I) Ständeakten II 614. 
2) Ständeakten 1I 716 f. 
3) Ständeakten III 290. 
4) Ständeakten IU 397. 
5) Ständeakten ur 329. 
6) Ständeakten ur 537.
		

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			88 


I. Die Ordenszeit. 


ihre eigenen Zwecke ausznschreiben. Obwohl sich manche Wider- 
spl'üche dagegen erhoben - so in Strasburg und Neumark 1 ) - nnd 
trotz des ausdrücklichen Yerbotes des Hochmeisters wurde diese 
Steuer eingezogen. Um dieselbe Zeit, am 18. 
Iärz 1453, konnte 
der StraRlmrger Komtur berichten, dass sowobl die Bürger als 
die Ritterschaft ihm feierlich erklärt hätten, dem Hochmeister ge- 
horsam sein und als gute treue Männer zum Ol'den halten zu 
wollen. 2 ) Aber schon begann eine sehr bedenkliche Strömung 
wider die Deutscbherren. Schon erklärte Gabriel von Baysen ill 
einer Yersammlung zu Sehönsee, wo über den Schoss verhandelt 
wurde: man sei nicht schuldig dem HochmeiHter den Treueid zu 
haltpn, da er den seinigen gebrochen habe. Mall suchte und fand 
Sympathien bei dem Adel in Polen, und polnische Herren, die dem 
prenssischen Bnnde füglieh nicht zugehören konnten, wurden in dip 
Eidecbsengesellschaft aufgenommen.") 
Höchst bezeichnend für die Stimmung im Lande ist ein Brief, 
den dpr Komtnr von Gollub im Juli ]453 an den Hochmeister 
schrieb. 4 ) Er hatte die Ritter seines Gebietes auf den Ordenshof 
Ohitzkau verbottet und geriet hier mit Petrasch von Klein Polkau 
in Streit. Der Komtur schreibt: "Ehrwürdiger, gnädiger lieber 
Herr Hocbmeister, es ist geschehen am Sonntage vor St. Jakob, 
(2i. Juli) dass ich von Euer Gnaden wegen die Dienstpflichtigen 
meines Gebietes auf den Hof gen Obil'stkaw verbottet hatte, ihnen 
das Instrument allda lesen und verdeutschen habe lassen; dahin 
niemalld karn denn Heyntze von Yeldichen (Napole), Jocusch 
von Gelisdortr (Galczewo) und Pptrasch von Wenige Polkaw (Klein 
Pulkowo), der mich auf die Zeit mit vielen groben lästerlichen 
Worten überfahren, gelügenstrafet und versproch(>n bat. Sein V or- 
nehmen war also: Herr Komtur, mir ist vorkommen, wie dass ihl' 
mich zeihet hinter meinem Rücken, dass ich euch sollte gescholten 
und zur Rede gesetzt haben; ich begehre von euch, dass ihr mir 
den Sager (der euch das gesagt hat) nennet, ich will mich des ver- 
antworten als ein guter Mann. Ich antworte ihm: Petrasch, es ist 
mir wohl vorkommen, dass du Worte von mir gpsagt hast; ob du 
mich gescholten hast oder nicht, das weiss ich nicht; wüsste ichs, 
ich dürfte mich des wohl verantworten. Aber mir ist vorkommen, 


I) Ständeakten III. 595. 
2) Ständeakten III. 614. 
3) Ständeakten III. 617. 
4) DO. BA. 1453 (nach 22. Juli) LXXYlII a. 94. 


1
		

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			8. Die ständische Entwickelung etc. 


89 


dass du mein gedacht hast zum Feldichen (Napole) in der Bruder- 
schaft (der Eidechsen) nicht im Besten. Ich wollte, Petrasch, dass 
du deiu Bier ohne mich und ohne deine Herren tränkest, oder wo 
du sonst sässest in llierbänken; das, deuchte mir, sei das Beste. 
"Er antwortet mir: Ja, Herr Komtur, es ist wahr, ich habe 
euer gedacht zum .B'eldichen, und wie die \Vorte gelautet baben, 
will ich euch allhie, nnd wo ich soll, bekannt thun. Ich habe 
gesprochen, dass ihr meinen Leuten Gewalt und Unrecht gethan 
habt, des will ich eucb überführen mit Recht und mit euren eige- 
nen Leuten überzeugen; aber wer mich zeiht, dass ich euch sollt!> 
gescholten haben, der thut mir Gewalt und Unrecht. Ist es eill 
Mann gewest, er liiget mich an als ein erzgeheieuder l ) Hurensohn j 
il:c't es eille Frau, die lüget mich an als eine Erzkrudenhurej ist es 
eine Jungfrau gewest, der vergebe ichs um Gottes Willen. 
"Ich antworte ihm: Petrasch, ich habe dich hierher nicht 
verbottet um Deiner Scheltworte willen j stehst du doch allhier vor 
deinen guten Leuten und bekennest, dass du mich zur Rede gesetzt 
hast und giebst mir offenbare Schuld, dass ich deinen Leuten soll 
Unrecbt und Gewalt getban bauen. Petrasch
 da thust du mir un- 
gütlich. !'lichts anderes habe icb gethan, als was lllir oder meinem 
Rauskomtur das Recht zugeteilt hat. Hätte ich aber deinen I.euten 
Gewalt getban, als du sprichst, ich wähne, du wüsstest wohl, wem 
du es klagen solltest, oder wer mein Richter sei, und liessest mich 
hinter meinem Rücken unbetastet und tränkst dein Bier ohne mich; 
das dürfte ich dir raten für das Beste. 
"Er antwortet mir: Herr Komtur, ihr habt es gethan, ich will 
euch überzeugen als ein gut Mann, ich rede wahr. leb antworte 
ihm: Petrasch, du kannst das nicht wahr machen. Ich will 80 
wahr reden als du. Warum lügenstrafes1 du mich vor diesen guten 
Leuten? Bist du ein gut Mann, so thue als ein gut }Iann; auch 
bist du es allein nicht. 
"Er antwortet mir: Herr Komtur, ich bin so gout als ihr, 
das will ich beweisen, wenn ich soll, als ein gut Mann. Und 
wäret ihr nicbt ins Land gekommen, so wäret ihr solch ein gross 
Rerre nicht worden. Meine Antwort war also: Petrascb, was 
sagest dn mir davon? Wäre ich dein Rerre nicht, so wäre es aber 
ein anderer; noch musst du einen Herrn haben, Petrasch j du bist 
edel wie das Haselhuhn. 


i 


I) geheien = stuprare, 


j
		

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			90 


I. Die Ordenszeit. 


"Gnädiger Herr Hochmeister, da verkehrte er mir meine 
Worte und sprach, ich hätte ihn einen Hund geheissen. Wer ihn 
einen Hund hiesse, der wäre selbst einer. Auch so verstand er, 
ich hätte ihn einen Bauer geheissen j wer ihn einen Bauer hiesse, 
der lüge als ein rechter Schalk. - Gnädiger Herr Hochmeister, 
ich beziehe mich auf Hentze vom Feldehen, Jokusch von Gclisdorf 
und alle meine Diener, die auf die Zeit bei mir waren, dass nie 
keines Hundes und Bauers gedacht ward; nnd dass ich solche 
schwere grobe Scheltworte und Lügen8trafung von ihm aufnehmen 
und leiden musste vor diesen guten Leuten, die es zumal sehr 
wunderte, und sprachen zu illm: Petrasch, was thust du und wo 
gedenkst du hin? Da i:>prach er zu ihnen: Ich meinte, ihr solltet 
mir beistehen, wie ich euch nnd einem jeglichen gnt.en Mann thun 
wollte. Was könnt ihr mir sagen? 
"Gllädigster Hochmeister, was seine Meinnng damit gewesen 
ist, das setze ich euer Gnaden zu erkennen. Und er stand mir 
gegenüber mit seinem )Iesser trotzlich gezogen, dass ich mich be- 
sorgete, er wäre in einem bösen Willen. Da das mein Junge sah, 
wie er mir gegcnüber Atand, der nahm mein Schwert ohne meiD 
Geheiss und trat zu mir. da es nicht fern stand von mir, gelehnct 
an die Wand (dessen ich mich beziebe auf die zween vorberührte 
ehrbare Mannen); da sprach er zn mir: Herr Komtur, ich muss 
landräumig werden, da bringet ihr mich zu. Ich antworte ihm: 
Petrasch, womit bringe ich dich dazu? und dass du schnell weg 
wärest, da schlage der Henker zu. Er antwOl"tet mir: dass der 
Teufel euch lange von der Golau weggeführt hätte, da schlage der 
Teufel zul Tch antworte ihm: Petrasch, du möchkst mirs wohl 
erlassen. Auch so muss ich leiden auf diese Zeit, da ich zum 
Leiden bin geboren, so lange bis Gott hilft, dass es besser wird. 
Er antwortet mir: ich verdtehe wohl, dass ihr mir scbaden wollt, 
gar gut. Wer weiss, wer dem andern schaden mag. 
"Gnädiger Herr Hochmeister, da wusste er mir nichts mehr 
vorzuhalten, als: es wäre ein ungehört Ding vor Jahren gewesen, 
dass ein Gebietigel' sein Schwert sollte haben lassen bringen über 
einen guten Mann, so er verbottet wäre von unseres Hochmeisters 
Gnade wegen, so wie ich denn nun bin. Herr Komtur, ihr sollt 
wissen, dass ichs klagen will. - Aber, gnädiger Hochmeister, er 
erkannte nicht, dass das eille grosse Unmöglichkeit wäre gewesen 
und auch meinertren noch sei, das er mir oder meinesgleichen mit 
solchen übermütigen, unvernünftigen Scheltworten unter Augen
		

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			8. Die ständische Entwickelung etc. 


91 


halten soll und gehalten bat, und mit seincm 
[esser gegen mich 
stand, als wenn er sich mit einem Buben in einem Bierhause be- 
griffen hätte. Das setze ich euern Gnaden zn erkennen. 
lit 
dem, gnädiger Hochmeister, schied er von mir und wollte nicht 
bittcn, dass ich euer Gnaden Brief hätte lassen lesen, und gab 
mir gar eine kurze gute Nacht und sprach: Gott gebe dir eine 
gute Nacht. Da er zum Hofe ausritt, da dräute er mit der 
Hand zurück und schalt. Gnädiger lieber Herr Hochmeister, solchen 
Hochmnt und Ueberhebung klage ich ener Gnadell kläglich (und 
auc1. fürbas Niemands zu klagpn weiss); so ich mich denn selbst 
an ihm nicht rächen soll, und Litte euer Gnaden demÜtiglich mir 
allsoleheins zu richten." 
Am 1. Dezember 1453 erfolgte der Schiedsspruch Kaiscr 
Friedrichs UI., der den Bund für rechtswidrig und ungiltig erklärte. 
Das bedeutete den offenen Bruch zwischen dcn beiden Parteien. 
Die Stände schritten zum offenen Abfall, sie wollten den Orden aus 
dem Lande treiben und sich einen nenen Herrell setzen; es lag 
in der Natur der Dinge, da!:>s sie sich für den König von Polen 
entschieden. Am 13. Januar 14ä4 fand eine Tagfahrt zn 
farien- \ 
burg statt j die Stadt Strasburg befand sieb unter denen, die dem 
Hochmeister Treue und Mannschaft gelobt.en: die Anfforderung, 
der Kriegspartei beizutreten, hatten sie kurz zuvor abgelehnt}) 
Noch Ende Januar regten die Strasburger Ritter Jon von Eichholz 
und Jacob von Mossek beim Hochmeister den Gedanken an, eine 
Tagfahrt auszuschreiben, um eine Einigung zwischell dem Orden 
und den Ständen zu versuchell,2) aber der schnelle Lauf der Er- 
eignisse vereitelte den gut gem('inten Plan. Am 4. Februar 1454 
kündigten Land und Städte dem Hochmeister dcn Unterthaneneid 
auf. Am 22. Pebruar erklärte König Kasimir dem Orden den 
Krieg und am 6. März unterzeichncte er die Urkunde, in der er die 
Unterwerfung Preussens annahm und das Land - der polnischen 
Fiktion gemäss - dcm polnischen Reiche wieder einverleibte. 
Der Absage der Stände folgte die Eroberung der Ordens- 
burgen auf dem Fusse. Schon am 16. Januar hatte der Strasburger 
Komtur dem Hochmeister berichtet, dass die Stadt mit den 
Bündischen unterhandelte.3) Aber noch fanden die Bürger keinen 
Entschluss. Am 8. Februar srhreibt der Komtur: Rat und Ge. 


I) Ständeakten lV 256, 260. 
2) Ständeakten IV 289. 31B. 
B) Stöndeakten IV 271.
		

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			"'" 


92 


I. Die Ordenszeit. 


y 


meinde hätten ihn ihrer Treue versichert und sich verschworen, 
beim Hochmeister Leben und Gut zu lassen und lehend nnd tot 
bei ibm zu bleiben. Mehrere Ritter seien mit ihrer Habe zu ihm 
aufs 
chloss geflüchtet; er bittet den Hochmeister, ihm einen 
Büchsenmeister, einen Bogener nnd einen tüchtigen Hauptmallll zu 
senden.!) Aber schon in don nächsten 'ragen fiel die Stadt ab; 
3m 12. Februar war sie im Besitze des Hundes. Jacob von 
Ios8ek 
(Osieczek), eIer zu ihrem Hauptmann gemacht worden war, bittet 
die Herren und Städte um schleunige Hilfe gegen uen Komtur, 
der das Schloss noch beherrschte und pillen beträchtlichen Zuzug 
erwartete; denn, sagt er, die Stadt und das Schloss t3ind der 
Schlüsspl zum ganzen Lande. 2 ) 
Um uieselbe Zeit fiel Lautenburg ab. Herr JUli von der 
Plafeusze lPlowenz) schreibt am 13. Februar an Hans von Baysen: 
Neumark, 08terode, Dt. Eylau, die "Seestadt" Kauernik und die 
"Heustadt" Lauterburg "sind auch eingetreten und wollell bei uns 
thun als fromme Lente."3) Anch Schloss Gollub war am 14. Fehruar 
im Besitz der Bünuischen. 4 ) Es galt nun, die Burg Strasburg zu 
erobern, um den WPg von Polen ins Knhnerland überall freizu- 
legen. Am 19. Februar bot der Bund alle Herren, Ritter und 
Knechte des Kulmerlandes auf, um das Schloss zu gewinnen. 5 ) Ein 
Beerhaufell unter dem Bundeshanptmann Otto von Machwitz und 
dem Thorner Ratskumpan Götz Rubit ging nach Strasburg,6) und 
schon am 28. Febrnar war das Schloss uem Orden entrissen. 7 ) 
Der Komtur Rawenstf:in geriet in die Gefangenschaft der Thornet 
und wurde, obwohl ihm freier Abzug nach Deutschland versprochen 
war, mit andern Ordensherren den Polen ausgeliefert und 
lange in Gefangenschaft gehalten. 8 ) Am 12. April versammelten 


t 


I) DO. Brief A. Schieb!. L. XXXV Nr. 137. 
2) Ständeakten IV 320: wen die stat und hawsz eyn slos ist vor das 
gantcze land. 
3) Ständeakten IV 323. 
4) Ständeakten IV 325. 
5) Ständeakten IV 339. 
6) Urkunde vonOtto von Machwitz, damals pommerellischem Woiwoden 
vom 31. April 1471 (Thorner Archiv, Katalog I, Nr. 2112). - DlugoHzs Dar- 
stellung II 132. dass der Woiwode von Inowrazlaw Johann Koscielecki 
Strasburg erobert habe, ist, wie die Thorner Urkunden beweisen, falsch. 
V gl. den Text. 
7) Ständeakten IV 356. 
8) Script. III 671.
		

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			8. Die ständische Entwickelung etc. 


93 


sich die Ratsendeboten der kleinen Städte auf einer Tagfahrt zu 
Graudenz und stimmten der Unterwerfung Preussens unter die 
polnische Herrschaft zu; von Strasburg waren Johanlles Czincke, 
Erasmus Ball ulld Niklos Muckenwald erschienen.!) In der Huldigungs- 
urkunde nannten sich die Städte lllit kriecherischer Schmeichelei 
gegen den Polenkönig Brodnica, Goluu, Ludbarc. 2 ) Zum Haupt- 
mann von Strasburg war der Thorner Bürger Götz Rubit,3) zum 
IIauptmanll von Gollub Jon von Eichholz ernannt worden. Stras- 
burg wurde neu verproviantiert; das Ordensgut, darunter vieles 
Silberwerk, wurde von den Bündnern in Besitz genomlI1pn. 
Am 
3. Mai kam König Kasimir nach Preussen. 'l'horn nahm 
ihn hoch auf'. Aber schon begannen sich die Interes8engegen
ätze 
in dem widernatürlichen Bündnisse zu regen. Am 4. Juni bestätigte 
der König seine Zusage des lnkorporationt;privilegs, da!!8 er die 
Hauptmanns- und Befehlsbaberstellen in l'reussen nie an Polen ver- 
geben werde, aber schon auf der Graudenzer Tagfahrt :Mitte Juli 
bat er die Stände, zur Befriedigung seiner Soldtruppen die Schlösser 
Strasburg und Hehden an seine czecbischen Hauptleute zu ver. 
pfänden.4) Dies Allsinllen lehnten die Stände freilich ab, aber die 
Kosten zur Kriegsführung muss tell beschafft werden. Die Stände 
bewilligten dem Polenkönig einen Schoss ungeachtet ihres Sträuuens 
gegen die Auflagen der Ordensregierung. Strasburg wurde dies- 
mal mit 300, Gollub mit 50 Mark veranlagt.f» Eine weit höhere 
Abgabe wurde 1456 erboben, wo Strasburg 1250 und Gollub 
100 Mark beizusteuern hatte 6 ); das kleine Lautenuurg fehlt beide 
Male auf der Liste. Das Land litt vom Freunde ehenso wie vom 
Feinde; schon am 25. 
Iärz 1454 schreibt Götz Rl1bit an den Rat 
von Thorll, dass in seinem Gehiet 200 Mark an Zins rückständig 
seien, da die czechischen und polnischen Truppen das Land aus- 
plünderten.') Der Krieg selbst nahm keinen rechtell Fortgang. 
Der Abfall hatts sich wunderbar rasch vollzogen, auch die Bischöfe 


1) Ständeakten IV 400. 
2) Wölky 497. Gollub hiess zur Ordenszeit stets Golau. 
3) Götz Rubit scheint die Güter Turzno und Orlau (Orlowo) besessen 
zu haben. Ständetage Il. 4t). 66. 166. 207. 680. Im Jahre 1489 verkauft 
Götzens Bruder Reineke Rubit das Gut Turzno. Märcker, Thorner Kreis- 
geschichte. 
4) V oigt VIII. 396. 
5) Ständeakten IV. 437. 
6) Rtändeakten IV. 529. 
7) Thorner Archiv Ne. 1517.
		

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			94 


I. Die Ordenszeit. 


mit ihren Domkapiteln waren ins feindliche Lagpr überge
angen 
und hatten das Ordenskleid abgelegt, aber die militärische Macht 
des Ordens war noch keineswegs gebrochen, und er durfte auf 
einen starken Zuzug von Söldnertruppen rechnen. Unter den 
Ständen selbst regte sich Zwietracht, Städte und Adel trauten ein- 
ander nicht, hie und da wurde der Wunsch rege, wieder zu der 
alten Herrschaft zurückzukehren. 
Am 18. Sept.ember 1454 kam es bei Konitz zu einer Feld- 
schlacht. Ein ansehnliches Soldheer war aus Deutschland dem 
Orden zu Hilfe gekommen, und die Polen, die geprahlt hatten, das 
feindliche Heer durch das Peitschenknallen ihrer Fuhrleute aus- 
einander zu jagpn, erlitten eine schmähliche Niederlage. Unter 
df'm Eindruck dieses 8ieges hoffte der Hocbmeister wieder in den 
Bf'sitz von Strasburg zu gelangen.!) Lautenburg war schon wieder 
gewonnen worden. 2 ) Schon im Sommer hatten die 8trasburger 
begonnen ihren Abfall zu bereuen Am 29. Juni sandte der Rat 
die Ritter Peter Belitz und Friedrich vom Steine (Kamin) an den 
Hochmeister um Verhandlungen einzuleiten. 3 ) Auch der Hauptmann 
von Gollub, der Eidechsenritter Jon von Eichholz war geneigt 
zum Orden zurückzukehren. 4 ) Inzwischen geriet der Strasburger 
Hauptmanll Götz Rubit in Konflikt mit seiner Vaterstadt 'l'horn, die 
in dem Rat des Bundes eine führende Sellung einnahm. Er scheint 
ein ehrgeiziger Mann gewesen zu sein, dem es doch an Energie. 
und Entschlusskraft fehlte. Schon frühe liebäugelte er mit dt.Jm" 
Gedanken, das Schloss Strasburg den Polen zu überg
hen. Am 
25. März schreibt er an den Thorner Rat, dass die Hauptleute von 
Graudenz, Rehden und Roggenhausen sich zu Hofe geschworen hätten j" 
er jedoch, so erklärt er mit auffäl1igem Eifer, werde das ihm _ an- 
vertraute Haus balten. Aber den Ritter Otto Kropp, der zu den 
:Führern des Bundes gf'hörte, liess er nicht ins Schloss ein und 
weigerte sich ihm Hafer für seine Pferde zu geben, da er keinen 
V orrat hätte und ihn selbst kaufen müsste. 5 ) Bald hatte er da- 
rüber zu klagen, dass ihm der Thorner Rat seine Geldauslagell 
nicht erstattete, seine Mahnungen blieben erfolglos, und so nahm 
sein Gedanke, die Entsctädigungsum me von den Polen anzunehmen 


1) DO. Bripf A. 14M, 3. Oktober (Schieb!. LXXIX a. Nr. 67.) 
2) Script. 1 V. 150 2 ). 
31 DO. Brief A. Schieb!. Ln a. 112. 
4) Voigt VIII. 454. 
5) Thorner Archiv Nr. 1517.
		

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			. 


8. Die stä.ndische Entwickelung etc. 


95 


und diesen dafiir das Schloss in die Hände zu spielen, festere Ge- 
stalt an. Der Thorner Rat beschloss daher, ihn abzusetzen. Am 
15. Oktober trafen die Thorner Abgesandten Johann von Loe und 
Johann Lutke in Strasburg ein, zunächst mit dem Auftrage, die 
Schloss vorräte zu besichtigen. Nach einigen Schwierigkeiten wurde 
ihnen dies am 16. Oktober gestattet. An demselben Tage 
langten Briefe aus Thorn an; als sich die Abgesandten am andern 
Morgen - des Abends schien es ihnen nicht sicher zu sein - aufs 
Schloss begeben wollten, lies Götz die Zugbrücke aufziehen und 
rief ihnen von einer Zinne des Parchams zu, so dass es jeder hören 
konnte: er wüsste wohl, was sie von ihm wollten, nämlich ihn aus 
dem Schloss vertreiben. Die 'l'borner erwiderten, sie hätten einen 
Brief des Rats an ihn. Götz aber wollte sie nicht einlassen; sie 
mussten den Brief auf die Brücke legen und sich entfernen. Später 
kam Götz in die Stadt und sagte, der Thorner Rat habe ibn bei 
seillern Gehorsam beim gerufen, er solle die Schlüssel zur Burg 
Johann von Loe ausbändigen; aher das thäte er nicht, ehe er zu 
seinem Gelde gekommen wäre. Als die 'fhorner Boten am folgenden 
Tage einen Bericht über dieseIl Vorgang nach Hause schickten, 
fing Götz den Brief auf, erbrach und behielt ihn. Tags darauf 
(19. Oktober) forderte er die Thorner auf, Strasburg zu verlassen; 
er liesse keiLen Briefwechsel über seinen Kopf hinweg zu, er sei 
der Hauptmann und wolle keinen Herrn über sich dulden. 
. . In dieser Lage kamen Abgesandte des Hochmeisters vor die 
Stadt; Götz und die Bürgf'rschaft wurden aufgefordert, Schloss und 
Stadt dem Orden zu übergeben. Am Sonntag (20. Oktober) sandte 
. Gütz zu den 'l'hornern und bat sie um ihren Rat, ohne den er 
nichts thun wolle. Am Nachmittage waren Rat und Gemeinde der 
Stadt und die Ritterschaft des Gebiets auf das Rathaus verbottet; 
der Brief des Hochmeistf'rs wurde verlesen, aber die V Nsammlung 
erklärte, DJan habe dem König von Polen geschworen und wolle 
bei -ihm bleiben. 
Das Geschäft der 'l'horner geriet indessen ins Stocken. Am 
24. Oktober setzte Götz Rubit einen RechenschaftRbericht an den 
Thorner Rat auf; seine Forderung belief sich auf 2390 Mark; "und 
für meine Mühe und Schaden will ich haben 500 Mark, ohne alle 
Widerrede." Der Berichtschliesst folgendermassen : "Das Geld 
gebet Rutcher Czenmark, meinem Freunde. Wenn das geschieht, 
so will ich euch das Schloss gern räumen mit meinem Geräte, und 
ich will es auch!änger vertagt nicht baben, da ich mit meinem
		

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96 


I. Die Ordenszeit. 


Geld nicht Freundschaft verdiene; das kann ich erkennen. Hierum, 
liebe Herren, richtet mir ein solches Geld aus, auf dass ihr zu 
fürdereru Schaden nicht dürft kommen. Sintemalen ihr mir die 
Recbenschaft angehcissen, so will ich mich an euch halten und an 
niemand anders, darauf seid gar wohl bedacht."l) 
Am 27. Oktobcr schrcibt Götz wieder an den 'l'horner Rat. 
Diesmal enthüllt er offen seine Absicht. Des Königs Sendboten 
seien bei ihm gewesen, sie hätten ihm das Schloss Strasburg im 
Namen des Köuigs verliehen, und er habe dem König geschworen. 
"So wird es mir nun schwer, zweierlei Amt zu verwesen, als euer 
Ehrsamkeit das wohl erkellnen kann, und so sage ich euch, liebe 
Hcrren, mein Bürgerrpcht auf, sinternal ich dem auf diese Zeit 
nicht genug kann thun, und bittc euer Ehrsamkeit gar mit fleissigt;m 
Bitten, mir ein solches nicht vor Übel und Unwillen zu haben, 
sinterual sich diese Dinge also ergehen."2) 
Am 29. Oktober verlangten die Thorner Boten, den könig- 
lichen Bestallungsbrief zu sehen; Götz konnte ihnen aber nur das 
Beglaubigungsschreiben eines königlichen Gesandten an ihn vor- 
weisen. Der Hauptmann war wieder ganz kleinmütig, versprach 
VOll niemand anders das Geld anzunehmen als von Thorn und bat 
die Thorner Herren, noch in Strasburg zu bleiben. 
Am HO. Oktober rückte eine Ordensschar vor die Stadt, unter 
Führung von Ulrich von Kinsberg, l'amme, Seidlitz und Kaspar 
Nostelwitz. Sie dallkten Götz, dass er das Schloss so lange ge- 
halten und es nicht dem Könige übergeben habe, versprachen ihm 
aIl eein Geld zu geben und forderten ihn zur Übergabe ,on Schloss und 
Stadt auf. Götz besprach sich mit der Landritterschaft, aber die 
wollte der Bundessache treu bleiben. Beim Abschiede forderten 
die Ordemherren, man sollte den Krieg wenigstens ritterlich führen; 
aber wip die 'l'horner Boten berichten, brannten sie selbst in den 
nächsten Tagen die umliegenden Dörfer llieder. 
Am 31. Oktober erf:!chien ein Abgehandter des Königs, der 
Brze
ccr Burggraf Kretkowski; er hatte den Auftrag, mit Götz über 
die Auslieferung des Schlosses an den König zu verhandeln. Aber 
wieder konnte sich Götz nicht entscheiden; er babe dem Thorner 
Rat geschworen, die Burg keinem Polen zu überantworten. Als 
:im 11. November der Woiwode von Bobrowniki Koscielecki nach 


I) Thorner Archiv, Nr. 1604. 
2) '.rhorner Archiv, Nr. 1566. 


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8. Die ständische Entwickelung etc. 


97 


Strasburg kam, wurde die Gefahr der fibergabe an die Polen 
drohender. Die Strasburger Bürger besetzten dip Stadtthore. End- 
lich am folgenden 'rage kam Hilfe aus Thorn. Der Rat hatte Hans 
fJzegenhals 1 ) abgeschickt mit dem prompten Befehl, Götz Rubit ab- 
zusetzen. Die Rottmeister und Trabanten der Bürgerschaft wurden 
vprbottet, die Bürger selbst rüsteten sich, und als Götz sich gerade 
in die Stadt begeben hatte, rückte die Schaar aufs Schloss. Götz 
erkannte zu spät die Falle, er eilte zurück und gelangte in sein 
Gemach. Als die Bürger mit ihren 'l'rabanten seiner Forderung, 
sich auf die Vorburg zurückzuziehen, nicht nachkamell, eilte er mit 
bluBsem Schwert auf den Burghof hinunter, aber die Bürger 
machten Miene zur Gegenwehr, und so flüchtete der Hauptmann 
auf den Tburm. Nun wurde Götz förmlich abgesetzt und Hans V 
Czegenhals übernahm dil.: Hauptmannschaft. Rubits Trabanten, die 
für Land ulld Städte und nicht für seine eigene Person in Sold 
genommen waren, gelobten Treue und erhielten das Versprechen 
baldiger Sold zahlung. 
Götz sah sein Spiel verlorell und bat vom Turm herab um 
sichercs Geleit nach rrhorn. Dies wurde ihm gewäbrt: und am 
14. November ritt er ullter sicherer Bewachung von Strasburg ab. 2 ) 
Iu Tborn wurde er für seinen Ungehorsam gefangen gesetzt; am 
28. Januar 1455 fordert König Kasimir den Rat auf, ihn wieder 
frpizulassen. da er genugsam bestraft worden seiß) Zwallzig Jahre 
später, im Jahre 1473, verlangte Götz Rubit von der Stadt 'rhorn 
aufs neue I
rsatz fiir seine U nkllsten. Die Sache zog sich in die 
Länge, viele Zeu!!;cn wurden vernommen: dabei rueldeten viele 
Strasburger ibrerseits Ansprüche an Götz an i ein Schied8gericht 
kam zu keinem Endurteil, und man wei8s nicht, wie der Prozess 
schliesslich verlauten il:\t. 4 ) 
Die Bemühungen, die preussisclten Schlösser nicht in polnische 
Gewalt kommell zu lassen, waren schliesslich doch umsonst. Ende 
1455 verpfändete König Kasimir, seiner Versprechungen unge- 
achtet, öchloss Gollub mit dem ganzen früheren Komtureibezirk an 
den czechischen Söldllerführer Wilhelm Jenik von Mieczkowa für 
600 ullgarische Goldgulden i er sollte befugt sein, die Hauptmannei 


1) Hans Czegenhals besass 1440 das Gut Frobil (Browina) im Thorner 
Kreise. Märcker, Thorner Kreisgeschichte. 
2) Bericht der Thorner Sendboten, Thomer Archiv Nr. 1610. 
3) Thorner Arcbiv, Nr. 1617. 
4) Mehrere Urkunden darüber im Thorner Archiv. 


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I. Die Ordenszeit. 


nach Belieben zu vererben oder zu veräussern, bis die Schuld ge- 
tilgt wäre. I) Im Jahre 1457 kam Gollub in deI) Besitz des Czechen 
Ulrich Czirwenka 2 ), df's verräterischen Ordenshauptmanns, der zu 
den Polen übergegangen war. In Strasburg war im Oktober 145G 
Jon von Eichholz Hauptmann,3) der vorher in Gollub befehligt 
hatte j vermutlich hatte er dies Amt erhalten, als Gollub an Jenik 
verpfändet wurde. Im folgenden Jahre wurde Niklas Koscielecki, 
der Sohn des Woiwoden von Brzesc, Hauptmann von Strasburg. 4 ) 
Kurz bevor der Krieg ausbrach, hatte der Hochmeister sich an 
Niklas Koscielecki mit der Bitte gewandt, sich dafür zu verwenden, 
dass der König den Vermittler zwischen ihm und den Ständen 
machte, "so dass wir und unser Orden bei ullserer Herrschaft und 
Macht dieser Länder möchten bleibenju für seine Bemühungen ver- 
sprach er ihm 4000 ungarische Guldf'n und als Pfand dafür die 
Komturei Strasburg. 5 ) Das Schicksal fügte es, dass Koscielecki 
13 Jahre später das Schloss von dem polnischen Könige erhielt. 
Noch im Jabre 1456 fasste der Hochmeister wieder neue Hoff- 
nung, dass sich die Stadt Strasburg zu ihm schlagen würde. Der 
Elbinger Komtur berichtet Ende April, dass die Bürgerschaft zu 
ihren alten Herren zurückzukehren wünsche, WPllIl ihr ihre 
früherell Privilegien bestätigt würden. Der Hochmeister verl:!icherte 
sie voller Amnestie und aller alter Freiheiten,6) aber die Stadt 
schreckte schlim,sjich doch vor dem Schritt zurück. Als im Herbst 
desselben Jahres der Hoc.hmeister nocL einmal Anknüpfungs- 


I) Urkunde vom 29. Dez. 1455; s. den Anhang I Nr. 53. "Her Jenig Streyt 
Metczko, houptman zcur Golaw und zcu Rogehausen" urkundet 1456. 
10. Febr. Thorner Archiv. Nr. 1665. 
. 2) DO. Brief A. 1457, 22. Aug. (Schieb!. XXXIX, 38.) Thorner Archiv, 
Nr. 17t)2. Script. IV, 561. - Nach Dlugosz II, 209 verpfändete ihm König 
Kasimir die Schlösser Schwetz, GolIub, Preussischmark, Schönsee und Mewe 
für 56 000 Gulden. 
3) Urkunde vom 18. Okt. 1456; Thorner Archiv, Nr. 1692. 
4) Script. IY, 186. 560. Thorner Archiv, Nr. 1812 l1458, 15. Jan.) 
Metryke Koronne (Warschauer Archiv), Bd. Xl, S. 336. - Im Index der 
Script. wird versehentlich Scharnsky als Hauptmann von Strasburg genannt. 
Die betr. Stelle lautet Script. IV, It)6: "und fiengen den houptman von 
Strosburg des alten woywoden sun uff Beberen, herr Scharnsky und den 
jungen Karlen" u. s. v. Der Hauptmann ist eben Nikolaus Koscielecki, der 
Sohn des W oywoden von Bobrowniki. Scharnsky ist eine zweite Person. 
5) J. A. Kries, memoria saecularis, Thorn 1754. (Anm. X.) 
6' DO. Brief A. 1456, 30. April. Schieb!. LI Nr. 60.
		

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			8. Die ständische Entwickelung etc 


99 


versuche machte, teilte der Strasburger Rat die Briefe den 
Thornern mit.!) 
Die Entf'cheidung des Krieges war letzten Endes eine Geld- 
frage. Ver Orden, der auf Söldnertruppen angewie
en war und 
von Deutschland gänzlich im Stich gela8sen wurde, wusste in seiner 
Geldnot schliesslich keinen anderen Rat, als den Hauptleuten das 
ganze Land mit Städten und Burgen zu verpfänden. Er konnte die 
Forderungf'n der Truppen auf keine Weise befriedigen und seine Schuld- 
verschreibungen nicht einlösen. Da schien es den Hauptleuten der 
Soldtruppen,die in dem Geist des Kondottieretums des 15.Jahrhunderts 
nicht für eine bestimmte Sache kämpften, sondern dem dienten, der 
sie am bf'sten bezahlte, ja die aus ihrem Gewerbe eigentlich ein 
reines Geldgeschäft machten, am geratensten, die Burgen, die in 
ihrer Gewalt waren, an den Bund und die Polen zu verkaufen. 
Die Söldnerführer waren teils Deutsche, teils Czechen. Bei den 
Deutschen regte sich doch das nationale Ehrgefühl, als df'r schmach- 
volle Handel begann. Während die Czechen, voran der wüste Ulrich 
Czirwenka, df'n Kauf abschlossen, traten viele der Deutsehen auf 
die 
eite des Hochmeisters zurück. V or allen blieb Bernhard 
von Zinnen berg der Ordenssache treu, die l'inzige Ge
talt in diesem 
Kriege, die der Schimmer einer Ritterlichkeit wie aus verganf:!:enen 
Zeiten umgiebt. Obwohl durch den treulosen Handel CzirwenkaB 
das OrdenBhaupth
lUs Marienburg nach schimpflichen Szenen in 
die Hände der Polen gekommen war, hatte sich dif' Lage des 
Ordens allmählich günstiger gestaltet. Das ganze östliche Gebiet 
des Laniles war ihm wieder zugefallen, der Besitzstand bei der Par- 
teien deckte sich fast mit der späteren Grenze von Ost- und West- 
preussen. 
Das Land war durch den Krieg auf das grausamste verwüstet. 
Da die Entscheidung von der grösseren Zahlungsfähigkeit und nicht 
von der Übl'rlegellheit der Waffen abhing, so hatte man auf beiden 
Seiten den Gedankell an einen planmässig angelegten und energisch 
durchgt>führten Feldzug längst aufgegeben. Der ganze dreizehn- 
jährige Krieg Btellt 
ich dar als ein Gewirr einzelner Unternehmungen 
ohne Zusammenhang. Es war ein Kleinkrieg von Raub-, Plünderungs- 
und Rachezügenj wenn es hoch kam, so wurde eine Stadt oder Burg 
erobert. Das Land litt unsäglich. Die Verwüstungen der czechi- 
schen Söldnerbanden wurden noch überboten, als König Kasimir 


1) Thorner Archiv Nr. 1692; 145G, 18. Oktober. 


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100 


I. Die Ordenszeit. 


Tatarenhorden in das Land führte. Das Kulmerhmd war so ver- 
heert, dass, wie der Chronist sagt, fa
t kein Haus unzerstört blieb 
und kein StückVieh in dem ganzen Gebietzu finden war; an derWeichl:iel 
hatten sich ein paar armselige Fil:icherdörfer erhalten. Zwölf )Ieilen 
in die Runde lag das Land wüst; so weit das Auge sehen kann, 
sagt ein Bericht um 1460, ist kein Baum oder Gesträuch, woran 
man eine Kuh binden könnte) Die Kirchen in Neudorf, Lissewo, 
Pulkowo, Kawken und Sloszewo wurden zerstört; die Kirche selbst 
war durch den langen Kampf so zerrüttet, dass der Aufbau unter- 
blieb und die Kircbspiele eingingen. Noch im folgenden Jahrhundert 
bekunden einzelne Verschreibungen die dauernde Verwüstung. 2 ) 
Kleine Erfolge wechselten mit geringfügigen Niederlagf'n. 
Der Orden hatte 14fi6 Rebden genommen, und in Kulm hatte sich 
\, Bernhard von Zinnenberg festgesetzt. Im August 14f>7 raubten die 
Strasburger im Verein mit Leuten vom Dobrinerlande den ordens- 
treuen Neumarkern ihr Vieh und trieben es zwei Meilen weit weg; 
die Neumarker aber machten sich auf "und eilten ihnen nach und 
nahmen ilwt'n das Vieh wieder und D.ngf'n den Hauptmann von 
Strasburg, des alten Woiwoden auf Bebern (Bobrowniki) Sohn, Herrn 
Scharnsky und dell jungf'n Karl und sonst andere dreissig Mann, 
und 150 bliebell tot auf der Wahlstatt, die da gezählt waren. Vit'!e 
von Neumark verrannten sich mit dell 
'einden, die karnen des Nachts 
wieder und brachten ihrer noch so vif'l gefangen, und die Nf'umarker 
verloren nicht mehr denn einf'll Kllecht, der zu Fusse war ausge- 
laufen. Ihnen waren nachgefolgt und dem Vieh viele Frauen und 
Jungfrauell, und die Feinde waren den Tag 80 feige gewesen, dass 
zwei Frauen einen Spicsser fingen, die nachgefolgt waren." 3 ) 
Im April 1458 macllten die Uolluher einen Anschlag auf 
Bernbard von Zinllenberg, der zu Kulm sass. "Am Freitag vor 
Misericordia domini (14. April) erdachten die Bundherren und 
Ulrich Czerwoncke ein neu V t'rrätnis auf Herrn Berndt uud ander 
des Ordens Gäste zu Kulm liegende. Sie versteckten denselben 
Ulrich in die Stadt Golau mit 400 Pferden. Die Golauer 
entboten Herrn Berndt von ZinnenLerg Hauptmann zum Colrnen 
(Kulm), er sollte gen der Golau kommen, sie wollten ihm die Stadt 
eingeben. Darauf machte sich Herr Brandt von Zinnen berg dafür 


I) Voigt VIII 462, 608. 
2) Wölky Nr. 720, 1:;22. 
3) Script. IV 186 f. - Vgl. DO. Brief A. 31. August 1457. Adelsgesch. 
a. H. Nr. 47. 


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13. Die ständische Entwickelung etc. 


101 


und schickte zuvoraus Reinen Schreiber und andere mehr, zu be- 
sphen, dass es nicht auf ein Verrätnis ginge. Also kamen ihnen 
zwei Bürger aus der Stadt Golau entgegen, die Herrn Berndt in 
die Stadt sollten bringen. Also redete der Schreiber mit ibnen 
und fragte sip, wie es eine Geetalt in der Stadt hätte. Sie sagten 
das Beste, aber aufs Letzte der eine Bürger gab ihnen ein Zeichen, 
die Hand urückend, und auch mit dem Fusse auf seinen tretend, 
dass der Schreiber möchte merken, dass es nicht recht darum wäre. 
Also da Herr Bprndt hernach kam und dies vernahm, band er die- 
selbigen Bürger hart, dass sie ihm ganz die Gelegenheit mussten 
sagen und o1f£'nbaren. Also sagten sie, wie Herr Ulrich mit 400 
Pferden darinnen wäre, und dass sie ihm sollten sagen, so er ein- 
ziehen wollte, solltp er die Seinen vom Pferde lassen sitzen, und 
er sollte allein reiten hinein, und wenn er und so viele sie ihrer 
hinein haben wollten und hinein kämen, so wollten sie das Schloss- 
gatter niederlassen und sie gefangen nehmen. Also nahm er die 
zwei Bürger gefangen und führte sie mit sich gen Kulm und liess 
den einen binnen Kurzem vierteilen und richten."1) 
Zinnenberg ging im Sommer 1460 nach Böhmen um 'I.'ruppen 
für den Orden zu werben. Anfang September war er zurück, und 
es glückte ihm schon in den ersten Wochen, mit einem kühnen Hand- 
streich sich der Stadt Gollub zu bemächtigen; wie der polnische 
Chronist sagt., durch Verräterei der Bürger. 2 ) Mehrere Edelleute 
deR Dobriner Gebiets wurden mit ihrer Habe gefangen. Das 
Schloss behauptete noch Czirwenka j aber von der Stadt aus be. 
herrschte Bernbard das ganze Dobriner Gebiet. Im folgenden 
Jahre gelang es ihm auch Strasburg einzunehmen. Am 11. No- 
vember Nachts um 3 Uhr erstieg er mit dem Ordensritter Ulrich 
von Kinsberg, unterstützt von den treuen Neumarkern, die Stadt 
und die V orburg.3) Die Bürger mussten für ihren Abfall schwer 
büssen j den Frauen wurde ihr Geschmeide abgenommen, und der 
Stadt eine Kriegsteuer von 800 Mark auferlegt, die sie bei der 
allgemeinen Verwüstung und Verarmung kaum erschwingen konnte. 
Df'r Rat flehte den Hochmeister um Gnade an; gern hätten 
sie sich schon früher wieder zu ihm geschlagen, aber die Bundes- 
anhänger Niklos Muckenwald, Petrasch von Smantow und andere 


I) Script. IV 190f. 
2) DO. Brief A. 1460. 19. Sept. Schiebl. LXXXII Nr. 94. 1460, 5. Nov. 
Schiebl LI Nr. 54 - Dlugosz 11 259. 
3) Script. IV 210.
		

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I. Die Ordenszeit. 


hätten sie terrorisiert und manche "um ihre Hälse geuracht."l) Das 
Schloss Strasburg blieb noch in der Gewalt der Polen, die durch 
Zuzug verstärkt, die Ordensfreunde auch aus der Vorburg in 
die Stadt zurückschlugen. 2 ) Anfang März 1462 bittet Bernhard 
von Zinnen berg um Hilfe vom Orden: die Feinde lägen stark bei 
Thorn und Dybow und wollten das Strasburger Schloss entsetzen. 3 ) 
Es war eine stattliche Truppe, 1200 Reisigp. und 1000 Fussknechte, 
doch der Entsatz gelang ihncn nicht und schliesslich übergab sich 
die Besatzung des Schlosses an Bernhard von Zinnenberg. 4 ) Gollub 
konnte er indessen nicht halten. Im Februar gewann die Be- 
satzung des Schlosses eine Bastei der Stadtbefestigung 5 ) und am 
25. Oktober 1462 wurde die Stadt genommen; der Rest der Be- 
satzung wurde gefangen und die Bürger, die Bernhard von Zinnen- 
berg eingelassen hatten. enthauptet.6). 
Der Stern des Ordens war im Sinken. Mit der Niederlage 
bei Zarnowitz (17. September 141:5
) war seine Kraft erschöpft. 
Auch sein treue ster Anhänger, Zinnenberg, war ermattet; und da 
er vom Orden keine Hilfe erlangen konnte, schloss er am 13. De- 
zember 1463 seinen Frieden mit König Kasimir. Er war noch 
ehrenvoll genug. Bernhard behielt seine drei Burgen Strasburg, 
Kulm, und Althausen in Pfandbesitz; am Kriege durfte er nicht 
weiter theilnehmen, auch den Orden nicht in seine Schlösser ein- 
lassen; die Pfandsumme sollte er nur von dem Könige annehmen. 
Am 19. Oktober 1466 endlich wurde der Friede zu Thorn ge- 
scblossen, durch den Westpreussp-n und Ermland dem polnischen 
Reiche einverleibt und der Hochmeister des weiland deutschen 
Ordens ein polnischer Reichsfürst wurde. 


., 


1) DO. Brief A. 1461, 28. Nov. Schieb!. LXXXII Nr. 152. 
2) Script IV. 586. 
3) DO. Brief A. 1462, 28. Febr. Schieb!. LI Nr. 17. 
4) Script. IV 589. Das Datum der Übergabe ist nicht zu ermitteln. 
Die Datierungen in Script. IV 5!i9 1 ) (t8. Februar) und bei Caro V 152 
(5. März) sind falsch. Am 5. März rückte erst das Entsatzheer von 
Thorn aus, das indes nichts ausrichtete. Script. IV fi89. 
5) Script IV 5!i9. 
6) Script. IV 595. Dlugosz II 2

. 


,
		

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			H. Die polni
whe Zeit. 
1. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. 
Der Pt'affenkrieg. Die Verwaltung. Politisches Leben. 
AIH der Thorner Friede geschlo
sen war, hefand sich König 
Kasimir noch llicht in dpm vollen Besitze des Kulmerlandes. Noch 
besaHs Bernhard von Zinnenberg die drei Schlösser Strasburg, 
Kulm und Althausen zu Pfandrecht.. Als Bernhard 1470 starb, 
trat sein Bruder Heilleke (Hynko) von Waldstein die Erbschaft 
an. Er selbst hielt sich meist ausser Landes auf; in Strasburg 
befehligte Bernhard VOll Zedlitz. ill Kulm Niklas Hertel) Wieder- 
holt forderten die preussischen Stände den König auf, die Schlösser 
auszulösen, aber die Kassen Kasimirs waren erschöpft, und die 
fremden Söldner bliebell in den Burgen. Noch hatte die Bürger- 
schaft dem Könige den 'l'reueid nicht geleistet; erst 1472 erklärte 
sich der Ordf'n bereit, sie det! Unterthanelleides zu elltbinden. 2 ) 
Als nun zwischen Polen und Ungarn eine feindliche Spannung 
eintrat, dachte der Orden dip
e Lage zu henutzen, um die Burgen 
wiederzugewinnen. Heineke von Waldstein hatte zwar gelobt, die 
Schlösser nur an den König von Polf'n auszuliefern; aber die Haupt- 
leute Zedlitz ulld Hertel, die durch kein solches Versprechen 
gebunden waren und die selbst bedeutende Geldforderungen aus. 
stehen hatten, scheinell Lust zu einer selbständigen Politik verspürt 
zu haben; wenigEtens wurde ihnen von df'ID Kulmer Bischof Kiel- 
bassa vorgeworfen, dass sie es mit dem König von Ungarn hielten, 
der doch mit Polen verfeindet war.3) 


, 


I) Zedlitz bemerkt in einer Urkunde vom 8. April 1487. er sei wohl 
14 Jahre Hauptmann zu Strasburg gewesen (DO. Brief A. Adelsgesch. 8. S. 85); 
dies würde auf die Zeit von 1466-79 passen. 
2) Thunert, Ständetage 200. 
3) Was es mit dem "Überfall" auf sich batte, aen die "Hofleute" 
d. b. eben jene Söldnerführer 'so werden sie u. a. DO. Brief A. 1476, 5. 
Iai 
Scbiebl. LI, 10 genannt) 1472/73 "von des Herrn Hocbmeistern wegen" 
unternommen haben sollen (Schulz, B. von Zinnenberg Zs, WPr. Z. V. 1887 
1. 145 ff.) ist nicht klar. Von Belang kann der Vorfall kaum gewesen sein, 
da die ständiscben Verbandlungen ibn nicht erwähnen.
		

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II. Die polnische Zeit. 



 


In eme neue Phase traten diese Verhältnisse durch den so- 
genannten Pfaffenkrieg. Um den bischöflichen Stuhl von Ermland 
stritten sich Nikolaus von 'l'üngen, den das Kapitel gewählt und 
der Papst beRtätigt hatte, und der Pole Opporowski, den der König 
ernannt hatte. Thiingen, der im Bunde mit dem König von Ungarn 
stand ulld im Einverställdnis mit dem Orden war, hatte sich des 
Bistums bemächtigt und trotzte allen Anstrengungen König Kasi- 
mirs ihn zu verdrängen. Schon im Mai 1476 traten Zedlitz und 
Hf'rtel und die andern "Hofleute" zu Strasburg und Kulm mit dem 
Hochmeister in Unterhandlungen, deren Ziel kein allderes sein 
konnte, als die Auslösung und Übergaue der Schlösser.!) Bald 
darauf ging das Gerücht in Prem;sen um, dass König Mathias von 
Ullgal"ll die drei Burgen ausgelöst und wohl verproviantiert habe; 
es hiess, er riicke mit einem Heere herall, um sie in Be8itz zu 
nehmen.2) Im Februar 1478 verkiindigte der Hochmeister Martin 
'l'ruchses8 auf der Tagfahrt zu ßartenstein den ostpreussischen 
Ständen, dass er mit den Schlössern und Städten, die niemand 
anders als dem Orden gehuldigt und geschworen hätten, abHchliessen 
wolle ;3) auch f'inige der Hofleute nahmen an der Tagfahrt tei1. 4 ) 
König Kasimir konnte sich zu militärischen Massregeln nicht ent- 
schliessen, sondern beschränkte sich auf Verhandlungen. Er hatte 
durch Vermittelung Heinekes von dessen Hauptleuten das Versprechen 
erlangt, nur ihm die Häuser auszuliefern. Als es daher hiess, der 
Orden plane Allfang 
Iärz mit jenen eine Tagfahrt zu Strasburg, 
schickte auch der König seine Sendboten dorthin. Sie fanden 
keine freundliche Aufnahme, und kaum waren sie dort, als auch 
der Ordensmarschall eilltraf. Dieser erwiderte auf die Vorwürfe 
der Polen, dass der Orden den ewigen Frieden von Thorn brechen 
wolle: er sei nur gekommen, um sich über die Lage Klarheit zu 
verschaffen, denn Herr Heineke habe geschrieben, dass die Haupt- 
leute die Schlösser nur dem Orden ausliefern wollten. Das Ende 
der Ullterhalldlung war, dass die Hauptleute sich nochmals an 
.. Heineke um Verhaltungsvorschriften wenden wollten; die Bürger- 
schaft erklärte, sie würde den als Herrn aufnehmen, dem die Söld- 
nerf"ührer das 
chloss übergeben würden. 5 ) Im Juni teilte der 



 


1) DO. Brief A. 1476, 5. Mai. Schieb!. LI 10. 
2) Thunert, Ständetage 415-17. 
3) Toeppen, Ständetage V 321. 323. 
4) Thunert 432. 
5) Thunert 425. 431 f. 


I
		

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			, 


1. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. 


105 


Thorner Rat dem von Danzig mit, dass Heineke gesonnen sei, die 
Auslösungssumme vom Orden anzunehmen j der Biirgermeister und '/ 
die Ratsmänner von Strasburg hätten einem guten Preunue gesagt, 
dass sie dell Hochmeister als Herrn allf>rkennten.l) 
Am 10. Juli 1478 um 4 Uhr nachmittags rückten die Ordens- 
truppen in 8trasburg ein, von den Söldnern hereitwilIigst aufge- 
nornrnmenj2) bald darauf fielen auch Kulm und Althausen in ihre 
Hände. In Strasburg scbaltett' wieder ein Ordenskomtur, Görge Ramung 
von Rauen eck, der frühere Komtur von Rhein.3) Bald wurde geklagt, 
dass er die Landsassen mit Gewalt zur Anerkennung der Ordens- 
herrschaft gezwungen hahe j er habe "die armen Leute hei und neben 
ihm gesessen, mit Geleite zu sich verbottet, und da sie in die Stadt 
gekommen sind, alle Thore zugegangen, ulld sie gestockt, gepeinigt 
und geschlagen, dazu gezwullgen und gedrungen, dass sie ihm 
schwören mussten.":J) Im August sammelten sich polni!5che Truppen 
bei Gollub j in Rypin stallden 490 Pferde und 400 Mann zu Fuss, 
in GolIub selbst 220 Pferde und 225 Fussknechtej im Sp.ptember traf 
Bi8chof Sbigneus von Leslau in GolluL ein. 4 ) Aber es kam zu keinem 
kriegerischen Zusammenstoss. Nach lang'Yierigen Verhandlungen 
wurde im Oktober 1479 Friede geschlossen j die dl'ei Burgen wurden 
endgültig dem Könige abgetretell, und dieser ühernahm die Ver- 
pftichtung, die Pfandsumme auszuzahlen. Am 11. Oktober erteilte 
der König den Städten und Gebieten von Strashurg und Kulm die 
Amnestie, um die der Orden für sie gebeten hatte. 5 ) 


Die polnische Verwaltung schloss sich im Äusseren an die 
des Ordensstaates an. Anstatt der Komture sassen in Strasburg 
und GolIub Hauptleute (capitanei). Der deutsche Titel wurde 
seit dpm ] 3jährigen Kriege eine Zeitlang beibehalten; im 16. Jahr. 
hundert nennen sich die Dzialynski durchweg Herren auf Stras- 
burgj erst nach 1600 wird der 'l'itel Starost gallg und gäbe. Die 
Verwaltungsbezirke blieben im Wef'p.ntlichen dieselben j die Ordens. 



. 


1) Thunert, Ständetage 439. 
2) Das Datum der Einnahme erhellt aus den Berichten an den Hoch- 
meister vom 10. und 12. Juli, DO. BriefA. Schieb!. XXVII 12 und LU a 92. 
Die Nachricht vom 24. Juni (Thunert 440) war verfrüht, was der Brief 
Baisens vom 4. Juli (ebendort) bestätigt. Thunerts Urteil über Baysen ist 
daher falsch. 
3) Toeppen, Ständetage V 343. 
4) Thunert 442 f. 
5) Wölky 562. Thunert 554. 


-
		

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			11" 


106 


II. Die polnische Zeit. 


vorwerke wurden zu Domänen des ::;tarosten, dipspr bezog die Ab- 
gaben der früheren Zinsdörfer, die nun königliche Dörft'r hiessen. 
König Kasimir hatte, wie erzählt, wenige Jahre nach dem 
Ausbruch des Städtekrieges die Schlösser Strasburg und Golluh 
mit dem gesamten Bezirk der Komtureien an Söldnprführer verpfändet. 
Strashurg war 1457 in dell Pfandbesitz von Nikolaus Koscielecki 
gekommen, dessen Hprrschaft aber Bernhard von Zinnenherg ein 
Ende machte. Im Jahre 1479 wird Vincenz von Stampe, Unter- 
kämmer von Dobrin, als Hauptmann von Strashurg gemmntl)j 1481 
verpfändete König Kasimir die Herrschaft Strasburg an den Polen 
Franz von Glywitz für 4500 Gulden, obwohl die ur!'priingliche 
Pfandsumme nur 1000 Gulden ausgemacht und der König ver- 
sprochen hatte, sie llicht zu erhöhen. 2 ) Franz von Glywitz war 
1485 gestorben und noch im Frühling desselben Jahres kaufte die 
V 
tarostei Nikolaus Dzialynski, der Woiwode von Inowraclaw. 3 ) 
Die Dzialynskis blieben 120 Jahre lang StaroAten von 8trasLurg. 
Die Pfandsumme wurde durch vt'rschiedene neue Anleihen vermehrt. 
Im Jahre l5
(j betitätigte König SigiSffiund Nikolam; Dzialynski, 
der ihm ebell wieder 2UO Gulden vorgestreckt hatte, den erblichen 
Besitz der Starostei. Zehn Jahre später hestätigte er von neuem 
die Schenkung. Zugleich wurden die verschiedt'nen Schuldsummen 
in eine einzige zusammpngezogen und die älteren Schuldver- 
schreibungpn kassiert; es waren 45tiO ungarische Goldgulden, 
2560 polniscbe Gulden 15 Groschen und 3000 Mark preussisch ge- 
ringpr Münze. Nikolaus Dzialynski starb 1542. 
r hillterliestl 
fünf Söhne. Von ihllen erhielt Halls Dzialynski die Starostei Bra- 
thean und wurde Kulmer Woiwode, Rafael übernahm die Strasburger 
und f:)chönseer Starostei, und Michael die Lautellburger Herrschaft, 
die vorübergehend von Strasburg abgetrenllt wurde; in dem Schöffen- 
buch wird er in den sechziger Jahren mehrfacb als Erbherr auf 
Lautenhurg genannt. Im Jahre 1544 verlieh König Si gis mund 
Augui"t die Strashurger Starostei dem Rafael Dzialynski auf Lebens- 
zeit.4) Ein weiteres Privileg erhielt Rafael im Jahre 1553. Die 
Stadt war damals von einer Ftmersbrunst fast ganz zerstört worden, 


«11 


I) DO. Brief A. 1479, 30. Okt. Adelsgesch. a. S. 88. 
2) Danziger Archiv LV 24 (10224) 20. Okt. ]491 und XLIX 265 
(4441) 21. Dez. 1481. 
3) Metryke koronne (Warscbauer Archiv) Bd. XIV S. 143. 
4) Königsb. Archiv, Weslpr. Foliant 231, BI. 41 a. 1526. - BI. 42f. 
a. 1535. - BI. 6 R. 1544,
		

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			1. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. 


107 


auch das SchlosH hatte sehr gelitten; noch zehn Jahe sp\i.ter wird 
in dem Schöffen buch mehrfach an den "Ausbrand der Stadt" er- 
innert. Die königlichen Revisoren stellten fest, dass sehr grosse 
Summen zum Aufbau erforderlich wären, und dass die BÜrger von 
allen :\Iitteln entblösst wären; der Stadt wurden infolgedessen alle 
Steuern und Abgaben auf acht Jahre prlassen.l) Die Schuldsumme, 
die die Dzialynskis ehedem der Krone vorgestreckt hattt'n, war 
noch nicht hezahlt; man berechnete, dass sie zusammen mit den 
Geldern, die zum Wiederaufbau der Stadt nötig wären, dem Wprt 
der gesammten Starostei mindestens gleichkäme. Der König' über- 
gab daher die Starostei RafaelDzialynski und seinen liJrben zum ewigen 
Geschenk, mit der Erlaubnis, sie Ilach Gefallen weiter zu veräussern. lI ) 
Die Golluber Herrschaft war 1455 an den Czechen Wilhelm 
Jpnik von Mieczkowa verpfändet worden. Zwei Jahre später war 
sie im Besitz von Ulrich Czirwenka. Wohl sein Unterhauptmann 
war Nachwal von Rimbt'rk, von dem Hich ein Brief in czechischer 
8prache aus dem Jahre 145S el'halten hat.3) Czirwenkas N'ach- 
folger sind llicht genau zu hestimmen. 1m Jahre 1474 starb "Herr 
Hintze, der die Golau hat innegehabt" ;4) bald darauf hprachen die 
prpussiRchen Ständp dem König ihren Dank dafür aus, dass er die 
Starostei eillem geborenen Preussen verliehen habe. Offenbar ist 
dies der Kulmcr Woiwode N'iklas von der Damerau, der 1477-HO 
als Hauptmann von Gollub nachzuweisen ist. 5 ) Von 1 483-m> 
können wir Karl vom Felde, der ehen falls Woiwode von Kulm war, 
als Golluber Hauptmann feststellen. 5 ) Im Jahre 1501 wurde die 
Starostei wieder cinem Preussen, Dietrich Surville, verliehen ;6) die 
Surville waren ursprünglich eine littauische Familie, die schon zur 
Ordenszeit mehrfach genannt wird. König Sigismund schreibt 1511 
an den Bischof von Kulm: da der Tod Dietrich Survilles bald zu 
erwarten sei, so müs8e, so lang er noch lebe, dafür gesorgt werden, 
dass das Schloss gut verwahrt werde, und dass nichts aLhanden 
käme. Surville war ein vereinsamter Junggeselle j der König be- 
merkt, er hätte das Schloss in hesserer Verfassung halten sollen. 7 ) 


I) Metryke koronne (Warschauer Archiv), Bd. 84. S. 201. S. den Anhang. 
2) Königsb. Archiv, Westpr. Foliant 231, BI. 5. S. den Anhang I Nr. 25. 
3) S. den Anhang I Nr. 24. 
4} Thunert 354. 355. 
5) Urkunden des Thorner und Danziger Archivs. 
6) Metryke koronne XXII 106. (1501 und 1507). 
7) Wölky 656.
		

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			108 


II. Die polnisohe Zeit. 


Wer als Hauptmaun auf Dietrich folgte, ist unbekanllt. Später 
befand sich Gollub in dem Pfand besitz der Kostkas von Sztemherg 
(Stangenherg), denen es bis 1611 gehörte. Stanislaus Kostka er- 
hielt 1544 eine neue Verschreibung für sich und seine Söhne; 
1557 wurde die Rtarostei an Christof Kostka, der dem Könige für 
den livlälldischen Feldzug 8000 Gulden versprochen hatte, aufs 
neue verpfändet.!) 
Wie schon erwähnt, wurde nach dem Tode l'ikolaus Dzialynskis 
Lautellburg von der Strasburger Starostei abgetrennt; Rafael 
Dzialynski übernahm Strasburg und sein Bruder 
lichael Lauten- 
burg. Es scheint eine rein private Erhteilung gewesen zu sein. 
Im 17. Jahrhundert waren beide Teile wieder mit einander Yer- 
einigt, doch wird von jetzt ab Lautenburg gelegentlich als besondere 
Tenute, d. h. als eine kleinere königliche Herrschaft bezeichnet. 2 ) 
Im 18. Jahrhundert wurde die 'renute Lautenburg noch einmal ah- 
get;ondert von der Strasburger verliehen; Albrecht Plllskowski und 
seine Gattin Rosalie geb. Bagniewski. die schon vorher Tenutare 
der Strasburger Starostei gewesen waren - Starost war Franz Bie- 
linski - erhielten Lautenburg zu Lebtagsrecht.3) 
Während die Verwaltuugsbezirke der Ordenszeit ohne wesent- 
liche Neuerung übernommen wurden, erfuhren die Gerichtsbezirke 
eine Veränderung. Die Gerichtsbarkpit des Starosten beschränkte 
sich im Wesentlichen auf die Dörfer, da Adel und Städte ihre 
eigenen Gerichte hatten. Der Adel hatte seinen Gerichtsstand vor 
dem Landgericht, das schon zur Ordenszeit bestand und jetzt den 
Namen Schloss-(Grod-)gericht erhielt. Früher hattell die Löbau und 
die Michelau zum Kulmprlanoe gehört, das ß ulmer Landgericht war 
auch für jene beiden Landschaften zuständig. Im 16. Jahrhundert 
wurde aber ein eigenes l\tichelauer Lalldgericht gescl::affen. Die 
eigentliche M ichelau war jenes kleine Ländchen gegenüber von 
Strasburg, das seinen Namen von dem 
Iicbelauer Schlosse hatte 
und das affi Anfang des 14. Jahrhunderts durch Verpfändung an den 
Orden kam. Jetzt aber wird der geographische Begriff Michelau 
erweitert. Seit dem 16. Jahrhulldert wird die ganze Löbau zu 
dem Michelauer Lande gerechnet, und unter Friedrich dem Grossen 


I) Königsb. Archiv, Westpr.-Foliant 231. BI. 36, 37. 
2) U. a. Lengnich VII 54 (Docuro.) a. 1650. 
3) Akta kanclerskie (Warschauer Archiv) Bd. 103. S. 255. Das Pri- 
vileg ist von 1744, es handelt sich jedoch um die Bestätigung einer ältern 
Yerleihung. 


., 


1
		

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			1. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft.. 109 


biess sogar der aus den heutigen Kreisen Löbau und Strasburg 
gebildete Landkreis der )Iichelauische. Man kann die Änderullg 
der Bedeutung des Namens MicLelau ziemlicb deutlich verfolgen. 
Die Zinsregister der Strasburger Komturei von 1446, 1447 und 
1451 unterscheiden regelmässig das "Gebiet [,auterberg" und die 
Michelau. In einem Ortsverzeicbnis auf einer polnischen Karte 
von Preussen, die nach K
trzYllski vor dem dreizehnjährigen Kri('ge 
gezeicbnet ist, wird dagegen Lautenburg schon halb zur Michelau 
gerecbllet. Allerdings wird hier die Stadt Lautenburg zweimal 
gleich bintereinander genannt, einmal beim KulmerlaI!de und ein- 
mal bei der Alichelau. Bleibt es also hier zweifelhaft, wohin der 
Verfasser Lautenburg rechnet, RO zählt er Brathean und Neumark 
noch ohne Schwanken zum Kulmerlande, er sieht also böchstens 
den südlichen Teil der Löbau für einen Teil des 
Iichelauer 
Landes an}) In der polnischen Zeit bürgerte sich aber die weitere 
Bedeutung des Namen Michelau bald ein j schon vor der Mitte des 
16. Jahrhundertb wird die ganze Löbau zu der Michelau gerechnet. 
Kfttrzynski meillt llun, wie schon früber erwähnt wurde, dass 
das Michelauer Landgericht bereits im 14. Jahrhundert bestanden 
habe. Eine Visitationsurkunde über die Akten des Michelauer 
Landgerichts aus dem Jahre 1630 erwähnt ein Gericbtsbucb 
aus df'm 14. Jahrbundert und ein zweites, das von 1480 bis 1566 
reichte. Diesf' beiden Bände hält Klitrzynski für Protokolle des 

fichelauer Landgerichts, obwohl in der Visitationsurkullde VOll 1630 
nicbt gesagt wird, dass jene beiden Bände Protokolle gerade des 
Michelauer Gerichts enthielten. 2 ) 
Kfttrzynskis Irrtum ist leicht nachzuweisen. Im Jahre 1537 
forderte die Ritterschaft auf dem Thorner Landtage. "dass die 
Distrikte von Stra
burg und 
fichelau die alte Freiheit wieder er- 
langten, ihre eignen Lannrichter und Schöppen zu baben, sowie 
solches vor dem Grossen Kriege in Preussen üblich gewesen war."3) 
liieraus folgt noch llicht, dass eB sich wirklich um ein altes Her- 
kommell bandelte; es ist eine ganz allgemeine Erscheinullg jener 
Jahrhunderte, dass man ein lleues Recht auf die Weise durch zu- 
setzell versucbt, indem man behauptet, es sei ein alter Brauch 
gewesen. Ausdrücklich wird eingeräumt, dass seit 100 Jahren das 
Michelauer Landgericht nicht in Thätigkeit gewesen sei; der Beweis, 


1) KQtrzynski 103. 
2/ S. o. S. 24. 
3) Lengnich, Gesch. der preuss. Lande königl. poln. Anteils I 184.
		

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			110 


11. Die polniscbe Zeit. 


dass es wirklich existiert habe, wird nicht angetreten. Aber gerade 
aus dem Zllgpständnis, dass das letzte Jahrhundert hindurch ein 
Gpricht nicht bestanden habe, erhellt, dasf' jener zweite Band von 
14RO-1566, den die Visitationsurkunde von 1630 erwähnt, keine 
Akten des l\Iichelauer Landgerichts enthalten haben kann. Um 
so sicherer darf man das gleiche auch von dem ersten Bande an- 
nehmen. 
Die Forderung der Michelauer R.itterschaft wurde nicht so. 
gleich erfüllt; noch ] 55ß wurde sie wiederholt.I) Bald darauf 
scheint das Gericht eingerichtet wordpn zu sein; 1563 werden in 
dem Strasburger Schöffenbuch die Brüder Hartmann und Stanis- 
laus von Eichholz und Albrecht Konojacki als 
lichelauer Land- 
schöffen gellannt. Das Kulmer Landgericht tagte in 
chönsee, das 
l'tichelauer abwechselnd in Strasburg und Neumark. Der Stras- 
burger Bezirk blieb bei dpm Kulmer Landgericht. . Je mehr der 
Adel polonisiert wurdl', desto mehr sank die Bedeutung des Land- 
gerichts. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde garnicht mehr regel- 
"mässig Gericht gehalten, und dpr Adel liees seille Urkunden üher 
Testamente, Verkäufe, Schuldverschreibungen u. s. w. in die Ge- 
richtshücher der Städte eintragen; diese Eintragungen werden fast 
regelmässig damit begründet, dass das Grodgericht geschlossen sei. 
VOll einer Vcrwaltung in Polen kann man eigelltlich kaum 
sprechen. Die Starosteien befandpn sich im Pfandbesitze, im 17. und 
lR. Jahrhundert wurden sie verpacbtet. Nach dpr Lustration 
von 1664 \vurden die Einkünfte der Starostei Oollub auf 3544 Flor. 
20 Gr. 10 Pf., die Ausgaben auf 502 Flor. berechnet; die Ein- 
nahmpn der Strasburger Starostei auf 
1590 Flor. 5 Gr. und die 
Ausgaben auf 1070 Flor. Der Starost schaltete und waltete in 
seinem Bezirk wie der Schlachtiz auf seinem Gute. Die Starostin 
Soße Dzialynski beraubte die Stadt Strasburg ihres Stadtwaldes, 
und trotz langwieriger Prozpsse kam die Bürgerschaft nicht wieder 
zu ihrem Eigcntum. Der Unterstarost Parzniewski nahm der Stadt 
LautenLurg das Kämmereidorf Neuhof weg. Die Rechtsunsicherheit 
nahm in jedem Jahrhundert zu; Gewaltthaten, Überfälle u. s. w. 
waren nicht selten; und wenn wir aus dem Kreise Strasburg wenig 
hierüber prfahren, so darf leider noch nicht gefolgert werden, dass 
er sich vor dem Übrigen Lande vorteilhaft ausgezeichnet habe. Im 


I) Lengnicb II 149.
		

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			1. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. 111 


Jahre 1603 wurde Stanislaus Los von Szymkowo, als er auf der 
Riickkehr von Danzig in GOI'al übernachtete, von 
tanislaus Nie- 
drosky von Adl. .Neudorf meuchlerisch erschossen. Im Jahre 1605 
überfiel Matbias Sokolowsky seinen Bruder Jakob in dessen Hause 
zu Klein Gorczenitza und hrachte ihm schwere Schm;swunden bei. 
Dieselben Verhältnisse herrschten im grossen in der ganzen 
Hepublik Polen. Sehr charakteristisch sind dip Unruhen, die 
Anfang des 17. J a1.rhunderts dort ausbrachen und auch auf 
Preussen zurückwirkten. König Sigismulld UI. stützte sich in seiner 
Regierung hauptsächlich auf den ihm {>rgebenen Senat. Der niedere 
Adel, der sich in seinem Einflusse beschränkt sah, setzte sich der 
Regierung entgegen und schloss sich an den Gross-Kronfeldherrn 
Zamoyski, den Bruder der Starostin Sofie Dzialynski von Stras- 
burg an, der einst das Meil"te zur Wahl des Königs beigetragen 
hatte, jetzt aher mit ihm zerfallen war. Alle Unzufriedencn traten 
der Bewegnng bei, namentlich die Dissidenten, sowohl die Pro- 
testanten als die Anhänger der griechischen Kirche. Die Oppositioll 
verweigerte die Steuern, zerriss die Reichstage und griff schliesslich 
zum äUSSen\tpIl )littel; der Adel sass zu Pferde und begann einen 
Rokosz. Der Roko:;z war eine Form der Insurrektion, die das 
polnische Staatsr...cht anerkannte. Das Recht zur Rebellion gegen 
die Staatsobrigkeit bestand auch in den germanisch-romanischen 
Staaten; als der preussische Bund sich gegen den dcutscht.n Orden 
erhob, handelte auch er im Bewusstsein seines guten Rechts. In- 
dessen beseitigte der Ausbau der monarchischen Gewalt im 15. und 
w. Jahrhundert dies aristokratische Recht der 
tände; auch das 
Fehderecht war 
litte des W. Jahrhunderts in Deutschland aus- 
gerottet. In Polen dagpgen hlieb die Insurrektion ein integrierender 
Bestandteil des Staatsrechts. 
Die Rehellion brach 1606 aus und griff nach Preussen hin- 
über. Im November 1607 brach ein Haufe polnischen Adels im 
Kuhnerlande ein; als aber der Kulmer und der Marienburger 
Woiwode den einheimischen Adel aufhoten, zog er ab, nachdem er 
noch einiges Geld eingetrieben hatte) Es gelang dem König 
1607-8 des Aufstands Herr zu werden. Bald aber brachen neue 
"Cm'uhen aus. PUl{'ll hatte sich in die russischen Wirren einge- 
mischt, als der falscbe Demetrius nach der Krone strebte. Der 
Krieg zog sich mehrere Jahre hin, und den polnischen Truppen 


I) Lengnich V. 24.
		

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			112 


11. Die polnische Zeit. 


wurde kein Sold gezahlt. Diese schlossen daher f'ine Konfödera- 
tion, um sich ihr Recht zu erzwingen. Sie nannten sich nach 
ihrem Führer Sapieha. Dieser wies seinen Soldaten das Dobriner 
und Kulmerland auf ein Vierteljahr zum Quartier an. Die Städte 
und die Stände bewilligten ihnen notgedrungen eine ansehnliche 
SoldzaHung aus eigener Tasche. Trotzdem rückten im Herbst 
1612 500 :\lann unter Dembinski ins Kulmerland ein, und nachdem 
sie vor Gollub und Strasburg abgewiesen warell, bemächtigten sie 
sich der Stadt Schön see, wo sie ihr Quartier aufschlugen.1} 
Im August 1613 kamen die Sapiehaner wieder, aber der 
Kulmer Woiwode liess di	
			

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			" 


1. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. 113 


darauf erhielt er die Woiwodschaft in Pommerellen und rückte 
1551 zum Kulmer Woiwoden auf. Sein Sohn Christof Kostka wurde 
1577 Woiwode von Pommerellen. Dessen Sohn Georg wurde 1605 
Kulmer Kastellan und noch in demselben Jahre Woiwode von 
Marienburg. - Der Landtag ist niemals in einer der Städte des 
Kreises gehalten worden, obwohl er manchmal nach andern kleine- 
ren Städten wie Neuruark, Lessen und Rehden ausgeschrieben war. 
Im Jahre 15G5 sollte der Landtag Dach Gollub berufen werden, 
aber auf den VorscLlag des Bischofs von Kulm wurde Lessen ge- 
wählt, weil Gollub gar zu arm wäre) Im 17. Jahrhundert forderte 
der Adel wiederholt, dass das Kulmer Landgericht "Von Schönseo 
nach Strasburg verlegt und demgemäss die Strassburger Starostei 
dem Kulmer Woiwoden verliehen würdc. 2 ) Es ist indessen nicht 
dazu gekommen. 
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderis wurde den kleinen 
Städten die Fähigkeit zur Landstandschaft bestritten, und schliess- 
lich wurden sie aus den Landtagen verdrängt. Ibre Interessen 
liessen sie info]gedessen durch ihre bevollmächtigten oder Quartier- 
städte ",ahrnehmen. Die Quartierstadt von Strasburg war Thorn, 
die von Gollub war Graudenz. 
Die politische Stellung Westpreussens und seine Beziehungen 
zum polllisehen Reiche erfuhren im 16. Jahrhundert eine tief einschnei- 
dende Veränderung, die auf alle Verhältnisse, ebenso auf das po. 
litische und nationale, wie auf das geistige und wirtschaftliche 
Leben einen entscheidenden Einfluss ausgeübt hat. Westpreuasen 
wurde aus einem selbständigen Staat zu einer polnischen Provinz 
herabgedrückt. Als die Städte und die Ritterschaft sich vom 
Orden lossagten, war ihr Ideal einen politisch unabhängigen 
ständischen Staat zu bilden, der mehr unter dem Schutze als unter 
der Regierung des polnischen Königs stände. Das Inkorporations- 
privileg, durch das 1454 König Kasimir die Vereinigung des 
preussischen T
andes mit der Krone vollzog, brachte die Wünsche 
der Preussen deutlich genug zum Ausdruck. Alle Privilegien 
und Gerechtigkeiten sollen unverändert bestehen bleiben; bei allen 
preussischen Staatsangelegenheiten (causae notabiles) wirken die 
preussischen Stände mit; alle Ämter und Würden dürfen nur an 
geborene Preussen (indigenae) verliehen werden. Die Verbindung 


I) Wölky 905. 
2) U. a. Lengnich VI. 103. 137. VII. 9. 39. 46. 63. 66. 67. 88. 
8
		

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			...,... 


114 


11. Die polnische Zeit. 


mit dem polnischen Reiche dachten 
ich die Preussen sehr lose. 
Zwar übernahm der König die Pflicht. Preussen in Kriegsfällen zu 
schützen; die Preussen sollten alle Rechte und Ft"eiheiten mit den 
Polen gemein haben, namentlich auch an der Königswahl teil nehmen. 
Andrerseits verstand es sich ihnen von selbst, dass ihre Kriegs- 
dienstpflicht si'Jh auf die Landesverteidigung beschränkte, und dass t;ie, 
die sich so heftig über die Steuerhebungen des Ordens beklagt 
hatten, keinerlei Steuern für die politischen Aufgaben der Krone Polen 
zahlen würden; mit dem politischen Leben Polens wollten sie so 
wenig zu thun haben, dass sie den Sitzungen der polnischen Reichs- 
tage grundsätzlich fernblieben. 
Die Preussen beanspruchten demgemäss weitgehende Rechte, 
ohne die geringsten Pflichten übernehmen zu wollen. Es ist klar, 
dass wenD die Polen hierauf eingegangen wären, die Erwerbung 
der reichen Provinz ihnen nur einen sehr geringen Gewilln ein- 
gebracht hätte. Sie waren aber nicht im mindesten gewillt, sich 
damit zu begnügen, sondern wollten Preussen förmlich dem pol- 
nischen Reiche einverleibt wi8sen. Den polnischen Adel hungerte 
es nach den preussischen Ämtern und Pfründen, und von den Geldbe- 
bedürfnissen des Reiches dachten sie eill gutes Teil auf Preussen 
abzuwälzen. Der Inhalt des Inkorporationsprivilegs war unbe- 
stimmt genug gefasst, um Handhaben für die A usfiihrung jener Absichten 
zu bieten; der Name des Privilpgs selbst lie 3 die Auslegung 
einer engern staatsrechtlichen Verbindung beider Länder zu, als die 
Preussen eingestehen wollten. Die Kompetenz der preussischen 
Landtage, vor die alle causae notabiles gehören sollten, war eben- 
falls unbestimmt genug ausgedrückt, um einen willkommenen Angriff::!- 
punkt zu bieten. Und das Indigenatsrecht, das den Polen um I!O 
widerwärtiger sein musste, als es keinem preussischen Edelmann 
verwebrt war ein polnisches Amt zu bekleiden, wurde schon von 
König Kasimir einfach durcbbrochen. 
Der Kampf um die Unabhängigkeit Preussens währte 100 
Jahre. Im Jahre 1569 war die Realunion Prpussens mit Polen 
entschieden. Auf dem Lubliner Reichstage erliess am 16. Marz 
1569 der König oie berühmte Verordnung, die die Preussen zum 
Besuch der polnischen Reichstage verpflichtete j die preus- 
sischen Landtage sanken damit zu völliger ßedeutungslosigkeit 
herab. 
Schon einmal vorher war ein polnisches Reichsgesetz auch für 
Preussen erlassen worden, Dämlich oas sog. Exekutionsgesetz des 


J 


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			2. Das erste Jahrhundert polnischer Herrschaft. 115 


Pt'trikauer und Warschauer Reichstages von 1562-64. Es handelte 
sich dabei um folgendes. Zu den Hauptpinkünften der Krone ge- 
hörten die Erträge der sog. Tafelgüter. Davon waren im Laufe 
der Jahre bei der chronischen Geldverlegenheit der Könige viple 
verpfändet und verkauft worden. Da aber das Schwinden dpr könig- 
lichen Einkünfte eine Steigerung der Steuern hervorrief, so war 
die Einziehun
 der entfremdeten Tafelgüter Bchon seit dem Anfang 
des 16. Jahrhunderts eine populäre Forderung des niederen pol- 
nischen Adels, der an den Verleihungen jener Güter keinen Teil 
hatte. Schon 1504, dann wieder 1550 wurden durch Reichsgesetz 
derartige Verpfändungen von Krongütern verboten; wer Geld dar- 
auf liebe, sollte keinpn Anspruch auf Rückvergütung haben. Wie- 
derholt forderten dann die Landboten die Ausführung dieser Ge- 
setze, die executio legum j die ganze Angelegenheit wurde endlich 
kurzweg als Exekution bezeichnet. 
Zu den verpfändeten 'fafelgütern gehörten auch die Staro- 
steien Strasburg und Gollub. Die Exekution wurde eDdlich 1562 
auf dem Petrikauer Reichstage beschloRsen, ulld 1563/64- trat der 
Warschauer Reichstag in die Prüfung der einzelnen Fälle ein. Am 
7. März 1564 legte Rafael Dzialyn:;ki seine Privilpgien über die 
Strasburger Starostei vorj der Besitz wurde ihm aberkannt. Am 
18. März geschah das gleiche dem Golluber Starosten Christof 
Kostka.I) Die Starosten wandten ein, dass sie im Vertrauen auf 
die Erblichkeit dps Lehens grosse Summen auf den Ausbau der 
Schlösser verwalldt hätten, und schlicsslich beliess der König bpide 
in ihren Ämtern, aber sie wurden verpflichtet, den vierten 'l'eil 
(Quarte) ihrer Jahreseinkünfte an den König abzuliefern. 2 ) Im Ok- 
tober 1564 wurde eine königliche Schatzkommission nach Preussen 
gesandt, die die Beschaffenheit der kÖlliglichen Besitzungen und die 
der Krone zustehenden Abgaben genau prüfen sollte. Die 
Kommissare, der Hofschatzmeister Juhann Lutomirski, der 
königliche 8ekrptär J ohann Radogoski und Stanislaus 
lupecki 
trafen im Oktober in Strasburg ein. Wir verdanken ihnen eine 
Bet;chreibung des Strasburger Schlosses. Alles haben sie freilich 
nicht gesehen j Rafacl Dzialynski war es nur darum zu tlmn, ihnen zu 


I) Lengnich 11 295. - TranssClipta privilegiorum in conventu 
Warssoviensi 1564, productorum terrarum Prussiae (Königsb. StaatBarchiv. 
Westpreuss. Foliant 
31.) 
2) Lengnich II 353. 


8* 


-
		

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			....., 


116 


11. Die polnische Zeit. 


zeigen, was er am Schloss gebaut hatte j "hinsic.htlich der andern 
Räume", bemerken die Lustratoren am Schluss ihrer Aufnahme, 
"meinte der Herr Starost, es sei nicht nötig sie zu revidieren und 
und zu verzeichnen, da sie alt wären und daran nichts ausge- 
bessert sei - und sie wurden uns nicht geöffnet. "1) Ein sprechen- 
der Beweis für die Autorität der polnischen Krone I 


2. Reformation und Gegenreformätion. 
Der Protestantisllius fand in Westpreussen zuerst in den drei 
grossen Städten Thorn, Danzig und Elbing Eingang, bald aber 
wurden auch der Adel und die kleineren Städte von der Bewegung 
ergriffen. Doch lässt sich die Ausbreitung der lutheriscbell Lebre 
im einzelnen nicht genau verfolgen. Da König Sigismund (t 1518) 
den religiösen Neuerungen feindlich gegenüberstand, wurden viel- 
fach die alten Formen und Namen beibehalten, wo schon die neuen 
Lebrbegriffe angenommen waren j noch später sprach man auf den 
I
andtagen von der wahren katholischen Religion nach dem Augs- 
burgischen Bekenntnis. Unter Sigismund August (I54S-72) wagte 
sich der neue Glaube freier an die Öffentlichkeit. Im Jahre 1552 
richtete die Stadt Danzig an den König die Bitte um freie Re- 
ligionsübung, erhielt aber einen abweisenden Bescheid. Auch in 
Polen selbst hatte die Reformation grosse Fortschritte gemacht, 
und 1555 wurde auf dem Reichstage zu Petrikau gleichsam ein 
Waffenstillstand zwischen den beiden religiösen Parteien geschlossen; 
die Protestantt'n hatten ein Nationalkonzil gefordert, das eine f'nd- 
giltige Entscheidung treffen sollte. Aber gleich im nächsten Jahre 
erliess Sigismund August für Preussen ein scharfes Edikt gegen 
die Neuerer. Die Stände, auch der Adel und die kleilleren Städte 
antworteten mit einem Gesuch um Religiollsfreiheit. Und noch in 
demselbf'n Jahre fing der König an nachzugeben. Ihn persönlich 
berührte der Religionsstreit wenig, er benutzte ihn fortan zu seinen 
politischen Zwecken. Indem er den preussischen Ständen zuerst 
das Bekenntnis des Protestantismus nachsah, dann ausdrücklich die 
freie Religionsübung gestattete, verfolgte er um so energischer sein 
Hauptziel, die politische und natIOnale Selbständigkeit der Provinz 
zu brechen. Danzig erhielt 1557 ein Religionsprivileg. Das machte 


1) Königl. Archiv, Westpr. Foliant 232. J. Sembrzycki, westpreussische 
Schlösser im 16. Jahrhundert (Altpreussiscl1e Monatsschrift, Nr. 1. Bd. 28. 
S. 20!) H.
		

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			2. Reformation und Gegenreformation. 


117 


auch den kleinen Städten Mut, in den folgenden Jahren den König 
nm Religionsfreiheit zu bitten. 
In Strasburg erfahren wir von den ersten Anfängen ketzerischer 
Regungen im Jahre 1551. Der Starost Rafael Dzialynski hatte 
einen Geistlichen bei sich, der llach dem Urteile des katholischen 
Klerus über seine Lehre Protestant gewesen ist. Dieser Geistliche 
stammte aus Prasnysz in Plockischen und Liess Lorenz Discordia; 
vielleicht hat er diesen Beinamen infolge seines Übertritts erhalten. 
Vorher war er Hofprediger des Königa gewesen und er besass aus 
jener Zeit einen königlichen Geleitshrief. Als der Kulmer Bischof 
Hoaius seinen Aufenthalt in Strasburg erfuhr, forderte er den Sta- 
rosten auf, ihn auszuliefern; der aber lehnte dies Ansinnen mit 
grosser Entschiedenheit ab. Lorenz sei ein ehrenwerter Mann, ein 
treuer Diener des Königs und Gottes; wenn er geirrt habe, so 
möge man ihn belehren, aber nicht verurteilen. Discordia 8cheint 
sich aber doch unsicher gefühlt zu haben und wandte sich nach 
Littauen. Er führte ein unstätes Leben; 1553 war er wieder in 
Strasburg; im Jahre darauf frohlocktell seine Gegner, dass er aus 
der Kulmer Diözese vertrieben worden sei.l) 
Erst geraume Zeit später erfahren wieder etwas über die 
Religionsverhältnisse in 
trasburg. In dem Schöffenbuch wird im 
Jahre loGO der deutsche Priester Hieronymus genannt, der 
ein Vetter des Strasburger Bürgers Lukas Biener war und in der 
Stadt ein Haus besass. Der Mangel eines Titels wie Pfarrer, 
Commendarius oder dgl. lässt es fraglich erscheinen, ob er im 
Dienste der katholischen Kirche gestanden hat; indessen fehlt es 
auch an jedem bestimmten Anhalt, um ihn als Protestanten be- 
zeichnen zu können. Im Jahre ]561 hatte Hieronymus Strasburg 
schon verlassen. In demselben Jahre begegnet uns wieder im 
Schöffenbuche der polnische Prediger Nikolaus; hier lässt 
der Titel Prediger deutlich den Protestanten erkennen. Zwei 
Jahre später wird er noch einmal genannt. Weiter lesen wir 1566 
in derselben Quelle den Namen Nikolaus Glitzners, der jetzt 
Un ser Pre diger heisst. Es ist wohl kein Zweifel, dass jener 
polnische Prediger Nikolaus und N. Glitzner ein und dieselbe 
Person ist. Sehr belangreich ist aber die Änderung des Titels. 
Wenn Glitzner in dem städtischen Schöffenbuch 1563 "der polnische 


1) Hipler = Za.krzewski, Stanislai Hosii epistolae Nr. 415, 422, 424, 
437, 605, I Hi6, 1181. (Acta. historica Polonia.e IX)
		

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			118 


11. Die polnische Zeit. 


Prediger" und loHö "unser Prediger" genannt wird, so ist mit 
Sicherheit daraus zu schliessen, dass in der Zwischenzeit die Stadt- 
gemeinde den Übertritt zum Protestantismus förmlich vollzogen 
hatte. Denn die Stadtgemeinde als solche, d. h. Rat und Bürger- 
schaft bekannte sich zu der evangelischen Lehre. Jene Eintragungen 
ermöglicimn es also, den Beginn der Reformation ill Strasburg 
genau zu bestimmen. Um 1561 kam Nikolaus Glitzner nach StraB- 
burgI) und nach fünf jährigem Wirken trat die Stadt zu dem evan- 
gelischen Glauben über. Auch das evangelische Kirchenbuch l1ennt 
Nikolaus Glitzner als ersten protestantischen Geistlichen. 2 ) Nikolaus 
Glitzner siedelte 1568 von Strasburg nach Posen über. In diesem 
Jahre begegnet uns im Schöffenbuche der Pfarrherr Johannes 
CracovIta, der von 1559 bis 1566 evangelischer Pfarrer an der 
Jakobskirche in Thorn gewesen war. 3 ) Diese Eintragung ist des- 
halb von Wichtigkeit, wpil wir daraus ersehen, dass der evangeliflche 
Geistliche der Pfarrer von Strasburg war; die evangelische Ge- 
meinde hatte demnach bereits damals Besitz von dpr Pfarrkirche 
genommen. Noch unter Sigismund August (t 1572) hat Strasburg 
ein königliches Religionsprivileg erhalten. Die Urkunde selbst ist 
nicht bekannt; sie wird wie alle jene Freibriefe das Recht enthalten 
haben, den Gottesdienst öffentlich nach dem Ritus der A ugsburgischen 
Konfession auszuüben, und Prediger und Lehrer d
sselben Be- 
kenntnisses zu berufen. 4 ) 
In den 60er und 70er Jahren hatte dpr Protestantismus in 
Westpreussen seine grösste Verbreitung erreicht. Im Strasburger 
Kreise sind nachweislich die Pfarrkirchen von Zmiewo und Pokrzy- 
dowo in dem Besitze der Evangelischen gewesen.5) Dagegen scheint 
Gollub dauernd katholisch geblieben zu sein. Der Starost StaniBlauB 


I) In der Preuss. Lieferung (1755) I. 681 und in den Preuss. Provinzial- 
blättern 1845 S. 7CO wird angegeben, dass Nik. Glitzner 1563 von Strasburg 
weggezogen sei, während das Jahr seiner Ankunft nicht angegeben wird. 
Das Schöffenbuch stellt aber die Dauer seines Wirkens in Strasburg sicher 
fest. In dem evang. Kirchenbuch zu Strasburg, das ein Register der evang. 
Geistlichen hat (s. die folg. Anm.), fehlen die Jahreszahlen, 
2) Die Reihe der Geistlichen ist zu Anfang freilich lückenhaft; hier 
folgt auf Nik. Glitzner unmittelbar sein Bruder Erasmus, der erst 1592 nach 
Strasburg kam. 
3) Zernecke, Thornsche Chronik (1727) S. 148. 
4) Hartknoch, Kirchengeschichte 1064. Lengnich IV, (0) 16. Preuss. 
Provinzbi. 1845. S. 689. 
5) Strzesz, Kirchenvillitation von 1672. 


.
		

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			2, Reformation und Gegenreformation. 


119 


Kostka war ein strenger Katholik, und auf dem Landtage von 1575 
sprach ein Abgeordneter der Stadt .,von dem Eifer seiner 
Principalen für die katholiAche Kirche und die Erhaltung von deren 
Rechten:'}) Auch in Lautenburg scheint die Reformation keinen 
Eingang gefunden zu haben. 
Gleichzeitig erreicbte der Prctestantismus in Polen seine 
grösste Machtentfaltung. Es galt nun, die errungp-ne Religions- 
freiheit durch ein Rpichs
esetz zu bekräftigen. Als mit Sigis- 
mund August 1572 das piastische Königsgeschlecht am
ges1.orben 
war, fasste der Konvokationsreichstag, der 1573 in Warschau tagte 
um einen neuell König zu wählen, den Beschluss, dass niemand 
seiner Religion wegen gekränkt oder verletzt werden dürfte. ,.Wir, 
in Bezug auf die Religion verschiedener Überzeugung" (nos de 
religiolle dissidentes) - so lautete der Eingang jpner Urkunde; hier 
bat das Wort Dissidenten noch nicht die 8pälere Bedpulung: alle sich 
von einander unterscheidenden Religiomparteien im damaligen 
Polen werden darunter verstanden und nicht, wie später nur die- 
jenigen, deren Bekellntnis sich von dem der rö m i s c he n Kir ehe 
unterscheidet. Alle Religionsparteien treten hier gleichberechtigt 
und gleirLgeordnet auf. Und diese Wahlkapitulation haben 
Hpinrich von Anjou und die folgenden Könige beschworen. Auch 
König Sigismund IU. (1587-1632) leistete den Eid auf jene 
Warschaupr KOllföderation. Sigismund war der Sohn König Johanns 
von Schweden aus dem Hause Wasa; seine Mutter war eine 
katholische Prinzessin, KatbariIJa von Polen. Sigismund selbst 
war katholisch, und durch die katholische Partei zum Könige ge- 
wählt worden; an der 
pitze dieser Partei stand der Grosskron- 
feldherr und Kanzler Johann Zamoyski, delisen Schwager der 
Htrasburger Starost Lukas Dzialynski war. Unter König Sigismulld 
vollzog sich die Rekatholisierung des polnischen Reiches. Zwar 
setzt die Gegenreformation SChOll ein wenig früher ein; scbon 1569 
grülldete der ermländische Bischof Kardinal Hosius das Braulls- 
berger Jesuitenkollegium; aber erst in 8igismund fand die katholische 
Partei einen König, der willens war ihre Pläne konsequent durch- 
zuführen. 
König 8igilimund verfolgte die Politik, alle 
tellen nur mit 
Katholiken zu besetzell, und da das preussische Indigenatsrecht 
bereits gänzlich vernichtet war, konnte er in Preussen ebenso ver- 


1) Lengnich III 133. 


\'
		

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			120 


11. Die polnische Zeit.. 


fahren, wie in Polen. Das Recht der StelJenvergebung war eins 
der wichtigsten Befugnisse der polnischen Krone, deren Prärogati ve 
sonst an aUen Enden durch den Adel beschränkt war. Man giebt 
die Zahl der von dem König abhängigen Stellen auf 20000 an; 
und nichts bat so sehr den protestantisch gewordenen Adel ver- 
mocht zur katholischen Ki.rche zurückzukehren, als die Gewissheit, 
alldernfalls von allen Ämtern und Würden ausgeschlossell zu sein. l ) 
Daneben entfaltete die jesuitische Propagallda alle ihre Kräfte. 
Die Jesuiten gingen vorzugsweise darauf aus, die Pfarrkirchen fUr 
den Katholizismus wiederzugewinnen. Schon vorher waren hier 
und da Gewaltmassregeln gegen die Protestanten unternommen 
worden, so hatte 1574 der Stellvertreter des Strasburger Starosten 
den lutherischell Prediger aus der Stadt vertrieben,2) aber das 
batte doch keine dauernden Folgen gehabt. Ein neuer V orstoss 
wurde 1577 gemacht. Als König Stefan Bathori in Danzig weilte, 
stellten die Katholiken das Ansinnen an ihn, den Strasburger Pro- 
testanten die Pfarrkirche abnehmen und darin die Messe lesen zu 
lassen. Der König lehnte dieses Ansinnen aber ab, da es seinen 
Versprechungen znwiderliefe. 3 ) König Sigismund änderte diese Po- 
litik. Die Jesuiten stellten folgenden Grundsatz auf. Die Pfarr- 
kirchen seien von Anbeginn ein Besitz der Katholikell gewesen 
und wären deren unveräusserliches Eigentum i wenn auch dem 
evangelischen Bekenntnis voller Schutz versprochen worden sei, so 
erstrecke sich dies Versprechen doch nicht darauf, die Evangelischen 
in dem Besitze der widerrechtlich erworbenen Gotteshäuser zu er- 
haltell. Man begann nun planmässig gegen die lutherischen Ge- 
meinden auf Rückgabe der Kirchen klagbar zu werden. Es kam 
das polnische Sprichwort auf: in den Pfarrkircben wird der alte 
Hprrgott verehrt (u fary pan Bog stary). In allen Fällen erfolgten 
dieselben Urteile; im Assessorialgericht war der Richter dcr Unter- 
kanzier, ein Geistlicher, und im Relationsgericht sprach der König 
selber Recht. Gleichviel wie man sich zu jener kirchenrechtlichen 
Theorie stellen mag, das Vorgehen war ein grober Rechtsbruch. 
Als Sigismund zum König gewählt worden war, hatten die schwe- 
di>3chen Gesandten in seinem Namen sämtlichen Städten das be- 


I) Vgl. Lengnich IV 191. 
2) Ein Brief dieses Predigers, Jochen von Stein berg, vom 2. April 1574 
an den Rat von Danzig (Danziger Archiv). 
3) Regenvolscius. systema historico-chronologicum ecclesiarum Slavo- 
nicarum 8. 215. Hartknoch 1065. 


.
		

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			2. Reformation und Gegenreformation. 


121 


stimmte Versprechen abgegeben, sie in dem ru bigen Besitze der 
dfJm evangelischen Gottesdienste gewidmeten Kirchen zu erhalten) 
Strasburg musste das Schicksal der übrigen Städte teilen. 
Als der Rat einem königlichen Befehl, die Kirche den Katholiken 
abzutreten, keine Folge gab, wurde er vor das Assessorialgericht 
geladen. Gegen dessen ungünstiges Urteil wurde appelliert, aber 
das zweite fiel ebenso aus, und am 7. März 1598 musl:!ten sie die 
Pfarrkirche den Katholiken üLerlassen. 2 ) Wohl in derselben Zeit 
kamen auch die Kirchen von Zmiewo und Pokrzidowo an die Ka- 
tholiken zurück. 
Jetzt erging die weitere Forderung an die Stadt Strasburg, 
die Zinsen von Äckern, Wiesen und Häusern, die zu der Kirche 
gehört hatten, für die ganze Zeit ihrer Nutzniessung zurückzuerstatten. 
Der katholische Pfarrer beanspruchte als Entschädigung die mass- 
los hohe Summe von 40000 Gulden. 3 ) Daraufbin sah sich das 
Gericht doch veranlasst, einen näheren Nachweis zu fordern. Der 
Pfarrer Johann Praevantius, zugleich Propst von Löbau, zog es 
jetzt vor, sich mit der Stadt zu verständigen. Am 8. Juni 1599 
wurde folgender Verglpich geschlossen. Die Stadt gab alles Kirchen- 
geräte heraus, doch erklärtA sich der Pfarrer durch das, was er 
erhalten, llicht für befriedigt und behielt sich eine weitere Aus- 
einandersetzung vor. Über alle Kirchelleinkünfte sollte genaue 
Rechnung gele
t werden. Die 
tadt trat die Häuser der Vikare, 
des Orgauisten und der Kircbendieller ab; über zwei andere Häuser 
sollte sie ihr Eigentumsrecht nachweisen. Sie übernahm es, dem 
Organisten und dem Baccalaureus (Lehrer) ein Jahresgehalt von 
je 40 l\Jark zu zahlen. Der Bruderscbaft vom Leichnam Christi 
und der Elendenbruderschaft gab die Stadt 8 Gartengrundstücke 
heraus, ebenso die, die anderen geistlichen Körperschaften gehört 
hatten. Über das Besitzrecht an einigen anderen Gärten sollten 
noch Untersuchungen angestellt werden. Die Stadt sollte alle Nach- 
weise über Grundzinsen, Legate und Verschreibungen, die der 
Kirche zustanden, ausliefern und sie in den Besitz aller zurück- 
gehaltenen Einkünfte wieder einsetzen. Alle Einwohner der Stadt, 
auch die Dissidenten, sind verpflichtet, den Beichtpfennig zu 
zahlen; der Magistrat sollte ihn nach alter Gewohnheit erbeben 
und an die Kirchenverwaltung abführen. Der rückständige Dezem 
1) Lengnich IV, H6. 182. 
21 Lengnich IV, 228. 248. 280. 
3) Lengnich IV, 280. 283. 


\
		

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			122 


II. Die polnische Zeit. 


Boll illnerhalb zweier Wochen gezahlt werden. Zu Reparatur- 
bauten an der Kirche sind, soweit deren eigene Einkünfte nicht zu- 
reichen, alle Bürger zur Beisteuer verpflichtet. Von sieben Häuschpn, 
die die Stadt im Besitz hat, ist ein jährlicher Zins von vier Mark 
zu entrichten; ein achtes, in dem der Nachtwäcbter wohnt, bleibt 
zinsfrei. Von dem Gute Drut!chin, das der Kirche gehörte und 
dem Magistrat verpachtet war, sollen wie früher, vierteljährlich 
Ho]zfuhren geleistet. werden. Das Gut Geistlich-Kruschin wird an 
die Kirche abgetreten. Als Entscbädigung für die Verluste an 
diesem Gute und zum Ersatz der Prozesskosten zahlt die Stadt 
335 polnische Gulden.!) 
Nachdem die Gemeinde die Pfarrkirche abgetreten hatte, 
wurde der evangelische Gottesdienst zunächst in ein Privathaus 
verlegt; dpr Schulunterricht wurde ebenfalls in Privatbäusern ge- 
balten. Dies war aber nur ein Notbehelf; bald wurde "ein Ort 
unter dem Ratbause" für den Gottesdienst hergestellt, und noch in 
demselben Jahre, am 11. Oktober 1598, mit einer deutschf'n Predigt 
über das zweite Kapitel des ersten Buches der Könige eingeweiht. 
Zur Erinnerung wurde ein Flugblatt "mit einem deutschen Reim" 
über den Inhalt der Predigt gedruckt, das indessen verloren ge- 
gangen ist. 2 ) 
Jenen Vergleich von 1599 hatte der Pfarrer Praevantius nicht 
mit der evangelischen Gemeinde, sondern mit der Stad t Stras- 
burg abgeschlossen. Es war die Stadt, die die Pfarrkirche ab- 
treten musste. Desgleicben spielen sich die späteren Prozesse, 
deren noch eine ganze Reihe folgt, stets zwischen dem katholischell 
Pfarrer und der Stadtgemeinde ab. Die Stadt als Gemeinde zählte 
sich zum evangelischen Glauben, der Rat bestand aus8chliesslich 
aus Protestanten. Zwar gab es auch Vollbürger, die katholisch 
waren, doch batte der alte Glaube, wie die katholiscben Geist- 
lichell das ganze 17. und 18. Jahrhundert durch klagen, hauptsäch- 
lich ullter dem niederen Volk Anhang, das auf das Stadtregiment 
keinen Einfluss besass. Die Schreiben der Stadt Strasburg an 
den Rat zu Danzig tragen im 17. Jahrhundert mehrfach die Unter- 
schrift: "Bürgermeister und Rath zu Stra::;sburg, der Evangelischen 
Religion zugetLan." 
Der evangeliscbe Prediger, Stadtpfarrer und "Hofprediger' 
de r Starost in war damalt
 Erasmus Glitzner, der ältere Bruder 
I) Abschrift des Vertrags in den Akten des kathol. Pfarramts Strasburg. 
2) Angabe des "Gründlichen Berichts", s. u. S. 132.1)
		

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			2. Reformation und Gegenreformation. 


12:
 


seines Vorgängers Nikolaus. Er war 1592 nach Strasburg ge- 
kommen und blieb hier bis zu seinem Tode am 26. Januar 11)03. 
Die Brüder Glitzner t3tammten aus Znin in Grosspolen. Beide 
haben in der polnischen Kirchengeschichte eine bedeutende Rolle 
gespielt. Erasmus war Generalsenior, Nikolaus Circularsenior der 
evangelischen Kirche in Polen. Sie waren Lutheraner, gehörten 
aber nicht zu dem extremen Flügel, der sich Jamals in der hef- 
tigsten Bekämpfung der Reformierten gefiel, sondern sie bemühten 
sich, eine Einigung der drei Parteien der Lutherischen, Reformierten 
und Böhmischen Brüder herbeizuführen. Auf der Posener Synode 
1567, die auch der Strasburger Starost Rafael Dzialynski besuchte, I) 
bemühten sie sich, die Böhmischen Brüder zur Annahme der Augs- 
burger Konfession zu bewegen. Nicht zum wenigsten ihrer uner- 
müdlichen Thätigkeit war dip Union von San dom ir (]570) zu ver- 
danken, in der jene drei evangelischen Kirchengemeinschaften sich 
gewissermassell zu einer einzigen Landeskirche vereinigten. Nament. 
lich in der so sehr umstrittenen Ah{'ndmahlslehre gelang es eine 
Formel zu finden, die allen genügte; und zugleich schlossen sie 
sich zu einer engen Gemeindschaft zum Kampf gegen Rom und 
gegen das 
ektenwesen zusammen. Auf der grossen Thorner Sy- 
node wurde 1505 die Sandomirer Union, ebenfalls unter der thä- 
tigen Mitwirkung Erasmus Glitzners, erneuert. Die strengen Luthe- 
raner hauen Glitzner freilich sehr angegriffen und ihm, offenbar 
zu Unrecht. 
Ienschenfurcht und Unstetigkeit in seillen Über- 
zeugungen vorgeworfen. ErasmuH ist auch litterarisch thätig ge- 
wesen, er hat mehrere theologische Schriften und auch den Anfang 
einer polnischen Gef'chichte veröffentlicht. 2 ) Seine Witwe und Yer- 
wandte von ihm sind noch längere Zeit nach seinpm Tode in Stras- 
burg nachzuweisen. 
Im Jahre 1604 starb die Starostin von Strasburg 
ofie Dzia- 
lynski, die Schwestpr des Grosskronfeldherrn Zamoyski. Sie war 
wie ihr Gatte Lukas protcstantisch gewesen und hatte, wenn auch 
vergehens, bei Hofe Vorstellungen gemacht, um die Strasburger im 
Besitz der Pfarrkirche zu erhaltcn.3) Nach ihrplli Tode verlieh der 


1) Brief Dzialynskis an den Danziger Rat. (Danziger Archiv.) 
2) Uber die kirchlichen UnionsbeBtrebungen vgl. Borgius, Aus Posens 
und Pole nB kirchlicher Vergangenheit, Berlin 1898. Die ältere Litteratur 
über die Brüder Glitzner vgl. Pr. Provbl. UH5. S. 700 H. und Preusl!. 
Lieferung I 682. 
3) PreuBs. Provbl. 1845 S. 690.
		

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			124 


11. Die polnische Zeit. 


König die Starostei Strasburg an seine Schwester, die Prinzessin 
Anna von Schweden, welche die noch nicht eingelöste Pfand- 
summe an Sofiens Erben bezahlte.!) Als die Golluber Starostei 
1611 durch Georg Kostkas Tod erledigt war, wurde auch sie der 
Prinzessin verliehen. Da durch diese Verleihung das preussische 
Indigenatsrecht verletzt war - Gollub hatte die Prinzessin sogar 
ohne die Genehmigung des Reichstages erhalten 2 ) - so richteten 
die preussischen Stände an sie und an den König die Bitte, 
wenigstens die Verwaltung der Starosteien preussischen Edelleuten 
zu übertragen ;3) aber so oft auch diese Bitte wiederholt wurde, 
sie blieb ohne Erfolg. Die protestantische Prinzessin ernannte 
zu ihrem "Ökonomen", der selbst den Starostentitel führte, den ka- 
tholischen Polen Adam Parzniawski, dem 1615 sein Sohn Christof 
im Amt folgte. 4 ) 
Die Bittschrift, die die preussischen Stände 1613 in der Indi- 
genatsangelegenheit an Prinzessin Anna richteten, lautete folgender- 
massen :5) 
"Durchlauchtiges, Hochgeborenes, Gnädiges Fräulein. 
Nach Anerbietung unsers freundlichen Grusses, Willfährigkeit 
und Dienst geben wir Euer Edeln Gnaden hiermit freund- und 
dienstlich zn ,'ernehmen. dass die Ehrbaren von Strasburg, als 
E. E. G. getreue Untersassen, uns supplicando beigebracht, wie 
dass sie von dem confoederirten Kriegt'svolk in grosses Ungemach 
und merklichen Schaden gesetzt worden, dcrowegen dieselben in- 
ständigen Pleisses an uns bittlich gert'ichen lasst'n, bei K E. G. 
durch eine Vorbitt daran zu sein, damit Sie mit anderm Beschwer 
hinfüro möchten verschonet werden, und also in Enthebullg dero 
eine Ergötzung ibnt'n widerfahren, welches weil es der Billigkeit 
gemäss, als ist an E. E. G. unser freund- und dienstliches Bitten, 
dieselben zu demjenigen, was obberührte Supplikanten von Stras- 
burg uns beigebracht, und hiezu um ein Illtercessions- und Be- 
förderungsschreiben angesucht haben, sich ihnen gnädigst erzeigen 
wollten, keine Zweifel tragend, E. E. G. auch ohne diese Fürbitt- 


1) Metryke Koronne (Warschauer Archiv). Bd. 148, S. 350. Bd. 149, 
S. 405. Die Verleihung von Strasburg ist vom 2. Okt. 1604 datiert. 
2) Lengnich V 46. 
3) Lengnich V 4. 6. a. 1606. - V 20 a. 1607. - V 37 a. 1609. - V 48 
6. 1611. - V 71. 72. 6. 1613. - V 92 6. 1615. 
4) Metryke Koronne (Warschauer Archiv) Bd. 153 S.18. Bd.156 S. 441. 
5) Lengnich V 28 Documenta.
		

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			2. Reformation und Gegenreformation. 


125 


schrift die Ehrbaren von Strasburg als ihre getreuen Untersassen 
in gnädige Acht nehmen, und danebenst dennoch diese unser Vorbitt ge- 
niessen lassen werde. Und weil wir in gewisser Erfahrung auch 
vor diesem kommen, dass K E. G. Unterthanen nicLt allerdings 
wie es die Gebühr und E. E. G. Jurisdiction erfordert, verhalten, 
als haben wir unsers Amtes und Gebühr zu sein erachtet, E. E. G. 
hiervon dien8tlich zu erinnern, dieselbe auch dienst- und freundlich 
zu bitten, die auf Ihre Hauptmannschaft zu Strasburg, einen Indi. 
genam des Landes zur Verwaltung selbster Hauptmannschaft anzu- 
ordnen und einzusetzen geruhen wollte, damit also diespr Lande 
Freiheiten gehalten, und niemand sich zu beschweren haben möge. 
Wie wir denn die gänzliche Hoffnung tragen, E. E. G. dieses unser 
Andeuten, auch freund- und dienstliches Bitten, gnädig aufnehmen, 
und demselben nachzukommen geruhen werde. Der wir hinwieder- 
um alle angenehme Willfährigkeit und Dienste zu bezeugen, be- 
flissen und ganz bereit sind. E. E. G. hiemit Göttlicher Bewahrung 
empfehlend. Datum Marienburg auf unser Zusammenkunft den 
28. Januarii anno 1613. 
E. E. G. 
Willfährige und dienstliche der Lande Preussen anwesende 
Stände. 
Der Durchlauchtigsten, Ho
hgeborenen Fürstin und Fräulein, 
Fräulein Anna der Reiche Schweden Infantin unserer 
Gnädigen Fräulein." 
PrinzeRsin Anna blieb, obwohl sie ihrem katholischen Bruder 
nach Polen gefolgt war, dem protestantischen Glauben treu und war 
"zeitlebens eine Stütze und Fürsprecherin ihrer Gaubensverwandten." 
Den Bekehrungsversuchen des katholischen Klerus setzte sie einen 
festen Widerstand entgegen. Mehrfach hat sie protestantische Prediger 
nach Strasburg berufen; auch soll sie in LiI- nitza eine e\angelische 
Kirche zu bauen begonnen haben.!) Auch mit anderen Predigern 
stand sie in Verbindung, so besonders mit Valerius Herherger in 
Fraustadt. Dieser war, wie Lauterbach erzählt, in ihre Gunst 
durch seinen "Passions-Zeiger" gekommen, "wie er selbst mit seiner 
eigenen Hand an die erste Edition beigeschrieben." "Er hat auch 
grO:3se "T ohlthaten von ihr genossen. Einmal schickte sie ihm 
51 ganze 'l'halerstücke zu, darnach in der grassirenden Pest anno 


1) Domherr Strzesz bestreitet in der Kirchenvisitation von 1672 diese 
Angabe. Vgl. die Ortsgeschichte.
		

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			126 


II. Die polnische Zeit. 


1613 hat sie ihn mit Medikamenten 
ersorgt und ßeissig nach ihm 
fragen lassen. "1) 
Im Jahre 1618 berief sie Georg Nebe als Prediger nach Stras- 
burg. Die Berufung zeigte sie dem Rat in folgendem Briefe, da- 
tiert Warschau den 8. Januar 1618, an: 
"Anna von Gottes Gnaden der Reiche Schweden, Gothen und 
Wenden geborene Prinzessin etc. Unsern gnädigen Gruss zuvor. 
Ehrsame l
iebe, Getreuel Wir haben aus gnädiger gegen die 
Religion tragender Aifection euch und die christliche Gemeine zu 
Strasburg mit einem evangelischen der deutschen und polnischen 
Sprache kundig-en Prediger in Gnaden versehen, und aus Gross 
Koschelau (in OstpreusHen) George Neben berufen lassen, welcher 
sich bei euch auf den andern Sonntag' nach Epiphania, seinem Uns 
in Unterthänigkeit zukommenden Bericht nach einzustellen und 
seinem anvertrauten Amte im Namen Gottes einen Anfang zu 
machen gemeinp.t ist. Befehlen euch demnach hiemit gnädigst er- 
meldeten Pastoren auf berührte Zeit, wann er bei euch anlangen 
wird, gebührlich anzunehmen, an sein anbefohlnes Amt in Unserm 
Namen zu weisen, ihm seine zugesagte Besoldung am Gelde und 
anderer Gebührnis, vermöge euer ausgegebener Bestallung, jähr. 
lich ohlle einige Difficultät wirklich folgen zu lassen, mit bequemer 
Wohnung und nothdürftigem Holze zu versehen, sein Amt ruhig zu 
gebrauchen, auch den Gottesdienst mit besserem Ernste, als biB- 
hcro geschehen ist, angelegen scin zu lassen. Thut hierin Uns ern 
gnädigsten Willen und W eisullg. "2) 
Prinzessin Anlla hielt einen grossen Hofstaat. Von der Hof- 
haltung ihres Vorgängers Rafael Ozialynski erfahrell wir aus dem 
Schöffen buche, (lass t>r einen Schlossschreiber, den Edlen Andreas 
W
pierski und einen deutschen Schreiber, Herrn Zadrian 3 ) hatte; 
Briefe an die Stadt Danzig wurden deutsch geschrieben. Ferner 
wird Sebastian Absthemius, sein "Diener und Muaicus", genannt; 
1563 schenkte dt>r Starost ihm ein Haus in der Stadt, das Absthe- 
mius indes bald verkaufte; im nächsten Jahre erwarb er die Schul- 
zerei in Gross Kruschin. 
Prinzessin Anna scheint abwechselnd in Strasburg und Gollub 
residiert zu haben. In Gollub empfing sie im :Mai 1623 den Be- 


I) Lauterbach, Leben Herbergers (Leizig 1708) S. 22-1 f. 
2) Preuss. Provo Blätter 1845. S. 705. 
3) Die Zadrians waren eine angesehene StraBburger Familie. Hein- 
rich Zadrian war 1619 Bürgermeister.
		

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			2. Reformation und Gegenreformation. 


127 


Buch ihres Bruders, des Königs Sigismund.I) Die neue Residenz 
in Strasburg, das heutige Amtshaus, ist aber nicht von ihr gebaut, 
sondern wohl nur erweit
rt worden. Schon in der Revision von 
1564 wird dies Haus in der Vor burg ald Starosten wohnung er- 
wähnt. Es war elegant eingerichtet; die Fussböden waren mit 
quadratischen glasierten Ziegeln ausgelegt, die Wände schmück. 
ten Blumenmalereien, auch die Zimmerdecken und die weissglasier- 
ten Öfen waren bemalt. 2 ) Zu ihrem Hofstaat gehörten zwei Hof- 
prediger, ein deutscher und ein polnischer, so dass der Stadtpfarrer 
der dritte evangelische Geistliche in Stral!burg war. In ihrer Um- 
gebung befand sich eine Hofmeisterin - 1625 war es Margarete von 
Auerswald - eine Anzahl von Hofdamen und mehrere Herren von 
Adel, wohl meist Schweden. Bei ihrem 'rode warf'n um sie die 
Freiherren Johannes und Kasimir von Güldenstern, Ernst von 
Sacken gf'nannt v. d. Osten, Michael Jatzkow, Graf Eberstein und 
Henning Kleist. 3 ) Im Jahre 1625, kurz vor ihrem 'l'ode. richtete 
sie dem Fräulein Magdalene Farensbach, das mit dem Grafen Christof 
von Eberstein verlobt war, auf dem Schlosse die Hochzeit aus. 
U. a. war der Bürgermeister und Rat von Königsberg dazu ge- 
laden, die sich indessen entschuldigten. Das Einladungsschreiben 
lautete folgendermassen :4) 
"Anna von Gottes Gnaden u. s. w. 
Unseren gnädigsten Gruss und geneigten Willen. Ehrenfeste, 
Wohl" eise, Liebe, Besondere! Wir mögen Euch nicht bergen, was- 
ma
8en vermittels göttlicher Vorsehung Wir die WohlgeLorene 
Unsere liebe getreue Magdalena Farensbachin Woyewodzanka zu 
Wenden dem auch Wohlgeborenen Underm besondern lieben Lud- 
wig Christoph Grafen von Eberstein. Herrn zu Neugarth und Mas- 
zar ehelichen versprochen und zugesaget, auch nunmehr zur hoch- 
zeitlichen Solennität den 2. Februar Stylo novo christkünftigen 
Jahres bestimmt und angel:>etzt. 
"Wann dann christlichem löblichem Gebrauche nach zu solchem 
Actu guter Leute Gegenwart und Gratulation erfordert wird, als 
wollen wir Euch insonderheit auch solcher hochzeitlichen Freud 


1) Lengnich V 160. 
2) AltpreusB. Monatsschrift 1891 S. 212. 
3) Brief dieser Personen vom 29. März 1629 an den Danziger Rat 
(Danziger Archiv). 
4) Preuss. Provbl. 1831 S. 208 ff. 


-
		

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			128 


11. Die polnische Zeit. 


auf obernannte Zeit allhier zu Strasburg durch Eure Abgeordnete 
beizuwohnen hiermit sollenniter invitirt und eingeladen haben. 
"Wir sind nicht allein für unsere Person in Gnaden zu er- 
widern gnädigsten Erbietens, sondern es werden auch Braut und 
Bräutigam dieser ihnen bezeigten Ehre hinwiederum. um Euch zu 
beschulden, sich höchsten Ordnungen nach stets angelegen sein 
lassen. Verb]eiben hiermit Euch in Gnaden zugethan und ganz geneigt. 
Gegeben zu unserem Hoflager Strasburg den 9. Decembris anno 1624. 
A nn8 P. S." 
Inzwischen war der Kirchenstreit noch nicht zur Ruhe ge- 
kommen. Durch den Vergleich von 1599 war er keineswegs aus 
der Welt geschafft worden. Die Kirche hatte sich, wie erzählt, 
in einzelnen Punkten eine endgiltige Entscheidung vorbehalten i 
vornehmlich entspann sich der Streit um das ursprüngliche Ver- 
mögen der Kirche, womit sie bei ihrer Gründung ausgestattet war. 
Der deutsche Orden hatte alle Pfarrkirchen mit LandlJesitz begabt, 
und der Pfarrer Praevantius forderte nun dessen Herausgabe. Aber 
der ursprüngliche Grundbesitz der 8trasburger Kirche war nicht 
festzustellen. Geistlich Kruschin war ihr erst ein Jahrhundert nach 
ihrem Bestehen geschenkt worden, und unzweifelhaft hatte die 
Kirche auch schon vorher Land besessen. Man kam zu keiner 
klaren Erkenntnis der Dinge; wahrscheilllich hat man die ursprüng- 
lichen Kirchenhufen, die ein Teil der ältesten Stadtländereien 
gewesen sein müssen, in dem Karbower Walde zu suchen, der 
der Stadt gerade um jene Zeit von der Starüstin Sofie entfremdet war. 
Propst Praevantius, der bei der Stadt bösen Willen voraus- 
setzte, strengte einen neuen Prozess an. Er wurde aber nicht so 
schnell entschieden. wie der über die Abtretung der Pfarrkirche. 
Der Streit kam zum vorläufigen Stillst.ande erst im Jahre lü] 9, 
nachdem der Rat einen feierlichen Eid geleistpt hatte, dass ihm 
Über das Gründungsprivileg der Kirche nichts bekannt sei, und 
dass er dem katholischen Pfarrer nichts von dem ursprünglichen 
Grundbesitz der Kirche wissentlich vorf'nth\elte. 
In dem Vergleiche von 1619 wurde folgendes festgesetzt. 
Die Stadt zahlt dem Pfarrer ein Jahresgehalt von 180 Mark in 
vierteljährlichen Raten. Der zweite Punkt betraf den katholischen 
Kirchhof. Dieser war zum 'I'eil von den Bürgern bebaut worden, 
und aller Unrat wurde aus den Wohnungen auf dcn Kirchhof ge- 
worfen. Diesem Unwesen verpflichtet sich der Rat zu steuern. 
Der Rat soll ferner den Innungen und Bruderschaften nicht ver-
		

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			2. RefonDation und Gegenreformation. 


129 


wehren, gemäss ihren Satzungen Wachskerzen für die Kirchenaltäre 
zu liefern. Der Pfarrer erhielt die Erlaubnis, Nachforschungen im 
Stadtarchiv über seine Gerechtsame anzustellen. Die der Kirche 
zugehörigen, aber seit der Wegnahme der Pfarrkirche vorenthaltenen 
Grundzinsen werden ihr zurückgestattet werden. Alle Klagen 
werden durch diesen Vergleich niedergeschlagen j die Übertret,mg 
desselben soll mit 100 Goldgulden bestraft werden.!) 
Prinzessin Anna starb am 6. Februar 1625. Noch auf ihrem 
Sterbebette hatte man versucht: sie zu dem katholischen Bekennt- 
nisse zu bekehren. Ihr wurde das Abendmahl nach katholischem 
Ritus angeboten, aber sie lehnte es ab und empfing es aus der 
Hand ihres Hofpredigers Andreas Babski. Nach ihrem Tode, so 
erzählt Lengnich, sprengte man aus, sie wäre römisch-katholisch 
gestorben. "welches daher rührte, dass wie der kulmische Woiwode 
(Johann Weiher) ihr zusprach, sie sollte Christum, der um die 
katholische Religi.on gestorben wäre, in ihrem Herzen festhalten, 
sie, weil sie schon in den letzten Zügen lag, ihm die Hände fest 
drückte und darauf verschied."2) 
König Sigismund ersuchte den Papst, das Begräbnis in der 
königlichen ,Gruft ,zu gestatten, aber das wurde der Protestantin 
nicht gewährt. Die eingesargte Leiche blieb unbeerdigt bis zum 
Jahre 1636 in Strasburg, und wurde dann am 16. Juli in der 
Marienkirche zu Thorn bestattet. Die Beisetzung wird von Hart- 
knoch ausführlich geschildert.3) "Bei ihrem IJeichbegängnis sind 
folgende Gesandten, so von dem Könige Wladislao IV geschicket 
worden, zugegen gewesen: Christophorus Radzivil, Herzog in Olyka 
u. s. w., Wildnischel' Woywod, Andreas Rey Lublinischer und 
Sigil:>mundus Freiherr von Güldenstern Stuhmscher !:;taroste. Um 
8 Uhr gedachten Tages wurden in allen evangelischen Kirchen die 
Glocken geläutet, und hernach auch in der Pfarrkirche zu S. Jo- 
hann. Aus der Stadt ging man der Leiche entgegell in das 
nächste Vorwerk, da die Leiche aus Strasburg hergeführt ward. 
Daselbst hielt Petrus Zimmermannus, Senior und Rector Gymnasii, 
eine deutsche Oration im Beisein vieler hundert Menschen. Von 
dannen ist man in voller Procession in die Stadt gegangen, in 
folgender Ordnung: Zuerst gingen die Schüler aus bei den Städtpn 


1) Eine königliche Bestätigung des Vergleichs vom 12. Juni 1622 be- 
findet sich im. Original in dem Archiv des evang. Pfarram.ts zu Strasburg. 
2) Lengnich V 176 f. 
3) Hartknoch, Kirchenhistorie 930 f. 


9
		

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			130 


Il. Die polnische Zeit. 


mit ihren Präceptoribus und Magistris, darauf folgten die Bürger 
etwa 500 stark. (Dies waren die Bürger von Strasburg; sie waren 
weiss gekleidet und truf:!;en grüne Kränze auf dem Kopf.)l) Nach 
ihnen gingen die Instrumentisten und l\Iusicantell; darauf die Pre- 
diger bei 100 stark, welche teils aus der Stadt, teils auch aus 
andern Örtern deswegen dahin sich versamlllPlt hatten. Nach den 
Geistlichen ward die Leiche gefiihrt von sechs mit schnpeweissem 
Tuch bedeckten Pferden, in welchen Decken das schwedische 
Wappen mit weisser Seide genäht war; dcr Wagen war mit weisselll 
SilberstÜck bedpcket, und diese Decken haben von beiden Seiten 
24 Jungfrauen von dem vornehmsten polnischen Adel, darunter 
auch etlicher Ca8tellanen Töchter gewesen, gehalten, und warpn 
auch selbst mit weisser Seiden bekleidet, und mit Rosmarienkränz(>n 
geziert. Von beiden Seiten gingen bei diesen Jungfrauen drpissig 
junge Polnische vom Adel, (>in jeder in der Hand eine Fackel 
habend. Sonsten gingen auch bei dem Wagon Przypkowski, 
Sienicki, Sakoslawski, Kochanski und andere Polnische vom 
Adel. Hinter dem Trauerwagen ging Christophorus Radzivil, 
Königlicher Gesandter. Zu dessen RecLtell ging Christophorus, 
Herzog von Brieg in Schlesipll, zur Linken aber Fridericus, 
Fürst von Anhalt. Nach ihnen ging der Culmische Woywod, 
der königlichen Prinzen und Yladislai Brüder Gesandter, neben 
welchem zur rechten und linken Seite Ludovicus und Christi anus, 
Herzoge von Brieg, gingen. In der dritten Reihe ging der Starost 
von Starodubo, der königlichen Schwester Gesandter, neben ihm 
gingen der Herzog Boguslaus Radzivil und der Starost von Rehden. 
Nach ihnen gingen vieler Senatoren und anderer Reichsbedienten 
ihre Frau(>n, und zwar einzeln, so doch, dass eine jegliche zwei 
vom Adel, auf einer jeden Seite einer, die letzten Frauen aber die 
Bürgermeister und die Ratsherren von 'fhom begleitet haben. 
Nach diesen folgten die andern vom Adel, und die übrigen vom 
Rat, wie auch andere Beamte aus der :llten und npuen 8tadt Thorn. 
Darauf folgten die fiirnehmsten Frauen aus der Stadt, und dann 
die Bürger seihst nach ihren Zünften, zuletzt die Frauen aus dpr 
Stadt paarweise. Den Sarg, wie er bis an die Kirche gebracht, haben 
die Ratsherren "elbst in die Kirche getragen j das Kissen, die Krone 
und 4 Kränze trug der Starost von Libus bis an die Grabstelle j 
auf das Castrulll doloris, welches drei Stufet, hatte,' setzten sich 


1) Zernecke, Thorner Chronik (17:!7) S. 293.
		

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			3. Die Religionsverfo]gung und der erste Schwedenkrieg l1625-32). 131 


die Jungfrauen, so neben dem Trauerwagen gegangen waren, und 
nebenst ihnen stunden die jungen vom Adel, derer auch droben 
gedacht. Das Thor und die Kanzel war mit weissem Tuch be- 
kleidet. Nach gehabter Music hat Paulus Orlicz einen polnischen 
Leichsermon, mit aller Anwesenden Contentement gehalten. Nach- 
dem haben die Woywoden von Wilda und Culm, wie auch die 
anderen Reichsbedienten, derer wir droben gedacht, und andere 
königliche Hofbediente den Sarg in die dazu bereitete GrabsteIle 
gebracht und in einen zinnernen Sarg geleget. Zuletzt that der 
Wildnische W oywod Fürst Rad zivil die Leichabdankung in pol- 
nischer Sprache. Als sie aus der Kirche gingen, verfügten sich 
die Gäste aufs Rathaus, da ihnen ein Trauermahl zugerichtet 
worden. c: 


3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32,) 
Mit dem Tode der Prinzessin Anna begann die schwerste 
Krisis, die der Protestantismus in Strasburg zu bestehen gehabt. 
hat. Seit den Anfängen des Proteatantismus waren die Starosten 
evangelisch; Rafael Dzialynski war wohl der erste, der in Stras- 
burg Interesse für die neue Lehre gehabt hat. Und wenn auch 
seine ]'I; achfolger die Wegnahme der Pfarrkirche nicht hindern 
konnten, so lag doch der gröeste Schutz für de:c Protestantismus 
in Strasburg eben darin, dass sich auch die Starosten zu ihm be- 
kannten. Gerade die ersten Jahrzehnte der Gegenreformation, wo 
diese Bewegung ihre stärkste geistige Kraft besass, waren fflr den 
Bestand des Protestantismus die gefährlichsten. Die Geistlichen, 
auch die Bischöfe konnten ihm unmittelbar wenig anhaben, weil 
ihr die weltliche Gewalt fehlte, um direkt eingreifen zu können. 
Die gröBste Gefahr drohte von den Starosten; nur wo diese den 
Klerus bereitwillig unterstützten, konnte die Ketzerei erfolgreich 
unterdrückt werden. 
Es folgte jetzt eine ununterbrochene Reihe katholischer Sta- 
rosten. Nach Prinzessin Annas Tode verlieh König Sigismund die 
erledigten Ämter Strasburg und Gollub seiner G(.mahlin, der 
Königin Konstanze; nach ihr kamen wiederum zwei weibliche 
Starosten aus königlichem Geschlecht, Prinzessin Anua Katherina 
und die Gemahlin Wladislaus IV. KönigiD Cäcilie Renate. 
Die Verfolgung- der Protestanten begann, sobald Prin- 
zessin Anna die Augen geschlossen hatte. Das erste Opfer war 
ihr polnischer Hofprediger Babsky. "Nach tötlichem Hintritt Ihro 
!J* 


---
		

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			134 


H. Die polnische Zeit. 


Majestät der Königin hochmildester Gedächtnis die Herrschaft 
Strasburg übergeben ward. 
J!Nachdem nun in gedachter grausamer Pestzeit der liebe Gott 
die Stadt also heimgesuchet, dass viele der vornehmsten Bürger 
wie auch alle Personen des Raths mit dahin starben, und nur der 
einzige Herr Johann Fuchsius Consul und Jacobus Gesnerus :Ko- 
tarius beim Leben übrig blieben, und also die Aemter in allen 
Ordnungen zerrissen und unbestellt waren j da hat Ihro Königliche 
Majestät die Königin Ursach genommen: auf heimliches Anhalten 
des HerrnStarosten und der päpstischen Bürger - wie es sich hernach 
erwiesen - eine Commission zur Bestellung der Ordnungen und 
Aemter anzustellen; in welcher zu Commissarien verordnet waren 
drei Königliche Secretarien all3 Xiltdz Bartkowski eine geistliche, 
item Golinski und Grabianka, beide weltliche Personen, welche im 
Monat Septembris ankamen und durch den überbliebenen einzigen 
Herrn Bürgermeister die Bürgerschaft zu Rathause fordern lassen, 
woselbst auch in Person die Herren Commissarien erschienen und 
die Commission fundiren wollten. Als aber solcher durch den se- 
ligen HerrnAndream Glitzner damaligen Richter und Herrn Gesnerum 
Notarium auf Bitte der Bürgerschaft rechtlich gcwehret worden, 
hielten sie doch stark an, solcher zu fundiren. Indessen sendete 
auf der Stadt Anhalten ein Edler Hochweiser Rath der Stadt 
Tborn dcn seligen Herrn Ferdinandum juris practicum an- 
hero, welcher zu Hülfe solcher Einführung der Commission heftig 
wehren sollte. Als aber auf sonderliche Anstiftung etliche päLstische 
Bürger hervortraten und vorgaben, sie begehrten und bäten um 
die Commission, darauf fuhren die Herren Commissarien gemeldete 
Plenipotenten heftig an mit Drohworten und Gefangnis, als wenn 
sie wider der Bürger Willen solcher Commission widersprechen 
thäten, schritten stracks zur Election eines neuen Raths, setzten 
vier evangelische und vier päbstische Personen zuwider voriger 
Gewohnheit ein, wie auch in den andern Ordnungen alles auf die 
Hälfte. Darnach suchten sie allerlei Mittel, die Bürgerschaft in eine 
Suspition zu bringen, als ob sie mit Gustavo Könige VOll Schweden 
Correspondenz gepflogen und ihm Anlass ins Land zu gehen ge- 
geben hätten,I) wie dann nach lang gehaltener Inquisition zu 
Schlosse. dahin die Bürgerschaft gezwungen worden, zwölf der 


1) Gustav Adolf, damals im Kriege mit Polen, hatte Riga, Livland 
und einen Teil von polnisch Littauen erobert; 6. Juli 1626 landete er in 
]>reussen.
		

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			3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625- 32), 135 


vornehmsten Bürger mit einem körperlichen Eide im Namen der 
ganzen evangelischen Gemeine der Suspition sich losschwören müss
n. 
"Nach mancherlei widerwärtigen Proceduren, deren vorher zu 
geschweigen, die widerrechtlich mit der Bürgerschaft vorgenommen 
und verübet wurden, begehrten die Herren Commissarii, dass die 
Evangelischen ihren Gottesdiem\t aus dem Rathhause schaffen, oder 
aber andere Stunden zur Verrichtung desselben gebrauchen sollten. 
Weil man aber in keinem Punk.te ihrem Begehren in causa reli- 
gionis pariren wollen, da zeigten sie zuletzt den letzten Punkt der 
Königin ihres Mandat!! vor, dass sie auf Ihro Majestät der Königin 
Befehl ihren Gottesdienst ganz abschaffen sollten, dazu auch alle 
Kirchen- und Schuldiener. Weil man aber zur Entschuldigung bei- 
brachte, dass solches Regalia wären, I) und sie nicht schuldig wären 
hierin etwas abzutreten, auch auf Ihro 
Iaje8tät ihren allergnädigsten 
König und Herrn sich selbst beruften, da erteilten ihnen beide 
weltliche Herren Commissarii bei ihrer A breit:!e eine Dilation auf 
vier Wochen, in welcher Zeit sie wiederkommen wollten; indessen 
sollte die evangelische Bürgerschaft ihr Heil veri!Uchen. Wo Ihro 
Königliche Majestät ihnen sokhes vergönnen und sie bei ihrer 
Freiheit des exercitii religionit! ferner erhalten wollte, sie auch 
gerne damit zufl ieden sein wollten. Der Bartkowski aber als ein 
Geistlicher wollte nicht gerne drein willigen, auch nicht vom 
Schloss eher verreisen, bis er die Execution des Mandats erwartet 
hätte. Gott aber änderte solches alles; ehe die benannte Zeit um 
war, starb der8elbe Corumissarius unverhofft und unversehens in 
der Nacht eines schnellen Todes und ward am 
lorgen im Bette 
todt vorgefunden, eines schrecklichen Anblicks; ist auch keiner bei 
ihm gewesen, als er gestorben. Damit war die Commission aufge- 
halten, und blieb die Execution derselben in allem nach; weil auch 
beide weltliche Commissarii ganz ausblieben, ist ferner in den 
Sachen nicht tentiret worden." 
Dies geschah im HerLBt W26. 2 ) Als König Higismund alli 
17. November zum Reichstage nach 'l'horn kam, gewährte er den 
Strasburgern eille Audienz und versprach auf ihre V orstellullgen 
"selbst mit der Königin zu reden." Wie kritisch die Bürgerschaft 
ihre Lage ammh, erhellt aus Folgendem: Nach dcm Aufhören der 
Pest war eine Anzahl evangelischer Familien in die Stadt zu- 


I) D. h., dass der König allein hierin zuständig wäre. 
2) Briete des Rats an Danzig vom 12. Nov. 1626 und 4. Januar 1627 
(Danziger Archiv). 


--
		

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			136 


II. Die polnische Zeit. 


gezogen, aber bei der Bedrückung ihres Glaubens dachten sie wieder 
fortzugehen und wollten auch den Bürgereid nicht schwören, bis 
die Entscheidung des Königs bekannt geworden wäre. Und zu- 
gleich trug sich eine Reihe alteingessener Strasburger mit dem 
Gedanken auszuwandern. I) Im September 1626 hatte sich der 
Stadtschulz Andreas Glitzner uud der Schöffenmeister sogar einen 
königlichen Geleitbrief gegen Gewaltthätigkeiten des eigenen Starosten 
(salvum conductum a vi et potentia capitanei) ausstellen lassen. 
Parzniewski war freilich aufs höchste empört, als der Generalland- 
bote ihm die amtliche Mitteilung davon machte, er nahm das 
Schreiben nicht an und trieb ihn unter Flüchen aus dem Schlosse. 2 ) 
Die Königin ging ihren Weg unbeirrt weiter. "Als aber Ihro 
Königliche Majestät die Königin", heisst es in dem "Gründlichen 
Bericht" weiter, "mit gedachten Commissarien übel zufrieden war, 
weil sie Dero Willen nicht exsequireten, ordnete sie aufs neue 
eine Commission, in welcher Commissarii waren Herr Andreas 
Buzanowski Canonicus Cracoviensis und Johannes Sosnowski Secre- 
tarius regius. Diese bei den kamen nach Strasburg im Monat Juli 
auf 8t. Margarethae anno 1627. Nachdem sie eine Zeit zu Schloss 
sich aufgehalten, schickten sie zu untererschiedenen Malen mit Hülfe 
des Herrn Starosten Parzniewski an den Rath in die Stadt, dass 
sie daselbst auf Ihro Königlicher Majestät der Königin Mandat er- 
scheinen sollten. Wie sich aber der Rath, sonderlich aber diejenigen 
Personen, welche evangelischer Confession zugethan waren, weigerten, 
gaben sie dem Rath und der ganzen Stadt den 21. Julii eine 
Citation zu Schloss zu compariren; die sich aber entschuldigten, dass 
sie nichts in solchen Fällen zuSchloss zu thunhättenoderzucompariren 
schuldig wären. Drum wurden die Herren Commissarii endlichen 
den Raths, liessen den Rath bonis modis hitten, auf eine gütliche 
Unterredung zu ihnen zu kommen, welches den 17. Augusti ge. 
schehen. Die Päbstischen waren willig, die Evallgelischen liessen 
sich bereden und gingen insgesammt zu Schloss. A1s sie dahin 
kamen, fingen die Herren Commissarii an, auf das schmählichste 
mit ihnen zu reden und zu agiren, dessen sich niemand vermutet, 
liessen die Evangelil::lchen des Rathes alsobald ohne alle Ursache 
in die ungewöhnlichen äussersten Gefängnisse setzen, schickten 
auch bald nach dem Richter Herrn Andreas Glitzner und Herrn 
N otarium Jacobum Gesnerum wie auch nach andern BÜrgern, 
I) Vgl. Note 2 auf S. 135. 
21 Golluber Stadtbücher. 


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			3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 137 


denen der Starost gehässig war, - denn er mit der Commission 
einstimmte - setzten diese ebenmässig ins Gefängnis, einen hier, 
den andern dort in ein Loch, unter welchen zwei Personen des 
Raths übersechzigjährige Männer waren. 
"Des andern Tages als des 16. Augusti frühe, zwischen 2 und 
3 Uhr, kamen die Herren Commissarii mit ihrem und des Herrn 
Starosten Gpsindleiri in die Stadt durchs Schloss ganz in der Stille 
in die Pfarrkirchen, daselhst sammelten sie durch ein klein Glöcklein 
das bestellte Volk, welche mit Röhren (Flinten), Spiessen, Keulen 
und allerlei Gewehr zusammenkamen, und gingen insgesammt über 
40 oder 50 Personen an das Rathhaus. Als sie solches verschlossen 
gefunden, schickten sie eilend nach einem päbstischen Schlosser; 
den zwangen sie mit Schlägen, weil er sich weigerte, das Schloss 
am Rathhaus zu öffnen; darnach kamen sie an die 'l'hür zu dem 
Ort, da der Gottesdienst verrichtet wird, thaten eben also, revi- 
dirten alles, wie auch in der Schule, nahmen etlicbe Sachen heraus; 
darnach versiegelten sie alle Kasten und Thüren und gingen alle 
zu Schloss. Indessen sah'irten die Bürger mit Rath und Hilfe (dcs 
seligen edlen Herrn von Fischhausen, welcher seine Pferde und 
Wagen gab)1) den Herrn Pfarrherrn, sandten ihn mit einer Convoi 
sicher bis Thorn. Donnerstag als den 19. Augusti nahmen sie die 
verhafteten Personen vor, examinirten sie mit allerlei Injuriell und 
gewaltsamen Proceduren, wo die andern Kirchensachen wären, 
wollten durchaus solche nebst den Schlüsseln zu allen Sachen von 
ihnen erzwingen, schickten nach lJeiden Kirchenvätern (Kirchen- 
vorstehern) und liessen sie ohne einzig Befragen und Verhör in 
den hohen 'l'urm hinunter, allda sie etliche Tage mit grosser Ge- 
fahr des Lebens im Finstern gesessen, bis man von ihnen mit 
Bedrohung des Henkers erzwungen, die übrigen verwahrten Sachen, 
derer nicht wenig waren, herauszugeben. Sie schickten auch in 
des einen Kirchenvaters Haus, liessen Kisten und Kasten auf- 
brechen, die Kirchellsachen zu fluchen. Hierauf haben sie den 
damaligen päpstischen Bürgermeister der Bürgerschaft bei Strafe 
von 10 Dukaten ungarisch und t!chwerer Gefängnis gebieten la8sen, 
sich ins Schloss zu stellen; als sie den 2ti. dito aus Furcht und 
Zwang ins Schloss kamen, liess der Bürgermeister die Stadt schliessen. 
Im Schloss aber war eine starke Garde von I
andvolk als Schulzen. 
Lf'hnleuten, Heiducken, Dienern und allerlei Geaindlein mit ge- 
l) Dies ist ein Zusa.tz in der Thielschen Abschrift, die in der älteren 
Ha.ndschrift fehlt.
		

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			138 


11. Die polnische Zeit. 


wehrter Hand fertig. Wie die Bürger ins Schloss kamen, ward 
hinter ibnen geschlossen, und hernach das bewehrte Volk in die 
Stadt geschicket; 8ie öffneten den versiegelten Ort zum Gottesdienst, 
brachen alles ab und trugens mit Frohlocken und allerlei Spott 
und Hohn in die Pfarrkirche, als Altar, Kanzel, Taufstein, Positiv!) 
Stühle und Banken. Darnach gingen t:!ie mit schnellem Haufen, 
wollten auch den hölzernen Turm auf dem Kirchhofe abbrechen und 
die Glocken abnehmen; welches die Bürgerfrauen mit Hülfe etlicher 
hinterbliebener BÜrger und Handwerksburschen mit Steinwerfen 
erwehrten. Inzwischen ward mit der Bürgerschaft im Schlosse auf 
das schimpflichste procedirt, etliche wurden Vom Xi
dz Baranowski 
mit Prügeln geschlagen, und allerhand Widerwillen denselben an- 
gethan. Nach diesem haben sie die Rathspersonen wie auch die 
Kirchenväter nach übergebung aller hinterstelligen Sachen, und 
ausgestandenem hartem Gefängnis durch etliche Tage, losgelassen 
und des folgenden 'fages allerlei ungebührliche Actiones mit der 
Bürgerschaft vorgenommen, derer hier ni
ht zu gedenken. 
"Den 13. Septembris ist der verschickte evangelische Pfarrherr 
und Schulmeister - nachdem sie zuvor citirt - an einem öffent- 
lichen Jahrmarktstage publique proclamirt. Nachmals haben die 
Herren Commissarii den 22. Februarii denen Bäckern und Schustern 
bei hoher Strafe geboten, unter dem Rathhause am spolirten Orte 
Brodt und Schuh zu verkaufen; und als sie auf eine Zeit vor eine8 
Bäckers Thür vorübergillgen, hahen sie dem Bäcker, weil er 
vor seiner Thüre Brodt verkaufte, den Rock vom Leibe nehmen, 
ihn auch schlagen lassen. Worauf sie die Bürgerschaft den 4. Ok- 
tobris wieder zu Schloss citirt und allerlei Ränke gesuchet die 
Glocken zu üherkommen; allda falsche Zeugen vortraten, vorgehelld, 
dass die Glockenspeise, wovon die Glocke gegossen, aus der Pfarr- 
kiJ'che gewesen seiD sollte, da doch die Glocke etliche Jahr nach 
Abtretung der Pfarrkirche allererst gegossen worden, auch ein 
ordeLtlich Register, was sie gekostet, vorhanden gewesen sein sollte 
und vorgewiesen worden, auch was ein jeder Bürger dazu contri- 
buiret. Dennoch musste Ihres wahr sein, und sie llahmen darauf 
die Glocken weg, die nachmals in eines Jahres Zeit, eben an dem 
Tage, als sie weggenommen worden, bei ihnen zersprungen. Nach 
dieser Zeit haben sie viel Leute mit unbilliger Strafe als mit dem 
Wippen ill s Wasser, dazu sie einen Korb über die Drebnitz unter 
1) Ein Positiv war eine kleine tragbare Orgel, es wurde auch Stuben- 
orgel genannt.
		

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			3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 139 


dem Schloss machen laMsen, und andern Injurien mehr despectiret, 
wenn sicu nur jemand mit einem Wort geringstens wider die Päustler 
hat hören lassen, wie sie denn eine alte evanf{elische 60jäbrige 
Bürgerin aus dem Stadthospital ins Wasser wippell lassen, welches 
auch andern Personen als der Pfarrin, Schulmeister und mehreren 
amiern Personen, widerfahren sollen, wenn sie sicu der Flucht nicht 
bedienet hätten, wurden aber nebst dem Notariu öffelltlich bannisiret 
und publiciret. 
"Soweit ist der Bericht von der Zerstörung des evangelischen 
Gottesdienstes in Strasburg, wider welche gewaltsamen Proceduren 
rechtliche Protestationes allezeit gescheuen, von welchen zu wissen 
ist. Nach diesem ward der Bürgerschaft verwehret, dass man 
nirgend zu etlichen Personen zusammenkommen, in den Häusern 
weder singen noch lesen sollte, wozu sie all
rhand Ausspürer herum- 
schickten, die darauf Acht haben und merken sollten, ob sich 
jemand mit dergleichen hören liesse; baben auch mit Hilfe des 
Starosten der Bürgerschaft neue beschwerliche f'ontracte mit dem 
Xi&dz PIe ban einzugehen aufgedrungen, wegen mancherlei Contri- 
bution zur Pfarrkirche, worauf die Herren Commissarien anno Hi28 
den 15. 
Järz allercrst abgereiset." 
Jetzt aber änderte sich die Lage; den Protestanten erstand 
em Retter in der Person Gustay Adolfs. Polen und Schweden 
lagen seit dem Beginn des Jaurhunderts in Streit. Die Ursache 
warf'n die AnsprÜche KÖIJig SigiEmunds, des Ellkcls Gusta-v VI asas, 
auf die schwedische Krolle. Zwar hatten ihn die Schweden, vor- 
züglich wegen seines katholischen Bekenntnisses, von df'r 'l'hron- 
folge ausgeschlossell, aber er gab seine Ansprüche nicht auf. Der 
Krieg wurde mehrere )Iale unterbrochen, beide Staaten wurden 
in die moskowitischen Thronwirren verwickelt; 16
O ging Gustav 
Adolf wieder zum Angriff über. Er eroherte Livland, Riga und 
einen Teil von Littauen. Im Sommer 162G verlegte er den Kriegs- 
schauplatz nach Preussen; wir Lauen gesehen, wie die Polen den 
Strasburger Protestanten vorwarfen, sich mit ihm in Verbindung 
gesetzt zu hauen. loIachdem sich der Krieg ZWeI Jahre lang im 
Norden Westpreussens abgespielt hatte, rückte der Schwedenkönig 
im Sommer 1628 gegen das hulmerland vor. An der Ossa lagerten 
die polnischen 'l'ruppen unter Koniecpolski. Eine Zeit lang stallden 
beide Heere einander llllthätig gegenüber. Abf'r die Polen konnten 
schliesslich ihrem Gegner den Übergang üher den Flu
s nicht wehren; 
während Graf Thurn sich durch einen Handstreich Neuenburgs be- 


.......
		

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			140 


11. Die polnische Zeit. 


mächtigte, zog Gustav Adolf über Engelsburg, Rehden, Zaskocz 
und Zgnilloblot vor Strasburg. Am 27. Septe::nber langte er vor der 
Stadt an, die der französische Kapitän Montagni mit 400 Deutschen 
und einigen Heiducken besetzt hielt. Sofort begann die Be- 
lagerung. I ) 
Die folgenden Kämpfe geben wir nach der ausfUhrlichen 
zeitgenössichen Darstellung des Elbinger Burggrafen Israel Hoppe 
wieder. 2 ) 
"Weil 3 ) sich der König von Schweden von denen in Stras- 
burg liegenden 400 deutschen Knechten nebell etzlichen Reyducken 
unter dem Cornrnando eines Franzosen und Obersten weder mit 
Gutem noch mit Bösem wollte abweisen lassen, sondern mit 
Miniren ulld Schiessen stark anhielt, befanden sich die Darein- 
liegenden mit der Zeit zu schwach und wandten allerhand Mangel 
vor, weswegen sie zum Accord und Uebergabe gezwungen wären j 
baten darum, dass der König mit ihren tractiren lassen wollte; 
wie es denn auch geschah. Indem sie aber im Werk waren, fertigten 
sie eilends an den FelUherrn Koniecpolski in der Nähe eine Bot- 
schaft ab mit der Bitte, dass er sie entsetzen und mit Kraut und 
Loth (Pulver und Blei) versorgen wollte. Welches als der König 
inne ward, liess er die Tractaten fallen, spielte mit einer )line 
ulld öffllete sich an der Stadtmauer einen solchen Pass, dass er 
am 4. Oktober ungf'hindert hineingehen, die Dareinliegenden mit- 
sarnmt der Bürgerschaft um Accord und Gnade bitten, die Stadt 
übergeben ulld, soweit es ihnen noch vergönnt wurde, mit Sack 
nnd Pack abziehen, auch endlichen der 
'ranzos zur Dankbarkeit 
für solche Uebergabe dem polnischen Feldherrn den Kopf lassen 
llJusste. 4 ) In welches (d. i. die Stadt Strasburg) dann der König 
bald persönlichen Einritt hielt, die Bürgerschaft tröstete, guten Mut 
einsprach und solches Ort versorgete. 
"Weilf» llun der König von Schweden binnen diesen etzlichen 
Tagen Frist allerlei Order in Strasburg gemacht, mit Proviant und 
Munition selbiges Ort versehen, sie auch bis auf 50000 Floren 


1) Israel Hoppe (s. die folgende Anm.J S. 298. 
2) Israel Hoppe, Geschichte des ersten schwedisch-polnischen Krieges 
in Preussen (herausgegeben von Toeppen in den Veröffentlichungen des 
Yereins für Geschichte von OS\;- und Westpreussen Leipzig 1887). 
8) Hoppe 301 f. 
4) Er wurde im polnischen Lager enthauptet. Lengnich V 219. 
5) Hoppe I 303 1 .
		

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			3. Die ReligionBverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 141 


polnisch ranzioniret und beeidigt hatte, und indPID er. des Feindes 
nicht ansichtig werden mochte, weiter wegen bevorstehenden Herbstes, 
sowohl auch wegen Mangel des Proviants daselbst sich aufzuhalten 
unratsam befand, liess er all gemach das Volk zum Aufbruch sich 
schicken, die Gequetscheten, Verletztell und Todten (deren sich eine 
ziemliche Anzahl in 400 oder 500 Mann neben Capitän Strasbergern, 
welcher Namens halber vielleicht omine quodam vor Strasburg 
bleiben musste, befanden) verbinden, curiren und begraben, besetzete 
die Stadt mit des Obersten Maximilian l'euffel 4 Compagnien vom 
deutschen gelben Regiment, gab dem .Major Wilteisen das Commando 
und brach am 8. dieses (Oktober), nachdem er e8 von Mittwoch zu 
Mittwoch binnen 8 'l'agen angegriffen und erobert, in Gottes Namen 
von dannen wieder auf. 
"Indem er aber nicht ferne von dannen in einem Gehölze an 
einen gros sen Morast kam, also dass er weder die Geschütze, so 
er bei sich hatte, noch das Volk ohne grosse )lühe und Arbeit da- 
durch zu bringen vermochte, bewiespn sich allererst der polnischen 
Husaren welche, setzten auf das Volk grimmig an und machten 
ihnen viel zu schaffen; als er ihnen aber die ledernen Geschütze l ) 
entgegenstellte, etzliühemal Feuer gab, des Volkes auch welche 
Compagnien in Bataille stellete, liessen sie solchen ihren Eifer 
alsbald fallen und schieden sich davon. Darauf er denn durch 
solchen Morast zu kommen also sich bearbeitete, dass er selbst 
Hand anlegen und selbst d
m Volk die metallen eisf'rn und lederne 
Geschütze durchschleppen, durchtragen und durcharbeiten, das Fuss- 
volk teils hinter den Reitern auf die Pferde sitzen, teils bis an 
den Gürtel und Schulter durchwaten, die Bandelier und Pulver- 
büchsen um den Kopf binden und also bei kalt und bösem Wetter 
sich durchquälen mussten. Bis er endlich am 10. Oktober, als er 
beide Grafell vom Thurn, weil sich der junge Graf etwas un- 
passlich befand, hinter sich gelassen hatte, vor dem .Städtlein Neu- 
mark anlangete, das Volk lagerte und in etwas rasten wollte." 
Die beiden Grafen Thurn kehrten nach Strasburg zurück, 
der jüngere verfiel in ein hitziges Fieber. 'l'rotz guter Pflege und 
"eines wohl erfahrenen Apothekers Medicament" starb er gegen Ende 


1) Die ledernen Kanonen hatten ganz dünne kupferne Rohre, die mit 
Tauwerk, Seilen und Leinwand bebunden und dann mit Leder bezogen 
waren. Diese Rohre erhitzten sich auch bei schnellem Schiessen nicht so 
leicht, das Gewicht war gering und der Transport sehr erleichtert.
		

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11. Die polnische Zeit. 


Oktobers. Bald darauf versuchte sich Koniecpolski durch einen 
Handstreich der Stadt zu bemächtigen. 
"ImmittelstI) that Koniecpolski und desselJ. Offiziere allerhand 
Stratagemata und Kriegsliste gp,brauchen, wie sie Majoren Wilteisen 
und dessen vier deutsche Compagnien aus Strasburg heben und 
alf'o bei des, des Orts an ihm selber als auch des alten Grafen 
von Thurn und dessen verstorbenen Sohnes Körper mächtig werden 
möchten. Zu welchem Ende sie vor etzlicben Tagen durch münd- und 
schriftliche Beredung etzliche Bürger schon so weit gebracht 
hatten, dass sie eine bequeme Stunde die Stadt anzufallen und zu 
berennen ihm andeuten sollten. Welches aber, weil es dem alten 
Grafen ver kundschaftet, auch von den Bürgern selbst offenharet 
worden, hatte er ihnen unvf'rmerkt in der Bürger Namen eine Zeit 
und Stunde andeuten laE1sen, in welcher sie die schwedisrhpn Sol- 
daten schleunig überfallen möchten. Darauf als der Oberst 
Fittinghoff mit sein und des Obersten Sparre Volk am 6. dieses 
(November) um 4 Uhr vor Tage über eine etwa einer Viertel meile 
Wege!! von der Stadt über die Drebnitz in Eil zubereitpte Brücken 
unter das Fischergesindlein auf der Vorstadt angelanget, sobald er 
das StadttLor offen befunden, keine Schildwache oder Soldaten 
vermerkt und also solches ihrer Sicherheit halben geschehen ver- 
meinte, war er alf'obald mit gewaltsampr Hand samt den Seinen 
hineingelaufen, aber von denen in den Häusern zu beiden Teilen 
versteckten Schwedischen in Beisein und A ntröstung dps alten 
Grafen von 'l'hurn dermal'isen empfangen und abgewirtzet worden, 
dass er nicht allein mit Hinterlassung mehr denn 50 Personen sich 
retiriren mÜssen, sondern auch in solcher Flucht auf der Brücken 
soviel Rchadens empfunden, dass der Seinen meister Teil mit der 
Briicken eingefallen und von den Schweden achterfolget, durch- 
schossen, durcbstossen und in alles bei 350 11ann im Wasser 
jämmerlich verderben miissen, die Schwedischen hingegen ganz 
wenig Schadens empfunden." 
Nach diesem Misserfolg schlug Koniecpolski bei Mszanno ein 
befestigtes Winterlager auf. 2 ) Seine Nachbarschaft bedrobte die Stras- 
burger Garnison 80 sehr, dass der schwpdische Reichskanzler den 
Entsatz des Platzes anordnete; mehrere in Westpreussen stehende 
Obersten trafen am 8. Februar 1629 in Osterode mit dem Feld- 


1) Hoppe S. 326. 
2) Strzesz, Kirchenvisitation von 1672. 


\ 
-
		

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			3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 143 


marschall Wrangel zusammen und rückten von dort gegen Stras- 
burg vor. 
Am 12. Februar gewannen die Schweden ein Gefecht bei 
Gurzno, durch das Strasburg entsetzt wurde. In der Schilderung 
der Schlacht folgen wir wieder Israel Hoppe, der ein nicht mehr 
vornandenes Flugblatt über das Treffen benutzt hat)) 
"Am2) 10. Februar nahm der Feldmarschall (Wrangei) seinen 
\Veg bei Löbau vorbei bit! an Lautenburg, daselbst die Polnischen 
von Löbau seiner erwartend in einer Schlachtordnung hieltpn; er 
aber daran sich nicht kehrete, sondern mit demjenigen, was zu 
Entsatz derer in Strasburg gehörte, seinen Weg fortzog. Weswegen 
die Polnischen, als sie sein Intent vernahmen, etzlichemal dell Nach- 
trab der Armee zu atta'luiren tentirten. 
"Weil aber das Feld sehr weit und flach war, also dass alle 
'l'ruppen in guter Order marschiren konnten, stellte der Feld- 
marschall durch den Rheingrafen unterschiedliche starke Schar- 
mützel an, zu dem Ende, damit er einen Pass bei dem Feinde 
erreichen könnte, welche auch die Polnischen bei zwo grosser Meil 
Weges cOlltinuirten, aber viele der Ihrigen im Stich Hessen, von 
denell auch etzliche Gefangene zu der Armee, so marschirete, ge- 
fangen worden. 
"Immitte1st der Feldmarschall über den erlangten Pass zu 
kommen bit! in die Nacht zu thun hatte, in welcher er auch noch 
das Städtlein Lautenburg erreichte, darein zwo Compagnien Kosaken, 
welche der Oberl:\te-Leitenant Hans Wrangel mit seinen fünf Com- 
pagnien Pferden benebst zwo Compagnien Dragonern ausjagete und 
die Nacht über das Quartier drein hielt. 
"Am 11. Februar hrach der Feldmarschall aus und bei dem 
Städtleill Lautenburg wieder auf und nahm seinen Weg mitten 
durch einen grossen Wald auf Rudaw (Ruda) oder Radissky (Ra- 
dosk) zu, welchen die Polllischell hart vor dem Dorfe hatten vpr- 
hauen lassen, und deswegen solchen wiederum zu eröffnen in zwo 
St.unden zugebracht wurden, mittlerweile jene mit ihrer Armee 
durch dat! Dorf und über den Strom Brinitz (ßrennitz) genannt, 
marschireten. 3 ) 


I) Hoppe, 3611); Diese Schla.cht ist weitläuftig mit allen Umständen 
im Druck a.usgegangen. 
2) Hoppe, S. 359ft'. 
3) Es scheint sich nicht ure Ruda, sondern um Radosk zu handeln. 
(das ,.oder" ist natürlich falsch), da erst das Dorf und dann der Fluss 


\ 


---
		

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			144 


11. Die polnische Zeit. 


"Weil aber die Rheingräfischen den Vortrab hatten, ward ihnen 
die Zeit zu lange, bis die gefallten Bäume aus dem Wege geräumt 
wurden. Brachte demnach der Rheingraf seine Truppen selber 
durch den Wald vor das Dorf ins Feld und traf, als er von dem 
Feldmarschall durch das Dorf geschickt wurde, etliche Pagagie- 
(Bagage-) und Munitionwagen mit Pulver, Lunten und Kugeln an, 
welche er den Polnischen abjagete und etzliche ihrer Towarzyszen 
gefangen einbrachte, von welchen man alle Kundschaft, was der 
Polnischen Intent gewesen, wie stark sie sich in ihrer Armee bei 
einander befänden, was sie noch zum Succurs und Entsatz zu ge- 
warten und derogleiehen zur Genüge und nach Wunsch erlangten. 
"Als nun darauf die Polnischen sauen, dass ihnen die Schweden 
ill den Marsch zwischen die Wagen kamen, warfen sie alsbald die 
Brücken hinter sich nieder und hielten dadurch die Rheingräfischen 
diesseit des Stromes eine Weile auf, bis endlichen fast spät in der 
Nacht der Feldmarschall durch das Holz ankam, die Armee in dem 
Dorfe Radisky logirete und noch selbige Nacht sonder Verhinderung 
der Polnischen dieselbe aufgeworfene Brücke durch die finnischen 
Soldaten wieder verfertigen liess. 
"Welches wie die Polnischen leichtlieh hätten verhindern 
können, wenn sie nur der Gelegenheit wahrgenommen und den 
grossen dicken Wald, welcher auf ihrer Seiten so nahe war, dass 
man mit Steinen auf die Brücke hätte werfen können, nicht verlassen 
hätten, so quartirten sie doch dessen ungeachtet ihre Armee über 
Nacht zwo Meilen von Strasburg in ein Stadlein, Gorznow, ein. 
"Am 12. Februar brachte der Feldmarschall die Armee frühe 
Morgens an den Pass, liess die Infanterie über die Brücke mar. 
schieren und gab dem Obersten Klitzingk Order den Wald, so 
nahe am Pass war, einzunehmen, stellte auch hierauf" die Musquetirer 
alle durch den Wald an die Ecken desselben und brachte, weil vor 
dem Walde ein ziemliches Feld lag, die Reiterei bei solcher 
Occasion mit durch den Wald; daselbst hatte die Polnischen unter 
General-Commando Herrn Stanislai Potocki im Namen des ab- 
wesenden Feldherrn Koniecpolsky ihre Musquetirer in ein Bauer- 
häuslein, so mit Stacketen umgrifl"en, stracks vor einem andern 
Pass logiret, die übrigen Musquetirer und Dragoner in einem 
hohlem Wege nebst einem vom Berge abhangenden dicken Walde 
verborgen und die Cavallerie an solchem hangendem Berge in dem 
passiert wird; von Lautenburg aus liegt Radosk vor, und Ruda hinter der 
Brennitz. 


......
		

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			3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 145 


Felde so vor dem Städtlein Gorznow und dem Dorf Rudaw einer 
halben Meil Weges lang gelegen, in guter Order, als 16 Compagnien 
Speerreiter, 20 Compagnien Kosaken, 9 Compagnien deutsche 
Reiter, 5 Compagnien Dragoner und 600 Musquetirer mit vicr 
schönen Stücken gestellet hatte. 
"Nun war kein ander Mittel; die schwedische Armee musste 
den andern Pass mit haben und die Höhe einnehmen, so ferne 
Strasburg sollte entsetzet werden. That sich also der Feldmarschall 
mit den andern Officirern resolviren die Polnischen im Namen 
Gottes mit Freuden zu attaquiren, und gab demnach dem Obersten 
Teuffeln, Obersten Ehrenreiter und Obersten Klitzingk Commando, 
dass sie mit 800 Musquetirer längs einem Morast her, welcher 
gefroren war, marschiren und zusehen sollten ob sie des Peindes 
Musquetirern die Seite abgewinnen könnten. Den Obersten Ramsey 
und den Major vom Obersten Nooten liess er vor dem P,tSS und 
dem Hause alsbald mit den Musqueten spielen; dazu sich dann der 
Rheingraf, welcher einen guten Conestabel gab, mit Lust gebrauchen 
liess, mit den Stücken sich nicht säumte, und also das Haus wie 
auch den hohlen Weg den Feinden sehr enge machte. 
"Wie die polnischen Musquetirer merkten, dass gemeldte 
Obersten sich ihnen nahen "ollten, resolvirten sie sich den Schweden 
im freien Felde elltgegen zu gehen, da sie sich auc'h der .l\Iu8- 
queten gewaltig gegen einander gebraucheten. 
" Welches als der Feldmarschall ersah, gab er alsbalden Order 
dem Majoren vom blauen Regiment, dass ('1' des Feindes Musquetirern 
die rechte Seite benelJmen, und dem Obersten Ramsey, dass er sich 
des Hauses bemächtigen sollte. 
"Darauf dann alsbalden, weil bemeldte Obersten mit ihren 
Musquetirern so nahe sich machten, die polnischen lIusquetirer 
das Hasenpanier aufwarfen und eilendes Fusses nach dem hohlen 
Wege zuliefen, daselbst aber von dem Rheingrafen durch die Stücke 
grossen Schaden empfingen und solches sonderlichen dahero, weil 
sie mit ilJren Stücken ganz inne hielten, mit welchen sie doch von 
der Höhe der schwedischen Armee hätten grossen Schaden zufügen 
können, als welche noch über ein ziemliches Feld gegenüber dem 
Bauernhof gelegen zu marschiren hatte. Eroberten also erstge- 
meld te Obersten den Pass mit 800 Musquetirer, nahmen den Wald, 
welcher am Hän[ende (Abhange) vom Berge war, alsbalden ein 
und flanquireten mit .l\Iusqueten auf die polnischen Reiter aus dem 
10 


---
		

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			I 


146 


11. Die polnische Zeit. 


Walde deromasBen, dass sie verursachet wurden sich so viel mehr 
in das Feld zu ziehen und zu präsentiren. 
"Interim stellet der Feldmarschall das meiste Fussvolk auf die 
Hügel des Berges und ordnete zwei kleine Stücke dazu; dem 
Obersten Lilie Hoek aher that er neben dem Obersten-Leitnant 
W'illJelm von Salzburg anbefehlen den von dpn Polen eroberten 
Pass und das Bauernhaus mit zwei zwölfpfündigen Stücken auf 
allen Fall zu bewahren, und (timt) dem Ohersten Muston verordnen, 
mit 400 Musquetirern den Wald am Hangende (Abhange) vom 
Berge nehen dem bohlen Wege und der Passage in Acht zu haben. 
"Nach Beschf'hung dessen brachte er alle Rpiterei mit guter 
Ordnung auf die Hügel in das Feld. 
"Die Polen aber, wie sie zuvor etzliche PäsRe der schwedischen 
Arme£' hatten quittirf'n müssen, also liessen sie auch, vielleicht aus 
Courtoisie, den schwedischpll Feldmarschall das Feld allgemacb 
mit einnehmen, dass er seine Order gegen ihre Order stellen konnte. 
"Darauf dann der Feldmarschall zwei zwölfpfündige Stücke 
mit auf den Hügel brachte und solche dem Obersten Ehrf'nreiter, 
der den linkpn Flügel commandirte, überantworten liess, welcher 
auch den Polen die Orders f!ewaltig veränderte. 
"Und weilen dem Feldmarschall das Feld in etwas zu enge 
gefiel um sein Volk alles in Order zn bringen, tbat er dpm Herrn 
01Jersten Teuffpl und dem Obersten Streiflen Befehl, dass sie besser 
gegen dpm Dorfe Rudau, da die Polen ihre Musquetirer inne hatten, 
dip rechte Rand nehmen sollten. 
"W plches als gemeldte Obersten thaten, stecketen die Polen 
selbiges Dorf alsbalden in Brand und brachten ihre l\Iusquetirer in 
das Feld. 
"Darauf der Feldmarschall die Officirer und Soldaten, so in 
dem rechten Flügel stunden, höflichen anredete: "weil es nunmehr 
an dem, dass man fechten sollte und mÜRste, setzete er das Ver- 
trauen in sie, dass sie den Feind mit behertztRm und tapferem 
Mut angreifen würden, zu bezeugen, dass sie um ihres Herren 
Dienste willen Victori und 
ieg erlangten wollten", worauf sie 
 
sämtlich antworteten "weilen der Feldmarschall das Vertrauen zu 
ihnell hätte, wollten sie Gott zu Hülfe nehmen und diesen Tag 
ungezweifelt Victori und Sieg davonbringen." 
"Womit sich dann der Wind alsbalden wendete und den Polen 
In das Gesicht wehete. 
"Ehe und bevor aber der Feldmarschall zu dem Rheingrafen, 


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			3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 147 


welcher die Bataille hatte, kommen konnte, fing der Herr Teuffel 
mit seinen )-Iusqlletirern die Polen bei dem abgebrannten Dorfe so 
tapfer an zu attaquiren, dass ihr Speere unter den Musquetirern 
liegen blieben; auf welches der Oberste Streiff mit seinen fünf 
Compagnien Reitern der Polen Speerreiter auch tapfer antastete 
und der Oberste-Leitnant Hans Wrangel mit 5 Compagnien Reitern 
ihn secundirete, also dass sich die 10 Compagnien Reiter dermassen 
unter die Speerreiter vermischeten, dass die Polnischen ibre Speere 
verlassen, so noch ganz und unversehrt waren, und den Rücken 
aus dem linken Flügel kehren mussten. 
"Wie solches der Polen Bataille, so gegen den Rheingrafen 
stand, ersah, that sie sich auch auszureissen re sol viren, denen aber 
der Rheingraf dermassen im RÜcken lag, dass sie alle ihre Copien 
(Waffen) von sich warfen und. weil sie schnell beritten, sich auf 
die Pferde verlassend, ihre Fahnen von den Stangen zu reissen 
begonnen, auch alle ihre arme Deutschen mit 4 Geschützen samt 
zugehöriger 1lunition, item drei Husarenfahnen, auch Doch zwei 
Cornet von ihrer Reiterei im Stich Hessen. 
"Verfolgeten also diese 10 Compagnien und die Rheingräfischen 
Rpiter die Polen auf anderthalb Meil W Pgps hinweg und macheten 
manchen stattlichen Polen auf der Flucht darnieder ; die davon 
kamen, hatten es mehr ihren raschen Pferden, als ihrer Mannheit 
und Fürsichtigkeit vor dasmal zu danken. 
. "Die Deutschen, derer über 500, weil sie sich verlassen sahen, 
fingen an alle auf einen Haufen zusammenzulaufell und baten um 
Gnade j welche anch der Feldmarschall pardonirete und mitnahm. 
"Wurden also diesen Tag an Deutschen und Polen eine 
ziemliche Anzahl gefäuglichen angenommen ulld auf der Flueht 
erleget, wie solches die Gefangenen, so nach der Zeit bekommen 
wurden, selbst bekenneten. 
,.Darauf sich der Feldmarschall nach erhaltener solcher V"ictori 
in der Polen Quartier, Gorznow, einlogirete und dl1selbst von den 
Gefangenen 5 E1chwedische und 4 deutsche Uberläufer renken hess, 

 auch den Obersten Klitzing alsbald an den Reichskanzler wegen 
erhaltenen Sieges nach EILing aLfertigte. 
"Am 13. Februar brach er wieder auf und that nach all 
seinem Wunsch und Bpgehren den Strashurgern glücklichpn Enteatz, 
versah die Stadt mit Proviant, Munition und frischem Volk, der- 
gestalt dass niemand zweifelte, dass den Polen nunmehr bei so 
beschaffenen Sachen, als dero alte männliche ritterliche Tugend 
10*
		

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			148 


11. Die polnische Zeit. 


gleich den andern Preussischen und Städtischen auch ziemlich hinweg 
und mit der gelinden Luft des Landes auch weicher worden war, 
die Hoffnung auch auf eine Zeitlang vergehen würde, Strasburg allein 
mit Aushungern zu gewinnen." 
Die Angaben über die Verluste beider Heere sind verschieden. 
Die Schweden sollen nach Hoppe nur 46 Tote und 11 Verwundete 
gehabt haben. Von den Polen sollen 568 gefallen und 409 ge- 
fangen worden sein. Die Schweden erbeuteten 300 Wagen, vier 
Geschütze, eine Kosakenfahne, fünf paar Heerpauken und sechs 
Nürnbergische Wagen mit Kraut und LotL (Munition). Die Ge- 
fangenen wurden nach damaligem Kriegsbrauch unter die Truppen 
der Sieger gesteckt; so wurden 110 Gefangene in die Strasburger 
Garnison aufgenommen.l) 
Nach der Schlacht bei Gurzno macht der Feldmarschall Wrangel 
eine erfolglose Digression gegen Thorn, kehrte dann zurück 
und holte aus Strasburg den Sarg des jungen Grafen ThurD ab: 
der am 10. Mai feierlich in Elbing bestattet wurde.2) 
Die polnische Armee sammelte sich wieder bei Gollub. In 
Strashurg blieb Major Wilteisen mit vier Compagnien des deutschen 
gelbell Regiments. Die Garnison. war stark genug, einen erneuten 
Angriff der Polen anzuhalten. 3 ) Koniecpolski venmchte im Sommer 
einen ÜLerfall auf Strasburg. Aber der Kommandant Wilteisen 
"begegnete ihnen dermassen, dass er ihrer ein ziemliches 'feil er- 
leget, bei 100 Pagagiewagen erobert, ihnen 20 köstlicher Pferde 
überkommen und den Rest mit Despect wieder abgewiesen."4) 
Schon im September Hi29 wurde der Krieg zu Altmark bei Stuhm 
durch einen sechsjährigen Waffenstillstand heendet. In diesem 
Vertrage wurde Strasburg wieder an Polen abgetreten. 
Die Zeit (Ier schwedischen BeRatzung war natürlich dem Pro- 
testantismus in Strasburg zu Gute gekommen, aber nach dem Ab- 
zuge der Truppen begannen die ReHgionskämpfe von neuem. Wir 
lassen wieder den Verfasser des "Gründlichen Berichts" erzählen: 
"Als nun Gustavut! Adolphus König in Schweden im jetzt bt'- 
meldeten Jahre (1628) den 27. :5eptembris die Stadt belagerte, da 
flohen der Starost, Pfaffen, Pfaffenknecht, ja alle, so da Laben 
helfell zu schüren, davon. :Nach Eroberung der Stadt, so den 5.0k- 


1) Hoppe, S. 364. 371. 
2) Hoppe, 365-67. 388 f. 
3) Hoppe, 368. 4QO. 417. 
4) Hop}>e, 426.
		

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			- 


3. Die Religionsverfolgung und der erste Schwedenkrieg (1625-32). 149 


tobris geschehen, haben die Schwedischen mit der Bürgerschaft 
der Pfarrkirchen sich gebrauchet, und den Gottesdienst darin ver- 
richtet. 
,.Nachdem die schwedische Garnison anno 162!:J de.1 G. No- 
vembris laut dem jährigen Stillstand von der Stadt wieder abge- 
zogen, und die von Ibro Königlicher )Iajestät aus Schlesien 
Abgeordneten als Seiner Gnaden der selige Herr Hannibal Oberster 
und Johannes SUl'llowsky Unterhauptmann auf Strasburg die Herr- 
schaft und Stadt von ihnen wieder gänzlich abnahmen, da begehrten 
sie zu Rathhause, dass die Evangelischen laut dero Punkten zwischen 
beiden Kronen Polen und Schweden die Pfarrkirche den Katholischen 
wieder abzutreten schuldig wären, doch mit solcher Condition und 
Yersicherung, dasR sie wieder solche Freiheit hätten, ihren öffent- 
lichen Gottesdienst wie v()rhin unter dem Rathhause zu verrichten, 
worauf die Kirche mit allem Geräthe laut dem lnventario abge- 
geben ward. Nach diesem hat man den Gottesdienst mit Singen, 
Beten, Lesen u. s. w. jedoch öffentlich in C:es seligen Herrn 
Präkers Bürgers Hause verrichtet, bis man einen Pfarrherrn ordent- 
lich vociret, worauf das exercitium religionis in der Stadt Stein- 
hause auf dem Markte oben auf dem grossen Saal öffentlich ohne 
alle Verhindernis, solange Seiner gros sen Gnade Herr Melcher 
Weyher Kulmischer W oywod die Strasburger Herrschaft gehalten, 
verrichtet und gehalten worden j weil sie die alte Stelle unter dem 
Rathhause wegen der grossen Verwüstung nicht sobald anrichten 
noch gebrauchen konnten, besonders aber, da aufs neue anno 1630 
die Pest eingefallen, dass man zu Reparirpn desselben Orts nicht 
hat gelangen mögen. 
.,In dieser Pestzeit ist es in den Pfarrkirchen so unachtsam 
zugegangen, also dass eine gute Zeit kein Priester darin" gewesen, 
weil sie der Pest wegen geflohen, und haben die päbstischen 
Bürger bei dem evangelischen Pfarrherrn sich trauen und ihre 
Kinder taufen lassen; so auch mit der Schule, welche über ein 
Jahr unbestellt blieben, dass auch die päbstischen Kinder zu der 
evangelischen Schule sind gehalten und geschickt worden. Nach 
die5er Zeit hat Ihro Majestät die Königin anno lG31 im Junio 
durch sonderliche Commissarien vom wohlgedachten gnädigen Herrn 
Wojewoden die Herrschaften als Strasburg, Lautenburg und Golbe ab- 
nehmen lassen, daneben ihnen eine gar schwere Commission mit Man- 
daten mitgegeben, mit Gelegenheit die Evangelischell auf das Äusserste 
zu verfolgen und den Gottesdienst zu verstören. Als nun die HerrenCom-
		

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			150 


Il. Die polnische Zeit. 


missarii mit wohlgedachtem Herrn Wojewoden am Sonnabend den 
12.Julii sich verabscheiden sollen und den Dienstag darnach nach Stras- 
burg kommen die Commission zu verrichten, kam denselben Sonnabend 
an Seine Grosse Gnaden den Herrn Wojewoden die eilende Post 
ein, dass Ihro Maget!tät die Königill vor wenigen Tagen Todes 
verblichen wäre.!) Dessen die Herren CommisAarii sehr erschraken, 
kamen zwar nach Strasburg auf den benannten Tag, zeigten Einem 
Ehrbaren Magistrat von ferne die Commil:!sion und Mandat der 
Königin, aber nicht zu lesen, und zogcn davon unverrichteter 
Sachen. Worauf wieder des Gottesdienstes wegen Friede gewesen, 
solange Ihro Königliche 11ajestät Sigismundus Ur. hocbmildester 
Gedächtnis gelebet hat."2) 
4. Das Religionsprivileg. 
Die Folge des S'chwedenkrieges schildert Lengnich folgender- 
massen. "Das Land hatte nicht nur von dem Feinde, sondern auch 
von den polnischen Truppen ein Vieles erlitten, so dass es einer 
Wüste nicht unähnlich sah. Auf diese Verheerung war ein }Iangel 
von Lebensmitteln und endlich die Petit gefolgt, die einen merk- 
lichen Teil von denen, die der Krieg verschont, wegraffte. An 
Gelde äusserte sich eine so grosse Dürftigkeit, dass man auf dem 
letzten Landtage die Bewilligung neuer Auflagen bis Michaelis 
(162D) ausstellen musste und weil die Pest zur selben Zeit keille 
Zusammenkunft gestattete, so diente solches zu einem guten V 01'- 
wand, die Contribution abzulehnen. "3) 
Iehrere kleine Städte, 
darunter Strasburg und Gollub baten den König, sie auf vier Jahre 
von allen Abgabell zu befreien und zugleich den in Garnison 
liegenden SolUaten zu verbieten, Handel zu treiben, damit der Er- 
werb der Bürger dadurch nicht noch mehr geschmälert _würde.4) 
Gollub wurde eill Privileg bewilligt, wodurch es von allen Einquar- 
tierungen, Fouragierung u. s. w. für längere Zeit befreit wurde.5) 
Die beiden Starosteien wurden Hi32 der Prinzes!:Iin Anna 
Katharina und 16:38 der Königin Cäcilie Renate verliehen. Die Ver- 
waltung" wurde 1632 auf sechs Jahre an .Felix Wiewieraki verpachtet; 
die Pachtsu mme betrug für die drei ersten Jallre 40000Gulden Pacht.6) 
1) Königin Konstanze starb am 10. Juli 16111. 
2) Sigismund IlI. starb am 30. April 1632. 
3) Lengnich V. 232. 
4) Lengnich V. 1!:!2. (Documenta) a. 1630. 
5) Golluber Stadtbücher 1633, 20. -April. 
6) Metryke koronne (Warschauer Archiv) Bd. 178. S. 490: 1632, 12. Mär
. 



 


. 
j 


-
		

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			- 


.. 



 


4. Das Religionsprivileg. 


151 


Unter König Wladislaus IV. (16;
2-49) trat der Religions- 
streit in ein neues Stadium. Gegen das Ende seiner Regierung. 
im Jahre 1646, erhielt Strashurg ein Religionsprivileg. Auer auch 
die Streitigkeiten, die diesem Wendepunkt vorangingpn, trugen 
einen andern Charakter. Einer Vergewaltigung rler Protestanten 
widerstrebte der König; die schwerste Krisis war überstallden. 
Wir folgen wieder dem "Gründlichen Bericht u . 
"Nachdem solches in der Zeit war vorgegangen, ist der Ort 
unter dem Rathhause an der alten gewöhnlichen Stelle wiederum 
angerichtet und der Gottesdienst bei Ihro Königlicher Majestät 
unsers jetzt regierenden allergnädigsten Königs und Herrn glüek- 
seliger Krönung dahin wiederum ßm Sonntage Laetare anno 1633 
verleget worden}) Alsobald aber dieselbe Woche bat der dama- 
lige Priester und Commendar der Pfarrkirchen der evangelischen 
Gemeine deswegen eine gar schimvfliche Citation vor Seiner 
Gnaden den damaligen Herrn Starosten Wiewiersky zn compa- 
riren abgeben lassen, weswegen Ein Edler Hochweiser Rath der 
königlichen StadtThorn ersucht wurde, Hülfe und Ratdarinnen zu leisten, 
so auch geschehen, massen sie nicht allein ihren bestalltenJ uristcn Herrn 
Gorecki, sondern auch ein beweglich Schreiben an den Herrn 
Starosten anhero gesendet, wodurch er bewogen worden, den Ter- 
min zu übersehen und die 8ache llicht zu richten. 2 ) 
"Nach diesem hat die Gemeine mit Intercessionsschriften der 
grösseren Städte an Ihro Königliche Majestät unsern allergnädigsten 
König und Herrn suppliciret, solcher Turuation zu wehren und sie 
bei aller ihrer Freiheit und Posseesion des Ortes zu erhalten. W 0- 
rauf Ihro Königliche Majestät aus königlicher Clemenz p.in Schreiljen 
unter dem Kammersiegel an den Gnädigen Herrn Sta=ostell ab- 
gehen lassen mit dem Befehl, die Evangelischen unturbirt an dem 
Orte bei ihrem Gottesdienst bleiben zu lassen, welchem Befeh13) 
der Herr Starost treulich nachgekommen, wie denn das Original- 
schreiben, so an wohlgedachten gnädigen Herrn Staro
ten ergangen, 
von der evangelischen Gemeine vorzuweisen ist. 
"Anno 1I);
4, den 4. Januar hatHerrJoballnesSchmuk 4 ) Canonicus 
1) Die Krönung Wladislaus' IV. fand am 6. Februar 1633 statt. 
2) Der "Gründliche Bericht" wird bestätigt durch emen Brief des Stras- 
burger Rats an den Dnnziger vom 5. April 1633 (Danziger Archiv). 
3) Die8 ist ein Zusatz in der Thileschen Abschrift, die in dem ältern 
Manuskript fehlt. 
4) Hans Schmack nach einem Bericht des Strasburger Rats nach 
Danzig vom 10. Febr. 1634 (Danziger Archiv).
		

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			. 
 


152 


n. Die pOlnische Zeit. 


Culmensis im Namen Ihro Hochwürden des Herrn Reichskanzlers und 
damaligen kulmischen Bischofs eine notam (videndam) protestationis 
wegen Besitzung des Orts unter dem Ratbhause eingeleget, wider 
welche durch eine Formam, die ein Edler Bocbweiser Rath der Stadt 
Danzig zugeschickt, protestiret worden ist, aber ferner deswegen 
nichts tentiret. Da aber damals der obgedachte Herr Starost 
Wiewiersky nach Warscbau verreiset, die evangelil>cbe Gemeine auch 
die Ihrigen dahin sandte, bei Ihro Königlicher Majestät um Schutz 
anzuhalten; bat also Ihro Königliche Majestät Unser allergnädigster 
König und Herr in Gegenwart des Herrn Starosten mit Ihro Hoch- 
würden dem Herrn Reichskanzler selbst in Person deswegen ge- 
redet, so dass es ferner bei einem Frieden verblieben. 
"Nach zwei Jabren wurde abermals verkundschaftet, dass die 
Pfaffen aus heimlichem Antriebe der päbstischen Bürger anno 16:3ü 
aufs neue eine Commission und Mandat bei 1bro Durchlaucht der 
Prinzessin. wieder eine Verfolgung wegen des Gottesdienstes an- 
zuricbten ausgebracht; dannenbero die evangeliscbe Gemeine lieber 
vorbauen wollen, und ebe solche ankommen, nach Danzig geschickt, 
.woselbst Ihro Königliche Majestät damalen sich aufhielten. mit unter- 
thänigster Supplication, die evangelische Gemeine bei Ihrer Frei- 
heit ferner zu erhalten, so auch geschen und erfolget. Denn ob- 
zwar wobl indessen, ebe die Resolution von 1hro Königlicher 
Majestät ankommen, die beiden Herren Commissarii, so geistliche 
P"rsonen waren, nacb Strasburg gelanget und der evangelischen 
Gemeine nicbt wenige Furcht macbten, jedennoch auf Bitte derselben 
zur Erwartung des Königlicben Bescheides denselben 8 Tage Dilation 
liessen, kamen ihre Abgefertigte, noch ebe die 8 Tage um waren, 
wiederum zurÜcke von Danzig uud brachten von Jhro Königlicher 
Mi1Jestät ein sehr ernstes Schreiben mit an den gnädigen Herrn 
Starosten, mit welchem Briefe und königlichem Befebl er die 
Herren Commissarios abgewiesen, dass sie ihr Beginnen nachge- 
lassen und davon gefahren. Zu mehrer Versicherung der stras- 
burgischen evangelischen Preiheit 
atione exercitii religionis, dabei 
Ibl'o Königliche Majestät unser allergnädigster König und Herr 
solche mit Wissen allergnädigst zu erb alten fühlen lassen, sind auch 
das nicht geringste Zeugnis die hinterstelligen Ornamente, so bei der 
hochfürstlichen Leiche Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Hoch- 
löbliehster gelassen worden, welcbe Ihro Königliche Majestät zu 
dem evangeliscben Gottesdienst in Strasburg verehret, wie solches 
Ibro Majestät Schreiben unter Rand und Siegel anweisen. 


.. 


,
		

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			l 


4. Das Religionsprivileg. 


153 


.. 


"Von anno 1636 bis dato (1640), sonderlich die vergangnen 
4 Jahre über, seit seine Hochwürden jetziger Herr Erzbischof auf 
diesem kulmischen Bistum residirte, hat man allezeit in gutem 
Frieden ohne einzige Verhinderung den lieben Gottesdienst ver- 
richtet. Nun aber ist die evangelische Gemeine der Stadt Stras- 
burg bei dem Antritt der Regierung des jetzigen Kulmischen 
Bischofsi) durch die Protestation und ausgebrachtes königliches 
Mandat und vorgefallene Proceduren aufs neue angegriffen und ver- 
wickelt. Der liebe Gott wolle das böse Vornehmen von seiner 
christlichen Kirche abwenden, auch diese arme Gemeine in dieser 
Verfolgung bei seinen heiligen und göttlichen Wortes reinem Ver- 
stande und bussfertigem Leben zur Fortpflanzung dest!elben bis auf 
die Nachkommen erhalten. Amen." 
Hiermit schliesst der Gründliche Bericht mit dem Jahre 1640. 
Aus den folgenden vier Jahren ist nur die kurze Notiz vorhanden, 
dass der evangelische Prediger 1641 mit einer Vorladung vor das 
Petrikauer Tribunal bedroht wurde. 2 ) Neue Unruhen entstandpn 
aber, als die Starostei Strasburg an die Ossolinskis kam. Der 
König verlieh sie 1644 an den Grosskanzler Georg von T
czyn 
Ossolinski, der sie im folgenden Jahre seinem Sohne Franz abtrat. 
Es war in der Zeit des Liebreichen Religionsgespräches zu Thorn 3 ) 
(August bis November 1645) als neue Allschläge gegen die Stras- 
burger Protestanten geplant wurdell. König Wladislaus IV. hatte 
dips Colloquium charitativum berufen; Katholiken, Lutheraner und 
Reformierte waren vertreten, der König hoffte die drei christlichen 
Bekenntnisse in seinem Reiche zu vereinigen, ihre Gegensätze ab- 
zuschwächen und womöglich die Unterschiede der Konfessionen 
auszugleichen. 
Es war ein vergebliches Bemühen; das Liebreicqe Gespräch begann 
und endete in vollster Disharmonie, kaum sind bei ähnlichen reli. 
giösen Disputationpn die Gegensätze schroffer und gehässiger auf 
einander gestossen als hier. Auch Strasburg beschickte die Ver- 
sammlung. Schon im Juli holte sich der Rat bei der Quartierstadt 
Thorn Verhaltungsmassregeln, der Prediger Pudor und die Kirchen- 
vorsteher Krell und Schreyer nahmen an den Sitzungen tei1. 4 ) Der 


I) Kaspar Dzialynski. Bischof von Kulm 16ß9 -46. 
2) Lengnich VI In 
3) Jakobi, das Liebreiche Relip;ionsgespräch 1645. Gotha 1895. Ikier 
das Colloquium charitativum zu Thorn 1645. Halle 1887. 
4) Das Folgende nach alten Strasburger Kirchenakten, die leider nur 


,
		

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			154 


11. Die polnische Zeit. 


I 


Vorsitzende des Religionsgespräcbes war der Grosskanzlpr Osso- 
linski. Während noch die Verhandlungen dauerten, am 22. Sep- 
tember, meldete der Strasburger Prediger, dass der Starost, des 
Grosskanzlers Sohn, aUerhand Ursachen suche den Gottesdienst zu 
stören, und bald verbreitete sich das Gerücht, der Grosskanzler 
wolle den evangelischen Gottesdienst aufheben- Da mehrere Ab- 
ordnungen an Vater und Sohn Ossolinski erfolglos blieben, sandte 
die Stadt einen Expressen an den König, um auf den Kanzler und 
den Starosten einwirken zu lassen, und in der That kam der De- 
putierte im Dezember 1645 mit der Weitmng zurück, dass der 
Gottesdienst ungehindert bleiben sollte. Jetzt richteten die Osso- 
linskis ihren Angriff auf die Stätte des evangelischen Gottesdienste
, 
sie wollten verhindern, dass er auf dem Rathause I:Jtattfände; schon 
drohte der Starost, das Zimmer versiegeln zu lassen. 111t diesem 
Verlangen drangen sie beim König durch. Am 5. Januar 1646 
erfolgte eine königliche Verfügung, die die Räumung des Rathauses 
anbefahl; der evangelische Gottesdienst sollte in ein Privathaus 
verlegt werden, zur Über!:liedelung wurden der"Gemeinde 6 Wochell 
Frist gegeben.!) Als Betsaal wollte der Starost den Bienerschen 

peicher einräumen. Darauf schickte die Stadt am 10. Februar 
eine Gesandtschaft an den König nach Danzig, wo gerade damals 
seine zukünftige Gemahlin, die Prinzessin Luise Marie von Gon- 
zaga-Nevers ihren feierlichen Einzug hielt. Die Gesandten sollten den 
KönigumZurückllahmeseines Mandats bitten. Wennaberdie Benutzung 
des Rathauses ihnen versagt bliebe, so sollten sie suchen, eine 
schriftliche Bestätigung des Starosten auszuwirken, das der Stadt 
gehörige "Steinhaus", das schon früher alt! evangelisches Bethaus 
gedient hatte, eigentümlich zu erwerben. Dies letztere würde er- 
reicht; am 15. Februar stellte .I!'ranz Ossoljnski einen schriftlichen 
Konsens aus: da die Protestanten gemäss dem 1.öniglichen Mandat 
vom 5. Januar aus dem Rathause entfernt seien, erlaubte er ihnen 
das Steinhaus für ihren Gottesdienst zu erwerben. 2 ) Dafür zahlten 
ihm die Protestanten 300 Gulden; die Reise ihres Gesandten hatte 
ausserdem 113 Flor. gekostet. Das Steinhaus musste aber für den 
neuen Zweck erst hergerichtet werden j und als nach Ablauf der 


. 


Doch in einem wohl nicht sehr genRuen Auszuge in der Thielschen Kirchen- 
chronik überliefert sind (Evang. Pfarramt Strasburg). 
1) Nach dem Auszuge in der Kirchenchronik war das Mandat am 
9. Januar in Strasburg. 
2) S. die übernächste Anm.
		

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			4. Das Religionsprivileg. 


155 


.. 


sechswöchigen Frist das Rathaus noch nicht geräumt war, wollte 
der Starost es versiegeln. Schon war er zu dem Zwecke auf dem 
Markte erschienen, als sich alle Protestanten versammelten - und 
Ossolinski, der gerade nach Warschau wollte, nahm ihr Anerbieten 
an, ihm Schlitten und Pferde zur Reise zu stellen. Als er am 
25. Februar durch die Stadt fuhr und sich merken liess, dass er 
"etwas am Rathause tentiren" wollte, versammelten sich wieder 
alle evangelischen Bürger, und ihr Protest verhinderte auch jetzt 
die Anwendung von Gewalt. Kaum aber war Ossolinski abge- 
fahren, als die Stadt den Bürger Schreyer nach Warsrhau schickte, 
um womöglich ein königliches Religionsprivileg zu erlangen. 
Die Verhandlungen darüber zogen sich in die Länge, und ehe 
noch die Strasburger ihr Ziel erreicht hatten, lief am 10. April eine 
Ladung vor das Warschauer Hofgericht ein; augenscheinlich han- 
delte es sich um eine Klage des 
tarosten auf Räumung des Rat- 
hauses.l) Der Strasburger Rat wandte sich nach Thorn, die Städte 
Thoru, Danzig und Elbing legten sich bei Hofe ins Mittel, und am 
9. .Mai kam der Deputierte Schreyer "mit ziemlicher V errichtung" 
nach Strasburg zurück. Bald darauf wurde das Steinhaus von der 
Gemeinde erworben; offenbar fällt in jene Zeit die Ausstellung 
des Religionsprivilegs, das aber - man weiss nicht aus welchem 
Grunde - auf den D. Januar zurückdatiert wurde, also auf den 
Tag, an dem das Mandat zur Rämnnng des Rathauses erlassen 
worden war. 2 ) 
Das Religionsprivileg hatte folgenden Inhalt. Den Protestan- 
ten wurde die freie Religionsübung nach der Augsburgischen Kon- 
fession gewährt: Predigt in deutscher und polnischer Sprache, 
Taufe und Abelldmahl nach evangelischem Ritus, Trauung und 
Unterricht der Jugend in den Wissenschaften wurde erlaubt. Die 
Benutzung des erwähnten Steinhauses zum Gottesdienst und des 
Kirchhofes sowie die Erbauullg einer Schule auf demselben Grund- 
stück wurde ihnen ausdrücklich gestattet, sie sollten sie nach Ge- 
fallen ausbauen und ausschmücken und auch wieder aufbauen dür- 


I Lengnich VI 236. 
2) Der Konsens Ossolinskis it!t in einem polnisch abgefassten origi- 
nalen Transsumpt Johann Kasimirs vom 12. August 1652 im evangelischen 
Kirchenarchiv zu Strasburg vorhanden. - Das Datum des Religionsprivilegs 
(5. Januar 1646) ist unmöglich, da es sich auf den Ossolinskischen Konsens 
vom 15. Februar beruft; auch lässt die Darstellung der Kirchenchronik er- 
kennen, dass es erst später ausgestellt worden ist.
		

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			1515 


II. Die polnische Zeit. 


ten, falls sie durcb Feuersbrunst oder sonst vernichtet worden 
wären. Die Gemeinde durfte einen Prediger und einen Schullehrer 
berufen, die sie aus ihrem eigenen Vermögen zu besolden hatte, 
das evangelische Hospital unterhalten und die Verstorbenen auf dem 
eigenen Friedhof beerdigen; Legate und Stiftungen an die Kirche 
sollten rechtsgiltig sein j Leichenbegängnisse durften öffentlich statt- 
finden, auch das GlockengeJäut wurde zugestanden. Alle Zeremo- 
nien nach den Gebräuchen der Augsburger Konfession sollten so- 
wohl in der Kirche und auf dem Friedhof als auf offener Strasse 
fI'ei und ungehindert ausgeführt werden dürfen. Allen weltlichen und 
g
istlichen Behörden wird jede Störung des protestantischen Gottes- 
dienstes unteraagt, die Geistlichen und Lehrer werden unter den 
besonderen Schutz der Krone und des Reiches gestellt. Zum Schluss 
wird hinzugefügt
 dass das Privileg durch keine spätere Verord- 
nung aufgehoben werden dürfte. I) 
Sofort nachdem das Privileg erlangt war, begann man mit 
dem Umbau des neuen Bethauses. Am 27. Mai kamen die ersten 
Maurergehilfen und am 28. die ersten Zimmergesellen. Der Bau 
samt der inneren Einrichtung kostete 1862 Flor, 17 Gr., obwohl 
manche Arbt'itunentge ltlich geleistet und manches Geschellk vera bfolgt 
wurdf'. Für das Steinhaus, gegen das man das frühere Pfarrhaus 
eingetauscht hatte, wurden noch 1200 Flor. bar gezahlt. Von 
Danzig ging eine Kollekte von 1035 Flor., von Elbing 172 Flor. ein, 
im Juli 1646 war das neue Bethaus fertig. 
Im folgenden Jahre (1647) kam ein neuer Vergleich mit dem 
katholischen Pfarrer Gregor Kortnicki zu stande, dem wiederum 
ein langjähriger Prozess vorangegangen war. Es handelte sich 
diesmal darum, die Abgabell an die Pfarrkirche zu regeln. An 
Stelle des Zehnten von den 
8tädtischen Gütern und dem Dorfe 
1\lichelau, des Beichtpfennigs und anderer Leistungen übernahm die 
Stadt, jährlich eine Pauschalsumme von 214 polnischen Gulden zu 
zahlen. Von den Zünften und Innungen sollte der Rat jährlich eine 
Gesamtsumme von 16 Gulden erheben und an den Pfarrer abfüh- 
ren. Ferner machte sich die Stadt anheischig, dafür zu sorgen, 
dass die Abgahen an Wachs, die die Gewerke gemäss ihrer Will- 
küren der Kirche schuldeten, wirklich erlegt würden j zu diesem 
Zwecke sollte der Rat dem Dekan die Innungsrollen vorlpgen. Da- 
gegen wurde den Evangelischen zugestanden, dass sie nicht ver- 


I 
\ 


I) S. den Anhang I Nr. 26.
		

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			4. Das Religionsprivileg. 


157 


pflichtet wären, in der katholischen Kirche die Lichter anzuzünden 
und bei Prozessionen Kerzen zu tragen. Der Rat verspricht, das 
PfarrhauB wieder aufzubauen, das im Kriege abgebrannt war; dass 
dies in der langen Zwischenzeit nicht geschehell war, beweist, wie 
wenig Einfluss die Katholiken in der Stadt besassen. Als Beisteuer 
sollte eine Ratskommission an Wochen- und Jahrmärkten Kollekten 
veranstalten. Zur Reparatur der Pfarrkirche endlich sollte die 
Stadt jährlich 500 Ziegel, 500 Dachpfannen und 5 Tonnen Kalk 
liefern. N ichterfiillung des Vertrages wird mit einer Konventional- 
strafe von 400 Dukatell bedroht}) 
Aber mit diesem Vergleich war der Religionsfriede noch 
keineswegs hergestellt. Wenige Jahre später war die Stadt wieder 
in einen Prozess mit dem Pfarrer verwickelt, der vor das könig- 
liche Gericht nach Warschau gezogen wurde. .Weder über die 
UrsRehe noch über den Verlauf dieses Prozes8es sind wir unterrich- 
tet. Die Stadt mrchtete, dass ihr das Religionsprivileg aber- 
kannt werden würde. Eine königliche Kommission beschränkte sich 
indessen darauf, in Strasburg das Bethaus der Protestanten einer 
Revision zu unterziehen. Der Strasburger Rat schreibt am 19. Juli 
1652 an den von Danzig, dass der Prozess schon mehr als 2000 
Flor. koste, und dabei war man noch von dem letzten Prozess her 
1500 Flor. schuldig. Noch 1665 schwebte der Streit. Danzig und 
Thorn nahmen in Warscbau das Interesse der religionsverwandtpn 

t,tdt trenlich wahr. Der St\'asburger Rat schreibt am 26. April 
nach Danzig: "da jetzo wegen der schwedischen Kriegsverfassung 
das ganze Land Preussen in Furchtell steht, und auf Ihro könig- 
licher Majestät publicirten Befehl wir uns dieses Orts als einer 
Grenzstadt auch in sichere Acht zu nehmen haben, der hiesigen, 
zumal bei jetzigen schwierigen Zeiten, an Mitteln geschwächten 
Bürgerscbaft Gelegenheit und der Stadt Sicherheit es auch nicht 
leiden will, daes wir unsre eigne Defension hintansetzen und diesen 
ullnötigen Prozess bei königLchem Hofe abwarten sollten; so ge- 
langt an Ew. Herrlichkeit unser abermaliges und hochdringliches 
Bitten, dass Sie Dero Herren Abgesandten auf bevorstehendem 
Reichstag dieses Negotiurn bestermasscn zu recommendiren geruhen 
wollen j damit durch Dero und der andern grossen Städte Herren 
Abgeordnet ell aDsehnliche Interposition entweder ein bewegliches 
1) Eine Abschrift des Kortnickischen Vergleichs befindet slCh in den 
Akten des katholischen Pfarramts zu Strasburg. 
} 2) Danziger Archiv. 
J 


-
		

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			158 


11. Die polnische Zeit. 


Schreiben ex gremio conventus an Ihre königliche Majestät ausge- 
wirket oder aber der Culmsche Herr Bischof erbeten werde, auf 
dass auf Deroselben Ermahnung unser Adversarius von solchem 
widerrechtlichen Prozess und unnötiger Geldpulberung (= verpuL 
verung) abgeleitet, und wir dieser innerlichen Unruhe befreit, gegen 
die besorgliche Gefahr um desto besser in Acht nehmen mögen." 


5. Der zweite Schwedenkrieg. 
König Johann Kasimir von Polen (1640-69) war bald nach 
seinem Regierungsantritt in einen Krieg mit den Kosaken geraten. 
.A nfang der fünfziger Jahre begannen diplomatische Verwickelungen 
mit Schwedpn; der Streit der beiden Dynastien um die schwedische 
Krone war noch nicht ausgetragen, und die skandinavische Macht 
trug sich mit dem ehrgeizigen Gedanken, ein grosses baltisches 
Reich zu begründen, die Osteee zu einem ausschliesslich schwediAchen 
Meere zu machen. Die Lage schien kritisch, und Johann Kasimir riet 
df>n preussischen Ständen, sich auf alle Fälle zu rüsten. Die Preussen 
hatten in der Theorie stets an dem Grundsatz festgehalten, dass 
ihre Kriegsdienstpflicht sich nur auf die Verteidigung ihrer Provinz 
beschränkte, obwohl sie sich thatsächlich häufigen Geldbewilligungen 
für die Kriege Polens nicht entziehen konnten. Die Polen zogen 
aber aus jenem Grundsatz der preussischen Stände die Folgerung, 
dass jene für die Verteidigung ihres Landes ganz allein aufzukommen 
hätten. Die Wehrkraft Westpreussens war sehr gering; die von 
der Krone von Zeit zu Zcit angeordneten Landesaufgebote fanden 
so gut wie nie statt; man scheute geradezu den kläglichpn Eindruck, 
dcn die I
andcsmiliz machen musste. In der Furcht vor einer 
Landung der Schweden glaubten die Stände doch ein Übriges 
thun zu müssen. Die Ritterschaft bewilligte im Sommer 1653 
sechshundert Mann, teils Dragoner, teils Fussvolk. Ferner sollte 
df'r Adel anstatt dcr früheren Landesaufgebote von je 25 Hufen 
Lalldbesitz einen Reiter aUE
rüsten, in Gegcnden mit sehr schlechtem 
Boden je einen von 30 Hufen; das )[ichelauer Land wurde in diese 
zweite Rubrik eingerechnet. Die Starosten sollten eine bestimmte 
Zahl von FUBssoldatcn aufbringen, der Strasburger Starost 15, der 
Golluber 10. Auch die Städte wurden herangezogen, Strasburg 
hatte 20, GolIub 7 und Lautenburg 3 .Mann zu stellen.1) 
Im Jahre 1655 brach der Krieg aus. Die preussischen Stände 


1) Lengnich V1
 101£. Doc. 97 ff. 


......
		

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			o. Der zweite Schwedenkrieg. 


159 


i I 


sahen elD, dass die eignen Rüstungen nicht genügten, um das Land 
zu schützen. Da vom polnischen Köuige keine Hilfe zu erwarten 
stand, war man geneigt, anf die Vorschläge des Grosseu Kurfürsten 
einzugehen, der damals mit den Schweden zwar schon unterhandelte, 
aber noch kein festps Bündnis abgeschlossen hatte. Der Kurfürst 
sollte den militärischen Schutz von Westpreussen übernehmen und 
das Kommalldo über die ständischen Truppen erhalten; nach diesem 
Plan sollte Strasburg eine Besatzung von 300 Mann bekommen.1) 
Aber der Einmarsch der Schweden in Preussen kam der Ausführung 
dieser Absicht zuvor, und bald darauf schlos9 der Kurfürst Bein 
Bündnis mit Schweden ab. Der kulmische Adel sass zu Pferde, 
- 
aber er erwarb kpine Lorbeeren. Sie hatten bei Bromberg und 
Fordon ein Lager aufgeschlagen. Die Schweden griffen Rie hier 
am 16. September 1655 an und zerstreuten Bie völlig; 20 Edelleute 
waren gefallen, mehrere verwundet. 2 ) Kurze Zeit darauf rückten 
die Schwedpn in Preussen ein. General Steenbock marschierte von 
Kowidwor an der Mündung der Wkra in die Weichsel, wo er ge- 
lagert hatte, über Zakroczym und Sierpec gegen Strasburg. Ohne 
auch nur cinen Versuch zur Verteidigung zu machen, öffnete die 
Stadt am 20. November ihre 'l'hore. Unmittelbar darauf ergaben 
sich Gollub und 
eumark.3) Schwedische Besatzungen wurden in 
die Städte gelegt, in Strasburg hefehligte Oberst Pleitner; die Pfarr- 
kirche kam wieder in den Besitz der Protestanten. Im Jahre 1656 
bracb die Pest, in jenen Zeiten die regelmässige Begleiterin des 
Krieges, iIi Strasburg aus, auch der protestantische Prediger 
Strychnus edag der Seuche. 
Im Juni 1657 kam König Karl Gustav auf der Reise nach 
Thol'll durch Stra
burg.4) Im Sommer dieses Jahres wandte sich 
das KriegsglÜck der Schweden. Eine grosse Koalition kam zu 
stande; du Zar, Kaiser Leopold 1., der König von Dänemark 
traten im Mai und .Juni auf die Seite der Polen, und im September 
ging- auch der Gros
e Kurfürst in das Lager seines bi8herigell 
Gegners über. Es waren kaiserliche Truppen, die Gollub eroberten. 
Dpr berühmte Feldherr Montecuculi, damals Generalmajor unter 
dem Feldmarschall Grafen Hatzfeld, wurde von diesem von Plock 
J aus gegen die Drewenz vorgeschickt. Gollub hattf' nur eine kleine 
1) Lengnich VII 101. 
2) Lengnich VII Ho. 
3) Pufendorff res gestae Caroli Gustavi 99. Lengnich '-11 147. 
4) Zernecke, Thorner Chronik (1711) 2!>2.
		

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			160 


II. Die polnische Zeit. 


Besatzung von einem Kapitän, einem Leutnant und 200 
Iann. 
Am 13. Oktober nahm Montecuculi die Stadt ein, die beiden 
schwedischen Offiziere wurden freigelassen, die Mannschaften im 
österreichischen Heer "untergesteckt."l) 
Strasburg hielt sich zwei Jahre länger. Karl Gustav hatte 
im Herbst den Grossen Kurfürsten zu einer politischen Verhandlung 
nach Strasburg geladen, doch ohne dass dieser der Aufforderung 
Folge leistete. 2 ) 1m Sommer 1659 rückte ein grösseres polnisch- 
österreichisches Heer unter Lubomierf:!ki in Preussen ein. Die 
Schweden wurden überall zurückgedrängt; schliesslich behaupteten 
sie nur noch 4 Städte: Elbing, Marienlmrg, Stuhm und Strasburg. 
Die schwedische Besatzung litt stark unter Proviantmangel, und 
Oberst Pleitner musste sich auf Unterhandlungen einlassen. Am 
1. Dezember 1659 räumte er die Stadt unter der Bedingung freien 
Abzuges nach Elbing; jedoch wurde er auf dem Wege nach Rosen- 
berg von Brandenburger Truppen überfallen und als Gefangener 
nach Brauusber
 gebracht. 3 ) Die Pfarrkirche wurde wieder den Katbo- 
liken zurückgegeben. 
Der Rat teilt am 29. Januar 1660 dem von Danzig mit, dass sie 
"unlängst des schweren Joches unserer Feinde erledigt" wären. Er 
hatte eine Abordnung an den polnischen König geschickt mit der 
Bitte um eine gllädige Amnestie, Bestätigung ihrer Privilegien und 
besonders um Konservierung des evangelischen Gottesdienstes und 
er bittet die Danziger, "für uns arme und von dem Feinde äusserst 
ruinierte Leute bei Ihro Königliche Majestät zu intercediren, damit 
soches wichtiges Vorhaben... einen gewünschten Zweck erlallgen 
möge. "4) In der That gewährte der König am 13. Februar 1660 
sowohl die erbetene Amnestie als eine neue Verbriefung ihrer 
Rechte. 5 ) 
Am 3. Mai 1660 wurde der Krieg durch den Frieden von 
Oliva beschlossen, der dem grossen Kurfürsten die Suveränität 
über das Herzogtum Preussen einbrachte; zugleich wurden in dem 
Frieden8vertrage die Religionsprivilegien im polnischen Preussen 
bestätigt. 
Der zweite Schwedenkrieg hatte für Strasburg noch ein kirch- 


I) Pufendorf 290. Nach Lengnich VII 179 waren es nur 40 Gemeine. 
2) Lengnich VII 181. 
3) Pufendorf 590. Lengnich VII. 228. 
4) Danziger Stadtarchiv. 
5) Registrum causarum sigillatarum (WaTschauer Archiv) III 73.
		

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			5. Der zweite Schwedenkrieg. 


161 


liches Nachspiel. Der Dekan Kortnicki begann einen neuen 
Prozess, von dem sich indessen nur die ersten Zeugen ver- 
nehmungen erhalten haben. I) Die Zeugen sagten aus, dass 
während die schwedische Besatzung in der Stadt lag, der Pfarr- 
kirche der Wald von GeiRtlich Kruschin weggenommen worden 
wäre; nicht nur die Schweden, sondern auch die Bürger holten 
ihren Badarf an Brennholz daraus. Der Pfarrer hatte in dem 
Bienersehen Speicher einen Vorrat von Hafer gehabt; der ver- 
storbene BÜfg!Jrmeister Krellliess ihn gewaltsam aufbrechen und den 
- -- 
Hafer aufs Schlot!t! fahren. Eine besondere Klage richtete sich 
gegen den Bürger Nebe. Dieser hatte in einem Privathause eine 
parodistische Vorstellung der katholischen Messe gegeben. Das 
gesamte Ritual wurde nachgeahmt, man hatte Hostien aus Leder 
und Meth anstatt des Weines; alle Gesänge und Zeremonien wur- 
den ausgeführt. Nebe sollte diesen Unfug angestiftet haben, um 
seine Frau, die als Kryptokatholikin galt, zu kränken und 8einen 
beiden katholischen Stiefsöhnen ihr Bekenntnis lächerlich zu 
machen und sie so zum Protestantismus zu bekehren. Noch ein- 
mal wiederholte Nebe den widerwärtigen Aufzug, zog sich aber 
diesmal den sehr entschied ellen Unwillen der Schweden, beson- 
ders des Obersten Pleitner zn. Auch hatte er seine Frau und 
Stiefsöhne gezwungen, an den Fasttagen Fleisch zu essen, indem er 
an solchen Tagen Schweden zu Gaste lud. Nebe hatte noch mehr 
auf dem Kerbholz. Auf seine Veranlassung hatten die Schweden 
den gemauertell Glockenturm der GeorgBkapelle abgebrochen, und 
er war der Hauptanstifter gewesen, dass den Katholiken die Pfarr- 
kirche abgenommen wurde. Bei der Besitzergreifung der Kirche 
sollten schwere Beleidigungen des Katholizismus geschehen sein. 
Ein Altarbild sei durch die Stadtdiener vernichtet, das Sakrament 
mit Füssen getreten worden. Einige Bürger drapIerten sich mit 
den Messgewändern und zogen in diesem Aufzuge durch die 8trassen, 
und mit den Antependien wurden die Küchen ausgeschlagen. - Der 
Ausgang des Prozesses ist, wie gesagt, unbekannt. 
Die beiden Schwedenkriege haben das Land schrecklich ver- 
wüstet. V or den Kriegen konnte sich die Landeskultur in keiner 
Weise mit derjenigen Deub3chlands zu Anfang des 17. Jahrhunderts 
messen; danach aber waren die Zustände kaum welliger trOBtl08 wie im 
Reiche nach dem westfälischen Frieden. Aus dem Jahrzehnt nach dem 
li'deden vo n Oliva besitzen wir zwei Quellen, die die damaligen 
1) Golluber Stadtbücher. 


11 


.......
		

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			162 


11. Die polnische Zeit. 


Zustände grell beleuchten: die Lustration 1) der beiden Starosteien 
von 1664 und die Generalvisitation des Kulmer Bistums, die der 
Domherr Strzesz Ende der sechziger Jahre begann und 1672 ab- 
schloss. 2 ) Strzesz war ein Mann von Bildung, sein
 Beschrei- 
bungen der Kirchen, die in einem guten Latein abgefasst sind, 
zeugen von architektonischen Studien, und sein Urtpil über die 
Baudenkmäler der Ordenszeit verrät den Kenner; es mag hier be- 
merkt werden, dass ihn der schöne Ostgipbel der Strasburger Pfarr- 
kirche besonders begeistert hat. Seine KirclIenvisitation ist aus- 
führlich angelegt; er giebt geschichtliche Notizen über die Pfarrsitze, 
die er aus den bischöflichen Archiven und den am Orte befindlichen 
Urkunden geschöpft hat. Er führt alle Ortschaften auf, die zu den 
einzelnen Pfarrkirchen gehörten, er nennt die gegenwärtigen, oft 
auch die früheren Besitzer der Güter, berichtet über Kirchen- und 
SchulverhältnisRe, über die Konfession der Einwohner und über die 
wirtschaftliche Lage der einzelnen Ortschaften. SeiD Gesichtt,punkt 
ist der kirchliche; er sammelt Material für die kirchliche Verwal- 
tung, vor allem behandelt er die Rechte und Ansprüche der ein- 
zelnen Pfarreien. Sphr wichtig waren ihm natürlich die Ahgaben- 
verhältnisse; der Dezem war in dpn Kriegswirren selten in voller 
Höbe entrichtet worden, ulld so giebt er, um dip Ansprüche der 
Kirchen nachzuweisen, genaue Nachrichten über dip frü
ere Höhe, 
den jetzigeu Stand des Dezems uud die Leistungsfähigkeit der ein- 
zelnen Orte. So ist seine Visitation eine höchst wichtige kultur- 
geschichtliche Quelle. 
Das Bild, das Strzeszs Mitteilungen ergeben, ist traurig genug. 
Die kircblichen V prhältnisse waren gänzlich vprwüstet In Zmiewo, 
Nieszywiens und Ostrowitt waren die Pfarrkirchen, in Gollub dip 
Hospitalkirche zerstört worden; in Gurzno hatten die Schweden 
16
8, wie eine andere Quelle meldet, die Pfarrkirche ausgeplündert 
und verbrannt. 3 ) In Wrock war seit 30 Jahren kein Pfarrer ge- 
wesen, in Zgnilloblott wohnte im Pfarrhause ein Schneider und in 
der Schule ein Fischer, in Dembowalonka hatte das Pfarrhaus 
zwölf Jahre lang als Schänke gedient. Unter dem Klerus war eine 
arge Verwilderung t'ingerissen, aus der man Schlüsse auf die all- 
gemeine sittliche Verrohung ziehen darf. 4 ) 


I) Ein Auszug dieser Lustration befindet sich im Warschauer Archiv. 
2) Eine Herausgabe der Visitation wird geplant. 
3) Gurznoer Pfarrakten. 
4) Die Pelpliner Akten enthalten eineReihe von Prozessen gegenGeistliche.
		

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			6. Der nordische Krieg. 


163 


Eine grosse Entvölkerung war die unmittelhare Folge der 
Kriege. Bei den Starosteidörfern führt Strzesz jedesmal an, wie- 
viel Bauern früher dort gewesen waren und wieviel sie an Dezem 
zu geben hatten, danach folgen die Angaben über die Gegenwart. 
Bachotek, Kantilla, Goral, Zalesie, Godzisken uud Tomken, Gross 
Krnschin, Jaworze, Iwanken und Lipnitza lagen ganz verlassen 
da, die Mühlen Kujawa, Motyka, Frankenstein und Kaldunek waren 
zerstört. Scheinbar mit Abl:!icht haben die Schweden die bischöf- 
lichen Dörfer Gross Plowenz und Mszanno verwüstet. Plowenz war 
1661 völlig menschenleer. In Mszanno hatte, als der polnische 
Grosskronfeldherr Koniecpolski Anfang 1629 anrückte, um Stras- 
burg zu entsetzen, der Pfarrer zuerst die Flucht ergriffen, und alle 
Hauern waren ihm gefolgt. Nach dem Frieden wurde auf dem 
Bauerlande ein Vorwerk errichtet, einige Bauern wurden wieder 
angesiedelt, und ein neuer Pfarrer eingesetzt. Da brach der zweite 
Krieg' aus und mit ihm kam die Pest ins Land. Wieder wurde 
allea verwüstet, und durch Verrat gelangte deI' schwedische Kom- 
mandant von Strasburg, Oberst Pleitner, in den Besitz einer Summe 
von mehreren tausend Goldgulden, die man dort vergraben hatte. 
Die Lustration von 1664 bestätigt nnd ergänzt die Angaben 
von Strzesz. [n folgenden 13 Dörfern: Nieszywiens, Brudzaw, Kru- 
schin, Lern berg, Pokrzidowo, Jaikowo. W ompiersk, Jellen, Skemsk, 
Pluskowenz, Radowisk, Kurkocin und Pulkowo befanden sich zu- 
sammen nur noch 39 Bauern. Ganz wüst und verlassen waren Malken, 
Szabda, Szczuka, Gorczenitza, 
Dombrowken (das bald darauf das 
Beiwort Pusta, Wüst erhielt), Cieszyn, Goral, Ostrowitt und Lip- 
nitza. - Die wirtschaftlichen Folgen dieser Entvölkerung werden 
in einem späteren Kapitel erörtert werden. 


6. Der nordische Krieg-. 
Nach dem Tode Johann Sohieskis wurde 1697 August 11. von 
Sachsen zum Könige von Polen gewählt. Als er im 
lärz des fol- 
genden Jahres nach Preussen reiste, hatte auch Strasburg die Ehre, 
den starken König in seinpn )Iauern zu beherbergen}) Zwei Jahre 
später brach der grosse nordische Krieg aus, der bald auch Preussen 
in Mitleidenschaft zog. K achdem Karl XII. von Schweden in einem 
kurzen Feldzuge Dänemark zum Frieden gezwullgen und bei Narwa 
die Russen geschlagpn hatte, wandte er sich gegen den dritten 


I} Lengnich IX. 52. 


11* 


- 


j
		

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			164 


11. Die polnische Zeit. 


seiner Gegner, den König von Polen. Er brach in Litauen 
eiD und setzte sich mit der Partei der Sapiehas in Verbindung, 
im Mai 1702 nahm er Warschau. Die preussische Ritterschaft ver- 
anstaltete Ende Juli 1702 ein allgemeines Aufgebot bei Strasburg, 
zog aber vor, nicht in den Kampf einzugreifen und ging nach 
einigen Tagen wieder auseinander}) Nach dem Siege bei Pultusk 
rückte Karl XII. gegen Preussen vor. Am 14. Mai erreichte er 
bei Zlotterie die Grenze und begann bald darauf die Belagerung 
von Thorn. In den letzten Tagen des Monats wurden auch Stras- 
burg und Gollub genommen, und die ganze Landschaft "mit Brand- 
steuern belegt."2) Am 29. Jnli kam es zu einem Scharmiitzel bei 
Lautenburg, das der Biograph des schwedischen Königs, Gustav 
von Adlerfeld, folgendermassen erzählt: 
"Inzwischen zerbrach sich der sächsische General Brand ge- 
waltig den Kopf darüber, wie er den Schweden, so um Strasburg 
und NeumaI'k herum standen, möchte Abbruch thun. Wie er also 
erfahren, dass eine Partei von ihnen in r...autenburg, die Brand- 
schatzungen einzutreibell, läge, ging er alsobald mit seiner ganzen 
Macht aus 6-7000 Mann bestehend dahin. Weil alles Landvolk 
daherum weggeflüchtet war, und daher der Major Carl Creutz, so 
die Partei anführte, von seinem Anmarsch keine KUlldschaft er- 
halten mögen, kam er ihm (den 29. Juli) so unvermutlich übern 
Bals, dass dieser kaum so viel Zeit ührig hatte. sich mit seinen 
400 Pferoen zur Wehre zu stellen. 
"Ob nun wohl der General Brand mit desto grosserm Mut 
anfiel, je mehr er den Schweden an Mannschaft überlegen war, 
und seinen äussersten Fleiss daher anwandte, I:!ie zu trennen und 
zum Weichen zu bringen, so ward er denlloch verschiedene Mal 
mit Verlust zurückgetrieben. Endlich liess er seine Dragoner ab- 
sitzen, und inzwischen die Reiterei von der anderen Seite in die 
Stadt dringen, um VOll allen Ecken auf die Schweden loszugehen 
und ihnen den Pass, worüber sie zurück mussten, abzuschneiden. 
Wie Creutz merkte, dass er umzingelt war, sah er keinen andern 
Weg, als den er sich mit dem Dew'n in der Faust eröffnen würde, 
welches denn auch mit aller ersinnlichen Tapferkeit geschah, massen 
er alles, was ihm vorkam, übern Haufen wad, sodann üuer einen 
zwar kleinen doch schnellen Fluss setzte und glücklich an die 
andre Se ite überkam, nachdem er ein wenig gequetscht worden. 
1) Lengnich IX. ) 22. 
2) Adlerfeld, Leben Rads XII. (1740) I. 372. 


j
		

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			6. Der nordische KrIeg_ 


165 


Doch verlor er im Treffen und im Wasser einen Rittmeister, einen 
Leutnant und 180 Reiter, derell etliche gefangen und nach Warschau 
geführt, aber nach Eroberung der Stadt Thorn gegen die darin 
bekommenen Sachsen ausgewechselt wurden. Der Feind aber liess 
sich durch die Kühnheit des Major Creutz und seine hurtige Ent. 
schliessung, durch einen so gefährlichen Strom zu schwimmen, ab- 
scbreckell ihm weiter nachzusetzen, daher dieser sich ganz geruhig 
nach Neumark zog. 
"Auf diese erhaltene Nachricht begab sich" der Generalmajor 
Nieroth mit seinem Regimente unverzüglich auf den Marsch und 
nahm den Major Creutz mit sich, um aufs neue eins zu wagen. 
Nun war zwar Brand in Lautenburg stehen geblieben; weil er aber 
wohl mutmaBsen konnte, dass man ihn zu überfallen trachten 
würde, hatte er sich schon vorher weggemacht und der Schweden 
Ankunft nicht abwarten wollen. 
"Nieroth liess also Anstalt machen, um die Toten, mit denen 
man übel umgesprungen, zu begraben, und als sich noch verschiedene 
Verwulldete, so sich im Holze versteckt, wieder eingefunden hatten, 
giDg er nach Neumark zurück, wohin der KÖllig einige Tage her- 
nach 500 Fussknechte von der Armee zu seher Verstärkung und 
zur Bedccbmg wider die feindlichen fiberfalle abgeben liess. 
(3. AuguBt)"l). 
Thorn fiel am 13. Oktober 1703 in die Hände der Schweden. 
In Strasburg stand der schwedische Oberst Axel Sparre; Anfang 
Dezember wurde er durch den Oberstleutnant Claes Bonde ver- 
stärkt, "welcher mit einiger Reiterei die ganze Gegend jenseits der 
Dribentz unter Brandschatzung hielt."2) über Sparres Aufenthalt in 
Strasburg bringt die evangelische Kirchenchronik eine Nachricht; 
der Oberst und seine Offiziere schenkten sm 30. Juni 1704 der 
evallgelischen Kirche eine Summe von 46 'l'halern 18 Groschen, 
wofür ein vergoldeter Kelch angeschafft wurde.3) 
Wie lange Strasburg von den Schweden besetzt blieb, ist 
nicht bekannt. Karl XII. setzte 1704 die Absetzung Augusts H. 
ulld die Wahl Stanislaus Lescinskis zum Könige von Polen durch; 
mit diesem schloss er .Frieden und ein Bündnis. Die Niederlage 


1) Adlerfeld I. 390 f. Dies ist vermutl ich das Treffen bei Strasburg 
das Froelich, Geschichte des Graudenzer Kreises IL 222 erwähnt. 
2) Adlerfeld 11. 20. 
3) Die Kirchenchronik nennt den 20. Juni; wie ein Brief an den 
Thorner Rat ergiebt, war es der 20. Juni alten Stils (Thorner Archiv). 


-
		

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			166 


11. Die polnische Zeit. 


von Pultawa brach die Macht Karls XII., im folgenden Jahre konnte 
August II. seine Herrschaft in Polen wiederherstellen. Thorn wurde 
im September 1705 von den schwedi!"chen 'l'ruppen geräumt, wahr- 
scheinlich wurden sie zur selben Zeit auch aus Strasburg entfernt. 
Im Ermlande und Elbing dagegen standen die Schweden noch 
eine Reihe von Jahren; aus Elbing wurden sie erst 1710 von den 
Russen vertrieben. 
Im Jahre 1708 brach die Pe8t in Preussen aus; in Strasburg 
raffte sie nach dem Kirchenbuche über 100 Protestanten hin. In 
dem Protokollbuch der Schlosser findet sich unterm Jahre 1709 
folgender Vermerk: "wegen der schweren Zeiten und der grassi- 
l'enden pestilenzischen Seuche hat Ein Ehrbares Werk vor die zwei 
Jahre nicht gerechnet." Als die evangeliAche Gemeinde zu Stras- 
burg im Sommer 1715 den Rat von Danzig Littet, eine Kollekte 
in der Stadt zu veranstalten, beruft sie sich auf die schwere Kriegs- 
zeit, die unerträglichen Kontributionen und schweren Durchzüge. 
Während der Kriegszeit hatte der Strasburger Rat die Stadtbücher 
zur Aufbewahrung nach Thorn geschafft, am 30. Juli 1709 erbat 
er sie wieder zurück) 
Im Jahre 1710 erwähnt der Strashurger Rat in einem Briefe 
an die Stadt Thorn einen Aufruhr der Bürgerschaft, doch ohne 
Käheres darüber zu berichten. 2 ) 


Nach dem Tode August II. (1733) kam es zwischen seinem 
Sohn und Stanislaus Lescinski, der von neuem als Bewerber um 
die polnische Krone auftrat, zum Kriege, der durch das Eingreifen 
der "Russen für August IlI. entschieden wurde. Auch llach Preussen 
kamen russische Truppen. Eine Notiz der Golluber Stadtbüchm 
von 1758 erwähnt einen Lieferungstarif von 1734, wonach die 
Stadt Gollub dem russischen Regiment Nissowski 1716 Pud Heu zu 
9 Groschen, 209 Scheffel Hafer zu 2 Floren, 2u9 Scheffel Roggen 
zu 3 Floren 24 Groschen und 4]8 Scheffel Häcksel umsonst zu 
liefern hatte. 


7. Städtisches Leben. · 
I. Topographisches. - Stadtverwaltung. Grundbesitz und 
Brauwesen. Gross- und Kleinbürger. - Handel. 
über das städtische Leben zur Ordenszeit ßiessen die Quellen 
tür unse rn Kreis äusserst spärlich. Dass StrasLurg sich im 14. Jahr- 
1) Thorner Archiv (Katalog 1I.) I. Nr. 3325. 
. 2) Thorner Archiv (Katalog 2) I. Nr. 3326. Brief vom 26. März 1710.
		

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			. 


.4 


- 


7. Städtisches Leben. 


167 


hundert eines erheblichen Wohlstandes erfreut hat, wissen wir aus 
dem Reichtum der Bauten und den Angaben der Schadenbücher. 
Trotz zahlreicher Brände und der häufigen Wiederkehr der Pest 
scheint sich die Stadt im 16. Jahrhundert von den Verheerungen 
des dreizehnjährigen Krieges einigermassen erholt zu haben. Frei- 
lich fehlt es ganz und gar an Nachrichten, um die Verhältnisse der 
polnischen Zeit mit denen der Ordensherrschaft vergleichen zu können. 
Ein indirekter Beweis dafür, dass das Strasburger Bürgertum auch im 
16. und 17. Jahrhundert Unabhängigkeit und 8elbtbewusstsein be- 
sessen hat, ist die Widerstandsfähigkeit des DeutEchtums und des 
Protestantismus. Gollub und Lautenburg waren dagegen im 16. Jahr- 
hundert gan
 unbedeutende Orte; Lautenburg, die "Heustadt" , wie 
!Sie im Städtekrieg spöttisch genannt wird, ist wohl immer nur ein 
Ackerbürgerstädtchen gewesen. Um 1672 hatte es nach der Kirchen- 
visitation von Strzesz nur gegen 500 Häuser. Es bezeichnet die 
Verbältnisse der Stadt, dass der Strasburger Starost die Bürger zum 
Erntescharwerk (Huka) zwang, was 1746 durch ein Edikt Augusts IlJ. 
verboten wurde. Die Bewohner des polniscben Gurzno mussten 
diese Dienste wirklich leisten, erst 1776 wurde die Verpfiichtung 
durcb eine Geldabgabe abgelöst. - An der Drewenz und der 
Handelsstrasse nach Polen gelegen, hatte Gollub während der Ordens- 
zeit wohl immer einigen lIandel getrieben. Charakteristisch ist 
aber, dass Gollub schon Anfang des 16. Jahrhunderts stark polo- 
nisiert war, und ebenso, dass die Reformation weder bier 
noch in IJautenburg jemals Eingang gefunden hat. Als 1565 der 
preussische Landtag in Gollub zusammentreten sollte, schrieb der 
Hischofvon Kulm all den KardinalHosius, dort könllten kaum50 Pferde 
untergebracht werdell und bei einer 80 grossen Versammlung würde 
an allen Lebensmitteln Mangel herrschen; der Landtag möchte 
lieber nach - Lessen einberufen werden, wo man bequemere Unter- 
kunft und einen ausreichenden Vorrat von frischen Fischen und 
andern Dingen hätte.!) Im 18. Jahrhundert ist auch in Strasburg 
deutlich der Niedergang zu erkennen, und Hand in Hand damit 
machte die Polonisierung Fortschritte. 
Von dem Aussehen Strasburgs geben uns erst die Urkunden 
des Schöffenbuchs von 1554-75 ein deutliches Bild; doch findet 
ma
 wertvolle Ergällzungen ill den früheren Urkunden und in dem 
Stadtplan von lti55, den Pufendorff in seiner Geschichte Karls X 


1) Wölky !!05. 


....01
		

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			168 


H. Die polnische Zeit. 


Gustav von Schweden bei der Belagerung der Stadt veröffent1icht
 und 
den Reise in den Bau- und Kunstdenkmälern abgedruckt hat. Auf 
dem Markte, der durchgehends der Ring heisst, stand das Rathaus, 
,"on dem heute nur noch ein Giebelrest übrig geblieben ist. Schon 
im 16. Jahrhundert waren jene Häuser darangebaut, die im Laufe 
der Zeit das Ratbaus selbst so ganz verscblungen haben, dass heute die 
.Magistratsbeamten zu der städtischen Turmuhr nur durch private 
Räume gelangen können. Hier befand sich jener "Ort unterm Rat- 
Lause", wo nach der Wegnahme der PfalTkirche ] 598 der evan- 
gelische Gottesdienst gehalten wurde. Im Jabre 1573 kaufte ein 
Schotte Hans Grinlis daselbst "eine Bude neben dem Gange zur 
Wage (Stadtwage) mit dem Kellerchen und Nebellgängchen dazu 
gehörig" für 1 10 Mark. Die heutigen Strassennamen sind neuen 
Datums. In dem Schöfl'enbucb des 16. Jahrhunderts werden folgende 
Strassen genannt: die Schlossstrasse, die am Schlossgraben lag. 
(offenbar die heutige Burgstrasse), die Fleischergasse, die Gasse, 
die nach der Badstube geht, die Gasse, die nach dem Spital geht, 
die Fischergasse an der Drewenz, die Drebnitz- (Drewenz-) gasse 
und die Katharinengasse, (jedenfalls die heutige Pfarrstrasse.) Auf 
der Fleischerstrasse befand sich ein Brunnen. In dem Vergleiche 
zwischen Pfarre und Stadt von 1722 wird die "stille Gasse" (cicha 
ulica) genannt; sie lag an der Stadtmauer hinter der Pfarrkirche 
und gehörte zum Besitz der Kirche; es ist augenscheinlich die 
lleutige Stallstrasse. 
Strasburg hatte im 16. Jahrhundert vier Vorstädte, wenn man 
die ausserhalh der eigentlichen Stadtmauer gelegenen Viertel so 
nennen will. Jedes dieser Viertel, in denen nicht nur Häuser, 
sondern auch Scheunen standen, und die nicht durchweg mit Ge 
bäuden bestanden waren, sondern auch Nutzgärten ellthielten, hatte 
seinen besondern Namen: Deutsche Vorstadt, Polnische Vorstadt, 
Neustadt und Fischerei. Diese Vorstädte lagen, wie geeagt, vor 
den Thoren der Stadt. Strasburg hatte ausser der Schloss- 
pforte, deren Spuren noch heute auf dem Wege von der 
Jakobstrasse auf das Amtsvorwerk zu erkennen sind, drei Thore: 
das Deutsche Thor, das Polnische Thor und das Neue Thor. Das 
Deutsche Thor ist das heutige Steinthor; daneben lag das Haus 
des Stadtschreibers. Vor dem Deutschen 'l'hor lag die Deutsche 
Vorstadt oder der Steindamm, im 17. und 18. J ahrbundert Ka- 
mionken genannt, die Leutige Stein trasse. Sie ist idelltit5ch mit dem 
"suburbium" auf dem Pufendorffschen Plane. Es ist beachtenswert 


. 


." 


2
		

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			7. Städtisches Leben. 


169 


dass die dortigen Grundstücke in der zweiten Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts nicht "zu Rathause" sondern "zu Schlosse" zinsten. Der 
Steindamm war von dem Schloss durch Mauer und Graben getrennt; 
im Norden umzog ihn eine Mauer, die die Schlossmauer zuerst in 
. westöstlicher Richtullg fortsetzte, dann umbog und auf die Nord- 
ostecke der inneren Stadtmauer stiess. In die äussere Mauer ein- 
gebaut stand am äussersten Ende des Steindamms auf der Stelle 
der heutigen Töchterschule die Propstei zum Heiligen Geiste; auch 
lag in der Deutschen Y orstadt dic Scheune des Stadtpfarrers. 
Das heutige Masurenthor hiess das Polnische Thor, davor lag 
die Polnische Vorstadt. Eine öfter wiederkchrende Ortsbestimmung 
bei Verkäufen von Grundstücken lautet "bei der Schiessstange"; 
dort lagen mehrere Scheunen. Ende vorigen Jahrhunderts befand 
sich der SchiesBstand der Schiitzengilde in der Nähe der heutigen 
W odtkischen Brauerei. Man darf wohl annehmen, dass dieser Platz 
seit alters demselben Zwecke gedient hat; auch spricht dafür, dass 
die erwähnten Scheunen der Bürger im Süden der Stadt, in der 
Nähe des Stadtfeldes gelegen haben werden. Auf der Polnischen 
V orstadt befand !lieh auch die städtische Ziegelscheune. 
Die Fischerei trägt noch heute denselben Namen. Sie lag 
wie die Polnische Vorstadt ausserhalb der Stadtmauern. Den 
Namen hatte sie von ihren Bewohnern. Es gab in Strasburg eine 
Fischergilde, welche Mitte des 18. Jahrhunderts einen eigenen Altar 
in der Pfarrkirche erwarb. Als im November 1628 der polnische 
Feldherr Koniecpolski die schwedische Besatzung in der Stadt 
überrumpeln wollte, schlug er nach Israel Hoppes Erzählung eine 
Viertelmeile VOll der Stadt Brücken über die Drewenz und gelangte 
"in die Vorstadt unter das Fischergesindlein". Die Fischerei zog 
sich weiter im Osten um die Stadt herum. So wird ein Häuschen 
mit einem Garten "bei S. Katharinen (d. h. bei der Pfarrkirche) 
oder auf der Fischerei" verkauft; der Zins, der acht Groschen 
und zwei Scheffel Hopfen betrug, fiel ans Schloss. Auch 'andere 
Grundstücke auf der Fischerei zinsten dem Schlosse. Eine genaue 
" Ortsbes1immung giebt cine Schenkungsurkunde von 1603 über einen 
Garten, der "am Graben (d. h. am Stadtgraben) auf der Fischerei 
bei der Schlosswiese und hinter S. Katharina" lag. 
Einige Schwierigkeiten macht es, die Lage des Neuen 'l'hores 
und der Neustadt zu bestimmen. Wir finden in dem Schöffenbuch, 
dass die Neustadt vo I' dem Neuen Tbore lag; sie bcfand sich also 
ausserhalb der ursprünglichen Stadtmauer. Ferner gab es eill 


- ....I
		

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Ir. Die polnische Zeit. 


Grundstück in der Neustadt, das am Schlossgraben lag - nicht 
am Stadtgraben, sondern am Schlossgraben. Der Schlossgrabf'n 
berührte die Stadt einmal an dem Steindamm, der hier nicht in 
Betracht kommen kann und dann längst der südlichen Linie der 
V orburg. Endlich erfahren wir, dass in den sechziger Jahren des 
16. Jahrhunderts die Stadtscheune und der Stadthof vor dem Neuen 
Thore gelegen waren. 
Die Erklärung giebt eine Urkunde von 1353, durch die Win- 
rich von Kniprode der Bürgerschaft ein Stück Land schenkte, um 
die Stadt zu erweitern. Der Hochmeister überliess der Stadt "den 
Fleck bei tler Drewenz, da unsers Hauses Kohlgarten war und 
Hofscheune stand, bis an den Graben und Vorburg". Und weiter 
bestimmte er, "dass wir (d. h. der Orden) ein Thor machen mögen, 
dessen wir gewaltig sein sollen, und eine Brücke von der Vorburg 
in die Stadt; dazu sollen die Einwohner uns eine geräumige Strasse 
oder Gasse lassen."l) Dieses Thor ist die er""ähnte Schlosspforte, 
die in die heutige Jakobstrasse führt. Die geräumige Strasse, die 
die Stadt anlegen sollte, um eine Verbindung mit dem Schlosse 
herzustellen, ist eben die Jakobstrasse. Das Häuserviertel zwischen 
der Jakobstrasse und der Drewenz hat also nicht ursprünglich zu 
der Stadt gehört, sondern dies ist eben die Neustadt, deren Name 
ai eh auf diese Weise einfach erklärt. Die ursprüngliche Stadt- 
mauer ist also dort elltlang gezogen, wo die Häuserreihe östlich 
von der Jakobstra9se steht. Das Neue Thor muss die Strasse, die 
an der evangelischen Kir('.he vorLei zu der Drewenz führt, gesperrt 
haben; die heute noch kenntliche Stadtmauer an der Drewenz ist offen- 
bar nach 1353 gebaut. Jl'lle Strasse und die kleine Drewenzbrücke, die 
llach Hoffmanllsvorwerk, der alten Posthalterei führt, sind entschieden 
alt; die Brücke finden wir bereits auf dem Pufendorffischen Stadtplan. 2 ) 
Hierzu stimmt endlich auch die Lage des Stadthofes und der ::;tadt- 
scheune, die naturgemäss auf derjenigen Seite der Stadt zu suchen sind, 
die dell städtischen Vorwerken und dem Stadtfelde am nächsten liegt. 
Nach d em Pufendorffischen Plane wal' die Neustadt durch eine be- 
l) 8. den Anhang 1 Nr. 14. 
2) Ich kann Reise nicht beistimmen, wenn er S. 412 2J9 ) diese Brücke 
erst in dem zweiten Schwedenkriege zu Befestigungszwecken angelegt 
werden lässt. Die oben angeführte Urkunde, die Heise nicht kannte (er 
zitiert S. 404 die Urkunde von 1353 nur nach V oigt, der den Inhalt nicht 
angiebt), sprechen entschieden dafür, das!! hier schon im Mittelalter ein 
Übergang über die Drewenz vorhanden war. Ronst wäre die Existenz eines 
Thores an dieser Stelle ganz unverständlich. 



 


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- 


7. Städtisches Leben. 


171 


sondere Befestigung geschützt und die Brücke durch eine Bastei 
auf dem linken Flussufer gedeckt. Das Neustädtische Thor (brama 
Nowomiejska, mehrfach fälschlich als Neumärker Thor übersetzt 
und mit dem Kulmer Thor verwechselt), wird noch in dem Ver- 
gleiche erwähnt, den der Stadtpfarrer 1722 mit der Stadt ab- 
schloss; vom Dobriner (Masuren-) Thor bis zum Neustädtischen er- 
streckte sich ein Streifen Wiesenland, die sogenannte Parkanwiese 
- die Neustadt war damals nicht durchweg mit Häusern be- 
standeIl - die der Kirche gehörte, und jetzt der Stadt verpachtet 
wurde. Das öteinthor wird in dieser Urkunde das Kulmer Thor 
genannt. - 
über Gollub ullterrichten uns die Stadtbücher. Die Stadt 
llahm llicht die ganze Landzunge ein, die der Fluss bildet; auf 
dem Gelände, das auf der einen Seite von der Stadtmauer und von 
der andern von dem Wasser eingeschlossen war, standen die 
Scheunen der Bürger; es wird die "Insel Blonie"l) (= Trift) ge- 
nannt. Die Stadt hatte vier Thore; die drei Hauptthore führten 
auf die Strassen nach Strasburg, nach Thorn und über die Dre- 
wenz ins Dobrinerland, das vierte nach der "Insel". In den 
SchöffenbücLern, die mit dem Ende des 16. Jahrhunderts beginnen, 
werden folgende Strassen gellannt: die Lissewer, die Dobriner, 
Breite-, Kirchen-, 7,iegen-, Schlossstrasse, die Strasse nach der lnsel 
Blonie (ulica bloiiska) und die Strasse Figaino. In der ulica 
blonska lag die Plebanei. Auf dem Markte stand in alter Zeit 
jedenfalls das Rathaus i die Handfeste von 1421 prwähnt, dass 
hier ein städtischcs Brauhaus war. Ferner befanden sich auf dem 
:Markte eine Anzahl von Buden, die wahrscheinlich wie in andprcn 
Städten an das ursprüngliche Rathaus angebaut waren; im Jahre 
1511 waren es sechzehn, darunter die des Apothekers. Eine Stadt- 
willkür von 1622 erwähnt ferner 2 Brunnen auf dem Markte. 
Auch an die Mauer waren kleine Häuschen angebaut, deren Be- 
wohnpr, die podmurkowie, regelmässig in den Stadtl'echnungen auf- 
geführt werden. 
Die Stadt hatte mehrere Vorstädte, die Lis8ewer, die Dobriner 
und die Schlossvorstadt. Zwischen der Thorncr und der Lisse wer 


I) Die "Insel Blonie" ist der Stadt zur Ordenszeit besonders ver- 
liehen worden. Das Stadtprivileg von 1421 nennt das Land "PIoe", in 
einer Abschrift des IG. Jahrhunderts heisst es die Blohe, das Warschauer 
Transsumpt von 1511 nennt es bereits insula Blonye. S. den Anhang I r-Ir. 21. 


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11. Die polnische Zeit. 


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Strasse und zwischen dem Schloss und der Drewenz lagen die 
Kohlgärten der Bürger. 
Das Städtchen Dobrzyn auf dem linken Drewenzufer bestand 
im Mittelalter noch nicht. Die 50 Hufen jenseits der Drewenz, 
die 1306 an den Orden abgetreten waren, kamen 1311 wieder an 
Polen zurück, so dass die Drewenz die Landesgrenze bildete. Das 
Gebiet des heutigen Städtchens Dobrzyn gehörte im 17. Jahrhundert 
den Grafen Dzialynski, gewann aber erst nach 1772 einige Bedeutung) 
Ein verloren gegangenes Zinsbuch enthält folgende inter- 
essante Stelle ;2) ,,] tem bei dem anderen Garten von der Ecken von 
Leysze (Lissewo) fahrende gegen dem Berge nach der Stadt wärts 
ist' ein Weg zwischen den Zäunen und eine Gasse, dass zweene 
Wagen nebeneinander weichen mögen zu der Lehmgrube, und den 
soll niemand verzäUllen und soll frei bleiben. 1 tem an dem Berge 
bei dem Steige, also man nach Leysze geht auf der linken Hand 
ist ein Weingarten gewest, also man itzunder Lehm grabet und 
die drei Birnenbäume stehn. Der hat inne gehalten 2 
[Ol'gen und 
und der gehöret der Kirchen und ist dazu gegeben von dem 
Kumpthur Diderico Truschwitcz, und der Mann, dem der Garten 
vorgehöret hat, der hatte einen Mann zu Tode erschlagen, und da 
nahm ihm der Kompthur ill der Busse den Garten die Hälfte also 
2 Morgen, und 2 Morgen blieben ihm dem Manne, und der Wein- 
garten der hielt iune 4 Morgen und der Weinmann der ward der 
Kirchen Teil um das vierte 'feil, dass die Kirche besorget ward 
das Jahr über mit Weine und darum soll die Kirche thun und den 
verzäunen und vermieten, der Kirchen zu Gute." 


<- 


Über die Stadtverwaltung fehlt es für die Ordenszeit an spe- 
ziellen Nachrichten. Eine Strasburger Urkunde von 1343 nennt 
dt'1l Bürgermeister (proconsul), 8echs Ratmannen (consules) und den 
Stadtrichter oder Schulzen.3) Aus dem "Gl'ündlichen Bericht" über 
den Religionsstreit erfahren wir, dass 1626 der Strashurger Rat 
acht Personen einschliesslich des Bürgermeisters zählte. In der 


I) SJownik geograficzny (WarBchau 18bl) 11. 87. Die dortige An- 
nahme, Dobrzyn sei im 17. Jahrhundert eine Vorstadt von GoUub gewesen, 
ist irrig; dies war sie nur in der kurzen Zeit von 1772-76 (s. u. III: Die 
preussische Zeit, Kapitel I). - Die in den Golluber Stadtbüchern erwähnte 
"Dobrzyner Vorstadt" war im 17. und 18. Jahrhundert die Häusergruppe 
zwischen dem J<'luss und der Stadtmauer. 
2) Altpreuss. Ms. 1
98 S. 423 ff. 
3) S. d. Anhanl!; Nr. 12.
		

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.. 


L 


7. Städtisches Leben. 


173 


polnischen Zeit bestanden die städtischen Behörden aus den drei 
Ordnungen: dem Rat, dem Gericht und den Vertretern der Ge- 
meinde, schlechthin die dritte Ordnung genannt. Die Bürgermeister 
wurden jährlich aus dem Rat neu gewählt. Im Jahre 1722 kam 
es in Strasburg zum Streit mit dem 
tarosten, der auf die Wahl des 
Präsidenten einen Druck ausüben wollte und auch die Wahl eines 
neuen Stadtschreibers nach seinem Willen verlangte. Da die Kür 
aber unbestreitbar das Recht des Rats war, und dem Starosten nur 
die Bestätigung der Wahl zustand, wurde dies Ansinnen abgelehnt, 
und es kam zum Prozess vor dem königlichen Gericht. l ) Nähe- 
res iiber die Stadtverwaltung wissen wir nur von der Stadt Gollub, 
deren Willkür vom Jahre 1622 erhalten ist 2 ) und deren Bestim- 
mungen durch die Stadtbücher ergänzt werden. 
An der Spitze des Rats stehen der regierende und der stell- 
vertretende Bürgermeister; mit diesen beiden zählt der Rat in 
Gollub sieben Personen. Der Bürgermeister wird auf ein Jahr ge- 
wählt. Die Kür findet aID Tage der hl. Katharina (25. November) 
statt. Vor der Kür ist eine Gemeindeversammlung einzuberufen, 
der der Bürgermeister Rechnung legt. Die Deputiertpn zur Prü- 
fung der Rechnung bestimmt nicht der Rat, sondern die Gemeinde. 
Das Rechllungsjahl' des Bürgermeisters hört eine Woche vor der 
Kür auf, damit die Rechnungen abgeschlossen werden können. Ge- 
wählt wird der Bürgermeister von dem Rat aus seiner }litte, dem 
kulmischen Rechte gemässj die Ratmänner sollpn vorher schwören, 
dass sie keinen wüssten, der für das Amt geeigneter wäre. 
Die Schöffen, denen die Gericbtsverwaltung obliegt, haben 
ebenso wie die Ratmänner ihr Amt auf Lebenszeit. An ihrer 
Spitze steht der Schulz oder Stadtrichter, der jährlich zu
leich mit 
dem Bürgermeister neu gewählt wird. Es wird ausdrücklich be- 
stimmt, dass der Schulz nicht aus der Zahl der Ratmänner gewählt 
werden darf. Der Schulz führte im Gericht nur den Vorsitz, das 
Recht wurde von den Schöffen gefunden, an deren Spitze der 
Schöffenmeister (archiscabinus) steht. Über die Justiz haben wir 
nur wenig Nachrichten. Im W. Jahrhundert wird in Strashurg eine 
Hinrichtung wegen Zauberei und eine Ausweisullg wegen Diebstahls 
erwähnt. Im Jahre 1709 leiht sich Strasburg den Thorner Scharf- 
richter. Im Jahre 1739 fragt Strasburg bei dem Danziger Rat an, 
ob ein ver brecherischer Bürger im Danziger Zuchthause unter- 
I) Thorner Archiv (Katalog 2) I Nr.3328. Schreiben vom 12. Nov. 1722. 
2) Golluber Stadtbücher. 


...
		

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Il. Die polnische Zeit. 


gebracht werden könnte und erkundigt sich nach den Kosten des 
Unterhalts; es handelte sich um einen ,.in allen Lastern ersoffenen 
Mann," der wegen Lästerreden, Schand- ulld Übeltbaten aus der 
Stadt verwiesen war und darauf eine Meuterei angezettelt hatte.1) 
Die vier Deputierten der Gemeinde sollpn jährlich neu ge- 
wählt werden; die Gemeinde wählt sie aus ihrer Mitte, der Rat 
hat sie zu bestätigen. Die Wahl der vier Deputierten wird vor 
der Kür des Bürgermeisters vollzogen. Eine aktive Thätigkeit in 
der Verwaltung scheint den Gemeindevertretern nicht zugestanden 
zu haben; es wird bestimmt, uass wenn die GemeiiJde sie mit be- 
stimmten Aufträgen in die Sitzung des Rats sendet, dieser sie als 
Amtspersonen mit Ebrpn empfangen solL Stirht. ein Mitglied einer 
der drei Ordnungen, so soll in drei Tagen ein E,'satzmann gewählt 
werden. 
Am Tage nach det. Kür soll in feierlicher Versammlung 
auf dem Rathause die Stadtwillkür verlesen werden. Darauf er- 
folgt die Bestätigung der 3 Ordnung('11 durch den Starosten und 
ihre Vereidigung. Die Ämter waren Ehrenämter, jeder war zur 
Annahme der Wahl verpflichtet; nur ausnahmsweise werden einmal 
zwei Bürgpr von dem Schöffenamt bpfreit. 
Der Rat ernannte ferner jährlich je zwei Aufseher für den 
Markt, die Mälzbäm;er, die Bäcker, die Gastwirte, und mehrere 
Quartiermeister. Gollub war in zehn Quartiere eingeteilt, üher die 
jene die polizeiliche Aufsicht führten. Vor dpm Rat fanden ferner 
die Wahlen der Vorsteher der Innungen, dpr Schützengilde und 
der Elendenbruderschaft statt; der Vorsitzende wurde von dem Rat 
ernannt, sein Stellvertreter von der Körperschaft gewählt und vom 
Rat bestätigt. Ferner bestimmte die Willkür von lG22, dass der 
Bi"lrgermeister sobald als möglich einen Schornsteinfpger für die 
Stadt besorgen sollte, der von jeopm gpmauerten .Schornstein 
2 Groschen ulld von jedem aus Lehm 11/2 Groschen erhalten wird. 
Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in Gollub nach dem Beispiel 
anderer Städte ein besonderer Polizpibeamter (instigator officii 
consularis) ernannt, der auf nächtliche Ruhestörung, Schlägerei, 
Kartenspiel, Unzucht u. s. w. Acht haben sollte und der zur Er- 
muntprung den vierten Teil der Strafgelder erhielt. 
Der Rat ist in mehrfacher Beziehung an die Zustimmung der 
beiden andern Ordnungen gebunden. Er allein darf nichts von 


.. 


1) Dsnziger Archiv, Konvolut "Strasburg".
		

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			.. 


" 


7. Städtisches Leben. 


175 


städtischem Grund und Boden verkaufen oder bebauen lassen, ferner 
darf er allein niemand von den städtischell Abgaben befreien. 
Der Bürgermeister darf keine Bekllnntmachung öffentlich ausrufen 
lassen ohne die Zustimmung der Ratmänller. Der Rat darf den 
Bürgern keine ausserordentlichen Wachdienste bei 1'a
e noch bei 
:Kacht auferlegen ohne einen Bp.schluss der drei Ordnungen, ausser 
WHnll plötzlich unerwartete Ereignisse einträten. 
Die städtischen Abgaben sollen auf alle Bilrger gleich ver- 
teilt werden. Der Bürgermeister und die sechs Ratmänner aber 
Bollen nach altem Herkommen vom Haus- und Grundzins befreit 
sein. Rückständige Abgaben sollen energisch eingetrieben werden: 
wer nicht zahlt, HOU so lange aller bü rgerlicher Vorrechte verlustig 
gehen. In Zuknnft soll überhaupt kein Zahlungsaufschub gewährt 
wcrden; thut der Rat es, so soll er die Ausstände aus eigener 
Tasche begleichen. 
Kauf und Verkauf waren mit bestimmten Schranken nmgeben, 
vor allem der Handel mit Lebensmitteln. Bei den 
chwierigkeiten 
des Verkehrs auf den jammervollen Wegen konnten leicht lokale 
Teuerungen entstehen, wenn nicht l'ecbtzeitig Vorräte beschafft 
waren. Daher wird in der StadtwiIlki'lr wie in den Zunftprivilegien 
ein grosses Gewicht auf die Verpflichtullg gelegt, die Bedürfnisse 
der Stadt an Brot, Fleisch, Bier zu befriedigen; die Gewerke werden 
dafür verantwortlich gemacht, dass die Stadt keinen Mangel zu 
leiden habe. 
Der gesamte Handelsverkehr mit Getreide und Lebensmitteln 
soll sich einzig uud allein auf dem 
Iarkte abspielen, ausseI' an den 
Jahrmärkten, wo die ganze Stadt in einen Markt verwandelt war. 
Der Verkauf darf nicht Gesellen, Knechten oder andern unter- 
gcordneten Personell überlassen werden, sondern immer zwei, Mann 
und Frau, haben ihre Waren selbst zu verkaufen; ist einer ver- 
hindert, so muss er einen Stellvertreter besorgen. Wenn einer bei 
einem Wagen zu handeln anfängt, so soll. kein zweiter dazulaufen 
und il::n stören, oder - "Gott bewahre", sagt die Willkür - ihm 
etwas vor der Nase wegkaufen; dies letztere wird als besonders 
schweres Vergehen betrachtet und mit 10 Flor. bestraft. Erst wenn 
der erste den Handel abgeschlossen hat, darf der zweite heran- 
treten und sein Geschäft machen. Die Stadtbürger haben ein V 01'- 
kaufsrecht. Einmieter odal' Leute, die nicht das Bürgerrecht haben, 
sollen sich nicht untersteben, draussell vor der Stadt Lebensmittel 
vorweg einzukaufen oder an die Wagen heralllulanfen, wenn die
		

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Il. Die polnische Zeit. 


Bürger ihre Einkäufe besorgen. Erst nach dem eigentlichen 
Schluss des Marktes, wenn die Bürger eingekauft haben, kommen 
sie an die Reihe. Die Marktzeit wird dadurch angezeigt, dass an 
dem Rathause die Marktfahne aufgezogen wird, die bis 12 Uhr 
Mittags gehisst bleibt; auch soll der Stadtdiener öfft>ntlich aus- 
rufen, dass ein solcher Vorkauf von Nichtbürgern bei streng,'r 
Strafe verboten ist. 
Eine grosae Rolle im Marktverkehr spielen die noch zu er- 
wähnenden "Salzwaren" (Salz, Heringe u. dergl.). Der Grosshandel 
damit ist ein Vorrecht der Kaufleute, .die sie zum Kleinverkauf an 
die Budeninhaber auf dem Markte abgeben. Den Büdllcrn ist der 
Grossbandei streng yerboten; sie dürfen die Salzwaren nicht selbst 
in Thorn oder anderwärts kaufen, sondern haben sie von den 
Golluber Kaufleuten zu nehmen. Indessen sollen eie Kaufleute, 
die im Rat sitzen, ihre Amtsgewalt nicht für ibr Geschäft miss- 
lJrauchen. 
Neben den Büdnt>rn besteht noch eine zweite Klasse von 
Kleinhändlern, die Höker; die Willkür spricht speziell von Höker- 
weibern (przekupky). Diese haben ihre Buden auf dem 
Iarkte - 
denn alle Hökerbuden vor den 'l'horen oder an den Mauern sollen 
aufgehoben sein; sie dürfen aber den Büdnern keine Konkurrenz 
machen, speziell der Handel mit Salz waren ist ihnen untersagt. 
Die Rechnungsbücher aus dem Anfang des W. Jahrhunderts er- 
wähnen, dass diese Hökerweiber Früchte, Äpfel, Nüsse und andere 
geringe Waren feil hielten. 
Da der Markt ausschliesslich für den Handelsverkehr da ist, sollen 
alle Viehställe, die sich darauf befinden, abgebrochen werden, zu- 
mal da sie den Weg zu den Brunnen versperren. Ferner wird 
streng verboten, in den Marktbuden Brot zu backen und Bier zu 
schänken. Dies sei an sich widersinnig, sagt die Willkiir, da der 
Markt für den Verkauf von Salz waren und allderer Lebensmittel 
bestimmt ist. Ferner aber sei die Feuersgefahr zu grOBs, denn 
"beim Brodbacken, beim Trinken und Karteni:jpiel kann mall da!:! 
Feuer nicht entbehren." Zur Beleuchtüllg im Hause brannte da- 
mals noch der Kienspan. 
Sehr lästig fielen der Stadt die Einlieger (kolllornicy), die im 
Sommer auswärts Arbcit suchten und im Winter in die Stadt zu- 
rückkehrten. Die Willkür sagt: "Der Rat soll auch sorgfältig Acht auf 
die Einlllieter habell, die den Sommer Gott weiss wo zubringen und 
sich im Wintt>r mit ihrem Vieh in die Stadt eilldrängen, und welln 


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7. Städtisches Leben. 


177 


der Sommer wieder kommt, unverantwortlicher und liederlicher 
Weise die Stadt verlassen, um kurze Zeit auf Arbeit zu gehen. 
Die Stadt bat gar keinen Nutzen, sondern nur Schaden von ihnen. 
Der Rat soll dafür sorgen, dass sie keine Teuerung (durch eine zu 
zahlreiche Zuwanderung) in der Stadt verursachen, dass sie sich 
vor Liederlichkeit, Nicbtsnutzigkeit und Diebereien hüten
 dass ihr 
Vieh nicht in den Strassen um herläuft und Schaden anrichtet. 
Wenn sie aber ihr Vieh absichtlicb nicht auf die Weide treiben, 
sondern haufenweise auf den Markt laufen lassen, so Boll der neue 
städtische Scho rDsteinfegtJr die Tiere greifen und soll sie den 
Besitzern erst dann wiedergeben, wenn sie jedes Stück mit einem 
Groschen ausgelöst haben. Leute, die solche Einlieger (komornicy) 
zum Winter bei sich autnehmen -- sie werden selbst als Einmieter 
(najemnicy) bezeichnet - ohne dass der Rat seine Erlaubnis dazu 
gegeben hat, sollen bestraft werden. - 
Die Häuser waren meist von Holz. Die Bezeichnung "Stein- 
haus" für ein massives Gebäude war ein technischer Ausdruck - ein 
Beweis fflr ihre Seltenheit. Daher warell Stadtbrände von fürchter- 
lich verheerender Wirkung. Die Strassen waren noch ungepflastert, 
und mit ihrer Reinlichkeit sah es trotz aller Bestimmungen des 
Rats übel aus, zUlllal da die Bürger ihr Vieh in der Stadt hielten. 
Wer in Gollub ein Haus kaufte, musste Dach einem Zinsregister 
von 1511 dem Rat fünf Schilling und ein Fass Bier geben. Wer 
das Bürgerrecbt erwerbell wollte, bezahlte als Bürgergeld neun 
Groschen und dem Stadtschreiber einen Groschen, dem Rat gab 
er ein Pfund Pfeffer. 
Über den städischen Grundbesitz haben wir für lias )Iittel- 
alter keine besonderen Quellen; im allgemeinen waren die Ver- 
hältnisse im Ordenslalld folgende: Es wurden Grundstücke zu Haus und 
Hof( area) ausgemessen, deren G rösse nicht n ur in den einzelm'n Städten 
sondern auch in eill und derselben Stadt je nach der Lage verschieden 
war i die am Markte hatten meist eine schmälere Front als 
die übrigen. Ausser diesen "Hofstätten" gab es "Buden", kleinere 
Grulldstücke, die in abgelegeneren Stadtteilen lagen. Von den 
Höfen und Buden wurde meist nur ein niedriger Zins erhoben, 
der nicht dem Werte des Grundstücks entsprach, sondern nur die 
Anerkennung des Obereigentums deB Ordens ausdrückte. Über die 
Preise der städtiscben Grundstücke in S tra s burg geben uns die 
Schöffenbücher dieser Stadt Auskunft; sie sind sehr verbchieden, 
und es entzieht sich fast immer unserer Kenntnis, ob Sie im ein- 
12
		

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II Die polnische Zeit. 


zelnell Fall hoch oder niedrig gewesen sind. Ein Häuschen bei 
der Pfarrkirche wird für 15 Mark verkauft, eine Scheune mit einem 
Gärtchen "nabe bei den Schiessstangen" für 20 Mk., ein Garten 
auf der )!'ischerei für 18 Mk., ein Haus in der Fleiscbergasse fü\' 
102 Mk., eine Baustelle ebendort für 5 Mk., ein Haus in der Neu- 
stadt für äO, ein andres für 200 Mk. Eine Baustelle am Ringe 
kostete 80 Gulden, ein Haus in der Schlossergasse 108 Mk. Da- 
neben kommen aber auch erheblich 11öhere Preise vor. Im Jahre 1603 
verkauft der Apotheker Georg Tarnovius ein Mälzhaus samt einem 
HäuBchen daneben und einem umzäunten Platze für 350 Mk. Die 
höchste Summe, nämlich 975 Mk., wurde 1559 für ein Eckhaus 
am Ringe, "in Mälzhaus mit einem Garten und einem Vorwerk 
"im Winkel an der Drewenz" gezahlt. Die oben erwähnte Bude 
unterm Rathaus kaufte dpr Schotte Hans Grinlis 1573 für 110 Mk. und 
verkaufte es im folgenden Jahre sein
r Schwiegermutter für 200 Mk.; 
der Preis und der hohe Grundzins von vier Mark, den die Stadt 
erhob, lassen die gute Geschäftsgegend erkennen. 
AusseI' diesem Grundzinse ruhten auf vielen Häusern noch 
andere Zinsen, dip in den Verkaufliverträgen des 16. Jahrhunderts 
namhaft gemacht wprden. Sie enstanden dadurch, dass auf die 
Grundstücke Geld 
eliehen wurde. Regelmässig sind die Zinsen an 
Korporationen zu zahlen. Hypotheken von Privatleuten werden nie 
in den Verträgen erwähnt; dieser Geldverkehr scheint nur die 
Form des Personalkredits und der V f'rpfändung gehabt zu baben. 
.Jene Korporationen sind meist geistliche Bruderschaften, wie die 
Marienhruderschaft, die Elendenbruderschaft, die vom heiligen 
Leichnam; aUt!serdf'm kommen die Fiscbergilde und die Schützen- 
gilde in diesem Zusammenhange vor. Die folgende Urkunde ist 
ein BeiRpiel einps Freimarkts (Häusertausches) auS dem Strasburger 
Schöffen buch von 1603. Im Allgemeinen wird das Haus ohne In- 
ventar verhauft: "erd- und nagelfest und rehnrecht" (rainrecht d. h. 
richtig in seinen Grenzen, Rainen.) In diesem Falle wird ein Teil 
des Inventars mitverkauft: 
"V or diesem gehegten Bürgerdinge sind persönlich gestanden 
der Ehrbare Peter Schönwaldt eines- und Georg Kaldunek Bürg;er 
allbie samt seiner Hausfrauen Elisabeth in Vormundschaft des Ehr- 
baren Ambrosii Rywalsky Schmiedes ihr zu diesem Akt erkornen 
und beRtätigten Vormunds andern Teils, daselbst einen aufrichtigen 
Freimarkt ibrer Häuser verlautbaret und bekannt, nämlich also: Es 
haben gemeldete Ehegattell Georg Kaldunek und Elisaheth ihr
		

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7. Städtisches Leben. 


179 


Haus gelegen am Ringe zwischen Herrn Michaelis Kuntzen und 
Stentzel Zarychta Häusern dem Ehrbaren Peter Schönwaldt und 
seinen El"ben erblich mit allem, was erd- und nagelfest ist, und 
allen andern Dazugehörungen als Äckern und Lösern, einem Harnisch 
und Panzer, einem Schaff, Tildche und einer Winde, auch 8 1 / 2 Schilling 
Grundzins zu Rathause aufgetragen, übergeben und verfreimarket. 
Dagegen hat auch der Ehrbare Peter Schönwaldt ihnen 8ein Haus, 
gelegen zwischen Sebastian Schuttenheurs und Greger Drozdzaks 
Häusern mit allen Dazugehörungen, auch Äckern und Lösern, ge- 
meldeten Ehegatten Georgio Kaldunek und Elisabeth erblich auf- 
getragen, übergch!'n und verfreimarket und 370 Mark preussisch 
ihnen zugegeben. Welche Summam gemeldete Ehegatten von ihm 
baal' empfangen und ihm wegen empfangener derselbigen quittiren 
thun, auch wegen guter Bezahlung Dank sagen; angelobend einer 
dpm anderen wegen allerlei und männiglicher Zusprüche (Ansprüche) 
zu den Häusern guter Gewähr zu sein. Wofern sich aber je eine 
Schuld an des Georg Kalduncks resigllirtem Hause finden würde, 
Boll dieselbe der Georg Kaldunek selbst zahlen und seine Creditores 
befriedigen. Welcher Contrakt des Freimarks, weil sie beide 
Parten einander stets, ewig und unwiderbrüchlich zu halten angelobet, 
also ist er auch durchFug und Urteil von Einem Ehrbaren Gericht krä.ftig 
erkannt und beliebet zu ewigen Zeiten. Und ist demnach eincmjedcn 
sein aufgetragenes Haus vom Herrn Richter dargelanget und über- 
geben, wie im Lande Recht ist. Zeugen: Richter und Schöffen eines 
vollrnächtigen gehegten Biirgerdinges, von Rechts wegen." 
In diesem Vertrage erfordert der Umstand Beachtung, dass 
das Haus "mit allen Dazugehörungen, Ackern und Lösern" verkauft 
wird. Diese Formel ist für die Verkäufe des Strasburger Schöffen- 
buches von 160:J-7 typisch, während in dem älteren von 1554-75 
der zu den Häusern gehörigen Äckerlose auf dem Stadtfelde nur 
äusser"t selten gedacht wird. Jene :,Äcker und Löser" bedeuten 
einen Anteilbesitz an dem Stadtfelde. Der deutsche Orden hatte 
jede Stadt bei ihrer Gründung mit Landbesitz ausgestattet. Der 
Eigentümer desseihen war die Stadtgemeinde, die Nutzung hatten 
die Bürger. Und zwar war die Mitnutzung des Stadtfeldes das 
Y orrecht des Vollbürgers, die Vollbürgerschaft aber beruhte auf 
dem Besitz einer ganzen Hofstätte (area). Diese Bürgeräcker be- 
standen nicht aus einem zusammenhängenden Stück Land, sonderD 
aus einer Reihe von Parzellen in den verschiedenen Gewannen,l) 
I) Vgl. oben S. 30. 


12* 


...
		

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			180 


II. Die polnische Zeit. 


dergestalt dass jeder Besitzer Grundstücke In allen drei Feldern 
(Winterfeld, Sommerfeld und Brache) hatte. Diese Bürgeräcker, 
die auch Radikaläcker oder kurz Radikalien genannt werden, bil- 
deten also einen integrierenden Bestandteil des Bürgerhauses. Nun 
ist es aber auffällig, dass die Zugehörigkeit der Ackerlose zu dem 
Bürgerhause in dell Kaufverträgen des Schöffenbuches von 1603-7 
sehr viel schärfer betont wird als 30 Jahre vorher. Das lässt 
auf soziale Gegensätze ulld Kämpfe schliessen. Entweder ist von 
einer Seite versucht worden, den Kreis der N'utzungsberechtigt(>n 
enger zu ziehen, oder von der andern, ihn zu erweitern; das Er- 
gebnis war jene bestimmtere Formulimung der Berechtigungen in 
den Kaufverträgen. Dieselben sozialen Erscbeinungen können wir 
in Gollub auf einem andern Gebiete genauer beobachten. 
Es ist nicht klar, ob die Einteilung in die drei Ordnungen 
(Rat, Gericht und dritte Ordnung) allein auf die Stadtverwaltung 
zu beziehen, oder ob die gesamte städtische Einwohnerschaft in 
diese drei Klassen eingeteilt gewesen ist. Es scheint, dass die bei- 
den ersten Ordnungen nicht llur aus den gerade im Amte befind- 
lichen Ratmännern und Schöffen bestanden hat. Die häufig wiederk{'h- 
rende Bezeiclmung von Rats- und Gerichtsverwandten lässt 
darauf schliessen, dass eine immerhin beschränkte Allzahl von Fa- 
mi I i enden Rat und das Gericbt gebildet haben, aus deren Kreise 
sich die beiden Behörden in Todesfällen ergänzten. Die beiden 
ersten Ordnungen waren gegen einander nicht schroff abgeschieden; 
so wird in Strasburg der Goldscbmied Christof Krell Hi35 als 
Gerichtsverwandter und 1641 als Ratsverwandter genanllt; 16'51 
war er Bürgermeister. Dagegen scheint zwischen den bei den ersten 
Ordnungen, die den eigentlichen Magistrat bildeten, und der dritten 
Ordnung ein weiterer Abstand bestanden zu haben, der wohl auf 
den mittelalterlichen Unterschied von Vollbürgern und Schutzver- 
wandten zurÜckgeht und auf den spätern Gegensatz von Gross- 
und Kleinbürgern hinüberführt. Der Grossbürger hat einen Anteil 
an dem Stadtfelde, während dem Kleinbürger nur die Nutzung der 
Gemeindeweide und zwar gegen eine höhere Gebühr eingeräumt 
ist, und zweitens hat er allein das Vorrecht Bier zu brauen. 
Der Gegensatz war übrigens insofern nicht unüberbrückbar, als der 
Kleinbürger durch Erwerb eines GrossbürgerhauBes selbst ein 
Grossbürger wurde. 
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts scheint nun der Kampf um 
diese V orrecbte heftiger entbrannt zu sein. Während wir ihn in
		

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			7. Städtisches Leben. 


181 


Strasburg nur mittelbar daran erkennen können, dass die Besitzer 
von (Gross-) Bürgerhäusern ihr Recht an der Nutzung des Stadt- 
feldes stärker betonen. lässt er sich in Gollub auf dem andern Oe. 
biete, nämlich Leim Brauwesen, deutlich verfolgen. Es handelte 
sich darum, ob nur der Rat und das Gericht und die Kaufleute, 
oder auch die andern Bürger, vor allem die Handwerker das Recht 
hätten, Bier zu brauen. Auch die preussischen Stände baUen sich 
gegen das Braurecht der Handwerker ausgesprochen, und die Stadt 
Gollub nahm If>74 diese Bestimmung an. Nach langem Streiten und 
Prozessieren wurde in der Willkür von 1622 dieser exklusive 
Standpunkt aufgegeben. Aber im Jahre 1635 erwirkte der 
Rat au:! der königlichen Kanzlei ein entgegengesetztes Reskript, 
das wiederum 163fi von König Wladislaus IV. aufgehoben wurde; 
er bestätigte die Bestimmungen der Willkür von 1622.1) Danaeh 
soll das Braurecht nicht abhängig von der Person, sondern von der 
Grösse des Grundstücks sein. Wer ein ganzes Grundstück besitzt, 
darf, wenn die Reihe an ihn kommt, ein ganzes Gebräu herstellen. 
Wer nur eine halbe Hofstatt besitzt, soll sich mit einem Gleichge- 
stellten zusammen thun und darf mit diesem ein ganzes Gebräu 
brauen. Ein Besitzer von zwei Häusern darf von jedem das Recht 
herleiten zu brauen u. s. w. 
Die Golluber Stadtwillkür von 1622 bestimmt über das Brau- 
wesen folgendes: Jeder Bürger darf in der Reihenfolge, wie sie 
jedes Jahr rur die Brauberechtigten aufgestellt wurde, in den 
städtischen Brauhäusern Bier brauen. Es waren drei Brauhäuser, 
also brauten immer drei Bürger gleichzeitig. Jeder durfte zwei 
Tage lang brauen. Wer an der Reihe ist, aber kein fertiges Malz 
hat - die 
rälzhäuser waren nicht städtischer, sondern Privat- 
besitz - soll es rechtzeitig dem Dach ihm drankommenden Nach- 
barn anzeigen. Der Bürgermeister und die Ratmänner dürfen zur 
Entschädigung für ihre unentgeltlich geführten Amtsgeschäfte drei- 
mal im Jahre besonders ausser der Reihe brauen, zu Weihnachten, 
Ostern und Johanni. Zur Vermeidung von Zwietracht darf der 

 Rat niemand ausser der Reihe brauen lassen, ausser bei besondern 
festlichen Anlässen; dann dürfen auch die Bruderschaften altem 
lIerkommell gemäss brauen. Auswärtige Personen, der Adel und 
Einwohner, die das Bürgerrecht nicht besitzsn, dürfen weder Malz 
noch Bier herstellen. Wer nicht im Besitz einer ganzen Hofstätte 


I) Golluber Stadtbücher. 


-
		

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			182 


II. Die polnische Zeit. 


und des dazu gehörigen Morgens auf dem Stadtfelde i9t und daher 
kein ganzes Gebräu herstellen darf, soll sich für das ganze Jahr 
mit einem zusammenthun, der sich in gleicber Lage befindet; sie 
haben sich in der Versammlung nach der Kür des Bürgermeisters 
bei diesem zu melden, um sich in das Register der Braubel'echtigten 
eintragen zu lassen. Wer beim Brauen auf irgend einer Unredlich- 
keit ertappt wird oder ausser der Reihe braut, soll zur Strafe 
einmal ausgelassen werden. Soll einmal aus besonderem Anlass 
schnell Bier gebraut werden, so hat der Rat die Vollmacht, die 
Reihe zu durchbrechen. 
Märzenbier darf jeder der Reihe nach brauen. Es darf erst 
nach vier Wochen ausgescbänkt werden, bei Strafe der Konfiskation; 
dann veriallt die eine Hälfte dem Spital und die andere dem 
Stadtschatz. Wenn einem das Bier missrät, so sollen die Schänker 
eine genaue Untersuchung der Ursacben anstellen, zur allgerneillen 
Belehrung. 
Zum Spunden des Bieres gehören drei Diener, die die Bürger 
zu beköstigen haben; der Bürgermeister soll sie ermahnen, nüchtern 
und fleiBsig bei der Arbeit zu sein. An den Jabrmarkttagen müssen 
die drei aber dem Bürgermeister zur Hand sein und sollen 
durch drei andere ersetzt werden. Die Ausfuhr von Hopfen wird 
verboten. Die Willkür wendet sich hier vornehmlich gegell die 
Scbotten; falls sie Hopfen aufkaufen und nach anderen Städten 
verschicken, sollen sie ausgewiesen werden. 
Die Bestimmungen über das Brauwesen von 1(j
2 sind übrigens 
später nicht aufrecht erhalten worden, es gelang schliesslich doch, 
den Kreis der Brauberechtigtell enger zu zieben; im 18. Jahrhundert 
finden wir auch in Gollub den Gegensatz von Gross- und 
Kleinbürgern. Diese sozialen Kämpfe um die Braugerechtigkeit 
lassen die Wichtigkeit dieses NahrungBzweiges erkennen; noch 
Goldbeck nennt um 1789 bei allen preussischen Städten die Brauerei 
als eins der wichtigsten bürgerlichen Gewerbe. Die Golluber Stadt- 
bücher geben hierüber noch speziellere Auskunft. In dem sieben- 
jährigen Kriege geriet die Stadt Gollub in folge der Requisitionen 
der russischen Armee in Schulden. Um diese zu decken, beschloss 
der Rat einige Gebräue Bier zu verateigern, d. h. den Meistbieten- 
den einmal ausser der Reihe brauen zu lassen. Für das Gebräu 
wurden 160 Gulden gezahlt, so 
ass die Stadt sich durch 
die Versteigerung von sechs Gebräuen ihrer Verpfiicbtungen ent- 
ledigen konnten. AUR späteren Akten erfahren wir, dass ein Gebräu 


.
		

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			. 
I 


-- 


7. Städtisches Leben. 


183 


20 Tonnen enthielt, die rronne zu 40 Stof (das GoUuber Stof ent- 
sprach 11/4 Berliner Stof). 


Was den Handel betrifft, so wird E!chon zur Ordenszeit ge- 
legentlich die Holzflösserei auf der Drewenz erwähnt, ebenso der 
Handel, den Strasburger Bürger mit A!:Iche tPotasche) trieben}) 
In dem Einfuhrhandel spielten die "Salzwaren", d. h. Salz und ein- 
gesalzene Fische, besonders B ering und Dorsch
 eine bedeutende 
Rolle. Der Markt für diese WareIl war Danzig. Wegen dieses 
Handels waren die nrewenzstädte lange Zeit in Streit mit Thorn, 
das nach dem Vorbilde der deutschen Reichsstädte eine autonome 
Handelspolitik trieb und für die Durchfuhr Zölle erhob. Im Jahre 
1536 klagten GoUub, Strasburg und Neumark auf dem preus:!ischen 
Landtage, dass Thorn ihre Bürger hinderte, die Weich!:lel aufwärts 
zu fahren. 2 ) Hauptsächlich erregten die Zöllt', die Tl10rn eigen- 
mächtig erhob, begreifliche Entrüstung. Im Jahre 1539 verlangtf'n 
die Landboten freie Schifl"ahrt auf der Drewenz, "weil die Thorner 
die Salzzufuhr den Einwobnern der Dist.rikte Strasburg und 
lichelau 
verhinderten."3) Gegen den Salzzoll sprachen die Strasburger auch 
1547 auf dem Landtage zu Worruditt, und zugleich beschwerten 
sie sich darüber, dass die Thorner bei Leibitscb eine neue Schleuse 
angelegt hätten, die die Schiffahrt verhindere. Beides sei wider 
die Grundf'ätze des Landes, wonach aUe Flüsse frei seien und keine 
Zölle erhoben werden dürften. Die Thorner erwiderten, dass sie 
zur Errichtung der Mühle mit der Schleuse durch ein königliches 
Privileg (von 1527) berecl1tigt wären; von dem Salzzoll wüssten sie 
nichts.4) Zwei Jahre später, 1549, kam die Leibitscher 8chleuse 
aufs neue zur Sprache. Der Golluber Starost Stanislau8 Kostka.. 
zugleich LandesEchatzmeister von PreUEsen und Woiwode von 
POlllruerellen, hatte dort, als er die Drewellz abwärts fuhr, mit seinem 
Fahrzeug 13chaden erlitten und nahm sich der Sache eifrig an: 
Thorn solle die Mühle niederreissen. Der ermländische Bischof 
und der )Iarienburger Woiwode stimmten ihm bei; die Stände 
würden bei dem König Klage führen: "es sei denen von Thorn 
viel anständiger, so sie die Mühle aus freiem Willen niederrissen, 


1) DO. Brief A. 1407, August. - 14078 Schiebl. LlIa. 101, 103, 105. 
_ Thorner Archiv (Katalog 1), Nr. 1040 a. 1447. 
2) Lengnich I 171. 
3) LeDgnich I 185. 
4) Lengnich I 3U5.
		

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			184 


U. Die polnische Zeit. 


als wenn sie solches vermöge eines abgesprochenen königlichen 
Dekrets thun müssten." Tborn berief sich aber auf den 
'reibrief 
Sigismunds J.I) So geschah nichts, und 1552 klagten die Städte 
Strasburg und Gollub aufs neue. Durch die Anstauung des \Vassers 
würden die 
'lusswiesen verdorben und sogar die Mauern und 
Türme beschädigt. 2 ) Auch wurde Beschwerde über das Handels- 
monopol gefiihrt, das Thorn ausübte, indem es die Strasburger 
verhinderte Salz und Heringe weicbselaufwärts zu verschiffen. 3 ) 
Dieselbl'n Klagen kehrten in den nächsten Jahrzehnten wieder; 
'l'horn legte den selbständigen Handel der kleinen Städte lahm, 
indem es sie zwang, alle Waren von seinen Kaufleuten zu ent- 
nehmen. 4 ) Daraus entspannen sich lallgjährige Prozesse mit Thorn. 
das von seinen Rechten nichts aufgeben wollte. Endlich entschied 
1587 ein Schiedsgericht unter dem Vorsitze des Kuhner Bischofs 
Peter Kostka, dass jede der drei Drewenzstädte jährlich bis zu 
200 Last an Salzwarl"n verschifl"en dürftf'; df'n Bürgern sollte 
hierüber die heimische Stadtverwaltung Zertifikate ausstellen. 5 ) Im 
Thorner Archiv habcn sich eine gros8e Zahl solcher Zoll zertifikate 
aus den Jahren 1580-1ü12 erhalten. Die Kaufleute von Gollub, 
Strasburg uud Neumark kauften die Waren in Danzig ein und 
schifften sie in ihren Kähnen die Weichsel und Drewenz hinauf. 
Einmal wird ein Fass französischer Wein deklarirt. Die Waren 
sowie die Kähne waren das Eigentum der Kaufleute; regelmässig 
wird angegeben, daAs eigen Gut im eigenen Gefäss oder Kahn ver- 
schifft wird. Ein solches Zollzertifikat lautet folgendermassen : 
"Wir Bürgermei8ter und Ratbmannen der königlichen Stadt Stras- 
burg in Preussen, nach Erbietung unser willfährigen Dienste einem 
jedem nach Standes Gebühr, thun Kund und bekennen hiermit 
öffentlich, dass Zeiger dieses der Bürger Simon Biener unser Mit- 
bürger vor uns amJgesaget, wie er die Dl'öbnitz aufwärts seines 
eignen gekauften Guts in seinen zweien Gefässen, zwanzig Last 


1) Lengnich II 33. 
2) Der Streit über die Leibitscher Schleu8e dauerte noch lange. Vgl. 
Märcker, Thorner Kreisgeschichte unter: Leibitsch. Im September 1746 bat 
der Strasburger Rat den Thorner, die Leibitscher Schleuse zu öffnen, da bei 
dem hohen Wasserstande Gärten, Wiesen und Äcker überschwemmt würden, 
und das Wasser sogar in die Häuser eindringe. Der Thorner Rat bestritt 
indes, dass die Leibitscher Schleuse Schuld daran wäre. lThorner Archiv.) 
3) Lengnich II 81;. 
4) Lengnich II 216. III 22f. 107. 142. IV 132. 
5) Golluber Stadtbücher. 


t
		

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			7. Städtisches Leben. 


185 


Ralz und eme Last Hpring anhero nach Strasburg aufHchiffet. Zu 
Urkund der Wahrheit haben wir unser Stadt Insiegel hierunter 
aufdrucken lassen. (Tp!'lchehen und gegeben Strasburg in Preussen 
den 16. Juli a. D. 1604."1) 
Ein Handpisplatz für Getreide scheint Strasburg zur pol- 
nischen Zeit nicht gewesen zu spin, ausser so weit der Bedarf der 
Bürgerschaft zu decken war. In der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts wenigsten wurde das Getreide von den Gütern, die über- 
haupt einen Überschuss über den eigenen Bedarf erzeugten, 
nach Graudenz verkauft; namentlich das friderizianische Kontri- 
kationskataster macht hierüber genaue Angaben. Der Thorner 
Getreidehandel dagegen bezog- die Ware aus Polen. Interessant 
i!'lt ein Bericht des Verwalters der hischöflich KulmAr Gütpr von 
1531, dass das Getreide von Plowem:, Löbau, Briesen und Rehden 
nach Graudpnz, und das aus Althausen nach Kulm gefahren wurde, 
wo der Bischof eigpne Speicher natte; von hier aus wurde es nach 
Danzig verschifft. 2 ) Schon in der Ordenszeit hat man, wie aus einer 
Notiz des Tresslerbuches von 140R zu ersehen ist, Getreide direkt 
von Strasbur
 nach Graudenz fahren lassen.3) Graudenz ist bis 
über die Mitte dieses .JahrhundertR der Getreidemarkt des Stras. 
burger Kreises geblieben. 
Die Wochen- und Jahrmärkte gehen zweifellos schon auf die 
Ordenszeit zurÜck. Sigismund 1. hat den Städten aufs neue diese 
Rechte vprliehen. Tm Jahre 1757 erhielt Strasburg das Recht, einen 
Flöss- und Brückenzoll zu erhphen, um daraus die Rl'paraturkosten 
der Brücken und des Strassenptlasters zu bpstreiten. Von jedem 
Lastwagen eines auswärtigen Hänulera sollte ein Gulden Brücken- 
geld, von einem polnischen Unterthanen 15 Groschen, von einem 
Juden (denen iJl PrpuRsen eigentlich überhaupt verboten war Handel 
zu treiben) zwei Guldpn entrichtet werden. Für jedes Stück Rind- 
vieh war ein Groschen, für ein !:-1chaf ein Schilling, für jedes Schock 
FlöAsholz ein Baum odpr ein Gulden zu erheben 4 .) 
Es kennzeichnet den Rückgang des Verkehrs, dass nach der 
t I,ustration von 1738 in diesem Jahre der BrflCkenzoll nur 75 Tymf 
I und der Flösszoll in den letzten vier Jahren gar nichts einge- 
hracht hatte. 


I) Thorner Archiv (Katalog 2), XIV 11. 19. 
2) Wölky 729. 
3) Tresslerbuch 460. 
4) Zermann, Chronik Strasburgs S. 90 ff. 


.--
		

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Ir. Die polnische Zeit. 


8. Städtisches Leben. 
Ir. Die Innungen. 
In dem städtischen Leben bildete allgemein gesprochen der 
Kaufmann den ersten und der Handwerker den zweiten Stand. Eine 
strenge Scheidung ist freilich SChOll sachlich nicht möglich, da mit 
dpm Handwerk vielfach eine kaufmännische 'J.'hätigkeit in grösserem 
Stil verbunden war. Gewprke wie die der Tuchmacher gehörten 
auch in grössern Städten zum Patriziertnm. Was man heute unter 
Industrie versteht, war damals, soweit es schon vorhanden war, 
Handwerkerarbeit. Die soziale Stellung und die ötl'entlicheThätigkeit 
der Handwerk8meister hat sich in den einzelnen westpreussischell 
Städten gemäss deren wirtschaftlicher Entwickelung verschieden ge- 
staltet. In kleineren Landstädten wie Straslmrg, wo der Handel 
nicht eine so überwiegende Rolle spielte wie in ThorD und Danzig, 
konnte auch der Handwerker zu politischem Einfluss gelangen. 
Ein Beispiel ist der schlesiscbe Goldschmied Christof Klell 
III Strasburg, der ein Diplomat Im kleinen Stil, in den 
Religionskämpfen mehrfach an den königlichen Hof reiste und die 
Verhandlungen mit den grossen evangelischen Städten führte. 
Über das Handwerks- und Innungswesen unserer Städte in der 
Ordenszeit sind nur wenige und belanglose Nachrichten vorhanden. 
Im Jahre 1441 wurde auf der Tagfahrt zu Elbiug über einen Streit 
zwischen der Stadt und den Fleischern vprhandeltj die Stadt wollte 
einmal in der Woche einen freien Fleischmarkt haben, die Fleischer 
aber wehrten sich gegen diese Beeinträchtigung ihres Handwerks, 
da sie doch von ihren Bänken Zins zu zahlen hatten. Eine Ent- 
scheidung wurde von den Ständen nicht gefällt.1) - Für die Tuch- 
macher wurdp 1417 eine Verordnung erlassen, "Landtuch" (d. h. 
im Lande hergestelltes Tuch) nicht in ganzen .,Laken", sondern nur 
"was da geschnitten ist, also Manteltuch, Rocktuch", ins Ausland 
zu exportieren. 2 ) llu Jahre 14:35 beschwerten sich die Städte 
Thorn, Strasburg, Gollub, Schönsee und Rehden beim Orden über 
die Kannengiesser, Kürschner und Wollen weber. Darauf verordnete 
der Hochmeister mit den Stänuen am 2. Dezemher: Die Kannen- 
giesser sollen die Kannen von 2 Pfund Zinn und 1 Pfund Blei 
giessen, Schüsseln und 'J.'eller (das Porzellan war noch nicht er- 
fundell) von 5 Pfulld ZiIm und 1 Pfund Blei und Standen und 



 


1) Ständeakten 11 344. 
2) Ständeakten I 313.
		

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			8. Städtisches Leben. 


187 


It 


Flaschen von reinem Zinn. Jedes Stück soll das Zeichen des Meisters 
und seiner Stadt tragen. Den Kürschnern und Wollwebern wurde 
verboten, Pelze, Futler oder andere Arbeit aus ausgeraufter, schlechter 
Wolle zu machen. Im Falle des Zuwiderhandelns sollpn die Ge- 
schworenen des Werks den Kannengiessern ihre schlechte Ware 
zerschlagen und dem 
leister auf 1/4 Jahr das Handwerk legen; den 
Kürscbnern soll ihre scblechte Ware weggenommen und unter arme 
Leute verteilt werden. Ausserdem sind sie mit einer willkürlichen 
Geldbusse zu belegen) 
Die heutige Schneiderinnuug besitzt ein Petschaft mit der 
Umschrift: "sartores civitatis Brodnicensis 1314." Das Petschaft 
stammt, wie SChOll der polnische Name der Stadt beweist, nicht 
aus der Ordenszeit selbst; die Form der Buchstaben weist auf das 
17. oder 18. Jahrhundert hin. Aber die Jahreszahl mag auf einer 
guten Überlieferung beruhen; wenn die Stadt Strasburg kurz vor 
129
 gegründet war, so kann sehr wohl die Schneiderinnung im 
Jabre 1314 förmlich gegründet und privilegiert worden sein. Zunft- 
privilegien aus der Ordenszeit besitzen wir nicht mehr; doch giebt 
sich eine Willkür der Schneider von 1604 als Erneuerung einer 
Urkunde von 1426 aus. Es he isst am Schlusse dieser Urkunde: 
"dielier Brief ist geschrieben und gegeben worden im Jahre 1421i"; 
auch die Namen der )Iitglieder des städtischen Raths werden ge- 
nannt: David Laugefeld, Bürgermeister, Bernhard Krudener sein 
Kumpan (Stellvertreter), Andreas Bel'ker, Peter Farhabe, Peter 
Waisgris, Siebeneiche, Dietrich Gobel, Johallll Linke. Aber der 
Inhalt jener Urkunde von 1604 trägt deutliche ZU8ätze aus späterer 
Zeit und kann daher erst bei dem Innungswesen der polnischen Zeit 
berücksichtigt werden. 2 ) 
Ein dputlicheres Bild von den Zünften gewinnen wir erst im 
17. und IR. Jahrhundert. Wenigstens gilt das von den Strasburger 
Gewerken. Von denen in Gollub und r.autenburg ist nur wpnig 
auf uns gekommen; in Gurzno hat überhaupt nur eine Innung, die 
der Schuhmacher, be:!tanden. Die Innung ist ein "deutsches Rechts- 
1) Thorner Archiv (Katalog I) Nr. 880. 
2) Professor Chudzinski hat in seinem Aufsatz über die Strasburger 
Schneiderinnung (s. u.) versucht, den älteren Kern aus der Urkunde heraus- 
zuschälen. Die betr. Sb'He lautet: Pisan y dan jest ten list tego czasu, 
gdybyl burmistrzem pan Dawid Langefeld, Bernard Krudener kompan jego, 
Andrzey Bekier, Peter FOt'habe (Chudzinski liest irrig: Yornabe), Peter 
Waisgris, Sieben eiche, Dytrich Gobel, Ioannee llnke, roku Panskiego 1426go 
w dzien S. Macieia Ewangelisty. 


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11. Die polnische Zeit.. 


institut. Sie hedeutet den korporativen Zusammenschluss df's Hand- 
werks. Wenn ihr Hauptzweck die Förderung ihrer wirtschaftlichen 
Intcressen gewesen ist, so waren sie doeh kein ausschlipsslich wirt- 

chamicher sondern zugleich ein eminent sozialer Verband. "Die 
Zunft erfasste den Menschen nicht in einer bestimmten Richtung, 
sie wandw sich nicht an den Erwerbsmann allein in ihm, sondern 
sie bemächtigte sich seiner ganzen Per,;önlichkeit, und darin zumeist 
lliag das Geheimllis ihrcr überraschenden Kraft gelegen haben. Sie 
bewahrte den pinzelncn vur Vereinsamung, erweckte in ihm Ge- 
nORsenschaftsbewusstsein und Gemeingefiihl". 
icht nur die Hand- 
werker selbst, sondern auch ihre Familien gehörten der Zunft an, 
selbst ihr Privatleben stalld unter der Kont.rolle des Gewerks. 'Wie 
alle mittelaltcrlichen Körpcrschaften trugen auch die Innungen einen 
kirchlichen Zug, die wohlhabenden Gewerke besassen eigene Altäre, 
und noch im 17. und 18. Jahrhundert wurden Strafgelder in der 
Naturalleistung von Wachs erhoben.. 
Freilich war im 17. Jahrhundert die Blütezeit der Innungen 
schon vorüber, und mit dem wirtschaftlichen Rückgange begann 
eine Versteinerung der Korporation. Diese Entwickelung ist keine 
Eigentümlichkeit unserer Provinz, sondern sie vollzog sich in ganz 
Deutschland. Die Innungen nahmen einpn exklusiven Charakter an, 
si£' bekämpften nicht nur aufs entschiedfmste jede unzünftige Kon- 
kurrenz, sondern beschränkten auch die Zahl ihrer Mitglieder. Ende 
des 17. Jahrhunderts ist die 
Iitgliederzahl der Bäckerzunft in 
Strasburg auf 8 l\leister, die der Schneider auf li festgelegt. Der 
Eintritt wird Fremden erschwert, Meistersöhne und die Männer 
von Meistertöchtern und -witwen werden bevorzugt, die Zunftbänke 
werden erblich; in Gollub wurden Hi23 die Söhne der Bäcker- 
rueister von der Ablegung der Meisterprüfung befreit; die Stras- 
burger Tuchmacher mussten nach dem Statut von 1647 Grundbesitz 
in der Stadt erwerben. Das 18. Jahrhundert sah den gänzlichen 
wirtschaftlichen Verfall der Innullgen; Friedrich der Grosse hat sie 
auf ganz neuer Grundlage wiederhergestellt. 
Die äussere Organisation der Innungen im 17. und 18. Jahr- 
hundert ist üherall dieselbe. An der Spitze stehen zwei Älter- 
männer, der eigentliche Vorsitzende wird VOn dem Rat, sein Stell. 
vertreter von der Zunft gpwählt; die Amtsdauer beträgt ein Jahr. 
Die Verwaltung der Geschäfte untersteht der Aufsicht eines Ratsherrn, 
der Gewerkspatron oder Werkmeister genannt wird. Wir stellen in Fol- 
gendem die Nachrichte' über die einzelnen Gewerke zllsammen. 


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			8. Städtisches Leben. 


189 


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lJie Strasburger Bäckerinnung.1) Im Jahre 1694 bestätigte der 
Stra8burger Rat die Satzungen des Gewerks der Loshäcker. Die 
bei den .Älterleute haben nach Ablauf des Geschäftsjahres Rechnung 
zu legen. Kein ÄltermaDn darf verreisen oder auch nur über Nacht 
die Stadt verlassen, ohne das Amt seinem Vertreter zu übertragen, 
bei Strafe von 1 Flor. Die Innung ist verpflichtet, nach Gewohnheit des 
Handwerks die Stadt mit dem notwendigen Brot zu versorgen; falls 
nicht genug Brot geliefert wird, zahlt das Gewerk drei }lark 
trafe. 
Der Rat soll eine Taxe für den Brotpreis bestimmen, der Preis soll nach 
dem des Roggens angesetzt werden; W cizenbrot hatte als Luxu8ware 
keine Taxe. Der Ältermann hat allwöchentlich durch den jüngsten 

leister Brot von allen Bäckern hulen zu laf'sen, um das Gewicht 
zu prüfen; zu leichte Ware verfällt dem Spital. 
Die Innung war eine gescblof'sene, sie bestand aus acht 
Meistern, deren ZlIhl nicut vermehrt wf!rden durfte; nur wenn ein 
}Ieister starh oder seine Brotbank verkaufte, konnte sich ein neuer 
:\leister niederlassen. Will ein fremder :\Ieister oder Gesel1e das 
Meisterrecht gewinnen, 1'10 muss er erst ein Jahr lang in der Stadt 
als Geselle arbeiten oder statt dessen 50 Flor. zahlen. Dann muss 
er sich bei den Ältermännel'll melden, das Gewerk verbotten lassen, 
was 2 Flor. kostet, und seinen Geburts- und Lehrbrief vorlegen. 
Drei Tage darauf tritt das Gewerk wieder zusammen, was wieder 
2 Flor. kostet, und giebt ihm Bescheid, ob es seine Papiere in 
Ordnung befundcn hat. r...t dies dcr Fall, so zahlt der Kandidat 
20 Flor. in die Lade. Dann hat er iD acht Tagen sein :\Ieister- 
stück zu machen in Gegenwart eincs Ratsberrn und zweier Bäcker- 
meister. Er soll ein SchoHs Pfennigbrod von lli2 Scheffel Weizen- 
mehl und von 2 Scueffel Roggenmebl backen; er soll es "zeilenlang 
einlitzig in dcn Ofen schieben, 80 lang der Ofen ist, bis er voll 
wird." Die }leister entscheiden, ob da" Meisterstück gelungen ist; 
dann Bollen die längsten Faden dem Rat präsentiert werden; über 
den Rest des BrotI' verfügt das Gewerk. Hat er das Meisterstück 
nicht bestanden, so soll er noch 1/2 Jahr wandern oder Strafe 
zahlen. Ist es aber gelungen, so soll er eine Meistukost aus- 
richten. Zu diesem )Iahl, das nur für acht Familien bestimmt war, 
ist folgendes zu liefern: ein Viertel von einem Rind C das die 
)Ieister aussucben}, 1 gutes fettes Kalb, 2 Lämmer, 4 Kalkhühner 2 ), 
6 Gänse, 8 Paar Hühner. 16 Pfund Butter nebst dem nötigen Ge- 
l) Akten der Strasburger Innung. 
2) Eigentlich kalkuttische Hühner = Truthühner.
		

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			190 


II. Die polnische Zeit. 


würz, 1 Tonne gutes Bier und 12 Stof Wein. Von dieser Ver- 
pfichtung konnte man sich mit 50 Flor. loskaufen. Nach der 
l\leisterkost muss sich der Kandidat durch zwei Meister dem Rat 
vorstellen lassen und das Bürgerrpcht erwerbpn. Wpnn ein 
tras- 
burger Meisterssohn oder ein Fremder, der eines Meisters Tochter 
oder Witwe geheiratet hatte, das Meisterrecht 
ewinnen will, so 
braucht er nur ]/2 Jahr zu arbeiten oder 25 Flor. in die Lade zu 
zahlen. W pnn sich zugleich ein Fremder und ein Strasburger 
.Meisters
ohn um das Meisterrecht bewirht, so wird der Einhei- 
mischc zuerst zu dem 1Ih'isterstück zugelassen; auch beim Verkauf 
einer Brodbank soll der Mcisterssohn den Vorzug haben. 
Wenn ein Meister aus einer and{'ren Stadt übersiedeln und 
eine Brodbank kaufen will, so muss er sich von der Zunft, der er 
bisher angeLört hat, ein Lenmund8zpugnis ausstellen lassen. Erbt 
oder kauft jemand eine Brodbank, so muss er das vor dem Gewerk 
verlautbaren; er zahlt 2 Flor. für das Verbotten, 1 Flor. für den 
Schreiber und muss 1 Tonne Bier auflegen. Unter Erben und 
Freunden soll die Brodbank nicht mehr als 300 Flor. kORten, von 
Fremden darf man einen beliebigen Preis fordern. :Kein Meister 
darf 2 Brodbänke besitzen; 80 oft einer betroffpn wird, dass er 
auf 2 Bänken Brod backt oder verkauft, muss er 2 Flor. Strafe 
zahlen. Ein Geselle, der in Strasburg ausgelprnt hat, darf erst 
Meister werden, wenn or ein Jahr und einen Tag gewandert ist; 
kommt er vor dor Zeit wieder, so muss er nochmals wandern oder 
sich mit 25 Flor. auslösen. Stirbt cin Meister, so darf die Witwe 
einen Gesellen, der ihr am besten gefällt, von einpID anderen 
Meister aus der Arbeit nehmen; der Mei
ter darf sich dem nicht 
widersptzen bei Strafe von 3 Flor. In Krankheitsfällen darf auch 
ein Meister einen Gesellen eines Kollegen nehmen. Die Älter- 
leute sind verpflichtet in solchen Fällen für gute Gesellen zu 
sorgen. Jene Be8timmun
 über die Witwen hatte den Zweck, 
eine zweite Heirat zu beschleunigen. Eine Witwe oder ein Witwer, 
die sich nach einem halben Jahr Trauerzeit nicht verheiratpn, sollen 
eine halbe Tonne Bier geben, und zwar jeues halbe Jahr, wenn 
sie ihren Witwerstand verlängern. Ein neuer 
feister hat die Ver- 
pfiichtung, sich binnen eines Jahres zu verheiraten. Auch die 
Frauen gehörten zu der Brüderschaft. Wenn ein Witwer oder 
ein Geselle eine "hefleckte Person" heiratet, so soll diese nicht 
in die Zunft aufgenommen und nicht mit der Zunft begraben 
werden; der Mann aber wird in Strafe genommen. 


\
		

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			8. Städtisches Leben. 


191 


Über die Zusammenkünfte wird folgendeR bestimmt : Wenn 
ein Meister das Gewerk verbotten lassen will, so zahlt er 6 Groschen 
in die Lade. Alle Meister haben bei Strate von 6 Groschen zu 
erscheinon, ausser in Fällen echter Not. Verspätung wird eben- 
falls mit 6 Groschen gebüsst. Die jungen Meister sind den Älter- 
männern Gehorsam schuldig, sie dürfen keine Zusammenkunft ver- 
säumen, ohne sich förmlich abgemeldet und einen Mitmeister mit 
ihrer Vertretung beauftragt zu haben bei Strafe von 1 Flor. Ein 
jüngster Meister darf bei einer Zusammenkunft nicht vor 1 Uhr in 
die Stube "bei offener Lade" eintreten, wenn er nicht vorgefordert 
war, bei 10 Groschen Strafe. Der vierteljährliche Beitrag beträgt 
3 Groschen. Klagen gegen einen Meister wegen Übertretung der 
Satzungen müssen vor der offenen Lade, d. h. in einer Zusammen- 
kunft vorgebracht werdenj das Gewerk entscheidet, wichtige Ange- 
legenheiten kommen vor den Rat. 
"Da es sich oft begiebt, dass ein Meister dem andern im 
Mahlen einen Vorgriff timt und daraus Zank und Streit entsteht, 
so wird jeder von dem Ältesten zum Jüngsten sein Getreide auf- 
schütten und also die Ol'dnung abwarten bei Strafe des Gewerks." 
Die Bäcker mussten sämtlich ihr Getreide in der Gremenzmühle 
mahlen lassen, bei Strafe der Konfiszierung des Mehls, und zwar 
fiel ein Drittel des beschlagnahmten Guts an den Starosten, das 
zweite an den Müller in Gremenzmühle und das dritte an das 
Spital zum heil. Geist.!) Ferner wird Einheimischen oder Fremden 
verboten, bei den Wochenmärkten Korn aufzukaufen, ehe sich die 
Bäcker genügend versorgt hätten. Auch darf niemand mit Mehl 
handeln bei Konfiskation der Ware und einer Geldstrafe. Kein 
Meister darf sich allein einen Scheider (7) halten oder dem, den 
das Gewerk anstellt, für seine Per130n kündigen bei willkürlicher 
Strafe des Gewerks. 
Wird ein Lehrling angenommen, so soll er dem Gewerk durch 
zwei gute Mällner vorgestellt werden j er zahlt ein Flor. Hechs 
Groschen Einschreibegebühr. Wenn er zwei oder drei Lehrjahre 
.,ausgestanden" hat, so entrichtet er für die Lossprache einen Flor. 
sechs Groschen in die Lade, sechs Flor. für den Lehrbrief und 
giebt eine Tonne Bier. Ein jüngster Meister darf keine Lehrlinge 
halten, ehe er nicLt ein Jahr secha Wochen als Meister gearbeitet 
hat. Wenn ein Geselle aus Mntwillen und Vorwitz seinen Meister 


1) S. OrtBgeschichte: Gremenzmühle. 


-
		

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			. 


1!:J2 


11. Die polnische Zeit. 


verlässt, so darf ihn kein anderer Meister annehmen, bevor er 
ein halbes Jahr gewandert ist. 
In die Zunft darf auch ein Pfeffprküchler aufgenommen werden. 
Es soll ihm freistehen sein Handwerk zu treiben, wenn er eine 
K üchlerbank mit Recht an sich gebracht hat, und er soll die Stadt mit 
gute Ware auf die 'l'horner Art versehen. Die Küchlerbank 
scheint indessen nie besetzt worden zu sein. Daher wurde 1754 
be8timmt, dass weil die Stadt Mangel an guter Ware empfunden 
habe. alle Bäckermeister, die die Abgaben von der Kiichlerbank 
entrichteten, berechtigt wären, Pfefferkuchen nach Thorner Art zu 
backen. 
Jede unzünftige Konkurrenz war auf tI strengste verboten. 
Kein Einwohner der Stadt durfte heimlich oder öffentlich Brod 
oder Semmel backen und verkaufen; solche Waren sollten kon- 
fisziert und die Übertreter mit zehn 'l'halern bestraft werden. Auch 
kein Bürger oder Büdner aus den Vorstädten durfte Brod backen 
oder verkaufen bei Verlust der Ware und ernster Strafe dlArch den 
Rat, und ebenso wer ausserhalb des Gebiets der städtischen Gerichts- 
barkeit auf Grund und Boden wohnte, der unter der Gerichtsbar- 
keit der Starosten uder des Stadtpfarrers stand. Auch auf Jahr- 
ruärkten durfte keill fremdes Brod verkauft werden, sondern allein 
die Ware der Innungsmeister; doch ist das Gewcrk bei Strafe 
verpflichtet, für genügenden Vorrat zu sorgen. 
Über Preis und Gewicht des Erodes waren die Stadt und das 
Gewerk oft verschiedener Ansicht. Im Jahre 1568 erkundigte sich 
der Strasburger Rat in Thorn, in welchem Verhältnis dort Preis 
und Gewicht des Brodes zu dem Getreidepreise stände. "Nach- 
dem," heisst es in dem Schreiben, "die Beschwernistle der Armuth 
und gemeiner Stadt allhie bei uns von dem Gewerke der Bäcker, 
wegen der unmässigen Kleinheit des Brodes beschwerlich gt'tlpüret, 
will uns gebühren, von Amts wegen so viel möglich solches zu 
wandeln, welches wir keinesweges füglicher geschehen können un- 
seres Erachtens vermerket, denn mit gewisser Constituirungdes Gewich- 
tes des Brodes nach Geringerung und Aufsteigens des Getreidekaufs, 
welcher Gebrauch denn bei Euer Edeln löblichen gehalten wird."I) 
Am 26.Juni 1656 wurde von dem Strasburger Rat folgende V crordnung 
erlassen: "Nachdem die Klagen und Beschwerden sowohl der 
hiesigen (schwedischen) Garnison als auch der Armut hierselbst wegen 


. 


1) Thorner Archiv (Katalog 2) VII 13; 1568, 7. Juli. 


! 


......
		

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			. 


8. Städtisches Leben. 


193 


des kleinen Brodbackens täglich zunehmen, so will Ein Ehrbarer 
MagiRtrat hierinnen ein Mittel treffeu. und solchen Klagen gebüh- 
rend abhelfen. Diesemnach renoviret E. E. Magistrat die alte 
gesetzte und verordnete hiesige Brodtaxa vom Jahre 1606 den 
13. Dezembris und will, das E. E. Bäckergewerk hieselbst das 
Brod nach derselben Taxa zu backen befugt und gehalten sein soll 
bei Confiscation des Brods, welches nicht nach dem gebührenden 
daselbst ausgedrückten Gewicht gebacken sein würde; nämlich 
wann ein hiesiger Scheffel Roggen gilt 60 Groschen, so soll ein 
gebeutelt Groschenbrod wiegen anderthalb Pfund, das grobe Brod 
aber nach Proportion mehr und nach solchem Verhältnis weiter. 
Als wonach sich E. E. Gewerk gebührend wird zu achten haben." 
Im Oktober 1667 liess der Rat Proben von jedem Bäcker 
nehmen; das Gewicht war zu leicht und die Meister wurden "aus 
Mildigkeit des Rats" mit je 10 Flor. bestraft, das nächste Mal 
sollte sie die volle Strafe treffen. Das Gewicht war allerdings sehr 
verschieden gewesen. Das grobe Dreigroschenbrod schwankte 
zwischen 4% und 5 1 / 2 Pfund 1/8 Lot, das feine Dreigroschenbrod 
zv.ischen 21/4. und 3 1 /4. Pfund. Im Januar 1668 wiederholte sich 
der Fall, und wieder wurde auf 10 Flor. Strafe erkannt. 
Im Jahre 1750 richtete das Strasburger Gewerk an die 
Graudenzer Zunft die Anfrage, ob es dort gestattet sei, dass Fremde 
und Leute, die nicht das Bürgerrecht besässen, Brot und Pfeffer- 
kuchen in der Stadt verkauften; die Antwort lautete, dass Bäcker, 
die nicbt das Meisterrecht hätten, nur auf Jahrmärkten Pfeffer- 
kuchen aber kein Brot verkaufen dürften. In demselben Jahre 
klagte das Gewerk gegen den Kürschner Andreas Steinborn in 
Strasburg wegen unberechtigten Brodbackens und Verkaufs von 
Pfefferkuchen auf Jahrmärkten und Ablässen; das Urteil lautete, es 
sei nicht nachgewiesen, dass der Beklagte Brod zum Verkauf ge- 
backen hätte. Im Jahre 1715 bestätigte der Starost Bielinski dem 
Gewerke, dass die Bewohner der geistlichen Immunität kein Brot 
backen dürften; solches sollte ihnen weggenommen und dem Spital 
überwiesen werden. 
Vom 10. Januar 1758 besitzen wir eine Rechnung über einen 
"gewöhnlichen Brüdereingang" . Sie beträgt im Ganzen 84 Flor., 
darunter: für die Spielleute 18 Flor., 3 Tonnen Bier 30 Flor.,(?) und 
Zucker 6 Flor., Licht 3 Flor., Kanehl und Muskat 3 Flor., Zwieback 
2 Flor., Silber zu scheuern 2 Flor., für den Glaser 1 Flor., für 
Tobak und Pfeifen 4 Flor. 


18 


'I 


-
		

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			194 


H. Die polnische Zeit. 


Im Jahre 1661 wurde ein Bäcker, der mehrfacher grober 
Diebstähle tiberiührt war, zu vierwöchiger Haft im Turm. wo die 
Innung für seinen Unterhalt zu sorgen hatte, und zur Ausstossung 
aus df'm Gewerk verurteilt. Der Verurteilte fand indessen Schutz 
bei dem Starosten, obwohl in Kriminalfällen allein das Stadtgericht 
zuständig war; und Doch ein Jahr später klagt die Innung, dass 
das Urteil nicht vollstreckt sei und d
r Übelthäter noch immer 
sein Handwerk treibe. 
Im Jahre 1759 befand sich das Strasburger Bäckergewerk in 
einem Rechtstreit mit der Stadt. Der Bürgermeister hatte nämlich 
einem Festbäcker namens Pulkit das Bürgerrecht verliehen und die 
Erlaubnis zum Brodbacken erteilt, obw('hl die Innung eine ge- 
schlossene war. Diese wurde dauer bei dem Hofgericht klagbar; 
sie warf dem Rat zugleich vor, das er widen'echtlich das Brod von 
den Bänken konfisziere, angeblich weil es kein normales Gewicht 
hätte; auch das Weizenbrod, das keine Taxe hatte, würde beschlag- 
nahmt - dass er ferner trotz aller Beschwerden Fremden und V or- 
städtern den Aufkauf von Getreide, MeLl und Honig gestattete, in 
Privatbäusern Bier brauen und schänken und die Juden auf der 
Strasse ihre Waren feilbalten liesse. Trotz mehrerer Verbote des 
Königs beliess der Rat den Bäcker Pulkit in seiner Brotbank und 
fuhr fort, die Bäcker durch Konfiskation des Brotes zu bedrücken, 
ohne doch eine bestimmte Brottaxe vorzuschreiben. Der Prozess 
dauerte noch viele Jahre; sein Ausgang ist nicht bekannt. 
Das Tuchmachergewerk. Die Strasburger Tuchmacher bildeten 
mit denen von Thorn und Neumark eine einzige Innung. Am 
29. November 1647 stellte Wladislaus IV. ein Privileg für das Ge- 
werk aus. Es richtete sich hauptsächlich gegen die Konkurrenz 
der unzünftigen "Bönhascn". W er Meister werden will, muss das 
Handwerk ordnungtJmässig erlernt ulld das Bürgerrecht erworben 
haben und am Orte Grundbesitzer sein; nur für Thorn gilt diese 
letzte Vorschrift nicht. Mit aller Strenge wird das pfuschertum 
verboten. Es war darüber geklagt worden, dass Lente, die ausser- 
halb der Innung ständen, auf Jahr- und Wochenmärkten ihre Waren 
verka.uften, die häufig aus schlechter Wolle gefertigt wären. Daher 
wird eine Verordnung Sigismund Augusts (1548-72) erneuert, 
dass Wolle nur auf off€nem Markt verkauft werden darf; heimliche 
Kaufabschlüsse werden untersagt. Johann IH. hat 1676 dies Pri- 
vileg bestä tigt.!) Im Jahre 1701 erhielt das Gewerk eine neue 
1) Thorner Archiv (Katalog 3). 


....
		

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			8. Städtisches Leben. 


195 


Willkür von dem Rat. In dem Rechnungsbuche der Innung steht 
der folgende Vermerk: "Als Ein Ehrbares Werk die neuen Privi- 
legia von Einem Ehrbaren Wohlweisen Rath erlangt und ausgelöset, 
welches in allem richtig gekostet hat, nämlich 40 Flor. 4 Groschen". 
Ferner: "Für Einschreibung der Artikel in das grüne Buch gegeben 
1 Flor. 6 Groschen". Die Willkür seIhst ist verloren gegangen. 
Aus den Thorner Akten erfahrpn wir, dass 1722 die Strasburger 
und Konitzer Tuchmacher zu Schiedsrichtern in einem Streit zwi- 
schen den Graudenzer und Thorner Meistern gewählt wurden.!) 
Die Tuchmacher waren im 18. Jahrhundert, wahrscheinlich 
auch früher, verpfli
htet in der zur Gremenzmühle gehörigen Walk- 
mühle ihr Tuch zu walken. Für die Benutzung wurden jährlich 
etwas über 20 Flor. an den Starosten gezahlt. Der Müller erhielt 
ein Jahrgeld, für die Einrichtung und Instandhaltung der Walk- 
mühle hatte das Gewerk zu sorgen. So wird IG89 nach dem 
Rpchnungsbuch der Innung 2 ) ein Kessel für 20 Flor. 9 Groschen ge- 
kauft, 1695 werden für Reparaturen und den Aubau einer Stube 
(wohl für den Walker) 215 Flor. ]5 Groschen ausgegeben; 1708 
wird ein neues Rad für 133 Fl. 28 Gr. angeschafft, 1736 war eine 
Ausgabe für 345 Fl. 22 Gr. für Mühle und Schleuse notwendig. 
Unter den Ausgaben kommpn lange Zeit alljährlich 2 Fl. 15 Gr. 
vor für ein Paar Schuhe für den Walker. Das Privileg der 
Gremenzmühle hörte - wir wissen nicht, auf welche Weise - 
Mitte des 18. Jahrhunderts auf; 1751 prbaute das Tuchmacher- 
gewerk eine eigene Walkmühle bei Borgwinkel auf städtischem 
Grunde, der ihnen zu emphyteutischen Rechten verliehen wurde. Der 
Bau der Mühle kostete im Ganzen 1639 Flor. 27 Gr.; davon kamen 
] 500 Flor. auf die Rechnung von Georg Hein, der den Bau ausge- 
führt hatte. Das Kapital wurde, nachdem die ersten Jahre nur die 
Zinsen zu rPfo gezahlt worden, ] 754 und 1757 in zwei Raten zu- 
rückerstattet. Aber dazu musste ein neues Kapital aufgenommen 
werden, grosse Reparaturkosten kamen dazu, so dass das Gewerk 
die nächsten Jahrzehnte beständig mit finanziellen Schwierigkeiten 
zu kämpfen hatte. 
Aus uem Rechnungsbuche der Innung erfahrpn wir ferner, 
dass bei der jährlichen Ältestenwahl folgende Ausgaben gemacht 
wurden: 1 Flor. ]5 GI'. Kürgeld für den Rat, 18 GI'. für den 


1) Thorner Archiv (Katalog 2) I Nr. 8328. 
2) Im Besitze des Magistrats Strasburg, neuerdings im Archiv zu 
Thorn (Katalog 3). 


13* 


-
		

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			196 


II. Die polnische Zeit. 


Stadtschreiber und 3 Gro!:!cLen für die Stadtdieller. Der Einkauf 
in die Innung wurde 1765 wegen der schwierigen Lage, in die sie 
durch die Walkmühle gpraten war, erhöht. Ein 
Iebterssohn oder 
wer eine 
leisterswittwe heiratpte, sollte 60 Flor., ein Fremder da- 
gegpn 220 Flor zahlen, einschliesslich der Jahresarbeit. Für die 
"Mei8terbkollation" wurden an d6n Rat 10 bezw. 20 Flor. gegeben. 
Das Inventar der Innung bestand aus 2 silbernen Schildern, einem 
zinnernen Willkommskruge, schwarzen 
länteln, weissen und schwar- 
zen Leichentüchern, Hüten mit Flor, 8 ledernen J!'euereimern und 
einem grossen "FeucrboB8haken". 
Die Tischlerinnung. 1 ) Das Gewerk der Goldschmiede, Tischler 
und Glaser wurde im Jahre 1635 neu b
gründet. Die Goldschmiede 
Cbristof Krell und )lartin Huhrich, der Tischler Hans Federle und 
der Glaser Abraham Benes legten dem Rat eine Rolle vor, die er 
vor Jahren für etliche Bandwerksleute, namentlich Tischler und 
Glaser "privileget" hatte. Da aber die Goldschmiede, die der 
Rat ebenfalls diesem Gewerk zuwies, keine besonderen 8atzungen 
hatten, so legten sie dem Rat pbenfalJs einen Entwurf vor mit der 
Bitte, beide Rollen zu bestätigen. Nachdem dies geschehen war, 
reiste Christof Krell auf eigene Kosten nach Warschau und er- 
wirkte eine königliche Bestätigung. Darauf erkor der Rat Martin 
Huhl'ich zum ältesten Zunftrueister, und die Gewerksbrüder wählten 
Hans Federle zu seinem Kumpan (8tPllvertreter). Am 24. Juni 16:35 
wurde die erste Zusammpnkunft gehalten. Am 28. Oktober richtete 
das Gewerk dem Rat eiDe Banketmahlzeit aus, die über 50 Flor. 
kostete. Das königliche Privileg hatte 53 }'lor. 13 Groschen ge- 
kostet. 


t 


I) In dem Besitze der Strasburger Tischlerinnung befindet. sich ein 
Protokollbuch mit folgendem Eingange: 
"Hand tbuch Eines Ehrbaren Wercks der Goldtschmiede, 
Tischler und Glaser dieser Koeniglichen Stadt Straszburgk 
in Preussen, Darinnen warhafftig und mit ßeis beschriben ist, zu 
welcher Zeit diese Löbliche Zunfft gestiftett und privilegiret worden. 
Und dann, was bey den Zusammenkünfften denckwüldiges vorleufft, das 
wird alles ordenlich laut der Rolle hierin verzeichnet. Zu Bezeugung 
der Warheit dieses Buchs untterschreibet sich darin ein jeder Bruder 
mit seiner eignen Handt, so bald er das Werk gewinnet. 
Dieses hatt uff Anordnung der Elterleute, hiering eschriben Johan 
Christofi Krell, Goldarbeiter und Bruder dieser Zunfit. 
Mpp."
		

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			8. Städtisches Leben. 


197 


Bei der Gründun
 des Gewerkps wurden alle Lphrbriefe der 
}\feiRter geprÜft. Da der des Olasers Benes am Sieg-el heschädigt 
war, sollte er einen neuen Brief beschaffen, "wofern er wegen des 
Unfriedens solches verrichten wird können." Jeder sollte noch 
einmal sein Meisterstück machen, "dem Rathause zur Zier und dem 
Ehrbaren Rat zur Dankbarkeit und zum ewigen Gedächtnis wegen 
Bpstätigung dieser Zunft". Die Quartalsbeiträge sollten drci Groschen 
betragpn. J!'erner wurde bestimmt, dass jeder lleister sich eine 
:Muskete anschaffen müsste. 
Kennzeichnend ist folgender Zug. "Nachdem - heisst es in 
dem ersten Protokoll - unser Werksbruder und Ältermanns- 
kumpan Hans Federle Tischler bei sich selbst befunden, dass er 
wider seines Handwerks Gewohnheit gesündiget, indem er ohne 
BewiIIi
ung irgend einpr Zunft in seinem Gesellenstand auf seine 
IIRnd vor einen Meister gearbeitet (bei der in Gott ruhenden 
hochfürstIichen Durchlauchtigkeit, Fräulein Anna gebornen Erb- 
prinzessin aus Schweden) etliche Jahre lang; damit aber weder 
ihm noch den Seinigen solches VOll Nachkömmlingen oder anderer 
Städte )Ieistern oder Gesellpn nit möchte vorgeworfen oder ge- 
schmähet werden, so hat er "ich vor Einem Ehrbaren \Verke selbsten 
angemeldet und straffällig erg9ben; und weil solche Fehle in 
a]]ewege bei allen Zünften, es sei in welcher Stadt es wolle, mit 
einer Strafe kann aufgehoben werden, wenn er angeklagt oder 
solches vorgebracht werden möchte; darauf ein Ehrbares Werk 
andern zur A bha1tung von solchen Sa
hen ihm eine Strafe zuer- 
kannt, die er auch bewilliget und erleget, ob ihm schon solches billig 
w"gen der hohen Potentatin, bei der er gearbeitet hat, mit sonderlichem 
Ruhm und ihrer Gmtde bätte ohne Strafe sollen hingehen, weil es 
aber Handwerksgebrauch ist, soll es doch solches ohne Verachtung 
geschehen sein." 
Im Jahre 1644 wurde der "ehrsame und kenntnisreiche 
Rürger und Maler" Martillus Flegelius in die innung aufgenommen. 
Als Meisterstück sollte er ein Kruzifix (Kreuzigung) malen, dies 
Bild durfte er verkaufen. Anstatt der Jahresarbeit aber sollte er 
"ein Conterfeit Ihrer Köni
lichen Majestät" malen, das das Rat- 
haus erhalten sollte "zum Gedächtnis des Werks". 
Auch andere Handwerker wurden in die Innung aufgenommen, 
80 16;:'1 der Tuchhändler Nikolaus Schulthes und der Schlosser- 
gesell Hans Wilhelm, 1731 der Kürschner Jakob Steinborn, 1745 
der Drechsler Martin Scheffer, 1766 der Rademacher Gottlieb 


--
		

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Il. Die polnische Zeit. 


Sturm, 1768 der Orgelbauer Gottlieb Wilhelm Scheffiel'. Auch der 
Golluber Goldschmied Andres Damosin gehörte 1653 zu der Stras- 
burger Zunft. 
Interessant ist eine Eintragung von 1738. "Am 25. Januar 
hat das ganze Ehrbare Gewerke bei Anwünschung des Wohledien 
HerrD Pauli Michalski als jetzigen regierenden Präsidenten und 
unseres löblichen Gewerkes Patrons seinem Namenstage eine 
Gratulation an denselben gethan und ihm zur Verehrung gegeben 
ein Winkelspind". 1m Jahre 1737 revidierte der Gewerkspatron 
den Besitz der lnnung. Dieser bestand in dem Privileg des König 
Wladislaus IV., der Gewerksrolle, sonstigen Urkunden der Zunft, 
einem silbernen Petschaft, einem silbernen Schilde, einem zinnernen 
Willkommskruge und zinnernen Bechern und Decken und anderm 
Geräte für Begräbnisse. 
Die Schneiderinnung. Die Schneiderinnung besitzt ein Statut 
von 1604, das die Bestätigung cines älteren von 1426 ist, aber 
viele spätere Zusätze enthält. Ferner ist ein Privileg von 1700 
vorhanden. Eine städtische Willkür von 1702 ist erst in den 
letzten Jahren verloren gegangen j glücklicherweise ist ihr Inhalt 
in dem Aufsatz vom Professor Chudzil1ski über die Strasburger 
Schneiderinnung verwertet worden.!) 
Nach dem Privileg von 1604 bestanden folgellde Bestimmungen 
über die Aufnahme in die Innung. Zuerst muss sich der Kandidat 
dem Rate vorstellen und Geburts- und Lehrbrief vorlegen. Ist er 
verheiratet, so braucht er ein besonderes Leumundszeugnis von 
seinem bisherigen Wohnort. Darauf muss er das Bürgerrecht er- 
werben. Ist er ein Junggesell, so soll er erst ein Jahr lang bei 
einem Strasburger Meister arbeiten j für den 
ohn eines hiesigpn 
Meisters genügt ein halbes Jahr. Ein Verheirateter darf sich da- 
von durch eine entsprechende Zahluug in die Lade loskaufen. 
Endlich hat er sechs Groschen zu zahlen, zwei Fass Bier aufzu- 
legen, vier Pfund Wachs zu entrichten und drei Stück Arbeit je 
nach der Jahreszeit als Meisterstück anzufertigen. - Das Lehrlings- 
wesen wird folgendermassen geregelt. Zuerst musS die eheliche 
Geburt des Lehrlings nachgewiesen werden j er hat zwei Pfund 
Wachs und zehn Schilling an die Iunung zu entrichten und in die 
Lade, vermutlich für die Begräbniskasse für Lehrlinge und Ge- 
sellen, zehn Schilling zu zahlen. Die Höhe des Lehrgeldes, das 


. 


1) A. Chudzinski, cech krawiecki w Brodnicy (Wisla 1897. S. 503ff.)
		

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			. 


-- 


8. Städtisches Leben. 


199 


der Meister bekommt, wird privatem Abkommen überlassen. Die 
Lehrzeit dauert je nach dem Alter des Jungen 3 1 /2-4 1 /1. Jahre. 
Nach ihrer Beendigung hat sowohl der Lehrling als der Meister 
zwei Pfund Wachs zu geben. - Wird ein Jungge
ell )Iei6ter und 
heiratet nicht in Jahresfrist, so mnss er ein Fass Bier auflegen. 
und zwar wiederholt sich diese Abgabe alle Jahre, bis er sich ver- 
heiratet. Wenn ein 
Ieister stirbt, so darf die Witwe das Hand- 
werk weiter fortführen. Die Innun
 soll ihr für ein Jahr und 

echs Wochen einen tüchtigen Gesellen nachweisen, daneben darf 
sie sich so viel Gesellen halten wie andere Mei:5ter. Hat sie sich 
in jener Frist nicht wieder verheiratet, so soll sie selbst ohne 
Hilfe ihr Meisterstück machen. -- Wenn ein Meister stirbt, so haben 
alle andern ihm das letzte Geleit zu geben. Die Ältesten be- 
stimmen, wer den Sarg tragen soll; wer sich dessen weigert, hat 
ein Pfund Wachs oder zehn Schilling verwirkt. 
Regelmässige Zusammenkünfte finden alle Vierteljahr statt, 
und danll muss die Willkür verlesen werden, "damit jeder sie 
gut versteht und behält." W erden geheime Beschlüsse gefasst, so 
dürfen sie nicht ausgeplaudert werden bei Strafe von einem Pfund 
Wachs. Die Kosten der Innungsfeste werden repartiert, wer ver- 
uindert war zu kommen, zahlt die Hälfte. Wer bewaffnet kommt 
und die Waffe absichtlich nicht ablegt, zahlt 2 Pfund W achs. Wer 
versehentlich ein :Messer mitgenommen hat, zahlt 1/2 Pfuud, wer es 
absichtlich mitgebracht hat, ein ganzes Pfund Wachs. Gäste sollen 
drei Stunden freigehalten werden; bleibt einer länger, so soll der, 
der ihn eingeführt hat, seine ganze Zeche zahlen. Sitzen die Brüder 
zusammen, so soll keiner den anderen zum Kartenspiel verführen, 
bei Strafe von einem Pfund Wachs. 
treit und Zank sind verpönt; 
wirft einer dem andern ungehörige Dinge vor, so zahlt er 2 Pfund 
Wachs odel' 7 Schilling; das weiblicht' Geschlecht kommt mit einem 
Pfund Wachs davon. Wer beim Bruderschaftsbier unehrbare Worte 
gebraucht, zahlt für jedes Wort 1/2 Pfund Wachs. Ebenso wird 
der Vorwurf einer Lüge bestraft. Wer betrunken zu der Ver- 
sammlung kommt, obwohl er eine Stunde vorher davon erfahren 
hatte, giebt ein Pfund Wachs. Die Juugmeister besorgen das Ein- 
schänken. 
An Sonn- und Festtagen i:!t die Arbeit verboten. Jeder ist 
verpflichtet zum Gottesdienst in die Kirche, der er angehört, zu 
gehen. Unzünftige Konkurrenz ist ab
olut vel'botpn. Wer das 
Handwerk nicht ordnungsgemäss gelernt hat oder der Innung nicht
		

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			200 


11. Die polnische Zeit. 


angehört, darf bei Strafe von 2 Gulden an den Rat und 2 Fl. an das 
Gewerk das Schneiderhandwerk nicht ausüben. Gesellen dürfen 
zu ihrem eigenen Erwerb aus neuem Tuch nur Stücke von 1/ 2 Elle 
verarbeiten, al1sser wenn ihr Meister ihnen mehr erlaubt. Der 
Meister ist dafür verantwortlich, dass seine Gesellen nicht etwa 
zum Verkauf arbeiten. Dies ist auch den Meistern bei 16 Schilling 
Strafe verboten; es durfte nur auf Bestellung gearbeitet werden. 
Auch darf ein Meister über das Handwerk des andern keine schlechte 
Nachrede führen. Wer einem ßndern dessen Gesellen abspenstig 
macht, zahlt 16 Groschen. 
Das Privileg von 1700 änderte die Innungsverfassung vollständig. 
Die Zahl der Innungsmeister wurde auf 12 beschränkt, und diese 
Stellen wurden erblich. Die städtische Willkür von 1702 sagt, die 
"Schneiderbank solle demselben nicht nur erblich zu seillen Lebtagen 
dienen, nach dessen Tode auch wiederum den Erben als eine Erbbank 
heimfallen." Der Erwerb der :Meisterschaft war sonst an die 
üblichen Bedingungen geknüpft; der Kandidat muss 1 Jahr und 
6 Wochen bei einem Strasburger Meister als Gesell arbeiten, hat 
den Geburtsbrief vorzulegen und ausserdem nachzuweisen, dass er 
ein freier Mann und niemandes Unterthan sei. Er hat 6 Flor. in 
die Lade zu zahlen und ein Fass Bier aufzulegen, und dann folgt 
das Meisterstück und die feierliche Bewirtung der Innung. Wenn 
ein fremder Geselle Innungsmeister werden wolItp, war er fast 
ganz darauf angewiesen hineinzuheiraten. Meisterssöhnen und denen, 
die Meisterstöchter heirateten, wurde die Erfüllung der Aufnahme- 
hedingung!Jn zur Hälfte erlassen. l\feisterswitwen durften ohne 
Einschränkung das Handwerk ihrer Männer weiter führen, und 
Gesellen halten. - Die städtische Willkür verbietet die Ehe mit 
einer übel berüchtigten Person. 
Das städtische Statut enthält einige Bestimmungen über das 
Gpsellenwesen. Kein Meister darf einen Gesellen in Arbeit nehmen, 
der nicht bei einem Innungsmeister ausgelernt hat. Die Gesellen 
wohnen bei ihrpm Meister, wer eine Nacht fortbleibt, zahlt Strafe 
in Höhe eines Wochenlohns. Der Wochenlohn wird auf 24 Groschen 
festgesetzt, aUf:lserdem mochte sich der Geselle durch Flickarbeiten 
etwas verdienen. Die Arbeitszeit dauerte von 5 Uhr morgens bis 
10 Uhr abends. Eine Lohnerhöhung darf ein einzelner !\leistel' 
allein in seinem Betriebe bei 
trafe nicht eintreten lassen. WenD 
ein Geselle seinen Meister vier Wochen vor den grossen Festen 
oder den Jahrmärkten verlässt, wird ihm ein Wochenlohn auge-
		

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			8. Städtisches Leben. 


201 


zogen. Kein Meister darf einem andern einen Gesellen ahspenstig 
machen, bei Strafe von 1 Flor. 
Über die Ausübung des Handwerks sagt das Privileg von 1700: 
Die. Innungsmeister dürfen alle Schneiderarbeiten fßr 
Iänner, Frauen 
und Geistliche anfet'tigcn aus Tuch, Seidcnstoff und anderm 
laterial, 
und sie dürfen ihre Waren sowohl in ihren eigenen Häusern als 
auf W ochen- und Jahrmärkten in den bcnachbarten Städten und 
Dörfern verkaufen. Es war jetzt also gestattet, nicht nur auf Be- 
stellung, sondern auch auf V orrat und für den Markt zu arbeiten. 
Die Meister, die ein Grossbürgerhaus besitzen,1) dürfen auch mit 
Tuchen, Leinwand, Seidenstoffen und anderen Waren, die zum Hand- 
werk gehören, Halldei treiben und nach Mass und Gewicht ver- 
kaufen. Schotten, Juden und andern ausländischen Kaufleuten 
wird verboten, auf Jahrmärkten fertige Kleider feilzuhalten,- ebenso 
den Krämern, von ihnen zu kaufen. In den Starostei dörfern darf 
kein Schneider arbeiten, wenn er sich nicht mit der Innung einigt; 
andernfalls soll ein solcher Pfuscher in jedem einzelnen Falle mit 
10 Tbalern Strafe belegt werden
 die der Staro8t oder die Stadt 
bekommt; der Innung aber muss er ein Fass Bier und ein Pfund 
Wachs geben. Auch auf der gei
tlichen Preiheit in Strasburg soll 
kein Pfuscher wohnen, "sintemalen dem ehrbaren Gewerke die 
Kirche deswegen viel kostet." 
Sehr gross waren die Ansprüche bei den Festen gewordcn, 
die ein npuer Meister dem Gpwerk zu geben hätte. Das Protokoll- 
buch der Innung giebt ein vollsländiges V crzeichnis der Speisen 
und ihrer Prei
e. Der neue Meister hatte erstens ein Friihstück 
und zweitens eine Abendmahlzeit zu geben. Zum Frühstück hatte 
pr folgendes zu liefern: einen gut"n Schinken zu 10 Pfund = 2 Flor., 
einen guten Braten = 2 Flor., 2 SchÜsseln gutes Rindfleisch von 
12 Pfund, 2 Schüsseln Kalbfleisch, 4 gute fette Hühner zu 6 Groschen 
oder 8 geringere zu 3 Groschen. An Wein wird verlangt 8 Stof 
Sekt (!!üsser portugiesischer Wein) und 3 Stof französischer Wein; 
Bier soviel wie nötig, es wird auf 3 Gulden gerechnet, also etwa 
ein Fass. Den Hprren 
f miikanten 12 Guldpn, oder wie er mit ihnen 
einig wird; es sollen drei Geiger sein, und einer muss auf dem 
Positiv spielen. 
Zu dem Abendbrot gehörte folgendes: 2 gute Viertel vom 
Rinde = 12 Flor., Fleck von einem ganzen Ochsen, ein gutes Kalb 


1) domostwo piwowarskie d. h. ein Haus mit Braugerechtigkeit. 


--
		

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			202 


II. Die polnische Zeit. 


für 6 Flor., ein gut gemästl'ter Borg = 6 Flor., 4 fette Puten, 
12 fette GänBe, gute Hübner zu 6 J!'lor., also 30 Stück, ausserdem 
]2 fette Kapaunen, Fische für 6 Flor., ein Achtel Butter, ver- 
schiedenes Gewürz, soviel zur Zubereitung nötig ist, für 12 FJor., 
Brod und Backwerk für 6 Flor. 
Das war das bescheidene Mahl für 12 Familien. Das Getränk 
entsprach der Menge der Speisen. Es waren zu liefern: 6 Stof 
Sekt und 6 Stof französischer Wein; da 40 Stof ein Fass aus- 
machen, so sind 6 Stof mehr als ein Achtel. Dazu kamen 2 Fass 
Bier, eins aus Strasburg und eins aus Gurzno. Ein drittes Fass 
sollte der Innungsmeister nach Ablauf eines Jahres auflegen. Zur 
Beleuchtung war ein halber Stein Wachs erforderlich = 7 Flor. 
6 Groschen. Der Jungmeister konnte sich von diesem Gelage durch 
eine Zahlung von 150 Flor. freikaufen. Die Schneiderbank selbst 
kostete 120-150 Flor. Wenn er dann noch die Jabresarbeit mit 
30 Flor. ablöste, so hatte er mit dem Eintrittsgeld, dem Frühstück, 
dem Abendessen und dem Preise für die Bank 319-339 Flor. zu 
zahlen. Der Eintritt in die Innung war also ausserordentlich 
erschwert. 
Die Töpfer. I ) Die älteste Urkunde des Töpfergewerks stammt 
aus dem Jahre 1630 und enthält die Willkür, die der Strasburger 
Rat bestätigte; aber die Urkunde ist so beschädigt, dass nur ein 
Teil ihres Inhalts wiedergegeben werden kann. Wer das Meister- 
recht erwerben will, hat zuerst seinen Geburts- und Lehrbrief vor- 
zuweisen. Das Meisterstück besteht in einem Krug und einem Topf 
(garniec), der eitle Elle und zwei Pinger (czlonki) hoch ist und 
einer spitz zugehenden Essschüssel (dollica), die zwei Spannen und 
zwei Finger hoch und (unten) zwei Finger breit sein muss. Ein 
Meisterssohn oder wer eineMeisterstochter oder-wittwe geheiratet hat, 
braucht nur einen Krug oder einen Topf anzufertigen. Ferner muss 
er während seiner Arbeit die Meister mit einer halben Tonne Bier, 
2 Braten, einer Schüssel gekochten Rindfleischs und dem nötigen 
Brod traktieren. Der Rat besichtigt das Meisterstück und wird 
mit 2 Stof Wein bewirtet. 
Wem das MeÜ,terstück nicht gelingt, der muss ohne Gnade 
ein Jahr sechs Wochen auf die Wanderschaft gehen, danach darf 
er wiederkommen und noch einmal das Meisterstück versuchen. 
Nach bestandener Prüfung hat der junge Meister der Zunft ein 


I) Urkunden der Töpferinnung.
		

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			8. Städtisches Leben. 


203 


Mahl zu geben, zu dem der Bürgermeister, em Ratsherr und der 
Stadtschreiber geladen werden; dazu bat er zu liefern: 1 Tonne 
Bier, ein Hinterviertel vom Ochsen zu 4 Flor., Fleck nach Belieben 
der Gäste und einen Stof Hirsebrei dazu, ein halbes Kalb, einen 
halben Hammel, 2 Gänse, 3 Kapaunen, 1 Speckseite eine Spanne 
dick, Branntwein, Roggenbrod und Gemüse. Auch für Geschirr 
hat er zu sorgen, ebenfalls für Musik nnd zwar auf eigene Kosten. 
Nach dem Tode eines Meisters darf die Witwe das Handwerk 
fortführen, und die Zunft soll ihr einen Gesellen besorgen. Jeder 
Meister zahlt das Quartal 4 Schilling in die Lade. Jeder Lehrling 
giebt 2 Schilling; beim Tode eines Lehrlings sollen davon die Be- 
gräbniskosten bestritten werden. Wird ein Geselle krank, so soll 
ihn der Meister zwei Wochen lang auf eigne Kosten unterhalten; 
dauert die Krankheit länger, so haftet der Geselle für die weiteren 
Kosten. Jeder Meister darf Dur zwei GeBellen und einen Lehrling 
halten, bei Strafe von 3 Mark preussisch. 
Wer sich nicht nach den Befehlen der Ältesten richtet oder 
die Versammlungen versäumt, zahlt 12 Groschen Strafe. An den 
Zusammenkünften der Meister dürfen keine fremden Personen teil. 
nehmen, ausser wenn jemand vorgeladen ist, bei Strafe von 12 Gr. 
Wenn ein Meistf'r die Arbeit eines Zunfthruders schlecht macht, 
zahlt er 3 Mark Strafe. 
Die Plätze zum Aufstellen der Waren am Markttage werden 
vierteljährlich verlost. Beim Wochenmarkt haben die Ältt'sten die 
ausgestellten Waren zu prüfen; schlechte oder schlecbt gebrannte 
Ware sollen die Altmeister zerschlagen. Kein Meister darf am 
Sonntage Thon brennen oder seine Ware verkaufen; nur zur Ernte- 
zeit, wenn df'r Wochenmarkt am Sonntage gehalten wird, darf er 
verkaufen, aber nicht brennen. 
Eine Willkür vom 26. Dezember 1744 regplt das Gesellen- 
wesen. WenD ein Gebelle neu zuwandert, 80 sollen ihm die Alt- 
gesellen Arbeit bei einem Meister suchen, der keinen Gesellen hat; 
findet er bei einem solchen keine Arbeit, so kann er sich bei 
einem beliebigen anderen Meister melden. Wenn pin Geselle am 
Werktag, und sei es auch Montags, feiert, so zahlt er seinf'm 
Meister ein Pfund Wachs. Wer von seinem .Meister wegwanuern 
will, soll er ihm zwei Wochen vorher kündigen oder einen Ersatzmann 
stellen. Verspricht ein Geselle dem Meister eine bestimmte Zeit 
bei ihm zu arbeiten, so soll er die Frist auch einhalten, bei Strafe 
von 2 Flor. Wandert er vorher aus der Stadt, so soll der Bürger- 


-
		

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			204 


H. Die polnische Zeit. 


meister einen Steckbriefl) hinter ihm erlassen. Wenn ein Geselle 
hei einem Meister 2 Wochen lang gearbpitet hat und es ihm dort 
nicht gefällt, so soll er auf die Wander8chaft gehen, ausser wenn 
gerade ein andrer :Meister einen Gesellen entlässt, dann darf er 
bei diesem Arbeit nehmen. Kein Geselle darf sich überreden 
las'!en von dem Meister, bei dem er eingetreten ist, zu ein9m 
anderen zu gehen; wer dessen überiührt wird, giebt den Meistern 
und Gesellen 1/2 Tonne Bipr. Prahlt ein Geselle, er wolle weg- 
wandern, so soll er es auch thun und zwar ein Jahr und einen 
Tag: wenn er schon nach einem Vierteljahre wiederkommt, so 
sollen ibm die Altgesellen Arbpit suchen, aber von dem Ge8ellen- 
bier bleibt er ausgeschlossen. Wenn ein Geselle, der auf die 
Wanderschaft geht, einen anderen mit sich fortlockt, so soll ein 
Steckbrief hinter ihm erlassen werden. Ebenso wenn ein Ge
elle 
wpgwandert, um sich einer Strafe OGer seinen Schulden zu ent- 
ziehen. Ein Geselle darf Arbeit im Wert von 1 Schilling auf 
eigene Hand übernehmen. Wird ein Geselle gegen seinen Meister 
oder einen andern auf8ässig, 80 sollen die Meister zusammen mit 
den Gesellen eine Strafe über ihn verhängen. Wandert ein Ge- 
selle zu, so llat er sich in die Töpferherberge zu begeben. Wer 
in die Herberge kommt, hat den Hprbergsvater, Mutter, Bruder, 
und Schwester und die anwesenden Gäste gebübrend zu begrüssen 
und soll kein Ärgernis geben; wer dagegen fehlt, giebt 1/2 Tonnp 
Bier. Niemand darf der Herbergsmutter etwas schenken ohne 
V orwissen seines Meisters; augenscheinlich sollten dadurch Unter- 
schleife verbütet werden. 
Jedes Quartal zahlt der Geselle 2 Schilling in eme Kasse, 
aus der die Begrähniskosten iür arme Gesellen und Lehrlinge be- 
stritten werden. Stirbt ein Geselle oder ein Lehrling, so sollen 
vier junge Gesellen den Sarg tragen; wer sich weigert, zahlt 
2 Groschen. Bei Strafe eines W ochenlohns 2 ) sollen die Gesellen 
alle vier Wochen eine Zusammenkunft haben, und jedesmal zum 
Besten der Bruderschaft ein Vierchen 3 ) in die Kasse zahlen. Alle 
Quartal wird Rechnung gelegt, dann sollen die Meister besserer 
Ordnung wegen einen aus ihrer Mitte in die Versammlung 


1) "Tribowka" schreibt die Willkür; dasWort scheint aus dem deutschen 
Zeitwort: treiben gebildet zu sein. 
2) Die polnisch geschriebene Willkür bildet das schöne Wort: wina 
(Strafe) wochlonowa. 
3) Im Text: nrka.
		

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			8. Städtisches Leben. 


205 


schicken. Bei den Zusammenkünften der Gesellen ("wenn sie ihr 
Gesellenbier trinken") sollen sie sich untereinander nicht zanken 
oder schimpfen, bei Strafe von 1 Mark. Wer die Zusammenkunft 
versäumt, obwohl sie ihm bis 12 Uhr Mittags angesagt war, zahlt 
die HäUte der ganzen Zeche, ohne jede Widerrede. Wer bei den 
Zusammenkünften Lärm oder Zank anfängt, flucht oder böse 
Geister beschwört, hat zur Strafe Meistern und Gesellen eine 
Tonne Bier zu geben. Wenn ein Geselle über Nacht ausser dem 
Hause bleibt, zahlt er Strafe in Höhe eines Wochenlohnes, ebenso 
wer betrunken nach Hause kommt und t3ich mit den Stiefeln ins 
Bett legt. Wenn ein Geselle sich nicht nach dieser Ordnung 
. richtet oder 8ich darüber wegwerfend und verächtlich äussert, so 
soll ihn der Rat nach seinem Willen bestrafen. - 
Im Jahre 1753 stellte der Starost Pl!tskowski dem Töpfer- 
ge werk eine U l'kunde aus, in der er die unzünftige Konkurrenz 
verbot; 1766 den 21. September wurde sie erneuert. Das Gewerk, 
heisst es in dieser Urkunde, sei durch die Konkurrenz der Nach- 
barorte ganz herunter gekommen; es wird daher den auswärtigen 
Töpfern jeder Verkauf ihrer Waren verboten, ausser auf den Jahr- 
märkten; besonders wird auch den Bewohnern der Pfarrfreiheit und 
desstal"osteilichen Amtsgrundesdie Ausübung des Handwerks untersagt. 
Die Schlosserinnung. l ) Das älteste vorhandene Protokollbuch 
der Schlosser beginnt mit dem Jahre 1655. Das Gewerk wird be- 
zeichnet als das der Schlosser, BüchsenmacheJ', Mes
erschmiede, 
Schwertfeger, Nadler, Uhr-, Sporen- und Windenmacher und Kupfer- 
schmiede. Im 18. Jahrhundert kamen noch andere Elemente 
dazu. Im Jahre 1760 wurde ein Kammmacher, 1762 ein Sattler 
und 17G6 zwei Hutmacher aufgenommen. Indessen mussten 
sich die einzelnen Mitglieder der Innung auf ihr eigenes 
Handwerk beschränken. Im Jahre 1767 liess sich das Ge- 
werk von der Thorner Innung der Schlosser, Büchsen- und 
Uhrmacher folgendes Gutachten ausstellen: ,.dass in Thorn wie 
auch andern Orten die Ordnung unter uns gehalten wird, dass 
ein jeder bei der Profession, worauf er Meister geworden, bleiben 
muSS und andern keinen Eingriff thun darf, maS8en denn auch 
E. E. Rat jeden bei dem, was ihm zukam, gegen andrer Eingriffe 
schützt und bei seinem Recht erhält. Es bleiben demnach die 
Meister der Schlosser bei Verfertigung ihrer Arbeit überhaupt, 


1) Urkunden der Schlosserinnung und des Thorner Archivs (Katalog S). 


-
		

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			2m> 


II. Die polnische Zeit. 


und was davon an Häusern und Gebäuden zu machen nötig ist; 
daran die Bücbsenmacher sich nicht anmassen, als welche bei Ver- 
fertigung des Scbiessgewehres verbleiben. In Ansehung der Ge- 
sellen hingpgen wird diese Ordnung gebalten, dass wenn ein 
SchloBsergpsell bei den Meistern der Schlosser keine Arbeit be- 
kommt, ihn sodann ein Büchsenmacher in Arbeit nehmen kann, 
jedoch nur auf kurze Zeit, nur zu seiner Arbeit und zu keiner 
Schlosserarbeit, so wie auch den Scblossermeistern Büchsenmacher- 
gesellen, wenn sie keine Arbeit bekommen, auf kurze Zeit zu 
Schlm;serarbeit anzunehmen frei stebet." - Im Jabre IG35 den 
29. August bestätigte Wladislaus IV. das Privileg deI:! Strasburger 
Gewerb;1) der Inhalt der Willkür wird indess nicbt angegeben.' 
Die Fleischerinnung. König Jobann Kasimir bestätigte 1649 
die neue Willkür des Fleiscbergewerks, die im Jahre vorher der 
Rat von StraBburg verordnet hatte. Der Inbalt der Satzungen 
wird in dem Privileg nicht wiedergegeben. Johann IH. bestätigte 
1690 das Privileg und verordnete noch besonders, dass wenn aus- 
wärtige Scblächter nach Strasburg kämen, sie von jedem Stück 
V ieh die üblichen Allgaben an das Gewerk entrichten sollten. 
Aus dem Protokollbucb des Gewerks erfahren wil", dass auch die 
:Keumarker Fleischer zu der Strasburger Innung gehörten; sie 
zahlten regelmässige Beiträge. Im Jahre 1761 wurde eine Fleisch- 
bank für 550 Flor. verkauft, 1768 wurde fiir die Erwerbung des 
Meisterrechts lo/i Flor. 24 Groschen gezahlt. 2 ) 
Die Seiler. Eine Seilerzunft bestand in Strasburg nicht, im 
Jahre 1729 gebörte ein Strasburger Seiler dem Gewerk In 
Thol'n an. 3 ) 
Die Bäckerinnung in Gollub. Im Jahre 1623 bestätigte der 
Golluber Rat dem Bäckergewerk folgende Willkür, die nach dem 
Muster der Strasburger Zunft entworfen war. 4 ) Das Gewerk ist 
verpflichtet, die Stadt mit Brod zu versorgen, so dass kein Mangel 
eintritt j geschicht dies doch, so soll der Rat die Meister be8trafen. 
Kein Bürger darf in der Stadt oder den Vorstädten zum Yerkauf 
Roggen- oder Weizenbrod oder Butterkuchen backen, der nicht das 
Handwerk zünftig erlernt hätte, bei Konfiskation seiner Ware. Die 
Zunft besteht aus sechs Meistern; doch kann der Rat unbeschadet 


I) Thorner Archiv (Katalog 3). 
2) Urkunden der Fleischerinnung Strasburg. 
3) Thorner Archiv (Katalog 2) I Nr. 3329. 
4) Golluber Stadtbücher.
		

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			8. Städtisches Leben. 


207 


der Rechte des Gewerks noch einen siebenten Meister zulassen. 
Niemand darf Meister werden, der nicht vorher dem Rat seinen 
Geburtsbrief und der Zunft seinen Lehrbrief vorgewiesen hat. 
Stammt er von auswärts, so hat er zunächst ein Jahr und einen 
Tag bei einem hiesigen Meister als Geselle zu arbeiten. Eines 
hiesigen Bäckermeidters Sohn, oder wer eine hiesige Bäckermeisters- 
witwe oder -tochter heiratet, braucht nur ein halbes Jahr zu 
arbeiten. Erst nach Ablauf dieses halben Jahres darf er die 
Witwe heiraten. Wenn ein hiesiger Meisterssohn eine hiesige 
Meisterstochter heiratet, so ist er von der Arbeitszeit ganz frei. 
Doch muss auch der Vater des Mädchens ein Bäckermeister sein; 
gehört er einem anderen Gewerke an, so muss der Meistcrssohn 
doch ein halbes Jahr arbeiten. Ein McisterBsohn braucht nur ein 
Jahr auf die Wanderschaft zu geben, wenn er hier Meister werden 
will; ein Fremder muss zwei Jahre gewandert sein. Endlich hat 
der, der Meister werden will, sein Meisterstück zu machen. Er 
muss zwei Öfen, einen voll Roggen-, den andern voll Weizenbrod 
backen; das Gebäck darf er verkaufen, gleichviel ob er die Prüfung 
bestebt oder nicht. Die Prüfung liegt vier MeisterD ob, den beiden 
Älterleuten des laufenden und denen des vergangenen Jabres. Bei 
jedem Ofen hat er ihnen ein halbes Fass Bier zu geben. Ist das 
Meisterstück geglückt, so giebt er dem Gewerk ein Fass Bier und 
einen Schinken. Genügt das Probestück llicht, 80 soll er ein Jahr 
wandern oder bei einem hiesigen Meistcr arbeiten; doch muss der 
Rat VOll dem Misslingen der Prüfullg in Kenntnis gesetzt werden. 
Ein hiesiger Meisterssohn ist von dem Meisterstück frei. Will ein 
fremder Meister zuwalldern und Mitglied der ZUllft werden, so hat 
er ein besonderes Führungsattest von seinem bisherigen Aufenthalt 
heizubringen. Wenn ein Meister stirbt, so darf die Witwe das 
Handwerk fortführen, so lange sie will, sofern sie die Anforderungen 
des Gpwcrks erfülJt. 
Kein Meister darf einen Lehrling kürzer als drei Jahre in der 
Lehre behalten und darf ihn erst aufnehmen, nachdem er es allen 
Meistern mitgeteilt hat, bei Strafe von 10 Groschen. Jeder Lehr- 
ling hat 20 Groschen in die Lade und den Meistern ein Fass Bier 
zu geben. Jeder Meister darf seinem eigenen Sohn den Lehrbrief 
ausBchreiben. 
Zwei Meister sollen gewählt werden, die in den Häusern der 
einzelnen Bäcker deren Mehlvorräte prüfen, damit die Stadt keinen 

Iangel an Brot leide. Sollte doch Mangel eintreten, so werden 


--
		

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			208 


U. Die polnische Zeit. 


sie mit 10 Groschen bestraft. Wer das Brot nicht ordentliJh nach 
dem Herkommen backt, zahlt 10 Groschen Strafe. Wer zu leichtes 
Brot als vollwichtig verkauft, soll sehr hart bestraft werden. Wer 
Weizenbrot kleiner backt, als die Älterleute bestimmt haben, zahlt 
10 Groschen. Wenn die Ältesten befehlen, Kringel zu backen, so 
soll das geschehen bei Strafe von 10 Groschen. Wenn ein 
Ieister 
auf dem 
larkt vor einem einzigen Groschenbrote sitzt, obwohl er 
zu Hause noch Vorrat hat, ohne diesen nachkommen zu lassen, 
zahlt er 10 Groschen. Wer Pfefferkuchen zu backen versteht, soll, 
wenn im Schlosse Pfefferkuchen gebraucht werden, backen j hat er 
dazu einen Gesellen nötig, so sollen ihm die 
itmeister einen 
stellen j auch darf er zu allen Jahrmärkten Pfefferkuchen backen. 
- Der Ankauf des Getreides unterliegt der Aufsicht des Rats. 
Wenn kein Roggen oder Weizen zu Markte gebracht wird, so sollen 
sie zu den Kaufleuten gehen, wo sie bis zu 3 Groschen mehr als 
auf dem Markt zu zahlen haben. :Mehl nach auswärts zu ver- 
kaufen, ist den Bäckern verboten. 
W t'nn ein Bäckergesell einem Meister die Arbeit aufkündigt, 
so soll er auf die Wanderschaft gehen; kein anderer Mcister darf 
ihn bei sich aufnehmen. Wenn die Altmeister einem Bruder VOll 
der Zunft wegen einen Auftrag erteilen, so hat er ihn auszuführen, 
bei Strafe von zehn Groschen. Welln die Meister zu einer Zn- 
sammellkunft beschickt werdell, und einer kommt zu spät, obwohl 
er rechtzeitig benachrichtigt ward, so zahlt er zwei Schilling. Wer 
ein Messer aus Versehen mitgenommen hat, zahlt zwei Schilling. 
Wer absichtlich ein Met!ser mitbringt oder sonst bewaffnet er8cheint, 
zahlt zehn 8chilling Strafe. Schlechte Reden werden in jedem 
Falle mit zehn Groschen bestraft, doch ist Berufung an den Rat 
freigestellt. Geheime Dinge aus den Zusammenkünften darf niemand 
ausplaudern, bei 
trafe von zehn Groscben. Auf dem :Markte vor 
dem Brote darf bei Strafe keiner unanständige Redell führen; die 
Meister dürfell auch nicht übelberüchtigte Weiber das Brot ver- 
kaufen lassen, bei Strafe von 20 Groschen. Beim Bruderschafts- 
bier dürfen die Jungmeister nicht vor 1 Uhr mittags erscheinen, 
falls nicht einer etwas bei den Altmeistern auszurichten hätte. Der 
Jungmeister hat einzuschänken, darf damit aber erst auf Befehl 
der Ältesten anfangen. Wenn einer einen Gast zum Bruderschafts- 
bier mitbringt, so soll dieser eine Stunde lang freigehalten werden; 
bleibt er länger, so soll sein Wirt seine ganze Zeche bezahlen. 
Kinder dürfen zum Bruderschaftsbier nicht mitgebracht werden;
		

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9. Die ländlichen Verhältnisse. 


209 


man soll sie auch nicht nachkommen lassen, aut!ser wenn SIe beim 
Bedienen helfen könnten. Die Altmeister führen den Vorsitz; 
wenn sie hinausgehen, müssen sie einen Stellvertreter einsetzen; 
ebenso der Jungmeister, der das Einschänken besorgt. Wer Zank 
anfängt, zahlt 20 Groschen, ebenso wer einen anderen bedroht oder 
nach ihm wirft. Wer beim Bruderschaftsbier einen andern prügelt, 
zahlt 30 Groschen. 
Aus den Dörfern und andern Städten darf kein Brot zum 
Verkauf eingeführt werden, ausser an den vier Haupt jahrmärkten, 
und dann auch nur an einem Tage, nämlich am Montag. Auch 
:\Iehl darf von auswärts nicht eingeführt werden, bei Strafe der 
Konfbkation. 
Wer eine Strafe verwirkt hat und sie nicht zahlen will, dem 
soll solange die Benutzung der Mühle verboten w('rden, bis er ge- 
fügig geworden ist. Wer den Altmeistern nicht Gehorsam leistet, 
zahlt das erste Mal 10 Groschen, das zweite Mal 20 Groschen und 
das dritte Mal 30 Groschen, und wer nicht zahlen kann, den soll 
man vor den Rat führen. Alle diese Bestimmungen sollen streng ein- 
gehalten werden, ohne Gnade und Barmherzigkeit. - 
Mitte des 17. Jahrhunderts hatte Rich das Golluber Bäcker- 
ge werk mit dem Strasburger vereinigt. 1m Juli 1646 bitten die 
Strasburger, die Golluber möchten keine Mägde und anderes Ull- 
nützes Gesinde braucben, damit die Gesellen keine Ursache hätten, 
gegen das Gewerk zu klagen. Am 10. Dezember 1648 laden die 
StrRsburger die Golluber zur Weihnachtszehrung ein, da sie selbst 
zu solchem Akt sehr schwach und wenig Personen wären. Sie 
möchten auch die Backknechte und Arbeitsburschen schicken; wenn 
sie nicht kämen, sollten sie die Hälfte der Zeche senden, "dieweilen 
sie befuget sem, allhier zu zechen". 


9. Die ländlichen Verhältnisse. 
In der polnischen Zeit ging das Obereigentum der Landes- 
herrschaft an den Gütern, das schon seit dem 14. Jahrhundert ab- 
geschwächt worden war, unter, und die Güter wurden Allodial- 
besitz. Durch das Privileg König Kasimirs von 1476 kam das 
kulmische Recht zur alleinigen Herrschaft, die andern Besitzrechte 
wurdell aufgehoben. Schon in dem Inkorporationsprivileg von 1454 
sicherte König Kasimir dem preussischen Adel zu, dass er aller 
Rechte und Freiheiten des polnischen Adels teilhaftig werden 
sollte. Die Dienstgüter der Ordenszeit wurden nun zu adligen 
14 


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II. Die polnische Zeit. 


Gütern (bona terrestria)j die Bezeichnung "Edelgut" und "Edel- 
hufenIl finden sich Mitte des 16. Jahrhunderts in dem Strasburger 
Schöffenbuch. Es bahnte sich nun eine schroffe Scheidung dcr 
Stände an i die Bauern, sowohl die der königlichen wie der Privat- 
güter, wurden unfrei; Mitte des 16. Jahrhunderts werden sie in 
Urkunden des Strasburger Schöfi'enbucbs als Unterthanen be- 
zeichnet. 
Indem die Güter Allodialbesitz wurden, erlangte der Besitzer 
das Recht unumschränkt darüber zu verfügen. Die Folge davon 
war eine ungemeine Zerstückelung der Güter. Es fehlt an 
Nachweisen darüber in den übrigen 'reilen Westpreussensj im 
Strasburgcr Kreise machte sie sich sehr auffällig geltend.!) Der 
Orden selbst hatte! wie wir gesehen haben, öfter grössere Dienst- 
güter zerschlagen; zumal wo mehrere Erben hinterblieben waren! 
nahm man, doch mit Genehmigung der Landesherrschaft eine Real- 
teilung des Grundbesitzes vor. Immerhin hatte diese Auf teilung 
ihre Grenzen, da ein jedes neu geschaffen
 'l'eilgut groAs genug 
bleiben musste, um die Last eines Reiterdienstes tragen zu können. 
Das änderte sich, als zur polniscbpn Zeit dicse Leistullg in Wirk- 
lichkeit so gut wie ganz aufhörte. Schon Mitte des 16. Jahr- 
hunderts finden wir die meisten dcr adligen Güter stark zer- 
splittert. Realteilungen in Erbfällen werden die Hauptursache 
gewesen sein; in kurzer Zeit aber kamen die einzelnen Anteile 
(sortes) durch weitere Verkäufe in den Besitz fremder Ii'amilien, 
und infolge neuer Erbteilungen schritt die Parzpllierung immer 
weiter fort. Schon im Jahre ]526 waren Jaworze und Siebenhufen 
im Besitz von acht Personen, Choyno bestand aus 12, Wlewsk aus 
15 Anteilell. 2 ) Mitte des 16. Jahrhunderts können wir Verkäufe 
solcher kleinen Parzellen häufig verfolgen. Bei dem Verkauf von 
Osieczek 1561 behält sich der Besitzer ein paar Ackerstücke im 
dritten Felde "unter dem Buchwalde" vor. Die adlige Qualität 
blicb durch diese Zersplitterung unberührt. Im Jahre 1569 wird 
eine halbe Hufe "Edelgut" in Gottartowo verkauft (das übrigens 
im Grundc nur eine Lehmannei war); im Jahre 1569 verkauft Paul 
Saborowski seinen adligen Anteil in Gottartowo, "nämlich unterm 
Habicht (Jastrzembie) drei Ruten brpit, ullterm Dzessen (Dzierzno) 
5 Rutcn breit und hinterm Hofe oder im Hofacker zwei Winter- 
beete IlIit den Gebäuden." Im Jahre 1557 wird eine adlige Hufe 
I} \- gl. auch Märcker, Thomer Kreisgeschichte. 
2) Metryke koronne (Warschauer Archiv) Bd. XL S. 136-38. 



 


I 



 


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			9. Die ländlichen Verhältnisse. 


211 


zu Sossno verkauft; 1561 vertauscht Thomas Elzanowski eine adlige 
Hufe, die ihm "augestorben" war, gegen eine Hufe in Chelmoniec; 
156!J werdp,n zwei edle Hufen in Schwetz verkauft; 1572 eine 
Edelhufe in Jaworze, 15743/4 Edelhufen in Choyno. l ) 
Befördert wurde die Parzellierung durch das polnische System 
der Güterverpfändung. Wir haben früher den zur Ordenszeit üblichen 
"Zinsenkauf" kennen gelernt. Der Komtur oder die Kirche - 
als dip kapitalkräftigsten - liehen eine Summe auf ein Gut, und 
prhielten jährlich ihre Zinsen. Die Rechtsunsicherheit der polnischen 
Zeit erzeugte dagegen das System der Realverpfändullg. Es wird 
Regel, ein Darlelm nur auf ein Jahr zu geben, selten wird eine 
längerp Frist gewährt; wird das Kapital mit den Zinsen nicht 
rechtzeitig zurückbezahlt, so wird der Gläubiger nach dem Ver- 
trage ipso facto Pfalldbesitzer des Grundstücks, das ihm bereits in 
der Schuldverschreibung angewiesen ist. Die Verpfändung wurde 
dann häufig in bestimmten Zeiträumen erneuert, etwa von 3 zu 3 
Jahren; nach Ablauf der Frist konnte der Eigentümer, der "Erb- 
herr", die Schuld einlösen. DaR Recht des Erbherrn erlosch nicht, 
das Gut Swirczyn ist fast 200 Jahre im Pfandbesitz gewesen. 
Diese Pfandverschreibungen sind schon in der zweiten Hälfte 
des 16. Jahrhundprts sehr häufig. Recht oft waren die Strasburger 
Starosten gezwungen, grösHere Geldsummen aufzunehmen, die sie 
freilich stets rechtzeitig abzahlten. Im Jahre 1554 2 ) lieh Rafael Dzia- 
lynski von 
latthias Osieczkowski 160 ungarische und 9{jOO pol- 
nische Gulden und sicherte ihm als Pfandobjekt das Dorf Cieszyn 
zu; 1561 lieh er von demselben 1360 Gulden auf einen Teil von 
Bobrau, 1562 2500 Fl. auf Brudzaw; falls ihm durch die "Exekution"3) 
der Besitz der Starostei abgesprochen würde, so verpfändete er seine 
Erbgüter Bobrau und Kruschin. Lukas Dzialynski lieh 1572 
1500 Fl. auf seinen Anteil in Bobrau. Die meisten Geldgeschäfte 
dieser Art machten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
Matthias Osieczkowski und die Brüder Hartmann und Stanislaus 
von Eichholz (Wichulec), die augenscheinlich die grössten Kapita- 
listen des Kreises waren. Der Zinsfuss betrug im Allgemeinen 8 0fo. 
Die Bedingungen der V €rpfändung waren sehr verschieden. Die 
Pfandbesitzer hatten die vollständige Nutzung der ihnen überlassenen 
Grundstücke. Ein solcher Pfandbesitz war, zumal wenn das Gut 


'4 


I) Strasburger Schöffenbuch. 
2) Das Folgende nach dem Strasburger Schöffenbuch von 1554-75. 
S) S. o. S. 115. 


14*
		

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			212 


H. Die polnische Zeit. 


ill schlechtem Zustande übernommen wurde, nicht sehr rentabel, 
und da die Einlösung der Schuldsumme gewöhnlich in kurzen Ter- 
minen, etwa nach 3 Jahren bei vierteljähriger Kündigung erfolgen 
konnte, so lohllte es kaum viel auf Verbesserungen zu verwp-nden. 
Gute Wirte wie die Brüder von EichLolz sahen sich daher in den 
Verträgen vor. Hartmann von Eicbbolz legte 1564 dem Besitzer 
von Kl. Gorczenitza Jakob Sokolowski folgende harten Bedingungen 
auf. Er liess sich für ein Darlehn von 300 PI. 10 Bauern in 
Sachsen dorf und die Wiesen an der Drewenz verpfänden und zwar 
auf Zeit seines Lebens; uas Kapital aber musste schon nach 
5 Jahren abgezahlt werden, während Sokolowski erst 1586 seinpn 
Besitz zurückerhielt. 
Waren nun viele Güter in mebrere Anteile zersplittert, so 
besassen wiederum viele Adlige einzelne Anteile in verschiedenen 
Gütern, so wie heute etwa ein Kapitalist zu gleicher Zeit an 
mehreren AktienunterneLmungen beteiligt ist. Dies war natiirlich 
nur dadurch möglich, dass Gutswirtschaften im heutigen Sinne noch 
nicht existierten. Die adligen Güter waren teils nur reine Bauern- 
dörff'r, teils gab ed daneben kleine im Eigenbetrieb bewirt- 
schaftete Vorwerke. Noch bestand die Dreifelderwirtschaft, 
Gut- und Bauernland lag in allen drei Feldern im Gemenge. 
Martin Gottartowski verkaufte ]f>70 in Gottartowo 1/2 Hufe Edel- 
gut, die zwischen den Bauernhufen lag. Wic zur Ordenszeit, herrschte 
auch jetzt der Flurzwang; gleichviel welchem Herrn die einzelnen 
Teile der Dorfgemarkung gehörten, die ganze Wirtschaft wurde 
nach den gleichen Grundsätzen und zur selben Zeit durchgeführt. 
So wurde durch Verkauf oder Verpfändung in vielen Fällen nur 
der Zins der Bauern verkauft oder verpfändet. Bei der Teilung 
eines Gutes wird mitunter auch der Krug geteilt, 1562 werden 
3 1 /2 Hufen von Czekanowo samt dem vierten Teil des Kruges ver- 
kauft, d. h. die Zinsen von dem Kruge wurden unter die ver- 
schiedenen Grundherren verteilt. Als 1558 Anton Ilowsky seinen 
Anteil in Swirczyn verpfändete, behielt er sich den Krug und die 
Scharwerksdienste der verpfändeten Bauern vor; den Zins mussten 
die Bauern aber an den Pfandbesitzer zahlen. In Plonchott wurden 
1570 einige Stücke Acker in 3 Feldern verpfändet, teils an der 
}Ialkpr, teils an der Cieszyner Grenze. Im Jahre 1557 verpfändet 
Christof Osieczkowski 2 1 /2 Hufen Vorwerk und 2 Bufen mit einem 
Bauern in Swirczyn. 1559 werden 4 Hufen in Czekanowo samt 
dem "Hofe" (d. h. dem Vorwerk) verpfändet. In Sumowo bestand 


'" 


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			9. Die ländlichen Verhältnisse. 


213 


ebenfalls ein Vorwerk; Thomas Elzanowski vertauscht mit seinen 
Brüdern eine Hof8tätte in Chelmoniec gegen einen Hof in Sumowo, 
"da itzunder ihre Mutter wohnt." Albert von Konojad verpfändet 
1561 an Niklas von Eichholz 10 Hufen in Dembowalonka mit 10 
9 Bauern, "die Herr Niklas sich erwählen wird." 1563 verpfändet 
derselbe Albert an HartmRnn von Eichholz 20 Hufen in Dembo- 
walonka mit 9 Bauern. Hartmann von Eichholz schenkt 1573 
seinem Neffen Hartmann 4 Hufen Vorwerk und 7 Hufen Bauerland 
in OpalenitzR. 
Von Interesse sind einige Verträge über Czekanowo. Zwischen 
Bartel Czekanowsky und seinem Stiefbruder Matthias und dessen 
Mutter kam es 1566 zur Auseinandersetzung. Das Gut betrug 
lk Hufen, wovon Bartel 9 und Matthias und seine Mutter ebenfalls 
9 Bufen nahmen. Matthias behielt das Wohnhaus uud den Hof 
(aula et area) mit den nach Süden gelegenen Gebäuden; Bartel 
bekam ein Häuschen bei dem Hofe, das Brauhaus, die Scheune und 
den Speicher. Der St.all, in dem das Vieh den Winter über stand, 
blieb gemeinschaftliches Eigentum; der Vorrat an Getreide und in 
Küche und Keller, so wie alles Mobiliar wurde geteilt. Das Gut 
hatte 3 BalJern, es sollte ein vierter angesetzt werden, so dass zu 
jedf'm Anteil 2 gehörten. Im Jahre 1559 verkaufte Bartel seinen 
Anteil für 1000 
'lor. an seinen Stiefbruder. Den Erlös legte er 
in Sumowo an. Für 600 Flor. erwarb er 8 Hufen, von denen 4 
mit Bauern besetzt waren, von Stanislau8 Elzanowski, für 100 Flor. 
2 Hufen mit 1 Bauern von Georg Elzanowski und für 400 Flor. 
4 Hufen von Salomon Elzanowski in Pfandbesitz. 
Dieselbe Tendenz zur Zersplitterung des Grundbesitzes finden 
wir bei den Schulzen- und Lehmannsgütern. Auch hier blieb die 
kölmische Qualität an den Parzellen haften, daher wir die ganze 
Zeit hindurch häufig in demselben Dorfe mehrerf' Freiscbulzen und 
Lehmänner antreffen. 
Die gewaltige Entvölkerung, die eine Folge der Schweden- 
kriege war, gab seit der Mitte des 17. Jahrhunderts Anla.ss zu 
einer wesentlichen Änderung der ländlichen V erhältnisse.Es be- 
ginnt der Prozess, aus wüst gewordenen Baueräckern ein Vorwerk 
zu bilden, oder wo ein solches schon bestand. es durch Vereinigllng 
mit bäuerlichem Land zu vergrössern. Diese Entwickelung vollzieht 
sich nicht nur in den adligen Dörfern, sondern auch in denen der 
Starostei und der Kirche j teils wurden diese Vorwerke selbst be- 
I wirtschaftet, teils verpachtet. In der Kulmer Diözese sind wir
		

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11. Die polnische Zeit. 


über diese Vorgänge sehr eingehend unterrichtet, da die Besitzer 
des neuen "Höfe" nicht geneigt waren, den Dezem in derselben 
Höhe zu bezahlen wie vorher die Bauern; der Domherr Strzesz hat 
daher in seiner Visitation von 1672 diesen Dingen besondere Auf- 
mersamkeit geschenkt. Dieser wirtschaftliche Prozess ist bekallntlicb . 
nicht Westpreussen allein eigen, sondern er hatte schon geraume 
Zeit vorher in ganz Nordostdeutschland begonnen. Nur dass der 
wirtschaftliche Unternehmungsgeist, der bei aen deutschell Guts- 
besitzern das Hauptmotiv war, dem polnischen und polonisierten 
Edelmann Westpreussens völlig abgillg; einen Fortschritt der Landes- 
kultur, den jene Entwickelung in Nordostdeutschland entschieden dar- 
stellt, hat derselbe Prozess in unserer Provinz nicht herbeigeführt. 
Zugleich beginnt die Tendenz der adligen BeE'itzer, die zer- 
splitterten Gutsanteile wieder zu vereinigen. Strzesz findet um 
1670 nur noch in Ciborz und Wlewsk sehr kleine adelige Parzellen. 
In Wlewsk hat sich ein "adliges Gut" von 15 kulmischen Morgen 
bis in die friederizianische Zeit erhalten; bei der preussischen 
Annexion betonte der Besitzer mit Selbstgefühl, dass das Gut 
200 Jahre in seiner Familie sei, dass er alle adligen Rechte besässe 
und ausübte, die hohe und niedere Gerichtsbarkeit, das Jagdrecht, 
die Brennerei und die Bierbrauerei; mit einer Hypothek sei sein 
Gut nicht belastet, früher habe er es allerdings einmal "versetzen" 
müssen. Aber dies wurden doch Ausnahmen. Der Besitz wurde 
abgerundet; einzelne Edelleute vereinigten eine gros se Anzahl von 
Gütern in ihrem Besitz. Um 1700 be sass Martin Czapski Bobrowo, 
Grzybno, Kruschin, Niewierz, Wonsin und Sumowko. Einer seiller 
Söhne, Johanll Czapski, besass um 1740 Bobrowo, Grzybllo, WonsiD, 
Naimowo und Sumowko. Ende des 18. Jahrhunderts besass Johann 
von Lehwald.Jezierski Bobrowo, Grzybno, Druschin, Naimowo und 
Plusnitz im Kulmer Kreise.!) Sehr häufig besas8en polnische 
Magnaten Güter in mehreren Kreisen Westpreussens und ausserdem 
noch in Polen. 
Die Bewirtschaftung des Bodens war sehr schlecht. Meist 
wurde überhaupt nur ein Teil des Gutes bestellt. Dabei waren die 
Erträge höchst gering, die preussischen Beamten fanden 1772, daBs 
auf dem besten Boden nur selten das Vit:rfache der Aussaat ein- 
gebracht wurde, in schlechten Jahren wurde oft nur das zweite 
Korn oder weniger geerntet. Am einträglichsten war noch die Schaf- 


I} Vgl. die Ortsgeschichte. I 
. 



 
--
		

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			. 


, 
.. 


9 Die ländlichen Verhältnisse. 


baltung, die auch besonders besteuert wurde.!) Den Scbulzen und 
Lebmännern wurde häufig durch Privileg das Recht freier Scbaf- 
haltung gewährt. Die Schäferei pflegte verpachtet zu werden, die 
Schafe waren Eigentum des Schäfers; in den Golluber Starostei- 
vorwerken bestand die Pacht nach einem Verzeichnis von IG53 2 )- 
in df'r Hälfte der Lämmer, der Wolle und der 
Iilch. Der Vieh- 
bestand war gering; und da die Bestellung des Ackers den schar- 
werkspfiichtigen Bauern oblag, wurde auf dem Vorwerk häufig gar 
kein Vieh gehalten. Eine beträchtliche Nutzung gewährte fernf'r 
der Wald. Freilich wird schon im 17. Jahrhundert über die Ver- 
wüstUllg der königlichen Forsten in der Strasburger Starostei ge- 
klagt. 3 ) Der häufig vorkommende Ortsname Smolnik zeugt "on 
der Verbreitung der 'l'heerschwelereien. Auch wurde viel Holz 
dif' Drewenz hinab in die Weichsel verflösst. - 
Die in der polnischen Zeit begründete Unfreiheit der Bauern 
bestand ursprünglich nur in der Gutsunterthänigkeit, aber hie und 
da nahm die Hörigkeit doch schon die Form der' Leibeigenschaft 
an. Als 1642 Czekanowko verkauft wurde, nahm die Verkäuferin 
zwei Unterthanen von dem Kauf aus und behielt sie in ihrem 
Dienst. Dasselbe geschah 1698 beim Verkauf VOl1 Plonchott. 
Übrigens linden sich in dell Golluber Stadtbüchern mehrere Ur- 
kunden, durch dip sich freie )Iänner freiwillig der Unterthanschaft 
':}ines Gutsherrn unterwerfen; das :Motiv ist meist die Heirat mit 
einer Unterthanin desselben. 4 ) 
Über den Umfang der bäuerlichen Dienste sind wir nur wenig 
unterrichtet. In den Golluber Starosteidörfern Pluskowenz, Lissewo 
und Lobdowo hatten die Bauern nach dem schon erwähnten Ver- 
zeichnh, von 1653 vom St. Margaretentage (1:1. Juli) bis Mittfasten jeden 
Tag, und von Mittfasten bis zum Margaretcntage vier Tage ill der 
VI' oche zu scharwerken. Die Starostei besass nämlich bei eincr 
kleinen Zahl von Dörfern acht Vorwerke. Auch hatten die Bauern 
der Golluber Starostei für die Herrschaft Garn zu spinnen. Die 
Scharwerksdienste auf den einzelnen Gütern waren ungemein ver- 
schieden. Zum Erstaunen der preussiscben Beamten hatten die 
Jablonower Bauern bei der Besitzergreifung daR ganze Jahr hin- 
durch fünf Tage der Woche zu scharwerken. Auch die Schulzen 


I) Lengnich VIII 51 a. 1671 und 310 a. 1692. 
2) GoIluber Stadtbücher. 
3) Lengnich VII 21 (Docum.) 
4) Vgl. Märcker, Geschichte des Thorner Kreises, S. 115. 


215 


11 
'I 


1.1
		

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			216 


Ir. Die polnische Zeit. 


waren nicht frei von Diensten. Aber sie widersetzten sich einer 
Ausdehnung derselben mit Erfolg. Schon im 17. Jahrhundert wurde 
bestimmt, dass die Schulzen der Strasburger Starostei von jeder 
Hufe drei polnische Gulden zahlen und einen Menschen drei Tage 
Zum Erntedienste (tluka) stellen sollten; von Pflugarbeiten, Auf. , 
sicht dabei u. s. w. wurden sie aber ausdrücklich für frei erklärt) 
Jenes Inventarverzeichnis der Golluber Starostei von 1653 
beschreibt auch die Vorwerksgebäude. Das Wohnhaus des Golluber 
Vorwerks - es wird Fijowo oder Fiewo genannt, das Wort ist ver- 
derbt aus: Viehhof 2 ) - war etwas komfortabler eingerichtet wie die 
übrigen. Es war massiv gebaut und hatte einen Saal und drei 
Stuben. Das Mobiliar bestand im Ganzen aus 16 grossen und 
kleinen Tischen, zwei ledernen Armstühlen, vier lederbezogenen 
8tühlen, zehn langen Bänken mit Lehnen und einem Dutzend gewöhn- 
licher, d. h. hölzerner Stühle. Meist aber waren die Verhältnisse 
viel einfacher. So bestand das Wohnhaus im Vorwerk Lissewo aus 
einer Stube, einem Stübchen und einer Kammer. Dip, Räume hatten 
fünf Glasfenster, einen grünen Ofen und zwei Thüren in eisernen 
Angeln mit Raken und 'l'hürketten; die genaue Beschreibung lässt 
den Wert des Metalls erkennen. Das ganze Mobiliar bestand in 
einem Tisch und Bänken, die ringsum an der Wand standen. 
Im 18. Jahrhundert haben sowohl die Starostell als die Bischöfe 
und der Adel Versuche gemacht, das verödete Land wieder zu 
kolonisieren. Diese KolonisierungtCIversuche zerfallen in drei Gruppen: 
es wurden polnische Bauern und deutsche Bauern in Dörfern an- 
gesiedelt und Vorwerke an Edelleute zu emphyteutischen Rechten 
verliehen. Ansiedelungen polnischer Bauern sind u. a. die Waldkolo- 
nieen in der Golluber, Rudaer und Wilhelmsberger Forst. Es waren 
Einzelhöfe ; einem Bauern wurden ein ode!' zwei Hufen oder nur 
ein paar Morgen im Walde gegeben, die er auszuroden hatte; so 
entstand sehr zum Schaden der Forsten eine Anzahl kleiner, arm- 
seliger Besitzungen, deren jede einen eigenen Namen trug; daher 
stammen die zahllosen Ortsnamen in jenen Forstbezirken, wie: 
Sokoligora, Podsokoligora, Zasokoligora, Owieczkowemjeziorem, 
Nadolszowemblotem u. s. w. Erst in unserm Jahrhundert sind diese 


1) Grundakten von Gornl, Grundbuchblatt 71:1. 
2) Auch das Stral!burger Amtsvorwerk wurde Fiewo genannt, ebenso 
das Graudenzer, noch heute giebt es eine Ortschaft mit diesem Namen im 
Löbauer Kreise. :
		

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			9. Die ländlichen Verhältnisse. 


217 


Neusassereien zu Landgemeinden zusammengelegt worden. Deutsche 
Bauern wurden von den Starosten, dem Adel und selbst von der 
Kirche schon Heit dem 17. Jahrhundert angesetzt; man findet sie nicht 
in den unfruchtbaren Waldländereien, sondern in den fruchtbarsten 
Gegenden. Sie werden meist Holländer genannt, obwohl kaum aUe aus 
den Niederlanden stammten. Der Name rührt von einer früheren nieder. 
ländischen Einwanderung in Polen her und wurde später gemeinhin 
den deutschen protestantischen Bauern beigelegt.I) Die Erklärung 
des Wortes a]s "Hauländer" (d. h. Ansiedler auf Rodeland) steht im 
Wirlerspru
h mit dem Kulturboden ihrer Dörfer. Diese "Holländer" 
waren durchweg Protestanten; sie hatten Schulen und erfreuten 
sich einer gewissen Duldung ihrer Religion. .Mittp des 17. Jahr- 
hunderts bestanden HoHänderdörfer in J ablonowo, Szczepanken, 
Sadlin, Sadlinek, Jankowicki, Gorzechowko, Kamin, Jaguschewitz, 
Piecewo und Wymiary, Bukowiec und Ksi
szkij die kirchlichen 
Visitatoren klagen, dass diese Bauern keinen Dezem zahlell wollten. 
Bemerkenswert ist, dass die Graudenzer Jesuiten, denen Kamin 
gehörte, protestantische und deutsche Bauern als gute Wirte ein- 
führten. Auch in Osieczek, das den Graudenzer Benediktinerinuen 
gehörte, bestand eine Holländerei. Die Kirchenvisitationen. die 
hier unsere einzigen Quellen sind, erwähnen Mitte des 18. Jahr- 
hunderts noch mehr solcher deutscher Niederlassungen; man erkennt 
sie daran, dass die Bauern als Protestanten bezeichnet werden. 
In den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurden Holländer in 
Klein Radowisk, in dem Strasburger Stadtdorf Michelau, in Konojad, 
Adamowo und Malken angesiedelt. Das Charakteristische dieser 
Holländerdörfer ist, dass die Bauern einen solidarischen Kontrakt 
hatten. Sie erhielten ein Dorf zu emphyteutischen Rechten, d. h. 
in Zeitpacht, gewöhnlich auf 30 oder 40 Jahre, nach deren Ablauf 
der Kontrakt meist erneuert wurde. Es wurde ibnen ein erheh- 
liches l\fass von Selbstverwaltung eingeräumt; dafür haftete die 
ganze Gemeinde für den Zins ues einzelnen, sie hatten sogar die 
Verpflichtung, schlechte Wirte zu entfernen. Im Jahre 1750 gab 
der Strasburger Starost Josef PI
skowski den Holländern in Alt 
Ksi
zki, Bukowiec, Brudzawken und Budzisze"No ein emphJ- 
teutisches Recht auf 40 Jahre. Dpr Zins betrug von der Hufe 
24 poln. Gulden, 2 Scheffel Hafer, 2 Kapaunen und eine Gans. 
Ferner hatten die Bauern für jede Hufe einen Morgen des Starostei- 


1) Beheim-Schwarzbach, hohenzollernsche Kolonisationen 123 ff.
		

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			2]8 


11. Die polnische Zeit. 


vorwerks Kruschin in allen drei Feldern zu pflügen, mit eigenem 
Gespann und bei eigener Kost, drci Tage mit der Sense zu mähen, 
drei Tage zu harken, drei Tage mit einem Wagen und zwei Leuten 
Mist zu fahren, und ein Fuder Getreide an die WeichAel (nac'h 
Graudenz) und Weib nachten, Ostern und Pfingsten ein Fuder Holz 
nach Gross Kruschin zu fahren. Sie erhielten freie Weide im 
Walde und freies Holz zum Brennen, Zäunen und Wege bessern. 
Zu Hochzp-iten, Kindtaufen und Uegräbnil:!sen bekamen sie die Tonne 
Bier fiir zwei Schefl'el Gerste und lj'.! Plor. poln. Einen ähnlichen 
Vertrag erhielten 1770 die Bauern in Osieczek, da::; dem Grau- 
denzer Benediktinerinnenkloster gebörte.!) 
Endlicb wurden Vorwerke oder ganze Dörfer, dic wüst lagen, 
ebenfalls zu emphyteutischen Rechten an Edelleute yerlieben; so 
sind in den Starosteien Mitte des 18. Jahrhundert!:! mehrere neue Ort- 
schaften wie Josefat, Konstanticwo (Oberförsterei Golau), Wapno u. a. 
entstanden. Einen anderen Weg schlug der Bischof von Plock ein, 
der 1766 augenscheinlich unter dem Einfluss der Ballernpolitik der 
deutschen Staaten alle Vorwerke in seinem Gurznoer "Schlüssel" 
parzellierte, alle Dienste, wie Spallll- und Handdienste, Holzhauer- 
und Vorspanndienste u. s. w. aufhob und dafür einen höheren Zins, 
llämlich 10 Thaler VOll der Hufe, einführte. Auch eine andere 
Einrichtung wurde aufgehoLen, der Bischof verspricht, seine Unter- 
thanen nicht mehr "mit Salz und Heringen zu beschweren"; vorher 
hatten sie diese notwendigen Nahrungsmittel VOll der bischöflichen 
Verwaltung kaufen müssen. In ähnli..:her Weise hob das Kulmer 
Domkapitel 175
 das Vorwerk in Sugaino auf und that es an 
1] Zinsbauern aus. Jeder erhielt zwei Hufen und zinste von der 
Bufe 12 Floren und Hafer. Sie wurden von PflugarlJeiten, Ernte- 
diensten (tluka), vom Garns pinnen und dem WeidegeJd für Schafe 
befreit. Nur sollte jeder im Jahre eine Fuhre Holz nach Kauernik 
fahren. Auch hier erhielt die Gemeinde eillen solidarir3chen Kontrakt; 
wenn ein llauer untüchtig wäre, so sollte die Gemeinde ihn durch 
einen besseren ersetzen. 2 ) 
Zur Zeit der preussischen Besitzergreifung befanden sich in 
mehreren Döl'fern Bauern, die nicht gutsunterthänig, sondern freie 
Leute waren; auch waren nicht alle Bauern scharwerkspflichtig, 
namentlich die "Hochzinser", die einen höheren GeldziDs entrichteten, 
wareu v on bäuerlichen Diensten befreit. Die aust!erordentlichen 
I) Vgl. die Ortsgeschichte. 
2) V gl. die Ortsgeschichte. 


" 


. 


-
		

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			10. Die Verhältnisse der Nationalitäten und der Bekenntnisse. 219 


" 


Verschiedenheiten in den Leistungen der Bauern blieben bis zur 
Regulierung der bäuerlichen und gutsherrlichen Verhältnisse be- 
stehen. 
Beim Ende der polnischen Herrschaft befanden sich auf den 
Gütern eine Reibe von Handwerkern wie Schuster, Schneider, 
Tischler u. s. w. In zwei Gütern, Klein Ploweuz und Wlewsk, be- 
fanden sich besondere jüdische Kolonien. In Plowenz waren es 
] 5 Familen, zusammen 128 Personen, die einen jährlichen Zins von 
145 Thalern entrichteten. Der Besitzer von Wlewsk hatte in Pulko, 
dicht bei Lautenburg, 16 jüdische Familien angesiedelt; 1772 waren 
es 4 Schlächter, 3 Handelsmänner, 1 Krüger, 3 Glaser, 2 Schneider, 
1 Schuhmacher, 1 Einlieger und 1 Pächter. Dicse Kolonie war zur 
Konkurrenz der Lautenburger angesetzt, von deren Abgaben sie 
frei blieb, und sie that den Bürgern vielen Abbruch.1) 
Mass und Gewicht waren in Westpreussen nicht gleichmässig. 
Selbst in dcm Kreise Strasburg galt.en verschicdeue Einheiten; der 
Strasburger Scheffel betrug etwa 12/3 Berliner Scheffel, der Lauten- 
burger 21/2 Berliner Schelfei, der Gurznoer 2; aUBserdem unt.erschied 
man grm:se und kleine Scheffel. Im Nordwesten des Kreises wurde 
nach dem Graudenzer Scheffel gerechnet. 


. 


I 
I 
) 
I 


10. Die VerhältnisBe der Nationalitäten und der Bekenntnisse. 
Über die Nationalitätenverhältnisse zur polnischen Zeit giebt 
uns zuerst das älteste erhaltene Strasburger Schöffen buch von 
1554-75 einigen Aufschluss. Die Uauern auf den adligen und 
königlichen Gütern scheinen schon damals zum allergrö6sten Teil 
polnisch gewesen zu sein. Wo gelegentlich einzelne oder auch 
ganze Reiben von Bauern namelltlich aufgezählt werden, empfängt 
man aus den Namen den bestimmten gindruck, dass es Polen sind; 
desgleichen aus den IJisten von Namen vor dem Anfang deI! 
17. Jahrhunderts, die Strzesz in seiner Kirchenvisitation von 1672 
hie und da giebt. Auch alle andern Umstände deuten darauf hin, 
dass uie bäuerlichf' Bevölkerung fast durchweg polnisch war. Wie 
bereits ausgeführt, ist es sehr wahrscheinlich, dass nach den Yer- 
wüstungen der polnischen Kriege, vielleicht schon nach 1414 und 
]422, sicher aber nach 1466, eine polnische Einwanderung statt- 
gefunden hat. - Eine Ausnabme machen die vorhin geschilderten 
deutschen Kolonieen, die zuerst im 17. Jahrhundert genannt werden 


I) Kontributionskataster (Regierung zu Marienwerder.) 


-[
		

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			220 


11. Die polnische Zeit. 


und im 18. erheblich vermehrt wurden. Auch bei Schulzen 
und Lehmännern findet man noch im 17. und 18. Jnhrhundert hie 
und da deutsche Namen. 
Bei dem Landadel wurde die polnische Sprache erst in der 
viertCll Gcneration nach dem zweiten Thorner Frieden vorherrschend. 
Im Jahre 1563 kam es zum ersten Male vor, dass in dem preussischen 
Landtag die I.andboten ihr Anliegen in polnischer Sprache vor- 
tragen liessenj wenn früher ein Abgeordneter sich des Polnischen 
bediente, oder wenn ein königlicher Gesandter polnisch sprach 
obne seine Rede übersetzen zu lassen, erfolgte regelmässig der 
Protest der Versammlung. Dass aber auch im Strasburger Kreise 
der Adel bis 1575 noch keineswegs völlig polonisiert war, bcweist 
das Strasburger Bchöffenbuch. Da die Grodgerichte sich durch 
eine sehr mangelhafte Geschäftsführung auszeichneten und oft Jahre 
lang geschlossen waren, bürgerte sich schon früh die Gewohnheit 
ein, Urkunden allcr Art in die städtischen Scböffenbücher eintragen 
zu lassen. Es handelte sich nicht um eigentliche Gerichtsverhand- 
lungen, sondel'll lediglich um die "Ingrossation" der Dokumente; in 
welcher Sprache diese angefertigt wurden, hing also nicht von dem 
Stadtschreiber, 80ndern von dem Aussteller der Urkunde ab. Die 
überwiegende }Iehrzahl der Urkunden in dem Schöffenbuch von 
1554-75 ist ueutsch, eine kleine Zahl lateinisch, und überaus 
wenige sind polnisch geschrieben. Aber nur eine einzige Ein- 
tragung, im Jahre 1572, hat auch einen polnischen Eingang: "vor 
diesem gehegten Bürgerding ist persönlich erschienen und hat ver- 
lautbart und bekannt u. s. w.", während alle übrigen Dokumente 
einen deutschen oder lateinischen Eingang' haben. U mgekehct 
herrscht in den Golluber Schöffenbüchel'll das Polnische bei weitem 
vor, das Lateinische spielt etwa die gleiche RGlle wie in dell 
Strasburger Büchern, aber im 16. Jahrhundert ist nur eine einzig/' 
Eintragung, im Jahre 1593, deutsch. 
Die Familiennamen des Adels haben im 16. Jahrhundert noch 
keine Beständigkeit. Der Edelmanll nennt sich nach seinem Besitz, 
daher die so häufigen Namen wie Wicholski, Czekanowski, Sos- 
nowski, Galczewski, Gotartowski, Czyborski, Wlewski u. s. w.; 
wechselte aber der Besitz, so änderte sich auch der Name. Ab 
ein Zweig uer Familie von Eichholz (Wichulec) Jablonowo erwarb, 
legte er sich den Namen Jablonowski bei. Häufig kommen Doppel- 
namen vor, wie: Albrecht Dftbolecki (von Dembowalonka) alias 
Conoiaczky. Um die 
litte des 16. Jahrhunderts sind deutsche 


" 


j
		

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			10. Die Verhältnisse der Nationalitäten und der Bekenntnisse. 221 


r 


Namen: von Eichholz, von Choino, von Jakobsdorf u. s. w. noch 
recht häufig; daneben kommen aber schon polnische Formen vor, 
die die deutschen nach 1600 völlig verdrängt haben. Im 17. Jahr- 
hundert sind diese Familiennamen schon beständig geworden, so 
dass der Sohn den Namen des Vaters regelmässig annimmt, wenn 
er auch den Besitz wechselt. Die Zunahme der polnischen Namen 
beweist die fortschreitende Polonisierungj dagegen lassen diese 
Namen keinen Rückschluss auf die Rasse ihrer Träger zu. 
Von den Städtell war Gurzno wohl stets polnisch gewesen; 
Lautenburg und GolIub wurden sehr früh polonisiert. Die Golluber 
Stadtbücher, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts erhalten sind, 
sind wie bemerkt, durchgängig polnisch geschrieben, aber auch 
Rechnungen aus dem zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts sind 
bereits polnisch. Deutsch sind dagegen Rechnungen über das 
Brauwesen der Stadt von 1531-56. Deutsch sind ferner einige kurze 
geschichtliche Aufzeichnungen, die ,für dip. Kreisgeschichte nicht von 
Belang sind, und die unter dem stolzen Titel: Golluber Annalen in den 
Mommenta Poloniae historica Aufnahme gefunden haben. Deutsche 
Familiennamen kommen in Gollub noch Ende des 16. Jahrhunderts 
vor, aber in polnischer Gestalt, wie Fo
iel, Engielman u. s. w. 
Nur in der Stadt Strasburg war das Deutschtum von dauern- 
dem Bestande. Oifenbar hat auch hier, wie es ja natürlich war, 
eine polnische Einwanderung stattgefunden; auch hier haben sieb 
wie auf dem Lande deutsche Familif'n polonisiert, anderseits fehlte 
es aber auch nicht an deutschem Zuzug. Freilich das Verhältnis 
beider Nationalitäten auch nur annähernd genau zu bestimmen ist 
unmöglich; wissen wir doch nicht einmal, wie viel Einwohner die 
Stadt gehabt hat. Auch fehlt es in dem einzelnen Fall an be- 
stimmten Kennzeichen des Volkstums; denn erstens war die Bürger- 
schaft zweisprachig und zweitens wurde jetzt ebensowenig wie im 
Mittelalter in Strasburg ein nationaler Gegensatz zwischen Deut- 
schen und Polen empfunden.1) 
Immerhin lässt sich ein allmählicher Fortschritt der polnischen 
Sprache nicht verkennen. Dass das Schöffellbuch von 1554-75 
vorwiegend deutsch abgefasst ist, wurde schon bemerkt. Doch 


., 


1) Es beweist nichts dagegen, wenn hier und da der Pole und der 
Deutsche unterschieden wird. So lautet eine Eintragung im evangelischen 
Kirchenbuch: ,,1680, den 10. Mai, ist begraben worden Johannes Krug ein 
Töpfer; weil er gern ist in den Krug gegangen, ist er auch im Krug von 
einem Polacken erschlagen worden eine Meil Wegs von der Stadt." 


I 
I 
.
		

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			222 


11. Die polnische Zeit. 


wurde schon in derselben Zeit viel polnisch gesprochen. Interessant 
ist folgender Fall. Eine Danziger und eine Strasburger Familie 
gaben ihre Söhne einander in Pension; der Danziger Knabe sollte 
polnisch und der Strasburger deutsch lernen) Das Letztere ist 
freilich nicht allzu wörtlich zu nehmen, denn dass in Strasburg 
viel deutsch gesprochen wurde, lehren die erhaltenen Schöffen- 
bücher, die Rollen der Innungen, die evangelischen Pfarrbücher 
und eine Anzahl von Privaturkunden. 
Das zweite erhaltene Strilsburger Schöffenbuch von 1604-7 
zeigt schon eine erheblich grösl:!ere Ausbreitung des Polnischen, 
wenn auch Deutsch und Lateinisch noch durchaus überwiegen. 
Die evangelischen Geistlichen predigten in beiden Sprachen, mehrere 
von ihnen waren geborene Polen. Prinzessin Anna von Schweden 
hielt sich zwei Hofprediger, einen polnischen und einen deutschen. 
Im Jahre 16l(j wandte sich die Prinzessin an den Prediger Valerian 
Herberger mit der Bitte, ihr einen evangelischen Geistlichen zu 
empfehlen, da der bisherige Strasburger Pfarrer plötzlich und 
ohne Ursache die Stadt verlassen habe und nach Wilna gezogen 
sei, Die eigenhändige Nachschrift des Briefes lautet: "Es wird 
auch begf'brt von der Bürgerschaft, dass der Prediger möchte beide 
Sprachen kennen, Deutsch und Polnisch, den die meisten (d. 1. die 
Mf'hrheit) in der Stadt sind polnisch. Ist es aber nicht möglich, 
dass man einen solchen bekommen kann, so lassen wir uns schon 
am Deutschen genügen."2) Der Prediger Gottlieb Koehlichen, der 
aus Schlesien stammte und 1732 in Strasburg starb, veröffentlichte 
eine Schrift: "Project, wie polnische Studiosi Theologiae sich 
künftig mit dieser Sprache besser bekannt, und zum polnil:!chen 
Ammt habiler machen können." (Thorn 1730.) Alldererseits ist 
einmal von "unserer deutschen evangelischen Kirche" die Rede. 
Die Familiennamen der Bürger stehen im 16. Jahrhundert 
noch nicht fest. Häufig bedeuten sie nur die Herkunft (z. B. Valten 
von Radosk), oft kommen Doppelnamen "01', wo der eine entweder 
eine Übersetzung des andern ist (z. B. Urban Co./'odzey alias Rade- 
macher) oder sich auf den Beruf bezieht (z. B. Franz Polsch alias Becker, 
Jakob Koch alias Morgeuroth). Auch kommen Doppelnamen mit 
der gleichen Bedeutung vor (z. B. Lukas Fett alias Dickerken). 
Aus den einzelnen Namen auf das Volkstum ihrer Träger zu 
schliessen, wäre gewagt, zumal so lange die Familiennamen noch 
1) Danziger Archiv, Konvolut "Strasburg". 
2) Lnuterbach, ]'raustädtisches Zion (Leipzig Hili 8. 305. 


	
			

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			10 Die ,. erhältnisse der 
ationalitäten und der Bekenntnisse. 22;
 



 


nicht feststehen. Seitdem sie stabil geworden sind, darf man aUs 
einem deutschen Namen folgern, dass der Mann von deutschem 
Blute ist, wenn auch der Vatersname natürlich nichts für das Volks. 
turn der Mutter, Grossmutter u. s. w. beweist. Aber man darf 
nicht daraus folgern, dass ein solcher sich durch die Sprache als 
Deutschell bekannte. Einige Strasburger Pastoren haben in der 
Zeit von 1677-98, wenn sie die Todesfälle ins Kirchenbuch ein- 
trugen, dabei bemerkt, in welcher Sprache sie die Leichenpredigt 
gehalten haben. Pol:ci sehe Leichenpredigten wurden bei dem 
Bcgräbnis folgender Personen mit d eu tsch em Namen gehalten: 
beim Bäcker Johann Janson, bei dem Sohn des Meisters Tbomas 
Adloff, bei Anna Biittner, dem Fleischer Danicl Rydel (= RiedeI), 
der Frau des Tucbmachers Micbael Hintz, dpr Frau des Leinwebers 
Peter Bölden, Anna Speetin (= Spät), dem Bürgermeister Nebe; 
ferner bei dem evangelischen Prediger JohaDn Georg 
Helwing, Katharina Jüngling, Samuel Lichtenstein, RatsherrD 
Paul König, Katharina Schüttern, Albrecht 
chönwRld, Dorothea 
Zimmermann, David Holst, AnnR Kluge, dem Sohn der AnnR Henf- 
ling. Nur einmal finden wir in jenem Zeitraum den umgekehrten 
Fall; beim Begräbnisse der Anna Wozowa wird eine deutsche 
Predigt gehalten. Ferner wird ein gewisser Schimanowski aus- 
drücklich als Deutscher bezeichnet. Beim Begräbnisse des Barbiers 
Andreas Schwartz aber ward im Hause eine deutsche und auf dpm 
Kirchhofe eine polnische Predigt gehalten. 
Aus dem 18. Jahrhundert besitzen wir keine Stadtbücher von 
Strasburg, sondern nur die Korrespondenz mit Tborn und einige 
Urteile und Erlasse, die sich in den Innungsladen befinden. 
Bei diesen letzteren fällt es auf, dass sie öfter polnisch abgefasst 
sind, obwohl die Protokollbücher derselben Innung deutsch ge. 
schrieben waren. Man wird annehmen müssen, das im 18. Jahr- 
hundert das Polnische seiDe Herrschaft noch mehr erweitert hat. 
Die Korrespondenz mit 'l'horn ist dagegen durchgehends deutsch; 
ein gewisser Grad von Zweisprachigkeit hat sich also erhalten. 
Eine weitere Quelle für die Erkenntnis der Nationalitätsver- 
hältnisse bieten die Urkunden und Bücher der Innungen. Frei- 
lich liegt nns nur ein ungleichmässiges Material vor, das aber 
doch einige Beobachtungen machen lässt. Dass aus den Familien- 
namen des 17. und 18. Jahrhunderts an sich keine sichern ':;chlüsse auf 
die Sprache gezogen werden können, ist bereits bemerkt. Wichtiger 
ist es, in welcher Sprache die Protokolle und die Willküren ab- 


I 
	
			

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			2:24 


11. Die polnische Zeit. 


gefasst sind; denn der Strasburger Rat liess die Statuten offenbar 
je nach dem Wunsche der Zunft, sowohl in der einen wie in der 
andern Sprache niederl:!chreiben. In einigen Protokollbüchern, die 
sonst deutsch geschrieben sind, finden sich zeitweise vorübergehend 
polnische Eintragungen. 
Zur OrdenElzeit wurden in die Innungen nur Handwerker 
deutscher Nationalität aufgenommen. Schon im 16. Jahrhundert 
haben die polnischen Könige diese Bestimmung der Willküren 
verboten; und wenn auch die grösseren Städte und auch Graudcnz 
daran festhielten, so war das in Strasburg doch nicht durchzuführen. 
Aber das Deutschtum der Strasburger Gewerke wurden durch Zu- 
wanderung von Handwerkern aus Deutschland gestärkt. Schon die 
Zuwanderung deutscher Gesellen musste, auch wenn sie ni,
ht lange 
am Orte blieben, die Erhaltung des Volkstums fördern. Aber auch 
zahlreiche Handwerker, die in Strasburg das Meisterrecht erwarben, 
sind aus Deutschland zugezogen. Im 17. Jahrhundert kamen aus 
Schlesien mehrere Goldschmiede, so der eifrige Lutheraner Christof 
Krell, der 1651 Bürgermeister war, und Christian Herrmanll, der 
1653 aus Troppau zuwanderte, das er wegen des "verderblichen 
Kriegswesens und Reformation" (d. h. Gegenreformation) verlassen 
hatte. Die Innung der Goldschmiede, Glaser und Tischler hatte 
in jenen Jahrzehnten sogar mehrere Lehrlinge aus Schlesien und 
Frallken, offenbar Verwandte Strasburger Meister, die sie zu sich 
heranzogen. Im Jahre 1737 trat der Fleischer Johann Schott aus 
Hamburg in die Strasburger Innung ein. Allein in dem Bäcker- 
ge werk finden wir Meister, deren Lehrbriefe aUI:! Gotha, Fürth, 
Magdeburg, Oschatz (Königr. Sachsen), Berlin und zahlreichen 
anderen deutschen Städten stammten. Im Zusammenhange mit diesen 
Thatsachen gewinnen die deutschen oder polnischell Familiennamen 
eine grössere Bedeutung. 
Bei dem Gewerk der Tischler, Glaser und Goldschmiede über- 
wiegen die deutschen Namen durchaus; das Protokollbuch ist mit 
Ausnahme einer einzigen Eintragung im Jahre 1737 deutsch ge- 
führt. Das Protokollbuch der }'leischer (seit 1745) ist ebenfalls 
deutsch geführt, und enthält mehr deutsche als polnische Namen. 
Bei den Schlossern kommen im 17. Jahrhundert nur sehr wenige 
polnische Namen vor; etwas mehr sind es im 18. Jahrhundert, doch 
bleiben sie stets in der Minderzahl. Das deutsch abgefasste Pro. 
tokollbuch, das lü55 beginnt, enthält fast nur Namen und Zahlen; 
aus der Schreibweise der Vornamen und der Datierung ist zu er-
		

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			10. Die Verhältnisse der Nationalitäten und der Bekenntnisse 225 


sehen, dass es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrere 
Jahre hindurch von einem Polen geführt worden ist. 
Bei dem Bäckergewerk scheint die deutsche Sprache vorge- 
herrscht zu haben. Protokollbücher fehlen zwar, aber die Zunft- 
ordnung von 1694 ist deutsch abgefasst, und wie wir gesehen haben, 
ist gerade bei dieser Zunft eine starke Zuwanderung aus Deutsch- 
land bemerkbar. 
Dagegen sind die Wi1lküren der Töpfer polnisch abgefasst. 
Das Protokollbuch der Schneider ist polnisch geschrieben, die 
königlichen Privilegien von 1604 und 1700 sind polnisch, die 
städtische Willkür von 1702 dagegen deutsch. Auch bei den 
Schneidern überwiegen die deutschen Namen, doch wäre es gewagt, 
hieraus Schlüsse zu ziehen. 


Wie schon bemerkt, bestand ein deutsches N ationalbewusstseill in 
dem Sinne nicht, dass ein nationaler Gegensatz zwischen Deutschen und 
Polen empfunden worden wäre. Man empfand den Unterschied 
sch"erlich stärker, als heute den zwischen Süd. und Norddeutschen, 
zumal da ja keille der beidf'n Sprachen eine absolute Vorherrschaft 
hatte. Der nationale Unterschied trat aber vollends zurück hinter 
dem sehr schroffen Gegensatz zwischen den beiden Konfessionen. 
Die Stadtgemeinde als solche war protestantisch; oftmals im 
17. und auch noch im 18. Jahrhundert unterzeichnet sich der 
Rat in Briefen an Thorn und Danzig: "Bürgermeister und 
Rat der Stadt Strasburg, der evangelischen Religion zugethan. " Die 
Protestallten übertrafen die Katholiken nach dem Zeugnis der 
bischöflichen Kirchenvisitatorell nicht nur an Zahl sondern auch 
durch ihre Lebensstellung; daher bestand das Stadtregiment ganz 
überwiegend aus Evallgelischen. Als nach dem Tode der Prill- 
zessin Anna 1625 der grösste Teil des Rats und der Schöffen an 
der Post gestorben \\ar, besetzte die königliche Kommission die 
Ämter zur Hälfte mit Angehörigen der beiden Bekenntnisse, zur 
grossen Entriistung der Protestanten; und in der 'l'hat elltsprach 
diese paritätische Einrichtung nicht den Verhältnissen. Im 18. Jahr- 
hundert scheint der Katholizismus noch mehr zurückgedrängt wor- 
dell zu sein. Die Kirchenvi8itation von 1742 bemerkt, dass in. 
folge der geringen katholischen Einwohnerzabi der Schulbesuch in 
der katholischen Schule sehr gering sei. In demselben Jahre klagt 
der Domherr Pllj;skowski, ein katholischer Heissporn, dass in den 
letzten 12 Jahren 14 Bürgerhäuser in den Besit.z von Protestanten 
15
		

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			226 


II. Die polnische Zeit. 


gekommen wären; diese kauften, wie er sagt, systematisch die 
Katholiken, die Bürgerhäuser besässen, aus. Nur ein Katholik 
gehöre dem Rat und einer dem "Gericht" an. Als 1756 der 
präsidierende Bürgermeister ein Katholik war, schreibt der Rat 
einen Brief nach Thorn in Religionssachen und unterzeichnet: 
"Bürgermeister und Rat der unveränderten Augsburgischen Kon- 
fession, Königlicher Stadt Strasburg. NB. Weil jetziger Herr Prä- 
sident ein Katholik ist, so haben wir Gegenwärtiges nicht mit dem 
Stadtsiegel besiegeln lassen, weshalb wir um Vergebung bitten." I) 
Eine starke Stütze hatte der Protestantismus an den Ge- 
werken. Zur Ordenszeit hatten die Schützengildp und die Zünfte 
der Schneider, Schuster, 1.'uchmacher und Weber eigene Altäre in 
der Pfarrkirche; schon Strzesz klagt 1672, dass der Gottesdienst 
an diesen Altären aufgehört habe. Häufig führte der Klerus Be- 
schwerde, dass die Bestimmullgen der InnuDg
statute, Abgaben an 
Geld und Wachs an die Kirche zu liefern, nicht befolgt würden. 
Das evangelische Kirchenbuch notiert. dass 1725 die Zünfte der 
Tuchmacher, der Bäcker und Fleischer 80 wie die Bruderschaften der 
Gesellen eine Beihilfe zur Kirchenkasse gegebpn hättell. Dip Schneider- 
innung besass eine Kirchenbank, 1726 erwarben die Schuhmacher- 
gesellen für 20 Gulden eine Bank in dem pvangelischen Bethause. 
Am 28. November 17115 urkundet der Kirchenvorstalld über die 
Überlassung einer Bank an die Bäckergesellen : 
" Wir Verordnete, Seniores und Vorsteher der Evangelischen und 
Ungeänderten Augsburgischen Confession zugethanf'r Gemeine 
Königlicher Stadt Strasburg in Prellssen setzen hiermit"männiglichen, 
denen hieran zu wissen nötig, zu vernehmen: dass wir, dieser Zeit 
nach als verordnete Vorsteher namens Herr Micbael Gabriel, Herr 
Michael Tiedeman, Herr Christopb Boy und Herr Michael Hintz auf 
ordentliches Ammchen Einer Ehruaren Brüderscbaft der Loshäcker- 
gesellen allhier, vor uns und im Namen der ganzen Gemeine, de 
rato cadendo kÜnftiger successorum die eine lange Vorderbank auf 
dem lleuell Chor, nachdem sie der Kirchell zu Gut dafür achtzehn 
Floren guter preussischer Münze an UllS entrichtet ulld bezahlt, 
und desfalls von uns gegenwärtigst quittiret worden, gedachten vor- 
jetzo in der BrÜderschaft befindlichen als auch künftigen I.osbäcker- 
gesellen und Einer Ehrbaren Brüderschaft dieser Stadt nachgegeben 
ulld erl,licb verschrieben, dergestalt dass gemeldete Brüderschaft 


I) '.rhorner Archiv (Katalog 2) I Nr. 3331.
		

/Pomorze_003_12_253_0001.djvu

			IU. Die Verhältnisse der Nationalitäten und der Bekenntnisse. 227 


der jetzt erwähnten und erblich vor sich und ihre Nachkommen 
anerkauften Bank als eines öffentlichen Kirchenstandes jederzeit 
sich bedienen, hingegen ihre Gesellen, statt eines Kirchenzinses davon 
durch einen fleissigen Kirchengang den Klingbeutel allezeit zu be- 
denken sollen gehalten sein."l) 
Die evangelische Gemeillde hat sich mehrfach mit der Bitte 
um Geldunterstützung an das Bäckergewerk gewandt. So zahlte 
die Zunft im Jahre 1727 16 Gulden zur Reparatur der Orgel. Ein 
anderes Bittschreiben stammt aus dem Jahre 1748. E:! lautet: 


"Grossgünstige und geschworene Herren Aeltesten, 
die Herren des Tisches nebst dem ganzen Löblichen 
Gewerk, Unsere besonders Hoch- und Wertbgeschätzte 
und um unserer Kirche wohlbeliebte 'Wohlthäter." 
"Es wird Einem Löblichen Oewerk nicht unbekannt sein, wie 
dass vor wpnigell Tagen die priesterliche Veränderung bei uns 
und unserer Kircht' geschehen; wenn nun solche )Iutation niemalen 
auch vor dieses Mal ohlle Kosten nicht geschehen kann, so hat 
dennoch der liebreiche Gott seiner Kirchen jedprzeit solche Per- 
sonen zum Trost und Aufnahme entgegen gesetzt. die Er Pfleger 
und Säugammen nenllet. So wird denn auch Ein Löbliches Gegen- 
wärtiges Gewel'k an unserem Orte Pfleger ulld Säugamme gleich- 
falls billig und mit R.echt von uns geehret und genennet, massen 
es auch schon chemals zum ewigen Ruhm und Andenken durch viele 
W ohlthaten ill der That dieses zu erweisen einen Grund geleget 
und ist lloch hoffentlich bis dato in christlichen Gemüthern mit 
W ohlthun gegen seiner Kirchen unermiidet gebliebell. Wenn wir 
nun auch in dieser Hoffnung vollkommen versichert sind, dass Ein 
Löbliches Gewerk als christliche Herzen ungeändert, ja vielmehr in 
der gleichen Liebe beständig beharren, als suppliciren wir an die- 
selben (nehst dero Uandwerke zugethane Gesellen auch dahin zu 
vermögen) im Namen unserer armen evangelischen Kirchen, aus 
deren milder Güte mit einer christlichen Beisteuer bei jetzigen 
Begebenheiten behilflich zu sein. Hier hätten wir zwar Gelegenheit, 
Gottes Güte an denen, die jemals seiner Kirchen eine Wohlthat 
crzeiget haben, weitläufig zu weisen, wcnn nicht Einem Löbl. Ge- 
werk solches aus dem Worte Gottes vorhin bekannt und versichert 
wäre. Indessen thun wir nicht zu viel, wenn wir für alle Ullserer 


I) Aus der Lade der Strasburger Bäckerinnung. 


15*
		

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			228 


II. Die polnische Zeit. 


1 


armen Kirchen erzeigete Wohlthaten uns mit dankbarem Herzen 
gegen Ein Löbl. Gewerk bezeigen, wünschen auch herzinniglich, 
dass der Himmel selbsten Ein Löbl. Gewerk zu seiner Zeit reichlich 
belohnen, Segen und Leben, ja was der MUlld und Feder nicht 
vermögend ist auszudrücken, verleihen wollen. In Erwartung aber 
ein geneigtes Gehör unserer Bitte zu erlangen, verbleiben wir mit 
unermüdetem Fleiss, in allell möglichen Gegendiensten, als die wir 
jederzeit mit Liebe und Treue 
Eines Löblichen Gewerks Unseren Liebwertesten Wohl- 
thäter und treuen Gönner höchst verbundene Senior 
ulld sämmtliche Kirchenvorsteher der Evangelischen 
Gemeine in Strasburg. "1) 
In Gollub und Lautenburg hat die Reformation niemals Ein- 
gang gefunden; in Lautenburg befanden sich 1672 nach Strze8zs 
Kirchenvisitation nur zwei Nichtkatholiken, ein Protestant und ein 
Jude. Dagegen bestanden schon im 17. Jahrhundert eine Anzahl 
von Holländerdörfern, und im 18. Jahrhundert kam eine neue Reihe 
deutscher Dörfer hinzu, die ihr Volkstum und Bekenntnis bis in 
die preussische Zeit bewahrten. Die Protestanten auf dem Lande 
besassen indessen keine Religionsfreiheit wie die Bürger von Strasburg. 
Das Religionsprivileg von 1646 galt nur für die Stadt Strasburg-, 
der Wirkungskreis des dortigen Predigers beschränkte sich recht- 
lich allein auf das 
tadtgebiet. Gegen jene evangelischen Ge- 
meinden richten sich mehrere Visitationsdekrete, besonders eins 
von 1756. Fast iD allen diesen deutschen Dörfern bestanden 
Schulen, aber die Gemeindell sollten sich nicht unterstehen, diese 
zum Gottesdienst zu benutzen. Die Lehrer sollten sich ausschliess- 
lich auf dell Unterricht im Lesen und Schreiben beschrällken; es 
wird bei strengster Strafe verboten, bei Begräbnissen geist- 
liche Lieder zu Sill gen ; die Kirchhöfe dürfen nieht eingefriedigt 
werden. Auf den evangelischen Kirchhöfen dürfen nur die beerdigt 
werden, die bereits protestantisch getauft sind; Kinder, die vorher 
sterben, sollen auf den Friedhöfen der Gläubigen begraben 
werden j die Stolgebühren fallen der katholischen Kirche zu. 
Mischehen sind verboten, die katholischen Feiertage müssen re- 
Bpektiert, neue Schulen und Kirchhöfe dürfen nicht gegründet 
werdf'n; man soll den Starosten in Anspruch nehmen, um alle 
MiAsbräuche zu verhindern. 2 ) 
1) Aus der Lade der Bäckerinnung. 
2) Visitation Leski 1756 (Pelpliner Archiv). 


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			1 


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11. Neue Religionsverfolgungen. 


229 


11. Neue Religionsverfolgungen. 
Die Lage der protestantiscben Gemeinde in Strasburg erinnert 
an die heutige Stellung der evangelischen Kirche in Russland. Sie 
war nur eine geduldete Sekte. Zwar war der Gottesdienst durch 
das Religionsprivileg, das nach jedem Regierungswechsel in Polen 
aufs neue bestätigt wurde, gewährleistet, aber die Protestanten 
lebten in der beständigen Furcht, dass ihnen ihre Rechte genommen 
werden könnten. Der evangelische Geistliche besass keine Parochial- 
rechte; um Taufen, Trauungen und Begräbnisse zu vollziehen, be- 
durfte er der Genehmigung des katholischen Pfarrers, der auch die 
Stolgebühren empfing. Diese Bestimmungen überschritten die evan- 
gelischen Prediger, wo sie es zu können glaubten; natürlich er- 
wuchsen ihnen daraus Prozesse. Die evangelische Kirche stand 
unter der Gerichtsbarkeit des bischöflichen KOllsistoriums von Kulm, 
das als Richter in eigener Sache die Urteile fällte. Die katholische 
Kirche verfolgte die Politik, die Protestanten zu schwächen und 
mindestens in beständiger Unruhe zu erhalten. Auch vert:!uchte 
sie, Katholiken in den städtischen Rat hineinzubringen; wieviel 
von dem Eifer des katholischen Pfarrers abhing, geht daraus her- 
vor, dass wie bemerkt unter der Verwaltung eines untüchtigen 
Kommendars eine Reihe von Grossbürgerhäuser:u in den Besitz von 
Protestanten überging.!) Im Ganzen blieben die rechtlichen Ver- 
hältnisse der evangelischen Kirche unverändert, nur dass die Ver- 
pßichtungen der Stadt gegenüber der Pfarrkirche genauer um- 
schrieben wurden. Aber jeder energische Dekan verwickelte die 
Stadt in einen neuen Prozess, der mit aUen Winkelzügen des pol- 
nischen Prozessverfahrens durch alle Instan
en geschleppt wurde. 
Jahre lang währte, der Stadt schwere Kosten aufbürdete, und 
regelmässig llicht durch einen Richterspruch, sondern durch einen 
V f'rgleich beendet wurde. Aber diese Vergleiche bildeten nur einen 
Ruhepunkt in dem endlosen Kampf, keine Partei hielt die ein- 
gegangenen Verträge, und daraus entwickelten sich immer wieder 
neue "Rechtsstreitigkeiten. Die Geschichte Strasburgs bestätigt die 
Meinung IJengnichs, dass die katholische Kirche planmässig solche 
Prozesse anstrengte, um die Gegner wirtschaftlich zu schädigen. 
Die Stadt Strasburg war oft kaum in der Lage, die hohen Prozess- 
kOAten zu be!?treiten, regelmässig mussten Thorn und Oanzig mit 
Geld aushelfen. 


I) S. o. S. 225.
		

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I L Die polnische Zeit. 


In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde unter 
dem Einflusse der Jesuiten die katholische Reaktion schärfer als 
zuvor; durch mehrere Reichstagsbeschlüsse (1717, 173a und 1736) 
wurden die Rechte der Dissidenten noch mehr beschränkt, und das 
Thorner Blutbad (1724) zeigte, wie weit die Jesuiten zu gehen ent- 
schlol.:!sen waren. 
Im Jahre 1713 wurde der Strasburger Rat nach Kulmsee vor 
das KOllsistorium geladell, weil, wie er nach Thorn berichtete, "ein 
gottvPrgessenes liederliches Weib ausgesagt hatte, dass der Prediger 
Gottes Wort blasphemiert und den Heiligen geflucht hätte."l) Ein 
weiterer Prozess entl.:!pann sich über die vermögensrechtlichen Ver- 
pflichtungen der Stadt gegenüber der Pfarrkirche. Über den Ver- 
lauf des Streits wissen wir nichts :r\äheres, doch liegt der Vergleich 
vor, der Rm 27. .A pril 1722 durch eine königliche Kommis8ion ge- 
schlossen wurde. Dieser Vergleich ist in seiner Auaführlichkeit sehr 
lehrreich für die rechtlichen Verhältnisse ; er zeigt, wie beide 
Parteien in einer Art von Kriegszustalld lebten, wie beide die 
früheren Verträge zu umgehen suchten, er zeigt aber auch, welcher 
Druck trotz ihres Privilegs auf der evallgelischell Gemeinde lastete. 
In jenem Abkommen verspricht die Stadt die dem früheren Pfarrer 
Michalowl.:!ki (t 1708) vorelltbaltenen Einkünfte, wie sie durch den 
Kortnickischen Vergleich von 1647 bestimmt waren, zu überweisen 
und die Prozesskosten von 1100 Gulden in drei Raten zu zahlen. 
Ferner verpflichtet sich die Stadt, in Zukunft ebenfalls dem Yer- 
trage von 1647 gemäss jährlich 230 Gulden in vierteljährlichen 
R.aten an die Kirchenkasse zu entrichten; dagegen wurden ibr die 
früher faUig gewesenen, aber nicht bezahltell Summen erlassen. 
Die Stadt wird verpflichtet Kirche und Pfarrhaus ill gutem baulichen 
Zustand zu erhalten, namentlich die dringend notwendigen Reparaturen 
an dem Dach, dell Kirchenfenstern, dem Turm und dem Glocken- 
stuhl vornehmen lassen. Ausserdem hat sie jährlich je 500 Ziegel 
und Dachpfannen und fünf 'I'onnen Kalk zur Instandhaltung der 
Kirche, der Schule, des Pfarrhauses und der Kirchhof:-mauer zu 
liefern. Da die Frage nach der ursprünglichen Landausstattung 
der Kirche noch immer nicht ruhte, sollte der Rat dem Pfarrer 
freie Einsichtnahme in das städtische Archiv gewahren. Das unterm 
Rathaus gelegene Häuschen des Organistell ist von der Stadt 
baulich in Stande zu halten. Der Organist darf aber nicht in 


.. 


1) Brief des Strasburger Rats. Thorner Archiv lKatalog 2) I. 
r. :1326
		

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			.. 


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11. Neue Religionsverfolgungen. 


231 


seinem Häuschen Pferde oder Vieh halten und keinen Kot auf 
die Strasse werfen. Gestattet wird ihm die Hökerei mit Bier und 
Branntwein, doch darf er dl'ls Getränk bei Strafe der Konfis- 
kation nur von den Strasburger Bürgern beziehen, wie altes Her- 
kommen vort>chreibt. Ferner soll sie die Strasse, die von hier 
nach der Kirche führt, im Jutere!.:!se des eingepfarrten Adels 
und der übrigell Katholiken von dem alten Schmutz und Unrat 
reinigen lassen und in Zukunft reinhalten. Die der Kirche seit 
Alters gebörigen drei Lose Ackers auf dem Stadtfelde, die ihr 
neuerdings aus Religionshass weggenommen seien, sollen ihr zurück- 
gegeben und zur Entschädigung iür die Wegnahme 30 Gulden ge- 
zahlt werden. Die als Kirchengrund in Am,pruch genommpne 
"Stille Gasse" (Ulica cicha), die hinter der Ku'che die Stadtmauer 
entlang lief: tritt die Stadt samt allen unbebauten Baustellen 
förmlich ab und verzichtet auf alle Zinsen und Abgaben davon. 
Doch darf der Pfarrer dort keine Handwerker ansetzen, noch sollen 
die dort Wohnenden da8 ScLankrecht besitzen. Für dieses Zu- 
geE
tändniEs tritt die Kirche der Stadt zwei Gärtell ab; über das 
Besitzrecht an einem andern Garten soll die Kommission entscheiden. 
Die illnerhalb der Stadtmauern, zwischen dem Dobriner und Neu- 
städtischen Thor gelegene und der Kirche gehörige sogenannte 
Parkanwiese wird der Stadt für 6 Fl. jährlich verpachtet. 
Ferner wird der Stadt zur Pflicht gemacht, eine andere sehr 
gerechtfertigte Beschwerde des Pfarrers abzustellen. In der Strasse 
gegenüber der grossen Kirchenthür und längs dem Kirchhofe he- 
fallden sich Pferde- und Schweineställe und Abtritte. Der Kirch- 
hof war auf dieser :::;eitp nicht eingehegt, so dass diese Nachhar- 
schaft unerträglich war. Die Stadt sollte daher den Kirchhof 
ordentlich umfriedigen und dafür sorgen, dass die 
tälle u. s. w. 
abgebrochen und an anderswohin verlegt würden. 
Ein andrer Artikel handelt VOll der Stellung des evangelischen 
Geistlichen. Da der Prediger, hei!.:!st es, sich herausgenommen hat, 
die in dem Religionsprivile.g enthaltenen Rechte zu überschreiten 
und sich viele Missbräuche hat zu Schulden kommen lassen, so 
hätte er dafür gehörig bestraft werden sollen. Da aber der Dekan 
der Stadt gewogen ist, will er ihm seine Ungebühr nacbsehen, 
doch unter der Bedingung, dass er dem Dekan durch den Rat ge- 
bührende AbLitte leistet und sich in Zukunft aller ähnlichen Über- 
schreitungen enthält. Andernfalls würde er bestraft werden, auf 
Verlangen des Dekan!.:! müsste ihn die Stadt absetzen. Diese Aus-
		

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			232 


H. Die polnische Zeit. 


Bchreitungen bestanden offenbar in der AUI
übung von Parochial- 
rechten j denn eine spätere Bemerkung in der Vertragsurkunde 
sagt, das der Prediger, weil er geistliche Handlungen ausserhalh 
des Stadtgebiets vorgenommen hätte, 16 ungarische Gulden Strafe 
gezahlt habe. 
Werden der Kirche Legate vermacht, so wird sie der Rat In 
deren Besitz setzen. Zur Zeit der Kalenden versprechen Rat und 
Stadtgemeinde sich ehrerbietig und folgsam zu verhalten. Alle im 
Königreich Polen geltenden Feiertage sollen geheiligt werden: der 
Rat darf nicht dulden, dass dann gebraut und gebrannt, Markt 
gehalten oder Handarbeit verrichtet wird, die Kaufläden müssen 
geschlossen sein. übertreter silld auf Verlangen des Dekans ohne 
Weiteres zu bestrafen, und die Strafen der Kirchenkasse zu über- 
weisen. Der Rat verpflichtet sich, die katholischen Stadtbewohner 
in keiner Weise zu beschweren, und der Dekan verspricht, keine 
Fliichtlinge auf dem Kirchengrunde zu schützen; nur in Kriminal- 
fäHen, wenn Todesstrafe droht, wird das Asylrecht der Kirche an- 
erkannt. Von den Geldbussen wegen fleischlicher Vergehen fällt 
der dritte Teil der Kirchenkasse zu. 
Da die Innungen und Bruderschaften, die in der Pfarr- 
kirche Altäre besitzen, ihren Verpflichtungen nicht nachkommen 
und Damentlich die Abgaben an Wachs und die Strafgelder, die 
der Kirche zufallen sollten, nicht zahlen, so dass dies fast in Ver- 
gessenheit geraten ist, so verpflichtet sich der Rat, binnen 2 Wochen 
in Gegenwart des Dekans und des Starosten, alle diese Körper- 
schaften aufs Rathaus zu laden, und ihre Will küren vorlegen zu 
lassen. Da die Pfarrkirche kein Armenhaus besitzt, wie die heil. 
Geistkirche und die Georgskapelle und auch das evangelische Bet- 
haus, so wird der Rat einen Bauplatz auf dem Steindamm, linker 
Hand, gegen einen Platz vor dem Masurenthor eintauschen und 
30 Gulden aus dem Stadtsäckel zum Bau zahlen. Zum Schluss 
wird der Stadt die Befugnis eingeräumt, Gärten und Bauplätze, 
die der Kirche vermacht worden sind, mit Erlaubnis des Kulmer 
Konsistoriums käuflich zu erwerben. Mit diesem Vertrage soll aller 
Streit aufbören; beide Parteien verpflichten sich zu einer Kon- 
ventionalstrafe von 100 Dukaten, wenn eine den Vertrag bräche.1) 
Doch schon kurze Zeit nachdem der Vergleich geschlosssen 
war, lwgan nen lleue Streitigkeiten. Der kulmische Bischof Kret- 
I) Eine Abschrift dieses Vertrags befindet sich in den Akten des kathoL 
Pfarramts zu Strasburg, des Strasburger Magistrats und im Thorner Archiv.
		

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			11. Neue Religionsverfolgungen. 


233 


kowski klagt 1724, dass weder die Ställe gegenüber der Kirche 
weggeräumt noch der Kirchhof eingefriedigt sei. Als das 
katholische Armenhaus errichtet werden sollte, hätten die Stras- 
burger Bürger gewaltsam den Bau verhindert und das Fundament 
.. zerstört. Bei der Kalende würden dem Pfarrer die gebiihrenden 
Ebren versagt, einige Bürger hätten ihre Häuser verschlossen, wip 
um zu zeigen, dass sie des geistlichen Segens unwürdig wären; die 
katholischen Peiertage wÜrden nicht respektiert. Katholische 
Dienstboten würden von ihren protestantischen Herrschaften zu 
Beiträgen für die evangelische Kirche herangezogen; die Immuni- 
tät des Kirchellgrundes würde von der städtischen Polizei verletzt. 
Der Bischof ging aber noch weiter und verlangte einen Nachweis 
über die freie ReligioDsübung der Protestanten; ihm sei nur eine 
Abschrift des Privilegs gezeigt worden und er befahl, dass binnen 
Monatsfrist ihm das Original vorgelegt würde.!) 
Unter dem Eindrucke des Tborner Blutbades begann 1725 ein 
neuer Prozess, den der Dekan Johanll Janiszewski gegen die Stadt 
anstrengte. Es handelte sich um die widerrpchtliche Ausübung der 
. Parochial rechte und um die Vorlage des Religiom,privilegs im 
Original, die die Stadt verweigerte. Man fürchtete, der Dekan 
würde die Stadt exkommunizieren, "wozu allbereits Executoriales 
von Ihro Excellenz dem Herrn Bischof anzugeben befohlen worden;" 
es wurde sogar mit der Schliessung des Bethauses gedroht. 
Der Rat bat die Stadt Danzig um eine Unterstützung zu dem 
Prozess: "wir haben in neulich verwichenen Pest- und Kriegeszeitell, 
um den lieben Gottesdienst in stand zu erhalten, uns dergestalt in 
Schulden gebracht, dass wir bis dato zu thun haben, den Cre- 
ditoribus 
erecht zu werden." Danzig bewilligte 100 Plor. aus 
den Armengeldern. Schliesslich bequemte sich die Stadt da!' 
Original vorzulegen und wurde für diesmal ill Ruhe gelassen. 2 ) 
Im Jahre 1730 klagte Propst Janiszewski von Neuern. Den 
Protestanten wurde vorgeworfen, dass sie statt eines Geist- 
lichen zwei Prediger hielten, dass sie widerrechtlich eine Orgel 
in ihrem Bethaus gebrauchten, dass sie sich Glocken angeschafft 
und sie wider das Recht der katholischen Kirche bei Begräbnissen 
läuten liessen. Endlich hätten sie, ohne jede Erlaubnis und ellt- 
gegen den Reichsgesetzen und den bischöflichen Verordnungen, 
neue Baute n zu ihrem Kultus aufgeführt, nämlich eine Kapelle und 
1) Visitation Kretkowski im kath. Pfarrarchiv zu Strasburg. 
2) Danziger Archiv.
		

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			234 


IJ. Die polnische Zeit. 


zwar aus Stein, ulld ein Kruzifix. Das Recht, Glocken zu ge- 
brauchen, hatte aber das Religionsprivileg ausdrÜcklich zugestandenj 
auch hatte der Rat eine besondere Anerkennung dieses Rechts von 
dem bischöflichen Konsistorium erhalten, wOl'auf ein Glöckchen, 
"kaum einer Spanllen hoch und nicht 6 Reichsthaler wert, lC ap dem 
Gotteshaus aufgehängt worden war. Trotzdem erfolgte die Y 01'- 
ladung vor das geistliche Gericht. Dies behauptete, das Privileg 
bezöge sich auf die Glocken der Pfarrkirchej es sei den Pro- 
testanten unverwehrt, bei Begräbnissen in ihrer Gemeinde diese 
läuten zu lassen. Mit den beiden Gpistlichen verhielt es sich so, 
dass dem altersschwachen Seelsorger ein Vikar zur Seite gestellt 
war, um ihn in seinen Amtshandlungen zu unterstÜtzen. Die Orgel 
war, wie die Kläger zugeben mussten, seit hundert Jahren im Ge- 
brauch. Eine Kapelle zu bauen, war den Protestanten nie in den 
Sinn gekommenj sie bemerkten in der Verhandlung spöttisch, dass 
sie diese katholische Sitte keineswegs hätten nachahmen wollen. 
Sie hätten nur an Stelle des morsch gewordenell Holzkruzifixes ein 
neues errichtet. 
Das Konsistorium versuchte schliesslich das Religionsprivileg 
selbst anzugreifen j es wurde fiir ein blosse8 Reskript erklärt, das 
keille bindende Kraft besässe. Hierauf aber erfolgte ein scharfer 
Bescheid aus der königlichen Kanzlei, das die bischöfliche Behörde 
in ihre Schrankell verwies. Der Propst Janiszewski wurde darauf 
aufmerksam gemacht, dass er den Vergleich mit der Stadt ge- 
brochen und eigentlich die darin vorgeschriebenen Konventional- 
strafe verwirkt hätte. Schlif'sslich erkannte auch der Bischof die 
Berechtigung des Glockenläutens an.!) Im Jahre 1732 erkaufte 
sich die Stadt mit 600 Flor. vom Dekan Janiszewski das Ver- 
sprechen, dass er sie, BO lallge er lebe, nicht weiter mit Prozessen 
behelligen wÜrde. Der Zweck dieser Prozesse wird dadurch deut- 
lich gekennzeichnet. 2 ) 
Ein neuer Prozess, der von typischer Bedeutullg ist, entsprang 
aus deil Allsprüchell der kirchlichen Immunität. Schon im 
17. Jahrhundert war die Pfarrkirche in den Besitz einer Reihe von 
GrundstÜcken namentlich in den V lIrstädtell Fischerei und Stein- 
damm gekommen, teils durch testamentarische Vermächtnisse, teils 
durch Verpfälldungen, in anderen Fällen waren aus 
Iangel an 
harem Geld Begräblliskosten auf diese Weise beglichen u. s. w. 
I) lJanziger und Thorner Archiv. 
2) Thorner Archiv (Katalog 2) I Nr. 3330. 


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. 


..
		

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I 
- 


11. Neue Religionsverfolgungen. 


235 


Wie der Rat behauptetp, batte die Kirche solche Grundstücke in 
Kriegs- und Pestzeiten wohl auch auf unrechtmässiger Weise er- 
worben. Nun genoss jeder kirchliche Besitz die Rechte der 
Immunität; d. h. er stand ausserhalb der städtischen Gerichts- und 
Polizeigewalt, es war gewissermassen eine Stadt in der Stadt. 
Das Viertel, wo die Kirche, das Pfarrhaus u. B. w. stand, war an- 
erkanlltermassen "geistlicher Grund"; nach dem Vergleich von 17:22 
wurde auch die "Stille Gasse" dazu gerechnet. Aber die Stadt 
batte das durchaus berechtigte Streben, die geistliche Immunität 
sich nicht vergrössern zu lassen. Einmal waren die Hauser auf 
geistlichem Grunde erfahrungsgemäss der Schlupfwinkel von Yer- 
brechern, die sich hier vor der städtischen Polizei sicher wussten, 
und zweitens siedelten sich dort trotz des Vergleiches von ] 7:22 
Handwerker an, die den Innungen nicht angehörten und dpn 
städtischen Innungsgesetzen zum Trotz, Pfuschercoi trieben und 
den Zünften eine unerlaubto Konkurrenz machten. Daher behit'lt 
sich die Stadt das Recht vor, Grundstücke, die der Kirche ver- 
macht wurden, anzukaufen und der Kirche eine dem Werte ent- 
sprechende jährliche Rente zu zahlen. Dies Recht der Stadt war 
schon Ende des 17. Jahrhunderts und ausdrücklich noch in dem 
Vergleiche von 1722 anerkannt worden, nur blieb die Genehmigung 
des bischöflichen Konsistorium zu der "Redemption", d. h. zu dem 
Ankauf, vorbehalten. Auch hatten mehrere polnische Reichsgesetze 
des 17. und 18. Jahrhunderts die Entfremdung städt.isch6n Grundes 
an die Kirche verboten.!) 
Diese Rechtsverhältni8se waren also von der Religionsfrage 
ganz unabhängig; die katholische Stadt Gollub lag mit ihren 
Pfarrern ebenfalls darüher im Streite; aber in Strasburg verquickten 
sich diese Dinge natürlich mit den religiösen Gegensätzen. 1m 
Jahre 1740 2 ) fiel der Kirche wiedcrum ein ansehnliches Lpgat 
dieser Art zu, und der Rat forderte die Herausgabe gegen einen 
entsprechenden Kaufpreis. Da der Pfarrer Adam Kos darauf nicht 
eingehen wollte, verklagte ihn der Rat vor dem Konsistorium, und 
dies nahm ganz ordnullgsgemäss für die Stadt Partei. Kos ver- 
kaufte der 
tadt die Grundstücke fÜr 1000 Flor. dergestalt, dass 


I) Prawa, konstitucye y przywileje krolestwa Polskiego y wielkiego 
Xi
stwa LitewRkiego Bd. VI 481; Nr. 45: Warunek de non alienandis bonis 
od stanu rycerskiego i mieyskiego do duchowienst\\ a etc. 
2) Das Folgende nach einem Aktenbande des Thorner Archivs 
{Katalog 2) I Nr.34!;3: Die Anfechtungen der evang. Gt-meinde zu Strasburg.
		

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			236 


11. Die polnische Zeit. 


dC'r Pfarrer eine jährliche Rente von 50 Flor. erhalten sollte. Drei 
Jahre blieb die Stadt in ruhigem Besitze, 1745 aber kam es zum 
Streit. Der Pfarrer Kos war Domherr der Leslauer Kirche gc- 
worden, hatte aber durch päpstlichen Dispens die Strasburger 
Pfründe behalten dürfen und lies sie durch den Kommendar Josef 
Nigocki verwalten. Nigocki liess sich in seiner Amtsverwaltung 
die gröbsten Verstösse zu Schulden kommen, und 1745 fand eine 
Visitation statt, in deren Verlauf er abgesetzt wurde. Der 
Leiter der Visitation war der pomesanische Offizial Fahian Franz 
Ph!,skowski. Ph!,skowski war unzweifelhaft ein bedeutender Mann, 
im Jahre 1773 wurde er Weihbischof von Kulm j politisch war er 
ein kirchlicher Heisssporn, dessen ausgesprochenes Ziel es war, 
die Protestanten wo immer möglich zu unterdrücken. In dem 
Visitationsdekret, das er im Januar 1746 erliess, machte er zunächst 
die Parochialrechte des Stadtpfarrers über die Evangelischen geltend. 
Unter der unordentlichen Verwaltung Nigockis hatte der evangeliche 
Prediger häufig Taufen, Tranungen und Begräbnisse ohne jede Ge- 
nehmigung und ohne die Stolgebühren abzuliefern vorgenommen; 
jetzt wurde ihm dies bei willkürlichen Strafen strengstens verboten. 
Plq,skowski bestimmte sogar, dass Protestanten. die ohne das Bürger 
recht zu 

abcn in Strasburg wohnten, also z. B. alle HandwerKs- 
gesellen und -Lehrlinge, sich einzig und allein zu der katholischen 
Kirche halten dÜrften, obwohl das Religionsprivileg ausdrücklich 
"Bürger und Einwohner der Stadt" nannte. Fernf'r bemÜhte sich 
der Visitator den Einfluss dcr katholischen Bürgerschaft in dl'r 
Stadtverwaltung zu verstärken; und er verbot, dass das Gehalt des 
lutherischen Predigers, die Reparaturkosten des evangelischen Bet- 
hauses u. s. w. von der Stadt, an statt von der evangelischen Ge. 
meinde aufgebracht würden. Endlich aber hob er den Vergleich 
von 1742, den das Konsistorium gebilligt hatte, auf und vcrfügte, 
dass jene der Stadt vermachten Grundstücke wieder an die Kirche 
abzutreten seien, denn die Kirche würde durch den V crtrag ge- 
schädigt. E:r ging sogar soweit: ausdrÜcklich zu verordnen, dass die 
Kirchen Handwerker, die nicht zu dcn Innungen gehörten, also "Böhn- 
basen oder Pfuscher", auf dem geistlichen Grunde dulden sollte, da 
die Zünfte den Bestimmungen von 1722 zuwider der Kirche ihre 
Abgahen vorenthielten j denn die Gewerke waren grossenteils 
evangelisch. 
Die Stadt Strasburg protestierte gegen dies Visitationsdekret 
ulld verlautbarte ihren Protest vor dem Neumarker Schöffengericht. 



 


.
		

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- 


11. Neue Religionsverfolgungen. 


237 


Das bischöfliche Konsistorium, nun gänzlich unter dem Einfluss 
Plq,skowskis, überflutete den Strasburger Rat, ungeachtet seines 
Protestei!, mit Vorladungen nach Löbau und forderten unablässig, 
dass dem Dekret Genüge geschähe. Schliesslich aber lud die Stadt 
Fabian Plq,skowski und den Instigator des geistlichen Gerichts (so- 
zusagen den geistlichen Staatsanwalt) vor das königliche Assessorial- 
gericht nach Warschau, dergestalt dass der Rat von Strasburg nun 
nicht mehr nach I..öbau geladen werden konnte und die Kirche die 
strittigen Grundstücke bis zum Entscheid nicht nutzen durfte. 
Die Republik Polen hatte keinen Beruf zum Rechtsstaat. 
Nicht die ungeheuerliche Umständlichkeit und Schwerfälligkeit des 
Prozossverfahrens, nicht die Kompetenzkonflikte zwischen geistlichen 
und weltlichen Gerichtshöfen, nicht das Nebeneinander von polni- 
schen, deutschen und kanonischell Rechtsnormen war das Schlimmste, 
sondern dass man in keinem Falle einige Gewähr hatte, dass Recht 
Recht bliebe, dass vielmehr ein rechtskräftiges Urteil ohne hin- 
rt>it::hendpn Grund aufgehoben werden konnte, und dass schliesslich 
die Urteile nicht ausgeführt wurden. Ein Rechtshandel war eino 
Sache der Politik, der Macht und des Geldes; die Hauptknnst 
bestand in der endlosen Verschleppung des Prozesses. Dieser 
Strasburger Prozess hat von 1746-62 gedauert und endete, wie 
auch alle früheren Prozesse, nicht mit einem Rechtsspruch, sondern 
mit einem Vergleich. Wie immer, wenn die Stadt Strasburg mit 
der Pfarrkirche prozessierte, wandte sie sich auch diesmal llach 
Thorn und Danzig, weniger um der Rechtsbelehrung willen, als 
um diplomatische Interventionen herbeizuführen ulld Geldunter- 
stützungen zu erhalten. Hatten doch, wie gesagt, diese Prozesse 
nicht zum geringsten den Zweck, die kleine prote9tantische Stadt 
wirtschaftlich zu ruinieren. Vorderhand aber wollte der Rat nichts 
von einem V crgleiche wÜ;sen, und dachte, erbittert über die be- 
ständigen Beunrubigungen, den Prozess durchzufechten. .Auch 
für
htete er, auf die Be8itzansprüche bezüglich jener Grundstücke 
zu verzichten zu scheinen, wenn er die Kirche den Zins erhehen liesse. 
Das bischöfliche Konsistorium seinerseits kümmerte sich nicht 
um die Ausladung vor das Warschauer Tribunal und die "Inhibition" 
(den rechtswirksamen Protest gegen weitere Vorladungen und gegen die 
Nutzung der strittigen Grundstücke), sondern lud den Strasburger 
Rat von lleuem vor das Löbauer Gericht, weil er geistliche Per- 
sonen vor ein weltliches Forum zitiert hätte. Die Strasburger 
wu
sten durch die Vermittelung der grossen Städte don Krongross-
		

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11. Die polnische Zeit. 


kanzler fiir sich zu interessieren, doch ohne dass seille Reskripte 
bei den Gegnern Beachtung gefunden hätten. Die Pfarrkirche 
hatte sich in den Besitz der Grundstücke gesetzt, und bezog den 
Grundzins uaraus; und deren Bewohner sahen in der kirchlichen 
"Freiheit" eine Gewähr für StrafIosigkeit, was für Vergehen sie 
immer begingen. 
Hierüher kam es zu einem ncuen Konflikt. Das Schuhmacher- 
gewerk beklagte sich vor dem Rat, dass auf geistlichem Grunde 
ein Pfuscher ihnen Konkurrenz machte, und verlangten, dass ihm 
das Handwerk gelegt würde. Der Rat konnte sich dieser Forderung 
nicht entziehen. Da der Pfuscher sein Haus verschloss, liess der 
Bürgermeister die Thüre erbrechen, ihm seine neue Arbeit und sein 
Gerät wegnehmen und ihn ins Gefängnis v. eden. Darauf erfolgte 
eine neue Ladung vor das Konsistorium wegen Einbruchs in geist- 
liches Gebiet und Verletzung der kirchlichen Immunität. Die Klage 
richtete sich gegen die beiden Älterleute des Schuhmachergewerks 
Kamiensky und Skonieczka und gegen den präsidierellden Bürger- 
meister Biegacki, der den Befehl zu der Exekution gegeben hatte. 
Die Strasburger erhoben wiederholt den Einwand, dass das geist- 
liche Gericht unzuständig wäre, da sie an das Warschauer Assessorial- 
gericht appelliert hätten; obwobl sie dalliit nicht durchdrangen, 
versäumten sie ohne Entschuldigung den Termin. Es wurde ihnen 
eine Geldstrafe ulld die kirchliche Exkommunikation angedroht. 
Der neue Termin wurde auf den 25. September 1747 angesetzt; 
am 19. September erhielten die Schuhmacher und erst am 23. der 
Bürgermeister Biegacki die V orladullg. Sie erschienen nicht, und 
das Urteil wurde gefällt: der Spruch lautete auf zehn Dukaten 
Strafe und auf Exkommunikation. Der Strasburger Pfarrer sollte 
die Exkommunikation öffentlich beim sonntäglichen Gottesdienst 
verkündigen. 
Nun war der Bürgermei:-Jter Hiegacki Katholik. Er geriet in 
Verzweiflung, als Sonntag für Sonntag in der Pfarrkirche der Bann 
über ihn ausgesprocben wurde. Eine Verwend ung beim Bischof 
hatte keinen Erfolg; vielmehr erkallnte dieser am 21. Oktober 1747 
in einem Dekret das Urteil vollauf an: geistlicher Grund stände 
ausserhalb der städtischen Gerichtsbarkeit und Polizei; lägen 
Klagen gegen einen Bewohner desselben vor, so habe die Stadt 
sich an den Pfarrer zu wenden, und wenn dieser der Klage nicht 
Folge gäbe, 90 sei er vor das Konsistorialgericht zu laden. Nur 
wenn ein Bewohner der kirchlichen Freiheit sich in der Stadt
		

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			11. Neue Religionsverfolgungen. 


239 


selbst verginge und auf frischer That ergriffen würde, oder 
wenn es sich um ein ganz schweres Verbrechen handle, dürfe er 
von der städtischen Behörde gefangen gesetzt werden. Auch betontp 
der Bischof, dass der Zins der strittigen Grundstücke an die 
Kirche fallen müsste. 
Der Strasburger Rat beschloss jetzt, eine Abordnung an den 
Kulmer Bischof zu senden, um vielleicht durch persönliche Rück- 
sprache etwas zu erreichen. Am 18. Oktober trafen die Bürger in 
Löbau ein. Der bischöfliche Sekretär erklärte sich bereit, ihr 
Vorhaben zu unterstützen, und den Strasburgern wurde nicht nur 
eine Audienz gewährt, sondern sie erhielten auch eine Einladung 
zur bischöflichen Tafel. Sie wohnten der Frühmesse, die der 
Bischof las, bei. Als der Bischof nach der Messe aus der Kirche 
ging, und die beiden Bürger sich vor ihm verbeugten, sprach er 
sie an und forderte sie auf, ihn aufs Schloss zu begleiten, wo er 
sie gleich zum Frühstück bei sich behielt. Bei der Mittagstafel 
trank der Bischof, wie die Abgesandten berichten, "des Ehrbaren 
Rats, unser und der ganzen Gemeinde Gesundheit und endlich auf die 
Strasburgische beständige Glückseligkeit, welchem alle Anwesenden 
sogleich folgten, und wir genug zu thun hatten, Gegenkomplimente 
zu machen und uns namens aller zu bedanken. Hierbei erkundigte 
sich des Herrn Bischofs Excellt>nz nach vielen Strasburgischen Um- 
ständen und rühmte Strasburg. Wir aber stellten ihm die Umstände 
aufs allerkläglichste vor, besonders wegen Verfolgung von der 
G..istlichkeit. Er bezeigte darüuer ein Mitleiden und erklärte sich 
bereit, den Beschwerden der Stadt Strasburg nach allen seinen 
Kräften abzuhelfen, wobei wir alle Anwesenden auf unserer Seite 
hatten, bis dergestalt die Tafel verguügt aufgehoben wurde." 
So schien alles gut ablaufen zu wollen; der Sekretär teilte 
den Strasburgern mit, dass er bereits den Auftrag hätte, ein Dekret 
ganz in ihrem Sillne zu entwerfen. Aber spät Abends kam der 
Domherr Plq,skowski zum Bischof, und der Energie dieses Fana- 
tikers gelang es, den leicht lenkharen Herrn umzustimmen. Andern 
Tages traf auch der Strasburger Kommendar Langner ein. Der 
Bischof verwies diesem zwar seine Streitsucht. und Langner äusserte 
selbst zu den Strasburgern, der Bischof sei gut, und Plq,skowski 
der eigentliche Störenfried. Die Abgeordneten wurden wieder zn 
Mittag ins Schloss geladen. Aber auch Plq,skowski war anwesend, 
und der Gegensatz zwischen ihm und dem Bischof und zugleich 
sein starker Einfluss auf jenen kam deutlich zum Ausdruck. Der 


-
		

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II. Die polnische Zeit. 


Domherr machte aus seinen Ansichten kein Hehl. Er schalt aut 
die Ausladung der Geistlichen vor das königliche Gericht. Der 
König habe den Geistlichen llichts zu befehlen. Das Konsistorium 
bestände darauf, dass die Streitsache vor das geistliche 1!
orum zu- 
rückverwiesen würde, und dann würde Strasburg nach Gebühr be- 
straft werden. Wie auch der Entscheid des königlichen Gerichts 
ausfiele, das Konsistorium würde den Prozess selbst weiterführen 
und ganz Strasburg mit dem Kirchenbann belegen. So war die 
Reise erfolglos. Der Bischof blieb stets gleich freundlich und 
mahnte zur Geduld: es würde noch alles gut werdell; aber er lieds 
Phtskowski nach seinem Willen handeln. 
Im November liess Phtskowski den h.ommendar Langner eine 
neue Karte ausspielen. Da der Bürgermeister Biegacki exkommn- 
ni ziert war, so forderte Langner, dass er den Vorsitz im Rate 
niederlegte und sich jeder amtlichen Thätigkeit enthielte; SOllSt 
würde der gesamte Rat dem Bann verfallen. Dies Ansinnen wurde jedoch 
llicht berücksichtigt und bald darauf erhielt Biegacki für Beine Person 
eine Urkunde, worin der Banlll'lpruch suspendiert wurde. Diese 
Ausfertigung kam aus der päpstlichen Nuntiatur in Warschau, und 
war über den Kopf der Löbauer Kirchenbehörde hinweg erlassen 
worden. Erwirkt hatte sie jener Taugenichts Nigocki, der frühere 
Strasburger Kommendar, der 1745 abgesetzt worden war. Nigocki, 
der sich in Warschau befand, hatte seine Verbindungen benutzt, 
um sich auf diese Weise an seinem Feinde Phtskowski zu rächen. 
Mittlerweile hatten die grossen Städte Danzig, Thorn und 
Elbing bei Hofe alles aufgeboten, um die Lage Strasburgs zu er- 
leichtern. Der Krongrosskanzler, der Krongrossmarschall, der 
Unterkanzler und der fürstliche Kallzler von Littauen verwandten 
sich für die Stadt. Sogar der Premierminister Augusts IlI. Graf 
Brühl schrieb selbst all den Bischof von Kulm und ermahnte ihn 
zur Versöhnlichkeit.1) Der Kommendar IJangner und noch mehr 


. 


. 


1) Der Brief lautet: 


Dresde, 9. Dec. 1747. 
La ville de Thorn aiant portee en cour. au nom et de la part de 
celle de Strasbourg, des plaintes sur les prejudices que celleci souflre da 
consistoire de V otre Eminence, nommement par un decret de visitation 
expedie par Mr. le Chanoine Plaskowski, par lequel les anciennes con- 
ventions confirmees par des decrets des precedens eV
ques auroient ete cassees 
et aDnullees, que m
me on auroit eu en vue de changer ce qui regarde la 
police et les etablissements privilegies de la ville, et qu' enfin on auroit 
agi en plusieurs choses directement contre les droits de Sa Majeste, et ou 


- - -------
		

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			11. Neue Religionsverfolgungen. 


241 


l 


Phj,skowski waren über die Aufhebung der Exkommunikation empört, aber 
die Verfügung der Nuntiatur musste öffentlich von der Kanzel aus 
verkündigt \\erdell. Jetzt ging Strasburg selbst zum Angriff über. 
Der Rat verklagte den Kommendar Langnerj seill J.ebenswandel, 
Beleidigungen der Protestanten, Bedrohungen von Bürgern, Ein- 
griffe in die Rechte der Stadt, Aufnahme von Flüchtlingen aus dem 
königlichen Preussen u. a. m. wurde ihm vorgeworfen. Und zwar 
lud ihn die Stadt wieder vor das königliche Hofgericht. Darauf 
antwortete daR Konsistorium mit einer neuen Vorladung des Rats, 
da er eine geistliche Person vor ein weltliches Forum zitiert hatte. 
Die Strasburger versäumten absichtlich die Termine, und iDl No- 
vember wurde ganz Strasburg in den Bann gethan. 
Die
er Schritt erregte in der Stadt grosse Aufregung. Handel 
und Verkehr begann zu stocken. Es entstalld eine starke Er- 
bitterung der Katholiken gegen die Protestanten als die Urheber 
dieses Unheils. Die grösseren Städte legten sich wieder ins Mittel, 
der Kongrosskanzler ulld die andern hohen Würdenträger schrieben 
wieder an den Bischof, und dieser hob am 22. Dezember bis auf 
weiteres die Exkommunikation auf, um auf einer persönlichen V i- 
sitation eine endgültige Entscheidung zu fallen. 
Am 1. März 1749 kam Bischof Leski nach Strasburg, um die 
Visitation abzuhalten. Er wurde von der Bürg6rschaf't "aufs devoteste 
bewillkommt." V on den Höhen vor der Stadt wurde aus dem 
grobell Geschütz Feuer gegeben, an dem Thore empfingell ihn die 
beiden ersten Ordnungen. Der Bischof erwiderte die Ansprache in 
seiner verbindlicllen Weise, Büchsen wurden abgeschosse. n , und die 
ganze Bürgerschaft begleitete den Bischof zur Pfarrkirche. Aber 
die Verhandlllngcn mit ihm kamen zu keinem Ziel. Der Bischof 
wollte als Visitator den Zwist schlichten und die Beschwerden der 
Stadt entscheiden, aber der Rat liess sich darauf nicht ein, da er 



 


prejudice de la jurisdiction des jugements assessoriaux. 0\1 Ja ville a ete 
obligee de recourir pour maintenir ses privileges, suppliant au reste Sa 
Majeste d'accorder a Ja dite ville Sa Roiale protection. Je dois avoir 
l'honneur d'en donner part a Votre Eminence et je le fois avec d'autant 
plus de confiance, que je connois Ses sentimens justes et equitables, en tout 
etant persuade qu'Elle ne permettra pas, que Son consistoire fasse rien 
qui soit contre les privileges des villes royales situees dans Son diocese 
et au prejudice des droits de Sa Majeste. Fonde sur cette esperanceje prends 
la libertee de Lui recommander la susdite ville de Strasbourg, afin qu'elle soit 
conservee dans ses droits et delivree des torts dont elle se plaigne 
Je suis Votre etc. 


16 


L
		

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			2-t-2 


11. Die polnische Zeit. 


damit die geistliche Gerichtsbarkeit in städtischen Angelegenheiten 
anerkannt hätte; wollte der Biscbof aussergerichtlich die ßesch werden 
der Stadt entgpgennehmen. so würde man sie einbringen. Fast 
wäre der Bischof darauf eingpgangen, wenn Pl
skowski es nicht 
verhindert hätte. Nach seiner Auffassung war selbstverständlich 
das geistliche Gericht zuständig, da es sich um geistliche An- 
gelegenheiten handelte. Die Rechte ulld die Gerichtsbarkeit der 
Kirche könnten durch keine J!'reiheitpn und Privilegien oder durch 
Staatsverträge wie dell von OJiva pingeschränkt werden. Er sagte 
ganz offen, dass die Protestanten nur durch die Gnade der Kirche 
gpduldet würden, und zwar nur so lange, als t'S ihr beliebte; ein 
Privileg bedeute llicht viel, wenn es auch vom Könige bestätigt 
wäre, denn auch Fürsten und Könige seien der geistlichen Gerichts- 
barkeit unterworfen. 
S
 kam es zu keiuer Einigung. "Ihro Bischöfliche Excellenz, 
berichtete der 8trasburger Rat nach Thorn, fundierte darauf ihre 
Jurisdiktion der Visitation in der Strasburgiscben Pfarrkirche und 
kontinuierte dieselbe die folgenden Tage darauf, allein von Seiten 
der Stadt komparierte niemand dabei die ganze Zeit durch. Endlich 
vernahm E. E. Rat den 3. März, dass die Kirchenvisitation bereits 
geschlossen, und den 4, darauf frübe des Herrn Bischofs Excellenz 
80g1eich vor der Kirchenthür in die Kutscbe einsitzen und ver- 
reisen würde; dahero wurden den 3. März nachmittags von Seiten 
der Stadt einige Gravamina und Petita zu Papier gebracht, und 
damit zwei Deputierte mit dem Herrn Advokaten Woycikowski an 
des Herrn BiRchofl'! Excellenz abgeschickt in dessen Residenz. Hier 
machte nun Herr W flyeikowBki eine klpine Anrede und übergab 
die Gravamina. Des Herrn Bischofs Excellenz nahm die Gravamina 
an, aber antwortete im Zorn: er wäre in vielen kleinf'ren und 
grösseren Städtpn als Strasburg gewesen, und wäre allenthalben 
von dem ganzen Rat jeder Stadt selbsten besucht worden. Hier 
aber hörte er nur einen Fremden reden, der nicht zur Stadt ge- 
hörte; er nähme dies als cinc Beleidigung seiner Ebre auf und 
würde solches suchen. Ibm wurde remonstriert, dass unter don 
Deputierten einer aus E. E. Rat wäre und der andere der 
Stadt Notarius, allein er hörte nichts, sondern ging in das Neben- 
zimmer und warf hintpr sich die Tbüre mit grosser Heftigkeit zu 
und liess die Deputierten bestürzt stehen. Nachdem nun die De- 
puticrten mit einander Rat Lielten, was dabei zu thun wäre, so 
schickte des Herrn Bischofs Excellenz zu sie und liess sie in das
		

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			11. Neue Religionsverfolgungen. 


243 


Nehengemach nötigen, doch ohne Advokaten. Die Deputierten 
gingen also hinein, und nach gemachter Neigung und Kompliment 
redete sie des Herrn Bischofs Excellenz also an. Er wäre böse 
geworden, weil er ohne Kränkung der Stadtrechte und extraju- 
dicialiter die Desideria der Stadt vernehmen und denselben ab- 
helfen wollte, ohne alle Controversien, und nun hätte man ibm einen 
Advokaten gestellt, der fremd ist und die Desideria der Stadt nicM 
wüsste, als was ihm E. E. Rat offenbarte, und er sokhes gerne 
belbst hören möchte, und also wäre er wieder gut. Die Deputierten 
dankten demütig für die gnädil5e Erklärung, deprezierten ihre 
Fehler und entschuldigten sich, dass der Advokat desfalls da wäre, 
weil sie so vielen unmöglich antworten könnten. Des Herrn Bischofs 
Excellenz versprach alles allein abzumachen und nahm unsere 
Gravamina vor, liess den Herrn Commendarium Langner herein 
kommen, welcher alle mehrenteils bekannte und darauf mit Worten 
ziemlich 8charf bestra ft wurde. Hier nun drang ein Haufe der Clerisei 
in das Zimmer und widersprach den Deputierten in vielem aufH heftigste. 
Die Geistlichkeit brachte unterschiedene Streitigkeiten auf die Bahn, 
so dass sie selbsten des Herrn Bischofs Excellpnz often ermahnte 
zu schweigen aber vergebens; denn Herr Canonicus Pl
skowski 
war wieder der Hauptredner, er brachte die Contenta seines 
Visitationsdekrets vor und wollte die defendiren, die Stadtdepu- 
tierten antworteten aber, das!:! sie auf das alles nicht antworten 
könllten, weil darin die Litispcndenz bei Hofe wäre." 
Beide Parteien bestanden auf ihrem Stück, der Streit drehte 
sich immer wieder um den Punkt der ZU8tändigkeit des geistlichen 
oder königlichen Gerichts; eine Einigung war unmöglich. Des 
Bischofs Leutseligkeit blieb sich freilich immer gleich, er lud die 
Deputierten zum Abendessen und nahm Tags darauf den Besuch 
des ganzen Rats gnädig auf. Bei Beiner Abreise wurde er von der 
ganzen Bürgerschaft unter Böller8chüssen bis zum Thore geleitet. 
V orher aber war es Phtskowski gelungen, in der Bürgerschaft 
eine Spaltung hervorzurufen. Die Katholiken, daruntpr auch die 
wenigen städtischen Beamten ihres Bekenntnisses, der Bürgermeister 
Biegacki, ein Ratmann und einige Schöffen, erkannten ohne V 01'- 
wissen des Rats die geistliche Gerichtsbarkeit an und erklärten, 
an jener Ausladung geistlicher Personen vor das weltliche Gericht 
keinen Anteil gehabt zu haben; sie unterwarfen sich völlig der 
Kirche. Dafür wurde der Kirchenbann von ihnen genommen. Als 
der Bischof am 6. März das Visitationsdekret verkündigte, waren 
16.
		

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			244 


II. Die polnische Zeit. 


jene Katholiken anwesend, während sonst niemand vom Rat in der 
Kirche erschienen war. 
Die Lage der Stadt war durch die Trennung der Katholiken 
erheblich erschwert. Am 9. März erfolgte ein neuer Bannspruch, 
der diesmal allein die Protestanten Strasburgs traf. Schon glaubte 
man, dass es auf eine gänzliche Unterdrückung des Protestantismus 
abgesehen sei, und fürchtete, dass Strasburg ein iihnliches Trauer- 
spiel erleben würde, wie es sich 25 Jahre vorher in Thorn abge- 
spielt hatte. Doch so weit sollte es nicht kommen. Wiederum 
setzten Danzig, 'I'horn und Eluing am königlichen Hofe alles in 
Bewegung, die höchsten Würdenträger der Repuulik legten sich 
beim Bischof ins Mittel, ulld wieder verscbafi'te 
igocki, diesmal 
unter Mitwirkung des Strasburger Starosten Pl!!skowski, von der 
geistlichen Nuntiatur in Warschau eine Suspension des Kirchenbannes 
(13. Sept. 1749). 
Hier verlassen uns die ausführlichen Nachrichten. Wir wissen 
nur, dass im August 1754 eine Entscheidung df's königlichen 
Assessorialgerichts zu Gunsten der Stadt erfolgte. Sie wurde von 
aller Verbindlichkeit gf'gen das geist.liche Gt;richt Lefreit, und es 
wurde ihr förmlich untersagt, ill bürgerlichen Sachen die Gerichts- 
barkeit des Konsistorium!:! anzuerkennen, Lei Strafe von 1000 Du- 
katen oder Gefängnis; dem Rat wurde das Recht vorbehalten, den 
Instigator des Konsistoriums wegen der unrechtmässigell Ausladung 
vor den Bischof von Kulm zu belangen, und das Religionsprivileg 
wurde bestätigt)) Aber die eigentliche Streitsache zwischen der 
Stadt und der Pfarrkirche war noch unbeelldigt. Im Jahre 1758 
wurde eine königliche Kommission eingesetzt, die am 16. Juli] 76i 
einen Vergleich zu stande brachte. Die strittigen Grundstücke 
wurden der Stadt zugesprolhell, und dafür hatten si<' dem ur"'prüng- 
lichen V ertrage gemäss uer Kirche eill Kapital von 1000 Gulden 
zu verzinsen. 2 ) 


12. Der siebenjähri
e Krieg. 
Unter der Regierung Augusts IIl. wurde Polen zum Spieluall 
der fremden Mächte: Russland, Östt'rreich und Frankreich. Als 
der siebenjährige Krieg ausurach, war die Republik Polen im 


... 


I) Goedtke. Kirchengeschichte Strasburgs (preuss. Provinzialblätter) 
1
45 S. 69M. 
2) Abschrift in den Akten des kathol. Pfarramts und des Magistrats 
zu Strasburg.
		

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			12. Der siebenjährige Krieg. 


245 


Innern bereits viel zu sehr zerrüttet. um selbst Partei ergreifen zu 
können; sie war so schwach, dass ihre Neutralität von den krieg- 
führenden :Mächten in keim'r Weise geachtet wurde; Russland 
namentlich behandelte polnisches Gebiet glpichsam wie eine eigene 
Provinz. Im Sommpr 1757 machte der russische General Apraxin 
das polnische J,itthauen zu seinpr Operationl:;basis. Im Januar 1758 
eroberte Gpneral Fermm' Ostpreusl:;en und rückte im Frühjahr bis 
zur Weichsel vor; Anfang März standen russische Truppen in 
Elbing, Marienburg, Graudpnz und Thorn. Von Grosspolen aus 
wurden grö
sere militärische Operationen und zahllose kleine Raub- 
züge nach Brandpnburg, Pommern und Schlesien ausgeführt. Die 
Russen handelten nach Gpfallen in dem besetzten Lande, schrieben 
Lieferungen aller Art aus, die sie selten bezahlten; sie hehandelten, 
olme Ansehen der Person, Adel und Bauern "sehr indiskret, selbst 
mit Prügel und Todschlag." Die 
Iannszucht war nichts weniger 
als streng, Diebstähle und offene Räuhereipn waren an der Tages- 
ordnung. Dazu rief die minderwertige Münze, die Friedlich der 
Grosse in Dresden mit polnisch-sächsischem Stempel prägen liess, 
eine bedeutende Preissteigerung hervor.!) 
Über vier Jahre lang blieben die russischen Truppen in 
W estpreu,;sen. Von den einzelnen Vorgängen sind nur spärliche 
Nachrichten vorhanden. Strasburg- hatte eine russische Besatzung. 
Einige spezielle Notizen pnthaIten die Golluber Stadtbücher. Am 
12. April 1758 beriet der Rat über die Gestellung von Pferden. 
Russische Kuriere hatten scbon mphrfach die Stadt passiert, und 
ein Durchmarsch russischpr Truppen wurde erwartet. Einige BÜrger 
verpflichteten sich, stets Pferde bereit zu halten; sie sollten für vier 
Pfcrde nach Stl'asburg oder 'l'horn jedesmal 2 Flor. erhalten. Da 
die Kuriere oft nicht dpn vollpn Lohn oder auch garnichts zahlten, 
so verspraeh die Stadt aus eigenen Mitteln den Schaden zu ersptzen. 
Am 13. April erliesfl der russische General George Browne 
aus Graudenz einen Runderlass, in dpm er alle Stände aufforderte 
russische Deserteure anzuhalten und bei dem nächsten Truppenteil 
abzuliefern. Für jeden eingebrachten Desertpur werden 10 Rubel 
Belohnung versprochen. 
Am 5. Juli 1758 wird vermerkt, dass das blaue Husaren- 
regiment, dal:; 6 Wochen in Gollub gestanden hatte, für Lebens- 
mittpl nichts gezahlt und nur den Stadtdeputierten zum Dank für 


I) Vgl. Roepell, Polen um die Mitte des 18. Jahrhunderts S. 128 ff.
		

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			246 


JI. Die polnische Zeit, 


ihre grossen Bemühungen 23 Rubel 6 'l'ymf gegeben hatte. Es 
waren aber Heu und Korn im Wert von 82 Flor. geliefert und all 
Pferdegeldern 81 Flor. bezahlt worden. 
Am 16. April 1759 verklagte der russische Quartiermeister 
Akim Alexandrowicz Polikarpow den Golluber Bürger Josef Krzy- 
zanowski, dass er i}1m einen silbernen Löffel gestohlen habe. Der 
Bürger schwor aber, nichts von dem Löffel zu wissen und wurde 
auf freien Fuss gesetzt. 
Am 14. Dezember 1759 beschloss die Stadt zur Aufbringung 
der Postgelder für die Russen eine allgemeine Auflage. Jeder 
Bürger soll 1 Flor.. jeder Büdner und Einmietel' 15 Gr. zahlen. 
Für jedes Pferd wird auf die Meile eine Entschädigung von 
18 Groschen festgesetzt. 
In der Zeit vom 31. August bis zum 7. Mai 1760 waren für 
Postpferde im Ganzen 330 Flor. gezahlt, vom 7. Mai 1760 bis zum 
9. Juli 1761 für denselben Zweck 781 Flor. 3 Gr. Um diese 
zweite Summe aufzubringen, versteigerte die Stadt 5 Gebräue Bier, 
d. h. der Meistbietende erhielt die Erlaubnis einmal aUSSer der 
Reihe zu brauen. Für jedes Gebräu kamen 160 Flor. ein, so dass 
die Summe gedeckt war. Ferner mussten die Bürger dafür ent- 
schädigt werden, dass die russischen Truppen ihre Äcker und 
Wiesen dauernd zur Pferdeweide benutzt hatten. Der Schaden 
wurde auf 168 1 /2 Flor. geschätzt, und um ihn zu decken, wurde 
ein sechstes Gebläu versteigert. 
Am 15. April 1761 machte der Rat bekannt, dass der russische 
und der polnische Hof eine Kommission in Thorn einsetzen würden, 
um die Kriegsschäden zu prüfen, die durch die russi
chen Soldaten 
verursacht warell. Alle Bürger werden aufgefordert, ihren Schaden 
ausführlich und bestimmt aufzuzeichnen, und zwar so, dass sie die 
Summen beschwören könnten. Nach diet1em Verzeichnis hatten 
61 Bürger 7843 Flor. 23 Gr. eingebüsst. Die Posten bestanden 
in Lieferungen von Holz zum Kochen und Backen, Fourage und 
I
ebensmitteln j Vieh war gestohlen oder gewaltsam requiriert worden, 
Postpferde und Wagen mitgenommen, Säcke, Kleider, Sättel, 
Pfannen, Löffel gestohlen, Thüren erbrochen u. s. w. Die Liqui- 
dationskommission wurde thatsächlich am 18. Mai 1761 eingesetzt. 
Sie bestand aus dem russischen Obersten Puczkow und dem Sta- 
rosten von Czerwenigrod Wychowski. "Der Rust1e entschi£:d aber 
alles allein nach Gunst und Willkür, und die ganze Liquidation 
ward von Russland absichtlich Jahre lang hingezogen, um die 


..
		

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			12. Der siebenjährige Krieg. 


247 


Polen durch die Furcht, am Ende gar nichts zu bekommen, in Ab- 
hängigkeit von sich zu erhalten."l) 
Im Laufe der Jahre war eine ganze Anzahl von Regimentern 
durch Golluh durchmar!'chiert oder hatte dort gelagert; so das 
zweite Grenadierregiment, das Kasaner, das A80wsche Regiment, 
Artillerie, Husaren, Kosaken u. s. w. 
Am 5. 
Iai 1762 wurde zwi8chen Russland und Preussen 
:Friede geschlossen, und die Russen fingen an das polnische Land 
zu räumen; nur einzelne Detachements blieben zurück. In Grau- 
denz bestand ein russisches Lager bis in den März 1764. Am 
17. November 1763 fragte das Graudenzer Proviantamt die Stadt 
Gollub nach den dortigen Preisen verschiedener Marktartikel in 
den Monaten Oktober und November. Der Rat antwortete am 
30. November: im Oktober kostete der Scheffel Roggen Thorner 
Masses 2 Flor. 6 Gr., im November 2 Flor., Hafer im Oktoher 
1 Flor. 6 Gr., im November 1 Flor.: 4 Quart Grütze kosteten 6 Gr.- 
Preussen zeigte natürlich ebenso wenig Achtung vor der Neu- 
tralitiit Polens wie Russland. Seit Anfang 1759 machten die 
preussischen Truppen mehrere Einfälle haupt8ächlich Dach Gross- 
polen. J n Westpreussen rückten preussische Truppen erst nach 
dem Friedensschluss mit Russland ein und blieben dort auch noch 
nach dem Hubertusburger Frieden, der den siebenjährigen Krieg 
beendigte. Nach Gollub kamen preussische Truppen im März 17153. 
Am 1. April kommandierte General von Lossow, der Chef eines 
Husarenregiments und des Bosniakenkorps den blJsniakischen Unter- 
offizier Ciemnik mit einem Detachement nach Gollub; Adel und 
Bürger wurden aufgefordert, freies Quartier, Fourage und Ver- 
pfiegung zu gewähren. Am 28. April 17üB erhielten die Preus!'len 
in Gollub Brotvorräte von 1007 1 /2 Pfund und ausserdem Hafer. 
Am 24. Oktober wurden die Gesamtausgaben der Stadt für die 
preussischen Truppen auf 1500 Flor. berechnet. 
Auch österreichische Truppen passierten den Kreis, es waren 
die in Ostpreussen internierten österreichischen Kriegsgefangenen, 
dIe von Preussen nach dem Friedensab8
hluss über die Grenze 
abgeschoben wurden. 2 ) Ein Zettel in den Golluber Stadtbüchern 
trägt folgenden Vermerk: "Die drey IIusaren, welche in Gollub 
arretieret seyn, sollen ihres Arrestes entledigt seyn, damit Sie in 
Strashur g fUhr die ankommende Kolonne österreichischer Truppen 
I) RöpelI 141. 
2) VgL Frölich, Gesch. des Graudenzer Kreises 11 237. 


!
		

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			24
 


ll. Die polnische Zeit. 


die gphöhrigen WagPlls anschaffen können, und sollen von denselben 
aber durchaus keine Exzesse begangen werden, damit hinführo nicht 
mehr Klagen einlauffen dürffen. 'l'horn, den 11. April 17üß. 80- 
balde diese Ordere denen drey Hmmren vorgezeigpt wird, sollen 
sie sogleich nach Strasburg gehen. Stabenow, Cornet." 
Die preussischen Uequisitionen, zumal die des Gpnprals von 
l
ossow und die Gewaltthätigkeiten und Übergriffe der preussiscben 
Grenzkoll1mission in Driesen riefen 1763 die grösste Erbitt£'rung in 
Polen hervor. Eifrig wurd£'n Nachrichten übf'r sämtliche Miss- 
bräuche und Rt'cbtl:!verletzungen gesammelt, 11m auf diplomatischem 
W<,ge Beschwerde zu erheben, ja dpr polnische Adel dachte 
sogar gegen den Helden des siebeDjährigen Krieges "zu Pfprde 
zu bteigen." Die Klagen waren nicht unberechtigt. Zum Teil 
wenigRtens bandelte es sich um Gewaltthätigkeiten preussischer 
Offiziere, dic gros se Summen und Lieferungen erpressten und ganze 
Bauerfamilien mit Hab und Gut aushoben, um sie in Preussen 
anzusiedeln; zum 'feil waren es aber Ränbereipn von Privatleuten 
und allerhand Raubgpsindel, das sich unter preussischen Uniformen 
versteckte. Noch im Sommer 1763 hob Friedrich der Grosse die 
Grpnzkommission auf und zog alle Truppendetachements alls Polen 
zurück; einige Offiziere wurden bestraft.!) 


.' 


13. Däs Ende der polnischen Herrschaft. 
Nach dem 'I'ode König Augusts Ur. (6. Okt. l7t13) schlossen 
Russland und Preu8sen eincn ßündnisvertrag auf acht Jahre ab. In 
einem gehpimen Artikel verpfiichtpten sich die bei den Mächte zu ver- 
hindern, dass Polen in ein Erbreich verwandelt, und dass die polnische 
Verfassung verändert würde. Die innere Anarchie und der Einfluss 
der Nachbarstaaten sollten erhalten bleiben. Der rURsische Kron- 
kandidat war Stanislaus Poniatowski. Die russisch gesinnte Partei 
in Polen, an ibrer Spitze die beiden Czartoryskis, Stanislaus' 
Oheime, bildeten unter dem Schutze russi8cher Waffen eine Kon- 
föderation, um die Königswahl durchzusetzen. Auch Weatpreussen 
nahm daran Ten; der KonfödprationsmarschaU der Provinz war 


1) Röpell 185. - Im Golluber Stadtbuch ist ein Rundschreiben des 
Nakler Starosten Kaspar Rogalinski ingrossiert, worin er um sorgfältige 
Ermittelung aller Gewaltthätigkeiten bittet, dat. Posen den 14. Juli 1763; 
ferner ein Schreiben des preuss. Geh. Rats Brenckenhoff an den Kastellan 
von Posen, dat. Driesen den 3] Mai. in polnischer Ubersetzung, in dem er 
die Missbräuche anerkennt und die Bestrafung einiger Offiziere mitteilt.
		

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			, 


13. Das Ende der polnischen Herrschaft. 


249 


Graf Paul Mostowski auf Ostrometzko: der Woiwode von Pomme- 
rellen. Wieder wurde Westpreussell von russischen 'l'ruppen be- 
setzt. Ausserdem sollte ein Konföderationsheer aufgestellt werden; 
von je 30 Hufen Landbesitz sollte ein Dragoner mit Montur, Pferd 
und Löhnung auf ein halbes Jahr ausgerüstet werden. Die Stadt 
Strasburg sollte sechs :Mann f1tellen. Im August schreibt der Rat 
nach Thorn, dass der Woiwode Monturen für 100 Mann geschickt 
habe, jede zu 150 Flor., sie seipn das aber nicht wert. Die Aus- 
rüstung der sechs llann würde an 2600 Flor. kosten; die Stadt sei 
nicht imstande, das zu leisten. Dip Konföderation löste sicb 
bald wieder auf, nachdem unter dem Druck der russischen Waffen 
und dem Einfluss von 1 1 /. Millionen Rubeln Stanislaus Poniatowski am 
7. September 1764 zum König gewäblt worden war. Aber Stras- 
burg batte doch eine Schuld von 500 Tbalern (= 3000 Flor.) auf- 
nebmen müssen, um die Konföderierten zu befriedigen.!) 
Weiteren Anlass, sich in die polnischen Dinge einzumischen, 
fand Katharina in der Dissidentenfrage. Sie forderte für die 
Dissidenten (Protestanten und griechische Katholiken) nicht nur 
religiöse Freiheit und bürgerliche Gleichstellung, sondern zugleich 
die:,elben politischen Rechte, die den Katholiken zustanden, nament- 
lich den Zutritt zu allen Staatsämtern und die Wählbarkeit zum 
Reichstag. Als der Rpichstag im Oktober 1766 diese Forderung 
ablehnte, bildete sich im März des folgenden Jahres unter russi- 
schem Schutz die Generalkonföderation von Radom. Auch West- 
preussen beteiligte sich wiedcr an der Konföderation. Das pro. 
testantische Strasbllrg trat ibr nach dem Beispiel 'l'horns schon am 
2. Mai bei. Die klpinen Städte bpschlossen auf einer Versammlullg zu 
l\1arienbur
 (25.-27. 
fai) ebenfalls ihren Beitritt; die Bevollmäch- 
tigten von Gollub machten den Vorbehalt, dass die Konföderation den 
Rpchten der Katholiken und dem Unterthaneneide nicht zuwiderliefe. 
Wieder rückten russische Truppen in Polen und Westpreussen ein. 
Der polnische Reichstag, durch die gewaltsame Entführung einiger 
Fübrec der Katholiken in Furcht versetzt, fasste £:1eine Beschlüsse 
zu Gunsten der Dissidenten: die Dissidenten von Adel wurden dem 
katholischen Adel in allen staatsbürgerlicben Rechten gleichgestellt. 
Die Ehe zwischen Katholiken und Dissidenten wurde gestattet, die 
Söhne folgen dem Bekenntnis des Vaters, die 'l'öcbter dem der 
Mutter, sofe rn der Ehevertrag nichts anderes bestimmt. Alle kirch- 
I) Thorner Archiv {Katalog 2) I Nr. 3333. - Kommunalakten (Königsb. 
Archiv). - Golluber Stadtbücher.
		

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			250 


H. Die polnische Zeit. 


lieben Streitigkeiten zwischen Katholiken und Oissidenten werden 
durch gemischte Gerichte entschieden, die zur Hälfte mit Anhän- 
gern bei der Bekenntnisse besetzt sind. Die Dissidenten dürfen 
neue Kirchen und Schulen bauen, haben eigene Konsistorien und 
berufen eigene Synoden) 
Aber kaum war der Reichstag geschlossen, als dip antirussiche 
Partei zu Bar in Podolien eine Gegenkonföderation bildete (1768). 
Der damit beginnende Kampf führte zu df:'r ersten polnischen 
Teilung. Russische Truppen verfolgten eine Schar Konföderierter 
über die türkische Grenze und brannten den Ort Balta nieder. 
Die Pforte, schon langst über den wachsenden Einfluss Russlands 
in Polen beunruhigt, erklärte der Kaiserin Katharina den Krieg. 
Friedrich der Grosse war vertragsmässig verpflichtet, Russland mit 
Hilfsgeldern zu unterstützen, Auf der andern Seite begalln 
Österreich, das mit Frankreich verbündet war, zu rüsten; im Früh- 
jahr 1770 besetzte es einige polnische Gehietsteile an der un- 
garischen Grenze, die sog. Zips, auf die es einen alten Rechts- 
anspruch zu haben behauptete, und bald darauf mehrere Starosteien 
in Galizien. Der militärischen Besetzung folgte die politi
che 
Besitznahme - das war der Anfang der polnischen Teilung. Ein 
alJgemeiner Krieg schien unvermeidlich; der Erfolg, den die 
russischen Waffen gegen die Türken errangen, steigerte die Gefabr. 
In dieser Krisis hatte Prinz Heinrich von Preusspn dpn Gedanken 
der Teilung Polens, durch die die Ansprüche aller drei Mächte 
befriedigt werden könnten. Für Österreich fiel der Grund zum 
Kriege weg, welln Russland die Entscbädigung für seine Kriegs- 
kosten nicht an seiner eigenen Grenze an der Donau fand, zum al 
wenn es selbst sein Gebiet vergrö!'sern konnte. Russland 
war gegenüber der drohenden Verbindung Österreichs mit der 
Pforte und den Konföderierten von Bar aUSher stande, ganz P()len 
zu behaupten, und bequemte sich gegen eine ansehnliche Land- 
entschädigung in Polen, auf Eroberung türkischen Gebiets an der 
Donau zu verzichten. Durch Zugeständnisse in Polen konnte die 
Zarin Katharina endlieb auch Preussen, das bereits 3 Millionen 
'fhaler an Hilfsgeldern gezahlt hatte, in dieser gefährlieben Kon- 
stelJation der europäischen Mächte auf seiner Seite halten. So 
wurde aID 5. August 1772 der Teilungsvertrag abgeschlossen, durch 


.. 


.. 


1) Duncker, Besitzergreifung von Westpreussen (Zeitschrift für westpr.. 
Gescb. 1872 S. 485 H.). - Bernhardi, Geschichte Russlands u. der europ. 
Politik 1814-31 11. 2. S. 229 ff.
		

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			13. Das Ende der polnischen Herrschaft. 


251 


.. 


den Friedrich der Grosse Westpreussen mit Ausnahme von Thorn 
und Danzig erwarb. 
Die letzten Jahre der polnischen Herrschaft hatten noch 
manches Ungemach gebracht. Die Städte erhielten russische Gar- 
nisonen, die sich wie in Feindesland aufführten. Im Jahre ] 769 
brach durch ihre Schuld im Strasburger Reformatenkloster Feuer aus, 
wobei u. a. Dokumente des Besitzers von Choyno verloren gingen, 
der sie dort aUlbewahren liess. Die Konföderierten und Russen 
brandschatzten in unerhörter Weise; Strasburg hatte in den 
Jahren 176R-70 über ]7780 Gulden aufzubringen, die die arme 
Stadt natürlich leihen musste. So wurden ] 7(iH einem Führer der 
Konföderierten 1382 'rhaler bar, und weil mehr Geld nicht auf. 
zutreiben war, Waren im Wert von 42;\ Thaler gegeben; als 
Schwierigkeiten gemacht wurden, drohte jener den evangelischen 
Bürgermeister Donelson bängen zu lassen. Das Protokoll buch der 
Tischler verzeichnet zum Jahre 1770, dass die Konföderierten mit 
Gewalt die Lade geplüncert und 3 meklenburger halbe Gulden und 
] Tympf = 13 Fl. 6 Gr. geraubt hätten. Die Lautenburger wurden 
ebenfalls gehrandschatzt. Die Kämmereikasse war leer und die 
Bürgerschaft so arm, dass es unmöglich schien, den Forderungen 
der Konföderierten nachzukommen. Schliesslich erhielt die Stadt 
von einer Frau Tulodzieiska ein unverzinsliches Darlebn von 
53 Thalern 30 Groschen. Als die Russen kamen, streckte der 
Ratsverwandte Jakob Marchelkowicz der Kämmerei 26 'l'h. 65 Gr. 
vor, später half ihr der Vizebürgermeister Maliszewski mit 2ß Th. 
60 Gr. aus. Die8e Schulden drückten die Stadt so, dass sie bis 
zur preussischen Besitzergreifung ihren Beamten kein Gehalt zahlen 
konnte; 177:	
			

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H. Die polnische Zeit. 


Cl' dürfte seinen 'l'alar nicht in derselbt'n Länge tragen, wie die 
katholischen Geistlichen. Von den Innungen wurden den alten 
Satzungen gemäss die Abgaben an Wachs gefordert. Protestanten, 
die bei der Fronleichnamsprozession nicht dpn Hut zogen, sollten 
in Strafe genommen werden; man drohte: den Deutschen würden 
die Köpfe springen. - Seit 1767 hatte die Stadt auch über un- 
gerechte Zollplackereien zu klagen. Den preus:;ischen Rechten 
zuwider war auf l\lichelauischem Gebiet eine Zollkammer errichtet 
worden; sie hatte sich in dpm Stadtkruge niedergelassen, verwehrte 
den Reisenden die freie Einfahrt in die Stadt und behelligte die 
V orbeifahrenden. Die ZollLeamten ihrerseits verklagten die Stras- 
burger wegen eines Überfalls. Die Bürger aber rechtfertigten sich; 
sic seien olme Gewellr, nur mit ihren spanischen Stöcken, womit 
sie gewöhnlich einherzugehen pflegten, zu den Zollbedienten gegangen 
und hätten in aller Güte um die Auslieferung eines gepfändeten 
Pelzes gebeten, der ihnen auch herau
gegpben worden sei. Der 
Handel mit Pfefft'rkuchen von Strasburg nach Lautenburg wurde 
dem neuen Zoll unterworfen. Die Fleischer klagten, dass ihnen 
für jedes Stück Vieh, das sie nach Strasbl1rg zum Schlachteu 
brächten, ein Gebühr abverlangt würde; Ende 1768 sollten sie auf 
einmal 200 Flor. zahlen, obwohl sip ohnehin jährlich B33 Flor. ans 
Schloss steuern mussten, wovon der Kronschatz eine Quote Cl"hielt. 
Danzig und Thorn legten sich ins Mittel, doch bei der gänzlichen 
Verwirrung in dem Streite der heiden Konföderationen blieb ihre 
Intervention ohne Erfolg)- 
Am 13. September 1772 beg:mn die förmliche Besitzergreifung. 2 , 
Eine preussische Kommission, der Domänenrat Menger. der Hof- 
fiskal Yetter als Protokollführer, der Kreissteuereinnehmel' Bareire 
und der Acciseeinnehmer Golawka begaben sich von Dt. Eylau 
nach Löban, am 14. September nach Brathean, am 15. nach Neu- 
mark und Kauernik. Hier wurden sie von Michael von Karwat- 
Wichulec empfangen, der das Amt Kauernik von dem Domkapitel 
zu Kulmsee gepachtet hatte. Akten waren auf dem Amte nicht 
vorhanden, weil, wie der Pächter sagte, "alle Händel derer U nter- 


'f# 


1) Briefe des Strasburger Rats an den Tl1orner. Thorner Archiv 
Katalog H.) I. 3335. 3336. 3337. -- Briefbuch des Thorner Rats (eben- 
dort) I. 49. 
2) Das Folgende nach Hennings geschichtlichen Nachrichten über den 
Kreis Strasburg (Strasburg 1t!44) S. 33 f. - Das von Henning benutzte 
Protokoll habe ich nicht mehr auffinden können.
		

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			13. Das Ende der polnischen Herrschaft. 


253 


'f# 


thanen nur brevi manu abgethan würden." Noch am Reiben Tage 
fuhr die Kommission über 
Iroczno, Bolleschin und Slup nach 
I.autenburg. Hier wurde die Besitzergreifung am 16. September l ) 
und zwar zuerst auf dem "Schloss" d. h. in der Wohnung des 
Lautenburger StarolSten, ausgeführt. Akten wurden auch hier nicht 
gefunden. In Lautenburg erhielt die Kommission von dem Ober- 
präsidenten von Preussen ein Verzeichnis der zu bereisenden 
Grenzortej die Grenze wurde eine Strecke südlich von der heutigen 
festgelegt. Man begab sich über Zielun, wo das Ocku- 
patiompatent an der Kirche befestigt wurde, und über Okalewo, 
das ebenfalls in Besitz genommen wurde, nach Gurlllo. Hier 
wurde mit dem bischöflich Plocker Verwalter verhandelt, dessen 
Amts::;itz in Golkowko war. Von Gurzno ging es auf der vor- 
geschriebenen Tour über Xiente und :::;wiedziebno nach Rokitnica, 
wo die Besitzer von Gottartowo, Dzierzno und der Prokurator de3 
Graudenzer Jesuitenkollegiums für Swirczyn und Szymkowo in 
Pflicht genommen wurden. Dann fuhr I)1an weiter über Kozirog, 
Kretki, Osiek nach Htrzygi, wo Nachtrast gehalten wurde, und am 
18. September über Pulwiesk und Pion ne nach Gollub_ Dort hatte 
eine andere Kommission die Besitzer
eifung bereits vollzogen, so 
dass die Reise sogleich über Mszanno nach Strasburg fortgesetzt 
werden konnte. Hier hatten sich am 19. September die Guts- 
bebitzer und die Bl'hörden eingefunden, auch der evangelilSche 
Prediger Möller hatte ein Exemplar des preussischsn Patents er- 
halten. Auf dt'm Schlosse befand sich weder ein Archiv noch eine 
Kasse. Der Zollinspektor von Rokitnica, v. Karwacki, derseihe 
der die Strasburger mit seinen Plackereien solange belästigt hatte, 
hatte seine Kasse der Unruben halber auf sein Gut Wapno ge- 
bracht; aber zum groBsen grstaunen der Kommission enthielt sie 
nur die geringe Summe von 50 poln. Gulden. 
Die Südgrenze des Kreises wurde später verändert. Polen 
hatte Friedrich dem Grossen das Ermland und die Woiwodschaften 
Marienhurg, Pommerellen und Kulm abgetreten, aber die preussische 
Verwaltung hatte ahsichtlich noch einen Streifen Landes südlich 
von der Grenze der Kulmer Woiwodschaft in Besitz genommen. 
Es kam darüber zu diplomatischen Streitigkeiten, und eine gen aue 
Untersuchung ergab, dass die Ansprüche Polens gerechtfertigt warenj 
da die Höfe von Wien und Petersburg Polen unt
rstützten, mus8te 


< 
l 


I} Henning giebt versehentlich den 14. Sept. an. 


-
		

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11. DIe polnische Zeit. 


Friedrich der Grosse wohl oder übel nachgeben.!) Durch den 
Vertrag vom 22. August 1776 wurde die Grenze der früheren 
Woiwodschaft Kulm als Grenze zwischen Preussen und Polen 
bestimmt. 2 ) Friedrich gab 66 Ortschaften mit 716ö Einwohnern,3) 
die er südlich von der Drewenz und Pissa okkupiert hatte, wieder 
heraus; vollkommen eingehalten wurde die Bestimmung des Ver- 
trages indessen nicht, denn der Gurznoer Schlüssel und Adl. Brinsk, 
das nun bei Preussen blieb, hat weder jemals zum Ordensstaat 
noch zur Kulmer Woiwodschaft gehört. Diese 1776 festgelegte 
Grenze wurde 1817 wieder hergestellt. 


I)" Präsidial akten von Marienwerder (Königsb. Archiv.) 
2) Artikel UI des Vertrages lautet: Sa Majeste Prussienne restitue 
egalement tout ce que' Elle avoit occupe sur le Rive gauche de la Drwenca 
depuis son embouchure dans 111. Vistule jusqu'au conßuent de 111. Riviere 
Pi88a, ou celle-ci conjointement avec la Rypnica entrent dans la Drwenca. 
Cette meme Riviere de Pissa servira. ensuite de bornesjusqu' aux anciennes 
frontieres du Pala.tinat de Culm, 111. terre de l\1ichelau et la Prusse occi- 
dentale d'une part et de l'autre la terre de Dohrzyn et le Palatinat de 
Plock. (Martens, recueil dps principaux traites. I 428.) 
3) Roscius. Westpreussen 177J!-1827, S. 4. 


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			J 11. Die preus
;isehe Zpit. 
1. Die preussische LandesverwaItllng. 
"Ich habe dieses Preussen gesehen," schreibt Friedrich der 
Grosse bald nach dpr Erwerbung der Provinz, "ich f1;laube, Kanada 
ist ebenso kultiviert. Das Land hat hine Gesetze, die Herren 
üben die grausamste Tyrannei gegen ihre Sklaven aus." "Man hat 
mir ein Stückchen Anarchie gegeben, mit dessen Umwandlung ich 
mich beschäftigen muss." Ein amtlicher Bericht schildert das neu 
erworbene Land folgenderma"sen: "Es ist wüste und leer, die Vieh- 
rassen sind schlecht und entartet, das Äckergerät höchst unvoll- 
kommen, bis auf die Pflugschar ohne Eisen, die Äcker ausgesogen, 
.. voller Unkraut und Steine, die Wiesen versumpft, die Wälder, um 
das Holz zu verkaufen, unordentlich ausgehauen und gelichtet. Die 
alten festen Städte, Schlösser genannt, lipgen in Schutt und Trümmern; 
ebenso die meisten kleinen Städte und Dörfer. Die meisten der 
vorhandellpn Wobnungen scheinen grösstentheils kaum geeignet, 
menschlichen Wesen zum A ufellthalt zu dienen; dic roheste Kunst, 
der ungebildptste Geschmack, die ärmlichsten Mittel haben aus 
Lehm und Stroh elende II iitten zusammengestellt. Durch unauf- 
hörliche Kriege und Fehden der vergangenen Jahrhunderte, durch 
Feuersbrünste und Seuchen, durch die mangelhafteste Verwaltung ist 
das Land entvölkert und entsittlicht. Die J uMtizpflege liegt ebenso 
im Argen wie die Verwaltung. Der Bauernstand ist ganz ver- 
kommen. Die grössere Hälfte der Bevölkerung waren Leibeigene, 
rpcht- und schutzlos, von ihren Herren kaum besser als Vieh be- 
handelt, in Letharg-ie versunken. Der unterdrückte Bauer musste 
meist kümmerlich von Haferbrod leben."I) 
Unmittelbar nach der Besitzergreifung hegann die unermüd- 
liche 'l'hätigkeit des grossen Königs, um das verwahrloste Land 
wieder in die Höhe zu bringen. Die Kulturarbeit an Westpreussen 


1) Stadelmann, Preussens Könige in ihrer Thätigkeit für die Landes- 
kultur (Publikationen aus den preuss. Staatsarchiven) Il 71.
		

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IIl. Die preussische Zeit. 


hat ihm über 7 Millionen 'l'haler gekostet; aber bei seinem Tode waren 
die jährlichenStaatseinnahmen aus der Provinz um mehrere Millionen ge- 
wachsen, und die Bevölkerung hatte sich fast um 300000 Seelen vermehrt. 
Das erste, was geschah, war die Organisation der Verwaltung und 
der Gerichtsbarkeit. Heide wurden auf den preussischen FUS8 
gesetzt. Die Starosteien wurden durch Landratskreise abgelöst. 
Strasburg und Gollub, der heutige Löbauer Kreis und ein Teil 
des Briesener wurden zu dcm Michelauer Landkrcise vereinigt. 
Der erste preussische Landrat war v. 'l'yszka, der später Wapno 
erwarb; die Geheimrätin v. Schmidt, die die Strasburgt'r Starostei in 
Pacht gehabt batte, wurde durch eine Entschädigungssumme von 
36000 'l'halern abgefunden.!) Die Domänen wurden von der V pr- 
waltullg getrennt und an Amtleute verpachtet; der Michelauer Kreis 
umfasste die Domänenämtpr Strasburfl;, Gollub, Brzezinko, Schönsee, 
Krotoschin, Lonkorrek, Brattian, Löbau und Lautenburg. Die 
Grodgerichte wurden aufgehoben, Strasburg erhielt ein Kreisgericht 
(später Land- und Stadtgericht), das preussische Landrecht wurde 
eingeführt. Im Jahre 1177 begann die Einrichtung des Hypotheken- 
wesens, zunächst für die adeligen Güter; 1787 wurde das land- 
schaftliche Kreditsystem eingeführt. Die geistlichen Güter wurden 
noch im Jahre 1772 säkularisiert und zu dem Doruänenbesitz ge- 
schlagen. 
Das grosste Hemmnis für die Kultivirung des Landes war 
der wirtschaftliche Tieft3tand und die Indolenz der Bewohner. "Die 
IJeute sind gar zu träge und faul und haben nicht Lust zu arbeiten,U 
schreibt der König einmal, .,das Volk muss in einen andern 
Schienther gebracht werden." Wie in seinen älteren Provinzen, so 
begann Friedrich der Grosse auch in Westpreussen eine umfang- 
reiche Kolonisation. Bis zum Ende seiner Regierung sind an 
11000 Menschen in die neue Provinz gezogen. Meist waren es 
Deutsche, die aus allen 'l'eilen des Reiches und auch aus Polen 
kamen, zu dem bis 1793 noch Danzig und Thorn gehörten. Eille 
Germanisierung im nationalpolitischen Sinne hat Friedrich nicht 
angestrebt, dies lag dem Gedankeukreise seiner Zeit durchaus 
fern. Sein Ziel war, die überaus dünne Bevölkerung zu vermehren 
und die wirtschaftliche Energie und Intelligenz durch Zuführung 
frischen Bluts zu steigern. Die wirtschaftliche Überlegenheit der 
Deutschen lieBsen ihn freilich die deutsche Einwanderung fördern. 


I) Preuss, Friedrich der Grosse. Urkundenbuch IV 120, 


	
			

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			( 


. 


............... 


1. Die preussische Landesverwaltung. 


257 


Die Kolonisation Friedrichs bestand teils darin, neue Dörfer 
zu gründen, teils deutsche Kolonisten auf verlassenen Stellen in 
schon vorhandenell Dörfern anzusetzen. Die letztere Art der Kolo- 
nisation wurde auf die ganze Provinz angewendet. "Fast überall, 
in jeder Stadt, jedem Dorf, jeder Domäne und Neusasserei waren 
Kolonisten etabliert, je nach der 'l'auglichkeit der Einzelnen und 
dem Bedürfnis des Ortes. Genaue Ermittelungen der Einzelheiten 
dieser Einwanderung und ihrer Wirkungen ergeben, da8s eigent- 
lich ganz Westpreussen eine grosse Kolonie ist."l) Auf diese 
Weise suchte der König "den polnischen Mann zu deutscher Lebens- 
art zu bringen." "Das beste Mittel., um diesen sklavischen Leuten 
bessere BegTiffe ulld Sitten beizubringen, wird immer sein, solche 
mit Deutschen zu meliren." Im Strasburger Kreise sind so in 
der Zeit von 1773-86 Kolonistenfamilien angesetzt worden in 
Gorczenitza, Lemberg, Kruschin, Konojad, Vorwerk Gollub, Dru- 
schin, :\Ialken, Grzybno, Radowisk, Jastrzembie, Mokrilas, Chelmo- 
niec, Josafat, Wrotzk, 
eudorf, Karczewo, Pasieka, Jaikowo, Opale- 
nitza, Lisse wo, Vorwerk Strasburg, Wapno, Kronzno u. s. w. 2 ) Die 
Kolonisten erhielten wie zur Ordenszeit besonders günstige Bedin- 
gungen. Sie wurdell vor allen Dingen vom Militärdienst befreit, 
die Abgaben wurden ihnen für die ersten Jahre erlassen. Ferner 
eI'hielten sie ein günstiges Besitzrecht. Als Kolonistenrecht wurde 
mit Vorliebe die Erbpacht angenommen. Auch die Lage der 
hörigen Bauern wurde gemildert, ihre Dienste erleichtert. Kein 
Bauer sollte mehr als drei Tage der \V oche scharwerken. 
Einer der ersten Versuche Friedrichs war, in den königlichen 
Ämtern die Leibeigenschaft aufzuheben; die Edelleute wurden - 
freilich ohne merklichen Erfolg - aufgefordert, dem Beispiel zu folgell. 
Die bisher zu emphyteutischem Rechte besessenen königlichen Güter 
wurden vererbpachtet ; die Erbpächterwurden verpflichtet, nicht nur die 
bi8herige Zahl von 
'amilien bei dem Gute zu behalten, sondern 
auch neue Kolonisten anzusetzen. Die adligen Gutsherren ver- 
hinderte die Regierung all der Verkleinerung des Bauernlandes. 
Es gehe nicht an, schreibt die Marienburger Domänenkammer 
1185 an den Landrat v. Tyszka, dass etablirte Bauerhöfe pin- 
gingen und die dazu gehörigen Ländereien zu den Vorwerken ge- 
zogen würden. Die Gutsbesitzer seien allzuweisen, solche Höfe 


1) Beheim-Schwarzbach, Friedrich der Grosse als Gründer deutscher 
Kolonien in den im Jahre 1772 erworbenen Landen. 1864, S. 14. 20. 
2) Beheim-Schwarzbach, HohenzoUernscheKolonisationen 1874. S.613ft'. 
17
		

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III. Die preussische Zeit. 


wieder mit Wirten zu besetzen, wozu ihnsn eine Frist von einem 
Jahre gewährt werden solle; wer es bis zum Herbste nächsten 
Jahres nicht gethan hätte, sollte für jede fehlende Familie 100 Du- 
katen Strafe zahlen.l) 
In einer grossell Zahl einzelner Massregeln bethätigte sich 
Friedrichs Kulturarbeit. Erlasse auf Erlasse, zuweilen recht un- 
gnädige,2) kamen an die Marienwerderer Kammer, immer wieder 
treibt der König an, er verlangt genauste Auskunft über aUe 
Einzelheiten. Aber auch die Behörden griffen energisch durch und 
liessen es an Rügen nicht fehlen. Der Lautenburger Magistrat er- 
hielt 1783 den Auftrag, "nach beikommendem Schema eine Nachricht 
anzufertigen, jedoch aber ganz ackurat, und nicht so konfus, wie 
gewöhnlich die Nachrichten vom Lautenburgsehen Magistrat ein- 
gesandt werden, und mit der retour gehendf'n Post bei 1 'l'haler 
ganz unausbleiblicher Strafe allhier einzureichen und sich nicht 
etwa damit, dass dorten noch keine Akten wären, hiervon los zu 
machen suchen."3) 
Unermüdlich wurde auf eine Verbesserung der Bodenkultur 
hingearbeitet. Um "das polniscbe Zeug los zu werden", erlaubte 
der König auch Bürgerlichen adlige Güter zu erwerben; mehreren 
Erbpachtgütern wie Jablonowo, Komorowo und Lissewo wurde 
unter Friedricb Wilhelm H. die adlige Qualität beigelegt, damit 
die Besitzer den Vorteil des Landschaftskredits geniessen könnten. 
Jeder Bauer, der neu eingesetzt wurde, erhielt. bestimmte V 01'- 
schriften. In den Verschreibungs briefen he isst es: "übrigens mliSS 
der Annehmer sein Land durch eine gute Bearbeitung und Düngun
 
zu verbessern suchen, die Gebäude in tüchtigem Stande unter- 
halten, auch erforderlichen Falls neu bauen, nützliche Geköch- und 
Obstgärten all legen, sich auf die Vieh- und Bienenzucht, Flachs-, 
Hopfen- und Tobacksbau, die Spinnerei, Anbauung der Futterkräuter, 
und Anpflanzung der Weiden und anderer zur Feuerung ulld Vieh- 
futterung tauglicher Bäume befleissigen, auf Feuer und Licht ein 
wachsames Auge haben, und überhaupt allen denjenigen Verord- 
nun gen und Vorschriften gehorsamlieh nachleben, so ihm von Zeit 
zu Zeit werden bekannt gemacht werden: wogegen er sich auch 


1) Akten des Landratsamts Strasburg. 
2) "Ihr seyd Ertz Schäckers" fügt der König einer tadelnden Order an 
die Marienwerderer Kammer eigenhändig bei, "wartet nur, dass ich nach 
Preussen komme." 
3) Akten des evangelischen Pfarramts zu Lautenburg.
		

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			I. Die preussizche Landesverwaltung. 


259 


1 


derjenigen Beihülfe und Vergütullgen zu versprechen hat, die 
anderen getreuen und gehorsamen Unterthant'n angedeihen werden." 
Sehr charakteristisch für die Art wie Friedrich der Grosse 
alle Hebel der Staats maschine in Bewegung setzte, um die wirt- 
schaftliche Kultur der neuerworbenen Proviuz zu heben, ist der 
Pachtvertrag, mit dem 1776 .Johann Wedecke das Amt Strasburg 
übernahm. Darin heisst es: "Und wie sich Beamter generaliter 
verpflichtet, die Anlegung nützlicher Obst-, Geköch- und Hopfen- 
gärten, im gleichen Maulbeer- und anderer Plantagen. besonders den 
Kleewer- (Klee-) Bau bei Vorwerkern und Bauerhöfen zu befördern 
und den Kartofl'el- und Rübensaatbau zu poussiren, so übernimmt 
derselbe specialiter die Verpflichtullg, während der G Pacht jahre 
es durch Vermehrung der Hopfenstühle dahin zu bringen. dass er 
den Bedarf zu seiner Brauerei selbst erbaue, und engagiret sich 
hiernächst ausser den pro Illventario erhaltenen Obstbäumen, für 
deren Erhaltung er äusserst besorgt sein muss, annoch während 
der 6 Jahre bei 30 Groschen Strafe pro Stück 100 Birn- oder 
Äpfelbäume. auch bei 15 Groschen Strafe pro Stück 200 Ptlaumen- 
oder Kirschenbäume, welche alles gute, vornämlich das Kernobst, 
gepfropfte oder oculirte Sorten sein müssen. zu setzen, und 
iiberdem den Abgallg des Inventarii zu ergänzen. Die nach dem 
Invelltario erhaltenen Weiden müssen nicht nur conserviret, sondern 
auch während der Pacht jahre mit 6 Schock, welche entweder neben 
den Vorwerkern auf einem leeren Platz, oder an die Landstrassen 
in einer Allee 6 Fuss von einander gesetzt werden müssen, ver- 
mehrt werden, widrigenfalls für jedE' fehlende Weide 4 Groschen 
Strafe erleget und dennoch Lei Verdoppeluug der Strafe im nächsten 
Jahre nach gepflanzt werden muss.... Dabei muss er dahin bedacht 
seill, Bienenstöcke so viel wie möglich anzulegen ulld zu haI tell, 
auch die Einsassen zum Honigbau von Gartenbienen, durch All- 
preisung der ihnen dadurch in der Wirthschaft zu erwachsellden 
Beihülfe bestens zu animiren. imgleichell sich auch der Pferdezucht 
befleissigen und zur Veruesserung dersp,lben in so weit es die Um- 
stände erlauben, gute Beschäler allzu schaffen. Und da Seine König- 
liche Majestät den 'l'obacksbau auf alle mögliche Weise in Dero 
Staaten befördert wissen wollpn, so wird Beamter sich besonders 
hervorthun, wenn er nicht nur die Einsassell hiezu animiert, son- 
dern auch selbst Versuche ausstellet, t'inige Morgen mit Toback zu 
bepflanzen. . . . Lieget dem Gelleralpächter ob, darauf zu sehen, 
dass die Afterpächter, imgleichen die Bf'sitzer der emphyteutischell 
17*
		

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			260 


III. Die preussische Zeit.. 


V orwerker und Güter und auch die übrigen Amtseinsassen eine 
ordentliche Wirtschaft führen. . . . Hiernächst muss Beamter die 
Dörfer fleissig und wenigstens jährlich einmal bereisen, und 
die bäuerlichen Wirtschaften persönlich untersuchen . . und die 
Nachlii8sigen zu guter Bestellung der Felder und zur Viehzucht 
ernstlich anhalten, weil die Einsassen hieraus und aus dem Flachs- 
hau und dem Gespinst vornämlich die Zinsen bezahlen müssen. 
. . . . Nicht weniger hat er bei sothaner Bereisung sowohl, als 
auch sonsten gen aue Nachrichten einzuziehen, ob den emanierten 
Edikten, besonders wegen Nachsetzung der Deserteurs von der 
Königlichen Armee, Desertion der Unterthanen, des Dreschens bei 
Licht und unvorsichtigen Tobackrauchens, des Flachstrocknens auf 
den Stubf'nöfeu, Räumung und Ziehung der Gräben, Sammlung der 

teine von den Äckern, Räumung mehrerer Wiesen, Ausbesserung 
der schlimmell Wege, Anle
ung der Backöfen und 
listhöfe, Be- 
stellung der Nachtwachen, Annehmung guter Hirten, damit das 
Vieh zum Ruin der Saat nicht frei herumlaufe oder von den Raub- 
tieren zerrissen werde, Unterhaltung der Gebäude, Ausmistung der 
Ställe, Reinhaltung der Schwellen, Anschaffung der nötigen Feuer- 
geräte, und BOngten überall der Dorfordnung nachgelebt werde. 
1!'erner hat derselbe zur Verhütung aller Feuersgefahr pflichtsmässig 
zu attendiren, dass tüchtige und werkverständige 
faurer und 
Zimmerleute bei Aufführung der Gebäude gebraucht werden, welche 
sich vorhero durch einen Eid verbindlich gemacht, niemals ein Ge- 
bäude zu errichten, in welchem nicht die Balken über und unter 
den Kaminen und Feuerherden, auch bei den Ofenlöchern ausge- 
schnitten und gehörig vermauert, mithin überdies die Ofenlöcher ( 
gf'gen alle Gefahren verwahrt werden. Verspricht Generalpächter 
in dem ihm anvertrauten Amte sich die Spinnerei bestens angelegen 
sein zu lassen, zu dem Ende er hauptsächlich sein Augenmerk da- 
hin richten will, dass er womöglich einige Wollspinner im Amte 
etabliert. dass W oll- und Flachsspinnen in aUen Dörfern fleissig 
getrieben, und gutes und feines Gespinst gemacht, und den Leuten 
hierunter auf alle mögliche Weise Vorschub geleistet werde. Ver- 
pflichtet sich Generalpächter nach der ihm gemäss dem Ämterjustiz- 
reglement zustehenden Jurisdiction über die Amtseinsassen mit den 
Amtsjustizbedienten jedem prompte und unparteiische Justiz zu ad- 
ministriren, Niemanden znr Bezahlung ungebührlicher Abgaben und 
Sporteln anzuhalten, viel weniger sie dadurch zu enerviren, auch 
ebensowenig die königlichen Unterthanen mit denen bei Festungs-
		

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			I. Die preussische Landesverwaltung. 


261 


l 


I 


strafe verbotenen POiltroncken oder Stockschlägen zu belegen, 
sondern in Bestrafung sich lediglich des sogenannten Spanischen 
Mantels, Gefängnisses und anderer erlaubter Zwangsmittel zu be. 
dienen oder nötigenfalls die Assistance der p. Kammer zu suchen"1) 
Die Vorschriften über das Pflanzen von Bäumen waren all- 
gemein; wer eine Hufe besitzt, soll jährlich 15 Stämme pflanzen, 
grössere Besitzer 10 Stämme auf die Hufe. Über das Pflanzen 
wurden genaue Vorschriften verbreitet, jährlich waren Berichte 
über die Fortschritte zu erstatten. Die Stadt Strasburg liess in 
ihrem Gebiet im Jahre 1801 700 Stämme, 1802 450, 1805 299 
Obststämme pflanzen. Im Jahre 1802 wurden in dem Stadtgebiet 
an den Lan"dstrassen, Wiesen und Gärten 1145 Weiden gepflanzt. 2 ) 
Die Geistlichen und Lehrer sollten .Maulbeerbäume ziehen und sich 
der Seidenkultur befleissigen; doch hat Friedrich sich noch selbst 
von der Cnmöglichkeit dieser Kultur überzeugt und die V orschriftell 
zurückgenom men. 
Sehr unzufrieden war der König mit dem Zustand der Forsten. 
Eille geordnete Forstwirtschaft begann erst jetzt. "Die Wälder in 
Westpreussen müssen in ordentliche Schläge eingeteilt werden", 
befiehlt 1780 der König; "nämlich was Kienenholz ist, in 60 Schläge, 
wie in der 'l'uchelschen Heide." 1m Dezember 1772 bereiste der 
Oberforstmeister Baron v. Seydlitz die FOI'sten des Michelauer - 
Kreises.3) Die Golluber Forsten befanden sich in der schlechtesten 
Verfassung. Sie waren fast gänzlich ausgeholzt, nur hin und wieder 
fand man einen Fleck, der die Bezeichnung Wald verdiente. 
Nirgends waren sichert' und festere Grenzen. Überall befanden 
sich an dell Grellzen der Wälder und mitten darin Rodeländereien ; 
teils hatten die Bauern willkürlich und ohne Berechtigung gerodet, 
teils waren es die Kolonisten, die der Golluber Starost Graf Wessei 
angesetzt hatte. Nach der Beschreibung des Oberforstmeisterd 
stellt sich diese polnische Kolonisation als kein grosses Kulturwerk 
heraus. Von einer wirtschaftlichen Nutzung des Holzes war gar 
keine Rede; die alten Stämme waren geringelt, die jungen in der 
)Iitte zerhauen und mit dem Zopfe auf die Erde gebogen, damit 
man sie, wenn sie abgestorben waren: anzünden konnte. Dabei 
wohnten jene polllisehen Kolonisten in Erdhöhlen, die sie ausge- 
worfen hatten; das beste Holz, wovon sie hätten Wohnungen bauen 


I) Im Besitz der Frau Amtsrätin Weissermel, Domäne Strasburg. 
2) Akten des Strasburger Magistrats. 
3) Akten der Forstämter (Königsberger Staatsarchiv;.
		

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			262 


IH. Die preussische Zeit. 


könllen, wurde verwüstet. Wer etwas wirts
haftlicher angelegt 
war, zerschlug wenigstens das Nutzholz zu Brennmaterial. Auch 
einige Theer- und Kohlenbrenner trieben dort ihr Handwerk und 
verflössten ihre Produkte auf der Drewenz nach Thorn; der Köhl
r 
in MokrilaR zahlte 15 Thaler Pacht an die preussische Forstkasse. 
In den Strasburger Forsten sah es ähnlich wie in den GolIuber 
aus. Bessere Forstwirte waren dagegen der Bischof von Plock 
und das Kulmer Domkapitel gewesen. Baron Seydlitz fand bei seiner Be- 
reisung der Gurznoer Heide stellenweise das schönste Bauholzund sofort 
erkannte er, welche Förderung für die wirtschaftliche Nutzung des 
Holzes die Kanalisierung der Brennitz sein würde. Im Janower 
Revier st
nden neben dem sonst allgf'mein vorherrschenden Nadel- 
holz auch Eichen , Weissbuchen , Birken und Espen. Allerdings 
hatte auch die Gurznoer Heide sehr gelitten, teils durch Ausrodung, 
teils durch die schlechte Wirtschaft des bischöflichen Verwalters 
in Golkowko, teils dadurch, dass der Bischof eine Reihe von Hand- 
werkern, nämlich 4 Böttcher, 1 Radmacher und 4 Töpfer mitten 
im Walde angesetzt hatte. Auch die so
. KapiteJ1\eide, das Klo- 
nower Revier, bestand zum 'l'eil aus dem besten, meiut fichtenen 
Bauholz; sie und der Gurznoer Wald werden als die Krone der 
westpreussischen Forsten bezeichnet. In der Lautenburger ForBt 
machte sich dagegen wieder die Misswirtschaft des Starosten be- 
merklich. Das Unterholz war ganz ausgebrannt; hierdurcil pflegte 
man Platz für das Heidekraut zu schaffen, das für dic WildLienerei 
. nötig war.l) Die Grenzen waren üherall strittig, die Bauern 
rodeten llach Belieben. Der 'l'beerbrenner hatte keinen ordent- 
lichen Ofen. sondern llur eine Grube und lieferte jährlich nur eine 
'l'onne Theer ans Amt. 43 Wald bienenstöcke befanden Rich dort, 
23 waren beflogen, 20 leer; die Abgabe der Beutner bestand 
in Honig. 
Die neue Einrichtung der Forsten nahm einige Jahre in An- 
spruch. Sie wurden vermessen und in Schläge eingeteilt. Es 
wurden drei Forstämter eingerichtet: Strasburg, Lautenburg und 
Rehden; zu diesem letzteren gehörte die Golluber Forst. Die Forst- 
beritte waren von beträchtlichem Umfange; das 8tr
sburger Forst- 
amt umfasste mehr als 67000Morgen. Die Weidegerechtigkeiten der be- 
nachbarten Dörfer wurden fixie.rt, die freie Holznutzung hör te auf, 
st.att dessen wurde die Heideeinmiete eingeführt. In der Golluber 


I) Graf Lippe-Weissenfels, Westpreussen unter Friedrich dem P-'''''sen
		

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			1. Die preussische LandesverwaltuDg. 


263 


Forst wurden für die Zeit von Mitte Dezember 1772 bis nächste 
Trinitatis folgende Sätze bestimmt: für zweimaliges Holzholen in 
der Woche zahlt ein Hufenwirt 64 Gr., ein Einlieger oder Kossät 
?4 Gr., ein Freischulz 1 Th. 30 Gr. und ein Lehmann 
1 Th. Es durften nur Stubben, Lager. und Raffholz zur Feuerung 
genommen werden. Auf Holzdefraudationen wurden folgende 
Strafen gesetzt: Adlige müssen den vierfachen Wert in bar zahlen, 
Köllmer den dreifachen, und Bauern ebenfalls den dreifachen, wo. 
von sie aber nur 2 'feile in barem Gelde zahlen und den dritten 
durch Scharwerk abarbeiten müssen. Die Heideeinmiete in der 
Golluber Forst brachte jährlich 100 'l'h. 60 Gr,; zugleich machten 
sich die Amtseinsassen durch die Aufräumung des Lagersprocks 
nützlich. Das Theer- und Kohlenbrennerwesen wurde geregelt, die 
Schneidemüller vereidigt. Die Grenzen wurden reguliert, und die 
in der Forst gelegenen Rodungen nach Möglichkeit gegen wüste 
Hufen in den Dörfern vertauscht. Die Jagd wurde verpachtet. 
Dem Lautenburger Oberförster wurde 1773 aufgegeben, in diesem 
Jahre 1600 Tbler herauszuwirtschaften; eigentlich sei dies zu wenig, 
aber man rechnete mit den grossen Schwierigkeiten, bei den mangel- 
haften Verkehrsverhältnissen das Holz zu gutem Preise zu verkaufen. 
Das 
'orstpersonal wurde vermehrt und besser gestellt. Zur 
polnischen Zeit bekamen die drei Unterförster in Bölk, Neuhof und 
J amielnik je eine wüste Stufe Land (das Gehöft mussten sie selbst 
aufbauen), und ein Paar 8tieiel und einige Groschen Pfandgeld. 
Jetzt erhielt ein Unterförster 20 Th. bar, 8 Scheffel Roggen, 
2 Scheffel Weizen, 3 Scheffel Gerste, 2 Scheffel Erbsell, 2 Schefl'el 
Buchweizen, 1/4 Schefl'el Rübsaat zu Öl, 1/, Scheffel Salz, ein halbes 
Rind, ein halbes Schwein und 4 Tonnen Bier. Ein anderer Unter- 
förster, der zu Pferde diente, erhielt 36 Flor. bar, 9 Scheffpl 
Roggen, 1 1 /2 Scheffel Erbsen, 8 Scheffel Hafer, 12 Stoi Salz, 
ein halbes Schwein, ein Fuder Heu und Pfandgeld. 
Schon 1780 war die Kanalisierung der Brennitz im Werk, 
so das!! vom Gurznoer See aus sowohl Langholz wie Kloben bis 
in die Drewenz und Weichsel geflösst werden konnten. - 
Dieselbe Sorge wie dem flachen Lande widmete Friedrieh n. 
dem "Retablissement" der Städte. Im Jahre 1773 brannte Gm'Zllo 
"Vollständig ab. Über den Wiederaufbau sind folgende zwei Erlasse 
an die Marienwerder Kommer vorhanden: 
Potsdam, 11. August ] 77 3. 
--..,Se. König!. Majestät von Pl'eussen u. s. w., Unser Allel'.
		

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			iM 


III. Die preussische Zeit. 


gnädigster Herr, haben Dero Westpreussischer Kammer sowohl 
monatlichen als besonderen Bericht wegen des abgebranllten 
Städtchens Gursno, beide vom 7. dieses erhalten, und werden von 
dem Wiederaufbau dieses geringen Städtchells, und zwar nur "Oll 
Fachwerk, jedoch mit Ziegel gedeckt, die Anschläge und zugleich, 
wie die Kosten dazu allenfalls durch eine Kollekte, oder auf welche 
sonst thunliche Art am schicklichsten allfzuschaffen sein möchten. 
der u. s. w. Kammer Vorschläge anwärtig sein." 
Potsdam, 6. September 1773. 
"Aus denen exorbitantell Allschlägen zum Wiederaufbau des 
Städtchens Gursno, welche Sr. König!. Majestät von Preussen u. s. w. 
Dero u. s. w. Kammer unterm 31. abgewichenen Monats eingesandt 
hat, nehmen Allerhöchstdieselbe mit grösster Verwunderung leider 
ab, wie die Kammer entweder Ignoranten oder Betrügers zu Bau- 
meisters haben muss. Se. König!. :\lajestät lassen del'gI. Städte 
in Schlesien, ulld zwar noch zur Hälfte massiv: vor 20000 TLaler 
wieder bauell, begreifen also nicht, wie die Kammer so unverschämte 
Forderullgen machen kann, und wollen demnach, dass selbige zwar 
durch vernünftige Baumeisters andere uud billigere Anschläge an- 
fertigen lassen und einschicken soll. avertiren jedoch derscluen zu- 
gleich, wie Sie fehlender Fonds wegen den flau selber vor künftiges 
Jahr nicht können vornehmen lassen."l) 
Erst später konnten die andern Städte berücksichtigt werden. 
Am 28. September 1774 erging folgender Bescheid an die Kammer: 
"Se. KÖlligl. :Majestät von Preussen u. s. w. ersehen leider ans dem 
alleruntertLänigsten Bericht Dero Westpreuss. Kriegs- und Domaillen- 
kammer vom 23. d. 
I., wie schlecht selbige in Höchstdero Idces 
wegen des Retablissements derer Westpreussischen Städte. entriret, 
wenn sie solches schon auf Stargardt, Strasburg, Neumark, Löball 
und Golluu extendieren will. Vor der Har.d muss die p. K:tmmer 
nur blos bei ClIlm, Bromberg, Graudenz ulld Mewe mit ihrell Y or- 
schlägen stehell blciben."2) :Kur für Kasernen bauten wurden schon 
177:
 für Strasburg 3:29H ulld für Gollub 4f.120 'l'haler bewilligt.:;) 
Wir kenllell den Kämmen'ietat von Strasburg vom Jahre 1772. 
Die Stadt besass damals das Dorf Michelau, 8 städtische \T or- 
werke, eine Wasser- uud eine Walkmühle, einige kleine Gärtell, 


I 


I) Preuss, Urkundenbuch IV. 55-57. 
2) Preuss, UrkundeDbuch IV. 112 
3) Roscius, über den Zustand der einzelnen westpreussischen Städte. 
Westpreussen Marienwerder 1828. S. 62. 64.
		

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			L Die preussische Landesverwaltung. 


2üi) 


den Stadtkrug , 2 Mälzhäuser, ein Brauhaus und einige öffentliche 
Gebäude. Die Einnahmen betrugen 741 Th. 48 Gr. 4'/:t Pf., die 
Ausgaben 2158 Th. 28 Gr. 41f2 Pf. Durch die Errichtung der 
königlichen Accise war der Stadt allerdings eine sehr bedeutendc 
Einnahmequelle verloren gegangen, die durch die "Kompetenzgelder" 
aus der Staatskasse ersetzt wurden. Dieser Zuschuss betrug 
149;' Th. 44 Gr. 6 pr, so dass der Stadt ein kleincr Über- 
Hchuss blieb. 
.Es blieb ziemlich lange zweifelhaft, ob Gurzno ebenfalls das 
Stadtrecht zuerkannt, oder ob es als Flecken betrachtet 
werden sollte. Noch im Jahre 1788 wurde der Steuerrat Gärtn(>r 
angewiel:!en, die Aufstellung eines Kämmereietats aufzuschieuen. 
Darauf schickte er folgenden Bericht an die Marienwerderer Do- 
mänenkammer: "Da ich es aber doch unmöglich so mit anse}wu 
kann, dass die polnischen Magistratspersonen zu Gurzno diese Rc- 
venues versaufen, so habe ich doch bei meiner neuerlichell Au- 
wesenheit den Yersuch gemacht, einen Etat zu fertigen, wowidcr 
sie protestierten. und ich die Nachrichten mit Güte und Härte von 
ihnen herausbringen müssen. Am Ende aber wollten sie garnicbts 
mehr sagen, sondern wurden grob, und ich musste, da eben Ablass 
und eine Menge Menschen war, die mehrenteils besoffen, und laut 
und unbesonnen wurden, nur aufhören, weil ich dabei Gefahr lief, 
und der dort stehnde Husarellullteroffizier schon selbst Auftritte 
gehabt hatte." Ausgabe und Einnahme in Gurzno balanzierte mit 
187 Th. 32 Gr. V orläufig wurde dem Gewerksassessor Hensel als 
Oberschulzell mit 60 Tb. Gehalt die Verwaltung anvertraut, bis 
entschieden wäre, ob Gurzno die Stadtgerechtigkeit erhielte. 
Ebenso wie die Landwirte wurden die Städte unermüdlich 
auf jede Weise angetriehen, die wirtschaftlichc Kultur zu fördern. 
Sie wurden 8ngewiesell die wüsten Bauplätze nutzbar zu machen, 
Handwerker und Gewerbetreibende heranzuziehen und die bestehenden 
Gewerbe zu vervollkommnen. Lautenburg, um dessen Brauerei und 
Brennerei es sehr schlecht fo:tand, erhielt den Befehl, sich aus Berlin 
ordentliche Bier- und Branntweinproben zu verslJhreiben. In 
tra8- 
burg wurde das Brauwesen reformiert. In der letzten Zeit df'r 
polnischen Herrschaft war den ärmern Grossbürgern die Brau- 
gerechtigkeit ohne jcde Entschädigung genommen worden; 1774 
wurde das Reihebrauen nach dem alten System wieder herge
tellt. 
Wie Bürgerliche in Westpreussen adlige Güter erwerben durften, 
80 wurde auch den Adligen erlaubt, bürgerliche Gewerbe in den 


....... 


....
		

/Pomorze_003_12_292_0001.djvu

			... 


266 


IU. Die preussische Zeit. 


l:itädten zu treiben. So wurde einem polnischen Edelmann, der in 
GolIub ein Grossbürgerhaus besass, die Ausübung der Bier- 
brauerei gestattet") 
Gollub hatte durch die Anne},.ion eille Vergrösserung erfahren, 
indem der gegenüber liegende Flecken Dobrzyn zu seiner Y orstadt 
gemacht worden war. Aber schon 1776 trat Friedrich der Grosse, 
wie erzählt, den südlich von der Drewenz gelegenf'n Streifen 
Landes an Polen ab, und Dobrzyn kam wieder ullter die Herrschaft 
seines Patrimonialherrn, des Grafen Dzialynski. Im Jahre 1776 
bestand Dobrzyn nur aus 31 elenden Kathen, aber Graf Dzialynski 
liess 16 neue Häuser bauen und siedelte 80 jüdische Familien dort 
an; 1780 war die Einwohnerzahl schon auf 1300 gestiegen. Gollub 
litt sehr unter der Konkurrenz des Nachbarorts, wo jeder das 
Recht zu backen, schlachten, schänken und handeln hatte. Da 
auch Bier und 
chnaps in Dobrzyn zwar schlechter aber billiger 
waren, als in Gollub, und hier Sonn- und Wochentags eine Patrouille 
von dem hier stationierten Detachement der Wuthenowschen Husaren 
in allen Schänken um 10 Uhr abends unerbittlich Feierabend an- 
befahl und dic ungehorsamen Bürger auf die Wache schleppte, 80 
geschah dem Handel und Verkehr der preussischen Stadt em- 
pfindlicher Abbruch. Die Brauerei ging von 1200 Tonnen jährlich 
auf 500 herunter, und_ dic Acciseverwaltung klagte über die Ver- 
ringerung der Einnahmen. Der Wegfall der preussischen Steuern 
und Gefälle ermöglichte den Dobrzynern alle Waren wohlfeiler zu 
liefern, wenn auch von Zeit zu Zeit der gnädige Herr Graf seinen 
Judell kurzerhand einen grossen Teil ihres Gewinnes wegnahm. 
Der Golluber Bürgermeister Nauwald ulld der Domällenrat Wasianski 
hattell allerhand Idecn, wie der Stadt aufzuhelfen sei. Freilich der 
abenteuerliche Plan, Dobrzyn seinem Erbherl'll abzukaufen oder es 
durch Tausch zu erwerben, verdicllte keine ernstliche Erwägung. 
Es blieb also bei den üblichen Vorschlägen: Einführung neuer 
Gewerbe durch Heranziehung fremder Professionisten, Bau von 
Kolonistenhäusern, Vorschuss an die verarmten Handwerker, Er- 
richtung eines königlichen Wollmagazins u. s. w. j die Accise auf 
das Bier sollte herabgesetzt, und die GolIuber Bürger allgewiesen 
werden, beim Brauen am Malz zu sparen, damit ihr Bier nur so 
leicht, aber auch so biHig würde wie das der Dobrzyner Kon- 
kurrellten. Dann aber versprachen sich deI' Bürgermeister Nauwald 


1) Kommunalakten (Königsberger Staatsarchiv.) 


f 
..I
		

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			1. Die preussische Landesverwaltung. 


2fi7 


und die Marienwerderer Domänenkammer viel von der Gründung 
einer evangelischen Kirche, und ganz kurze Zeit nachdem dieser Ge- 
danke aufgetaucht war, wurde der Plan wirklich ins Werk gesetzt. 
Dass die Protestanten unmittelbar durch dip preussische Be- 
sitzergreifung volle Religionsfreiheit erhielten, ist selbstverständlich; 
der König förderte den Protestantismus aber auch direkt, indem 
er ihnen zu Kirchen oder Bethäusern verhalf. So liess er den 
Lautenburger Protestanten die alte Starostenwohnung, das "Amts- 
höfchen" , für den Gottesdienst einräumen, nachdem die Abtretung 
der unbenutzten katholischen )Iarienkirche begreiflicherweise an 
dem Widerstande der Katholiken gescheitert war. In Strasburg 
versuchte die Regierung - ebenfalls ohne Erfolg - die katholische 
Pfarrkirche in eine Simultankirche zu verwandeln. Das Beispiel 
von Gollub lehrt aber, dass wenn Qer KlJnig aus eigenen Mitteln 
eine evangelische Kirche bauen liess, er sich davon wirtschaftliche 
Fortschritte versprach, die das angelegte Kapital ¥erzinsen würden. 
Man rechnete so: In den Ämtern Gollub, Brzezinko und Schönsee, 
in den Dembowalonkaschen Gütern und ferner drüben in Polen 
lebten viele Protestanten, auf einem Gebiet VOll sechs Geviert- 
meilen etwa 800 :Familien; während diese sich bisher zur Kirche 
in dem noch zu Polen gehörenden Thorn gehalten hatten, würden 
sie jetzt den Kirchenbesuch in dem näheren Gollub vorziehen. 
Dadurch käme Verkehr in die Stadt; denn jeder, schreibt der Hat 
Wasianski, der zur Kirche kommt, verzehrt dort etwas und macht 
seine Einkäufe. Auch würde sich die Bevölkerung im Kreise I:!elbst 
vermehren; die Existenz einer evangelischen Kirche und Schule 
würde protestantische Allsiedler in die Nachbarschaft locken, und 
gerade damals wünschte man die zu dem Amt Gollub gehörigen 
Vurwerke zu parzellieren. Diese Ideen fall den die Billigung des 
Königs, und schon im No,.ember del:!selben Jahres (1780) war ein 
Prediger nach Gollub berufen, der zuerRt in einem Raume des 
Schlosses den Gottesdienst hielt; zwei Jahre später begann der 
Bau der Kirche)) 
Auf allen Gebieten leistete der Staat die Hauptarbeit. Kolo- 
nisten wurden ill die Städto gezogen und neue Gewerbe geschaffen. 
Im Ganzen sind zu Friedrichs Lebzeiten in Strasburg 11 und in 
Gollub 69 Kolonistenfamilien angesetzt worden. In den ersten 
Jahren wurden in Strasburg zwei Kolonistenhäuser für 2223 Th. 


1) Kommunalakten (Königsb. Archiv.) 


t 
--L
		

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			1 


268 


III. Die preussische Zeit. 


und in Gollub fünf Häuser für 7ü51 Th. erbaut. Später kamen 
dazu für Strasburg 2200 Th. für siebe
 massi,-e Bürgerhäuser, 
5100 Th. für Kolonistenbauteu und sechs Bürgerhäuser. Gollub 
erhielt 5105 Th. für das evangelische Pfarrhaus, 1O
20 Th. für 
acht Kolonistenhäuser, 8411 Th. für eine Schönfärberei und Loh- 
gerberei, 819 Th. für eine Walkmühle, zusammen 25255 Th.1) 
In Lautenburg sind bis 1789 41 deutsche protestantische J!'amilien 
eingewandert.2) Bei den trostlosen Zuständen, in denen sich die 
Städte befanden, galten nur die harten Grundsätze praktischer 
Kützlichkeit. Ein Jahr nach Friedrichs des Grossen Tode erlaubte 
die Regierung das verfallene Strasburger Ordensschloss abzubrechen 
und die Ziegel zu Neubauten zu verwenden. Auf diese Weise 
wurden fünf Kolonistenhäuser hergestellt; auch ill Wapno und wohl 
in mehreren anderen Nachbarorten wurden Steine vom Schloss zu 
neuen Bauten genommen. Im Jahre 1789 war von dem Schloss- 
gewölbe nichts mehr vorhanden; damals wurde der Stadtturm an 
dem Schlossgraben abgetragen, und der Rest zu einem Gefangnis 
und einer Wohnung des Schliessvogts - neben der Brücke, die 
von der Domäne zur Jakobstrasse führt - hergerichtet. 3 ) 
Friedrich der Grosse wünschte, den polnischen Handel in 
seiD Gebiet zu lenken und in We
tpreussen mit allen 
1itteln staat- 
lichen Schutzes eine Industrie gross zu ziehen, dip zum 
xport 
llacb Polen fähig wäre. Daher befiehlt er immer aufs neue, solche 
Handwerker und Professionisten in den Städten anzusiedeln, deren 
Fabrikate in Polen gesucht wären. "Wegen Retablissement der 
Städte", heginnt ein Erlass all die westpreussische Kammer, "kömmt 
es darauf nicht an, nur ein Haufen Häuser zu bauen, I'!ondern die 
Hauptsache ist, wie solche mit llützlichen Professionisten und solchen 
Leuten, die im Lande nötig sind. zu besetzen.... Besonders ist dar- 
auf zu denken, dergleichen Leute zu etablieren, die solche Sachen 
verfertigen, die die Polen am meisten gebrauchen.... Finden die 
Polen dasjenige dorten, was sie gebrauchen, so hält es nicht mehr 
schwer, das ganze polnische Comruerce nach dell diesscitigen Landen 
zu ziehen. "4) 
Über den Stand der Gewerbe in den Städten giebt eine 1'a- 


.1 


1) Beheim-Schwarzbach, hohenzollernsche Kolonisationen S. 424. 
2) Goldbeck, Topographie 46 f. Diese Angabe fehlt bei Beheim- 
Schwarzbach. 
3) Akten des Domänenamts (Königsb. Staatsarchiv). 
4) Stadelmann 477. 


-
		

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			1 


2. Das Schulwesen. 


269 


belle von 1797/98 Aufschluss. Gurzno feblt darin, vermutlich. 
weil der Statistiker nicbts aufzuführen fand.!) 


Strasburg. '1'ücber 
Hüte 
Lohgares Leder 
Weissgares Leder 
Leinwand 2 
Lederne Handschuhe 
Go 11 u b. 

;her 2 7 1 1 } 4 {i 10 10 4592 JJ 
Wollene Strümpfe 
Hüte 3 1610 1108 JJ 
Lohgares Leder 4 li40 1200 JJ 
Leinwand 3 6 (arbeiten für Lohn.) 
La uten burg. Tücher 14 36 345 4988 Th. 
Lohgares Leder 8 1210 1725 JJ 
Leinwand 4 (arbeiten für Lohn.) 
Friedrichs Il. Bestrebungen finden ihren Ausdruck in dem 
Wachstum der Städte, das folgende Tabelle veranschaulicht: 
Strasburg Gollub Lautenburg Gurzno 


Fabnkate Zahl Zahl der Zahl Wert 
der Stuhle Arbeiter der Stucke der Waren 


18 



6 434 6340 Th. 
2 600 G90 JJ 
8 4200 JJ 
3 910 " 
3 (für Lobn) - JJ 
2 604 " 


Wert 
der Materialien 


3700 Tb. 
280 " 
2600 " 
559 " 


" 


130 


" 


2230 


JJ 


298 
446 


JJ 


,. 


3370 Th. 
200 :, 


Feuer- Seelen- Feuer- Seelen- Feuer- Seelen- Feuer- 8eelen- 
Btellen zahl Btellen zahl etellen zahl Itellen zahl 
17722) 228 128;
 ]28 576 125 417 151 629 
17893) 1853 706 802 
18074) 258 2113 140 1246 105 981 184 fJ74 
18205) 238 1975 la4 1118 139 997 18U 98ß 
18262) 253 2GG9 149 1760 146 ]336 198 1149 
2. Das Schulwesen. 


Die städtischen Schulen in Strasburg, Gollub und Lautenburg 
rf'ichen bis in die Ordenszeit zurück. Das Tresslerbuch verzeichnet 
In den Jahren von 1402--1409 mehrfach Gaben des Hocbmeisters 


I) Holsche, Geographie von West-, Süd- und Neuostpreussen IlI.202 f. 
2) Roscius, Westpreussen 1772 -1827. Tabelle S. 48/49. 
3) Goldbeck Topographie H. 42 - 47. Die Angaben der Feuerstellen 
erregen Zweifel, da sie meist niedriger als die von 1772 sind. 
4) Holsehe III. 100 ff. 
5) 'Übersicht der Bestandteile und Verzeichnis aller Ortscbaften des 
Marienwerderschen Regierungsbezirkes. Marienwerder (1820).
		

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			27U 


III. Die preussische Zeit. 


in Höhe von 2-8 
chilling an die Schüler ill diesen Städten. Auf 
dem Lande gab es damals nur sehr wenige Schulen. So gering 
unsere Kellntnis von dem Schulwesen unter der Ordensherrschaft 
ist, so ist doch das klar, dass was man heute unter Bildung 
versteht, in jener Zeit bei weitem nicht dieselbe Bedeutung hatte. 
Die elementarsten Kenntnisse des beutigen Dorfschülers waren im 
Mittelalter, aUgemein gesprochen, ein Vorzugsbesitz des geistlichen 
Standes. Die Bildung des Landadels wie des städtischen Bürger- 
tums war eine vorwiegend juristische; aber die Männer, die auf 
der Schöffenbank sassen und Recht sprachen, konnten gewöhnlich 
weder lesen noch schreiben. Es ist bezeichnend, dass wie wir 
zufällig erfahren, deI' 
trasburger Stadtschreiber im Jahre 1454 
ein Geistlicher war. Der Klerus wurde in den "freien Künsten" 
(artes) unterrichtet, und zu der artistischen Bildung gehörten natürlich 
auch jene damal:; höher als heute bewerteten Fertigkeiten. In dem 
deutschen Orden konnte zweifellos nur ein sehr geringer Teil der 
Laienbrüder lesen ulld schreiben, auch von einigen Hochmeistern 
des 15. Jahrhunderts wird dies gelegentlich berichtet. Und doch 
sagte das Sprichwort: "bist du klug, so täusche die Herren von 
Preussen." Bildung und Bildungsideal des Mittelalters war von dem 
unsrigen weit verschieden. 
An jedem Unterricht der Jugelld fehlte es llatürlich nicht. 
Wie die Schule des Mittelalters eine kirchliche lnstitution war, 
wie sich alle wirklichen Schulen an die Kirche anschlossen, so 
ging auch dieser elementare Unterricht unmittelbar von ihr aus. 
Dieser elementare Unterricht begriff die Grulldkenntnisse der kirch- 
lichen Lehre und mag sich an den sonntäglichen Gottesdienst 
angeschlossen haben; auch leitete wohl überall der Dorfpfarrer die 
Kinder zum Kirchengesang und zu Ministrantendiensten an. 
Der VlJllige Umschwung, den das Schulwesen in Deutschland 
durch die Humanisten erfuhr, vollzog sich in Preussen erst durch 
die Reformation. Für die Städte beginnt die Zeit der Latein- 
schulen, aus denen in unserm Jahrhundert die Gymnasien entstanden 
sind. Die katholische Kirche nahm die Anregungen der Reformation 
für den Jugendunterricht auf; es wurden Pfarrschulen gegründet, 
die wohl meist von den Küstern und Organisten geleitet wurden. 
Jedes Kirchdorf sollte seine Schule haben. Unsre früheste Quelle 
für diese Landschulen ist die Kirchenvisitation des Domherrn Strzesz 
von 1672. Die beiden Schwedenkriege hatten aber auch auf diesem 
Gebiete vernichtend gewirkt. Nach Strzesz hatte vorher in der 


-
		

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			2. Das Schulwesen. 


271 


'l'hat in jedem Kirchdorfe eine Schule bestanden, aber 1672 waren 
nur noch drei vorhanden, nämlich in Nieszywiens, Skemsk und 
Radoskj sonst waren sie überall untergegangen, oder die Gebäude 
wurden zu anderen Zweckcn benutzt. 
Strasburg hatte, wie es eine evangelische und katholische 
Kirche besass, so auch zwei Schulen. In dem Yertrage, den die Stadt 
1599 mit dem katholischen Pfarrer abschloss, musste sie sich ver- 
pflichten, den die katholische Schule leitenden Saccalaureus jährlich 
mit 40 Mk. zu besolden. Die katholische Schule wurde im Schweden- 
kriege zerstört; Strzesz sagt, nach den Ruinen müsse es ein statt- 
licher Ordensbau gewesen sein. Über den Unterricht bestimmt 
das Visitationsdekret von 1746: der Kantor, der zugleich Schule 
hielt. sollte die Schüler im Deutseben, Polnischen und Latein. iIl 
der Arithmetik und im gregorianischen Kirchengesange unterrichten. 
Die evangelische Schule wurde durch das Religionsprivileg 
von 1646 ausdrücklich g-ewäurleistet. Näheres erfahren wir erst 
aus dem 18. Jahrhundert. Schulpatron war die Stadt; die Lehrer 
wurden aber gemäss dem Religionsprivileg nicht von ihr, sondern 
von der evangelischen Gemeinde besoldet. Das Gehalt war gering; 
das Unterrichten war damals noch kein Lebensberuf, sondern wurde 
nur als Durchgangsposten betrachtet. 
lartin Luther sagt in einer 
Tischrede: "Wenn einer hat Schule gehalten zehn Jahr, so mag er 
mit gutem Gewissen davon lassen: denn die Arbeit ist zu gr08s, 
man hält sie gering."l) Die Strasburger Lehrer waren in de!' 
erstell Hälfte des 18. Jahrhunderts Studenten der 'l'heologie. Die 
Besoldung bestand llur zum kleinen Teil in barem Gelde; zu den 
übrigen Emolumenten gehörte u. a. der Freitisch, der bei den 
Bürgern der Reibe nach umging (mensa ambulatoria), und die 

pellden bei den öffentlichen feierlichen Umzügen der Schulell 
(circuitus), die ein paar Male des Jahres stattfanden. Wie die 
Lehrer ihr Gehalt ans der Kirchenkasse erhielten, so waren sie 
auch zu kirchlichen Diensten verpflichtet. Nicht nur, dass sie die 
Ol'gel spielen und den Gesang beim Gottesdienst leiten mussten, 
auch bei Taufen, Trauungen und Begräbnissen hatten sie mit dem 
Schülerchor mitzuwirken. Das "Besingell der Leichen" spielte nicht 
nur in ihrer Berufsthätigkeit, sondern auch in ihren Einnahmen 
eine erhebliche Rolle. Je nach dem Stande des Verstorbpnf'n 


I) Hollack und Tromnau, Geschichte des Schulwesens von Königs- 
berg 1I:!9tj S. 354. 


.L 


-
		

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			272 


IlJ. Die preussische Zeit. 


folgte ein grösserer oder kleinerer Teil der Schüler, und dem ent- 
sprachen die Gebühren, die der Lehrer bezog. 
Uns ist ein Vertrag erhalten, den der Rat und die Evan- 
gelische Gemeinde im Jahre 1720 mit dem Studenten Kaukowski 
abschlossen: "Jedermänniglich , dem hieran gelegen, nach Ent- 
bietung freund williger Dienste thun kund und zu wissen. Wir 
Bürgermeister und Rat, demnach in unserer Stadt und Evangelischen 
Schule die Rectoratstelle entlediget, und uns dahero oblieget, solche 
Vacance mit eIDer qualificirten und tüchtigen Person zu ersetzen, 
auch an uns der WohledIe und Wohlgelahrte Herr Johannes Kau- 
kowski S. Theologiae studiosus durch Gottes Schickung gerathen, 
als haben wir nebst dem Herrn Seniore, Kirchenvorstehern und 
Evangelischer Gemeine einhellig beschlossen, vorgemeldetE!n Herrn 
Johann Kaukowski zu unserm Schulrectore zu vociren, wie wir ihn 
denn im Namen Gottes kraft dieses vociren, demselben pro fixo 
salario jährlich 60 Floren Preussischer Münze gelobend, welche er 
in vier eingetheilten Quartalen wirklich zu heben, dazu eine freie 
Wohnung, mensam ambulatoriam wie auch zwei circuitus jahr- 
jährlich, einen pro festo S. Gregorii den ,anderen pro festo Epi- 
phaniae nebst anderen gewöhnlichen Accidentien wird zu geniessen 
Laben. Jmmittelst wird Herr Johann Kaukowski als Rector kraft 
gegenwärtiger V ocation kräftigst obligirt, sein Amt treu und 
fleissig abzuwarten, dabei ihm obliegen wird, die lipbe Jugend nach 
seinem besten Wissen und Vermögen mit höchstem Fleiss sowohl in 
Lehr als Leben zu unterrichten, nämlich sowohl in deutsch-, polnisch-, 
lateinischen Sprachen, im Rechnen und Musik zu informiren, als 
auch zu al1er Gottseligkeit und Tugend anzuführen, auch jährlich 
zwei publique Schulexamina, eins pro festo Gregorii, das andere 
rro festo Michaelis, falls kein Hindernis bei Einem Ehrbaren Rat 
vorfällt, zu halten, denen hiesiger Evangelischen Kirche Herren 
Pastoribus Wohlehrwürden als Schulinspectoribus alle Ehrerbietung 
zu erweisen, dem Herren Kirchenseniori mit allem Respect zu 
begegnen und letztens sich in allen Stücken Dach der abgefassten 
gewissen Schulordnung zu verhalten. In der Kirchen wird er 
befugt sein, das Clavier zu schlagen, und in denen Wochentagen 
präeise um 7 Uhr, Sonntags aber um 8 Uhr vor Mittage und 
1 Uhr nach Mittage die Andacht anzufangen, die Lieder, welche 
Sonntags Bollen gcsungen wer
en, den Tag zuvor, das ist Sonn- 
abends, von denen respective Herren Predigern abfordern zu lassen, 
und ßeissig Acht zu haben, damit auf dem Chor (mit welchem er 


. 



 



 
I 
, 
j
		

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			frei zu disponieren haben wird) alles ordentlich zugehen möge. 
So wie wir nun der unzweifelhaften Hoffnung leben, es 
werde Herrn Johann Kaukowski seinem hiermit anvertrauten 
Rectoratamte ein völliges Genügen thun, also versprechen wir ihm auch 
in allen billigen Dingen einen kräftigen Schutz und behalten uns 
endlich vor, dass sofern er illskünftige seine Fortun anderwärts 
suchen und dieses Officium quittiren sollte, er ein Vierteljahr zuvor 
seine Intention E. E. Rat oder dem Herrn Seniori, und vice versa 
E. E. Rat und Evangelische Gemeine, so es die Not erfordern 
möchte, ihm ein Vierteljahr vorher das Rectorat aufzusagen ob- 
ligirt sei."l) 
Im Jahre 1733 wurde r
ukas Hardrowski, ein ::5tudent der 
Tbeologie und Philosophie, als Kantor angestellt. Er erhielt als 
Fixum 12 Floren vierteljährlich; als Ertrag aus zwei "Umgängen 
mit der Schelle" zu Ostern und Weihnachten wurden ihm ebenfalls je 
12 Flor. garantiert. Ferner hatte er freie Wohnung, freie Betten 
und Freitisch, er erhielt das Schulgeld und bezog "die Hälfte der 
Leichen ulld Trauungen." Einen anderen Vertrag besitzen wir 
aus dem Jahre 1793. Damals wurde Daniel Abraham Berndt zum 
Rektor der Strasburger Stadtschule ernannt. Das feste Gehalt, 
das noch immer aus der Kirchenkasse gezahlt wurde, war auf 
53 Th. 30 Sgr. gestiegen. Die Freitische, die die Lehrer je länger 
je mehr als etwas Demütigendes empfanden, hatten aufgehört; statt 
dessen gab ihm die Stadt für die Beköstigung jährlich 36 Thaler. 
Dazu kamen 14 Thaler Wohnungszuschuss, 3 Th. 30 Gr. Holzgeld 
und der Ertrag von 2 Circuitus. Ferner bezog der Rektor das 
Schulgeld. Das Aufnahmegeld der Schüler betrug 15 Groilchen, 
die Abcschützen zahlten vierteljährlich 36 Groschen, die grösseren 
Schüler. die im Latein u. s. w. unterrichtet wurden, 60 Gr. Das 
Honorar für Privatunterricht wurde auf 60 Gr. vierteljährlich fest- 
gesetzt. Endlich bezog der Rektor die Gebühren aus den kirch. 
lichen Handlungen; für eine Trauung mit Orgelspiel und Chor- 
gesang erhielt er 30 Groschen, ohne dasselbe 15 Gr.; fÜr ein 
Leichenbegängnis mit Schülergefolge 30 Gr., ohne dies die Hälfte. 
Der zweite Lehrer, der Konrektor, hatte 1802 ein Fixum von 
40 Thaler; die Emolumente entsprachen denen des Rektors. 2 ) 
In den Kirchenakten jener Zeit befindet sich folgende Ein- 
ladung zu einem Schülerballe aus dem Jahre 1805: "Mit Genehmi- 
1) Evang. Kirchenbuch Strasburg. 
2) Akten des evang. Pfarramts Strasburg. 


2. Das Schul wesen. 


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273 


18
		

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			274 


IH. Die preussische Zeit. 


gung und Erlaubnis unserer Eltern und Pflegeeltern haben wir uns 
vorgenommen, auf den nächsten Sonntag als den :24. November 
von der 5. Stunde nachmittags an bis an die ]2. Stunde einen 
kleinen jugendlichen Ball zum unschuldigen Vergnügen in der Be- 
hausung des Kaufmanns Herrn Gut zu veranstalten. Wir ladell 
sowohl unsere lieben 
Iitschiiler als Mitscbülerinnen dazu ein und 
werden uns freuen, wenn nicht allein sie selbst. sondern auch ihre 
teueren Eltern uns mit ihrem gütigen Besuch beehren wollen; wozu 
wir auch bereits erwachsene Demoisclles ergebenst einladen. an 
diesem jugendlichen Vergniigen gefälligst Teil zu nehmen. Jeder 
unserer Mitschüler giebt dazu einen Beitrag von 411 Groschen zum 
V oraus, und unsere Mitschiilerinnen wie auch die übrigen Demoiselles 
werden die Giite haben Abendbrot zu besorgen, um mehrere Munter- 
keit zum Genuss des Vergnügens zu erhalten." - 
Als Friedrich der Grosse Westpreussen in Besitz nahm, 
richtete er eine besondere Aufmerksamkeit auf die Brrichtung von 
Dorfschulen. Er zog eine Kompagnie Schulmeister ins Land; und 
während die Lehrer in den übrigf!n preussischen Provinzen recht 
schlecht besoldet waren, indem die Stellen häufig mit invaliden 
Soldaten besetzt oder an die Mindestfordernden vergeben wurden, 
erhielten sie in Westpreussen 60 'l'haler jährlich und ein Stück 
Gartenland.1) Dies Gehalt war dama
s immerhin auskömmlich, 
wenngleich man sichs erklären kann, dass die Marienwerderer 
Regierung Schulmeister und Organisten verwarnen liess, Kaffee, 
Zucker, Taback u. s. w. iiber die Grenze zu schmuggeln. 2 ) Bei 
der Besitzergreifung Westpreussens scheinen im Kreise Strasburg 
nur die evangelischen Dörfer Schulen gehabt zu haben, die alten 
IIolländerdörfel', denen dies Vorrecht ausdrücklich in ihrt'm KOll- 
trakte gewährleiHtet war. Solche SchulAn bestanden in Lembeq
, 
Konojad, Piecewo, Sadliuken, Gross und Klein Brudzaw, Bukowiec, 
Gross und Klein Ksionsken, Buggoral und Kamin. Im Jahre 1782 
bestanden evangelische Schulen ferner in Grabowiec, Tillitz, Mal- 
ken und Sumo wo. Dembowalonka besass 1785 eine Schule, im 
folgenden Jahre wurde eine in KOIDini gegründet, 1790 in Lipowiec, 
Gross Kruschin und J aworze, 1791 in Klein Radowisk und Plus- 
kowenz; di13 letztere wurde 1828 in eine katholische Schulp- um- 
gewandelt. Galczewo erhielt 1801 eine evangelische Schule. 
In Go llub wird Lereits im 16. Jahrhundert ein Baccalaureus 
I) Beheim-Schwarzbach, Hohenzollerns.che Kolonisationen 416. 
2) Akten des Lautenburger Pfarramts.
		

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			3. Der Krieg von 1806/07. Das Herzogtum Warschau etc. 275 


erwähllt. Von Gurzno wird dagegen 1776 herichtet, dass vor langer 
Zeit der Pfarrer bei der Kirche eine (katholische) Schule gebaut 
hätte, aber nur selten sei ein Schulmeister dort gewesen, da er 
kein festes Einkommen gehabt hätte; jetzt wohnte der Organist in 
dem Schulhause und es sei nötig, eine neue Schule zu bauen. Aus 
Lautenburg meldet 1784 der evangelische Prediger Bock, dass der 
Lehrer noch kein fixiertes Gehalt hätte; er sollte von jedem Schul- 
kinde für die Woche 3 Gr. erhalten, thatsächlich bekam er sie 
aber nicht. Im Jahre 1798 betrug das Gehalt des Lautenburger 
Lehrers 40 Thaler aus dem staatlichen Schulfond und 18 'l'haler 
aus der Kämmereikasse. 
Über die katholischen Schulen des Kreises ist das 
Iaterial 
sehr dürftig. Im Jahre 1816 werden folgende erwähnt, ohne dass 
ihre Zahl vollständig zu sein scheint: Gross Brudzaw (wo zugleich 
eine evangelische Schule bestand), Goral, Jastrzembie, Jaikowo, 
Mszanno, Nieszywiens, Oaieczek. W rock, Pokrzidowo, Szczuka, Zbiczno 
(bestand schon 1793), Ciborz, Poln. Brzozie, W ompiersk und Zembrze. 
Im Jahre 1817 wurde eine katholische Schule in Kurkocin gegrün- 
det, 1820 in Gros8 Radowisk, lR21 in Gottartowo, 1822 in Zgnillo- 
blott, 1826 in Gross Pulkowo. Evangelische Schulen entstanden 
1818 in 8kemsk und Lobdowo. Im Jahre 18:30 bestanden ausser 
in den St
dten Schulen an 57 Orten, 1846 waren es 64, 18tH 
78 Schulen an 75 
cbulorten.1) 


3. Der Krieg von 1806/7. Das Herzogtum Warschau. 
Die Wiedervereinigung des Kreises mit Preussen. 
Am 14. Oktober 1806 erlitt das preu:3sische Heer die ver- 
hängnisvollen Niederlagen von Jena und Auerstädt, die 
Jfeu8sischen 
li'estungen fielen, uald nach Mitte November standen die Franzosen 
an der Weichsel. Das preussische Heer, 14000 
1ann stark, hatte 
die Aufgabe, den Übergang über den Fluss auf der Strecke von 
Danzig bis Plock zu hindern 2 ). Den Oberbefehl führte General 
L' Estocq, der seinerseits dem russischen General Benningaen unter- 
stellt war. Man hielt indessen die eigene 'l'ruppenmacht zur Ver- 
teidigung für unzureichend, und am 5. Dezcmber rückte General 
L'E8tOCq von Tborn ab, den Flussübergang dem Feinde preisgebend. 
Am 5. kam L'Estocqs Hauptquartier llach Gollub, am 6. nach 


1) Akten des Landratsamts und der Pfarrämter. 
2) Höpfner, der Krieg von lt!06 und 1::S01. III. 67 ff. - v. Lettow- 
V orbeck, der Krieg von 1806 und 1807. III. 86 H. 


]8*
		

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			276 


III. Die preussische Zeit. 


Strasburg. Hier erhielt er den Befehl, Thorn wieder zu nehmen. 
Die nötigen Anordnungen für die Umkehr wurden getroffen, doch 
war es bei der weit zerstreuten Aufstellung der Truppen nur 
möglich, am folgenden Abend bei Schönsee und GoIlub [) ßataillolle, 
20 Schwadronen und 1 1 /2 reitende Batterien zu vereinigen. Am 
8. Dezember sollte Thorn besetzt werden; da aber L'Estocq schon 
am 7. auf dem Marsch nach Gollub stark übertriebene Meldungen 
von der Stärke des Feindes erhielt, gab er den Plan auf, ohne 
auch nur den Versuch zu machen, sich durch seine überlegene 
Reiterei sichere Nachrichten zu verschaffen. Das preussische Haupt- 
quartier ging wieder nach Strasburg zurück. L'Estocq zersplitterte 
seine Kräfte so sehr, dass die Masse des Korps sich auf der Strasse 
von Strasburg bis Soldau befand, während sich der rechte Fliigel 
bis nach Neumark und Bischofswerder und der linke bis Rypin 
und Sierpec ausdehnte. Am 13. Dezember rückte Marschall Ney 
von Thorn nach Osten vor, ein Detachement erreichte Gollub. Bei 
dem Ellernbruch kam es zu einem Scharmützel, das aber die Ein- 
nahme der Stadt kaum aufhielt. Die evangelische Kirche wollten 
die Franzosen zu einem Militärmagazin benutzen; aber der Pfarrer 
und die Gemeinde leisteten dagegen mit gutem Erfolg Wider- 
stand) Die Russen waren inzwischen über die Wkra zurück- 
gegangen, und L'Estocq Imchte mit ihnen Fühlung zu gewinDen, 
indes verhinderten die E'ranzosen diese Verbindung durch das Gefecht 
bei Biezun am 23. Dezember. An demselben Tage griff Marschall 
Ney von StrasLurg aus den Obersten Bülow an, der bei Gurzno 
einen vorgescbobenpn Posten befehligte und drängte ibn uis zu dem 
Aalkruge (W engornia) zurück. Beim Beginn dieses Gefechts that 
sich der Dragonerleutnant Graf Wrangei, der spätere Feldmarschall 
hervor, auf demselben Schlachtfelde, wo 1629 der schwedische 
General Wrangel die Polen besiegt hatte. Wrangel hatte eine 
Feldwache abzulösen, als sich zwei ChasseureskadrollS näherten; er 
griff mit seinpn 70 Reitern die Franzosen an und warf sie auf ihre 
Infanterie zurück. Als er sich bei llülow, dem späteren Sieger von 
Dennewitz, der die Attacke von Weitem mit angesehen hatte, 
meldete, reichte der ihm die Hand und sagte: "Ich werde dem 
Regimellt mitteilen, wie kühn und entschlossen Sie die Kavallerie 
geführt und den überlegenen Feind angegriffen haben. "2) 
Gener al L'Estocq zog sich nach dem Treffen bei Biezun auf 
1) EV&Dg. Pfarrchronik von Gollub. 
2) Henning, Geschichtliche Nachrichten S. 42. 


,.
		

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			r 


4. 


3. Der Krieg von 1806/01. Das Herzogtum Warschau etc. 277 


Soldau zurück, um nicht von seiner Rückzugslinie abgeschnitten zu 
werden. Marschall Ney rückte nach, mit drei Regimentern von 
Kudsborg, mit zweien von Strasburg aus. Am 25. Dezember früh 
rückten die }i'ranzosen in Lautenburg ein und drängten bei Ciborz 
einen preu:3sischen Vorposten nach einem Gefecht zurück, während 
sich die bei Jellen und Wompiersk stehenden Abteilungen ohne 
Kampf zurückzogen. An demselben 'rage gelang es Ney, sich 
durch einen Handstreich Sold aus zu bemächtigen. - Nach diesem 
Erfolge bezog das der Ruhe bedürftige französische Heer Winter- 
quartiere. Der Strasburger Kreis wurde der Kavalleriereserve an- 
gewiesen. In der Gegend von Gollub, Rypin und Sierpec lag die 
Ka valleriedivision Hautpoult, die die Verbindung mit Thorn zu 
decken hatte. Einmal gelang dem russischen Obersten Jurkowski 
ein Überfall, er drang bis gegen Strasburg vor und fing einen 
französischen Offizier mit wichtigen Briefen Napoleons an den 
Marschall Bernadotte. Der Stadt Strasburg wurde nicht nur eine 
bedeutende Kontribution auferlegt, sondern die Truppen sollen 
Erlaubnis bekommen haben, 24 Stunden zu plündern. Napoleon 
selbst quartierte sich auf dem Durchmarsch zwei Tage und Nächte 
lang auf der Domäne beim Amtsrat Weissermel ein) In Gollub 
wurde das ::;chloss zu einem Lazarett eingerichtet, aber dermassen 
verwüstet, dass die Intendanturbeamten, die vorher einige Räume 
darin bewohnt hatten, nachher in der Stadt ein Unterkommen suchen 
mussten. Die Winterquartiere dauerten nicht lange j schon am 7. 
und 8. Februar wurde die Schlacht bei Pr. Eylau geschlagen, wo 
zum ersten Male Napoleon keinen vollen Sieg errang. Der Kaiser 
liess jetzt Kantollnements beziehen. Im Rücken der Armee von 
Riesenburg bis Strasburg kantonnierten drei Kürassierdivisionen, 
in die Stadt Strasburg wurde der mobile Park der Armee gelegt. 
Als im FrühBommel' die Kiirassiere abrückten, wurde um Strasburg 
die Dragonerdivision Grouchy aufgestellt, weiter östlich bis Soldau 
die Dragonerdivision Milhaud. 
Am 14. Juni gewann Napoleon die Schlacht bei Friedland, 
am 7. Juli wurde der Friede zu Tilsit abgeschlossen. Das Herzog- 
tum Warschau wurde gebildet, dem die westpreussischen Kr
ise 
Kulm mit Thorn und Michelau einverleibt wurden. 


In der evangelischen Kirchenchronik von Strasburg ist der 
Huldigungseid erhalten, der dem neuen Fürsten, dem Rheinbunds- 
I) Zermann, Chronik Strasburgs 24.
		

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			278 


ur. Die preussische Zeit. 


könig Friedrich August von Sachsen geleistet wurde. Er lautete: 
"Ich schwöre zu Gott dem Allmächtigen, Dreieinigen, dass ich dem 
allerdurchlauchtigsten Könige von Sachsen Friedrich August, Herzog 
von W Rrschau, als dem rechtmässigen Herrn des Herzogtums 
Warschau und erblichen Könige, auch seinen Nachkommen und 
Nachfolgern treu gehorsam und gegen seine Befehle bereitwillig 
sein werde, seine Wohlfahrt zu befördern , Verräterei, Nachteil, 
und Schaden zu verhüten bemüht sein werde und nach allen Kräf- 
ten sorgen und genau darauf achten werde, dass auch die mir 
untergebenen Leute dieses Nämliche thun und erfüllen sollen: mit 
einem Worte, ich werde mich so aufführen, wie ich als ein treuer 
Unterthan gegen meinen rechtmässigen König und Erbberrn mich 
zu betragen verpflichtet bin. So wahr mir Gott helfe." 
Alle Erinnerungen an die preussische Zeit wurden geflissentlich 
beseitigt. Die öffentlichen Verhandlungen fanden in polnischer Sprache 
statt, selbst in den Büchern der Innungen mus8ten die Protokolle 
polnisch geschrieben werden. Der wahre Herrscher im Herzogtum 
war Napoleon. Am 15. August 1809, dem Namenstage des Kaisers 
wurde in dem evangelischen Bethause zu Strasburg ein eigener 
Gottesdienst gehalten; zum 'l'hema hatte sich Pfarrer Powalski den 
Spruch gewählt: nemo sine afflatu divino vir magnus! 
Die Verwaltung des :Jilerzogtums Warschau war ganz nach 
französischem Muster eingerichtet. Der Michelauer Kreis, von dem 
das Amt Gollub nach Thorn abgezweigt war, wurde eine Unter 
präfektur, der Unterpräfekt stand unter dem Präfekten von Brom- 
berg. Ein Kreisrat wurde gebildet, zu dessen Vorsitzenden der 
Amtsrat Weissermel gewählt wurde; zu seinen Funktionen gehörte 
die Umlage der Steuern. Die Justizbehörde bestand aus einem 
Friedensgericht; eine besondere Abteilung bildete das Streitgericht. 
Das Personal des Friedensgerichts waren drei Friedensrichter und ein 
Gerichtschreiber, das der Streitabteilung ein Unterrichter und ein 
Gericbtschreiber. Die 
'riedensrichter, die den Titel ExelIenz 
führten, waren Laien und arbeiteten ehrenamtlich; es waren Guts- 
besitzer aus dem Kreise. Der Unterrichter und die GerichtschreiLer 
waren besoldet. Die Friedensrichter wechselten sicL in ihl"em Amt 
ab, monatlich oder vierteljährlich, je nachdem sie es unter ein- 
ander abmachten. AUe Rechtsstreitigkeiten kamen zunäebst vors 
Friedensgericht, das jede Klage durch Vergleich erledigen konnte; 
der Friedensrichter Exc. v. Wilczewski erhielt als Anerkennung 
für die grosse Zahl beigelegter Streitigkeiten eine Medaille. 


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3. Der Krieg von 1806/07. Das Herzogtum Warschau etc. 27Y 


Einigten sich die Parteien nicht, so kamen alle Besitz- und Belei- 
digungsklagen, sowie alle Sachell, deren Objekt einen geringeren 
Wert als 100 Franken bet.rug, vor das Streitgericht; die zweite In- 
stanz bildeten das Ziviltribunal und Handelstribunal in Bromberg. 1 ) 
Wie die Rechtsprechung ausfiel, lässt sich denken, da die 
Richter Laien und nicbt in der geringsten Weise für ihren Beruf 
vorgebildet waren. Die feierliche Einführung des Code Napoleon 
war nichts als ein leeresSchaugepränge ; wie bättenauch die französischen 
Ideen von 1789, vor allem der Grundsatz sozialer Gleichheit ill dem 
von den schroffsten Klassengegensätzen beherrschten Polen wirklich 
Eingang finden sollen I Und wie stand es um die Kenntnis des 
Code bei den gelehrten Richtern, um von den Laien zu schweigen? 
In dem ßromherger Appellationstribunal, wo man bessere Zustände 
erwarten sollte, waren ehemalige preussische Auskultatoren und 
Referendare zu Räten befördert. In 1\Iarienwerder spottete man 
übf'r die Unordnung, die in dem Gericht berschte, und über die 
Entscheidungen, die es fällte. "Der Gang der Geschäfte ist den 
Geschäftskenntnissen der Mitglieder des Collegii angemessen," 
heisst es in einer Mitteilung an die 
Iarienwerderer Regierung. Da 
hatte in einerWechselklage der Beklagte den Einwand erhoben, er habe 
den Wechsel nur in der Erwartung ausgestellt, den vollen Betrag 
bar zu erhalten; da er indessen kein Geld bekommen habe, halte 
er sicb auch nicht für verpflichtet zu zahlen. Das Gericht aber ver- 
urtf'ilte ihn dazu; es bliebe ibm ja unbenommen das Geld zurück- 
zufordern, denn - der Kläger sei ein angesehener und sicherer 
Mann; und dies letz
re wird damit begründet, dass sein Bruder 
ein Haus besässe. In einer 1\Iordsache leugnete der eine Ange- 
schuldigte, an der That beteiligt zu sein; da aLer der Mitange- 
klagte jenen der Haoptthäterschaft bezichtigte, so wurden dem ersten 
50 Peitschenhiebe zudiktiert, um ihn zum Geständnis zu ermuntern,2) 
Die Polizeigewalt lag bei uen Bürgermeistern, den Gutsbe- 
Bitzern und fünf Beamten im Kreise, die den Charakter eines 
Woyt oder Maire hatten. Dalleben aber gab es noch eine geheime 
Polizei, die ihren Sitz in Bromberg hatte; und das dortige Kom- 
missariat pflegte nach napoleonischem Vorbilde seine Unterkom- 
missare ohne Vorwissen der Unterpräfekten in deren Bezirke ab- 
zusenden. Die preu8sischen Beamten wurdpn überall abgesetzt. 
I) Bericht des Landrats v. Wybicki 1815. Akten des Landratsamts 
Strasburg. 
2) Marienwerderer Präsidialakten (Königsb. Staatsarchiv).
		

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			280 


IlI. Die preussische Zeit. 


Die Städte wurden von polnischen Bürgermeistern verwaltet, denen 
zwei Lawniks (Schöffen) zur Seite standen. In Strasburg behielt 
der bisherige Bürgermeister PreusR, der sich jetzt Pruski nannte, sein 
Amt. Auch das französit!cbe Institut der Natiollalgarden wurde einge- 
führt, in Strasburg war der "Bürger U Benjamin Guth ihr Hauptmann. 
Die Domänen wurden teils in Krongüter teils in Nationalgiiter 
verwandelt. Die Domänenämter und Forstämter Strasburg und 
Lautenburg wurden Rentämter des Königs von Sachsen und standen 
unter der sächsischen Kronkammer zu Warscbau, während die Auf- 
sicht über die Nationalgüter der Unterinspektor Kasimir v.Rz
tkowski 
zu Gollub hatte. 
Die Stein-Hardenbergische Bauernbefreiung erfolgte nach dem 
Tilsiter Frieden, kam ahm den zum Herzogtum Warschau ge- 
schlagenen Landesteilen nicht mehr zu Gute. Aber schon einige 
Monate vor der preussischen Reform war in dem neuen Herzogtum 
die Gutsunterthänigkeit der Bauern aufgehoben worden. Die Ver- 
fassung des Herzogtums vom 22. Juli 1807 verordnete: "Die 
Sklaverei (l'esclavage) ist abgeschafft, alle Staatshürger sind frei, 
der Bauerllstand steht unter dem Schutze der Gerichte." Schon 
die berühmte polnische V"erfassung vom 3. Mai 1791 hatte sich 
mit der Emanzipation der Bauern beschäftigt; sie bestimmte, dass 
wenn der Adel mit seinen Bauern förmliche Kontrakte schlösse, 
(was im wesentlichen nur mit deutschen Kolonisten geschah), diese 
Kontrakte in Zukunft - auch gehalten werden soHten. Auch die 
Freiheit, die die polnischen Bauern durch die Verfassung von 1807 
erhielten, unterscheidet sich wesentlich von der Bauernbefreiung 
in Frankreich und Preussen. Die französische Revolution hob mit 
einem Schlage alle grundherrlichen Rechte ohne jede Entschädigung 
der Gutsbesitzer auf, in Preussen erhielten die Bauern einen Teil 
ihres Landes zu freiem Eigentum, während der andere Teil den 
Grundherren als Entschädigung für die aufgehobenen bäuerlichen 
Leistungen zufiel; in Polen wurde der Bauer persönlich frei, seine 
Abhängigkeit von dem Gutsherrn wurde aufgehoben, aber das 
Land hehielt der Grundherr ohne jede Verkürzung. Dem Bauer 
wurde kein auch noch so beschränktes Resitzrecht an dem Grund 
und Boden zuerkannt; er war wie das Land selbst das unbedingte 
Eigentum seilles Herrn gewesen. Die polnische Bauernbefreiung 
von 1807 gab also dem Bauer die persönliche Freiheit und entband 
den Herrn von jeder Verpflichtung für seine bisherigen Unter- 
thanen irgend wie zu sorgen. Kündigte der Gutsbesitzer dem Bauern, 


. 


..
		

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			3. Der Krieg von 1806/07. Das Herzogtum Warschau etc. 281 


so machte diesen die neue Freiheit zum Bettler. Gerade durch die 
freisinnig klillgende Yerfassung von 1807 wurde der polllische 
Bauer vollends rechtlos. Die Leistungen konnten in Form von 
Kontrakten, die mit freien Leuten geschlossen wurden, erhöht, die 
... Weide- und Holzgerechtigkeiten verring{'rt werden. Der Herr konnte 
seinen Leute)) jederzeit kündigen; aber die Freizügigkeit des 
Bauern wurde beschränkt. Unter dem Vorwande. für das Wohl 
des Bauern, dessen Ullmündigkeit man kannte, sorgen zu müssen, 
wurde eine Kündigung seinerseits der Genehmigung einer Kreis- 
kommission unterworfen, die verhindern sollte, dass er sich durch 
einen solchen leichtsinnigen Schritt ins Unglück stürzte. Die Kreis- 
kommission bestand aber aus Gutsbesitzern, und ibr Urteil richtete 
sich uatürlich nach der MeinungsäuBserung des Herrn, dem der 
Bauer gekündigt hatte) 
Diese Dinge lassen sich, wenigstens indirekt, auch im Stras- 
burger Kreise nachweisen, obgleich die Akten nur spärliche Aus- 
kunft geben. In den Gütern Koruorowo und Sobierczysno, Gottartowo, 
Wlewsk, Brinsk. Ciborz, Gorczenitzka und Opalenitza hatten die 
Bauern nach Aufnahmen von 181
 kcin erblichcs Besitzrecht; die 
Weide- und Hulzgerechtigkeiten warpn geschmälert, und mehrfach 
waren Bauernhöfe zum Gutslande eingezogen worden. Besonders 
charakteristisch ist aber dic That8ache, dass in mehreren dieser 
Gllter sämtliche Bauern erst nach 1807 angesetzt waren - ihre 
V orgänger waren also ('utlassen worden - und dass mit ihnen 
kurzfristige Kontrakte auf 1-3 Jahre abge8chlossen waren; die 
Bauern waren zu Lohnarbeitern herabgedrückt worden. 2 ) Wo die 
Bauern schon in der preussischen Zeit durch langjährige Kontrakte 
wenigstens ein emphyteutisches Pachtrecht auf das von ihnen be. 
wirtschaftete I.Jand hatten. da waren die alten Verhältnisse ge- 
blieben. In zwei Gütern des Kreises, in Kl. Radowisk und Gal- 
czewo, waren die Bauern im Jahre 1791 zu ErLpächtern gemacht 
worden, hatten abo eiD bedingtes Erbrecht an ibren Höfen ge- 
wonnen. 
t' Die Verfassung des Herzogthums Warschau hatte die katho- 
lische Religion zur Staatsreligion erhoben, aber allen andern 
Religionsgenossenschaften freien und öffentlichen Gottesdienst gewähr- 
leistet. In Bromberg wurde ein evangelisches Konsistorium ge- 
l) Bernhardi, Gesch. Russlands und der europäischen Politik 1814-31 
Bd. III 25 H. 
2) Akten der Domänenämter (1818), Königsb. Staatsarehiv.
		

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			282 


III. Die preussische Zeit. 


gründet. Nichts desto weniger begannen sofort neue Bedrückungen 
der Protestanten. Ein Gurznoer Tischler wurde, weil er vor dem 
ihm begegnenden Geistlichen nur den Hut gezogen und nicht das 
Knie gebeugt hatte, verhaftet und von dem "Stadtpräsidenten" ins 
Gefängnis geworfen j eine Klage blieb unbeantwortet. Schon im 
Sommer 180S sah sich sogar das Bromberger Departement ver- 
anlasst, in gedruckten Rundschreiben den katholischen Pfarrern 
ihre fortwährenden übergriffe in die Gerechtsame der evangeli- 
schen Geistlichen und Schulen zu verweisen. Aber wie alle Ver- 
fügungen im Herzogtum blieb auch diese unausgeführt. Der Stras- 
burger Pfarrer Po wal ski wagte schliesslich seine Beschwerden nur 
noch anonym einzureichen) 
Das Land hatte durch den Krieg, die langen Einquartiprungen 
und den Durchzug des französischen Heeres 1812 schwer gelittcn. 
Aller Handel und Wandel stockte. Das Verbot der Getreideausfuhr 
nach Preussen, wo die altgewohnten Absatzplätze lagen, drückte 
die Getreidepreiac so tief herab, dass sie kaum die Produktions- 
kosten .decktenj dazu kam die Rinderpest. 2 ) Die Zustände des 
Kreises werden austührlich in einem Bericht geschildert, den der 
bisherige Unterpräfekt v. Wybicki 1815 unmittelbar nach der 
Wiedervereinigung mit Preussen an die Regierung in Marienwerder 
schrieb.3) 
"Sämtliche Amtsvorwerke befinden sich in wirtschaftlichem 
Zustande ausseI' dem Amt Löbau, welchem es an dem nötigen 
Inventario noch immer fehlt (der frühere deutsche Amtmann Boege 
war durch den Krieg von 1807 ruiniertund ausderPacbtentferntwordell)j 
dasselbe ist in der Pachtabtragullg sehr zurück und hat sich über 
viele bereits von der vorigen Regierung angebrachte Beschwerden 
über Bedrückungen der Amtsuntersassen und dergl. zu verant- 
worten, welches alles der Beamte v. Mystkowski in Warschau immer 
durch besonderen Einfluss so beizulegen gewusst, dass wichtige 
Angelegenheiten nicht zur eigentlichen Sprache gekommen sind. 
"Die Propination, welche er nicht selbst betrciben können, 
bat er an einen Juden für 1600 Thaler verpachtet; es sind durch 
eine aus dem Präfekturassessor Gramse und Kalkulator Burchardi 
bestimmt gewesene Kommission hier schon im Jahre 1810 gcgen 
8000 Thaler Defekte ausgemittelt und noch unbeantwortet ge- 


.. 


\!I 


2) Ev. Kirchenkronik und Pfarrakten Strasburgs. 
3) Aus dem Leben des Generals v. Brandt I 329. 
4) Akten des Landratsamts Strasburgs.
		

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			.. 


\'" 


3. Der Krieg von 1806/07. Das Herzogtum Warschau etc. 28B 


blieben. Seine Kaution scheint mir nicht entsprechend zu sein, 
und es erfordert die grösste Notwendi
kcit, dass Eille p. Regierung 
sich durch einen besonderen Kommissarium von den Verhältnissen 
des Beamten zu Löbau rücksichts seiner Zahlungen zeitig zu über- 
zeugen geruhe. Die Nothwendigkeit erheischt es, dass sämtliche 
Beamte in Rücksicht ihrer Verhältnisse gegen die Einsassen durch 
Be- und Verrechnungen revidiert werden; ich selbst habe, ungeachtet 
es während meiner Dienstzeit als Unterpräfekt stets unruhig, und 
ich mit Geschäften überhäuft war, diesen so wichtigen Teil der 
Administration speciell durchgehen wollen, so manches Vergehen 
angezeigt; seitens der ökonomischen Behörde hat man aber wenig 
darauf gerücksichtigt, und dadurch ist der verarmte Einsasse noch 
mehr gedrückt worden. 
"Die Beamten ausser dem Boege, der gleich allfanglieh heraus- 
gesetzt worden, sind in ihrell Yermögensumständen während der ver. 
hängnisvollen Jahre sehr avancirt; und wenn dieses nicht auch bei 
dem Beamten v. MYBtkowEki der Fall il't, so liegt es an der innern 
Einrichtung seiner häuslichen Angelegenheiten und an dpr Vernach- 
1ässigung seiner Wirtschaft, da er sich viele Monate lang mit seinem 
ganzen Staate in Warschau aufzuhalten gewöhnt ist. 
"Die Ein:;assen in den Ämtern sind seit der Besitznahme durch 
das Herzogtum Warschau sehr bemerkbar zuriickgekommen, die 
:Menge der wüsten Höfe, das schlechte und wenige Inventarium gebcn 
einen vollkommenen Beweis hiervon; jedoch ist dif'seB in Rücksicht 
der Ämter auch verschieden
 indem von jeher die Verwaltung des 
Amtsrats Weissermel zu Strasburg in Rücksicht der Behandlung 
seiner Einsassen bei weitem den andern vorzuziehen ist, uud diese 
sich daber grösstenteils in einer nicht so bedrängten Lage be- 
finden. Die Lage der adligen Gutsbesitzer ist beklagenswert; die- 
jenigen, welche auf der Strasse von 'I'horn nach Osterode und 
Soldau liegen, haben sich gleich den königlichen Dörfern noch 
immer nicht erholen können. Die ungeheure Anhäufung der 
schuldigen Zinsen von den Landschaftskapitalien setzt selbst die 
sonst wohlhabenden Gutsbesitzer in die dringendste Verlegenheit; 
mehrere Güter befinden sich die verhängnisvollen Jahre hindurch, 
da das Herzogtum Warschau existierte, in ganz ausserwirtschaft- 
lichem Zustande, weil sie durch die französischen Truppen ruiniert 
und devastiert, und hiernächst die Besitzer wegen der UngewisR- 
heit, in welcher dieser Staat sich befand, keinen Kredit erhalten 
konnten.
		

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			284 


III. Die preussische Zeit. 


"Es ist zu erwarten, dass wenn den Gutsbesitzern Stundungen 
in Rücksicht der landschaftlichen Schulden gegeben werden, und 
der Staat sich verwendet. dass die Privatgläubiger in Ansehung 
der Zahlung der rückständigen Zinsen, sich auf billige Bedingungen 
einlassen, selbige mehrerenteils konserviert und sich nach und nach 
erholen werden. Eine vorzügliche freudige Sellsation würde es 
erwecken, wenn sämtliche Rückstände an Abgaben sowie die Forst- 
kontraventionen niedergeschlagen würden. 
"Was die Städte betrifft, so sind diese schon bei voriger 
preussischer Zeit ausser Strasburg nicht wohlhabend gewesen; seit 
der Zeit ist aber wegen der vielen Einquartierungen die damals 
arme Klasse der Bürger ganz ausgefallen, und viele Bürgerhäuser 
stehen wüst." 


-- 


Als nach der Vernichtung der grossen Armee Napoleons in 
Russland General York am 30. Dezember 1812 das Abkommen 
von Tauroggen geschlossen hatte, erfolgte alsbald der Vormarsch 
der russischen Truppen über die preussische Grenze. Mitte Januar 
hatten die Russen die Weichsellinie bei Marien werder erreicht, 
und fast ohne Kampf fiel das Herzogtum Warschau in ihre Gewalt. 
Der Zar selbst zog über Lyck (8. Januar) Willen berg, Lautenburg, 
wo zu seinem Andenken der Alexanderplatz benannt wurde, 1) und 
Plock nach Kalisch, wo er am 11. Februar eintraf.:!) 
Am i8. Februar 1813 schloss Friedrich Wilhelm III. mit dem 
Zaren Alexander das Bündnis zu Kalisch ah. Auf den früheren 
polnischen Besitz Preussens that der König Verzicht, doch ge- 
währleistete Kaiser Alexander I. ihm Altpreussen und ein Ge- 
biet, dass diese Provinz geographisch und militärisch mit Scblesien 
verbände. Zunächst aber erhielt das Land russische Besatzungen 
und wurde unter russische Verwaltung gestellt. Die Russen 
schalteten wie im eigenen Lande, sie suchten sogar eine AGS- 
wanderullg nach den Deuen Kolollieen am Schwarzen Meere her- 
beizuführen. Selbst die Feier der Leipziger Schlacht wurde, 3 bis 
4 Monate später, auf russische Anordnung gefeiert. Ein kaiserlich 
russischer Kollegienrat, der Vorsitzende desllromberger Departements, 
erliess an das evangelische Konsistorium zu Bromberg' den Befehl, 


., 


I) Roscius, Zustand der Städte Westpreussens S. 63. 
2) Memoiren des Admirals Schischkow, deutsch von Goldhammer, 
Leipzig 1
32. S. 54 ft'. - Marienwerderer Präsidialakten (Königsb. Staats- 
archiv).
		

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			3. Der Krieg von 1806/07. Das Herzogtum Warschau etc. 285 


,. 


"dass zur Feier der von Seiner Russischen Majestät mit Ihren Hohen 
Allierten für Freiheit und Vaterland bei Leipzig erfolgten glor- 
reichen ewig denkwürdigen Sieges in allen Kirchen ein Dankfest 
gehalten und ein Tedeum gesungen würde." Am Neujahrstage 
wurde die Feier in Strasburg, am 1
. Februar in Gollub veran- 
staltet. Am 2. April hielt in Gollub das russische Militär einen 
griechischen Dankgottesdienst in der evangelischen Kirche ab.I) 
Lange blieb es bei den wechselvollen Vorhandlungen des 
Wiener Kongresses zweifelhaft, wie der Zar seinen Kalischer Ver- 
pftichtungen genügen würde; mehrfach schien es, als ob er das 
Kulmerland und das feste Thorn gar nicht wieder herauszugeben 
gedächte. Endlich am 8. Februar 1815 entschloss er sich auch 
auf Thorn zu verzichten. Am 3. 
lai wurde der Vertrag abge- 
schlossen. Preussen erhielt einen Teil des H erzogtums Warschau 
unter dem Namen eines Grossherzogtums Posen; von Neuhof bis 
Leibitsch sollte die Grenze derjenigen Westpreussens von 1772 bis 
1807 entsprechen. 
Am 15. Mai wurde zu Wien das Patent der Besitznahme er- 
lassen. Es bezeichnet die mit Preussen wiedervereinigt.en Gebiete 
und trifft Verfügungen über ihre V erwaltun
: " Von diesen Land- 
schaften kehrt der Culmsche und )lichelausehe Kreis in den Grenzen 
von 1772, ferner die Stadt Thorn nebst ihrem neu bestimmten 
Gebiete zu Unserer Provinz Westpreussen zurück, zu welcher auch, 
wegen des Strombaus, das linke Weichselufer, jedoch bIo!! mit den 
unmittelbar an den Strom grenzenden oder in dessen Niederungen 
befindlichen Ortscbaften gelegt wird. 
"Dagegen vereinigen Wir die übrigen Landschaften, welchen 
Wir von Westpreussen den jetzigen Kronschen und den Caminschen 
Kreis als ehemalige Teile des Netzedistrikts hinzufügen, zu einer 
besonderen Provinz, und werden dieselben unter dem Namen des 
Grossherzogtums Posen besitzen; nehmen auch den Titel eines 
Grossherzogtums von Posen in Unseren Königlichen Titel, und das 
Wappen der Provinz in das Wappen Unseres Königreiches auf. 
"Indem wir Unserem Generalleutnant v. Thümen den Befehl 
gegeben haben, den an uns zurückgefallenen Teil Unserer früheren 
polnischen Provinzen mit Unseren Truppen zu besetzen, haben Wir 
ihm zugleich aufgetragen, denselben in Gemeinschaft mit Unserem 
zum OLerpräsidenten des Grossherzogtums Posen ernannten wirk- 


. 


., 


I) EvaDg. KirchenchroDiken VOD Strasburg und Gollub.
		

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			2
ö 


IH. Die prenssische Zeit. 


lichen Geheimen Rate von Zerboni di Sposetti förmlich in 
Besitz zu nehmen. 
"Da die Zeitumstände es nicht gestatten, dass Wir die Erb- 
huldigung persönlich empfangen, so haben Wir zur Annahme der- 
selben den zu Unserem Statthalter im Grossherzogtume Posen er- 
nannten Herrn Fürsten Anton Radziwill Liebden ausersehen 
und ihn bevollmächt.iget, in Unserem Namen die deshalb nötigen 
Verfügungen zu treffen. "1) 
An demselben 'rage wurde ein Aufruf an die Bewohner der 
wiedererworbenen Landschaft erlassen, der wi9 das Besitznahmepatent 
von dem Staatskanzler Fürsten Hardenberg gegengezeichnet ist. Der 
Aufruf an die Bewohner des Grossherzogtums Posen 2 ) lautet 
folgendermassen : 
"Indem Ich durch Mein Besitznahmepatent vom heutigen Tage 
den Teil der ursprünglich zu Preussen gehörigen, an Meine Staaten 
zurückgefallenen Distrikt des bishedgen Herzogtums Warschau in 
seine uralten Verhältnisse zurüc!tgeführt habe, bin Ich bedacht ge- 
wesen, auch Eure Verhältnisse festzusetzen. Auch Ihr habt ein 
Vaterlan4, und mit ihm einen Beweis Meiner Achtung für Eure 
Allhänglichkeit an daRseibe erhalten. Ihr werdet Meiner Monarchie 
einverleibt, ohne Eure Nationalität verleugnen zu dürfen. Ihr werdet 
an der Constitution Teil nehmen, welche Ich 
leinen getreuen 
Unterthanen zu gewähren bf'sbsichtige, ulld Ihr werdet wie die 
übrigen Provinzen M eines Reichs eine provinzielle Verfassung 
erhalten. 
"EureReligion soll aufrecht erhalten, und zueinerstandesmässigen 
Dotierung ihrer Diener gewirkt werden. Eure persönlichen Rechte 
und Euer Eigentum kehren wieder unter den Schutz der Gesetze 
zurück, zu deren Beratung Ihr künftig zugezogen werden sollet. 
"Eure Sprache soll nebell dpr deutschen in allen öffentlichen 
Verhandlungen gebraucht werden, und jedem unter Euch soll nach 

lassgabe seiner Fähigkeiten der Zutritt zu den öffentlichen Ämtern 
des Grossherzogtums, sowie zu allen Ämtern, Ehren und Würden 
Meines Reiches offen stehen. 
,,
Iein unter Euch geborener Stadthalter wird b:Ji Euch resi- 


I) Akten des Landratsamts "Occnpation des Michelauschen Kreises n.s. w." 
2) Ein besonderer Aufruf an die Bewohner des Kulmer und Miche- 
lauer Kreises und an die '.rhorner ist mir nicht bekannt geworden. In 
elen Akten des Strasbnrger Landratsamts befindet sich der obige Aufruf, 
der demgemäss auch für die beiden Kreise bestimmt gewesen zu sein scheint
		

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			3. Der Krieg von 1806/07. Das Herzogtum Warschau etc. 287 


dieren. Er wird Mich mit Euren Wünschen und Bedürfnissen, und 
Euch mit den Absichten }Ieiner Regierung bekannt machen. 
"Euer Mitbürger, 
Iein Oberpräsident, wird das Grossherzog- 
tum llach den von Mir erhaltellen Anweisungen organisieren und 
bis zur vollendeten Organisation in allen Zweigen verwalten. Er 
wird bei dieser Gelegenheit von den sich unter Euch gebildeten 
Geschäftsmännern den Gebrauch machen, zu dem sie ihre Kennt- 
nisse und Euer Vertrauen eignen. Nach vollendeter Organisation 
werden die allgemeinen vorgeschriebenen Res"ortverhältnisse 
eintreten. 
"Es ist mein ernstlicher Wille, dass das V ergangene einer 
völligen Vergessenheit übergeben werde. Meine ausschliessliche 
Sorgfalt gehört der Zukunft. In ihr hoffe Ich die Mittel zu finden, 
das über seine Kräfte angestrengte, tief eI'8chöpfte Land noch ein- 
mal auf den Weg zu seim'm Wohlstande zurück zu führen. 
"Wichtige Erfahrungen haben Euch gereift. Ich hoffe auf 
Euer Anerkenntnis rechnen zu dürfen." 
I!'riedrich August von Sachsen hatte am 18. }Iai seinen Frieden 
mit Preussen und Russland gemacht und auf das Herzogtum Warschau 
Verzicht geleistet; er unterzeichnete am 22. Mai die Urkunde, in 
der er seine bisherigen Unterthanen ihres Eides entband. Das 
Schriftstück wurde in französischer, deutscher und polnischer Aus- 
fertigung bekannt gemacht: "Wir haben durch den Traktat vom 
18. dieRes Monat!:!, infolge der durch die Grossen Mächte auf dem 
Kongresse zu Wien festgestellten Ländereinteilungen auf den Besitz 
des Herzogtums War8chau Verzicht geleistet, und die Entbindung 
des Eides der U nterthanen ist eine natürliche Folge dieser Verzicht- 
leistung. 
"Wir haben geglaubt, den Umständen nachgeben zu müssen, 
und dem allgemeinen Besten die Opfer zu bringen, die es von 
uns fordert. 
"Wir entbinden daher durch Gegenwärtiges unsere Diener 
und unsere Gnterthanen des Herzogtums Warschau des Eides, den sie 
uns geleistet haben. Wir empfinden einen lebhaften Schmerz, indem 
Wir Uns von Hnterthanen trennen, die Uns 80 rührende Beweise 
ihrer Treue und Anhänglichkeit gegeben haben. Ihr Andenken 
bleibt auf ewig in Mein Herz gegraben. Ihr Wohlergehen, das 
unaufhörlich der Zweck Unserer Anstrengungen und Unserer väter- 
lichen Sorge war, wird nie aufhören, der Gegenstand der brünstigsten 
Wünsche zu sein, die Wir der göttlichen Vorsehung darbringen j
		

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			288 


In. Die preussische Zeit. 


und Wir verpflichten sie der Regierung, der künftig ihr Glück 
anvertraut sein wird, den nämlichen Gehorsam und Treue zu be- 
weisen, die sie gegen Uns bewiesen haben. 
Gegeben zu Laxenburg den 22. Mai 18J5. 
Friedrich August." 
Die Besitznahme sollte in 21 Tagen vollendet sein. Am 
7. Juni schickte in General v. Thümens Auftrag der Oberst Bencken- 
dorff von Hindenburg einen Offizier mit 10 
lann Kavallerie nach 
Strasburg; der Unterpräfekt v. Wybicki erhielt den Auftrag, nichts 
von den Beständen der Strasburger Magazine herauszugeben; das 
Kommando sollte diesen Befehl gegen etwaige Forderungen der 
russischen Militärverwaltung unterstützen. Allein er kam zu spät; 
gerade einen Tag vorher batte die russische Behörde das 
Iagazin 
über die Grenze nach Rypin geschafft. Am 8. Juni wurde die Be- 
sitzergreifung durch General v. Thümen und den Oberpräsidenten 
feierlich vollzogen. 
Die Zivil behörden blieben zunächst bestehen, der Unterpräfekt 
v. Wybicki in Strasburg wurde preussischer Landrat und hat das 
Amt bis 1840 verwaltet. Durch EIlast:! vom 10. Juni wurde er 
VOB der Marienwerder Regierung in Pflicht genommen. Er wurde 
angewiesen sich im Verkehr mit der Regierung der deutschen 
Sprache zu bedienen; alle landrätlichen Verfügungen und Rund- 
schreiben sollten, wo es notwendig wäre, zugleich deutsch und 
polnisch erlassen werden, Jeder Kreiseinwohner durfte Gesuche 
an den Landrat und andere Lokalbehörden in polnischer Sprache 
einreichen, doch 
ollte regelmässig eine deutsche Übersetzung davon 
den Akten beigefügt wt'rden
 wofür der Bittsteller keine Gebühr zu 
zahlen hatte. Das .l!'riedens- und Streitgericht sollte bis zur end. 
giltigen Regelung der Justizverhältnisse bestehen bleiben, wurde 
aber dem Oberlandesgericht zu 
farienwerder unterstellt. Zugleich 
wurde angekündigt, dass der Regierungsrat Graf Klingsporn aus 
Marienwerder die Zivil besitznahme des Kulmer und Michelauer 
Kreises vollziehen und die Beamten vereidigen würde; die Erb- 
huldigung tür die zu Westpreussen geschlagenen Kreise sollte am 
2. August in Danzig im Namen des Königs dem Oberhofmeister 
und Geh. Staatsrat v. Auer..wald geleistet werden. 
Die Feier der Besitznahme fand zuerst in Gollub am 23. Juni 
.;tatt. Die Strassen dcr Stadt waren gesäubert, die polnischen und 
r:ächsischen Wappcn beseitigt, die preussische Kokarde schmückte 
die Hüte der zahlreich Versammelten. Unter dem Geläute der
		

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			4. Friedensjahre. - Der polnische Aufstand Von 1830-31. 2RtI 


Glocken und dem Donner der Geschütze und beständigem Vivat- 
rufen wurde an dem Hause des Bürgermeisters, wo sich das 
Magistratsbureau befand, der erste preussische Adler angeheftet, 
darauf an dem Accisegebäude und an den Stadtthoren. Der Re- 
gierungsrat Graf Klingsporn hielt eine Ansprache, sein Sekrptär 
verlas VOll einer Tribüne die Entsagungsakte 
'riedrich Augusts, das 
Besitznahmepatent und den Aufruf des Königs von Preussen; darauf 
wurden die Beamten durch Handschlag in Eid und Pflicht ge- 
nommen. Ein Festakt in beiden Kirchen schloss dic Feier. In 
Strasburg wurde am 29. Juni ein Dankfest gefeiert.l) 
Bald darauf folgten die Feiern des Sieges von Belle-Alliance, 
des Einzuges in Paris und des Friedensschlusses. A Gch die wieder- 
J.{ewonnenen Kreise heteiligten sich an den freiwilligen Beiträgen 
für die in dem Feldzuge verwundeten preussischen Soldaten; aus 
dem Golluber Intendanturbezirk gingell 65 Th. 20 Cir. ein. 2 ) 


4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830 --31 
Der preussische 
taatskanzler Hardenberg hatte ursprünglich be- 
absichtigt, die wieder erworbellen Kreise Kulm und Michelau und die 

tadt 1'horn dem Grossherzogtum Posen einzuverleiben. Aus 
nationalpolitischen wie aus geographisch - verwaltungstcchnischen 
Gründen erfolgte indcssen, besonders auf die eifrige Verwendung 
des Marienwerderer Regierungspräsidenten v. Hippel die Wieder- 
vereinigung der Landschaft mit Westpreussen. Zwar petitionierten 
die polnischen Guts besitzer noch im Sommer 1815, dass die Kreise 
zum Grossherzogtum geschlagen würden; die Deutschcn richteten 
die entgegengesetzten Gesuche an die Minister und erhieltcn vom 

taatskanzler und von dem Finanzminister v. Bülow im 
ovember 
aus Paris die Antwort, dass die Kreise von der Provinz Westpreussen 
nicht getrennt werden würden. Der Finanzminister setzte in seiner 
Antwort an Herrn v. Blumberg-Kittllowo noch hinzu: "Ich werde 
auch an dem Wiederaufblühen dieser Kreise um so lebhafter auf- 
richtigen Anteil nehmen, da mir aus den Berichten der west- 
preussischell Regierung und auch sonst bekannt geworden, dass das Be- 
nehmen der Ritterschaft und der übrigen Einwohner dieser Kreise in 
dem verhängnisvollen Jahre 1807 völlig vorwurfsfrei gewesen ist. H3 ) 


I) Ev. Kirchenchroniken von Strasburg und Gollub. 
2) AkLen des Domänenamts (Königsb. Staatsarchiv.) 
i) Akten des Landratsamts. - Präsidialakten Marienwerder (Königs- 
berger Staatsarchiv). 


19
		

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			290 


IH. Die preussische Zeit. 


Die Grenzverhandlungen mit Ru:,sland dauerten bis 1817. 
Erst am 11. November 1817 \\urde der Vertrag ratifiziert. Die 
Grenzen des Michelauer Kreise::! wurde nach dem Grenzvertrage 
von 177 G wieder hergestellt. Dieser Artikel des nenen Yertrages lautet: 
"Ausgeh£'nd von der Grenze Ostpreussens bei Neuhoff wird der 
erste Grenzpfahl aL. der schwedischen Redoute (d. h. dem Burgwall) 
gesetzt werden, und man wird von der Grenze Westpreu::!sens, wie 
sie vom Jahre ] 77ü bis z.um Tilsiter Frieden bestanden hat, bis 
dahin folgen, wo sie den Fluss Drewenz berührt. Von diesem 
Punkte an bis Leibitz wird der Thalweg der Drewenz die Grenze 
machen. Polnisch Leibitz auf dem linken Ufer der Drewenz wird 
dem Königreiche Polen verbleiben. Deutsch Leibitz auf dem rechten 
Ufer der Drewenz wird wie vormals zu Westpreussell gehören. ln 
Rücksicht der auf der Drewenz zwischen diesen beiden Dörfern be- 
legenen Mühlen wird der Besitzstand von 17';6 wieder hergeotellt."I) 
Bei der neuen Organisation der Provinz wurde der ehemalige 
Michelauer Kreis in den Strasburger und Löbauer Landratskreis 
geteilt. Die Verordnung trat am 1. April 1818 in Kraft, nacbdem 
sie am 21. Februar bekannt gemacht worden war. 2 ) 
ur als Land- 
schaftsbezirk blieb der alte Michelauer Kreis bis zur Gegenwart 
bestehen. Die Verwaltung wurde wieder auf dem alten Fusse em- 
gerichtet. Durch Patent vom 9. 
ovember 1816 wurde das 
preussische Landrecht wieder eingeführt, der Code Napoleon trat 
mit dem 1. Januar 1817 ausser Kraft, und zugleich begann die 
Thätigkeit der ::;tadt- und Landgerichte von neuern. In StrasLurg 
bestand das Kollegium aus einem Direktor und 4 Assessoren, 
2 Sekretären, 3 Kanzlisten und einem Kasl:Jen- und Deposital- 
rendanten. Der er::!te Direktor war der Kreisgerichtsrat Kalau. 3 ) 
1m Jahre 1818 wurde auch der gemauerte Galgen der 
tadt 

traoburg abgebrochen, der links vom \Vege nach Gorczenitza auf 
einer Anhöhe bei der ersten Windmühle stand. Mit Unbehagen 
sah die Neuregelung der Justizverhältnisse die Stadt Gurzno. Im 
Jahre 1817 lie8s diA Bürgerschaft durch den 
Iagistrat an das 

tadt- und Landgericht die Bitte richtell "von dem Hypotheken- 
wesen entbunden zu werden! und zwar um so mehr, da bei der 
VOrIgen preussischen Regierung die Hypothekeneinrichtung in 


I) 
artens, Nouveau recueil de traites IH. 152. Göttingen 1818. 
2) '.roeppen, Geogr. 351. 
3) Zennann, Chronik 25.
		

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			4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 11:;30-31. 291 


hiesiger Stadt nicht gewel;en, auch keiner mit Gewalt dazu an. 
gehalten worden ist."l) 
Die herzoglich warschauischen Beamten, llamentlich die Ullter- 
beamten, wurden nach Möglichkeit beibehalten. Der ULterpräfekt 
v. W ybicki ist bis 1840 Landrat in Stra"burg geblieben. Wo 
Fähigkeit und Amtsführung dies nicht erlaubte, wurden sie mit 
einer geringen lebenslänglichen Pension oder einer einmaligen 
Abtindungt!summe entlassen. Besonders notwendig zeigte sich 
die Entlassung der polnischen Beamten ill der Forstverwaltung. 
Schon die Kronforsten waren schlecht verwaltet worden, aber die 
Wirtschaft in den 
ationalforsten spottete jeder Beschreibung. 
"Die Conduitell der Forstbedienten," so heisst es in einem Bericht 
an die Regierung, "zeigen, welchen erbärmlichen SubJekten die 
spezielle Aufsicht der Reviere des grössten Teils der Michelauschen 
und Kulmischen Porstell anvertraut waren." Namentlich hattp.n 
die Unterbeamten in unverantwortlicher Weise gesündigt. Die 
preu9sischen Förster waren 1807 "mit einer wahren Wut und 

chnelligkeit" entfernt worden; eine Pension hatten sie nicht er- 
haltell, vielfach ihre gesamtell Habseligkeiten verloren. An ihrer 
Stelle wurden Unterstarosten, Ökonomen, Hofleute, Kammerdiener, 
Schneider und elldlich auch Jäger angestellt. Von fort5twirtschaft- 
lichen Kenntllissen war keine Rede, sie gingen auf Jagd und ver- 
kauften das Holz auf eigene Rechnung; allerd\ngs war das Herzog- 
tum nicht im stande gewesen, ihnen das zukommende Gphalt 
regelmässig zu zahlen. nIe Jagd war vollständig ruiniert. Am 
18. Oktober 1815 fand in Thorn die feierliche Huldigung det! 
Königs statt; der Rehdener Oberförster Cedrowski, zu d
ssen 
Beritt das Golluber Revier gehörte, sollte dazu Enten, Hühner 
und zwölf junge Hasen liefern; aber er konnte, obwohl sein Forst- 
beritt fast 19000 
Iorgen enthielt, nur vier Hasen schicken. 
Trotzdem bemühte sich die preussische Regierung die entlal;senen 
Beamten, wo es irgend angillg, als Thorschreiber oder in anderen 
Stellungen unterzubringen. 2 ) 
Jf'tzt wurden auch die Stein-Hardenberg'schell Reformgesetze 
eingeführt. Die bäuerlichen Besitzrechte waren, wo sie überhaupt 
bestanden, noch äusserst vielgestaltig. III dem Amt Lautenburg galJ 
es 1 R 17 Köllmer, Erbpächter, Erb- und Zeitemphyteuten, freie. 


I) Grundbuchakten. 
2) Akten der Forstämter (Königsb. Staatsarchiv). - Akten der Ober- 
försterei Golau. 


19*
		

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			292 


III. Die preussische Zeit. 


erbliche und Lehnsbauern, Zinser, Hochzinser und Eigenkätuer.l) 
Die Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse 
begann in den königlichen Dörfern Ende der zwanziger Jahre, auf 
den Rittergütern zog sie sich bis in die vierziger Jahre hin. Ein 
beträchtlicher Teil der Bauern, die nun ihr Land zu vollem und 
freiem Eigentum erhielten, wurde von den GutBbesitzern ausgekauft, 
sowohl in den Gütern als in Dörfern. So wurden die Bauerndörfer 
Karbowo, Grabowiec (Buchenhagen). Jaikowo in Güter verwandelt. 
Eine bedeutende Arealveränderung der einzelnpn Ortschaften wurde 
durch die Ablösung der Hütungsgerechtigkeiten in den königlichen 
Forsten hervorgerufen; der Staat trat grosse Teile von Forstland 
an die Gemeinden ab. Auch machte die zersplitterte Lage der 

'orstreviere eine bessere Abrundung notwendig, so dass viele 
Forstflächen gegen anderes Land vertauscht, verkauft oder ver- 
erbpachtet wurden. Die Gemeindeländereien wurden separiert. 
Die IJandwirtschaft wurde noch lange Zeit in der alten Weise ge- 
handhabt. Die schwere Agrarkrisis der zwanziger Jahre führte 
einen ausserordentlichen Sturz der Bodenpreise herbei; sehr viele 
Güter kamen unter den Hammer; das etwa 675 Morgell grosse 
Sortika wurde 1825 in der Zwangsversteigerung für 150 Thaler 
verkauft. Erst Mitte der dreissiger Jahre begann sich die IJand- 
wirtschaft zu erholen, besonders in den vierziger und fünfziger 
Jahren stiegen die Bodeupreise erheblich. Der Besitzwechsel war 
im Strasburger Kreise wie auch in dem Thorner sehr stark. So 
ist z, B. Wapno von 1846-65 fünfmal in andere Hände gekommen. 
Der Aufschwung der Landwirtschaft beginnt etwa um die Zeit, als 
der Mecklellburger Albrecht Freudenfeld die Konojader Güter von 
dem Landrat v. Wybicki kaufte (1837). Alle Welt war erstaunt 
über den hohen Preis von 108000 Thalern und sagte einen 
schlimmen Ausgang voraus, zumal da Freudenfeld gleich darauf 
W onsin und Ostrowitt und noch andere Güter in anderen Kreisen 
erwarb. Freudenfeld besass selbst keine Kinder, sondern schenkte 
diese Güter seinen Neffen und Nichten. Als die besten Wirt- 
schaften im Kreise galten damals Dembowalonka und Karbowo. 2 ) 
Dembowalonka war seit 1819 in Henlligschem Besitz, Karbowo 
erwarb 1804 der Hofpostsekretär Ernst Krieger, der 1799 die 


I) Akten der Domänenamts (Landratsamt Strasburg.). 
2) Urteil des St,rasburger Kreistags, der 1838 das Gesuch der Be- 
liJitzerin von Karbowo befürwortete, dem Gut die adlige Qualität beizulegen. 
(Akten des Strasb. Landratsamts).
		

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			4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1
30-31. 29:
 


. 



iskibrodnomühle gekauft hatte. Die Jahre 1845 und 47 brachten 
eine grosse Mit!sernte. so dass die Einfuhrzölle auf russisches Ge- 
treide zeitweise aufgehoben wurden. Die Kartoffeln stiegen bis 
zu 2 Thalern, Roggen bis 5 Thaler der S
beffel. Auch im 
Sommer 1852 und 54 war eine grosse Teuerung; da auch die Kar- 
toffel ernte der Jahre vorher misstraten war, so überwies die Regierung 
dem Kreise sechs Tonnen Speisesalz zur unentgeltlichen Vorteilung, 
"um den Genuss frischer Kräuter durch den Zusatz von Salz un- 
schädlich für die Gesundheit zu machen."I) Im Jahre 1847 wurde 
ein landwirtschaftlicher Verein in Strasburg gegründet. 
Eine grosse Plage waren damals noch die Wölfe, die häufig 
von Polell aus hprüber streiften. Die Regierung führte 1817 wieder 
Prämien für ihre Vertilgung ein; für eine alte Wölfin wurden 
12 'l'haler gezahlt, für einen alten Wolf 10 Thaler, für einen jungen 
Wolf in der Zeit vom 1. Juni bis zum 1. Dezember 8 Thaler, für' 
einen Nestwolf 4 Thaler und für einen noch ungeborenen 1 Thaler. 
Die Prämien waren von den Gemeinden aufzubriugen, die zu einer 
Versicherungsgesellschaft organisiert wurden. Im August 18] 7 
wurden bei Neumühl zwei Pferde von Wölfen zerrissen, bei Neudorf 
wurde um dieselbe Zeit ein Rudel von fünf .Stück gesehen. Sofort 
wurde eine Treibjagd veranstaltet; 100 Treiber, mit Spiessen und 
Hacken bewaffnet, wurden aus den Golluber Amtsdörfern aufgeboten. 
Die Schulzen erschienen zu Pferde, um die Leute anzustellen und 
in Ordnung zu halten. Zu einer Treibjagd im Strcmbacznoer 
Belauf im November desselben Jahres wurden 150 Treiber auf- 
geboten. Im November 1818 schoss der Unterförster Pahlau einen 
alten Wolf im Skemsker Revier; er hatte sich eine WolfshüUe 
erbaut, ein altes Pferd für 2 Thaler gekauft und dadurch den 
Räuber angelockt. Die friderizianischen Bestimmungen, wonach 
alle Bauern, die Erbpächter königlicher Güter, sowie die städtischen 
Ackerbürger und alle Viehbesitzer verpflichtet waren, bei W olfs- 
jagden zu helfen oder Treiber zu stellen, wurden noch in deli 
dreissigel' Jahren erneuert; doch sollten nur männliche Personen 
über 14 Jahre als Treiber angenommen werden. Die letzten Wölfe 
wurden 1864 und 65 in der Golluber und 1869 in df'r Rudaer 
Oberförsterei geschossen. 2 ) 
nie Städte Strasburg und Gollub waren in der Zeit von 


I) Akten des Strasb. Landratsamts. 
2) Akten des Domänenamtes (Königsb. Staatsarchiv) und der Ober- 
förstereien.
		

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			2H4 


111. Die preussische Zeit. 


1807-15 zurückgegangen. Während Aich die Bevölkerung von 
Strasburg und Gurzno von 1772-18\)7 um mehr als ein Drittel 
und die von Gollub und Lautenburg um mehr als die Hälfte ver- 
mehrt hatte, war sie in Strasburg und Gollub noch 1820 etwas 
kleiller als 1807, während sie in Lautenburg und Gurzno unbedeu- 
tend gewachsen war. Dagegen nahm sie 1820-26 in Str3sburg 
und Gollub um je 600, in Lautenburg um 340 und in Gurzno um 
IGO Seelen zu. Der Regierungsrat Roscius rühmt Ende der zwan- 
ziger Jahre Lautenburg nach, dass seine Strassen bereits Namen 
bpsässen, was in Gurzno noch nicht der Fall war) 
In Strasburg stand damals noch fast die ganze Stadtmauer. 2 ) 
Von dem Ratsbause war ebenfalls noch mehr vorbanden, als heute; 
die Eingangshalle mit dem scharfbogigen Thor, darüber das Stadt- 
wappen, diente als Spritzenhaus. In den dreissiger Jahren wurde 
PS abgebrochen und der Bauplatz verkauft. Um den Markt standen 
die hölzernen Grossbürgerhäuser mit Vorlauben, der geräumige 
Hof dabinter enthielt Scheune und Stall; sie standen eng an ein- 
ander gedrängt, den Giebel nach der Strasse gekehrt, so dass die 
Schuljugend durch Dachluken und Böden bequem von einem Ende 
des Markts zum andern klettern konnte. Die Stadt zählte nur 
etwa sechs massiv gebaute Häuser, fünf standen am Markt und 
eins in der Gerichtsstrasse. Die grossen Stadtbrände von 1828, 
183(; und 1850 baben diese hölzernen HäuAer vernichtet. Eine 
Feuerwehr gab es nicht, nur die Innullgen der Tuchmacher und Schuh- 
macher hatten die Verpftichtung, Löschgerät zu halten. 3 ) Im Jahre 
1828 brach in der Nacht vom 9. April dem dritten Osterfeiertage 
Peuer aus, das 17 Häuser am Markte ill ARche legte. IR36 brann- 
ten 18 Häuser am Markt und in der Gerichtsstrasse ab; 


. 


r 


1) Uber den Zustand der einzelnen Städte Westpreussens. Marien- 
werder 1828 S. 63. 
2) Professor A. Chudzinski in Strasburg hat die persönlichen Erinne- 
rungen des Strasburger Posthalters A. Hoffmann, der sich eines bewunderns- 
wert starken und treuen Gedächtnisses erfreut, aufgezeichnet und unter 
dem Pseudonym Romuald Lazl)ga in den Jahrbüchern der wissenschaftlichen 
Gesellschaft zu Thorn (roczniki towarzystwa nßukowego, Heft 5, Thorn 
189
) veröffentlicht. Eine deutsche Ausgabe wird geplant. - Eine Ergän- 
zung dieser Schrift bieten im Folgenden die Akten der Städte, Kirchen. 
des Landratsamts u. s. w. 
3) Laz()gB 67 berichtet ausdrücklich von zwei Innungen, kann aber 
nur die der Schuhmacher angeben_ Die '.ruchmacher aber besassen Ende 
des vorigen Jahrhunderts Löschgeräte.
		

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			. 



 


4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 295 


(las Feuer kam am 12. Novemher aus, gerade wäbrend in der 
evangelischen Kirche die Konfirmation stattfand. Am 13. März 
1850 brannte die südliche Hälfte des Marktes ab, zehn Häuser 
wurden völlig zerstört. Das letzte Haus mit einer Vorlaube ist 
1890 dem Feuer zum Opfer gefallen. l ) 
Die 8trassen waren bereits zum 'reil gepflastert. Gepftasterte 
Strassen werden scbon in dem Privileg über den Brückenzoll er- 
wäbnt, das August BI 1757 der Stadt verlieh; aber es waren wobl 
nur sehr wenige. Seit Einführung der Städteordnung (1833) ge- 
s
hah mebr für die Strassenpftasterung. Im Jahre 1842 war die 
Strasse von der Drewenzbrücke durch die Masurenvorstadt, die vor- 
her ein Sumpf gewesen war, erhöht und gepflastert, die Stadt batte 
dafür 2000 Thaler am;gegeben; aber die Hinterstrassen, der grosse 
und der kleine 
[arkt und die Steinstrasse hatten noch kein 
Pflaster, selbst auf den Hauptstrassen war es lloch zum 'l'eil un- 
fertig. Besonders !Jcblecht war der Weg zu dell Kirchhöfen, llament- 
lich bei Schnee- und Regenwetter; es kam vor, dass bei Beerdi- 
gungen die Träger mit dem Sarge stürzten. Aber als die Rtadt 
sich 1840 mit einer Bitte um Geldunterstützung an die Regie- 
rllng wandte, wurde sie abgewiesen, da keine Fonds dazu vor- 
handen waren. 1m Jahre 1847 hatte aber auch die Kamionken- 
vorstadt Pflaster erhalten. 2 ) 
Strasburg war überwiegend eine Ackerbürgerstadt. Bis zur 
Separaticn wurde das Stadtfeld nocb in der alten Weise von den 
Grossbürgern bewirtschaftet, jährlich wurden die drei Felder neu 
eingeteilt. Nnr die Wiesen waren schon Privatbesitz geworden mit 
Ansnahme der Präsidentenwiese und der Ratswiese, deren Nutzung 
zur Dotierung des Bürgermeisters und der Ratsberr
n gehörte, und 
der Bullenwiese, die das Winterheu für die Stadtbullen lieferte. 
Jeden Morgen trieb der Stadthirt mit Hörnerblasen das Vieh aus 
den städtiscben Ställen auf das Brachfeld zur Weide; noch heute 
kennt man das Grundstück in der Masurenvorstadt, wo die Hirten- 
kate gestanden hat. In der Stadt wurden etwa 100 Stück Horn- 
vieh gehalten; sie waren von geringem und unanSf'hnlichem Schlage wie 
auch die welligen Pferde, die fast ausschliesslich in der Landwirtschaft 
henutzt wurden. Gross aber war die Menge der Schweine; wurrlell 
doch auf den Wochenmärkten oft bis zu 1000 (?) Stück verkauft.:i) 


]) Laz.;ga. Zermann. Evangel. Kirchenchronik. 
2) Städtische Akten. 
3) Angabe des Strasburger Magistrats von 1842 über die früheren
		

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			29ü 


IH. Die preussische Zeit. 


Die Nutzung des Stadtfeldes war noch das Vorrecht der Oross- 
bürger. Das Vieh der Kleinbürger ging allerdings auch auf 
die städtische Weide, aber daf'Ur mussten die Besitzer doppelt so 
viel ill die Weidekasse zahlen, als die Grossbürger; und was nach 
der geringen Besoldung des Stadthirten davon übrig blieb, wurde 
allein unter die Grossbürger verteilt. 
Auf dem Stadtfelde standen keine Gebäude, ausser der 
Hirtenkate am äussersten Ende der Vorstadt; Ställe und Scheunell 
befanden sich wie bemerkt in der Stadt selbst. Die Ackerparzellen 
der Grossbürger waren verschieden gross, auch befanden sich 
mehrere in einer Hand, der Grossbürger Klopsch besass 
sogar 15. Es waren im ganzen 158 Lose, auch die katholische 
find die evangelische Kirche besassen je eins. Die Lose lagen wie 
noch im 18. Jahrhundert im Gemenge, die Bewirtschaftung war 
sehr schlecht. 
Die Separation erregte natürlich bei den Kleinbiirgel'll und 
auch bei einigen Grossbürgern grOBses Missvergnügen. ErstereIl 
wurde die Möglichkeit der Viehhaltung durch die A ufteilnng der 
Gemeindeweide ganz abgeschnitten, nnd die Besitzer von einem 
einzigen Lose konnten für sich allein keinen Hirten halten. Die 
Unzufried_ncn schlugen daher vor, man sollte sich darüber Vei'. 
ständigen, wie viel Stück Vieh jeder der Grösse seines Loses gemäss 
halten dürfte, "damit das viele von mehreren so überflüssig gehaltene 
Vieh wegkäme;" ferner sollten keine Schafe und die Pferde der 
Fuhrleute nicht auf die Weide gelassen werden. Diese Wünsche 
konnten natürlich die Separation nicht aufhalten, und die Klein- 
bürger mussten auf ihr Weiderecht verzichten. Im Jahre 1836 
waren bereits drei Besitzungen, Willaruowo, Arndtshof und Zörbig 
abgebaut. Die Hirtenkate wurde 1845 verkauft, und der Erlös 
für das zu gründende Kreislazarett bestimmt. In den secllziger 
Jahren bemühten sich die Besitzer der auf dem Stadtfelde ent- 
standenen Güter, aus dem Gemeindeverband der Stadt Strasburg 
entlassen zu werden, doch drangen sie damit nicht durch; der ge- 
schichtlichen Entwicklung gemäss gehört das Stadtfeld noch hpllte 
zum Gebiet der Stadt Strasburg.1) 


Ir 


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Verhältnisse. Jedenfalls ist aber die Angabe zu hoch; die Stadt 
wünschte den Wochenmarkt wie früher am Mittwoch zu haben; und um 
den Klagen über die schlechte Geschäftslage Nachdruck zu geben, scheint die 
gute alte Zeit über Gebühr gepriesen worden zu sein. 
1) Städtische Akten.
		

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			4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 297 


r 


Auch die Bierbrauerei war noch ein Vorrecht der Grossbürger. 
Das alte Reihehrauen dauerte bi!'! zum Jahre ] 8
G fort. Damals 
wurde ein Brauverband gegründet, dem das städtische Brauhan
 
gegeu eine geriuge Entschädignng überlassen wurde. Durch diese 
Änderung wurde der evangelische Pfarrer Powabki empfindlich ge- 
troffen. Er hatte fast :
o Jahre lang von jedem Gebräu einen 
I.alben Zobel' Bier erhalten, gleichviel ob evangeli"che oder 
katholische Bürger brauten. Das war gleichsam ein Teil seines Ge- 
halts. Als er nach Strasburg kam, war ihm dieses Emolument 
ausdrücklich vom Magistrat zugesichert worden, da er keinen eigenen 
Haustrank brauen sollte. Nun schrieb er einen beweglichen Brief 
an den Bürgermeister, da die Brankommune sich nicht verpflichtet 
fühlte, ihm seinen Bedarf an Bier zu stellen.!) Im Jahre 1842 wollte 
die Stadt die Brauerei einer Braugesellschaft vererbpachten. 
Hierüber kam es zum Streit mit einigen jüdischen Bürgern, die 
selbst gerne die Erbpacht übernommen hätten; sie beschwerten sich 
bei der Regierung über die ablehnende Haltung der Stadt- 
yerwaltnng, der sie vorwarfen, aus Begünstigung der Vetterschaft 
die Pachtsumme der Braugerechtsame zu niedrig angesetzt zu haben. 
l)ie Regierung ordnete darauf eine öffentliche Ausbietung der Erh- 
pachtgerecLtigkeit an. Aber bei deI Lizitation meldete sich allein 
der Brauverhand, der für ein Einkaufsgeld von 220 Thalern ulld 
einen jährlichen Kanon von 55 Thalern den Zuschlag erhielt. Die 
jüdischen Gegner hatten nicht mitgeboten, sondern mit den andern 
vereinbart, gemeinschaftlich mit ihnen das Brauhaus zu erstehen 
und in ihre Gesellscbaft einzntreten. Aher sie waren schliesf>lich 
die Gefoppten, denn dic Gesellschaft batte inzwischen neue Statuten 
angenommen und das Eintrittsgeld auf 50 Thaler erhöht. Die 
BraugeseUschaft bestand aus Kaufleuten und Handwerkern; sie 
waren sämtlich Grossbürger, zu denen einige von der Gegenpartei 
allerdings auch gehörten j indessen war die Bezeichnung Gross- 
bürger damals nur noch ein Titel, denn der rechtliche Unter
chied 
zwischen Gross- und Kleinbürgern war 1833 mit der Einführung 
der Städteordnung aufgehoben worden. Im Jahre 1854 wurde das- 
Brauhaus an den Braner Simon Leoll für ] 350 Th. verkauft; es ist 
die heutige W odtkesche Brauerei. 2 ) 
Die Verkehrsmittel waren in jener Zeit sehr dürftig, dip 
Wege von der denkbar schlechtesten Beschaffenheit. Nur zweimal 
I) Akten der evangelischen Kirche. 
2) Städtische Akten. 


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			2!IH 


IH. Die preussische Zeit. 


j 
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die Woche erklang in die8er Abgeschiedenheit das Posthorn; das 
eine Mal gab es Verhindung von Thorn nach Löbau, das andere 
:\fal von Löbau nach Thorn. In den vierziger Jabren war auch 
pine Postverbindung nach Briesen, LautPllburg nnd Gurzno er- 
öffnet. Anfang der vierziger Jahre bildete sich eine Aktiengesell- 
schaft, um eine Chaussee von Graudpnz nach Strasbnrg zu banen; 
die Stadt Strasbnrg hatte für 4000 Thaler Aktien genommpn. Aber 
uas Unternehmen scheiterte an der lTnzulänglichkeit der Mittel, die 
Aktien fielen, und nachdem 1862 Ruten ff'rtig waren, war die Ge- 
sellschaft ansser Stand den Bau fortzuführen. Da übernahmen die 
bei den Kreise Graudenz und Strasburg, die Strecke fortzufiihren; 
es wurden 31000 Th. Kreisobligationen ausgegeben, Staat und 
Provinzen gaben Zuschüsse, und ill drei Jahren waren die letzten 
4 1 /2 Meilen his Rt-'hden vollendet. Die Kosten wurden aus den 
Chausseegeldern bestritten, die Ende der fünziger Jahre jährlich 
netto etwas über 7700 Thaler betrugen. In derselben Zeit wurde 
auch der Chansseebau nach Schönsee und Lautenburg in Angrifi' 
genommen) 
Der Strasburger Handel war nicht von grosBer Bedeutung. 
Der Getreidpmarkt des Krei8cs war noch wie vor 100 Jahren Grau- 
denz, bpsonders mit dpn Firmen Bischof und Lachmann wurde das 
Geschäft gemacht. Grandenz hatte somit ein weiteB Hinterland, 
und als die Osthahn gebaut wurde, nahm Warlubien als die nächst- 
gelegene Statioll einen schnellen AnfA
hwung. Erst seitdem An- 
fang der 70er Jabre die Thorn-Insterburger Bahn gebaut war, 
verkauften dic Landwirte des Kreises ihr Getreide an Strasburger 
Kaufleute nach Danzigcr Notierung. Die guten Wirte unter den 
Gutsbesitzern schickten ihr Getreide trotz der grundlosen Wege 
mit eigenem Wagen nach Gramlenz nnd kauften dort zur Rück- 
fracht Eisen, Seife, Kafiee, Zucker u. s. w, ein. Dadurch entging 
dem Strasburger Handel auch das Geschäft in diesen Branchen. 
Als Getreideplatz kam Strasburg nur für den direkten städtischen 
Verzehr in Betracht, und der Bedarf an Einfuhr war um so ge- 
ringer, als die Grossbürger selbst Korn bauten. Der Handel mit 
den Kreisortschaften war demnach sehr unbedcutend. Es waren 
wohl nur vier Kaufleute in Strasburg, die diesen Namen verdienten: 
Casper nnd Ascher handelten mit Kurz- und Schnittwaren, Rosenow 


.. 


1) Städtische Akten. - Statistische, finanzielle und andere Notizen 
über den Strasburger Kreis und seine Verwaltung, zusammengestellt im 
Bureau der Kreisbehörde. Strasburg (C. A, Köhler) 1862.
		

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			.. 


4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 2m! 


mit Galanteriewaren und Dopatka mit Kolonialwaren. Dopatka 
verband mit seinem Geschäft eine sehr primitive Restauration und 
ein noch primitiveres Hotel. Doch verkehrte in seiner Gastwirt- 
schaft alles, was zur guten Gesellschaft in Strasburg gehörte. In 
den fünfziger Jahren entstand ein neues Hotel Hoger, und Ende 
der sechziger das Astmannsche, das endlich auch mod£'rnere An- 
sprüche befriedigte. Daneben gab es die Konditorei Berger, die 
Ende der dreissigel' Jahre Ferrari übernahm. In dieser Konditorei 
ist in Strasburg das erste bairische Bier getrunken worden, denn 
die Brauereien der Stadt, des Amts und die Karbower brauten nur 
einfaches Bier. Es war im Jahre 1846, als Ferrari ein Faf'S 
Bairisches bezog, und es fand solchen Beifall, dass es den nächsten 
;\torgen nicht überdauerte. An zahlreichen Destillationen fehlte es 
nicht; für Mässigkeitsvereine zeigte sich im Kreise kein besonderer 
Anklang, wie die Amtsverwaltung nach )Iarienwerder herichten 
lllusste. Den grössten Ausschank in der Stadt hatte Leiser in der 
Masurenvorstadt, bei dem die Thorner Frachtwagen auszuspannen 
pflegten. In Strasburg war das Speditionsgeschäft gering, nur Do- 
patka hielt etwa ein Dutzend Pferde) 
Die Bedeutung des Handels der genannten vier Firmen be- 
ruhte nicht auf dem Verkehr zwischen Stadt und Land im Kreise, 
sondern auf der Waren ausfuhr über die Grenze. Die ersten Jahr- 
zehnte nach dem Pariser Frieden wurde die russische Grenze Dicht 
von Soldaten, sondern von Zollbeamten bewacht, die auf den \' er- 
kehr nicht die Strenge des Gesetzes anwandten. /';war wurde die 
Grenze mehrmals gesperrt, so 1822, 1825, 1831 und 1838, aber 
immer nur auf kurze Zeit. Es entwickelte sich ein ganz ausser- 
ordentlicher Seitenhandel, wie man den Schmuggel beschönigend 
nannte. Die Hauptartikel waren Kurz- und Schnittwaren, Spiritus 
und Schnaps, Salz, Heringe, Eisen- und Kolonialwaren u. B. w. Die 
Stra
bnrger und Golluber Tuchmacher und Schuster konnten für 
den Export arbeiten. Ihre Absatzplätze 
aren die Städte Rypin, 

ierpec, Lipno, Plock und }llawa; wie der Golluber Bürgermeister 
berichtet, kaufte fast das ganze Departement Plo
k in Preussen ein. 
In den vierziger Jahren wurde die Grenzbewachung auf der russi- 
schen Reite schärfer; erst jetzt machte sich in dcn Grenzkreisen 
die politische Abtrennung des polnischen Hinterlandes von Preussen 
pmpfindlich bemerkbar. Die Einfuhr von Schnitt-, Tuch-, Galanterie- 


I) Lazf;ga S. 59 ff.
		

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			300 


IH. Die preussische Zeit. 


nnd Materialwaren, sowie von Fabrikaten von Handwerkern wie 
Schneidern, Schustern, Färbern, Bäckern wurde verboten. Auf 
Mützen, Böttcher. und Tischlerarbeiten, Blech-, Zinn-, Messing- und 
Knpferwaren, Schmiedearbeiten, Töpfergeschirr, hölzernes Haus- 
gerät, Hornarbeiten, Seife, Honig u. s. w. wurde ein sehr hoher 
Zoll gelegt.1) Seitdem geriet der Grenzverkehr ins Stocken, der 
Schmnggelhandel wurde eingedämmt; das Gewerbe in Strasburg 
gin
 merklich zuriick, Gollub fing an zu verarmen, die reich ge- 
wordenen Kaufleute zogen fort. V orher soll in Gollub der jährliche 
Umsatz allein an SChllitt-, Kurz-, Galanterie- lind Materialwaaren an 
200000 Thaler betragen haben; jede Nach t - mit Ausnahme des 
S a b bat s - gingen derartige Waren im Werte von 7-800 Thalern 
von Gollub ans über die Grenze. Später wird der Gesamtwert 
:;:ämtlicher Waren, die in einer Nacbt von Gollub nach Russland 
geschmuggelt wurden, durchschnittlich auf 3 -5000 Tbaler ange- 
geben. 
Iögen diese Zahlen übertrieben sein; die Bedeutung des 
Schmuggels erbellt daraus, dass wie der Golluber Bürgermeister 
dem Strasburger Landratsamt amtlich mitteilte, die Kaufleute von 
Gollub und Dobrzyn zusammen den russischen GrenzLeamten 
m ona tlich 6-800 Rubel zu geben pflegten. Die kleine 
Grenzstadt hatte ganz vom Schmuggel gelebt. Das hörte jetzt 
auf. Die russische Grenzbewachnng wurde auf militäriscben FUBS 
gesetzt, ein förmlicher Kordon wurde gebildet. Die höheren russischen 
Grcnzbeamten erhielten ein auskömmliches Gehalt, ihre Pensions- 
verbältnisse wnrden verbe:;:sertj die niederen Beamten blieben zwar 
schlecht besoldet, wurden aber dadurch für den Dienst interessiert, 
dass sie den dritten Teil des Werts der konfiszierten Waren er- 
hielten. Bestechungsversuche schlugen fehl; Schmuggelversucbe, 
die man zuerst mit Kleinigkeiten machte, missglückten. Ein paarmal 
wurden Waren im Werte von mehr als 1000 Tbalern konfisziert. 
Der offene Handcl sank ebenso Bchnell wie der Schmuggel. Von 
den 30 Golluber Kauflenten reisten 1851 nur noch sechs zur 
Frankfurter Messe, und auch diese würden. so berichtet der Bürger- 
meister, schwerlich noch einmal die Messe besuchen, da sie nur am 
Grenzhandel verdienten. 2 ) 
Zu der schärfercn Grenzbewachung und der schutzzöllneri- 


I; Bericht des Domänenrentamts Gollub 1846 (Akten des Strasb. 
Landratsamts). Der Zentner Seife kostete in Preussen 9 Thaler, der russische 
Zoll betrug auf den Zentner 12 Rubel. 
2) Bericht des Golluber BÜrgermeisters 1851 (Golluber Stadtakten).
		

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			4-. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 301 


z:;cl1en Handelspolitik Russlands kam noch hinzu, dass in Dobrzyn 
uur eine Zollkammer dritter Klasse mit den Befugnissen zweiter 
Klasse errichtet wurde, die nicht die Befugnis hatte Waren abzu- 
stempeln und zu plombieren, so dass gewisse Handelsgegenstände 
\-on der Ausfuhr an dieser Stelle ansgeschlossen waren. Welchen 
Umfang aber der Grenzhandel früher gehabt hatte, geht auch aus 
Folgendem hprvor. In den preussischen Grenzkreisen war überall 
russisches Geld im Umlauf, ja es wurde dem preu8sischen vorge- 
zogen. Wenll die preussischen Beamtell ihr Gehalt bekamen, wech- 
Feiten sie es in russische Münze um und gewannen 5 Prozent 
am Agio. Diese Zustände blieben bestehen, bis 1863 der Stras- 
burger Landrat das russiscbe Geld ausser Kurs setzte.') 
Von einer Industrie in Strasburg kann man zu jener Zeit 
kaum sprechen, dagegen blühten die Handwerke. Die Äristokraten 
nnter ihnen waren die Tucbmacher, denen die noch heute soge- 
nannte Walkmühle gehörte. Es wurde viel Tuch über die Grenze 
geführt, besonderen Ruf hatte ein Wollenzeug, das Boi hiess. In 
der Mühle wurde yon jedem Stlick gewehten Tuches eine Gebühr 
erhoben; auch Gewerbetreibenden, die nicht dpr Innung angehörten, 
war die 
fitbenutzung der Mühle gestattet. Das Gewerk übernahm 
auch Leichenbegängnisse. Es besass ein Trauergerät, 14 Trauer- 
hiite mit schwarzem E'!or und Kokarde, 10 scbwarztuchene Mäntel, 
schwarze Tücher mit Silberbesatz u. s. w. Die Innung hat u. a. 
Albrecht Freudenfeld aus Konojad zu Grabe geleitet. Einmal be- 
schwerten sich die Meister, dass als eine wandernde Theatertruppe 
nach Strasbnrg kam, der Ältermann die Trauermäntel für die Bübne 
hergeliehen hatte, wofür er freien Eintritt zu den Vorstellungen 
er
ielt. Die Grossindustrie bereitete der handwerksmässigen Tuch- 
fabrikation ein Ende. Im Jahre 1852 zählte das Strasb&rger Ge- 
werk noch sieben Meister. 1854 verkaufte es die Walkmühle und 
1857 löste es sich auf. Das Trauergerät und die zinnernen Will- 
kommsbecher wurden öffentlich versteigert, nachdem das Ausgebot 
"durch zweimaliges Klappern und Ausrufen in allen Strassen der 
8tadt und in den Vorstädten" bekannt gemacht worden war. 2 ) 
Einen guten Verdienst hatten in jeller Zeit die Färber, 
da ausser den Tuchmachern sich mehrere Weber in Strasburg be- 
fanden. A ucb auf dem Lande wurde noch zum eigenen Bedarf 
gesponn en und gewebt, in der Lautenburger Gegend erhielt sich 
11 Lazo;ga 59. 
2) Städti
che Akten. 



'-
		

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			:102 


III. Die preussische Zeit. 


dieser Brauch am längsten. Im Jahre 1855 gab es im Strasburger 
Kreiße noch 1309 Webstühle für Leinwand, 1858 sogar 1345; aber 
18tH waren sie schon auf 162 herabgesnnken.l) Die Nagelschmiede 
hatten zeitweise so viel Aufträge, dass sie der Nachfrage kanm 
Genüge leisten konnten. Die Schuhmacher arbeiteten flir die Jahr- 
märkte in Russisch Polen. Es war eine Zeit, wo die fleissigen 
und ordentlichen Handwerker in der Regel etwas zurücklegen 
konnten. Freilich waren die Lebensansprüche gering, und das 
Leben billig. Das Pfund Rindfleisch kostete 25 Pf., eine Gans 
50-75 Pf., eine Ente 20-25 Pf., das Mandel Eier 15-20 Pf. 2 ) 
:Kach einer Tabelle vom Jahre 1849 befanden sich im Kreise Stras- 
burg: 39 Wassermüller, 42 Windmüller, 35 Bäcker, 3 Kuchen- 
häcker, 49 .Fleischer, 16 Gerber, 280 Schuh- und Pantoffelmacher 
a Handschuhmacher, 15 Kürschner, 18 Riemer und Sattler, 10 Seiler 
und Reifschläger, 175 Schneider, 2 Posamentierer nnd Knopfmacher, 
7 Hutmacher, 7 Tuchscheerer und -bereiter, 9 Färber aller Art, 
88 Tischler und Stuhlmacher, 9-1 Rade- und Stellmacher, 35 Bött- 
cher, 16 Drechsler, ] Kammmacher, Y Korbmacher, 36 Töpfer, 
10 Glaser, 150 Grob- und Kleinschmiede, 13 Schlosser nnd Nagel- 
schmiede, 1 Knpferschmied, 1 Zinngiesser, 4 Klempner, 1 Gold- 
arbeiter, 3 Nadler, 4 Uhrmacher, 15 Siebmacher und 10 Weber. 3 ) 
Aber schon Anfang der vierziger Jahre klagten die Strae- 
burgcr über den Rückgang des Verdienstes. Während die Stadt 
in der Franzosenzeit keine Schulden gemacht habe, treibe sie jetzt 
die schlimme FIiedenszeit dazu. Von den 170 Strasburger Hand- 
werkern seien 100 llur als Tagelöhner anzusehen, höchstens 11 könne 
man als wohlhabend bezeichnen. Die Grot!skaufleute müsse man 
eher Grossschuldner nennen. Die Stadtgemeinde selbst war bitter- 
arm. Vergeblich bat der Lehrer Hüninghans 1850 den Magistrat. 
ihm einen Stall zu bauen, "da bei der steigenuen Wärme die Be- 
nutzung des Erdgeschosses der Schule für seine Kuh jmmer weniger 
statthaft werden dürfte." Die Kaufleute forderten, dass der Zuzug 
neuer Konkurrentell untersagt würde. 4 ) 
Ein gutes Geschäft machten noch die Bäcker. im Dezember 
1841 stellte Landrat Lauterbach fest, dass sie an den Backwaren 
100 Prozent verdienten. Ei' wollte dieser Übervorteilung des 


1) Statistische u. s. w. Nachrichten Über den Kreis Strasburg. 1862. 
2) Lazl)ga S. 62. 
3) Städtische Akten. 
4-) Städtische Akten.
		

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			4-. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. :30;: 


Publikums entgegentreten; der Magistrat sollte zu erreichen suchen, 
dass die Bäcker eine ßrottaxe annähmen, wo nicht, so sollte alle 
vier W Gehen das Gebäck der einzelnen MeiRter gewogen und die 
Yerkäufer des kleinsten und des grössten RI'otel:! im Kreisblatt 
bekanllt gemacht werdell. Die Bäcker bestritten die Höhe ihres 
Gewinns ulld protestieren gegen die beab
ichtigte VerölIentlichung, 
da sie gegen die Gewerbefreiheit verstiesse. Im Jahre 1845 be- 
schwerte sich der Landrat von neuern; die Bäcker schoben die 
Schuld auf die 
[Üller, die zu stark "metzten". Aust!erdem seien 
die Getreidepreise rillgsum noch höher als in Strasburg. Der 
Landrat bestätigt: dass die Getreidepreise in Lautenhurg höher 
wären - ein Beweis für die elenden Verkehrsverhältnisse - aber 
trotzdem sei das Brot in Lantenburg grösser als in Strasburg, und 
die dortigen Bäcker hätten sich bereit erklärt, sich einer Brottaxe 
zu ullterwerfen. Nach lallgcn Yerhandlungen erklärten sich auch 
die Strasburger damit einverdtanden; solange Roggen und Weizen 
6ich auf dem jetzigen Preise hielte (1 Th. 2 Gr. und 1 Th. 10 Gr.), 
sollte das Roggengroschenbrot 1 Pfund 3 Loth und das Weizell- 
groschen brot 25 Loth wiegen. Und wirklich wnrden die Brottaxen 
an den Verkaufsstellen ausgehängt.!) 
Die s.
hlechten Erwerbsverhältnisse führten sogar zu Streitig- 
keiten zwischen den Städten des Kreises. 1m Jahre 1850 be- 
schwerte sich der Magistrat von Lautenburg bei dem Strasburger, 
dass die Lautenburger Fleischer und Bäcker der Gewerbefreiheit 
zuwider nicht zu den Strasburger Wochenmärkten zugelassen würden. 
Der Strasburger Magistrat antwortete ablehnend: es sei kein Be- 
dürfnis vorhanden, die tl.uswärtigen zuzulassen; da das Brot in 
Lautellburg billiger 8ei, würden den Strasburgern die Preise ver- 
dorben werden. Das Getreide sei in Lalltenburg, Gollub, Bischofs- 
werder, Gm"zuo und 
eumark viel billiger als in Strasburgj die 
Strasburger Bäcker könnten die Konkurrenz von auswärts nicht 
ertragen. Allerdings zog sich der StraHburger Magistrat dnrch 
diesen Bescheid eine crllste Rüge der )fariellwerder Regierung zu.I) - 
Durch das Gesetz von 1823 wurden die Krei6stände lleu 
organisiert. Die Kreisstandschaft besassen nach der 1834 bestätigten 
Ritter6chaftsmatrikel 48 adlige und 9 kölmische Güter. Die Erb- 
pachtsgüter wurden wie Lalldgemeilluen behandelt und für nicht 
kreisstandfähig erklärt. Einigen Gütern war noch im 18. Jahr- 


I) Städtische Akten. 


-
		

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			304 


III. Die preussische Zeit. 


hundert die adlige Qualität beigelegt worden, Jablonowo 1788, 
Gross Plowenz 1790 und Komorowo mit Sobierczysno 1795. Auch 
das Gratialgut Lissewo, das 1797 dem erblindeten Provinzial- 
historiker v. Baczko vel'liehen wurde, wurde J all:! adliges Gut be- 
trachtet; in den zwanziger Jahren war es auf kurze Zeit im Besitz 
eilletl anderell bekanntell Schriftstellers, Bogmnil Golz. Im Jahre 
1838 wurde Ostrowitt, das Albrecht 
'rendenfeld erworben hatte, 
die adlige Qualität beigelegt, im Jabre 1858 dem Gute Hohenkirch 
(Klein Ksionsken), solange es im Besitze der Familie Jüngken 
blielJe, diB es indessen 1877 veräusserte.l) 
Ob\\ ohl der polnische Grossgrnndbesitz sich seit der fride- 
rizianischen Zeit erheblich vermindert hatte, waren doch noch über 
die Hälfte der Rittergüter in polnischem Besitz. Im Jahre 1838 
waren Dreiviertel der Rittergutsbesitzer des Kreises Polen und 
nur ein Viertel Deutsche; ]848 gehörten etwa 5/8 der Rittergüter 
dem polnischen Adel. Die begütertsten und einflussreichsten pol- 
nischen Familien waren die Czapski, Jezierski, Wybicki und 
Karwat. Im Jahre 1856 hesassen die Deutschen schon die 
febrheit 
im Kreistage; doch hatten auch acH2) kölmische Güter (Karbowo, 
Kawken, Lipnitza, Wrotzk, Pluskowenz, Josefat, die Schulzerei 
und die Lehmallnei Zmicwo) das Recht der Kreisstandschaft. 
Die .Marienwerderer Regierung betrachtete den Strasburger 
Kreis lange als Schmerzenskind. Als die preussischen Stände 1840 
dem neuen Könige Friedrich Wilhelm IV. bei der Erbhuldigung zu 
Königsberg ein Geschenk von 100000 Tbalern machten, hielt es 
in Stl'asburg sehr schwer, das Geld einzutreiben. Auf den Kreis 
fielen 665, auf die Stadt Strasburg 69 Thaler 5 GI'. 5 Pt'. Ende 
Marz 1841 waren erst 364 Tbaler gezahlt. Der Landrat Schlott 
drohte die Namen der rückständigen Zabler im Kreishlatt zu ver- 
öffentlichen. Am 27. März 1841 schreibt der Marienwerderer Regie- 
rungspräsident v. Nordenfiycht; :, Wiewobl ich scbon seit einer Reihe 
von Jahren die traurige Erfahrung habe machen müssen, dass wo 
es sich um Abgaben an den Staat wie um allgemeine Leistunge11 
zu gemeinnützigen Zwecken handelt, der Kreis Strasburg teils durch 
säumige, teils durcb ganz verweigerte Zahlung sich vor allell 
übrigen Teilen des Departements stets nachteilig auszeichnet, so 
glanbte ich doch zur Ehre dieses Kreises und seiner Bewohner an- 
nehmen zu dürfen, dass letztere wenigstells mit Freuden die Ge- 
I) Akten des Landratsamts. 
2) Dem neunten,Ostrowitt,war 1838 die adlige Qualität beigelegt worden.
		

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			4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830 -31. mit) 


legenheit ergreifen würden, um durch schleunige Entrichtung des 
dieselben treffenden Teils des Huldigungsdonativs, welches von den 
Landesrepräsentanten aus freiem Antrieb angeboten worden, ihre 
so oft gepriesene Liebe und VeI"ehrung für S. )Iajestät den König 
auch thätlich zu beurkunden."l) - Friedrich Wilhelm IV., der schon 
als Kronprinz am 14. Juni l::,a8 in Straslmrg gewesen war, be- 
rührte die Stadt zum zweiten 
lale am 24. Juli 1842 auf der Rück- 
reise von der silbernen Hochzeit seiner Schwester, der russischen 
Kaiserin. Bei seinem ersten Besuch hatte er beim Amtsrat Weisser- 
lllel übernachtet; zur Abendtafel war der Regierungspräsident 
v. Nordenflycht ulld die Kotabeln des Kreises und der Stadt be- 
fohlen; der zweite Aufenthalt beschränkte sich nur auf wenige 
Minuten. - 
Die Verhältnisse der katholischen Kirche im Strasburger 
Kreise erfuhren insofern eine Veränderung, als die Einteilung der 
kirchlichen Verwaltungsbezirke den politischen Grenzen angepasst 
wurde. Durch die Bulle d6 salute animarum vom 16. Juli 1821 
wurde das Kulmer Bistum durch Teile der Diözesen Plock, Wloc- 
lawek und Gnesen vergrössert. Von Plock kam zunächst das 
Dekanat Gurzno zu Kulm. Später folgten noch ein paar besondere 
Grenzberichtigungen. Zu der katholischen Pfarrkirche Gurzno ge- 
hörte seit alters deren Tochterkirche zu Szczutowo in Russisch Polen. 
Dieses Verhältnis dauerte bis 1825, wo die russische Regierung 
den Kirchgang über die Grenze kurzer Hand sperrte und die Ge- 
meinde Szczutowo nach Swiedziebno einpfarren liess. Die Pfarr- 
hufen in Szczutowo gingen auf diese Weise der Gurznoer 
Kirche verloren. Andererseits gehörten die Kirchen von Szczuka, 
Cielenta und Gorczenitza, sogar die vor den Thoren Strasburgs 
liegende Georgskapelle, die eine TochterkirchE' der Szczukaer war, 
zur Plocker Diözese. Erst 1828 wurden diese Pfarreien dem 
Kulmer Bistum einverleibt. 2 ) - In Strasburg gehörte wie Inl 
18. Jahrhundert der wohlhabendere und gebildetere 'reil der Bür- 
gerschaft überwiegend zur protestantischen Kirche. Die Bekennt- 
nisse deckten sich nicht völlig mit den Nationalitäten. Um 1830 
lebten in Strasburg etwa 170 deutsche Katholiken; in der 
Pfarrkirche wurde jeden achten Sonntag deutsch gepredigt. Um- 
gekehrt befanden sich in den Strasburger Y orstädten, in Michelau, 


1) Städtische Akten. 
2) Kirchena
ten von Gurzno und Szczuka. 


20
		

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			:
OG 


In. Die preussische Zeit. 


Komini, 
wirczyn, Moczadlo, Opalenitza und anderen Orten eine 
Anzahl von evangelischen Polen; der protestantische Pfarrer Po- 
walski (1797-1829) hatte noch regelmässig polnisch und deutsch 
gepredigt. 
Die evangelische Kirche zu Strasburg bestand noch in der 
preussischen Zeit lange nur aus der Stadtgemeinde; erst 1821 wurde 
auch das Land zu Strasburg eingepfarrt. Die Union zwischen 
Lutheranern und Reformierten wurde in Strasburg im Juni 1818 ein- 
geführt. Schon 1810 hatte Pfarrer Powalski die Vereinigung der 
beiden Bekenntnisse bei dem damaligen Warschauer Konsistorium 
angeregt, und zu gleicher Zeit bemühte sich der warschauische 
Konsistorialpräsident und Generalsenior Diehl in derselben Rich- 
tung, indessen ohne 
Jrfolg. Als die neue evangelische Kirche ge- 
baut wurde. wurden als Symbol der Union zu beiden Seiten des 
Portals die Statuen von Luther und Calvin aufgestellt. 
Das alte evangelische Bethaus reichte schon längst nicht mehr 
für die vergrösserte Gemeinde aus; zudem war es so baufällig ge- 
worden, dass es 1821 geschlossen werden musste. Am ersten 
Adventsonntage wurde der Gottesdienst zum letzten Male darin ge- 
halten; dann wurde er vorläufig in das neue Schulhaus verlegt. 
Die Regierung wünschte die Gemeinde in den Besitz der Kirche 
des Reformatenklosters zu setzen, das der Starost Josef PJ
Bkowski 
1751 gegriindet hatte, und das 1831 aufgehoben war. Diesem Plane 
widersetzten sich die Katholiken. Zwar wurden die Eingaben der Nach- 
kommen Josef Plq,skowskis, die für sich ein Eigentumsrecht all dem 
Kloster in Anspruch nahmen und damit ihren Widerspruch gegen 
die veränderte Bestimmung der Kirche zu begründen suchten, von 
dem Ministerium kurzer Hand abgewiesen, zumal da ein solches 
Eigentumsrecht zu der Schenkungaurkunde von 1751 in direktem 
Widerspruch stand. Allein die tiefe Erregung der katholischen Be- 
völkerung veranlasste die Protestanten selbst, bei der Regierung 
um Aufgabe jenes Plans vorstellig zu werden, damit der kon- 
fessionelle Friede ungestört bliebe. Die katholische Gemeinde hatte 
sich u. a. an den Generalmajor Prinzen Hermann von Hohenzollel'l.l 
gewandt, der sich gerade auf der Durchreise durch Strasburg be- 
fand. Dieser erwiderte (7. Nov. 1825), er habe als Soldat nichts 
Über die Klosterkirche zu bestimmen; auch stände es ihm nicht zu, 
den Bittstellern die Erlaubnis zu geben, eine Immediateingabe an 
den König einzureichen. Übrigens bemühe sich die evangelische 
Gemeinde zwar eine neue Kirche zu bekommen, habe aber die
		

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			I 


4. Frieden
iahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 307 


Übergabe der Klosterkirche weder gesucht noch gewünscht. Er; 
musste also eine neue Kirche gebaut werden. Die erforderlichen 
Mittel versuchte man durch Sammlungen zu bekommen. Der Ge- 
richtssekretär und spätere Bürgermeister Zermann schrieb eine 
Broschüre "Die Seele", verschaffte sich Portofreiheit und erzielte 
den Ertrag von 2500 Thalern j Kollekten brachten weitere 300 'l'haler 
ein. Die Gutsbesitzer des Kreises, und zwar Katholiken ebenso 
wie Protestallten, erboten sich zur unentgeltlichen Lieferung des 
Bauholzes j Krieger-Karbowo schenkte 40000 Ziegel. Die Gerichts- 
beamten übernahmen die Kosten für die Kanzel, die VerwaltungR- 
beamten für den Altar. So begann man den Bau, 1827 wurde der 
Grundstein gelegt. Das Fundament war fast fertig, als die Re. 
gierung einschritt und den Bauplan und die Nachweisung der Geld- 
mittel.erlangte. Der Bau musste unterbrochen werden, und da 
das Verbot nichts half, wurde der Bauplatz mit Gendarmen besetzt; 
allein in der Nacht bei Laternenschein arbeitete man weiter. Die 
Baumittel waren in der That nur zum kleineren Teil vorhanden j 
schliesslich hewilligte Friedrich Wilhelm Ur. ein Gnadengeschenk 
von 4000 Thalern, dem er später noch 500 Thaler hinzufügte. Auch 
2 Glocken hat de
 König geschenkt. Am Palmsonntag 1830 wurde 
die Kirche feierlich eingeweiht) 
Zwischen den beiden Konfessionen bestand ein sehr gutes 
Einvernehmen. Zweifellos trugen die ehrwürdigen Persönlichkeiten, 
die beide Kirchen leiteten, viel dazu bei j die Strasburger Dekane 
Gutowski und Osmanski und der evangelische Pfarrer 'l'hiel er- 
freuten sich der gleichmässigen Achtung bei der Gemeinden. 2 ) 
Die ganze Tendenz der Zeit weist in den kirchlichen Be- 
ziehungen einen sehr versöhnlichen Zug auf. Die Geistlichen bei der 
Konfessionen empfanden nicht nur wirkliche Hochachtung für ein- 
ander, sondern legten auch Wert darauf, dies an den Tag zu 
legen. Als Pfarrer Tuiel 1853 den roten Adlerorden vierter Klasse 
erhielt, liess ihm der Guardian von Lonk im Namen des Reformaten- 
klosters durch einen Bruder, der eigens dazu nach Strasburg kam, 
gratulieren, obwohl Thiel niemand im Kolster kannte.3) Als 1851 
der evangelische Pfarrer Jördens in Gollub starb, liess der Dekan 
Lic. Büchter nicht Dur die Glockpn der katholischen Pfarrkirche 
läuten und die katholischen Lehrer an dem Gesange teilnehmen, 


1) Akten des kath. Pfarramts. Zermann. Evangel. Kirchenchronik. 
2) Laz.;ga S. 65 f. 
3) Strasburg.er evang. Kirchenchronik. 


20*
		

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			n8 


IIT. Die preussische Zeit. 


sondern schloss sich selbst dem Leichenzuge an) Besonders 
bezeichnend aber ist folgender Vorfall, den Pfarrer Thiel in seiner 
Kirchenchronik erzählt. "Am 11. 8ept. 1834 traf der neue Bischof 
von Kulm, Dr. Athanasius Sedlag auf seiner Reise durch sein 
Bistum unter dem Gpläute aller katholischen Glocken auch in 
Strasburg ein. Er schickte mir sogleich eine Visitenkarte zu, die 
ich durch meinen Besuch erwiderte. Mit der höchsten Achtung 
wurde ich von ihm empfangen und in Gegenwart mehrerer 
katholischer Geistlichen von ihm "Herr Bruder" tituliert. Am 
folgenden Tage dem 12. September liess er mich bitten, ihn in 
die hiesigen 6 Schulklassen zu führen - (Pfarrer Thiel war Kreis- 
schulinspektor) - in welchen er sich fast 4 Stunden hindurch auf- 
hielt. Ich hatte den Küster an die evangelische Kirche gestellt, 
mit dem Auftrage sie zu öffnen, wenn dcr Bischof von einem Schul- 
gebäude zum andern seinen Vveg an der Kirche hin einschlagen 
sollte. Dies geschah. Der Bischof erblickte die Kirche, erkundigte 
sich nach diesem und jenem, als plötzlich die grosse ThÜr geöffnet 
wurde und ich ihn fragte, ob es ihm gefällig sei das Illnere der 
Kirche zu besehen. Da er es nicht füglich ablehnen konnte, so 
batte ich die Freude, ihn, den katholischen Bischof im bischöflichen 
roten Ornate, mit Hirtenhut und Hirtenstab, von sämtlichen Dom- 
herreu und der gesamten katholischen Geistlichkeit und einer 
grosseli 
lenschenmellge, die in wenigen Minuten zusammenströmte, 
begleitet, eintreten zu sehen. Ich rühmte den frommen Sinn meiner 
Gemeinde und bemerkte, dass auch sie nach dem ewigen Leben 
trachtete u. s. w., und der Bischof verliess in einem Zustande der 
Verlegenheit und Rührung das Gotteshaus, indem er zu mir sagte: 
"Gott segne ferner Ihre Wirksamkeit." In der Erinnerung an die 
früheren Religionskämpfe fügt Thiel die Worte hinzu: "Leser, ver- 
gleiche diese Zeilen mit df!n ersten Blättern dies'3r Geschichte, 
und du wirst staunen über das Jetzt im Vergleich zu dem 
Vormals. "2) 
Das Schulwesen bestand noch ziemlich unverändert fort. 
Strasburg hatte eine vierklassige evangelische Schule und eine 
katholische Elementarklasse, daneben eine Halbtagsschule für arme 
Kinder. 1832 wurden sie auf Anregung des Pfarrers Thiel, der 
seit 1830 Kreisschulinspektor war, zu einer Simultanschule ver- 
einigt. I m Jahre 1833 wurde die 8chule bei der katholischen 
I) Golluber eVßng. Kirchenchronik. 
2) Evang. Kirchenchronik von Strßsburg. 


..
		

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			.. 


4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 309 


Kirche gebaut, wozu König Friedrich Wilhelm TII 350 Thlr. spen- 
dete. 1834 wurde eine höhere Töchterschule gegründet. - Im 
Jahre 1831 war das Reformatenkloster, das der Starost Josef Pl
s- 
kowski 1751 gegründe
 hatte, aufgehoben worden; 1837 schenkte 
es der König mit Ausnahme der Klosterkirche der Stadt, unter 
der Bedingung, dass sie ganz aus eigenen Mitteln die bisherige 
Stadtschule in eine höhere BÜrgerschule umgestaltete. Hierzu 
sei erforderlich, das Gehalt des Rektors auf 450 Thlr. ausser der 
freien Wohnung zu erhöhen, einen zweiten wissenschaftlich gebilde- 
ten Lehrer mit einem Gehalt von mindestens 350 Thlr. anzustellen 
und die notwendigen Lehrapparate anzuschaffen, nämlich einen 
chemischen Apparat, eine Mineraliensammlung, naturgeschichtliebe 
W andtafeln, Vorlageblätter zum Zeichnen und architektonischp 
Zeichnungen, alles zusammen im Werte von 400 Thlr. Der Ma- 
gistrat und Stadtverordnetenversammlung nahmen mit Dank die 
Schenkung an und verpflichteten sich, spätestens iD drei Jahren 
ihren Verbindlicbkeiten nachzukommen. Hierauf fand im J ulli 
1837 die förmliche Ubergabe des Klosters statt, das freilich noch 
bis zum 1. Mai 183R an den Oberamtmann Weissermel ver- 
pachtet war. 
Im Jahre IS38 regte der Direktor des Strasburger Land- 
und Stadtgericbts Kreisjustizrat Kalau den Gedanken an, dass 
die Stadt das Kloster zur Einrichtung einer Gefangenenanstalt an 
den Staat verkaufen möchte. Die Kommune forderte zuerst 
4000 Thlr., ging bald auf 2500 Thlr. herunter und verkaufte das 
Grundstück schliesslich im Jahre 1839 mit Ausnahme eines Garten- 
stücks für 2000 Thlr. Die Kriminalanstalt wurde bald darauf ein- 
gerichtet, und die Kirche wird seitdem zum Gottesdienst für die 
Gefangenen benutzt. Das Kaufgeld von 2000 Thlr. wurde indessen 
der Stadt nicht ausgezahlt, da sie sich der hohen Kosten wegen 
zu der Gründung einer höheren Bürgerschule llicht entschliessen 
konnte, und ist später bei dem Bau des Gymnasinms verwendet 
worden. 
Die westpreu8sischen Juden wurden erst 1 S;4G angehalten, 
erbliche Familiennamen anzunehmen. Noch 1836 wurde die frü- 
here Vorschrift von neuem eillgeschärft, dasl'J ihnen nicht gestattet 
wäre, christliche Tauf- ulld Vornamen zu führen. Die Annahme 
erblicher Familiennamen wurde Anfang 1846 durchgeführt. Dip 
J\farienwerderer Regierung erlieBs eine Verordnung, dass den Juden 
nicht gestattet werden dürfte, Namen bekannter christlicher Fami-
		

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			310 


III. Die preussische Zeit. 


lien anzunehmen, deren Widerspruch vermutet werden dürfte, wes- 
halb die Behörden sich in dieser Beziehung bei Einsendung der 
Usten gutachtlich zu äussern hätten. Im folgenden Jahre erhielten 
die grundbesitzenden und gewErbetreibenden Juden das Bürgerrecht.!) 


In das Stillleben der kleinen Stadt brachte der polnische 
Aufstand von 1830/31 eine ungewohnte Abwechslung. Die ersten 
Erfolge der Polen, die Räumung Warschaus durch die Russen 
erregten in dem Strasburger Kreise grosse Unruhe. Bei dem Auf- 
gebot der Landwehr kamen Unordnungen vor; die Deutschen fürch. 
teten schon, dass die Polen Westpreussen erobern wollten, mancher 
Bürger dachte an Auswanderung und packte seine Habe zusammen. 
Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze waren sehr dürftig und 
ungenau und kamen überdies sehr spät nach dem abgelegenen 
Ül'te, so daBS man über den wirklichen Stand der Dinge fast ganz 
ununterrichtet blieb. Erst die Ankunft einer Schwadron schwarzer 
Husaren stellte Ruhe und Zuversicht wieder her. Von den Sym- 
pathien, die man in Deutschland allgemein der polnischcn Revolu- 
tion entgegenbrachte, blieben die preussische:J. Grenzkreise indessen 
frei. 2 ) Endlich am 8. S
ptember 1831 war Warschau genommen, 
und die polnische Armee wurde nach der preussischen Grenze ge- 
drängt. Seit Ende September kamen grosse Züge von polnischen 
Flüchtlingen nach Strasburg; Senatoren und andere Würdenträger, 
alle die sich bei dem Aufstande kompromittiert hatten, brachten 
sich nach Preussen in Sicherheit. Der preussische Major v. Brandt, 
der als Generalstabsoffizier an die Grenze geschickt worden war, 
schildert die Dinge folgendermassen :3) 
"Ich brach, nur von einem Divisionsschreiber begleitet, so- 
gleich nach Strasburg auf. Aber ich hatte kaum einige Meilen 
(von Thorn) zurückgelegt, als ich bereits auf Flüchtlinge, die weiss 
Gott wo über die Drewenz gekommen waren, stiess. Alles erschien 
bunt durch einander, Bewaffnete und Unbewaffnete. Letztere 
klagten über Ungemach und Gewaltthätigkeiten, die sie von Be- 
waffneten jenseits der Grenze, also von ihren eigenen Landsleuten 
erlitten. Einige hatten beim Passieren der Drewenz Hab und Gut 
eingebüsst, nichts als das Leben gerettet, man erzählte auch von 


I) Städtische Akten. 
2) LazGga S. 68 ff. 
3) H. v. Brandt, aus dem Leben des General Heinrich von Brandt 
11. 153 ff.
		

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			1 
I 


4. Friedensjahre. Der polnische Aufstand von 1830-31. 


311 


vielen, die ertrunken waren. Bei Elgischewo traf ich auf Kosaken, 
welche durch die Drewenz g eschwomm£;n waren und auf preussischem 
Gebiet Schutz suchten. J e mehr ich mich Gollub näherte, desto mehr 
wuchs dieser Trubel; der Ort selbst war von Flüchtlingen erfüllt." 
Der Major v. Brandt, der selbst eLen erst von der Cholera 
genesen war, fand in Gollub zwar ein Unterkommen, aber keine 
Nachtruhe, da der Sohn seiner Wirtin von der Seuche befallen 
war und im Zimmer ne benan mit dem Tode kämpfte. ,.Beim ersten 

trahl des 'l'ages", erzählt er weiter, "siedelten wir nach der Pm,t über, 
um von dort nach Strasburg abzureisen. Die drei Meilen bis dahin 
boten ziemlich dasselbe Bild, wie die vier von Thorn nach Gollub. 
Überall Flüchtlinge, und was ich mir nie habe erklären können, 
auch Kosakentruppen, welche behaupteten zur Avantgarde der russi- 
schen Armee zu gehören, und mitunter übel' die Polen herfielen. 
Ich verlor viel Zeit, um einigermassen die Ruhe herzustellen, was 
mir endlich nur mit Hilfe eines Trupps preussischer Landwehrulanen 
gelang, welche des Weges von Strashurg kamen. In dieseIIl 
Ort fand ich anscheinend mehr Ruhe, doch gab es schon hier 
Szenen, welche andeuteten, dass grössere Ereignisse bald folgen 
würden. 
"Der Landrat war ein Herr von Wybicki, ein sonst einsicht,,- 
voller Mann, der den Verhältnissen aber nicht die Tragweite bei- 
zumessen schien, die sie in kurzer Zeit erreichen mussten. Ich gab 
indessen die Befehle: welche die Umstände erheischten, liess für 
die Truppen, deren Konzentrierung ich dem General v. Zepelin 
vorgeAchlagen hatte, Quartiere in Bereitschaft setzen, machte für 
denselben selbst Quartier, liess Lokalitäten für Fourage und Mehl, 
für Lazarette und Wachen vorbereiten, that mithin alles, was für 
die baldige Ansammlung grösserer Truppenmassen nötig schien" . . . . 
"Strasburg füllte sich unterdessen täglich mehr mit Flüchtlingen 
aller Art. Wenn auch das Mögliche gelang, die :\Ieisten derselben 
sofort zur Weiterreise zu veranlassen, so versteckten sich doch 
sehr viele sowohl in der nächsten Umgebung als in Strasburg selbst. nur 
oie Begüterten und mit Mittel Versehenen setzten ihre Reise fort. 
Die Lebensmittel wurden teurer, hier und dort entstanden Reibungen, 
welche durch die Unverschämtheit der Verkäufer herbeigeführt 
wurden; es mussten bald die Wachen verstärkt werden, und Pa- 
trouillen durchzogen die Stadt; kurz es war eine Art Kriegs- 
zustand ohne Krieg. 
"Von einer ]nnehaltung der Quarantänebestimmungel1 war
		

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			312 


IU. Die preussische Zeit. 


keine Rede mt'hr, da die Krankheit an allen Orten ausgebrochen 
war, in Thorn, Posen und Danzig herrschte, und nebenbei die 
Mittel fehlten, die Vorschriften aufrecht zu erhalten. Man hätte 
die I
eute massenhaft er schi essen müssen, wenn man den Gesetzen 
hätte Geltung verschaffen wollen, und auch das hätte hei dem ge- 
waltigen wechselnden Treiben nichts geholfen. 
"Die Stellung des Generals hier war der wunderbarsten Art 
- sie wal' eine rein diskretionäre, denll wie hätte man ihn für der- 
gleichen Verhältnisse mit Instruktionen und Mitteln solche aus- 
zuführen, versehen können? Ohne geordnete Verpßegung und Maga- 
zine, nur auf den Bedarf dessen beschränkt, was durch Landfuhren 
herbeigeschafft werden konnte, ohne umfassende Krankenanstalten. 
die Armee nicht mobil, die Soldaten ohne Feldverpflegung, die 
Offiziere ohne Feldzulage, dabei genötigt um jeden Thaler mit 
der Intendantur zu feilschen, die Civilverwaltung in Händen von 
Leuten, die polnischer Sympathien mehr als verdächtig waren, 
und endlich noch ausser Stande, die dringendstei1 Bedürfnisse für 
Geld aufzutreiben. Es wäre hundertmal leichter gewesen, in wirk. 
lichem Krieg8zustande zu sein, als so zwischen Cholera und U nbe- 
quemlichkeiten aller Art den Velleitäten dreicr Regierungen zu genügen 
und bei der turbulenten Menge verwilderter Menschen vorbei zu lavieren, 
ohne jeden Augenblick auf Klippen und Salldbänke zu geraten. 
"Unter täglich wachsenden Erwartungen, Gerüchten und Ver- 
hältnissen aller Art waren die Polen endlich bis an die Grenze 
zurückgedrängt worden und lagerten bei Budy und Golkowo. Von 
hier schickten sie Parlamentäre, um sich nach Preussen zurück- 
ziehen zu dürfen. Zugleich gingen den Grenzbehörden zwei Doku- 
mente zu, die der polnische Generallisimus in Form eines Tage- 
befehls und einer Deklaration aus seinem Hauptquartier Swiedziebno 
erlassen hatte. . . . 
"Die Russen führten, nachdem die Verhandlungen wegen des 
Übertritts bereits abgeschlossen waren, durch ein plötzliches 
ach- 
drängen noch ein unnützes Gefecht herbei (5. Oktober), das in der 
Gegend von Szczutowo einen gewissen Grad von Heftigkeit erreichte. 
 
Ich wurde abgesandt, dasselbe zu hemmen, und musste zu diesem f 
Behuf einen grossen Teil der beiderseitigen Schlachtlinien durch- 1 
kreuzen, ehe ich meinen Zweck erreichte. Ich geriet hierbei 
mehrfach in ernsthafte Verlegenheiten und war als Friedenstifter 
vie Uach der Gefahr ausgesetzt, verwundet oder erschossen zu werden. 
Endlich fand ich einen russischen General, der mir in meinen De-
		

/Pomorze_003_12_339_0001.djvu

			5. Das Jahr 1848. 


:H3 


mühungen, dem Gefecht Einhalt zu thun, behilflich war, und so 
brachten wir es denn endlich dahin, dass dip Russen nicht weiter 
vorrückten, und die Polen gleichfalls ihr Feuer einstellten. Ich 
muss hierbei noch ausdrücklich bemerken, dass als ich mich bald 
hier bald dorthin begab, um Missverständnisse zu beseitigen, ich 
einzelne polnische Regimt'llter traf, welche den Russen entgegen- 
rückten, um sich ihnen zu ergeben, dass dies aber von den Russen 
zurückgewiesen ward, worauf sie sich denn gleichfalls der preussischf'n 
Grenze zuwendeten. 9 Generale, ö4 Stabsoffiziere, 368 SubalterlJ- 
offiziere, 19,357 Mann mit 95 Geschützen streckten die Waffell, 
ferner eine Offizierkompagnie von 73 Offizieren, worunter 2f) Stabs- 
offiziere. 5280 Kavallerie- und 2556 Artilleriepferde wurden in 
Beschlag genommen. :Mit Einschluss der Truppen und Offiziere. 
die bei Gurzno, Gollub und Thorn übertraten, kommt deren Zahl 
gewiss auf einige 20000 Mann mit über 2000 Offizieren und solchen, 
die Offiziersrang hatten." 
Die Cholera war in Strasburg schon im Juli ausgebrochen. Tm 
ganzen kamen 1215 Erkrankungen und 798 Todesfälle im Kreise 
, vor, darunter 432 Todesfälle in den Städten. Noch mehrere Male 
. suchte die unheimliche Krankheit den Kreis heim, so 1848, 18fJ2, 
1854, 1855, 1866 und 1873. 
Von preussischer Seite wurde bei dem russischen Oberbefehl 
angeregt, für die weniger kompromittierten Polen eine Amnestie 
zu erlassen. Dies wurde zuerst schroff abgelehnt, so dass die über 
die Grenze getretene Armee noch mehrere }Ionate in Preussen 
bleiben musste. Die wohlbabenden Offiziere erhielten Pässe und 
wanderten grösstenteils nach Frankreich aus, wo die Emigranten 
bald neue Revolutionspläne zu schmieden begannen. Schliesslich 
wurde doch ein russisches Amnestiedekret erlassen, im Dezember 
wurden zwei Abteilungen Soldaten von 736 und 849 Mann über 
die Grenze zurückgebracht. Der Rest wurde hei Elbing uud 
Fischau einquartiert, bis der Zar die straffreie Rückkehr gestattete. 


5. Das Jahr 1848. 
Der polnische Aufstand von 1831 hatte an dem guten Eiu- 
vernehmen nichts geändert, das im Strasburger Kreis zwischen 
Polen und Deutschen herrschte. Auf deutscher Seite fehlte es noch 
an einem ausgeprägten Nationalbewusstseillj unter den Polen war 
im wesentlichen der Adel der Träger nationaler GesinllUD
j 
m der katholischen Geistlichkeit der Kulmer Diözese war noch in
		

/Pomorze_003_12_340_0001.djvu

			314 


III. Die preussische Zeit. 


den vierziger Jahren das deutsche Element sehr stark vertreten. 
Ein nationaler Gegensatz trat im privaten und öffentliche Leben 
kaum hervor. Das äusserte sich auch in den Sprachenverhältnissen. 
In der Stadt Strasburg war wohl niemand, der nicht beide 
Sprachen behet"rschte, wenn auch im Verkehr das Deutsche über- 
wogj und manch einer wäre wohl arg in Verlegenheit gekommen, 
wenn er bestimmt hätte angeben sollen, ob er eigentlich Deutscher 
oder Pole wäre. Das blieb so bis zum Jahre 1846: mit den 
Putschen dieses Jahres begannen sich die Geister zu scheiden. 
Als 1846 die von den polnischen Emigranten iu Paris an- 
gezettelte Verschwörnng ausbrach, wurde es auch im Strasburger 
Kreise unruhig. Der Landratsamtsverweser Wegener dachte schon 
daran in den Städten Bürgerpatrouillen einzurichten. Bald aber 
rückte Militär ein, nach Strassburg wurde eine Schwadron Deutsch- 
Eylauer Kürassiere, nach Gollub (10. Januar) eiD Kommando von 
20 Husaren gelegt. Der Königsberger Polizeipräsident Lauter- 
bach, der aus seiner früheren Thätigkeit als Landrat den Kreis gut 
kannte, begab sich selbst nach Straslmrg. Trotz eifriger Thätig- 
keit war nichts von einem Komplott zu entdecken. Zwar sollte 
Herr v. Sulerzycki-Piontkowo, einer der eifrigsten polnischen Führer, 
namhafte Summen, angeblich zu Holzkäufen, im Kreise verteilt 
haben, aber es war ihm nichts Bestimmtes nachzuweisen. Da wurde 
im 
Iärz ein Mann verhaftet, der ein polnischer Emissär zu sein 
schien. Bei der polizeilichen Revision fand man ein Stück Papier 
bei ihm, auf dem die Namen von vier polnischen Gutsbesitzern ver- 
zeichnet standen. Sofort wurden diese verhaftet. Es waren der 
Landschaftsrat Thomas v. Czapski-Bob
owo, sein Sohn Josef, Besitzer 
von Sumowo, v. Rutkowski-Jaguschewitz und v. Jackowski-Bielitz 
(Kreis Löbau). Eine Kürassiereskorte führte die vier nach Stras- 
burg. Die Verhaftung erregte ungeheures Aufsehen, zumal die des 
Landschaftsrats v. Czapski, der allgemeine Achtung und Verehrullg 
genoss. Er wurde übrigens die ganze Zeit der Haft mit besonderer 
Schonung behandelt. In Strasburg durfte er Besuche empfangen, 
in Gollub, wo der Zug am 17. 
Iärz anlangte, wurde ihm gegen 
Ehrenwort freier Aufenthalt gestattet, und auch als er nach Grau- 
denz gebracht wurde, durfte er sich auf der Festung frei bewegen, 
während seine Gefährten in den Kasematten untergebracht wurden. 
Die Festnahme erwiess sich bald als ein Missgriff, und nach kurzer 
H aft wurde n die Gefangenen wieder in Freihcit gesetzt. I) 
I) La.t:<:ga S5. Akten des Landratsamts und des Magistrats von Gollub.
		

/Pomorze_003_12_341_0001.djvu

			5. Das Jahr 18-.18. 


315 


Die missglückten Putsche der Polen VOll 1846 waren nur das 
V orspiel zu der Erhebung von 1848. Als die Nachricht von der 
Berliner Märzre.olution in das behagliche Stille ben des abgelegenen 
Kreises hineinplatzte, berauschte sich auch dies unpolitische Ge. 
8
hlecht an den neuen Ideen. Es begann eine Zeit .on Volks. 
versammlungen und von politischen Klubs, eine Bürgerwehr wurde 
gebildet, und der rührige Buchhändler Köhler verschrieb aus Berlin 
Kationalkokarden. Die politischen Erfahrungen, die die Deut8chen 
1846 gemacht hatten. waren schnell vergessen. Als Freiheit, 
Gleichheit und Brüderlichkeit die Losung \furden, da waren die 
Deutschen glücklich, an den Polen Mitkämpfer für diese Ideale zu 
linden. Während das erstarkende deutsche Nationalgefühl auf die 
politische Einigung der deutschen Stämme hindrängte, während die 
Aufnahme von Ost. und Westpreussen und Posen in den deutschen 
Bund gefordert wurde, hatte man doch kein Arg, daEls die Polen 
auch ihrerseits die nationale Idee auf ihr Banner schrieben. Man 
empfand darin weniger einen Gegensatz, als vielmehr eine Ge- 
meinsamkeit der Interessen. Als Friedrich Wilhelm IV. am 20. 
Iärz 
eine Amnestie für alle politischen Vergehen und Verbrechen erliess, 
und die Aufrührer von 1846, Mieroslawski, Dr. IJibelt u. s. w. be- 
gnadigt wurden, da wurden diese von den Berliner Studenten in 
feierlichem Zuge von dem Gefängnis abgeholt, im 'friumph durch 
die Strassen geführt, wie nationale Helden gefeiert. Die Polen 
wären Toren gewesen, wenn 8ie diese Verbrüderungssucht nicht 
für ihre Zwecke benutzt hätten. Und als die Deutschen sie mit 
Begeisterung auf jene Ideen eingehen sahen, da schien ihr Glück 
vollkommen. 
Schon vor den Berliner Märztagen hatten die Polen die ersten 
vorbereitenden Schritte zu dem Abfall der Provinz PO:3en gethan.1) 
Aber der Berliner Aufstand, die politische Niederlage der Re- 
gierung, die grenzenlose Verwirrung, die in den leitenden Kreisen 
einriss, und die politische Stimmung der Deutschen trugen das 
ihrige zum offenen Ausbruch der Bewegung bei. Unmittelbar nach 
seiner Begnadigung veröffentlichte Dr. Libelt einen Aufruf an seine 
"Landsleute" in Posen, worin es biess: "Das ganze (preussische) 
V olk hat nur einen einzigen Wunsch, nämlich den, dass Polen als 
ein selbstä ndiges Reich auferstehen und eine Schutzmauer gegen 
1) Vgl. E. Knorr, die polnischen Aufstände seit 1830 (Berlin H!OO).- 
Kunz, die kriegerischen Ereignisse im Grossherzogtum Posen im April und 
Mai 1848 (Berlin IR99). - Fischer, der Polenaufstand von 1848 (Graudenz 1899.)
		

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			316 


IU. Die preussische Zeit. 


den Osten bilden möge. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die 
Polenfrage in kurzem gelöst sein wird." Am 20. März bildete sich 
in Posen ein polnisches Nationalkomitee, am 22. wurde in Posen 
das Standrecht aufgehoben, das seit 1846 in Kraft geblieben war, 
am 24. genehmigte Friedrich Wilhelm IV. die nationale Reor- 
ganisatioll des Grossherzogtllms. Die Kommi8sion, die dies Werk 
ausführen sollte, bestand nur ans Polen; blos als Beiräte (.,Gäste") 
waren ihnen zwei Deutsche heigegeben worden. Das National- 
komitee organisierte vom ersten Tage l:!eilleS Bestehens die polnische 
Herrschaft. Überall wurden Kreiskomitees gegründet, die deutschen 
BÜlgermeister wurden abgesetzt, Gendarmen und Zollbeamte ent- 
lassen, die preussischen Adler heruntergerissen, Briefe erbrochen, 
Bekanntmachungen unterschlagen, die Einberufungsorders an die 
Landwehrunterdrückt. Kassen wurden beschlagnahmt, die königlichcn 
Förster mussten von ihren Mützen den preussischen Adler abschneiden. 
Auf Erlaubnisscheine polnischer Kreisdeputierter schlugen die Polen 
in den königlichen Forsten nach Belieben Sensem5tangen. Hier 
und da wurden sogar die Landräte vertrieben, und ihre Ämter im 
Namen der polnischen Regierung verwaltet. Es gelang, jede Ver- 
bindung der Behörden mit der Bromberger Regierung, die sich 
mehr Energie bewahrt hatte als die Posener, abzuschneiden; ihre 
Bekanntmachungen, die den Gerüchten von der amtlichen Einsetzung 
einer polnischen Regierung scharf entgegentrat, wurden in Gnesen 
für untergeschoben erklärt, an andern Orten unterdrückt. Die 
Kommissarien der Nationalkomitees schrieben eine mehrmonatige 
Grundsteuer zu Rüstungen aus. Überall wurden Nationaltruppen 
geworben; selbst in Berlin wurde unter den Augen der Behörden 
ein Werbebureau aufgeschlagen, ganz öffentlich fanden die Waffen- 
übungen statt.1) 
Bald griff die Bewegung auch nach Westpreussen hinüber. 
Schon am 25. März hatte sich eine Nationalkomitee gebildet "in 
der Überzeugung, dass nicht Politik, sondern Nationalität die 
Grenzen freier Völker bestimmen dürfe." Eine Hauptrolle in dem 
Komitee spielte der Gutsbesitzer v. Sulerzycki-Piontkowo, ein ffir- 
geiziger Mann, der sich schon den König von Westpreussen nennen 
liess. Am 28. }Iärz veröffentlichte das Komitee einen Aufruf "an 
die polnischen Söhne pulnischel' Erde im sogenanllten Westpreussen:" 
"Die Stu nde der Freiheit hat geschlagen, die Deutschen sind schon 
1) W. Zimmermann, die deutsche Revolution. Karlsruhe 1850. 
S. 798 ff. 


. 



 
,
		

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			5. Das Jahr 1848. 


317 


. 


frei und proklamieren die Einheit ihres Reiches. Freie Völker 
verstehen sich leicht. Ohne Blutvergiessen, nur durch den Ge- 
rechtigkeitssinn und die Sympathie der Deutschen ist das Gross- 
herzogtum uns wiedergegeben worden. Was Westpreussen be- 
trifft, das auch zu unserm gemeinsamen polnischen Vaterlande 
gehört, so ist darüber noch llichts verordnet worden, obwohl auch 
dies zu unscrm gemeinsamen polnischen Vaterlande gehört. Auch 
in unserer Provinz ist das Volk überwiegend polnisch. Die ver- 
sammelten (polnischen) Bewohner Westpreussens verschiedener 
Stände haben ein Nationalkomitee gegründet, und aus seiner Mitte 
ist der Bürger Ignaz v. Lyskowski mit einer Adresse an das 
deutsche Parlament nach Prankfurt geschickt worden, um dort mit 
Schrift und Wort die Vertreter des freien deutschen Volkes zu 
überzeugen, dass auch hier Polen wohnen. fast ausschliesslich Polen, 
die ihr Vaterland und ihr V olkstl1m lieben und die bereit sind, 
wie ihre BrÜder in Posen sich dafür zu opfern. Durch denselben 
Deputierten haben wir dem (polnischen) Nationalkomitee in Posen 
die Aufforderung zugeschickt, die westpreussische Sache als seine 
eigene, als die unSeres gemeinsamen Vaterlandes, als die Sache 
Polens zu betrachten. Die Umstände hahen sich verandert. Jetzt 
erweisen die Völker einander Gerechtigkeit. Wenn das deutsche 
V olk sie uns noch nicht vollstiindig erwiesen hat, so ist das be- 
stimmt nur die Folge jener falschen Vorstellung, (dass nämlich 
Westpreussen deutsch wäre). Ausserdem haben wir mit den Deutsc!wn 
einen gemeinsamen Gegner, den moskowitischen Erbfeind; uns 
verbindet nicht nur die SympathIe freier Völker, sondern auch das 
gemeinsame Interesse. Wir bekennen gern, dass wir jeden deutschen 
Bürger als Bruder an:;ehen, der nicht den Untergang des polnischen 
Volkes in Westpreussen will." Zum Schluss wird unverblümt die 
allgemeine Volksbewaffnung gegen - die Russen proklamiert. 
l\Ian sieht, die Polen wussten, was sie unter Freiheit., Geich- 
heit und Bruderlichkeit verstanden. Gegen die groben Fälschungen 
in jenem Aufrufe fehlte es nicht an Protesten von deutscher Seite. 
Es wurde richtig gestellt. dass nicht fünf Sechstel, wie die Polen 
behaupteten, sondern nur etwa ein Viertel der Bewohner WeHt- 
preussens Polen waren. Gegen die Vereinigung Westpreussens mit 
dpm zukünftigen polnischen Reiche wurde mit Entschiedenheit 
protestiert. Aher dip. deutschen Antworten waren doch sehr zahm; 
ein kräftiges nationales Selbstbewusstsein sprach sich nicht darin 
aus. Belehren .liessen sich die Deutschen durch das Auftreten der
		

/Pomorze_003_12_344_0001.djvu

			311; 


III, Die preussische Zeit. 


Polen nicht. Eine grosse Volksversammlung, die am 30. März zu 
Briesen zusammentrat, kopierte die Berliner Verbrüderungsszenen 
zwischen Deutschen, Polen und Juden. "Auch hier in Briesen," 
heisst es in einem Flugblatt, "ist dieser heilige, ewige und treue 
Bund in einer grot'sen Volksversammlung, die aus deutschen, polni- 
schen und jüdischen Brüdern aller Stände bestand, erneuert und 
beschworen worden." 
Unmittelbar darauf erfolgte ein Anschlag, der deutlich zeigte, 
dass auch die westpreussischen Polen nicht willens waren, bei 
biossen Proklamationen stehen zu bleiben. Am 31. März erschie- 
nen einige Edelleute, voran Sulerzycki, in Gollub j die preussischell 
Adler wurden herab gerissen und die polnischen Wappen befestigt 
- freilich blieben sie nicht lange hängen. Dann ritt die Schaar 
nach StraslJUrg, um auch hier ein Kreiskomitee, eine polnische 
Regierung, zu schaffen. Im Dopatkaschen Hotel trafen sie die 
Herren des Deutschen Komitees, das sich inzwischen gebildet hatte, 
den Bürgermeister Bredull, Gerichtsdirektor Larz, Gerichtsrat 
v. Werthern und Assessor WoHl' und einige Gutsbesitzer. Die Deut- 
scben waren Dun freilich nicht bereit, sich den Wünschen der Polen 
zu fügen; ein langes Parlamentieren begann, aber vergeblich such- 
ten die Deutschen ihnen Vernunft beizubringen. Das Gerücht VOll 
dem Streit verbreitete sich in der Stadt, die Bürgerwehr wurde alarmiert 
und die Bevölkerung, die polnische wie die deutsche, nahm eine so 
drohende Haltung an, dasEl der "König von W estpreussen" und 
eine 
Kameraden auf ihre persönliche Sicherheit Bpdacht nehmen mussten. 
Sie entkamen nur durch die ritterliche Hülfe der Deutschen. Sulerzycki 
schwang sich aufs Pferd und ritt ohne Hut davon, andere wurden durch 
den Gutsbesitzer Freudenfeld, einen Mann von herkulischer Körper- 
kraft, durch eine Hinterthür in Sicherheit gebracht. - Ein neuer 
Aufruf Sulerzyckis vom Tage darauf erwähnt diesen "traurigen 
V organg im Dopatkaschen Saale" und forderte die Polen auf, das 
Lokal zu boykotten.') Wie wenig niedergedrückt die Polen durch 
jenen 
[jsoerfolg waren, zeigt ein zweiter, deutsch abgefasster Auf- 


I) Laz«)ga S. 88, dem das Datum fehlt, setzt diesen Vorfall zu spät 
an. Das Datum geht aus jenem polnischen Flugblatt vom 1. April hervor. 
W. Zimmermann, die deutsche Revolution (2. Aufl. Karlsruhe 1851) S. 800 
setzt die Vorgänge auf die Zeit vom 30. März bis 1. April an. - Zermann, 
Chronik von Strasburg 34 bemerkt, dass ganz Strasburg von den Polen 
geboykottet werde, so dass der Verkehr beinahe ganz stockte und Handel 
und Handwerk darniederlag.
		

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			5. Das .Jahr 1t;4t>. 


:HD 


ruf, der ebenfalls am 1. April, einen Tag nach jenem Durchfall 
veröffentlicht wurde. Er laut folgendermassen : 
.,Ein Bruderwort des hiesigen Polenkomitees an die deutschen 
Brüder Westpreussens. 
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! 
Dieses heilige Bruderbündnis wollen auch wir Polen mit euch, 
deutsche und jüdische Brüder, nach vielen Jahren bpiderseits 
nicht verschuldeter Entzweiung vor Gott und allen freien Bruder- 
völkern feierlich abschliessen, und auf dass dieser Bund eine Wahr- 
heit werde, reichen wir euch mannhaft die Bruderhand, fest auf 
eure weltbekannte deutsche Treue bauend, dass ihr die aufrichtig 
(Gott ist unser Zeuge!) dargebotene Rechte des im Unglück schwer 
geprüften Polenvolkes nicht zurückstossen werdet. Deutsche Brü- 
der! Auf den Barrikaden Berlins, wo die Fahnen der Freiheit, 
Gleichheit und Brüderlichkeit aufgepflanzt wurden, und das Blut 
heldenmütiger deutscher Brüder für die gute Saclle floss, da wars, 
wo auch für Polen - wir sagen es ohne Erröten - die Morgen- 
röte der Befreiung vom schweren, wahrlich schweren Joche aufge- 
gangen 1st. Darum ewige Bruderliebe den deutschen Befreiern 
Polens! Wehe aber, und nochmals wehe demjenigen, der diesen 
schönen Völkerbund durch Anschürung von Zwietracht irgendwie 
stören wollte. Die Weltgeschichte als das Weltgericht möge einen 
ewigen Fluch über die Störer inniger Verbrüderung zwischen Deut- 
schen, Polen und Juden aussprechen. Freien Brü dervölkern 
ziemt es nicht, über winzige Grenzen zu zanken noch zu 
hadern. Freie Völker sind nur allein friedlicher Ver- 
ständigung fähig; zwischen freien Völkern giebt es keine 
Grenzen, keine Sperren. 
Den Bruderkuss deutschen und jüdischen Brüdern! 
Es lebe das freie Deutschland! 
Es lebe daR freit' Polen! 
Es lebe die freie und verbrüderte Menschheit!" 
Bald nach dem 18. März hatte sich auch in Strasburg eine 
Bürgerwehr gehildpt. Die polnischen Bürger hatten sich ihr durch- 
ausloyal angeschlossen, und die Juden benutzten eifrig diese Gelegen- 
heit, von ihren neuen bürgerlichen Rechten Gebrauch zu machen. 
Der Hauptmann der Bürgerwehr, Amtsrat Weissermel, hatte Miihe 
genug mit ihrer Ausbildung. Es war eine bunte Gesellschaft. Ihr 
einziges Kennzeichen war ein weisser Leinwandstreifen mit der 
Aufschrift "Bürgerwehr", der um den linken Arm getragen wurde.
		

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			:320 


IH. Die preussische Zeit. 


bonst kam auf die Kleidung- nicht viel an. Und die Bewaffnung! 
Für die, die sich in Besitz eines Säbels oder einer Flinte gesetzt 
batten, kam die Anzeige im Kreisblatt zur rechten Zeit, dass der Buch- 
händler Köhler einen Leitfaden für Biirgerwehrmänner zu verkaufen 
hätte: "Zum Selbstunterricht in der Führung des Gewehrs und Sä- 
bels, im Exerzieren und den notwendigen militärischen Kenntni
sen. 
rEin unentbehrlicher Ratgeber für jeden deutschen Bürgerwehr- 
mann.) Preis 3 Silbergroschen ; mit den Abbildungen des voll- 
ständigen Exerzitiums 5 Sgr." Aber auch Piken, l\Ii8tgabeln und 
selbst Ofenkrückell galten als ausreichende Bewaffnung. Das 
Schildbürgerhafte ihrer Erscheinung provozierte natürlich den V olk- 
witz, und auch ihre militärische Leistungsfähigkeit blieb nicht un- 
angezweifelt. 1 ) 
Einmal sciden es doch, als ob es in Strasburg zum Kampfe 
kommen sollte. Es war am 24. April, als sich plötzlich das Ge- 
l'ücht verbreitete, die Polell kämen. Die Bürgerwehr wurde alar- 
miert, zugleich aber trat auch die Schützengilde unters Gewehr, 
die schon zur Ordenszeit bestanden, sich nach der ersten polni- 
schen Teilung aufgelöst hatte, aber 1841 durch den Bürgermeister 
Zerrmann neu organisiert worden war; ihr Patron war der Prinz 
von Preussen, nach dem sie sich auch nannte. Die Polen, hiess es, 
kämen von der russischen Grenze, wollten Strasburg insurgieren 
und sich mit einer starken Truppe Aufständischer im Posensehen 
vereinigen. Schützengilde und Bürgerwehr besetzten die Drewenz- 
brücke und erwarteten den Feind, auch die polnischen Mitglieder 
bei der Korps hielten sich treu. Gegen 1/ 2 11 Uhr Abends rückten 
die Polen an. Es waren etwa 50 Edelleute zu Pferde, alle gut 
bewaffnet, ein Zug Wagen folgte. Ihre Hoffnung, Strasburg zu 
überraschen, sahen 8ie missglückt, den Brückenausgang stark be- 
setzt; sie rückten bis gegen 40 Schritte an die Brücke vor und 
machten Halt. Eine Weile standen beide Parteien einander gegen- 
über, einer den Angriff des anderen erwartend. Als man auf bei den 
Seiten zögerte, den ersten Schuss abzufeuern, schickten die Stras- 
burger den Ur. Schirmer über die Brücke, der als Arzt weit und 
breit bekannt war und sich bei Polen und Deutschen gleicher Ach- 


, 


I 
, 
, 


1) In Marienwerder sang man nach der Melodie des Zapfenstreich- 
signals : 


Es kommen die Polacken her, 
Wo bleibt da unsre Bürgerwehr? 
Zu Haus, zu Haus, zu Haus.
		

/Pomorze_003_12_347_0001.djvu

			, 


I 
f 


- 


5. Das .Jahr U:S48. 


321 


tung erfreute. Er stellte den Polen die Wahl, entweder sofort 
über die Grenze zurückzukehren oder die Waffen auszuliefern und 
als Gefangene in die Stadt einzuziehen, Auf einen so entschiede- 
nen Widerstand waren die Insurgenten nicht gefasst, auch beun- 
ruhigte sie, dass ihnen nicht bloss die Bürgerwehr, wie sie zuerst 
gedacht hatten, sondern auch die Schützengilde gegenüber stand. 
Wie sie noch zauderten, gab der Hauptmann der Schützengilde 
den Befehl zum Anlegen; man rief ihnen zu, lebendig käme keiner 
in die Stadt herein. Da traten die Polen den Rückzug an. An- 
derthalb :Meilen unterhalb Strasburgs bei Sloszewo schwammen sie 
durch die Drewenz und kamen bis Labischin. Hier fielen aie den 
roten Husaren in die Hände, einige wurden niedergehauen, der 
Rest ergab sich. Die Schützenbrüderschaft aber erhielt später zur 
Anerkennung ihrer braven Haltung das Ordensband des Hausordens 
der Hohenzollern als Fahnenband.') 
ßald darauf rückte eine Schwadron der 5. Kürassiere in 
Strasburg ein; die Hauptwache wurde in den 1Iasurenturm gelegt; 
doch liess sichs die Schützengilde nicht nehmen, für sich ein eige- 
nes Wachtlokal einzurichten und sich an den allnächtlichen Pa- 
trouillen zu beteiligen. Hiermit war es mit den kriegerischen 
Erlebnissen der Strasburger zu Ende. Im Mai wurde ein "V olks- 
klub" gegründet, "ein Verein zur Besprechung der Tagesfragen," 
Allmittwochlich hielt er in dem Dopatkaschen Saale seine Sitzung, 
und zwar abweichend von der heutigen Gewohnheit um 3 Uhr 
nachmittags. Der Sprecher des Klubs war der Kreisjustizrat Larz, 
der vorher dem Deutschen Komitee angehört hatte. Die politische 
Haltung des Klubs war gemässigtj wie der ehrwürdige Pfarrer 
Thiel in der Kirchenchronik schreibt, "schaarten sich die Gut- 
gesinnten zusammen, und hielten die Unzufriedenen. in Ordnung; 
ich predigte fortwährend Gehorsam gegen die Obrigkeit." Das 
Landvolk blieb ruhig, nur eine unbedeutende Zunahme von Raufe- 
reien und nächtlichen Diebstählen wurde wahrgenommen. Aber 
wunderliche Vorstellungen machte man sich doch von den Errungen- 
schaften der Revolution. Im Mai musste der Landrat in öffent- 
licher Bekanntmachung den schönen Wahn zerstören, dass der 
König alle Abgaben und Steuern erlassen hätte. 
Schon seit 1844 besass Strasburg eine Presse. Der Buch- 
händler Köhler gründete, nachdem er die Genehmigung des Mini- 
sters d es Innern Grafen von Arnim erhalten hatte, den "Grillen- 
1) Laz 
ga 86 ff. Akten der Schühenbrüderschaft. 


21 


-
		

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			322 


IIJ. Die preussische Zeit.. 


feind, ein Wochenblatt der heiteren und nützlichen Unterhaltung 
und Belehrung für den Strasburger und Löbauer Kreis." "Dem 
heitern Gedicht," so heisst es in der Ankündigung, "der lebensfrohen 
Novelle und Erzählung folgen eine Menge der interessantesten 
Anekdoten, Charakterzüge, MiscelIen, Korrespondenzen u. s. w. Die 
letzten Spalten des Blattes aher sollen dem öffentlichen Handel 
und Verkehr, den Bekanntmachungen und sonstigun Anzeigen ge- 
öffnet sein .. Von mehreren achtbaren Literaten in hiesiger 
Gegend, sowie von zwei rühmlichst bekannten auswärtigen Schrift- 
stellern ist mir die kräftigste Mitwirkung an der Redaktion dieses 
Blattes zugesagt worden, und richte ich meine ergebenste Bitte 
hiermit noch an alle Freunde der Literatur, nur recht zahlreiche 
Beiträge zu dieser Zeitschrift beizusteuern. Auf Verlangen werde 
ich dieselben gerne honorieren, und können die geehrten Einsender, 
falls es gewiinscht wird, auf die strengste Verschwiegenheit ihres 
Namens meinerseits fest rechnen. u Wie lange der Grillenfeind 
bestanden hat, ist nicht festzustellen, aber er scheint keinen grossen 
Erfolg gehabt zu haben, denn wenige Jahre darauf gab Koehler 
den "Preussischen Grenzboten U heraus. Als das Jahr 1848 die 
Pressfreiheit brachte, wurde "das bisher rein belletristische Blatt 
in ein politisches Journal umgewandelt," das wöchentlich mehrere 
Male erscheinen sollte. Bald konnte der Verleger anzeigen, dass 
er für etwa zehn Zeitungen, die er für die Redaktion des Grenz- 
boten hielt, Mitleser auf dem Lande Buchte. Auch einen Bro- 
schüren-Lesezirkel eröffnete der rührige Buchhändler. Man las da- 
mals folgende Flugschriften: Habsburg oder Hohenzollern. Wem 
gebührt die Hegemonie in Deutschland? - Dörry, Deutsche und 
Polen. - Marbach, Was heisst Pressfreiheit? - Koeller, Ein Wort 
über die Bureaukratie in Preussen, zunächst an die Beamten selbst. 
_ Ronge, Deutschlands Neugestaltung. - Robert Blum, Die 
Stellung der Soldaten in Deutschland. - Heimbach, Deutsche Mo- 
narchie oder Republik? - Schwertlieb, Der Krieg der Zukunft. - 
Brief eines Affen an seine Brüder. - Preussens Bluthochzeit. - 
Köberle, Der Volkstribun. - Schwarz-Rot-Gold. Zur Verständigung 
und Aufklärung an das deutsche Volk. - Weller, Kartätschen- 
politik und Barrikadenwunder. - Höchst merkwürdige Prophe. 
zeiungen eines alten Mönchs in Polen. - Langenschwarz, Der ge- 
setzgebende Schurke Justinian. - Langenschwarz, Der Minister 
wird ein Esel. - Bakunin, Der 17. Jahrestag der polnischen Re- 
volution. - Drobisch, Preussens Totenmesse u..8. w.
		

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			5. Das .Jahr 1848. 


3
3 


Wie patriarchalisch noch die öffentlichen Verhältnisse waren, 
erhellt aus der Art, wie der preussische Staat damals eine Anleihe 
aufnahm. Der zweite Vereinigte Landtag, der vom 2.-10. April 
1848 tagte, um mit der Krone eine Vereinbarung über die Wahlen 
zu treffen, hatte vorbehaltlich der Genehmigung durch das künftige 
preussische Parlament einen Kredit von 20 Millionen Thalern be- 
willigt. Das Geschäft der Anleihe wurde damals noch nicht durch 
Bankhäuser besorgt, sondern die Behörden forderten die Bevölke- 
rung auf, in den Kreiskassen patriotische Beträge baal' einzuzahlen 
oder zu zeichnen; auch ungemünztes Gold und Silber wurde ange- 
nommen. In den Blättern nahmen sich Privatpersonen der Sache 
an. Der Gutsbesitzer Hermes-Wonsin veröffentlichte im Kreisblatt 
einen Aufruf: "Die nicht mit ihrem Blute dem Vaterlande dienen, 
mögen wenigstens ihr Gut darbringen und dem Aufrufe unseres 
verehrten Finanzministers gemäss ihr entbehrliches Gold und Silber 
dem Staat anleihen. Es ist ja nicht verloren, was wir dem Staate 
leihen, es wird hoch verzinst, es wird zurückgezahlt, es wird. was 
vor allem zu erwäJl:en ist, dazu beitragen, dass Ruhe und Ordnung 
und der J!'riede mit seinen Segnungen wiedergewonnen werde. Wer 
möchte nicht mitwirken wollen zur Erreichung dieBes schönen Zieles! 
Wer möchte im Gegenteil sich mit verantwortlich machen für das 
unsägliche Elend, welches, wenn nicht mit aller Kraft dem viel- 
gestalteten Feinde entgegengetreten wird, über uns kommen und in 
unser aller Untergang enden wird. Also, meine :Mitbürger, kein 
engherziges Säumen, wo es der allgemeinen Wohlfahrt gilt I Lasset 
uns unser Pfund nicht vergraben, sondern es auf den Altar des 
V aterlandes nied
rlegen, jetzt da es noch Zeit ist, ehe es zu spät 
wird." Der Zufall hat uns die Beiträge zweier Kaufleute zu dieser 
Anleihe übermittelt. Der Kaufmann Jacobi Leisersohn in Lautenburg 
brachte 7 goldene Ringe, und an Silber 3 Esslöffel, 3 Theelöffel, 
einen Schlüsselhaken, einen Fingerhut, eine Nadeldose, einen Ring, 
einige Bruchstücke, alte Miinzen, silberne und goldene Tressen, im 
ganzen 2722/'23 Loth Silber. Der Brennereibesitzer Horwicz gab 
6 goldene Ringe (31/32 Loth Gold) und 3 Pfund 
O Loth Silber, näm- 
lich einen Potagelöffel, eine Räucherbüchse, eine Zehngebotetafel: 
einen Bpcher, 1 Salzfass, 15 'l'heelöffel, 9 Esslöffel, 9 Silbermünzen, 
eine Zuckerzange und Beschläge von Pfeifenköpfen. 
Am 1. Mai fanden die ersten konstitutionellen Wahlen statt, 
die Vorwahlen zu dem deutschen Parlament und zu dem preussischen 
Landtag waren' auf denselben Tag angesetzt; am 8. Mai wurden 
21*
		

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			324 


IIl. DIe preussische Zeit. 


die Abgeordneten nach Berlin und am 10. die nach Frankfurt ge- 
wählt. Trotz der Proteste der Polen hatte das Frankfurter V orpar- 
lament beschlossen, nicht nur Ostpreussen, sondern auch West- 
preussen in den deutschen Bund aufzunehmen j über Posen wurde 
man dagegen Licht einig. Die Teilung Polens wurde für ein 
scllmachvolles Unrecht erklärt, es sei die heilige Pflicht des 
deutschen Volkes, zur Wiederherstellung Polens mitzuwirken I In- 
dessen liess die preussische Regierung auch in Posell Abgeordnete 
nach Frankfurt wählen, aber es blieb lange unentschieden, ob sie 
als berechtigte Volksvertreter Sitz und Stimme in der Paulskirche 
haben sollten. Die Wahlen der westpreussischen Abgeordneten 
wurden von den polnischen Agitatoren nunmehr dadurch bekämpft, 
dass sie geflisselltlich verbreiteten, die Wahl zum dputschen Par. 
lament würde den Katholiken Schaden bringen. Mit Nachdruck 
wiesen die Regierung und der ehrwürdige Bischof von Kulm 
Dr. Sedlag derartige Unterstellungen zurück. Trotzdem protestierten 
am Wahltage mehrere katholische Pfarrer dagegen, dass Ab- 
geordnete aus Westpreussen in das deutsche Parlament entsendet 
würden. Neue Nahrung für die polnische Agitation gab die förm- 
liche Erklärung, die das deutsche Parlament in Frankfurt am 31. Mai 
abgab: "dass in vollem 
Iasse das Recht anzuerkennen sei, welches 
die nicht deutschen Volksstämme in deutschen Bundesstaaten haben, 
den Weg ihrer volkstümlichen Entwickelung ungehindert zu gehen, 
und in Hinsicht auf das Kirchenwesen, den Unterricht, die Literatur, 
und die innere Verwaltung und Rechtspflege sich der Gleich- 
berechtigung ihrer Sprache, so weit deren Gebiete reichen, zu er- 
freuen." Die intransigellten Polen erkannten jetzt auf einmal die 
Autorität des Frankfurter Parlaments an und behaupteten, es habe 
beschlossen, dass ill Westpreussen künftig alle amtlichen Verhand- 
lungen nur in polnischer Sprache erfolgen, in den Schulen nur 
polnisch gelehrt uud dass nur Polen als Beamte angestellt werden 
dürften. Petitionen an das Parlament wurden aufgesetzt, dass die 
polnischen Kreise Westpreussens sofort auf polnischem Fuss gesetzt 
werden sollten j überall wurden Unterschriften gesammelt, andere 
im grossen Stile gefälscht; namentlich im Löbauer Kreis, der 
weitaus der unruhigste war, hörten die Agitationen nicht auf. 
Die Polen organisierten sich in der Liga polska. Ganz be- 
sonders heftige Angrifl'e richtete die Liga gegen den Bischof Sed- 
lag, dem die Bevorzugung des deutschen Elements im Klerus zum 
Vorwurf gemacht wurde. Namentlich in ausländischen polnischen 


\' 


.
		

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			\' 


# 


5. Das Jahr 1848. 


325 


Zeitungen wurden die Anklagen erhoben. Der Bischof antwortete 
schliesslich im Januar 1849 in einem Hirtenbriefe, indem er seine 
Gegner scharf abkanzelte und sich rechtfertigte. Wenn in polnischen 
Gegenden deutsche Pfarrer angestellt wären, so sei die Ursache 
davon einfach die, dass sich verhältnissmässig wenige Polen dem 
theologischen Studium widmeten. In der That begann bald nach 
1848 ein stärkerer Zudrang der Polen zur geistlichen Laufbahn. 
Die Liga polska bestand bis 1850, wo 8ie sich auf Grund des Ver- 
bots, dass politische Vereine nicht mit einander in Verbindung 
treten dürften, auflösen musste. Zum Ersatz wurden landwirtschaft- 
liche und Unterstzützungsvereine gegründet. 
In das Frankfurter Parlament war von Strasburg der Ge- 
richtsassessor Wolfl" gewäblt worden. Nach berühmtem Muster 
schrieb er Briefe an seine "Kommittenten". Es ist nicht un- 
interessant, wie er Anfang August die Linke in der Paulskirche 
schildert. "Die äU8serste Linke besteht etwa aus 25 Mitgliedern, 
ist mithin sehr schwach. Ihre Führer sind Ruge aus Teppig (in 
Breslau gewählt) und Zitz aus Mainz. Ruge ist Philantrop. Er 
betrachtet die Verhältnisse nicht etwa vom Standpunkt der eigenen 
:Kationalität aus, sondern hält stets den allgemeinen menschlichen 
Gesichtspunkt fest. Daher verlangte er, dass man die Czechen in 
Böhmen und die Polen in den einzelnen deutschen Landesteilen 
nach Belieben gewähren lasse, und wenn jetzt die Paar tausend 
Wenden, die noch in der Lausitz wohnen mögen, die Forderung 
stellten, dass sie einen eigenen Staat bedürften - Ruge würde 
sich dafür erklären. Er ist durchweg konsequent, bis zum Unsinn, 
meint es aber ehrlich, davon bin ich überzeugt. Das kleinste Recht 
einer Nationalität will er geachtet wissen, übersieht dabei aber die 
viel grössere Berechtigung des eigenen Vaterlandes. Ein Aus- 
länder, der den Verhandlungen der Nationalversammlung beiwohnte, 
könnte glauben, dass Ruge ein Abgeordneter der Kaffern oder 
Otaheiter, nicht aber das deuts<:hen Volkes sei. Mit einem Worte: 
er ist durch und durch unpraktisch und wird daher auch nie einen 
bedeutenden Einfluss gewinnen. Er spricht ideenreich, Redner ist 
er nicht. Hierin wird er von Zitz übertroft'en, welcher ein Krosses 
Rednertalent besitzt. Diese Beiden - und mit ihnen ihre Partei - 
wollen Umsturz alles Bestehenden, um darauf die Republik, und 
zwar die soziale aufzubauen. Ich lasse es indes dahingestellt, ob 
Zitz und die andern dieser Partei es eben so ehrlich als Ruge 
meinen. Dieses ist auch ziemlich gleichgiltig, denn ob ehrlich oder
		

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			326 


III. Die preussische Zeit. 


nicbt ehrlich gemeint, würde ihr Streben zur Guillotine und zur 
Wiederbolullg der Geschichte Frankreichs vom Jahre 1794 in 
Deutschland führen. 
"Dieser Partei zunächst steht die Linke, zu deren l!'ührern 
Blum aus Leipzig, Jordan aus Berlin, Vogt aus Giessen und Schaff- 
rath aus Sachsen gehören. Blum ist einer der ausgezeichnetesten 
Redner der Versammlung, seine Reden sind zwar weniger ideen- 
reich, allein klar und bestimmt, und er verfolgt mit einer immer 
sich steigernden 
chärfe sein Endziel. Nie wird er ein Wort 
zurücknehmen und ein anderes an dessen Stelle setzen. Von Anfang 
bis zu Ende sind seine Reden wie aus einem Stück gt'gossen. 
Weniger bedeutend sind Jordan und Vogt, und Scbaffrath zeichnet 
sich nur durch die Leidenschaftlichkeit oder eigentlich Wut aus, 
mit welcher er spricht. Er hat schon einigemale die Heiterkeit der 
Versammlung erregt. 
"Die Linke erklärt sich zwar nicht offen für die Republik, 
allein ihr ganzes Streben würde zu derselben führen. Auch würde 
sie es gewiss gern sehen, wenn die Republik je eher je lieber 
käme. Die Linke geht nicht so weit als die äusserste Linke, allein 
bei der Verwirklichung ihrer Ideen würde sie doch bald zu dem- 
selben Endziel getrieben werden, tielbst wenn sie es nicht wollte."1) 
Die gemässigt liberale Richtullg erhielt sich zunächst in 
Strasburg. Als der preussische Landtag im November 184!:J nach 
Brandenburg verlegt wurdA, richteten die Strasburger, wie es auch 
anderwärts vielfach geschah, eine Zustimmungsadresse an den König, 
die zugleich in der V ossisehen Zeitung abgedruckt wurde. Die 
lldresse lautete: 
Allerdurchlauchtigstel', Grossmächtigster Königl 
Allergnädigster König und Herr I 
Ew. Königl. Majestät Allerhöchste Proklamation vom 11. d. M. 
in Betreff der Verlegung der Nationalversammlur.g nach Branden- 
burg hat uns in die lebhafteste Freude und Hoffnung versetzt, 
indem wir und daS' ganze Land nunmehr die frohe Aussicht haben, 
recht bald das schon lange ersehnte Verfassungs-Gesetz zu erhalten, 
wodurch von neuem das Band der Liebe und des Vertrauens um 
König und Vaterland sich schlingen, und Ruhe und Ordnung mit 
I) Der Brief ist im Kreisblatt gedruckt. Leider fehlt in dem Exemplar 
des Strasbnrger Magistrats, wohl dem einzigen, das überhaupt noch vor- 
handen ist, eine Seite, so dass nur dieses Bruchstück des Berichts wieder- 
gegeben werden konnte. 


, 


i
		

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			, 



 



 


Schluss. 


327 


dem Gesetze wieder zurückkehren wird, welche durch Umtriebe 
aller Art in der Hauptstadt bis jetzt auf eine unverantwortliche 
Weise gestört worden. 
Ew. König!. Majestät wollen es allergnädigst genehmigen, 
wenn wir in unserer Freude zugleich unserer heiligen Pflicht folgen, 
Allerhöchst Ihnen für diese, nur das Wohl des Vaterlandes be- 
zweckende Massregel unseren unterthänigsten Dank ehrfurchtsvoll 
darzubringen und unsere unwandelbare 'freue zu versichern. 
In tiefer Ehrfurcht 
Ew. Königl. Majestät 
allerunterthänigste Bürger. 
Strasburg in Westr>reussen, den 15. November 1848. 
Die Garnison behielt Strasburg bis in den Sommer 1849. Als 
die Truppen eines Tages zu einer "Obung ausgerückt waren, zog 
ein Gewitter herauf, und der Blitz schlug in die Kaserne ein, die 
vollständig niederbrannte (29. August). Die Schwadron wurde gleich 
darauf versetzt, ohne noch einmal nach Strasburg zurückzukehren. 
Damit war die letzte Spur der Unruhen des tollen Jahres ver- 
"\\ischt, und bald war das behagliche Stillleben der Kleinstadt 
wiederhergestellt. 


6. Schluss. 
Das Jahr 1863 brachte neue Erregung, der Ausbruch des 
dritten polnischen Aufstandes liess den Grenzkreis nicbt unberührt. 
Strasburg erhielt wiederum eine grosse Garnison, eine Brigade 
unter Bronsart von Schellen dorf besetzte den Kreis. Einer Aus- 
breitung des Aufstandes in Preussen war dadurch vorgebeugt, und nur 
wenige unruhige Köpfe gaben sich der Bewegung hin. Trotz aller 
Wachsamkeit der Behörden versuchten einige Abteilungen von Frei- 
schärlern, sich mit den Aufständischen im Königrf'ich zu vereinigen. 
Ein kleines Häuflein, das von Wapno aus über die Grenze ging, 
wurde in dem Walde von Rokitnica von den Russen niedergemacht. 
Einen Zug von etwa 100 :Mann, dem bei Sloszewo der Übergang 
über die Drewenz glückte, ereilte jenseits der Grenze dasselbe Schick- 
sal. Eine dritte gröBsere Schar führte eine Zeit lang eine Art Räuber 
leben in dem Lautenburger Forst, wurde dort durch eine Abteilung 
von preussi 6chen Jägern aufgehoben und nach Strasburg eskortiert) 
I) LazQga. S.89 f. Eine ausführliche Darstellung dieser Vorgänge wird 
dadurch unmöglich gemacht. dass das in den Staatsarchiven vorhandene 
Material, vor allem die amtlichen Berichte. der Geschichtsforschung noch 
verschlossen sind. 


- 


j
		

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			328 


SchI U8S. 


Der Landrat von Y oung, der den Aufstand sehr ernst nahm, 
geriet in Folge seiner sehr energischen Massregeln in Konflikt mit 
der fortschrittlichen Partei in seinem Kreise. Die liberale Opposition 
hatte, sobald Bismarcks Militärkonvention mit Russland bekannt 
geworden war, von der sehr übertriebene V orstellungcn verbreitet t 
wurden, für die Polen Partei genommen. Der Abgeordllete von 
Hennig-Plonchott brachte über Youngs Verwaltung eine Inter- 
pellation im preussischen Landtage ein. Young antwortete, indem 
er einen 'l'ei: seines Berichts an das Ministerium über die Lage 
seines Kreisea im Kreisblatt veröffentlichte, und nun begann im 
Kreisblatt eine sehr unerquickliche Polemik beider Parteien, die 
mit grosser persönlicher Schärfe geführt wurde. Auch mit der 
Mariellwerderer Regierung geriet der Landrat in Konflikt. Die 
Regierung suspendierte ihn am 4. Januar 1864 von seinem Amt, 
aber schon vier Wochen später hob der Minister des Innern die 
Suspension wieder auf. 
Y oung ist übrigens der erste Landrat gcwesen, der die Ver- 
deutschung der Ortsnamen angeregt hat. Vorher hatte die Re- 
gierung derartigen Wünschen ablehnend gegenübergestanden; ein 
Antrag Freudenfelds i. J. 1857, dem Gute Choyno einen deutschen 
Namen zu geben, wurde nicht genehmigt. Im Jahre 1863 wurde 
Kurkocin in Wimsdorf umgetauft; man glaubte den ursprünglichcn 
Namen wiederherzustellen, allein der hiess Rynysdorf (Reinisch- 
dorf); in einem Privileg des vorigen Jahrhunderts war eS durch 
einen Lese fehler in Vindorf verändert worden, und hieraus entstand 
das etymologisch merkwürdige Wimsdorf. Zwei Jalu'e später er- 
hielten Plonchott, Grabowiec und Kawken die deutschen NamAn 
Friedeck, Buchenhagen und Hermannsruh ; der Besitzer der Güter 
Johannes Tidemann hatte im Falle dcr Genehmigung seines An- 
trages versprochen, in Kawken eine evangelische Kirche zu bauen. 
Mitte der siehziger Jahre folgten Gorzechowko (Hochheim), Grzybno 
(Griewenhof) und Budziszewo (Waitzenau); in den letzten Jahrzehnten 
hat namentlich in Folge der Parzellierungen der Güter und An- 
siedelung deutscher Kolonisten eine Reihe anderer Ortschaften i 
deutEehe Namen erhalten. 
Im Jahre 1888 wurde der Kreis Briesen geschaffen, an den 
der westliche Teil des Strasburger Kreises abgetreten wurde. 


->---P.-<-
		

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			t 


A n1'laTlg I. 


I 


Urkunden. 
1. 
1298. De
ember 13. Strasbltrg. Konrad Sack, Kulmer 
Landkomtur, verschreibt 50 Hufen in Sxmygowo") (Zmiewo). 
Universii! tarn praesentibus quam futuris frater Conradus 
Saccus 1 ) commendator provincialis terrae Culmcnsis salutem in om- 
nium salvatore. Ad notitiam universorum cupimus devenire, quod nos 
de fratrum llostrorum consilio et eonsensu Cristallo scultf'to et suis 
successoribus ac aliis rusticis et colonis locavimus quinquaginta mansos 
in villa nostra Szmygowo") perpetuo possidendos sub infrascriptis 
eonditionibus sie distinctis. De praedictis siquidem mansis dictus 
Cristanus et sui baeredes quinque man sos liberos possidebunt ratione 
locationis cum taberna et officium seultetiae cum tertia parte 
mulctarum judicialium jure Culmensi. lnsuper tres mansos loco 
duorum mansorum, quos habuerant in Strasberg, praedictus Cris- 
tanus ac sui haeredes in dicta villa cum praedictis quinque mansis 
jure praefato et libertate praebabita possidebunt, et duae partes mule- 
ta rum dicti judicii domui nostrae eadent. De reliquis vel'O quadra- 
ginta et duobus mansis annuum censum domui nostrae dabunt, de 
quolibet videlicet in festo purificationis beatae Mariae virginis 
quindecim scotos et duos pullos persolvellt nostrii! fratribus annU8- 
tim. De quo quidem censu dando a festo purificationis heatae 
(Mariae) virginis proximo nune venturo sex annorum ipsis eoncedi- 
mus libertatem, quibus finitis censum dabunt in septimo anno se- 
quenti nostrae domui supradictae. In bujus igitur locationis perpetuam 
firmitatern praesentem paginam super eo conscriptam nostri sigilli 
mUlllmllle fe ci mus roborari. Testes sunt frater Guntherus de 
Swartzburg commendator in Grudentz 2 ), frater Sigebardus de 


I 


a) Im Text: Szpygowo, was lautlich unmöglich; die Namensform 
sch eint. auch sonst verderbt. 
I) Konrad Sack, als Kulmer Landkomtur bisher vom 11. April 1296 
bis 19. Mai 1298 nachgewiesen. 
2) Graf Günther von Schwarzburg, als Graudenzer Komtur bisher 
vom 27. April 1292 bis ] 9. Mai 1298 nachgewiesen. 



 


-
		

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			330 


1303. 


2. 


Swarzburg commendator in Roggehusen 1 ), frater Henricus de Gera 
commendator in Nessovia2), fraterOtto commendator in Schonense 3 ), 
frater Conradus Stang0 4 ), frater Petrus et alii quidam ordinis nostri 
fratres. Datum in Strasberg anno domini 1298 in die beatae 
Luciae virginis. '\ 
Ingrossiert im St.rasburger SchöfIenbuch den 20. Juli 1605. 


2. 
1303. Juli 10. Schönsec. Komtur OUo von Schönsee führt 
das kulmische Recht in Kaucke (Kawken, Hermannsruh) ein. 
Universis Christi fidelibus, ad quorum audienClam presentes 
pervenerint, frater Conradus Saccus magister Prusie salutem in 
omnium salvatore. Ad noticiam universorum cupimus devenire, 
quod cum Bogusch et Gostko fratres uterini villam Kaucke dictarn 
iure Polonico annis aliquot possedissent, tandem de ipsorum bona 
voluntate et consensu frater Ott0 5 ) commendator in Schonensee 
eandem villam ad utilitatem ordinis cum sexaginta mansis iure 
Theutonico locavit, dans et conferens de eisdem mansis Boguschoni 
prefato ac suis heredibus septem mansos liberos iure hereditario 
possidendos perpetuo sub hac forma. De predictis siquidem mansis 
idem Bogusch et heredes ipsius tarn in nostris quam in externis 
partibus in armis levibus tenetur nostriB fratribus deservire. In 
scampno autem iudiciali, quod scheppenbanc dicitur, non tenebitur 
sedere, quia nOBtre domui necesBitatis tempore die noctuque est 
serviciis obligatus. Sciendum eciam, quod predictus commendator 
Gostkoni predicto voluisset dedisse septem mansos sub forma pre- 
notata, sed ipse impotells ad serviendum et eciam renuens, duos 
tantum mansos sibi ac suis heredibus acceptavit hereditarie possi- 
dendos, ita quod de eisdem duobus mansis dimidiam marcam dena- 
riorum Culmensium et quatuor pullos in festo saneti 
Iartini epi- 
scopi singulis annis dare nostris fratribus teneatur. Promisit 
eciam idem Gostko pro se et suis heredibus omnia iura facere et 
servare ou e rustici dicte ville facere consueverunt. In quorum 
1} Sieghard, Graf von Schwarzburg, Komtur von Roggenhausen 

/ Februar 1300. 
2) Heinrich von Gera, als Komtur von Nessau sonst nicht bekannt. 
3) Otto, Komtur von Schönsee, bisher vom 10. Juli 1303 bis 18. Ok- 
tober 1329 nachgewiesen. Märcker, Thorner Kreisgesch. 155. Vgl. u. S. 3342. 
4) Konrad Stange, 129:2/93 Komtur von Ragnit, 1293-96 Komtur 
von Thorn. 
5) Otto, Komtur von Schönsee, vgl. o. Anm. 3. 


.
		

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			3. 


1310. 


331 


omnium memoriam et firmitatem perpetuam sigillum nostrum pre- 
sentibus est appensum. Testes sunt frater Otto commendator in 
Schonensee supradictus, frater Ioannes de Wipera, frater Hugo, 
frater 
Ieinko et pi ures ordinis nostri fratres. Datum Schonensee, 
'\ anno domini 1303, septern fratrum martirum. 
Gedruckt bei J. G. Kreutzfeld, eine Meynung über den Adel der alten 
Preussen, Königsberg 1787, S. 46. Nr. VI. 


3. 
1310. .11Tii'l';t 1'1'. GOllllb. lIerxog Lut/ter ron Braunschlceig, 
Komtur .von Gollub, verleiht dem Nerelischo das Schulxenamt in 
Skomp (Skemsk), das dieser von Petrus de Leone gekauft /tatte. 
In nomine Domini amen. Ne res gestas aboleat processus 
temporum, firmet ipsas solennis titulus literarum. Noverint igitur 
universi tam praesentes quam posteri, seriem praesentium inspec- 
turi, quod nos frater Luterus dux de Brunswich commendator in 
Goluba 1 ) scultetiam seu iudicium et quinque mansos sine altcro 
medio iugere et unam marcam de taberna in nostra villa Skomp 
Nerelischoni viro (?) praesentium exhibitori sine omni servitio et 
t censu contulimus suisque successoribus iure Culmensi libere possi- 
dendos. Protestamur itaque eundem Nerelischonem eandem scul- 
tetiam seu iudicium vel haereditatem cum omni proventu, veluti 
produximus, rite et rationabiliter emisse a Petro de Leone nuncupato. 
De quolibet autem alio manso in praetacta villa media marca R ) 
nobis seu domui in Goluba omni anno in festo ueati Martini dabi- 
tur usualis monetae ut pecunia censualis. h ). In cuius rei evi- 
dentiam pleniorem praesentem paginam dari fecimus sigilli nostri 
munimine roboratam. Huius facti sunt testes frater Hermanus 
vicecommendator, frater Rudgerus, dominus Henricus miles de 
Domeslolib (siel), Hcnricus de Dolon2), Henricus de C amp0 3) et 
alii quam plurimi fidedigni. Datum ill Goluba per manus domini 
Joannis plebani de Ostrolbich (sicl)4) nostri cappellani. Anno do- 
mini 1310 in die beatae Gertrudis virginis. 
Abschrift eines Transsumptes von 1633 in der Metryka koronna 
(Warschauer Archiv) Bd. 180, Pag. 82. 
a) Text: mediam marcam. b) Text: et pecunia censuali. 
1) Herzog Luther von Braunschweig, als Komtur von Gollub bisher 
vom 22. Januar 1308-23. April 1309 bekannt. 
2) Dilewo, Kreis Briesen. 
3) Napole, Kreis Briesen. 
4) Ostrowitt, Kreis Briesen.
		

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			332 


1311. 


4. 


4. 
1311. De
embe1' 6. Gollllb. Herxog Luther von Braun- 
schwelg, Komtltr 
'on Gollub, stellt die Handfeste für Pluschowantx 
(Pluskou'cnx) 
u kulmischem Rechte allS. 
In nomine Domini amen. Humani generis actiones memoria \ 
perpetua indigentes plerumque ab bominum notitia labuntur. Binc 
est, quod nos frater Luterus dux de Brunsvicb commendator in 
Goluba1) notum esse voIumus tarn praesentibus quam futuris prae- 
sentem paginam inspecturis Conradum 8 ) scultetum de Pluschowantz 
cum rusticis in eadem villa videlicet Pluschowantz commorantibus 
eos nobiscum et nos una cum eis de literis corum coram nobis 
ostensis super praedictam villam et etiam bona ad eandem perti- 
nentia tractasse et rationabiliter de eisdem discussisse. Rinc igitur 
ex consilio et consensu fratrum nostrorum tunc praesentium volumus, 
ut praedictus Conradus Bcultetus cum villanis inhabitantibus prae- 
dictam vill
m cum eorum haercdibus, quidve intra eorum gades 
continetur, jure Culmensi pacifice possideant et quiete. Insuper 
volumus, quod praedictus scultetus cum suis haeredibus octo liberos 
mansos et quator jugera una cum tauerna ac tertium denarium de 
iudicio Hbere pORsidebit, tali inquam conditione interposita, quod 
iam dictus scultetus cum suis bacl'edibus singulis annis dc quolibet 
manso fratribus in Goluba manentibus fertonem dimidium minis- 
trabunt. Y olumus etiam et interponimus, quod de aliis quinquaginta 
et duobus mansis, exceptis taillen quatuor jugeris,quolibet anno ccnsus 
annualis praedictae domus fratribus cadat, videlicet sedecem scoti 
dc quolibet manso, et in festo S. Martini perpetue persolvantur. 
Insuper etiam volulDus, quod praedicta bona ad villam praescriptam 
pertinentia immensurata maneant et eodem modo perenniter pacifice 
perseverent. Nos etiam ex toto cordis affectu cupimus, ita tarnen, 
si postea fratribus placuerit, ut in villa multoties nominata aedi- 
ficetur ecclesia et quatuor libcris mansis dotetur ab bominibus prae- 
narratis. Super his omnibus mediante consilio fra trum, si talia 
processum babuerint, volumus, ut praenominati quatuor mallsi a 
praescripto censu liberi maneant et consistant, et quod aruplius 
fratres de praefatis mansis ad ecclesiam pertinentibus censum non 
at:3sument. Ne autem super hujus modi donatione rerum b ) praeno- 
minatarum scrupulus calumniae oriatur, posteris conscribi fecimus 
a) Text: Coardum. b) Text: verum. 


I) S. o. S 3311).
		

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			5. 


1316. 


333 


'\ 


praesentem paginam sigillorum nostrorum munimin6 roboratam. 
Testes vero Imjus rei sunt frater Henricus Gier vicecommendator 
in Goluba, frater Henricus de Weler, frater Alhertus magister de 
carvano, frater Raymnndus de Schonde, Christianus nomine frater 
Gobhle magister pecorum, Henricus Delen, (Henricus)8) de Campo, 
Barthe de Gajnl), Joannes Gviher et alii quamplurimi viri idooei 
et honesti. Datum in Goluba anno domini 1311 in die S. Nicolai 
confessoris et pontificis. 
Nach einem Transsumpt vom 24. September 1750 im SchönseetJc 
Schöffenbuch am 1. November 1750 ingrossiert. Thorner Ratsarchiv lKa- 
talog 2) XV 40. 


5. 
1316. .J.'£ii'l'
 21. Gollub. lIeinrich von Ysenberck, Komtur 
von Gollub, bestätigt den Verkauf des Schulxenamts in Ostrovicx 
(Ostrowitt). 
In nomine Domini amen. Ne res gestas aboleat processus 
temporum, firmet ip::!as solennis titulus literarum. Ad notitiam 
f igitur tarn praesentium quam futurorum cupimus devenire, quod nos 
frater Henricus de Y senberck commendator in Goluba 2 ) de maturo 
consilio fratrum nostrorum pari tel' et COllsenBU admisimus, quod 
Petrus praesentium exhibitor emit rite et rationabiliter, insuper pt 
persolvit Bcultetiam seu judicium in nostra villa Ostrovicz sub hac 
forma: ut praefatuB Petrus babeat jure haereditario sex mansos 
liberos hac conditione interposita, ut nobis seu domui nostrae du 
quolibet manso praetacto persolvat unum fertonem denariorum sin- 
gulis annis in festo Sancti Martini pecunia censuali i praeterea emit 
in praenominata villa unam marcam in taberna omnibus annis sibi 
persolvendam i scamnum quoque panum et macellum carnium et 
septimum denarium de omnibus hortis in Parvo Ostrovithe et in 
Magno necnon et tertium denarium de judicio eundem Petrum 
emisse et persolvisse, certius pertestamur. Haec omnia praenominata 
a) Die Ergänzung des Textes: (Henricus) de Campo ist dadurch ge- 
rechtfertigt, dass auch in Urkunde Nr. 3 und. 5 Henricus de Campo neben 
Henricus Delen als Zeuge auftritt. 


1) Dilewo, Napole und Gajewo. 
2) Es scheinen zwei Heinrich von Isenberg Ordensbrüder gewesen zu 
sein. Voigt, Namenskodex nennt sie in folgenden Ämtern: Komtur von 
Balgn 1300-12, Komtur von Mewe 1302, Komtur von Königsberg 1315-26, 
Oberster Trapier 1312-14, Oberster Spittler 1317-20.
		

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			334 


1317. 


6 


saepedicto Petro contulimuB suisque haeredibus sive successoribus 
jure Culmensi libere pORsidenda. Ne super bis alicui dubium ori- 
atur, eidern Petro boc privilegium dedimus cum sigilli nostri muni- 
mine roboratum. Ruius collationis testes sunt frater Fridericus 
nostel' vicecommendator, frater Eberhardus: frater Conradus, frater 
Ekhardus, Joannes plebanus de Ostrovithe, Henricus de Dolen, Ren- 
ricus de Campo, Bartholomeus de Gayol) et alii fidedigni. Datum 
in Goluba anno domini 1316. in dominica, qna cantatur Laetare. 


lngrossiert im Golluber Schöfienbuch am 14. Februar 1628. 


6. 
131'1. Jllli 2G. o. o. Heinrich (Tltuvel)2)Komtur 'l'on Schön- 
sre stellt die Handfeste fÜr Rynischdorff (J{'llrkocill, Wimsdorf) nu.
. 
In nomine Domini amen. Quia gesta mortalium oblivionique 
et ignorantiae sententia plectuntur (sic I), ob quod praecipuum est, ea 
literarum testimonio roborari, nos itaque frater Henricus commen- 
dator in Schonse videntf's villam nostram, quae vulgari Rynisch 
dorff nuncupatur, propter carentiam suorum privilegiorum varios et 
periculosos habere defectus, quos eidern villae de maturo nostrorum 
fra trum communicato consilio et consensu, quorum llomina inferius 
exprimuntur, suppliciter duximus, per vigorem hujus scripti perpetuo 
juraturi (sicl). Praeterea universis Christi fidelibus, ad quos 
praesens scripturn fuerit devolutum, propalamus ac publice pro- 
testamur, villam praefatam a praedecessorilms nostris quadraginta 
septem mansis jure Theutonico fore elocatam sub conditionibus in- 
frascriptis. Praememoratae namque villae scultetus suique veri hae- 
redes et successores de jam dictis mansis quatuor mansos liberos, 
tabernam, officium scultetiae et tertiam partem judiciorum libere 
jure Culmensi perpetuo jure et haereditario possidebunt tali con- 
ditione etiam superaddita R ), ut 'luoscumque seu quotcumque .... ..ju_ 
dicio nominato in emendis faciendis suorum eXCeSSuum subportaias 
literas volumus (?). Idem Bcultetus suique haeredes et successores 
eosdem penitus habeant absolutos (?). Ratione vel'O praemissae li. 
bcrtatis volumus, ut prius dictus sC'ultetus Buique vcri baeredes et 
a) Im Text: supradicta. 


1) Dilewo, Napole und Gajewo. 
2) S. die folgende Urkunde. Der Komtur ist nicht bekannt; Märcker, 
Geschichte des Thorner Kreises S. 155 nennt Otto als Schönseer Komtur 
von 1303-29. S. o. S. 330 H .
		

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			7. 


1319. 


335 


Buccessores censum aTInualem praedictorum mansorum, cujus summa 
computata continet viginti octo marcas minus quatuor scotiR Cul- 
mensium denariorum et octoginta pullos minus duobus, ab incolis 
saepedictae villae plenius extorquebunt, eundemque censum singulis 
annis in festo purificationis beatae virginis nobis et domui nostrae 
praesentabunt. Testes hujus sunt frater Zancirmo (!) vicecommen- 
dator, frater Joannps de Quitilingiburc, frater Hermanus de Stochusin, 
frater Lambertus dominus carvanorum et Nicolaus de Tomsin no- 
atrae civitatis scultetus. In cujus rei testimonium et robur perpetuae 
firmitatis praesentes literas contulimus nostri sigilli munimine robo- 
ratas. Actum et datum (anno) domini 1317 in die beatae Annae 
matris. 


Ingrossiert im Golluber Schöffenbuch sm 14. Januar 1695. 


7. 


1319. Jantta'r 10. ,scllönsee. Heinrich Thuvel, Komtur 
1'on Schönsee, 1:erleiht dem Schulxen Lutholf und der Gemeinde von 
Rynischd01t (WimsdorO den Wald 'X,wischen Rynischdorff und .J.1Iu- 
chonwalde (Dembowalonka). 
In nomine Domini amen. Cunctorum perit memoria factorum, 
nisi scripturae praesidio aut testium adminiculo fuerint insignita. 
Nos igitur frater Benricus dictus Thuvel commendator in Schonsehe 
ad notitiam universorum praesens scriptum in tu enti um cupimus 
devenire. Quod nos de consilio fratrum nostrorum conventus ex- 
ponimus et contulimus Lutholfo sculteto et universitati rusticorum 
in Rynischdorff sylvam cum agris, qui ibidem fieri possunt, sitam 
inter granities villae }Iuchonwalde et inter granities antiquas villae 
Rynischdorff perpetuo possidendam, ita tamen, quo( d) domui no- 
Btrae Schonse post tempus libertatis de quovis manso ibidem per 
mensurationem invento, unam marcam usualis monetae et plebano 
in Rynischdorff unam mensuram avenae etiam de quolibet manso 
pro decima in festo beati Martini episcopi anTIis singulis sint ad- 
stricti. Praeterea voluruus, omnia quercina ligna meliora infra li- 
bertatem ad nostram domum B ) pertinere. Communia vero ligna 
praelati rustici sui (!) secent vel extirpent (et) ad suam utilitatem 
seu necessitatem sibimet usurpabunt. Sed statim post libertatem 
ligna omnia majora et minora sicut et agros in eorum totali esse 
volumus potestate. DOllamus insuper Lutholfo sculteto in Rynisch- 


s) Text: nOBtrum dominum.
		

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			336 


1322. 


8. 


dorff et Buis baeredibus unum mansum eX praefatis agris memo- 
ratae silvae libere perpetue posBidendum. et idem judicium, quod 
in bonis villae Rynischdorfl' habet, sibi conferimus et donamuBj et 
sic Bub unQ eodemque judicio bona eBse volumus haec et illa. 
V olumus etiam libertatem a proximo festo beati Martini episcopi 
nunc ventUl'O post octennium minime duraturam, quia tune primum 
censum de praedictis agris nominatae silvae nobis tenebuntur prae- 
sentare. Ne autem aliorum super praehabitis dubii vel erroris 
scrupuluB oriatur, praesentes conBcribi fecimuB nOBtri sigilli muni- 
mine consignataB. Testes BUTIt frater Syfridus sacerdoB domus 
nostrae, frater Zantirimis (I) noster vicecomrnendator, frater Al- 
bertus dominus carvanorum, frater Fulpertus magister pecorum, 
frater FridericuB magister coquinae et alii quamplures fidedigni. 
Datum actumque SchonBe anno incarnationis Domini 1319 IV iduB 
J anuarii. 


Ingrossiert im Golluber Schöffenbuch am 14. Januar 1695. 


8. 
1:J22. 
LuYllst 9. o. O. nuo 1,on B07lSdrJrf (?) Komtm' 1'on 
 
Sc'höuser, slellt eille Flandfeste fÜr }rlalken aus. 
In nomille Domini amen. Quoniam ea, quae fiunt in tempore, 
simul labuntur in tempore praecedente, nisi proborum uno ac (ho- 
minum?) ac literarum testimonio perennetur, nos igitur frater Otto 
de BonBdorff 1 ), commendator in Schönese, omnibus praesentem char- 
tulam inspicientibus seu inspecturis volumus e8Be notum, quod 
ex matul'O consilio et consensu fratrum nOBtrorurn ibidern contuli- 
mus Conrado de Kornice, sculteto in Malkow, necnon suis succes- 
soribuB atque vicinis in cadern villa hallc literam privilegialem 
SUPt'l' undecem manBOB in Malkow, prima locatione jure Culrnensi 
cum suis baeredibus perpetue possidendos et super hac forma, 
quod idem Bcultetus et sui haeredeB atque successores de iHis un- 
decern mansis quatuor mansos cum tertio denario de judicio libere 
perpetue possideLunt. Item donamuB etiam Nicolao atque Martino 
fratri suo feudalibuB in praenominata villa, necnon suis baeredibus 
atque successoribus de praefatis undecern mansis sex manSOB libere 
pOBBidendos tali tarnen conditione, ut serviant nobis et nostris fra- 
triLuB in Schönese servitio Polonicalij itern de aliis vel'O 


1) Vielleicht Otto von Consberg? Vgl. Märcker, Thorner Kreis- 
geschichte 155. S. o. 330 3 .
		

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			1 
I 
I 
I 


I 

 


I 
1 


8. 


1322. 


337 


triginta mansis de quolibet manso unam marcam Culmensis monctae 
eum una auea ill festo beati Martini nobis et fratribus in Schönse 
donare singulis annis sunt adstricti atque (de) taberna tres fertones. 
Item supradieti viri in praenominata villa atque eorum successores 
de Eaepenominatis mansis undecem pleLano in Zchulusowc omni 
anno de quolibet manso unam meDsuram siliginis pro missali annona 
donabunt. !tem cum nos et nostri fratres in Schönse viderewus 
defectum villae, tunc nos ad instantiam praefati sculteti ae 8uorum 
vicinorum donavimus eis octo mansos ct sex jugera; de his octo 
mansis et seK jugeribuB eontulimus sculteto ac suis bueeessoribus 
unum mansum libere perpetue possidendum, de aliis vel'O septem 
mansis ct sex jugeribus absque omni alio servitio nobis ac nostris 
fratribus de quolibet manso in praenominato termino seilieet in 
festo bcati Martini unam marcam annis singulis donarc Bunt ad- 
stricti. Item donamus etiam eis laeum in villa jacentem pro omni 
ipsorum utilitate et eum piscatura. Ne igitur supra hoc factum 
alieui suceessorum nostrorum aliquod dubium valeat Buboriri, prae- 
sentpm literam sigillu nostro ruboratam praedictis tUtiOl"i dedimus 
pro eautela. Hujus rei testes Bunt honorabiles frater Rise viee- 
commendator, frater Henrieus Spetwelt vicecommendator in Sehu- 
lusow et alii quamp1urimi fidedigni. Datum anno domini 13:22 in 
vigilia Laurentii martyris. 
Diese Urkunde ist von König Wladislaus IV am 17. Dezember 1635 
transsumiert und bestätigt worden. Das Original dieser Urkunde von 1635 
(o
er ein späteres Transsumpt?) ist bei einem Brande in Malken vor etwa 
40 .Jahren vernichtet worden. In den Grundakten von Malken befindet sich 
eille sehr schlechte Uebersetzung; die oben abgedruckte Urkunde stammt 
aus dem friderizianischen Kontributionskataster auf der Königlichen Regie- 
rung zu Marienwerder. In der Metryka koronna im Vlarschauer Archiv ist 
die Urkunde nicht vorhanden, so dass bei der Herausgabe die Marienwerder 
Hs. benutzt werden musste, deren '.rext bei allen Unmöglichkeiten noch bei 
weitem besser ist" als die deutsche Uebersetzung in den Grundakten. 
Die Urkunde macht den Eindruck einer Fälschung des 17. .Jahr- 
hunderts. An dem Wortlaut des Textes darf man freilich nicht viel Kritik 
üben, da nicht festzustellen ist, wieviel auf die schlechte Ueberlieferung 
kommt.. Folgende Momente erscheinen indessen dringend verdächtig. 
I. Unter den Zeugen wird der Ordensbruder Heinrich Spetwelt Vizekomtur 
zu Schulusow (Sloszewo) genannt; Sloszewo ist aber memals eine Komturei 
gewesen. H. Die ,.feudales" Nicolaus und Martin, die 11 Hufen zu kulm i- 
schem Recht erhalten, sind zu einem polnischen Dienst verpflichtet _ 
für die Ordenszeit eine "Unmöglichkeit. III. Die Urkunde spricht von einer 
prima locatio; wegen des schlechten Zustandes der Gemarkung (defectus 
villae) werden den Beliehenen noch weitere 8 Hufen 6 Morgen gegeben, 
22 


-
		

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			338 


1322. 


8. 


als wenn der defectus villae bei einer prima locatio nicht etwas selbst- 
verständiges wäre. Ausserdem aber fehlen die Freijahre! IV. Auf- 
fällig ist die Schenkung des Sees, während die Fischereigerechtigkeit 
mit der Beschränkung auf das Fischen mit kleinem Gezeuge und zu 
dem eigenen Bedarf verliehen zu werden pflegt. V. Die Verpflichtung 
zum Pfarrdezem widerspricht zwar nicht den geschichtlichen Verhält- 
nissen, aber ihre ausdrückliche Erwähnung in einer Lokationsurkunde 
ist höchst ungewöhnlich. Eine Erklärung dafür wird sich später 
ergeben. VI. Die thatsächlichen Angaben der Urkunde stimmen nicht mit 
denen der Zinsregister von 1446, 1447 und 1451 überein. Nach der Urkunde 
von 1322 umfasste Malken 41 Hufen. Der Schulz hatte vier Freihufen, die 
Lehnmänner Nicolaus und Martin sechs Freihufen mit der Yerpflichtung 
eines polnischen Dienstes; und ausserdem besassen sie noch acht Hufen 
sechs Morgen von den 30 Hufen der Dorfmark. Von den Zinshufen waren 
je I Mark und eine Gans zu entrichten, der Krüger gab 3 Firdun
. Nach 
den Zinsregistern war Malken 40 Hufen gross, der Schulz hatte vier Frei. 
hufen, und der Krüger zinste 3 Firdung; soweit stimmen beide Angaben über- 
ein. Ein Lehmannsgut von 6 Hufen ist dagegen im 15. Jahrhundert nicht 
vorhanden, sondern nur ein Briefführergut von zwei Hufen. Von den acht 
Hufen sechs Morgen ist in den Zinsregistern nicht die Rede. Es wäre 
schwer zu erklären, wie der Bestand von 19 Freihufen sich von 1322 bis 
1635 erhalten hätte, während von 1446-51 (und doch nicht allein in dieser 
kurzen Periode) nur sechs Freihufen vorhanden waren. Endlich betrug 
nach den Zinsregistern der Hufenzins nicht I Mark, sondern nur 16 Skot 
24 Pfennig. VII. Auffällig ist die besonders eindringliche Yerwahrung des 
Schlussat:t:es gegen eine Verdächtigung des Privilegs: "Ne igitur super hoc 
factum alicui successorum nostrorum aliquod dubium valeat suboriri, prae- 
sentem literam sigillo nostro roboratam praedictis tu tio ri dedimus pro 
cautela." 
Zu dieser Reihe geschichtlich teils auffälliger, teils unmöglicher 
ThatsacheIi kommt hinzu, dass die Bestätigung der Urkunde i. J. 1635 von 
Umständen begleitet ist, die zu dem Verdacht führen, dass die der könig- 
lichen Kanzlei vorgelegte Urkunde kurz vorher gefälscht worden ist. 
Als der Schulz von Malken, der Edle Simon Malkowsky, Ende 1635 
eine Bestätigung dieser Urkunde von König Wladislaus erwirkte, hatte ihm 
der Strasburger Starost die Rechtmässigkeit seiner Ansprüche, die er zu- 
gleich auf die Lehmannei erhob, bestritten. Eine königliche Kommission 
entschied am 24. Juli 1636 - auf Grund des Privilegs I - zu Gunsten des 
Schulzen; am 24. Juli 1643 liess Malkowsky alle diese Urkunden in das 
Strasburger Schöffenbuch ingrossieren; eine Ut'bersetzung davon befindet 
sich bei den Gl'Undakten von Malken. Malkowsky besass sonach 19 von 
den 40 Hufen des Dorfes Aus der Kirchenvisitation von 1672 erfahren 
wir, dass vor dem ersten Schweden kriege 20 Bauern in Malken gewesen 
wären; dass aber im ganzen Dorf nur Einhüfner gesessen haben sollten, 
wäre auffällig. Man möchte annehmen, dass Malkowsky die Entvölkerung 
des ersten Schwedenkrieges dazu benutzt hat, sein Schulzengut durch 
Usurpation von wüstem Bauernacker, den er dann als Lehmannei ausgab,
		

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			9. 


1327. 


339 


zu vergrössern; denn dass auch Malken in bei den Schwedenkriegen 
- arg verwüstet war. geht daraus hervor, dass 1672 auf dem verlassenen 
Bauerland ein Vorwerk errichtet war. 
Das Interesse für Sloszewo, wohin der Fälscher sogar eine Komturei 
verlegt, würde sich daraus erklären, dass die Sloszewer Kirche schon in 
dem 13jährigen Kriege zerstört war; wenn er also seine Verpflichtung her- 
vorhob gerade an die Sloszewer Kirche zu zahlen, mochte er hoHen, sich der 
Dezemzahlung an den Wrocker Pfarrer, zu dessen Kirchspiel Malken jetzt 
gerechnet wurde, zu entziehen. 
Ob dem Fälscher die echte Handfeste von Malken vorgelegen hat, 
ist natürlich nicht festzustellen; in der vorliegenden Fassung der Urkunde 
ist sie jedenfalls für die Geschichtsforschung nicht zu verwerten. 


9. 
1.121'. Jan'llm' 2. Plock. Bischof fi'lorin'n von Plock stellt 
die IIandfeste fÜr Gurxno aus. 
In nomine Domini amen. Cum humana negotia, quae fiunt in 
tempore, perpetuo duratura labantur cum tempore, ad perpetuam 
rei memoriam solent testium subscription
 de scriptorum testimonio 
perhellllari. Bine est quod nos Florianus Dei gratia ecclesiae 
Plocensis episcopus cupientes bona ecclesiae nostrae Gorzno vul- 
gariter dicta mpliorare, domino Emffragante, discreto viro Theo- 
dorico eadem bona concessimus et dedimus, de consensu Plocensis 
capituli, ut in eisdem locet civitatem et villam jure Culmensi. 
Idem vero Theodoricus advocatus ejusdem civitatis ratione loca- 
tionis villae cum suis legitimis successoribus decimum mansum 
liberum retinebit. In bonis autem praedictis octuaginta mansi 
memmrari deLent, et si plures fuerint, census in ipsis augebitur. 
Sin autem pauciores extiterint, diminuetur et census. Prata autpm, 
quae jacent, ubi inftuit Gorznicza in Brenniciam, sursum ascendendo 
usque ad ßuvium, qui vocatur Wlecz, inftucntem in Bl'enniciam et 
inter fluvi08, qui Czerzesnia vocantur, et paludes usque ad pontes: 
bujusmodi prata et paludes mansorum volumus solubilium in IDen- 
suram includi. Villa aut9m memorata cum OInni jure et utilitatc 
ad civitatem pertinebit, excepto nostro censu et tertio denario ad- 
vocati in eadem villa de qualibet rp judicata. Praeterea eidpm 
advocato et suis succe8soribus dedimus quinque jugera terrae vel 
paludi8, ubicumque elegerit, pro horto ve] curia construpnda. Item 
concessimus et pel'misimus praefato advocato et suis SuCcessoribus 
usum piscandi libere in lacu nostro, qui vocatur Czarny Brinsk. 
Don tarnen cum sagena, quae niewod vulgaritcr appellatur. Item 
pro hurtis civitati mensUJ'ari fecimus unulll mansum. Item pro 
22* 



J 


.....
		

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			340 


1327. 


!). 


paseuis et utilitatt! eivitatis viginti mansos dedimus mensuratos, in- 
cipiendo prope civitatem retro rivulum a monte directe proce- 
dendo eum mensura, ad molendinum, quod inferius jacet tlUper 
ßuvium, qui voeatur Gorznicza, usque ad litus lacus ß ), exceptis nos.. 
tris pratis, quae Pollakowa l
nka appeUantur. A rivulo autem prae- 
dicto per silvam Karw directe mensurando viginti mansi iam dicti 
usque in borra debent terminari, Eisdem etiam civibus permisi- 
mus et dedimus usum piseandi in laeu, qui appeIlatur Maglmm 
Wlj,ndziebne, et ut bona memorata in silvis, borris et nemoribus 
consistentia redigi possint citius ad culturam, damus incolis ibidem 
duodeeim annorum plenariam libertatern, qua elapsa de quolibet 
manso solubili Bingulis anniB in die purificationis Dominae nostrae 
dimidia marca usualiB monetae nobis ae nostriB successoribus solvi 
debet. De judiciis autem in civitate nobis duo denarii cedent, ad- 
voeato unus. Causa qualiscumque orta fuerit in libertate civitatis, 
ad judicium pertinebit advocati. Similiter et in villa quaelibet 
causa inter granicies exorta in eadem villa debet judieari. !tem 
da macellis carnifieum, pistorum, sutorum, de cameris panllicidarum 
et de balneo unus nobis, alius advocato et tertiuB civitati denarius 
perBolvetur. Item de qualibet curia singulis annis in die beati 
Martini nobis Bex denarii solvi debent, ita tarnen quod de quolibet 
censu habebunt annorum duodecim libertatern ab eo tempore, QUO 
incipient se loeare et domus construere meehanici supradicti. Cae- 
terum qualiBcumque utilitaB et cenSUB fieri potest inter plateas in 
locis oeiosis, ubi curia integra vel dimidia esse non potest, in foro 
et extra plancas 1 ) in libertate civitatis, ibi advocatus unum dena- 
rium et civitas duos habebunt. Item quicumque hominum ad civi- 
tatem Gorzno et ad libertatem ipsius undecumque aufugerit, nulli 
liceat eum violenter eripere, sed ibidem judicabitur pro facinore b ) facto 
secundum jus CulmenBe. Item concedimus et volumus ut ecclesia 
parochialis in civitate locetur. Item dedimuB advocato molendinum 
in ßuvio dieto Gorznieza pro serrandis C ) asseribus, addentes eidern 
molendino de borrR et silva ad unum miliare; ad quod molendinum 
viae et semitae debent esse liberae. Si Rutem defectus lignorum 
in borra praedicta tantus esset, ut e
 hoc cessaret utilitas molen- 
dini, permittimus eidem advocato, ut in eodem loco molendinum 
pro frumento et annonis construere possit, pro se ac suis successo- 
a) Text: laci, b) Text: foro. c) Text: sarandis. 


1) d. i. der Plamkenzaun, die Umwehrung der Stadt. 


1
		

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			10. 


1333. 


341 


ribus lihere ac perpetuo possidendum; quem ftuvium intra molen- 
dinum usque ßrenniciam cum omni utilitate liberum obtinebit. 
Addimus insuper molendino praedicto quatuor jugera de pratis in- 
ferius libera et duo jugera de terra circa molendinum pro curia 
et pro (h)orto. Item damus eidern advocato et suis successoribus 
usum piscandi in piscina duobus diebus, videlicet feria sexta et 
sabbato cum parvo reti, stampnicza, gulgustrio et cum saccis. In- 
strumenturn pro eapiendis piscibus, quod polonice wzmiod dicitur, 
si nobis et advocato expedire viuebitur, construetur, de quo tertium 
piscem habebit. In rivulo vero altius molendinum nihil construetur, 
unde molendinum advocati deteriorari posset vel destrui. In cujus 
rei testimonium praescntem literam scribi mandavimus, sigillis 
nostro videlicet et capituli nos tri sigillatarn. Actum et datum in 
Ploczk anno domini 1327 in crastino circumcisionis Domini. Prae- 
sentibus iis dominis Clemente praeposito, Alberto decano, Alberto 
seholastico, Stephano archidiacono, Petro cantore magistro, 
latia 
custode, W ollcmaro archidiacono Dobrinensibus, magistro Andrea, 
cancellario, Janussio officiali, Stanislao subcustode, Nicolao canonico 
et aliis praesentibus fidedignis. 
Aus der Metryka koronna lWarschaner Archiv), Band 137. S. 125 f.: 
Confirmatio et innovatio privilegiorum super bona episcopatus Plocensis 
a. 1592. 


10. 
1333. Feb'l'ua'r 2. P1Qck. Bischof Florian 'von Plock 
macht bekannt, unter wekhen Bedingungen er im Jahre 1322 
Grondxaw an Engelbert 'verliehen habe, und protestiert gegen dessen 
Anspriiche auf Scltwetx. 
Noverint univel'si praesentes literas inspecturi. Quod nos 
FloriaIius Dei gratia Plocensis ecclesiae episcopus, quemadmodum 
alias in presentia religiosi viri fratris Sichonis de Lucibh provinci- 
alis terrae Culmensis 1 ), cum essemus in Strasburg apud ipsum per- 
sonaliter constituti, protestati fuimus, sic et nunc a prima pro- 
testatione non recedendo, sed eam potius inDovando protestamur 
in his scriptis. Quod lieet Bangelbedo et suis successoribus, 
intendentes meliorationem bOllorum ecclesiaA Dostrae predictae, 
quinquaginta mallBOS tantum in villa ejusdem ecclesiae nostrae 


I) Der Name scheint verderbt zu sein. Ein Kulmer Landkomtur ähn- 
lichen Namens ist nicht festzustellen; 1320 bis 25. April 1331 war Otto 
von Lutterberg und 27. Juni 1333 bis 10. August 1334 war Konrad Kesselhut 
Landkomtur von Kulm.
		

/Pomorze_003_12_368_0001.djvu

			1340. 


I 


342 


11. 


, 


Gr
nzewo vulgariter nunl
upata dederimus et concesserimus una 
cum consensu capituli nos tri jure Culmensi loeandos, de quibus 
quinquaginta manBis quinque mansos liberos pro Be et suis BUC- 
cessoribuB et quatuor pro ecclesia denuo ibidem fabricanda in per- 
petU11m obtinebit. Libertatem autem habebit duodecim annorum 
videlicet ab anno domini 1322, tertio KalendaB Julii, qua elapBa. 
nobis et Buccessoribus nostl'is solvet mediam marcam monetae 
Torunensis de quolibet manBO solubili in festo purificatioDis sanctae 

lariae integralitcr annuatim. Racione vel'O locationis pocnas 
omlles. judiciorum pro se et suis successoribus ac molendinum st>u 
molendina intra eosdem quinquaginta mansos per ipsum extruenda 
retinebit. Quicquid autem ultra quinquaginta mansos praedictos 
per memmram distinctos et enumeratos infra limites dictorum bonorum 
in Grlj,nzew supererit, hoc ad nos et nostros 8uccessort>s debet 
libere pertinere, vel de hujusmodi rernanentibus mansis bonorum 
eorundem nos et nostri successoreB disponemus pro nostro libito 
voluntatis. Et si aliquls defectus ad complendos pl'aedictos quin- 
quaginta mansos in eadem haereditate fuerit Grlj,nzewo, nos Bibi 
aliunde praedictum defectum promisimuB adimplere. 
Insuper protestamur in his scriptis, quod idem Hengelbertus 
haereditatem Dostram principalt>m, quae Swt>ce appellatur, ad quam 
eadem villa Gr
nzewo, Gorzno et aliae villae ecclesiae nostrae in 
districtu illo constitutae tanquam ad castrum contiguitas pertinebant, 
nullum jus habens occupavit et occupat violenter; unde si quae 
literae penes praefatum Hengelbertum, prout ipse aSBerit, praeter 
banc formam et ordinationem super locatione quinquaginta man- 
sorum praedictorum compertae fuerint, in nostrae ecclesiae Plocensis 
et nostrum praejudicium confectae, tales literas dicimus et protes- 
tamur subreptitias atque falsas et. ipsas de vitio ac errore notarii 
praeter nostram et nostri capituli conscientiarn procesBiBse. Facta 
est autem haec prote::;tatio apud Ploczk in nostra cathedrali ecclesia 
anno domini 1333 in die purificationis beatae Mariae virginis. Prae- 
sentibus religiosis viris fratribus etc. 
Aus der Metryka koronna lWarscl1auer Archiv) Bd. 137 S. 132: Con- 
firmatio et innovatio privilegiorum superj bona episcopatus Plocensis a. 159 


, 


. 


t 


H. 
1340. Septernbm' 20. Pm.t1Ulczyn. Hochmeister Diet- 
rich Burggraf von Altenburg verleiht dem Clauko von Jura das Dm,! 
Nl'rlJ' (NieU'ierx, Neuheim). 


-
		

/Pomorze_003_12_369_0001.djvu

			, 


. 


t 


11. 


1340. 


343 


In nomine Domini amen. Noverint universi praesentium 
noticiam Imbituri. Quod nos frater Theodoricus burgravius de 
AIdenburg ordinis hospitalis beatae Mariae domus Theutonicorum 
Hierosolymitanae generalis magister, de maturo fratum nostrorum 
consilio, voluntate et eonsensu damus, conferimus liberaliter ct 
donamus fideli nostro Cla!lconi de Jura ob lidelitatis et probitatis 
suae obsequia nobis et ordini nostro saepius exhibita et in posterum 
exbibenda suisque veris haeredibus ac legitimis successoribus villa m 
nostram dictam Nevir in lOuis graniciis, Bicut inter granicias hic 
8ubscriptarum villarum dinoscitur fore sita, videlicet Schabe, Schene 
et bona quae quondam Cantyl possedit necnon Yalkow et Choyn l ), 
eo modo et conditione, quemadmodum eam fratres nostri de Stras- 
berg posf\ederunt, iure Culmensi perpetuo libere et hereditario 
possidendam. Racione huius nostrae donationis et collationis prae- 
libatus Clauco de Jura et eius posteri ac successores de praedicta 
villa Nevir servitium de tborace, quod eyn plathendinst volgariter 
dicitur, nobis et nostris fratribus secundum terra
 consuetudinem 
faccre fideliter erunt astricti. In (Iuorum evidentiam et robur 
firmitatis perpetuae praesentes scribi fecimus ac sigilli nostri muni- 
mine roborari. Huius rei testes sunt honorabiles et religiosi viri 
fratres nostri in Deo dilecti Lutolfus Konyng magnus commendator 2 ), 
Henricus de Bonenchen commendator Thorunensis 3 ), Henricus DUbmer 
commendator de Stral:!berg 4 ), Hartungus commendator Redinensis 5 ), 
'l'heodoricus de ScheLkenberg commendator in Grl1dentz 6 ). Berko 
commendator in Schonenze 7 ), Joannes commendator in Golnba 8 ), 
Burkardus advoeatus terrae Culmensis, dominus Cristanus 
canonicus ecclesiae Pomezaniensis ca}.Jellanus nostel' . Henricus 
de Cranchvelt 9 ) et Joanlles de Falkenstein 10 ) socii nostri, dominus 


1) Szabda. MszanDo, Kantilla bei Sloszewo (untergegangen), Malken 
und Choyno. 
2) Ludolf König, Grosskomtur 133t1-42. 
3) Heinrich von Boventin, Komtur von Thorn 1340. 
4) Heinrich Dusmer, Komtur von Strasburg 1340-43. 
5) Voigt und Mülverstedt nennen 1339 den Komtur Hartmann von 
Rehden. 
6) Dietrich von Schenkenberg, als Komtur von Graudenz bisher un- 
bekannt, war 1338 Komtur zu Ragnit. 
7) Becko oder Getke als Komtur von Schön see 1343 genannt. 

) Johann (Zuname unbekannt), Komtur von Gollub 1343. 
9) Heinrich von Kranichsfeld. 1336-44 Oberster Kumpan. 
10) Johann von Falkenstein, 1238-46 Unterster Kumpan.
		

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			I 


344 


]343. 


12. 


Nicolaus plebanus in Strasbercb 1 ), Enoch et Joannes notarii nostri 
et alii quamplures fidedigni. Datum et actum in curia venationis 
nostrae Parthaezyn 2 ) anno domini 1340 N feria ante diem 
S. 
Iatthei apostoli et evangelil:!tae. 


Ingrossiert im Strasburger Schöflenbuch am 14. Mai 1605. Ein 
kürzerer Auszug dieser Urkunde befindet sich in dem Anhange zum Sam- 
]ändischen Handfestenbande (Königsb. Archiv, Ordensfoli!lnt 105 BI. 223.) 


, 


12. 
1343. lJliin 12. Bürgermeister und Rat der Stadt Stms- 
burg herlrkunden die Schenkung eines wunderthätigen Kreuxes durch 
den Strasbllrger Stadtpfarrer Nikdau.
 JVolwelim oder .von Sandomir. 3 ) 
Nos Henricus dictus Mux proconsul, Hermannus de Crossen, 
Conradus dictus Kuvernik, Heynko, Swetczko, Reynko de Ploczk, 
Johannes de Vrienstadt consules universitasque civium civitatis 
Strosbergensis notum facimus omnibus ac singulis prel:!entibus et 
futuris presentia visuris et audituris. Quod venerabilis vir dominus 
Nicolaus W olwelim fautor nostprsincerus plebanus nostre civitatis in 
bona valetudine corporis sui constitutus debita meditatione prehabita a ) 
ob reverentiam Dei omnipotentis et beate Marie virginis necnon 
sancte Katherine virginis, in quorum honore[ m] constructa est 
ecclesia supradicta, testamentaliter quandam erucem ex auro et 
argento fabricatam gemmisque preciosis adornatam, cui insitum est 
lignum unifice crucis, quod multorum miraculorum insigniis poUet, 
ut experientia factorum videtur comprobare 1 contulit, donavit et 
dedit ob suorum remissionem peccatorum volens, ut eadem crux 
cum eodem salutifero ligno nomine testamenti aput ecclesiam maneat 
iugiter absque omni contradictione, tali tarnen condicione interiecta, 
quod iam dictus dominus Nicolaus plebanus noster reverendus 
eiusdem crucis et ligni debet esse conservator, dispositor et tocius 
fructus ex ea provenientis perceptor et possessor. Insuper iam 
a) Tex t: pesata. 
1) Nicolaus Wolvelim oder von Sandomir. S. u. Nr. I
. 
2) Gross Partenschin, Kreis Graudenz. 
3) Eine Urkunde des Hochmeisters Ludolf König von 1343, Bratian 
den 9. NovembeT, die diese Schenkung bestätigt, ist nach einer schlechten 
Abschrift in einer Kirchenvisitation von 1793 von Heise, Kunst- 
und Baudenkmäler S. 442308 gedruckt. In dieser Urkunde heisst der 
Stadtpfarrer Nikolaus von Sandomir, wie er auch in anderen Urkunden, 
z. B. Do. Brief-A. 1451, 29. April, SchiebI. LIla (Königsb. Staatsarchiv) ge- 
nannt wird. 


CII 


-
		

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			, 


" 


.. 


13. 


1347. 


345 


dictus dominus NieolauB ex divine remuneracionis intuitu et Bue 
largitatiB beneficio contulit eciam ecclesie supramemorate monstran- 
eiaB ad eum spectantes atque tabulas, quotquot habebat in eadem 
eccleBia, modo testamenti; has tabulas ecclesia debet pOBsidere ad 
decorem domuB Domini, tarnen reservata condicione donacioniB crucis 
Bupradicte, videlicet quod ipse earundem tabularum et monstranci- 
arum debet esse possessol' et dispositor ad tempora Bue vite. Hanc 
donacionem deificam ab ipso facta m sub testamenti nomine gratam 
acceptamuB volentps, ut memoria eiuB per nOB et nOBtros successoreB 
eternaliter perBeveret, condicionem eciam intersertam: ut prae- 
mittitur, approbamus et tenere volumuB rate, omni semoto dolo 
atque fraude. Ut autem huiusmodi donacionem acceptam et rati- 
habicionem interjectam pro condicione fortius vallare possimuB, 
uni verBales comparochiales nOBtros, qui ad Bepedictam eeclesiam 
pertinent, tarn milites quam pheodales et Bcultetos et ceteroB Benior6B 
civitatis nOBtre, quorum nomina Bequuntur, in testimonium Bupradic- 
torum duximus annotari. TeBtes sunt dominus Jeachko de Plowis 1 ), 
Petrus de Cruschin 2 ) frater suus milites, StiboriuB miles, filius BUUS 
MathiaB, Nicolaus de Jura 3 ), Bcultetus Dostre civitatiB dictuB Con- 
radus Howman aÜ]ue cives Dostri Beniores Bertoldus Kuweyde, 
JohanneB Brist, Johannes Rot, NicolauB Plocensis, HermannuS 
Sirkov, Heynko. Rutenus, JohanneB cancellariuB, SidilmannuB textor, 
Johannes Vorwerk, JohanneB Speteler, Kimo carnifex; Bculteti 
vilIarum Gobil in Schab 4 ), Gregorius in Cruschin 2 ), JohanneB in 
Michelow5), et quamplureB fidedigni. In robur omnium premiBsorum 
Bigillum civitatis nostre presentibus eBt appensum. Datum et 
actum in Strosberg anno Domini 1;
43 in die Bancti Gregorii pape 
gloriosi. 
Deutschordens- Briefarchiv (Königsberger Archiv) 12. März 1343, 
Schieb!. LIla ohne Nr. Abschrift des 15. Jahrhunderts auf einem Quart- 
blatt, das aus einem Folianten ausgelöst ist. 


13. 
134'1. ..Jp,'il 6. .J£(lI"icnlJlu'y. Hochmeister Heinrich 
Dusmer verleiht dem Schuhen Nikolaus von Zcexschin (Ciesxyn) 
7 1 j. j Hufen in Call1po oder :tu dem Felde (Napole). 
1) Plowenz. 
2) Adl. Kruschin. 
3) Jaworzp. 
4) Szabda. 
5) Michelau. 



.At-.. 


--------<001
		

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			I 


346 


1353. 


14. 


. 


Noverint universi praesentium notitiam habituri. Quod nOB 
frater HenricuB Tusmer ordinis fratrum hospitaliB sanctae 
fariae 
Theutonicorum Bierosolymitani magister genera)jB de fra trum 
nOBtrorum consilio et consenBU damuB et conferimus fldeli nostro 
Nicolao sculteto de Zcezschin Buisque veriB heredibuB et legitimis 
Bucces80ribuB septem mansos liberos cum dimidio manso in Campo 
dicto zn dem Felde sitos iure CulmenBi haereditarie et perpetuo 
posBidendos. De quibus mansis iidem nobis et fratribuB servicium 
cum thorace, quod dicitur eill plathendinst, secundum conBuetudinem 
terrae facere Bint adBtricti. In super de quolibet dictorum manso- 
rum dictuB NicoJauB et sui posteri dimidium fertonem denariorum 
prutenicalillm domuB nostrae in festo Bancti Martini episcopi pro de- 
cima singulis solvet anni8. Ad haec in omnibus lacubu8 iuxta 
castrum Osthroic l ) sitiB cum parvis instrumentiB pro mensa 
eorum piBcandi liberam habeant facultatem. In quorum teBtimonium 
praesentes nOBtri sigilli appensione duximus roborandas. Testes 
huius Bunt honorabiles 
ratres nostri Henricus de Radproder (I) 
magnus commendator,2) SigfriduB Dernfeld marschalkus,3) de Rimi- 
gi80n (I) summUB trapparius et commendator in Brunsberg 4 ), JoanneB 
Langerack thesaurarius,5) dominus Joannes nostel' capellanus, Her- 
mannUB Stockheim,6) Joannes de Falkenstein 7 ) nostri socii et plures 
alii fidedigni. Datum Marieburgi anno 1347 feria sexta infra 
octavas Paschae. 


Transsumpt von Sigismund 111., Krakau den 26. Mai 1609, im 
liolluber Schöffen buch ingrossiert den 17. Dezember 1619. 


14. 
1353. Septmnbe1' 10. Bratltean. Hochmei.<;ter TVinrich 
von K niprode l'erleiht der Stadt Strasbw'!J ein StÜck Land an der 
Drczl"en:::. :Ut?' Vergrösserltllg der Stadt. 
Winrieh von Kniprode magiBter generalis. 
Wir haben mit rate und willen der gebytiger unBer stat Stras- 
berg gewytet und vorlien und geben der stat burgern und inwonern 


I) Der Burgwall bei Ostrowitt. 
2) Grosskomtur war 134G-51 Winrich von Kniprode. 
3) :5iegfried von Dahenfeld, Oberster Marschall 1347- 59. 
4) Konrad von Bruningisheim, Oberster Trappier 1344-47. 
5) Johann von Langerack, Oberster Tressler 1346-56. 
6) Erwin von Stockheim, 1347 Oberster Kumpan. 
7) Johannes von Falkenstein 13-16-47 Oberster Kumpan. 


.-.-
		

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			. 


15. 


1354. 


347 


und iren nachkumelingen den vlec bie der Driwancz, da unsers 
huseB (laselbins colgal'ten was und hövEchune stunt, bis an den 
grabin deB vurburgis des vorgenanten unser/! hUBzeB, als in (lpr 
vlec von uns und unsern brudern bewiset i8t, czu siUchem rechte, 
als die stat vor gehabt hat, eweeliehin ezu besiczin, in suleher 
wyse, das wir eyn tör machen ruugen, des wir gewaldig sin sullen.. und 
eyne brucke von dem vorgeschreben vurburge in die stat; dar czu 
sullen uns der stat inwoner lasspn eyne gerurne btrasse oder gas8e 
in der stat, i'ts und yn zu zcien. Von des im vlecke BulIin Bie 
uns zeinsen und gt'ben alle jar uff sente Mertins tag zcen mare 
pfennige gewönlicher muntze des landis; was sie ouch deB vleckiB 
genYBsen mugen, das BaI zcu male ir Bsin, also bescheideliehiD, 
daB uns an unsserm zcinBse, den wir vor hattin in der stat, nicht 
abege, odir daran Behcdeliehin Bie. Guch sullen wir iB mit dem 
gericbte also halden uf dem decke, als wir e8 vor in der stat ge- 
halden habeD. In cuiuB rei te
timoDium ete. Datum Bratian allno 
Domini 1353 feria UI post nativitatiB beate :\J arie virginiB. 
Gekürzte Abschrift im Anhang zum Samländisehen Handfestenband 
IOrdeDsfoliant 105; Königsberger Archiv) BI. 229 b. 


15. 


1354. Ol..tober 22. BiitoU'. Hochmpisla Winrich 1:on K'lIip- 
l'ode verleiht dem Johmmes Chaden das Gut Borskow (Gorxechou'ko, 
Hochheim). 
Nos frater WimicuB 8 ) de Kniprode magister ordinis fratrum 
ho
pitali8 sanetae Mariae domuB Tputonicae in HieruBalem cum 
CODBilio et consensu congubernatorum nostrorum damus et conce- 
dimus fideli nostro Joanni Chaden et legitimis eius haeredibuB et 
suecessoribus bODa Borskow nuneupata in b ) suiB veris limitibus 
libere haereditarie et in aevum possidenda. ConcedimuB insuper 
stagnum SmolsiD nUllcupatum; lacum autem Ostf'rwie dictum nobis 
pro nostro eommodo retiDemu
, DihiIominus in eodem laeu parviB 
retibus piscare C ) pro necessitate oumtaxat mensae suae permitti- 
mus. De iisdem boniB debebunt nobis praestare servitia ad omneB 
expeditiones beUicas, oefen8iones, ad aedifieationem novarum areium, 
reparationem antiquarum sive destructionem totieB, quoties, quando 
et quo demandaturn iUiB per nOB et fratres nostreB fuerit. Et 
quoniam gleba ihidem e9t iDscriptiIis (sie I), proinde talern iiB 


t 


a) Text: Henrieus. b) Text: eum. e) Text: piseandi. 


J-- 


-------"
		

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			348 


1361 


16. 


.. 


contulimus gratiam, quod nobis a quolibet manso annuatim loco 
siliginis aratralis dare tenebuntur modium 8venae pro festo sancti 
Martini episcopi. Debebunt etiam praestare episcopo, quod eum 
concernet. Si vero in futurum defectus reperiretur mensurae 
eorundem bonorum, hunc adimplere nolumus esse obligati. In 
testimonium ho rum sigillum nostrum hisce literis appendimus. Datum 
in Bytow anno 1354 feria quarta post festum sanctae Hedwigis 
proxima. Testes sunt fratres nORtri dominus Henricus de Bonentbyn 
magllus commendator,l) dominus Joannes de Langerak thesaurarius,2) 
Adalbertus de Leesten commemlator Tucholiensis,3) dominus Wicbold 
noster capellanus, Wolf de Veldirscheyn 4 ) no ster collega, Ludolphu9 
Hake et alii honesti homines. 


Der königlich preussische Rat und Archivar Johann Winkelmann 
hat eine Abschrift dieser Urkunde, die ursprünglich in deutscher Sprache 
abgefasst war, am 31. August 1731> nach einer Vorlage in dem Königsberger 
Geheimen Archiv (wo sie jetzt nicht mehr vorhanden ist) ausgefertigt. Der 
Stadtsekretär von Kulm Gustav Hoffmann hat die Urkunde am 23. Mai 1772 
in lateinischer Übersetzung in das Kulmer Schöffenbuch ingrossiert. Eine 
Abschrift hiervon befindet sich in dem Kontributionskataster auf der Kgl. 
Regierung in Marienwerder. 


I 


16, 
1361. Jul'i 8. o. O. Werner von Bendix, (7) Komtur von 
Strasburg, verleiht dem Pyncuse das Land xwisclten den Grenxen 

'on Cross Smyow, Klein Smyow und St!/bitx (Zmiewo, Zmiewko 
und Zbicno). 
Wissentlich sey allen den, die diesen kegenwertigen brieff 
sehen oder hören lesen, dass wir bruder Werner von Bendiz (?)5) 
comptbur zu StrasRburgk mitt unser bruder zeittli
hem rattbe haben 
gegeben undt vorliehen Pyncuse dem knechte durch eines getreuen 
dinstes willen undt seinen nachkömlingen frey, wasz do zwischen 
den dreien gräntzen ist, zu Grossen Smyow undt zu Kleinen Smyow 
undt zum Stybicz bis an den see und dass vlyss. Dass diese 
dinge gantz undt stete bleiben, so haben wir unser insiegill ge- 
hangen an diesen gegenwertigen brieff, der gegeben ist in der 
jarzahl unsers herrn geburt tusend jar dry hundert jar in dem ein 


1) Heinrich von Boventin, Grosskomtur 1351-59. 
2) Johann von Langerack Tressler 1346-56. 
3) Albrecht von Lehsten, Komtur von Tuchel 1354-56. 
4) Wolf VOll Baldersheim 1352 - 54 Unterster und 1355 Oberster Kumpan. 
5) Der Strasburger I\:omtur aus dieser Zeit ist ,sonst nicht bekannt. 


----.&. -
		

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			17. 


1366. 


349 


undt sexgestin jar an sanct Kilians tage. Des sindt gezeugen 
hruder Luther unser hauscomther, her Hans unser priesterbruder, 
bruder Arnold von Crosten unser zollmeister, bruder Kopell unser 
schmidemeister, bruder Rynkenberger UD8er kuchemeister, bruder 
Albrecbt unser schuhmeister, bruder Peter unser marszalk undt 
andere gutte leute genug. 
Ingrossiert im Strasburger Schöffenbuch am 20. Juli 1603. 


17. 
1.WJ(J. Novcmbm' 28. Biitow. Hochmeister Willrich von 
Kniprode verleiht dem Landl-ichter Jocosch das Gut Jacoschkodt'X- 
( Jaguscheu-itx). 
Wir Bruder Winricb von Kniprode Hochmeister des Ordens 
des Spitals sanctae Mariae des deutschen Hauses zu Jerusalem. 
Mit Rat 8 ) und Willen unser Mitgebietigel' verleyhen und geben 
unserm getreuen Jocoschs Landrichter und seinen rechten Erben 
und Nachkömlingen die Güther Jakoschkovitz mit den Seen und 
mit den Flüssen, die da liegen binnen derselben Güther Grentzen, 
als ibm die Grentzen beweist sind von unsern Brüdern, zu Köll- 
mischem Rechte, frei erblich und ewiglich zu besitzen; auch ver- 
leyhen wir ihm, dass sie ein Rad bengen und haben in ihrer 
Mühle; hiervon sollen sie uns getreulich zwey Plattendienst thun, 
zu allen Heerfahrten, zu Landtwehren, neue Häuser zu bauen, alte 
zu bessern oder zu hrecben, wenn, wie dick und wohin sie geheissen 
werden von uns oder von unsern Brüdern. Unll wann der Acker 
da geringe ist, so geben wir ihm von sonderlichen Gnaden, dass 
sie uns geben von jeglicher besetzter Hube einen Scheffel Haaber 
zu Pflugkorn, und zu Bekenntnis der Herrschaft zwey Marktpfund 
Wachs und zweene KöUmiscbe Pfennige an der Statt, auf Sanct 
:Martins Tag. Zu ewigem Gezeugnis dieser Dinge haben 
wir unser J nsiegel an diesen Brief lassen hängen. Gegehen zu 
Bütow, am Sonnabend vor Andreae in unt>ers Herrn Jahr 13li6 b ). 
Gezeuge sind unsere lieben Brüder Hprr Wolfram von Veldirsheim 
Grosskompthur1), Herr Schwedier von PeHant Treseler 2 ), Bruder 
Heinrich von 'I.'habach Compthur zu Schlochau 3 ), Herr Nicolaus 
a) Text: mit Recht. b Text: 1466. 


. 
I 


1) 
w olfram von Baldersheim, Grosskomtur 1360-74. 
2) Sweder von Pellant, Oberster Tressler 1356-75. 
3) Heinrich von Thabach, Komtur von Schlochau 1355-70. 


*-
		

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			350 


1368. 


18. 


Ull
er Capellan, Bruder Siegfried Pfleger zu TuchelI), Erwinn 
Cruffeln 2 ), Marquardt von Barheim 3 ) unsere Compane und andere 
ehrhare Leute. 


h 


u 


Fehlerhafte Copie im Kontributionskataster von 1772 au
 der König!. 
Regierung zu Marienwerder. Angaben über die Herkunft der Urkunde 
fehlen. 


18. 
1368. Apl'U 23. o. O. KOIll"ad 1"On Kalemont, Komtur t 
VOll Strasburg, ve1'/eiht dem StraslJUrger Biirger ClauB Brekm' ein I 
Erbe hinter der Georgenkirche an der DrewenJ;,. I 
Wit>sentlich sey alle den, die diesen kegenwertigen brieff sehen I 
odder horen It'sell, das wyr bruder Conrad von .Kalemont kornpter 
zu StraszLurg4) mit wolbedachtem mute und mitt willen und vorheng- 
nussen unserer eltesten bruder haben vorliegen und gegeben dem 
ersamen manne Claus Breker UIlserm burger und seynen rechten 
nachkömlingen eyn erbe, das do hin der S. Georgen und zwischen 
zweien graben und der Dribnitz gelegen ist, und dazu einen freyen 
weg, [ der] von alders her dazu ge west ist, durch unsern ros garten 
bis zu dem selbigen erbe, ewicklich frey ane alle scharwerck und 
zu allem nutze zu besitzen. Und vonn deme sol er UDS geben alle 
jar auff sanct Mel'tens tag des bischoffs anderthalbe marg zins 
gewonlicher und preuscbcr muntze. Auch so haben wyr im gegeben 
einen flek, als man do VOlllle zu gebet zwischen den garten; do 
Boll er eynen gertller hin setzen, und derselbe gärtner soll geben 
zwPy scot schiffgeld zu dem hause und sol frey sein aller hende 
scharwerken und beschwerung von des hauses wegen; und zu einer 
steter festerung dieser dinge, 80 habell wyr unser insiegel an 
diesen brieff gehangen und ist gegeben in der jarzal nach Ullsers 
lIelTn gl>burt 13öS. Des sind gezeugen unsere ersamen brüder 
her Ludowigk YOnll Wolkinbol'c 5 ), der alte kornpter, her Bertold von 
Lüstringen unser hauskunter, her Johann Lichte unser stivelmeister, 


e 


I) Siegfried von Gerlachsheim, l\:omtur oder Pfleger von Tuchel 
1356 - 70. 
2) Erwin von Kruftele, Oberster Kumpan 1363-67. 
3) Marquardt von Larheim, Unterster Kumpan 1363-69. 
4\ l\onrad von Kalemont, als Komtur von Strasburg bisher nach- 
gewiesen 1370-74. 
5) Ludwig von Wolkenberg war 1347-53 Oberster Trappier Wann 
er Komtur von Strasburg gewesen ist, wissen wir nicht.
		

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			1375. 


351 


her Marcquart unser kellermeister, her Matts unser pferdemarschalk 
und andere bederbe leutt. Am S. Georgen tage. 
Ingrossation im Strasburger Schöffenbuch pag. 30 a. 1555. 


19. 
1315. Juni 22. Plock. Bischof Sliborius 1'on Plock stellt 
eine ?:.1veite Ilnndfeste für die Stadt Gllrxno aus. 
In nomine Domini amen. Labilis memoriR. hominum cernitur 
uns cum ipsisque extinguitur. Necessarium ideo existit, ut Bi quae . 
praesentis temporiB opera ad futurorum debeant pervenire memo- 
riam, haec perpetuitatis aliquo patenti muniri signftculo. videlicet 
hominum et literarum cum testimoniis et sigillis. . Hinc eBt, ql1ia 
nOB Stiborius Divina et apostolicae sedis providentia epiBcopus 
Plocensis cupienteB bona ecclesiae nostrae PloeensiB Gorzno dicta 
in vulgari meliorare, domino JeBu Christo nobis suffragante, cum 
ad hoc ex officii nostri debito teneamur, de unanimi consensu et 
voluntate capituli nostri Plocensis in eiusdem boniB disposuimuB et 
diBponimus civitatem jure Culmensi locandam, eonstruendam et dis- 
ponendam; ad qua m quidem civitatem viginti et unum manBOB li- 
beros pro utilitate civium in eadem civitat
 loeatorum sive locan- 
dorum, videlicet pro bortis, paseuis, pisciniB et aliiB utilitatibus, 
quocumque nomine cenBeantur, adjungimus, addimus et damus jure 
Culmensi mensurandos, incipiendo a rivulo retro fossatam civitatiB, 
in quo rivulo, Domino auxiliante, intendimus et volumus piscinam 
pro nOBtra et nost.rorum successorum utilitate faeere et praeparare 
usque ad granicies Villae Novae nostrae et ad granicies Bartolo- 
mapi feudalis nostri, a graniciis vero Bartolomaei ad ripam rivuli 
vulgariter dicti Gorznicza et ad litus ipBius lacus dicti Gorznoj ad 
aliam autem partem incipiendo ab eodcm rivulo cum mensura di- 
recte circa grallicieB praenominatae nostrae Villae Novae per sil- 
vam Karw procedendo, usque in borram viginti et unuS mansi 
praedieti debent terminari. Excipimns quoque pro nobiB et nostris 
BuccessoribuB unum spacium pro pascuiB inter civitatem et lacum 
dictum Gorzno usque viam tendentem de civitate ad molendinum, 
vineam retro nostram. In quibus paBcuis n08tris tempore guerrae 
alicuiu:!, quod absit, uictis civibus nostris Gorznensibus sua pecora 
et pecudes licebit reBervare. A dicta quoque via de civitate ad mo- 
lendinum praedictum tendente pro hortis nostriB et nostrorum 
succeSBorUm quatuor iugera recipimus, ad piscinam directe proce- 
dendo. Ut al1tem tanto diligentiuB et perfectius homines in dicta
		

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			352 


1375. 


1
 


civitate n08tra Gorzno locarcnt et dom os sibi construerent, villa" 
nostram Wandzebne vulgariter dictam locari incpptam, in cuius li 
mitiLms et graniciiB sunt quadraginta manBi, eidern civitati nOBtraE 
et civibus in ipsa habitalltibus cum omnibus et Bingulis fructibm 
et utilitatibus iure Culmcnsi damuB et adHcribimus perpetue tenen. 
dam, pOBBidendam et habendam; exceptis tarnen quatuor mansie 
Bculteti et quolibet iure suo in dicta villa et nostris et nostrorum 
succeBsorum duobus iudicialibuB denariiB et lacubuB. In quibuB 
tarnen dictiB civibus nostris Gorznensihus euro parvis retibus, scHi- 
cet drgubicza, Blambnicza et hamo piscari concedimuB, exceptiB 
retibuB magnis. Ut autem bona memorata in silvis, horris et Dcmo- 
ribuB consistentia l'edigi possint pt citius ad culturam et ad acdi- 
ficationem, damuB civibus ibidem duodecim annorum plt'nariam li- 
bertatem, qua eJapsa praefati cives nostri GorznenseB de nomina ta 
villa Wq,ndziehne nobiB et nostris successoribuB duodecim marcas 
monctae et ponderiB Torunensis quolibet anno in festo purificationis 
beatae Mariae virginis glorioBae solvere et peragere Bint adBtricti. 
In civitate vero de qualibet curia Beu domo siugulis ännis in die 
beati Martini confeBsoris vencrandi nobiB et nostris successoribus 
sex denarii Bolvi debent. DiBpositio autem domorum sive curiarum ad 
longitudinem Be debet exteudi ad sex mensuras vulgariter prl"j,tii 1 ), 
ad latitudinem vero ad tertiam dimidiam UlenBuram praedictam. 
ltern pro utilitate civium de macelliB carnificum, pistorum, Butorum, 
de eameriB pannicidarum et de balneo unus no bis, aIius advocato, 
tertius civitati deuariuB perBolvetur. Taxationem autem vulgariter 
dictam SZOBB iuxta ius Culmcnse rescrvamus. Item ut eo studiosiu5 
et avidiuB homines ex undique ad dictam nostram confluant civi- 
tatem, apponimus unum spacium liberum vulgariter Frite, exeundo 
de civitate ad eccLesiam S. Crucis ad dextram man um usque ad 
hortos iuriB Culruenais iam mf:JnSuratoB. Licebit etialli dictiB civiLuB 
sua pecora et pecudes per borraB et silvas nOBtras et campos pascere 
libere et nutrire, absque tarnen nostro dampno et nostrorum BucceB- 
Borum. Caeterum qualiscumque utilitas et census fieri potest inter 
plancas in libertate civitatis, ibi advocatuB unum denarium 
et civitas duoB habebit. Item quicumque hOlliinum ad dictam 
nOBtram Gorzno et ad libertatem ipsius undecumque aufugerit,R) null i 
a) Text: adfuerit. Vgl. aber die entsprechende Stelle in der Gurznoer 
Ha.ndfeste von 1327, oben Nr. 9. S. 340. 


I) prl!teke = die Rute.
		

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			m 


1375. 


353 


licebit eurn erlpere violeuter, sed ibidem iudicabitur pro quolibet 
facto seculldum ius CulmenRe. Item concedimus et volumus, quod 
ecc1esia parochialis et caRtrum in civitate locentllr. Promittimus 
etiarn inviolabiliter tenere cupientes, praedictis civibus llostris 
Gorznensibus et aliis omnibus et singulis hominibus quilmslibf't 
ad forum ibidem in Gorzno venientibus [n Jullum forense vulgariter 
targowe recipere et capere pro nostra et nostrorum successorum 
utilitate. Item etiam volumus omnes vias, stratas publicas, semitas 
et alios omnes et quoslibet transitus eidern no"trae civitati in bonis 
nostris de prope adiacentes per prapdictam nostram Gorzno con- 
vertel'c. Tenebuntur etiam praefati nostri cives Gorznenses 
nobiscum et cum nostris successoribus contra insidias inimicorum 
iuxta facultatem armati fidelit'3r resistere et pugnare. Item pro- 
mittimus dictis nostris civibus Gorznensibus dictarn nostram civi- 
tatem cum nostris hominibus in districtu Gorznensi habitantibus, 
ad vallandum seu lignis sepieudum adillvare propter conservationem 
et perfectiorem tllitionem alicuius guerrae. Quam dictae nostrae 
civitatis lignis vallationem praenominati nostri cives tempore pacis 
et tranquillitatis sibi tantum absque nostris praenarratis hominiblls 
emendare et reformare sint adstricti. Si vero, quod absit, dicta 
vallatio saepefatae nostrae civitatis Gorzno per aliquam 
inimicorum violentiam fuerit annihilata, extunc praenominati nostri 
homines eandem nostram civitatem Gorzno alJtedictis civibus nostris 
vallare seu ligni::! sepire tenebuntur, prout ad praesens, adiuvare. 
Insuper dictos cives nostros GorzLenses in dicta civitate nostra 
Gorzno promittimus, inviolabiliter tenere volentes, secundum ius 
Culmense in omnibus conservare. In cuius rei testimonium sigillum 
nos trum et capituli nostri praesentibus Bunt appensa. Actum et datum 
in Ploczk crastino corporis Christi anno domini 13'j'5 praesentibus 
honorabilibus et discretis viris dominis Henrico praeposito, Nicolao 
scholastico, Andrea archidiacono, Nicolao calltore, Swentosla.o custode, 
Stiborio cancellario, Joanne archidiacono Dobrzynensibus,Martino offi- 
ciali, Oldrico praeposito ecclesiae collegiatae So Michaelis in Ploezk, 
l\Iscislao de Olchow, Jacobo Castini magistro, 
tallislao, Grzymislao, 
Bernardo, Joanne Pustolka, l\Iroczkone Nagorka, Andrea Rukala, 
Martino de Nexzino magistro, Alberto 8imone, Joanne Franth 
canonicis nostris Plocensibus aliisque plurimis tidedignis. 
Aus der Metryks koronns (Wsrschauer Archiv) Bd. 137. S. 134 ff: 
Confirmstio et innovstio privilegiorum super bons episcopstus Plocensis 
a. 1592. 


23
		

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			, 


3;)4 


1415/16. 


20. 


20. 
1415/16 (angeblich 1410). Fcb"'lwr 6. Soltla'lt. Drr 
Hochmeister (angeblich Paul1'on Rusdorf, u;ahrscheinlich 
U;chael Kilc/1- 
meister) stellt der Stadt Lautenbw'f} eine Handfeste aus. 
1\os frater Paulus de Rusdorff fratrum hospitalis beatae vir- 
ginis Mariae domus Germanicae in Jerusalem magister omnibus, 
quorum intere!:!t et ad quorum notitiam praesentes literae nostrae 
pervenerint, deducimus: Quia nos ob urgentia et fidelia obsequi&. 
nobis per dilectos et fideles civitatis Dostrae Lautenbergensis cives 
et incolas saepius praestita, ut per nostram gratiam et auxilium 
nobis et fratribus nostris alaeriores fuissent, et provideantur in 
modo vivendi, nos eUm consilio, voluntate et consensu nostrorum 
congubernantium f'X speciali gratia nostra damus iisdem civibus et 
incolis praedictae civitatis nostrae Lautenbergensis mansos septuaginta 
quatuor (seil. villam) Dwor l ) dictam civitati eidern adiacentem, ita 
prout in suis limitibus a fratribus nostris demonstratis f'xtat, eum agris, 
sylvis, gais, pratis, stagnis, quibuscunque in iisdem septuaginta 
quatuor mansis reperibilibus. Damus quoque manaos quadraginta 
ad habendum et utendum sine omni ex iisdem mansis quadraginta 
labore vulgo szarwE:rk iure Culmensi libere et perpetuis temporibus. 
Pro cultu divino damus mansos sex et eensus ex eadem villa pro 
UBU eorum beneplacito, et tenebuntur parocho praestare missalia ex 
quolibet manso per ::nedium coretum siliginis et totidem avenae 
quolibet anno pro fe8to S. Martini, ad areem vero nostram 
Hrodnicensem a quolibet aratro coretum tritici et totidem sili- 
ginis. Obligantur insuper quolibet anno pro festo S. Martini a 
qualibet possessione sex grossos monetae Pruthenicae, et quorumvis 
censuum ab institis sutorum et pistorum ex domibus, hortis et bal- 
neis provenientium et perceptorum medietatem ad arcem nostram 
BrodnieeDsem inferre. Macellos lanionum ipsis tot permittimus, 
quanti indigent, et ex duobus macellis debebunt dare eensum ad 
arcem Brodnicensem. Concedimus denique iBis liberam. piseationem 
in lacu magno sub civitate existente omnibus parvis retis pro 
necessitatibus illorum, non "ero in venditionem.. Permittimus quoque 
liberam piscationem in utroque fiuvio Wkra et Wel dieto in limiti- 
bus eiusdem civitatis. Circa bannitionem iudiciorum unus ex fra. 
tribus nostris assidere tenebitur, et ex mareis adiudicatis eos unus 
grossus, nos duo concernent, et quae nos cedemus, sibi etiam cedere 


1) Neuhof bei Lautenburg.
		

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			1 1 


20. 


1415116. 


355 


tenebuntur. In quorum robur et perpetuam securitatem sigillum 
praesens 8ppendi fecimus. Datum in arce nostra Dzialdowensi 
ipso die festi S. Dorotheae virginis 1410. Praesentibus testibuB 
famatis et venerabilibus fratribus Friderico comiti de Collon magno 
commendatore 1 ), Eberhardo Wallersfelld supremo mareschalc0 2 ), 
Hermano supremo hospitalensi et comptore Elbingensi 3 ), Joanne 
de Grosson advocato Dzialdoviensi 4 ), Nicolao sacerdote nostro, 
Bernardo, Hellellbrando, Jacobo, Lorentio et Jacobo notario aliisque 
fide dignis. 
Die ßberlieferung der Urkunde ist folgende. Im Jahre 1620 bat der 
Edle Albrecht Zarzewski von Olszhousen um eine Abschrift der Lauten- 
burger Handfeste aus den Handfestenbüchern des herzoglichen Archivs zu 
Königsberg. Die preussischen Räte stellten am 21. Mai 1620 eine Urkunde 
darüber aus, in die sie die Handfeste transsumierten. Zugleich wurde eine 
Urkunde über die Grenzen zwischen dem Lautenburger Gebiet und Masovien 
transsumiert (nach dem "Grenzbuch B", Orden!:lfoliant 270a des Königs- 
berger Staatsarchivs j s. o. S. 94) I). 
Dies Transsumpt wurde in lateinischer (rbersetzung und mit 
Polonisierung der deutschen Ortsnamen von König August III am 11. Dezem- 
ber 1746 bestätigt und a.m 22. Dezember 1746 in dem Neumarker Schöffenbuch 
ingrossiert. Im Königsberger Staatsarchiv ist das Original der Kopie 
nicht mehr vorhanden, auch die Urkunde Augusts IH. ist verloren gegangen, 
und eine Eintragung in der Metryka koronna des Warschauer Archivs fehlt 
ebenfalls. Dagegen befindet sich eine fehlerhafte und nur noch zum Teil 
erhaltene Abschrift der Neumarker Ingrossation im Besitze des Lauten- 
burger Magistrats, und zwei noch schlechtere aber vollständige Kopien, die 
vermutlich nach der LautlJnburger Abschrift angefertigt sind, in dem Kon- 
tributionskataster der I{gl. Regierung zu Marienwerder und in den Lauten- 
burger Kommunalakten (Königsberger Archiv). 
Die Echtheit der Urkunde erscheint trotz der schlechten Uberlieferung 
gewiss zu sein. Dafür spricht die Herkunft aus dem Königsberger Archiv 
und die Reihe der Zeugen. Ferner befindet sich in der Metryka koronna 
im 'Varschauer Archiv Bd. XLII S. 124 ein Auszug aus der Lautenburger 
Handfeste, eingetragen im Jahre 1526. also 100 Jahre vor der Königsberger 
Abschrift, dessen Inhalt mit der vorliegenden Urkunde übereinstimmt. 
Dieser Auszug lautet: 
Privilegium opidi Ludbark ad castrum Brodnicense perti- 
nentis. 


I) Friedrich Graf von Zollern, Grosskomtur 14 2-16, 
2) Eberhard von Wallenfels. Oberster Marschall Januar 1414 bis 
Mai 1415. 
3) Hermann von Gans, Oberster Spittler 1412-16. 
4) Ein Vogt von Soldau Johann von Grussau ist 1446-49 nach- 
weisbar. 


23* 


.
		

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			356 


1419. 


21. 


Anno quo supra in civitate Thorunensi sabbato post Petri ad Villcula 
datum privilegium opidanis de Ludbark super septuaginta mansos illre 
Culmensi hereditario possidendos, de quibus quadraginta sunt liberi a solu- 
tionibus, et sex pro ecclesia. Qui cives medietatem census de balneo, de 
quibusvis macellis opidi et tercium denarium penarum, libera.m pisca
ionem 
in lacu Bub opido et in duo bus fluviis Wyel et Wkra inferius post obs.acula 
capitanei Brodnicensis pro usu ipsorum cum instrumentis parvis habituri 
8unt. Et de mansis debent solvere per unUm tritici et per unUIn choretum 
siliginis et a qualibet area per unum solidum pro festo S. Martini 8inguJis 
annis more antiquarum consuetudinum. 
Was die Datierung der Urkunde betrifft, so besteht in der vorliegen- 
den überlieferung ein unüberbrückbarer Widerspruch 2wischen der angeb- 
lichen Person des Ausstellers, des Hochmeisters Paul von Rusdorf 
(1422-41j und dem angeblichen Ausstellungsjahre 1410. FÜr die richti
e 
Dlitierung geben die Zeugen einen wesentlichen Anhalt. Der Grosskomtur 
Friedrich Graf von Zollern ist 1412-16, der Oberste Marschall Eberhard 
Wallen fels 1414-15 und der Oberste Spittler Hermann (von Gans) 1412-16 
nachzuweisen. Dagegen wird der Soldauer Vogt Johann von Grussau um 
]446-49 genannt. Man müsste hier entweder zwei Personen dieses Namens 
annehmen, die zu verschiedenen Zeiten das Vogtamt zu Soldau bekleidet 
haben, oder eine falsche überlieferung des Namens. Nach den drei ersten 
Zeugen würde die Urkunde aus den Jahren ]414-15 stammen, und danach 
von Michael Küchmeister ausgestellt sein. Dann hätte man anzunehmen, 
Jass die erste Handfeste von Lautenburg in den Polenkriegen abhanden 
gekommen sei, wie ja auch Strasbur
 und Gollub von Küchmeister Be- 
stätigungen ihrer Privilegien erhalten haben. 



l. 
1419. A]JJ'il 10. lJ£m'ienlnu'y. Der Hochmeister .11irlweZ 
Küchmeister erliisst Hartmann ron Sacltsendorf drei J}[ark Zins, die 
er 1'on seinem Gute Sachsend01f als "Zehnten" X1t entrichten hatte. I) 
Dis ist des Hardmanns von Sachselldorff handfeste, dorinlle 
im der dreyer marg vom czellden dirlasseu sien. 
Wir bruder Michel Kocl1meister homeister etc. thun kunt und 
offenbar allen den desen hriff horen ader lesen, das wir ge wegen 
und czu herczen genomen haben dy fleissigen getruwen dinste, dy 
unser liber getruwer Hartman von Sachsendorff uns und unserrn 


1) Diese 3 Mark waren, wie wir aus einer Urkunde im Ordensbrief- 
archiv erfahren (Königsb. Archiv, Schiebl LXXXV Nr. 119) eine Ablösung 
des Pflugkorns. 
Die Stelle lautet: 
Hardman hat das dorff Sachsendorfl, das hat 34 huben czu cul- 
mischem rechte, und sal thun eynen platendinst glich andern Culmenern, 
und gibt drey marg vor pfluckorn, und orkund gebt her glich andern 
Culmenern uf Martini.
		

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			2
. 


1421. 


357 


orden in desem vorgangenem krige dirczeget hot, und noch in czu. 
komenden czeiten thun sal, umb des willen wir mit rathe, willen 
und volbort unser metgebitiger dem selben Hartman, seynen rechten 
erben und nachkomelingen erem gute und dinste czu Sachsendorff 
czu holffe dirlassen und frey geben mit craft desis briffes der 
dreyer marg czinses, dy her von Beyme gute SachsendOl"ff alle jor 
jerlich unserm husze Strasberg vor den czenden ist vorflichtet ge- 
wesen czu gebin, das her. syne rechten erben und nachkomlingen 
der czu ewigen tagen sulle obirhaben seyn und dirlassen. Des 
czu merer sicberheit und ewigen gedechnisse haben wir unser inge- 
sigel an desen briff lassen hengen, der gegeben ist czu Marienburg 
am montag nach palmarum im 141
den jore. 'restes etc. und dorczu 
Engilbrecht Krewis l ) kompthur czu Strosberg. 


Königsberger Staatsarchiv. Handfestenband VI 53b. 


22. 


1421. _'lw'ienbll'rg. Hochmeister Michael Küchmeister stellt 
eine Handfeste für die Stadt Gollub aus. 
In Gotis namen amen. Vff das die ding, die nothdurfftig 
sien cyner ewigcn bevestunge, ,on der lute gedechtnisse mit vor- 
gengllisse der zceit nicht ge tilget werden, so ist not, das sie mit 
schrifften und gezcugnisse vorewiget werdell, Umb deswillen thu 
wir bruder l\1ichel Kochmeister homeister des ordens der bruder 
des hOHpitals sente )farien des dutschen buwses von Jerusalem zcu 
wissen allen kegenwertigen und zcukunfftigen, die disse kegenwertige 
schriffte sehen, horen adir lesen, das vor uns und unsir metege- 
bittiger sien komen unsir lieben und getruwen inwoner unsir stad 
Golaw, nicht ane leide vorbrengende, wie das in deme, alz die 
selbige stad Golaw ,on den Polan und deme undit 2 ) der Tattern 
und heiden obirfallen und vorbrant wart, sie ihrer handfesten 
wurden beroubet, uns demuticliehen bittende, das wir in die ge- 
mchten zu vorneuwen. Des so haben wir angesehen ihre hitczige 
bete und die stctikeit irer truwe, die sie in den krigen bey 
unserm orden getan haben, dor undir sie ouch vorbrant seyn 
und czu nichte wurdell, wellende sie irer woltat lassen genyssen 
und noch deme, als wir mit unsern gebietigern irkanten und wol 


I) Engelbrecht (nach V oigt und Mülverstedt: Engelhard) Krebs, Komtur 
zu Strasbnrg 1419. 
2) Undiet, abgeleitet von diet = Volk; vgl. Unmensch.
		

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			358 


1421. 


22. 


undirrichtet worden, was ire vorige handfeste hat innegehaldpn, t 
so baben wir der als wir beste mochten, nacbgefolget und sie be- 
gnadet mit eyner nuwen handfesten hirnoch folgende in sul- 
chem lute: 
Wir bruder Michael Kocbmeister homeister vorbenumpt, mit 
rathe, willen und volbort unsor metegebietiger geben, vorlyen und von 
nuwis bestetigen mit dessen schrifften unsern lieben getruwen unsir 
stad Golaw ihre grenitczen, guttere, freyheit und rechte, als in die 
vormal8 von unsern vorfarn seliges gedecbtnisses vorbriffet seyn 
und sie do mcthe seyn begnadet, die czu besitczen und ewiclich 
czu gebruchen czu Colmisscbem rechte, die ouch hiernoch stehen 
geschreben: czum irl:!ten anczuheben an der grenitcz des dorffis 
Lyssaw l ), alles das czwisschen der Drewancz bis an den fus des 
bergis begriffen ist, und dor czu leem czu graben an dem gebirge, 
wo man den gehaben mag, czu czigeln und czu irem gebuwde bys 
vordan an das flyes, das do heisset die Scampnicz, vordan von dem 
fliese Scampnicz anczuheben und von der Drewancz bis an die 
grenicz des dorffes Scampen 2 ), das vor joren der Pruszen gut ge- 
heisen hat, bis an das ander flies in der heyde, das go geet durch 
den weg nohe bei eyner wezen in dem tiffen grunde, ouch saI 
eyn iclicb meteburger der selben stad Golaw haben frey fisschcreye 
in der Drewancz bynnen der stad grenicz mit cleynem geczuge 
czu irem tissche alleyne und nicht czu vorkouffen, und wievil benke 
der czweer handwerke als fleischhouwer und becker seyn adir 
noch werden mogen, so saI das huws do von alleyne czu vor us nemen 
von czween benken ganczen czins, von den andern benkcn der- 
selben handwerke und sost von allen andern der handwerker benke, 
die in der stad itczunt seyn adir nochmolt! werden mogen, und ouch 
der gleiche, wie viI der hokenbuden seyn, so sal das huws alleyne 
die helffte, die stad die andir heHi'te der czinse heben. So sal 
das bruwhus uff dem markte gancz frey seyn, das wir in mit sunder- 
lichen gnaden frey geben. Dor obir bestetige wir' in ouch die 
briffe obir die Ploe 3 ), obir das gerichte und obir die weze, die 
vor der gebunge dessis briffes in gegeben seyn, und wellen, das 
die bey irer crafIt sullen bleiben. Umb welcher unsir begnadunge 
willen sullen uns und unserm huwsze Golaw die inwoner der vor- 


1) Lissewo. 
2) Skemek. 
3) Über die Ploe s. o. S. 171.
		

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			23. 


1455. 


359 


genanten stad von iclichem ganczen besatczten 
ierlichen 2 scot gewonlicher prusscher muncze uff 
tag des heiligen bisschoffes pßichtig seyn czu geben. 
etc. 


hoffe alle ior 
Ben te }lartini 
Des czu merer 


Aus dem Königsberger Staatsarchiv, Handfestenband VI 76 f. Eine 
lateinische übersetzung (Transsumpt von 1521 - im Text 1711) verdruckt: 
]511) befindet sich in der Metryka koronna Bd. XXXVII S. 176. Eine Ab- 
schrift des 16. Jahrhunderts befindet sich in den Magistratsakten von Gollub; 
nach einer andern Golluber Kopie, die mir nicht zugänglich war, ist die 
Urkunde in den Preuss. Prov.-Blättern 1865 S. 355£. gedruckt worden. Hier 
ist der Schlusssatz ausführlicher; und auch die Jahreszahl ist hier ange- 
geben: 
Des zu merer Sicherheit haben wir unser Insiegel an diesen 
kegenwertigen Brift' lassen hengen, der gegeben iilt uft' unserm Huwsze 
Marienburg, im 1421. Jare. Geczeuge seyn etc." 


23. 
1455. 29. Dezembet'. Lancicz. König Kasimir 
'on PolCll 
verpfändet dem cxecltisehen Söldnerfiihrcr JVilhelm Jmik von Miecx- 
kowa Schloss und Stadt Gollub samt dem Be7.irk der früheren 
Komturei. 
Kazimirus rex Poloniae etc. Significamu8 etc. Quomodo consi- 
deratis fidelibus meritis et obsequiis strenui Wilhelmi Jenik de 
Mieczkowa capitanei nos tri in Holub 1 ), quibus majestati nostrae 
placere meruit et aucto fidelitatis studio in futurum plus 
placere potf'rit. Quem nos velut benemeritum volentes, sicut con- 
gruit atque decet, special i gratia nostra subvenire et ad nostra 
servitia reddere tanto ferventiorem, sibi aut suis legitimis suc- 
cessoribus sive proximioribus sexingentos ßorenos ungaricales puri 
auri et iusti ponderis in et super castro et oppido nostro Holub 
alias Gole et villis ad id ab antiquo pprtinentibus, prout easdem 
ultimus ac immeaiatus commendator in Holub tenuit, habuit et posse- 
dit, dedimus, assignavimus ac inscripsimus, praesentiumque per 
tenorem damus, donamus, largimur et inscribimu8, per ipsGm Wil- 
helmum Jenik sive suos proximiores vel per hunc qui de consensu et 
voluntate ipsius Wilbelmi Jenik praesentem literam habuerit, cum 
omnibus et singulis censibus, fruetibus, proventibus etc. ac omnibus 
pertinentiis ad dictum castrum oppidumque Holilb et villas ad id 
spectantes quomodolibet pertinentibus ita late longe, prout in 


1) Holub ist die czechisierte Form des Namens.
		

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			360 


1458. 


24 


graniciebus Dostris dicta bona sunt liwitata et distincta, tenenda 
haben da pORsideuda et utifruenda ad exolutionem usque summae 
praefatae praeuomiuato Wilhelmo Jenik aut suis proximioribus vel 
huic, qui praesentem pagiuam de voluntate ipsius Wilhclmi Jeuik 
habuerit. Regalibus nostris iuribus in eis dem sem per salvis. 
Datum Lancitiae feria 1I infra octavas nativitatis domini 
1455 etc. 


, 

 


Abschrift im westpr.Folianten 231 (Königsb. Staatsarchiv): Transcripta 
privilegiornm in conventn Varssoviensi 1564 prodnctorum terrarum Prnssiae. 
BI. 36. 



4. 


14:;8. AJn'U 2:;. Gollub. Nac//U'aZ von Rinbe7"k, Haupt- 
mann von Gollub. veneendet sich bri dem TlwrJ/a Rat fiir den 
Sclmlxen von PZuskowenx. l ) 
Sluzbu swu wzkazugi pany a przitele mily, a przissiel przied 
mie ssoltis z Pliskowus a zalowal mi, zie by od niekoho k warn bil 
obzalowan a prawy newim, procz yni zaez; protoz dayte mi to wie- 
diety, ocz giest k warn omluwell, giestli zie by czo nerzadneho 
czinil, giesto by nemiel czinity, ziet bich ia mu toho neswo]yl, hy 
on czo miel neslnsneho die]ati, ale ia nall nicz llewim, bich an czo 
nerzadneho UCZillil. Y prosym was, dayte mi toho odpowied, 
kteraku k niemu winnu mate, giestli zie by czim winen bil, ziet 
bich ho chtiel 0 to treskaty. Dan na Holuby w uteri, den 
S. Marka Huwangielisty etc. LVII 1°. a zie sie 8 coho min) ney 
westi, kto by nan czo prawil. 


Nachwal z Rinberka, 
haytman na Holyby. 
Adresse: Mudrym O}Jatrnym Panom, purgmistru y Raddic miesta 
Turillskeho, prziatelom milym budd. 
Das Original dieses czechischen Briefes befindet sich im Thorner 
Rathsarchiv (Katalog I Nr. 1793). Das Siegel fehlt. 
Übersetzung. 
Meine Diensterbietung gebe ich zu erkennen Herren, und liebe Freunde. 
Vor mir ist erschienen der Schultheiss von Pliskowus und hat mir geklagt, 
dass er von irgend Jemand bei euch beschuldigt wäre; aber ich weiss nicht 
recht warum noch weswegen. Darum gebt mir das zu wissen, um was er 


I 


I) Die Edition und Übersetzung dieser Urkunde verdanke ich dem 
Königl. Archivar Herrn Dr. Karge in Königsberg.
		

/Pomorze_003_12_387_0001.djvu

			25. 


1553. 


31)) 


bei euch verleumdet ist. Ob er etwas ungesetzliches gethan hat, was er 
nicht hätte thun sollen. Zumal ich ihm nicht erlaubt habe, etwas L nge- 
höriges zu thun. Aber ich weiss gegen ihn nichts, was er Ungesetzliches 
gethan haben soll. Ich bitte euch daher, mir Antwort darüber zukommen 
zu lassen, wessen ihr ihn schuldig haltet; wenn er wirklich etwas ver- 
schuldet hätte, würde ich ihn strafen. Gegeben zu Gollub, Dienstag, am Tage 
des hl. Markus des Evangelisten. Er meint auch keine Ahnung zu haben, wer 
gegen ihn Recht suchen könne. Nachwal von Rinberk, Hauptmann aut 
Gollub. 
A d res se: Den weisen, wohlehrbaren Herren, Bürgermeister und Rat der 
Stadt 'l'horn, meinen lieben Freunden. 


25. 
1553. 
Iä'l'z 20. K'J.akalt. König Sigismund August 'mn 
Polen 1'fff'schreibt Rufael Dxialynski aufs neue die Starostei Strasburg. 
Sigismundus Augustus rex etc. Significamus etc. Quia cum 
proximis temporibus fatal i casu castrum Brodnicza et oppidum in terris 
nostris Prussiae situm incendio esset consumptum, ac omnis supeIlex 
et facultates tam civium nostrorum quam castri et capitanei mo- 
derni, quae il1ic erant, igne essent absumptae, ex scriptis revi- 
sorulll nostrorum, quos del:!ignaveramus, intelleximus, non contem- 
nenda pecuniarum summa opus esse ad restam'andas tarn castri 
quam oppidi necest:litates, quas oppidani Brodnicensis omnibus facul- 
tatibus exuti nequaquam praestare possunt. lIuc accedit, quod 
summae pecuniarum per serenissimos antecessores nostros in castro, 
oppidis ac villis capitaneatus Brodnicensis tempore bellorum Pruthe- 
nicorum inscriptarum in tanto sint numero, ut collocatae cum impensa 
quae necessario esset in reparationem castri et oppidi Brodnicensis 
facienda, valorem capitaneatus universi si non superarent, certo 
tamen aequarent. Cum itaque nos singulari gratia erga Generosum 
Raphaelem a Dzialyn capitaneatus Brodnicensis modernum pos- 
sessorem propendeamus, majoresque ipsius serenissimis antecesso- 
ribuf' nostris et reipublicae merita sua et servitia probata et grata 
reddiderint, et ipse Gellerosus Raphael a Dzialyn primus in aulis 
serenissimarum ac excellentissimarum catholicae caesareae ac Ro- 
manorum regiae' maiestaturn ac aliorum principum Christianorum 
in rebus belIicis et domesticis ho neste et euro magna nominis sui 
gloria servierit, postea quoque ab illorum servitiis ad nostra tan- 
quam domini sui haereditarii se cOlitulerit, ac fideliter, splendide 
et sumptuose nobis ac reipublicae belIi et pacis tempore inservie- 
rit et hucusque servire non cessat: volentes gratiam nostram erga 
ipsum eiusque sueceBBores sexus utriusque testatam facere, de certa
		

/Pomorze_003_12_388_0001.djvu

			362 


1503. 


scientia et deliberatione nostra regia, maturoque praehabito con- 
silio, accedente in super ad id consiliariorum omnium nostrorum 
nobiscum in praesenti conventione regni existentium assensu et ex- 
pressa voluntate. Dedimus ipsi Generoso Raphaeli a Dzialyn eiusque 
sueeessoribus ac donavimus .donatione pura et irrevocabili iurE' 
haereditario eastrum et oppidum Brodnicza eum omnibus et singu- 
lis oppidis, villis, iuribus patronatuf', lemannis, molendinis ae aliiB 
omnibus ad praefatum castrum et oppidum Brodnicza ex allt.iquo r;erti- 
nentibus, damusque et donamus per praesentes literas Dostras perpe- 
tuis temporibus in aevum. Nihil pro nobis aut serenissimis E>ucce8sori- 
bus nostris iure dominii aut proprietatis in praefatis bonis omnibus 
Brodnieensibus reservando, sed omne ius regium, quod nobis et 
sel'enissimis llostris anteeessoribus regibus competebat, in ipsum 
Raphaelem a Dzialyn eiusque suecessores haereditario iure in per- 
pertuum transfundendo. Per ipsum Generosum Raphaelem a Dzialyn 
eiusque suecpssores utriusque sexus praefatum eastrum et oppidum 
Brodnieza eum aliis oppidis, villis, iuribus patronatus, scultetis, 
lemannis, molendinis et eorum emolumentis, agris, pratis, eampis, 
sylvis, nemoribufl, indaginibus, venationihuB, pascuis, piseinis, pis- 
caturis, lacubus, fiuviis, fiuminibus. et eorum decursibus, ac universis 
et singulis censibus, redditibus et quibus in proventibus ae datiis, 
nullis penitus exeeptis, qui nunc in praefatis Lonis castri et oppidi 
Brodnieensis, ae omnibus sd ea ex antiquo' pertinentibus sunt, aut 
postea humana industria inde produei et excogit.ari possunt, ea 
longitudine, latitudine et eircumferentia, quemadmodum ipsa bona 
sunt, distincta et dislimitata et qua burusque ipse Generosus 
Raphael a Dzialyn et eius anteeessores in summis peeuniarum 
tenebant, habebant et possidebant, vigore praesentis donationis 
nostrae iure Laereditario tenenda, habenda, utifruenda, quieteque 
et paeifiee una eum sueeessoribus auis utriusque sexus possidenda, 
ae sine consensu nostro ae serenissimorum successorum nostrorum 
danda, donanda, vendenda, commutanda, et in usus quosvis bene- 
placitos suos ac suorum suceessorum eonvertenda perpetuis tempo- 
ribus et in aevum. Horum testimonio eto. Datum Cracoviae in con- 
ventione regni generalis feria JJ post dominieam judica proximam 
A. D. 1553 Praesentibus ete. Datum per manus ete. 


Abschrift im Westpreussischen Folianten 231 (Königsb. Staats- 
archiv): Transcripta privilegiorum in conventu Varssoviensi 1564 produc- 
torum terrarum Prussiae fo1. 4. Eine andere Abschrift befindet sich in der 
Metryka koronna (Warschauer Archiv) Bd. 83 S. 128. 


25. 


1\ 


I 
..
		

/Pomorze_003_12_389_0001.djvu

			26. 


1646. 


363 


2... 


1646. Januar 5. 'Wa'rschafl. König Wladislaus IV. 
von Polen erteilt der Stadt Strashurg ein Religionspl"ivileg. 
Vladislaus IV Dei gratia rex Poloniae etc. 
Significamus praesentibus literis nostris quorum int£:rest, 
universis et singulis. Supplicatum nobis esse a quibusdam con- 
siliariis nostris nomine civium et incolarum Brodnicensis civitatis 
nostrae confessioni Augusta nae addictorum, cum ex certis rationibus 
animum nostrum moventibus per mandati nostri literas iisdern 
civibus et incolis civitatis Dostrae Brodnicensis non ita pridem in- 
junxissemus, ut exercitium religionis suae in civitatis praetorio, uti 
hactenus a multis retro ai1nis faeere consuevf'rant, in posterum 
amplius non haberent, sed a praememorato loco penitus abstinentes in 
aliam aliquam domum in civitate sibi commodam, more reliquarum 
Prussiae civitatum f'acra sua transferrent ibidemque cultui divino 
ac devotioni suae vacarent: quatenus super instauranda adornan- 
daque ad liberum religionis suae exercitium lapidea l ) in angulo 
fori dictae civitatis juxta domum Martini Altenkirch sita scholaque 
in area praefatae domui adjacente aedificanda et coemiterio, quo 
hactenus ad sepulturam suorum ql1iete ac pacifice usi Bunt, a tergo 
praetactae domus inter grauaria spectabilium Simonis Biner et 
Davidis Trebin intra et prope moenia oppidi Drventiam versus 
sito muroque cincto privilegium nostrum re gi um ex gratia et 
clementia nostra iisdem impf'rtiri liberumque religionis exercitil1lll 
confirmare clementissime dignaremur. Nos itaque, mandato nostro 
suprarnemorato inhaerentcs necnon literas Generosi Francisci a 
Tftczyn Ossolinski Bydgosciensis, Lubaczoviensis Brodnicensisque 
capitanei de data in Brattyan die V mensis Febrl1arii anno 164ö 
eo no mine ipsis concessas approbantes et ratificantes, pacique et 
securitati disBidentium in religione subditorum nostrorum provisum 
cupientes domum seu lapideam l ) praedictam una cum area illi 
adjacente coemiterioque praenominato, prout praealIegata loca suis 
limitibus et circumferentiis nunc continentur,civibus ac incolis civitatis 
nostrae Brodnicensis concedendam ac privilegio nostro ad usus 
praefatos muniendam esse duximus, concedimusque ac muni mus, 
praesentibus plenam liberamque iisdem potestatem ac facultatem 
concedentes praenotatam dOUlum ad exercitium religionis suae 


I 
.. 


1) Lapidea (scil. domus) wird als Substantiv gebraucht. ebenso wie 
das polnische kamienica (Steinbaus).
		

/Pomorze_003_12_390_0001.djvu

			:H54 


1646. 


26. 


instaurandi et adornalldi scholamque in memorata area pro libera 
Bua voluntate ac beneplacito aedificandi easdemque, sicubi fortuito 
casu aut incendio perirent, de novo reaedificandi et restaurandi, 
illibique verbum Dei juxta prophetarum, Christi et apostolorum 
doctrinam et Augustanam confessionem Germanica et Polonica 
lingua praedicandi, sacramentum baptismatis et eucharistiae secun- 
dUlD Christi institutionem administrandi, ut et matrimonia copulandi 
juventutemque suam in eadem religione et artibus liberalibus institu- 
endi, ministros verbi Dei et scholae praeceptores, qui ipsorum 
civium propriis stipendiis ac peculiari sumptu sustententur, doctos 
et vera Christi religionfJ imbutos vocandi, sllscipienrli tutoque alendi, 
pauperes in ptochotropio Hustentandi, turn et in coemiterio suo 
supra descripto demortuos sepeliendi, legata quoque coemiterio 
praedicto antiquitus relicta sumrnasque quasvis pecuniarias ad cultum 
divinum juxta eorum ritus iuscriptas et ordinatas e.xigendi ac perci- 
piendi, eademque ad pios religionis suae usus convertendi, deductio- 
nes funerum publice celebrandi, campanis utendi, omnesque cere- 
monias juxta Augustanae confessionis ritus tarn in locis supraspeci- 
ficatis quam in via publica libere et secure peragendi i eximentes 
eosdem cives ac incolas Brodnbenses eorumque magistratus ratione 
praedicationis evangelii Christi sacramentorumque secundum Augus- 
tanam confessionem administrationis ab impetitione et potestate 
quorumcumque subditorum nostrorulll tam Bpiritualium quam saecu- 
lariurn ternporibus perpetuis,eosdemque ecclesiae et scholae ministl'os 
in protectionem nostram regiam et reipublicae suscipientes. Quod 
ad omnium et singulorum tarn spiritualium quam saecularium sub- 
ditorum nostrorum cujuscumque dignitatis et conditionis, officii et 
magistratus extiterint, notitiam deducentes, volumus et mandamus, 
ut praedictos cives IJt incolas eorumque magistratus Brodnicenses 
circa hoc privilegium concessionemyue nostram una Cl1lli IJcclesiae 
et Rcholae illorum ministris inviolabiliter quiete et pacifice perpetuis 
tcmporibus conservent, non obstantibus quibuscunque aliis literis 
nostris in contrarium obtentis aut obtinelldis, pro gratia Dostra. In 
cujus rei fidem praesentcs manu nostra subscriptas sigillo regni nostri 
communirijussimus. Datum Varsaviae die V Janl1arii anno Christi 1646 
regnorum nostrorum Poloniae et Sueciae XIV anno. Vladislaus Rex. 


Das Privileg befindet sich in ver6chiedenen späteren Original- 
transsumpten in demAchiv des evangelischen Pfarramtes zu Strasburg. Es 
ist gedruckt in der Preuss. Lieferung (1750) I 479 ff und bei Zermann, Chronik 
von Strasburg (Ui51) S. 78 ff. 
----->-- 


\
		

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			Arlhan.g TI. 


1. 
Die Komture von Strasburl?;.l) 
Friedrich von Spangenberg, 15. Juni 1337 bis 9. April 1339. 
Heinrich Dusemer 2 ) 20. September 1:340 bis 1343. 
Hurkard 3 ) von Dreyleben 25. Mai 1i34ö. 
Werner (von Beudiz?)4) 8. Juli 1361. 
I...udwig von Wolkenberg 5 ) ? 
Konrad von Kalemont 23. April ]368 6 ) bis 1374. 
Reinhard von Eln('r 1314 bis 1387. 
Kuuo von Liebenstein IH87. 
Kar! von Lichtenstein 1387 bis 1. Mai 1396. 
Friedrich von Wallellrodt 1391) bis 29. Sept. 1404. 
Wilhelm von Rosenberg 1404 bis 12. Juli 1406. 
Gottfried von der Kule 1406 bis Weihnachten 1409. 
Balduin Stal 1409 bis 15. Juli 1410 (fällt bei Tannenberg). 
Wilhelm von Eppingen 1410 Cl) bis 10. Januar 1411. 
Johalln Speth 1414 bis 3. November 1415. 
AU vOll..,8uwern 141f) bis 4. März 1417. 
Gottfried von Rodenberg 1417. 
Engdhrecht Krebs 1419 bis 3. Oktober 1419. 
Michael von Kesse 1419 bis 1420 (?) 
Nikolaus von Nickeritz 1428.7) 
Johanll von Goer 14288) bis 6. November 1438. 


1j Nli.ch v. Mülverstedt, Zeitschrift des hist. V. Marienwerder IX 84 1- 
Die Ergänzungen sind besonders vermerkt. 
2) S. o. S. 343 4 ). Script.. 11 503. 350 71 3 ). 
3) 'Välky 214. Nach Mülverstedt hiess er Bernhard. 
4) S. o. S. 3485) 
5) Er wird 1368 der alte Komtur genannt. S. o. S. 3;)0 5 ). 
6) S. o. S. 35()1). 
7) D. O. Brief-A. 1428 Schiebl. L Ua NI'. 91. - Urkunde vom 
13. Januar 1428. (F Jntributions-Kataster auf der Kgl. Regierung zu Marien- 
werder über Um-."andlung des Naturalzinses des Dorfs Lobdl'wo in einen 
Geldzins. 
8) D. O. Brief-A. 1428 Schiebt. Ln a Nr. 91
		

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			366 


Anhang II. 


Simon Langschenkel 1438 bis 1440. 
Kilian von Exdorf 11. April bis 27. Mai 1441. 
Leonbard von Pars berg 3. Juli 1441 bis 7. November 1446. 
Ulricb von Isenbofen 1446 bis 29. .Mai 1450. 
Heinrieb von Rawenstein l ) 1451 bis 1454. 


2. 


Die Komture von Gollub. 2 ) 
Konrad Sack 1305. 
Hermann 18. März 1306. 
Luther Herzog von Braunschweig22.Januarl308 bis6.Dezember 1311.3) 
Heinrich von Isenberg4) 21. März 1316. 
Eilger Graf von Hohenstein 15. August 1321 bis 28. Februar 1330. 
J!'riedrich von Liebenzell 13. September 1333. 
Ludwig 15. Juni 1337. 
Johann 20. September 134(5) bis 8. Nov. 1343. 
Heinrich von Stockheim 23. JUlli 1349. 
Jobann ? Bolland 1373 (?) bis 1376. 
Marquard von Larheim 1376 bis 13. Juni 1381. 
Hartmann Graf von Königstein 1381 bis 23. Mai 1392. 
Friedricb von Wenden 1392 bis 8. Dezember 1393. 
Burkard von Wobecke ]393 bis 9. Januar 1397. 
Konrad von EItz 1397 bis 21. Oktober 1402. 
Albrecbt von Tonnen 14112 bis 13. April 1404. 
Paul Rulemann von Dadenberg 1404 bis 1407. 
Nikolaus von Roder 1407 bis 15. April 1410. 
Konrad Bucbseck 1410. 
Kar! von Waltersbausen 1410 bis 1411. 
WilLelm VOn Eppingen 1411 bis 1413. 
Georg von Eglingen 1413 bis 23. November 1416. 
Jobann von Menden 1416 bis 17. November 1419. 
Vincenz von Wirsberg 12. Juli 1430 bis 22. März 1433. 
Götz von Rodenberg 1433 bis 1436. 
Friedrich von Troschwitz 143ü bis 13. November 1442. 
Wilhelm von Eppingen 1442 bis 1449. 


I) Zinsregister von Strasburg 1451. - S. o. S. 92. 
2) V gl. v. Mülverstedt, a. a. O. VIII. S. 26-28. 
3) S. o. S. 332. 
4) S. o. S. 333 2 . 
5) S. o. S. 343 8 .
		

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			Vögte von Lautenburg - Golluber Hauptleute (1454-1466). 3tj7 


Siegfried Ehringk 1449 bis 7. Juni 1450. 
Kunz Esel (Osei) 1454. 


3. 
Vögte von Lautenbnrg 1 ). 
Magnus von Pfeilsdorf2) 1446. 
Wilhelm von Waldeck 3 ) 1447. 


4. 
Strasburger Hauptleute (1454 bis 14.8). 
Jokusch von Mossek 4 ) 14M 12. Februar. 
Götz Rubit 5 ) 1454 Februar bis 12. November. 
Hans Czegenhals 6 ) 1454 12. November bis? 
Jon VOll Eichbolz 7 ) 1456. ' 
Nikolaus Koscielecki 8 ) 145G bis 1461. 
Bernhard von Zinnenberg 9 ) 1461 bis ]470. 
Bernhard von Zedlitz lO ) 1470 bis 1478. 


9. 
Golluber Hauptleute (1454 bis 14(6). 
Jon von EichholzlI) 20. Juli 1454. 
WilhelmJenig Streit von Mieczkowa l2 ) 29. Dez. 1455bis 10. Febr.1456. 
Ulrich Czirwenka von Ledecz l3 ) 1457 bis 6514) 
{ Nacbwal von Rinberg 15 ) 25. April 1458. 
Unterbauptleute Ruskowicz Puszkar8 von Dobrziczin J6 ) 1459. 
Mikuscb. 17 ) 1465. 


1) S. o. S. 65. 
2) Strasburger Zinsregister von 1446. 
3) Strasburger Zinsregister von 1447. 
4) S. o. S. 92. 
5) S. o. S. 93. 97. 
6) S. o. S. 97. 
7) S. o. 
. 98. 
8) S. o. S. 98. 
9) S. o. S. 101. 
10) S. o. S. 103. 
11) S. o. S. 93. 
12) S. o. S. 97f. 
13} S. o. S. 98. 
14) Er starb 1465. Dlugosz 11. 342. 
15) S. o. S. 360. 
16) Script. IV 575. 
17) DlUg08Z VI. 342. Script. IV 62V) 


.
		

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			:W8 


Anhang H. 


.). 
Die Starosten von Strasburg. l ) 
Vincenz von 8tampe 2 ) 1479. 
Franz von Glywitz:J) 1481 bis 1485. 
Nikolaus Dzialynski 1485 bis 1542. 
Rafael Dzialynski 1542 bis ] 57:2. 
Sofie Dzialynski, geb. Zamoyski (Rafaels Gattin) 1572 bis lö04. 
Prinzessin Anna von Scbweden lö04-25. 
Unterstarost Christof Parzniewski 1615 bis 1632. 
Königin Konstanze Hi2f:J bis 1632. 
Prinzessin Anna Katharina 1632 bis 1638. 
Königin Cäcilie Renata 1632 bis 1644. 
Georg von T'tczyn Ossolinski 1645. 
Franz von T'tczyn Ossolinski 1645 bis 1G48. 
}laI"tin Kalinowski 1650 bis 1652. 
JohannKos und seineGattinKonstanze, geb. von Dönhoff 1652 bis 1663. 
Konstanze Kos. geh. von Dönhoff, und ihr zweiter Gatte, Johann 
Ignatz B
kowski 1663 bis 1677. 
Königin Maria Ka8imira 1679 bis lt.m8. 
Albrecbt Kaweczynski 1698 bis 1713. 
Adam Kaweczynski 1713 bis 1715. 
Franz Bielinski 1715 bis 1750. 
Tenutar Albrecht P1l!-skowski, zugleich Tenutar von Lautenburgt) 
1715 bis 1750. 
Josef Pl
skowski und seine Gattin Rosalie, geb. Czapski 1750 bis 1763. 
Johann Jablonowski und seine Gattin Anna, geb. Sapieha 1763 bis? 
Karl von Schmidt und seine Gattin Anna 1766 bis? 
Anna von Schmidt 1771 bis 72. 


7. 
Die Starosten von Gollub,5) 


Hintze 6 ) ]474. 
Niklas von der Damerau 7 ) 1477 bis 1480. 


1) Quellen: Lengnich; Urkunden der Grundbuchakten; die Golluber 
Stadtbücher; die Metryka koronna, die Akta kanclerskie und das Regestrum 
causarum sigillatarum im Warschauer Archiv. 
2) S. o. S. 106. 
3) S. o. S. 106. 
4) S. o. S. lOS. 
5) S. o. Anm. I). 
6) S. o. S. 107. 
7) S. o. S. 107.
		

/Pomorze_003_12_395_0001.djvu

			Die Landräte von Strftsburg (HH5-1899). 


:hi9 


Karl vom FeldeI) 1483 bis 14
'5. 
Dietrich Surville 2 ) 1501 bis 1511. 
Stanislaus Kostka von Sztemberg ? bis 1555 
Christof Kostka 1555 bis 1594. 
Georg Kostka 1594 bis 161l. 
Prinzessin Anna von Schweden 1611 bis }(i25. 
Königin Konstanze 1625 bis 1632. 
Prinzessin Anna Katharina 1632 bis 1638. 
Königin Cäcilie Renate 163R bis 1644. 
Simon Szcza winski 1645 bis 1654. 
Konstantin Lubomierski 165Y. 
)lichael Viktorin Grudzinski und seine Gattin Lukretia Katharina. 
geb. Fürstin Radziwill 1667 bis 1703. 
Lukretia Katharina Grudzinski, geb. Fürstin RadziwilI, und ihr 
zweiter Gatte Friedrich von Dönhoff 1703 bis 1713. 
Friedrich von Dönhoff und seine zweite Gattin Konstanze, geb. 
Kossakowski 1713 bis 1718. 
Konstanze von Dönhoff, geb. Kossakowski 1718 bis 1732. 
Graf Stanislaus Wessei und seine Gattin Ludowika ] 732 bis 1751. 
Gräfin Ludowika Wessel 1751 his 1772. 


8. 
Die Landräte von Strasburg (1815 bis 1899). 
v. Wybicki 1815 bis 1840. 
Schlott 1840. 
Lauterbach 1841 bis 1845. 
Wegener 1841i. 
Baron v. Schrötter 1847 bis 1849. 
Tessmar 1849 bis 1850. 
Szcze"ny 1851 bis 1858. 
Senfft von Pilsach 1859 bis 1861. 
v. Young 1861 bis 1864. 
Henning 1
64 bis 1876. 
Jäckel 1877 bis 1888. 
Assessor Jachmann 1888 bis 1889. 
Dumrath 1889 bis 1899. 


I) S. o. S. 107. 
2) S. o. S. 107. 




 
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Königsberg i. Pr., Hartungsche Buchdruckerei