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			Mitteilungen 


des 


Coppernicus- Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


T h 0 r n. 


15. Heft. 


Sitzungaberichte und Abhandlungen. 



 

 

 


T h 0 r n. 
Kommieeione'lerlag von Ernet Lambeck. 
1907.
		

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Inhaltsverzeichnis. 



 


Sitzungsberichte 


S. 1, 1
1. 51 


Verzierungen aue neolithischen Scher'bon deI' Elbinger Umgegend. Von 
Prof. Dr. R. D 0 r r . . . . . . . S. 2 


Die Bemühungen der 
tadt Thorn um \Viederau£nahme in den preussi- 
schen Staatsverband während dCl' Freiheitskriege. Von Dr. 0 tt 0 
Lindau. (Kchluss). . . . . . . . . . . . . . . . . S. 10 


Der Urnenfund zu Grumbkow KI'. Sto] p. Von Hauptmann Li] i e zu Thorn s. 
o 
Thorn unter preussisehel' Oberhoheit, aber russischer B!'vormundung. 
Von DI'. Otto Lindnu. S. .).) 3- 
--, a 
Thol'D, Elbing", Danzig und die polnischen Königswllhlen 1573-157;;. 
Von Dl'. R. .J aco h i. s. 4') :,3 
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Literari1
cher Anzeiger. 


S. 3t, 48 


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			Mitteilungen 
des 
Coppernicus- Vereins für Wissenschaft und Kunst 
zu 
Thorn. 


15. Heft. 


März 1907. 


Nr. 1. 


Inhalt: 
Sitzungsberichte S. 1. - R. D 0 r r, Verzierungen auf neolithischen 
Snherben der Elbinger Umgegend S. 2. - Dr. Lindau, Die Bemühungen der 
Stadt Thol'n um \Vierleraufnahme in den prellszischeIl Staatsverband während 
der Freiheitskriege (Schluss) S. 10. 


Si t:z:ungaberich te. 
(Auszug.) 
Monntssitzung am 7. Januar 1907. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr prakt. 
Arzt Dr. Steinborn den zweiten Teil seines Vortrages "Geschichte 
des Aussatzes und der Aussatzhäuser mit einem Beitrag über Aus- 
satzhäuser der Provinz \Vestpreuszen". 
Die Monatssitzung im februar fiel aus. 
Öffentliche Sitzung am 19. februar, 
dem Gcburtstage des Nicolaus Coppernicus. 
Der Bibliothekar, Herr Professor Sem rau, erstattete den Jahres- 
bericht für das Geschäftsjahr 190H{07. Die Zahl der ordentlichen 
Mitglieder betrug am Anfange dieses Jahres 79. Es schieden aus 
durch den Tod 2, zuletzt Herr GymnasialoberIehrer Lewus (t 19- 
Januar 1907), durch fortzug von Thorn 2 Mitglieder, zuletzt Herr 
Divisionspfarrer Zktarski, der nach Metz versetzt wurde, durch 
Austrittserklärung Herr Mittelschullehrer SzymaIiski (im ganzen 5). 
Aufgenommen wurden (i Mitglieder, so dass die Zahl der 
ordentlichen Mitglieder am Schlusse des Jahres 80 war. 
An Ehrenmitgliedern zählt der Verein 12, an korrespondieren- 
den Mitgliedern 11. 
Den Vortrag hielt der Vorsitzende, Herr Professor Boethke, 
über "Materialistische und spiritualistische Weltanschauung". 
Nach dem Vortrage fand ein zwangloses Beisammensein im 
Artushofe statt. 
Monatssitzung am 4. März 1907. 
Der Bibliothekar teilt mit, dass Herr Stadtrat Kordes der 
Bibliothek das Werk Die Reisen des Venezianers Marco Polo im 


-1-
		

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			13. jahrhundert. ßearb. und herallsg. 
'Oll Hmls Lelllke Hamburg 1907 
geschenkt hat. 
Der Schatzmeister des Vereins, Herr Stadtrat Glückmann, legte 
die Rechnung für das abgelaufene Geschäftsjahr ID0t5/07 vor. Die 6- 
Einnahmen beliefen sich auf 20U2,40 Mk, die Ausgaben auf 15-l2,0-l (I 
Mark, der Kassenbestand betrug mithin 520,HU Mk. Dem Schatz- .. 
meister wurde die Entlastung erteilt. Der Haushaltsplan für I !)07 ;08, 
der in Einnahme und Ausgabe mit Hii3:?,8U Mk. abschlieszt, wurde t 
von der Versammlung angenommen. 
Die Einnahmen des Stipendienfonds betrugen 40 I ,8iJ Mk., die 
Ausgaben 210 Mk, so dass ein Bestand von 1Dl,83 MI<. in das 
Jahr 1907/08 übernommen wurde. Oie Zinsen für das Jahr !!J07/08 
im Betrage von 105 Mk. wurden für landeskundliche Arbeiten zur 
VerHigung gestellt. 
Als ordentliche Mitglieder wurden aufgenommen die Herren 
Buchhändler Pusch, Dr. Eduard W olff, Kaufmann Richard Keller 
und Rittergutsbesitzer Koerner zu Hofleben. Die Zahl der ordent- 
lichen Mitglieder beträgt darnach gegenwärtig 8-1. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt der Bo- 
taniker Herr J. Scholz aus Marienwerder einen Vortrag über 
"fleisch verdauende Pflanzen" mit Demonstrationen an lebenden und 
getrockneten Pflanzen. 


,rerzierungen auf neolithisrben Srberbrll drr Elbinger 1!lIIgr
('nd. 
Von Prof. Dr. Ho Dorr, 
Vorsitzendem der EIlJinger Altortumsgesellschllft, 
Der Aufforderung des Herrn Professor A. Semrau- Thorn, für 
die "Mitteilungen des Coppernicus - Vereins Hir Wissenschaft und 
Kunst zu Thorn ll die Verzierungen auf den neolithischen Scherben 
der Elbinger Umgegend zu zeichnen, bin ich um so lieber nachge- I 
kommen, als solche Abbildungen in grösserer Anzahl meines 
Wissens noch nicht veröffentlicht worden sind. Ich berÜcksichtige 
dabei hier nur die Hauptfulldstellen, in denen Scherben mit charak- 
teristischen Ornamenten zu Tage gekommen sind, und übergehe die 
andern, die nur Wiederholungen bieten, I) 
1. Die neolithischen Kiichenabfallhaufen bei Tolkemit.:!) 
Vorglfiche die AlJlJ. 1-:!7. 
Das von der Elbinger Altertumsgesellschaft bei Tolkemit gc- . 
sammelte Scherbenmaterial, wie die übrigen aus andern fundstätten 
nachstehend beschriebenen neolithischen Scherben, befindet sich in 
den Sammlungen der Gesellschaft, die im Elbinger städtischen 


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ine Zusammenstellung siimtlichor neolithischer :Fundstellen dos EIlJin- 
ger KI'!'ises, die bis 189iS bekannt waron, habe ich gl'geben in dpr Beilage zum 
Programm des Elbinger Real-Gymnasiums Oster'n 189;: ,,{'"hcrsicht über die prä- 
historischen Funde im Stadt- und Landkrcise EIlJing". Elbing' 1893, H. 5--1,j. 
2) i"ber die neolilhischen .Funde lIuf dem hohcn Haffufcl. bei 'folkemit 
sind hishcr folgon
o Veröffontlichungen erschienen: Bnluclldt, in den Sc!u'iften 
dpr Physikalisch-Ukonomischen Gesellschaft zu KÖlligsbcrg XVI, 2 (
, 117 bis 


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Museum aufbewahrt werden. Eine kleine Kollektion von verzierten 
Tolkemiter neolith. Scherben ist von uns an das städtische Museum 
zu Thorn abgegeben worden. 
Das Städtchen Tolkemit liegt 20 km nördI. von Elbing am 
Frischen Haff. Die rlaffküste macht hinter Tolkemit eine Biegung 
nach Nordost. Der Plateaurand fällt hier steil ab, fast bis zum 
Spiegel des Haffs, so dass nur ein schmaler, flacher Küstensaum 
übrig bleibt, über welchen jetzt die Haffuferbahn führt. Am oberen 
Rande des stellenweise 20 m und darüber aufsteigenden Abhangs 
zogen sich die Küchenabfallhaufen von Tolkemit hin, von denen 
heute nur noch wenige Spuren übrig sind. Dort sammelte ich be- 
reits 1885 einige neolith. Scherben, nachdem bereits früher andere 
von Dr. Anger unsern Sammlungen zugeführt worden waren. Als 
dann im Sommer des jahres 1898 dort der Bahndamm der Haff- 
uferbahn geschüttet wurde (die Stelle wird "Schweinelager" ge- 
nannt) und zu diesem Zweck, etwa 2 km von Tolkemit entfernt, 
durch den Abhang ein Einschnitt gelegt werden musste, der eine 
bis dahin noch nicht berührte neolithische Kulturschicht durchsetzte, 
kamen massenhaft neolithische Scherben zum Vorschein. Einen 
Teil davon erhielt ich damals durch Herrn fabrikbesitzer Schmal- 
feldt hier, der dort den Bahndamm schütten Iiess, viele andere ge- 
wann ich durch eigene umfangreiche Ausgrabungen, die ich damals 
dort veranstaltete; auch dem Westpreuss. Provinzialmuseum ging 
in demselben jahre (1898) eine reichhaltige Kollektion neolith. Scher- 
ben von derselben fundsteIle zu, über die der Direktor des westpr. 
Provinzialmuseums, Herr Professor Dr. Conwentz in dem oben an- 
geführten Verwaltungsbericht des jahres um8 ausführlich berichtete. 
Sehr bedeutende Kollektionen neolith. Scherben waren bereits viel 
früher von Behrendt und namentlich Tischler dort ausgegraben 
worden und befinden sich in dem ostpreuss. Provinzialmuseum in 
Königsberg Pr. 
Tischler ist es denn auch gewesen, der 3 Hauptmethoden der 
Verzierung auf den Tolkemiter neolith. Scherben festgestellt hat: 
1. Das Sc h n u ro r n a m e n t, hervorgebracht durch umgelegte 
in den weichen Ton eingedrückte Schnüre. 2. Das Strichzonen- 
o r n a m e n t, bestehend aus horizontalen Zonen kurzer vertikaler 
Striche, ähnliche Striche kommen auch in Zick-Zackform vor. 3. Ein- 
drücke durch fingernägel oder durch abgeschrägte Röhrenknochen, 
halbmondförmige, auch runde. 


126); Tischlcr, ebendaselbst XXIII, I, S. 19 u. f1gd.; Fröling,'" im Sitzungs- 
bericht der j anthropologil.chen Sektion der NutUl.forschenden Gesellschaft in 
Dunzig vom 8. Fl'bruur 1831: Conwentz, ebendaselbst vom 17. Dezembt>r 1884 
und in clen Berichten über die Verwaltung des \Vestpr. Prov.-Museums für die 
Jahre 1886, 18!J8 S. :l3-ar. mit 7 Abbildungen; Lissauer, die:prähistorischen 
Denkm!,ler der Provinz \Vestpl'eussen (Leipzig, \V. Engelmann, 1887MS.
38; 
DOI'r, Übersicht l'tc., Beil. z. PI'ogt'. d. E. Hg. 18:'3, S. 8--10; Dorr, Bericht iiber 
pie 1'ätigkeit der Elbingel' Alterlumsgesl'lIschaft in den Vereinsjahren 18!J4jlS!J!) 
in d('n SchdftOIl der Nalu1"forschellllcn Gesellschaft in Danzigi.N.

'. Band X, 
Heft I, Danzig 18!)U, S. !IG, U7; 001'1', !<'ührer durch die Sammlungen des Städt. 

luseums zu Elbing. Elbing IU03, S. 10-12. 


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			Von den von mir nachstehend abgebildeten 3 ) Ornamenten ge- 
hören die Nummern 1-27 dem Tolkemiter Scherben material an. 
Man erblickt da, weit überwiegend, das Schnurornament in den ver- 
schiedensten Kombinationen: 
Die Schnüre wurden in horizontalen Parallelreihen (2-6 auch 
mehr) eingedrückt, unten durch kurze, senkrechte, auch zickzack- 
förmige oder halbrunde, auch wellenförmige Schnureindrücke fra n _ 
senartig verziert. (Abbildungen 2, 13, 15, 17, 19, 20, 22). Die 
horizontalen Schnurreihen werden ferner kombiniert mit dem Strich- 
zonenornament (Abb. 18), auch mit runden Stempeleindrücken 
(Abb. 24, 27), oder mit ovalen, oder spaten-, oder keilförmigen 
Stempel-Grübcheneindrücken (Abb. 7, 10, 11, 12, 21). ferner sieht 
man, wie die verwendeten Schnüre manchmal nur wenig den Um- . 
fang des Gefässes an Länge übertrafen und ihre Enden ein wenig 
nur aneinander vorbei reichten (Abb. 8), oder auch wohl kürzer 
waren, als der Umfang des Gefässes, so dass ihre Enden sich 
nicht erreichten (Abb. 24). Die Schnüre sind manchmal ziemlich 
nachlässig eingedrückt, so dass der Parallelismus nur ein unge- 
fährer ist (Abb. 2, 10, J 3, 24, 25). Auf Abb. 7 befindet sich bei b, 
auf Abb. 8 bei ader Uberrest eines abgebrochenen Henkels. Auf 
Abb. 5 bei a ist eine konische Durchbohrung sichtbar, die keine 
Verzierung, sondern zum Durchziehen einer Schnur für bequemeres 
Tragen bestimmt war. 
Kreisförmige Stempeleindrücke kommen auch allein vor, in 
zwei parallelen, horizontalen Reihen auf Abb. 1, in fünf horizontalen, 
parallelen Reihen und einer darunter gelegten wellenförmigen Reihe 
auf Abb. 6. Zwei Reihen vi e re c Id ger Stempeleindrücke zeigt 
Abb. 3, die untere Reihe wird durch einen zaljfenförmigen, oben 
abgerundeten Ansatz (bei a) unterbrochen, die obere Reihe biegt um 
diesen herum, ebenso biegt auf Abb. 7 die untere Grübchenreihe 
bei b unterwärts um einen Henkelrest herum. Die kreisförmigen 
Stempeleindrücke auf Abb. 1 sind wohl durch ein rundes Holzstäb- 
chen hervorgebracht, dessen Endfläche nicht ganz glatt abgeschnitten 
war, denn auf der unteren Reihe erblickt man in der Kreisfläche 
noch fünf punktartige besondere Vertiefungen, die wohl hervor- 
ragenden Holzsplittern ihr Entstehen verdankten, in den Vertiefun- 
gen der obern Reihe sind sie so schwach bemerkbar, dass sie in 
der Zeichnung fortgelassen sind. 
Die Grübchen auf Abb. 7 (vergl. Abb. 7a) zeigen an der linken 
und obern Innen wand parallele senkrechte Streifen, die vielleicht 
von einer Reifelung an den Aussenseiten eines Holzstempels 
herrühren. Die spatenförmigen nach unten flach auslaufenden 
Stempeleindrücke zeigen an dem obern senkrechten Abstich (vergl. 
die Vergrösserung Ha) einen kleinen horizontal vorstehenden 


S) Die bei den Zeichnungen zahlreich notwendig gewordene und in Bruch- 
zahlen angegebene Verkleinerung der Originalgrösse ist "li n e ar" zu ver- 
stehen. Es entspricht der Linearverkleinerung = 1/ 2 eine Flächenverklei- 
nerung = 1ft. 


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			Zapfcn 4 ), der cbenfalls der Eigentümlichkeit des Stempels sein Entstehen 
verdankt. Auf Abb. 25 sind zwischen den 5 Schnurreihen vier finger- 
nageleindrücke sichtbar. Abb. 26 zeigt Gruppen spaten- und keil- 
förmiger Stempeleindrücke, von der rechtsseitigcn sind nur noch 
zwei kleine Eindrücke vorhanden. Abb. 1 ü zeigt drei durch die 
Unterseite eines Daumens hervorgebrachte schwach muldenförmigC' 
Eindrücke. Abb. 17 zeigt einen ohren-(hufeisen- )förmigen erhabenen 
Ansatz, der das Aufheben des Gefässes erleichtern sollte. Die ab- 
gebildeten Stücke sind fast alle RandsHicke. - 
Die Tolkemiter neolith. Scherben rühren wohl sämtlich von 
Wirtschaftsgefässen her. Sie- sind braunrötlich, hart gebrannt, der 
Ton mit Granitgrus gemengt. Die Gefässe warcn meist gross 
(Umfang am Rande 1- 
 m), bis zu 1 cm dick. 
2. Rcimannsfelde. 
Vel'gleiche die Abb. iBn::.!. 
Reimannsfelde liegt 13 km nördlich von Elbing am frischen 
tfaff. Hier waren 189
 durch Baggerungen, 100-200 m vom Haff- 
strande entfernt, aus dem Haffgrunde neolithische Scherbcn zu Tage 
gefördert worden. Es gelang mir, eine Kollektion derselben nebst 
einem ebenfalls dort ausgebaggerten Stcinmeissel Hir lInsere Samm- 
lungen zu erlangenJ') Die Scherben sind hart gebrannt, nicht ohne 
ßeimengung von Granitgrus, blaugrau. Von den auf den Abb. 28 
his 34 vorgeführten Ornamcnten auf den von dort gefundenen neolith. 
Scherben ist das interessanteste das auf Abb. 28 gegebene. Zwei 
horizontale Zickzacklinien werden durch Zonen eingeritzter horizon- 
taler Striche, die auf beiden Enden durch senkrecht eingeritztc 
Striche eingerahmt sind und sich senkrecht an der Gefässwand 
hinabziehen, begrenzt. Man', könnte in letztcrn ein bandförmiges 
Ornament erblicken. Abb.
!) zeigt drei Horizontalreihen senkrech- 
ter eingedrückter Grübchen. Abb. 30 zeigt ein schräggelegtes Strich,. 
ornament auf dem Rande. li ) 
Abb. 31 zeigt zwei ovale Griibcheneindrücke. Abb. iJ2 zeigt 
mondsicheiförmige Einritzungen, Abb. 33 ein horizontales schu)pen- 
grübchenförmiges Ornament, auf Abb. 34 erscheinen keilförmige 
Eindrücke. 


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3. Dcr Eichenberg bei Katznase. 
VI'I'glci!'he die Abb. 35-4:3. 
Der Eichenberg ist ein diluvialer Hügel bei dem Dorfe Katznase 
(22 km südwest\. von Elbing) im kleinen Marienburger Werder am 
alten Noga tbett. Er ist 300 m lang, 75 m breit und liegt 8,5 m über 
4) Vergl. im amtlichen Bericht d
s "'eRtpr, Pmvinziul-Museums für lB!J8, 
S. 36 die nach einer Photographie hergestellte Abb. (l"ig. 13) eines Tolkemiter 
GefIissscherbens, auf dessen Stempeleindt'üekl'n ähnliche Zäpfchen befindlich zu 
sein scheinen. 
11) Vergl. für die nähern Umst1lnde menien "Bericht über die Tätigkeit der 
Elb. Altertumsg"esellschaft für I R!JI f!J3" in "ScJlI'iften der Natu1"forsch. Gesellschaft 
zu Danzig N. ,I<'. VIII. H., 3 Hft., S. IHI/182". 
6) Fiilschlich von mh' in ocr in Anm. ft zitierten Stelle S. IR2 als Finger- 
nagoleindl'iieke bezej<:llllet. 


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dem Spiegel der Ostsee. In vorgeschichtlicher Zeit ragte er als 
diluviale Insel aus dem sumpfigen Mündungsgebiet der Weichsel 
empor und ist, wie die funde lehren, in allen prähist. Perioden bis 
in die Burgwallzeit hinein bewohnt gewesen. Dies stellten die 1885 
dort veranstalteten Ausgrabungen des Herrn Prof. Conwentz fest, 
der dort auch die Steinzeit vertreten fand in Scherben mit Schnur- 
ornament und Schabern und Messerchen aus Feuerstein. 7 ) 
Von dem Eichenberge nun überbrachte mir in den jahren 
1888/1889 einer meiner Schliler, Schopnauer aus jonasdorf, ein ziem- 
lich bedeutendes prähist. Scherben material, das von der neolith. bis 
in die Burgwallperiode reichte und aus dem die neolith. Verzierun- 
gen auf Abb. 35-43 wiedergegeben sind. Das Strichzonenorna- 
ment herrscht vor. Abb. 40 zeigt ein kegelförmiges Ornament (form 
der Holzpuppen des Kegelspiels). Abb. 42 von einem Randstück 
zeigt parallele Grübchenreihen, die über den Rand selbst zichen 
und vom Rande andrerseits senkrecht nach unten laufen. Die Grüb- 
chen dÜrften mit Hilfe eines Zahnrädchens erzeugt sein. 
Die Verzierung auf Abb. 43 bedeckt die ganze Oberfläche 
eines kleinen knieförmigen Henkels; sie besteht aus drei Zonen hori- 
zontaler paralleler kurzer Striche, von denen eine jede in der Mitte 
von einer senkrecht herunterlaufenden Linie durchschnitten wird, 
so dass Zonen senkrechter kr eu z f ö r mi ger Einschnitte entstehen. 
Der Scherben (Abb.4]) zeigt oben 4 rundliche Eindrücke, darunter 
3 Gruppen paralleler Grübchenreihen. 
Die Scherben sind braun und aus feingeschlämmtem Ton. 
Auch ich erhielt vom Eichenberg zahlreiche Schaber und Messerchen 
aus feuerstein. 


4. Weissenberg (Kreis Stuhm). 
Vergleiche die Abb. 44-48. 
Lissauer zitiert in den "Prähist. Denkmälern der Provinz W est- 
preussen" S. 36 eine Äusserung Tischlers in den Schriften der 
Physikal.-ökon. Gesellschaft XXIII, die sich auf eine prähist. fund- 
stelle auf dem Gelände des Dorfes Weissenberg, gegenüber der 
Montauer Spitze, bezieht. Sie lautet: 
"Hier liegt am östlichen Nogatufer ein Berg, auf welchem 
wiederholt von Herrn jentzsch-Königsberg, flögel-Marienburg und 
mir selbst Scherben von Tongefässen mit Schnurornament und Ab- 
fälle von feuersteinwerkzeugen gefunden worden sind. Dieselben 
wurden zum Teil in dem Prov.-Museum zu Königsberg, wo auch 
ein paar feuersteinmesser von hier sind, zum Teil im Westpreuss. 
Prov.-Museum aufbewahrt. "8) 
Ich erhielt nun vor einer Reihe von jahren durch den kürz- 
lich verstorbenen Professor Rudorff eine kleine Kollektion von neo- 


7) Vl'l'gJ. das Weichsel-Nogst-Delta von Dr. Lissauer und Dr. Conwentz. 
Separat-Abdl"Uck aus den Schriften der Naturf. Gesellschaft zu Danzig. N. F. 
Hd. VI, Hft. 3, S. B6, B7. l%endasclust auf Taf. 11, NI'. I die Abli. eines Scher- 
bens mit Rdmurornament; ferner: LissauCl., Prühist. Dnlkmäler ete. S. 38. 
8) Lissauer macht hierzu die Anm(\rkung: Von diesen Objekten besitzt 
das \Vestpr. Provinzial-Museum Kopien in Gips. 


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			lithischen Scherben, die auf einem Schulspaziergange über die Mon- 
tauer Spitze und \Veissenherg von seinen Schülern auf einem san- 
digen Hügel gesammelt worden waren. Oifenbar war es dieselbe 
fundsteIle wie die oben von Tischler:beschriebene. 
Die Verzierungen dieser neolith. - Scherben sind auf den Ab- 
bildungen 44-48 wiedergegeben. Man:' erblickt das Strich zonen- 
ornament, das Zickzackornament, spatenförmige Grübchen und das 
Schuppengrübchenornament. Letzteres auf Abbild. 46, 47, 48. Auf 
Abb. 48 sind mehrere Zonen von Schuppengrübchen (ich finde 
keine andere Bezeichung für diese Verzierung) durch geradlinige 
Einritzungen von einander getrennt. Solche-geradlinigen Einritzungen 
sind auch auf Ahb. 47 zu erblicken, die eine Linie durchschneidet 
sogar die linke Grübchengruppe in schräger Richtung von oben 
his unten. Die Eindrücke auf Abb. 45 sind auch wohl durch ein 
Zahnrädchen erzeugt. Die Scherben sind hellbraun, der Ton ist 
fein geschlämmt. 
Die Scherben von Reimannsfelde, dem Eichenherg und von 
Weissenberg, deren Verzierungen hier abgebildet sind, dürften jünger 
als die T olkemiter sein! Die Ornamente sind viel sorgfältiger aus- 
geführt. Die eingeritzte gerade Linie kommt auf den Scherben von 
Tolkemit gar nicht vor. 


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nif\ ßf'miilmlll!:en der - Stadt. Tllorn 11m Wit'dt'rallfnallme in drn 
pl'('uszisrll('n Staats\'crband \\'iillrend der .'rrilleitskrirge. 
Von Or. DUo Lindlu. 
(Schlu...) 
Der Regierungspräsident dankt am 3. November 1 R 14 für die 
Glückwünsche und erklärt, dasz er sich glücklich schätzen würde 
zur Erfüllung seines Wunsches beitragen zu können, dasz Thorn 
als diejenige Stadt, die unter allen Verhältnissen ihre Anhänglich- 
keit an den preuszischen Staat so treu und ausdauernd bewährt, 
seinem Wirkungskreis einverleibt werde. 7) 
Im Laufe der Verhandlungen auf dem Wiener
KongressRschien 
aber die Sache Thorns immer hoffnungsloser zu werden: Einen 
Platz, den die deutsche Ritterschaft sich zum Ausgangs- und Stütz- 
Punkt ihrer Machtentfaltung erkoren, der im Laufe der Jahrhunderte 


.. 


7) Auch in dem auf Blatt 63 die!;er Abhandlung erwähnten Brief des 
Kriegsrats Lehmlmn an den Fürsten H(1ichskanzler vom 15. November 1HI3, 
welch!>r si('h in den dem Verfasset' erst nach Dl'ucklegung des ersten Au- 
sl'hnitts dieser Arbeit durl'h gütige Vermittlung des Magistrats zugänglich ge- 
wOl'dellen Akt>n des Geheimen 
taatsarchivs vorfindet, wird in Band R. 74 
P. I No. 2fj die pl"euszisch-patriotische Gesinnung I'ühmend hel"Vorgehouen. 
,.Die ansehnli('hen freywilligen BeytJ'äge dieser 
tadt für die Heilige Gute 
Hal'he sind /touch ein Be
eis davon, als von welcher 
373/
 Thlr. uaar hereitR 
an das Uonvel'l1f'ment I1\ Herlin bezahlt und noch eingegangen 10 Stül'k 
Napoleonsd'or, !.Ir, 'fhlr 2 fit Silber, 
WO Hl'heffel Hafer, einige Hundert Paal' 
wollene So('ken, 50 1I('lIIl1en, viele Leih-Rinllen und Charpie." 



 
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wie oft !8) blutig umworben worden war, dessen strategische Wich- 
tigkeit auch die moderne Kriegskunst bekanntlich hoch einschätzt, 
wollte die russische Regierung sich nicht entgehen lassen und be- 
stand zur Sicherung ihrer Grenze hartnäckig auf die Linie Krakau- 
Thorn für sich. Preuszen wollte dagegen in dem ihr als Kriegs- 
entschädigung zuerkannten sächsischen Landstrich die schönc Han- 
delsstadt Leipzig nicht missen. Diese Streitpunkte waren c:nc Zeit 
lang fast allein der Kern der Kongressverhandlungen, bis sic wie 
foerster in seiner Geschichte der Befreiungskriege (Berlin 18G I) be- 
richtet, in eigenartiger Wcise ihre Lösung fanden. "Es würde," so 
schreibt er' im 111. Band Blatt 512, "noch Monate lang in dcn Kon- 
ferenzen hin- und hergefeilscht über polnische Seelen, Dörfer, Städte, 
flüsse und Grenz - Linien. Zuletzt beschränkte sich der liandel 
darauf, dasz Alexander auf Thorn, Friedrich Wilhelm auf Leipzig 
bestand. Vergebens hatten die Diplomaten allen Witz und ihre 
Beredsamkeit aufgeboten, um einen endlichen Ausgleich herbeizu- 
führen; schon war es nahe daran, dasz Preuszen auch von Russland 
seinem Schicksal überlassen worden wäre, als es einer schönen 
frau gelang, die getrennten Gemüter zu versöhnen und die Ent- 
scheidung über die polnische und sächsische Sache in anmutiger 
Weise herbeizuführen. Der Kaiser und der König hatten die Ein- 
ladung zu einer Abendunterhaltung bei der Herzogin von Sagan 9 ) 
angenommen. Es wurden lebende Bilder gestellt. Eines ausge- 
zeichneten Beifalls erfreute sich ein allegorisches Bild, die gefesselte 
Irene (friedensgöttin) von Eris (der 
.wietracht) und Bellona (der 
Kriegsgöttin) bedroht. Zu groszer Uberraschung der Zuschauer 
trat die gefesselte Irene aus dem Rahmen des Bildes heraus und 
richtete an den "groszmütigen, weltbefreienden und weItbeglücken- 
den Alexander ll in einigen, mit rührender Anmut gesprochenen 
Versen die Bitte, ihre fesseln zu lösen und die drohenden Dämo- 
nen der Zwietracht und des Krieges zu verscheuchen. Der Kaiser 
hob gnädig und gerührt die schönc Gräfin Julie Cichy - denn sie 
war die reizende friedensgöttin - auf, führte sie zum König von 
Preuszen und sagte diesem in der schmeichelhaftesten Weise, dasz 
ihm allein das Vorrecht gebühre, die fesseln von so schönen Hän- 
den zu lösen. friedrich Wilhelm, dessen zarte Neigung für die 
Gräfin Julie wir nicht vergessen haben, konnte so holden Blicken 
nicht widerstehen, er nahm die, fesseln ab und als der Kaiser ihm 
jetzt vertraulich zuflüsterte, ich gebe meine Ansprüche auf Thorn 


b) Zerneke beschreibt in Bcin£>m "Das boy lien S('h,,"edischen KdE'gen he- 
kdE'g-te Thorn. Thorn 171
" die Belagerung der Fe.slung clurl'h "Trangd i. J. 
lIi:?D. durch König Carl Gustav i. J. 16."5, durch die polnische Annee i. .J. 
IIj5H und dm'ch Carl XII. i. .J. 1703. Im JILhre 180G folgten die Belagprung 
dm'ch die Franzosen, i. J. 18m' durch die Österreicher und i. .J. IHl3 durch 
lIie Hussen. 
D) Der Herzogin Dorothea von SRgan wurde dieser Tilel erst im Jahre 
184,) von König Friedrich Wilhelm IV. wl"liehcn, Als Tochter des Herzogs 
von Kurland und Semgallen geboren (:?I. VHI. 1793) vermiihlle sie si h IHO
' 
mit ElImund TalleYl'ßnd von Perigord und hatte so als Nichte des berühmlen 
Staatsmanns politischen Einflul'lz Ruf den Kongress zu \YieD, 


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/Pomorze_038_03_016_0001.djvu

			auf, und Friedrich Wilhelm erwiderte, und ich bestehe ferner nicht 
auf Leipzig, folgte unter allgemeinen Jubel der Anwesenden eine 
herzliche Umarmung der beiden fürsten. Die schwierigste frage 
des Kongresses schien gelöst." 
Wenn der erzählte theatralische Coup auch wohl kaum allein 
maszgebend für die Entscheidung der Monarchen gewesen ist, so 
mag die Versinnbildlichung der bis zum blutigen Austrag zuge- 
spitzten politischen Lage dabei mitgewirkt haben. 
Wenigstens war nun die Zeit qualvollen Harrens und Bangens 
für die Thorner vorüber und geben sie dieser Empfindung in einem 
Schreiben an den Reichskanzler vom 24. februar 1815 lebhaftesten 
Ausdruck. "Die gestern hier durch die öffentlichen Blätter bekannt 
gewordne, zweifelsfreie Bestimmung unsrer Wiedervereinigung mit 
den Königlich Preuszischen Staaten hat Gottlob! auch unsre sehn- 
lichsten Wünsche, die wir Ew. Durchlaucht durch unsre Abgeord- 
neten früher wiederholentIich unterthänigst und dringend vorge- 
tragen haben, endlich mit glücklichem Erfolg gekrönt. Nächst Gott 
und dem allergnädigsten König verdanken wir dieses für die gantze 
Welt und insbesondere für uns so glückliche Ereignis der Weis- 
heit und Standhaftigkeit Ew. Durchlaucht. Durchdrungen von 
freudigen Gefühlen über dieses uns betroffene glückliche Loos, 
welches seit 8 Jahren der gewaltsamen Trennung selbst unter har- 
tem Druck und Leiden stets unser höchstes Ziel und unsre schönste 
Hoffnung war, danken Ew. Durchlaucht wir hiedurch Namens der 
ganzen Bürgerschaft auf das innigste und unterthänigste. Wir fügen 
dazu auch Ehrerbietungsvoll unsre Gliickwünsche für das durch 
Ew. Durchlaucht Kräftige Mitwirkung vollbrachte ewig denkwürdige 
friedenswerk hinzu, mit der heiligsten Versicherung, dasz wir in 
unsrer neuen Lage uns aufrichtigst bestreben werden, durch sorg- 
same Erfüllung unsrer Unterthanenpflichten des Zutrauens Ew. Durch- 
laucht ferner würdig zu seyn und zu bleiben. Geruhen Ew. Durch- 
laucht unter den Millionen, die ihre Blicke auf Sie, hochverdienter 
fürst, gerichtet haben, auch dieses Scherflein des Dankes einer 
minder wichtigen und durch Leiden aller Art niedergedrückten, 
aber getreuen Stadt gnädigst aufzunehmen. - In Hoffnung dessen 
reihen wir die unterthänige Bitte an, bey der wahrscheinlich bald 
erfolgenden Eintheilung der neuen hiesigen Provinz unsrer alten 
deutschen Ur-Stadt Preuszens eingedenk zu sein und selbige zum Sitze 
eines Provinzial-Landes-Collegii 10) gnädigst zu bestimmen. Unsre 
Stadt hat gar keinen Ackerbau, sie ist bl os auf I-Jandel und Verkehr 
gegründet, von Deutschen gebaut und von jeher bewohnt und an 
schiffbarem Strohm belegen. Nach ihrer örtlichen Lage ist sie allein 
auf die Ausbreitung ihres Verkehrs im Innern der umliegenden 
Provintzen geeignet und kann darin blos ihre Erhaltung finden. 
In dieser Rücksicht ist sie des durch den Sitz eines Provinzial- 
Landes - Collegii entstehenden Verkehrs mehr bedürftig, als die 
übrigen in der gantzen neuen Besitzungs-Linie, gröszten Theils 


10) Uemcint ist ein Obcl'landesgcr-idtt. 


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nach polnischer Art erbauten, mehrentheiJs von Polen bewohn ten 
und mit Ackerbau versehenen Städte. Die innere Bauart und Ein- 
richtung sowohl, als der Geist der Industrie und des Handels, die 
Wohlfeilheit der Lebensbedürfnisse, ein gut eingerichtetes Gym- 
nasium für die Jugend, Kirchen von allen Religions-Partheien und end- 
lich rein deutscher Sinn und ächte Vaterlandsliebe unter den Bürgern 
machen sie auch zum Sitz eines Landes - Collegii ganz geeignet, 
umsomehr als die Erfahrung bey der Occupation es bewiesen hat, 
dasz die polnischen Städte selbst mit dem gröszten Kostenaufwand 
nicht zum Sitz eines Landes - Collegii würdig eingerichtet werden 
könnten, noch weniger sich der Geist der Bewohner änderte und 
die Offizianten also gröszten Theils ein isoliertes traurigcs Leben 
führen müszten, wodurch manche junge Leute sittlich verdorben 
würden und in den Augcn der Landesbewohner ihre Würde und 
Ansehen verlören. Zum Sitz des Landes-Collegii bieten wir Namens 
der gantzen Bürgerschaft dem Staate das grosze, wohlgebaute Rath- 
haus zum Gebrauch und völliger Disposition an, indem wir selbst 
für ein anderes Local der städtischen Administration und Justiz- 
verwaltung sorgen werden. Dieses ansehnliche Gebäude, welches 
sich noch als ein Denkmal der alten festen Baukunst und der 
Blüthen-Zeit der Stadt erhalten hat und inmitten der Stadt sehr 
wohl gelegen ist, dürfte sich wohl zum Sitz zweier Landes-Collegien 
aptieren lassen, wenigstens werden die Kosten nicht so viel be- 
tragen, als wenn in einer polniscben Stadt ein neues Locale erbaut, 
oder die etwa noch aus den Zeiten der ersten Occupation vor- 
handenen Staatsgebäude, die überall total ruiniert sind, von neuem 
hergestellt werden sollten. Bis jetzt hat die hiesige Stadt die Leiden 
und Lasten der gantzen Provinz getragen und sie ist daher auch in 
dieser Rücksicht des Vorzuges für andere Städte werth und be- 
dürftig. Wir leben in der Hoffnung, dass Ew. Durchlaucht dieser 
unterthänigen Vorstellung bey vorkommender Disposition Über 
diesen Gegenstand gnädigst eingedenk und auch in der Bestimmung 
über die hiesige innere Administration uns der Einrichtung und 
Verfassung der mittleren und grösseren Handels-Städte, soweit es 
mit der Staatsverwaltung im Gantzen verträglich ist, gleich zu stellen 
geruhen werden. Die jetzt lebenden Bürger und deren Nach- 
kommen werden Sie, Durchlauchtigster fürst! dafür dankbar ver- 
ehren und zu Gott bitten, dass er Sie zum Glück des Volkes und 
des Staates bis in's späteste Alter gesund und glücklich erhalten 
möge, damit Sie den Dank der Völker für die weise und ewig 
denkwürdige Leitung des Staats-Schiffes in der vergangenen grauen- 
vollen Zeit geniessen und in dem erschaffenen Glück der Länder 
Ihre unsterblich bleibende Belohnung recht lange noch sichtbar 
empfinden möchten. 
Es sind die Gesinnungen der treusten und innigsten Ver- 
ehrung, womit wir uns zeichnen Ew. Durchlaucht 
unterthänigste, gehorsamste 
die Repräsentanten u. Abgeordneten 
Thorn, den 24. februar 1815. der Stadt und Bürgerschaft. 


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			Unter demselben Datum gingen gleichzeitig ein Schreiben an den 
König ab mit dem Ausdruck der Freude und des Dankes für die Er- 
lösung aus 8 jahre langer Trauer, dem Glückwunsch zu dem glück- 
lich geschlossenen, ewig denkwürdigen frieden und der Bitte um 
weitere Huld und Gnade, sowie Eingaben an die Ministerien der ver- 
schiedenen Ressorts und zuständige Behörden. In allen wird auf die 
die frÜheren Gesuche und die dem Staatskanzler eingereichte und 
abschriftlich beigefügte Denkschrift hingewiesen. Der Minister des 
Innern v. Schuckmann und der finanzminister werden gebeten, das 
Gesuch um Verlegung eines Landeskollegiums und die Errichtung 
eines H:!Upt-Zollamtes in Thorn zu befürworten. "früher war in 
Thorn ailch das Hauptzollamt des Weichselstromes, welches künftig 
der nahe liegenden Grenze halber und, da bey der Stadt die Haupt- 
Passage des Weichselstromes und die beste Uferanlage sich be- 
findet, die Stadt ferner auch der Hauptort des inneren Weichsel- 
handels ist, auch am bequemsten und sichersten hier seinen Stand- 
punkt haben könnte. Ebenso war hier der Sitz der Seehandlungs- 
Direktion, deren Sitzungs-Haus nebst einem Saltz-Magazin noch 
olmverkauft dasteht." Die Bitte um Verlegung eines Landes- 
kollegiums nach Thorn wird auch dem justizminister von Kirch- 
mann unter Berufung auf den Kammergerichtspräsidenten von 
Truetschler und den Gcheimen Kabinettsrat Albrecht, denen die 
Verhältnisse der Stadt aus eigener Anschauung in früherer Zeit be- 
kannt seien, wiederholt und der Kammergerichts-Präsident in be- 
sonderem Schreiben um Befürwortung beim justizminister gebeten. 
Im März 1815 folgten nun andere Gesuche, zunächst an den 
General der Infanterie, Militäroberbefehlshaber des alten Preuszen, 
Grafen Bü!ow von Dennewitz in Königsberg, der schon im jahre 
180U Thorn kennen gelernt habe, um Berücksichtigung bei der 
Einrichtung der künftigen Militärvcrfassung hierorts und seine Be- 
teiligung an dem bevorstehcnden Einzug der Truppen. - Der 
Kriegsminister Generalmajor v. Bayen wird tim Herstellung der 
zertrümmerten, zwischen den festungswerken liegenden Weichsel- 
brücke und Erbauung "der gäntzlich hier fehlenden Casernen sowie 
Reparatur der Militärgebäude aus den Fonds des Staates" gebeten. 
Nur Boa Häuser seien übrig geblieben, die gänzlich verarmte Bürger- 
schaft könne die Last dcr Einquartierung von 1 HOO Mann mit einem 
beträchtlichen Offizierkorps nicht tragen. In anderen Festungen 
seien übe ra II Kasernen. Das hiesige jesuiterkollegium eigne sich 
zum Kasernement. Es sei Staatsgebäude und ebenso würden sich 
mit geringen Kosten Privathäuser dazu einrichten lassen. Zunächst 
bäte man um eine Schiffbrücke, zu welcher in Graudenz Kähne 
und Materialien vorhanden seien. Am 6. März 1815 folgte dann 
die Bitte um Einsetzung einer Kasematten- oder Kasernen-Inspektion 
mit den nötigen Fonds wie in Graudenz und anderen festungen, 
um den Bedürfnissen der Garnison an Holz, Licht und Utensilien 
aller Art zu entsprechen und die Reparatur der Militärgebäude zu 
besorgen. Unter der bisherigen Regierung seien solche Einrich- 
tungcn nicht zustande gekommen und grösztenteils alles durch gewalt- 


- 14 - 


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			same Requisitionen von den Bürgern ohne Bezahlung genommen 
worden. Das sei unzählige Mal geschehen und die Bürgerschaft 
habe dadurch alle ihre Einquartierungslagerstellen verloren. Die 
wenigen Militär-Staatsgebäude seien total ruiniert. Kasernen, Ho- 
spitäler, Arsenal- und Magazin-Speicher befinden sich in Wohn- 
häusern der Bürger, die ihnen ohne Entschädigung fortgcnommen 
und völlig verwüstet seien. Von den vorhandenen Lazarett- 
Utensilien könne schwerlich den reinlichen König\. Preuszischen 
Truppen etwas zum Gebrauch gegeben werden und selbst die seit 
8 jahren ununterbrochen mit Kriegs-Einquartierung besetzt ge- 
wesenen Bürger-Quartiere werden einer gewissen Reinigungsfrist 
bedürfen. 
Der Besitz eines Landeskollegiums aber schien den Thornern 
immer noch voranzustehen, denn um diese so oft schon erbetene 
Bevorzugung zu erlangen, schickten sic 3 Deputierte aus ihrer 
Mitte, die Kaufleute Hepner jun., Raeschke und Seifensieder Saenger 
zur persönlichen Rücksprache nach Marienwerder, um, wie es in 
dem diesen mitgegebenen Anschreiben vom I. März 1815 hciszt: 
"Dem höchstgeehrten Chef der hohen Landes-Collegien, Herrn 
Oberlandesgerichts-Präsidenten Oellrichs, die Ehrerbietung und Bitte 
zu überbringen, unter Oberaufsicht unparteiische Rechtspflege zu 
genieszen. ja! wir sind deren sehr bedürftig." Es wird um Be- 
setzung dcs hiesigen Stadtgerichts mit tüchtigen und erfahrenen 
Männern gebeten, da seit den verflossenen 8 jahren im Prozess- 
Pupillen-, Hypotheken- und Deposital-Wesen alles verwirrend, von 
einander zerrissen und in Unordnung gebracht sei und es also 
Männer von redlichem Herzen und gutem Willen bedürfe, um 
dieses Chaos wieder in alte Ordnung zum Wohl und Heil vieler 
Menschen zurückzubringen und darinnen zu erhalten. Es wird auf 
die zwei hier noch befindlichen Mitglieder des vormaligen hiesigen 
Stadtgerichts, die Stadt justizräte Sartorius und Diestel aufmerksam 
gemacht, auf die früheren Gesuche an den König, den Staats- 
kanzlcr und justizminister, die abschriftlich beigefügt werden, hin- 
gewiesen und gebeten das Gesuch zu bcfürworten, so dasz die 
Stadt, wenn schon nicht der Sitz vollständiger Landes-Colleg-icn, so 
doch einer Deputation bcider Landes-Collegien. der Civil-justiz- 
Kommission und des Landgerichts für das culmische, michelausche 
und kujavische Gebiet werde, da die Stadt bei Ermangelung von 
Ackerbau ihre Existenz auf Handel und Gewerbe gründe und das 
gröszte Interesse an möglichster Verbindung mit den angrcnzenden 
Provinzen habe. Mit dem Gesuch wird eine Einladung zum be- 
vorstehenden Truppeneinzug verbunden. Gerade die Erfüllung 
dicses Wunsches aber muszte den Thornern versagt werden, wie 
der Kammergerichtspräsident von Truetschler ihnen am 18. März 
1815 mitteilte, weil der Sitz der Landeskollegien in der neuen 
Provinz bereits bestimmt gewesen wäre, als er beim justizminister 
deshalb vorstellig geworden sei. Er erinnere sich dankbar der . 
Tage in Thorn und sei überzeugt, dasz der König und der Staats- 
kanzler die Stadt auf andre Weise entschädigen werden. 


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/Pomorze_038_03_020_0001.djvu

			Der Kriegsminister v'. Boyen versprach in einem Briefe vom 
22. März 1815 die Einrichtung der Kaserneninspektionen zur Er- 
ledigung der Einquartierungsbedürfnisse der festungs-Besatzung 
soweit in Betracht zu ziehen, als die dortigen Verhältnisse eine 
solche Einrichtung nötig machen sollten, und der Justizminister 
v. Bülow in einem Schreiben von demselben Datum die Wünsche 
der Stadt zu berücksichtigen, soweit dieses mit der allgemeinen 
Landesverwaltung möglich sein werde. Auf eine Eingabe an den 
Polizeiminister fürsten zu Wittgenstein, welche sich in den 
Akten nicht vorfindet, erwiderte dieser am 22. März 1815 aus 
Wien, dasz er die ausgesprochenen Wünsche gern in Erwägung 
ziehen wolle, aber zur näheren Entscheidung darüber den Bericht 
und die Anträge der demnächst anzuordnenden Organisations- 
Kommission abwarten müsse, um zu beurteilen, in wie weit die 
Vereinigung der Polizei direktor-Stelle mit dem Bügermeisteramt in 
einer Person zweckmäszig sei und ohne Nachteil des öffentlichen 
Dienstes zugelassen werden könne. 
Auch der Staatskanzler und der Minister des Inneren ver- 
weisen in ihrem Antwortschreiben vom 22. resp. 25. März 1815 
auf diese bevorstehende Organisation der neuen Provinz und ver- 
sprechen dabei tunlichste Berücksichtigung der ihnen ausgesprochenen 
Wünsche. 
Die unter dem 18. März 1815 abgelassenen Huldigungs- 
schreiben an den Gesandten am Hof zu Wien freiherrn v. Humboldt, 
den Generalfeldmarschall fürsten Bliicher und den Generalfeld- 
marschallund Gouverneur von Berlin Grafen von Kalkreuth wurden 
dankend und mit den besten Wünschen für das Gedeihen der 
Stadt beantwortet (24. und 26. März 1815). 
Vom König war indessen auf die ihm ausgesprochenen 
Glückwünsche zu dem friedens-Abschluss im Wiener Kongress 
folgende Antwort vom 11. März 1815 eingetroffen: 
"In der Eingabe der Bürgerschaft zu Thorn vom 24. v. M. 
habe ich den Ausdruck der treuen Gesinnung wiedergefunden, 
durch welche dieselbe Mir immer werth geblieben ist. Es ist Mir 
angenehm durch die Wiedervereinigung dieser Stadt und ihres Ge- 
bietes mit der preuszischen Monarchie die eigenen Wünsche be- 
stätigt zu sehn; von Meinen Wünschen wird das Glück und der 
Wohlstand der Bürgerschaft stets unzertrennlich seyn. 
Wien, den 18. März 1815. 
An die Bürgerschaft zu Thorn. friedrich Wilhelm./1 
Immer aber war die Besitznahme der Stadt noch nicht voll- 
zogne Tatsache und die Wolken, welche wieder am politischen 
Horizont heraufzogen, warfen auch auf Thorn ihre tiefen Schatten. 
Am 26. februar wurde die flucht aus Elba von Napoleon unter- 
nommen, am 7. März aber erst in Wien bekannt. Mit der erneuten 
Kriegserklärung der Verbündeten an frankreich musste die 
Befürchtung wach werden, dasz die Beschlüsse des Wiener 
Kongresses, den Napoleon als seine erste Tat für aufgelöst erklärt 


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/Pomorze_038_03_021_0001.djvu

			hatte, hinfällig werden könnten. Die Thorner Bürger wandten sich 
deshalb am 3. April 1815 an den Regierungs-Präsidenten v. Hippel 
mit der Bitte um Beschleunigung der Besitznahme, "die jetzt leider 
vor eincm ncuen ausbrechenden Kriege f(}r das wahre Beste des 
Vaterlandes in aller Rücksicht erspriesslich sein wird. 11 Am 21. juni 
1815 traf endlich offiziell die Verfügung des Chef-Präsidenten 
der König\. preuszischen Regierung, von Hippel, vom 19. juni ein,J1) 
nach welcher dem Magistrat von Thorn und der gesamten Bürger- 
schaft im Auftrage des Preuszischen Oeheimen Staatsministeriums 
. . 1 d d f G d d 21. April . h 
mltgetcl t wur e, asz au run es am 3 ' M . -1815 ZWISC en 
" . a. 
Preuszen und R1
land in Uebereinstimmung mit den übrigen am 
Kongress zu Wien beteiligten Mächten abgeschlossenen Vertrages 
und des am 18. Mai zwischen Preuszen und Sachsen geschlossenen 
friedensvertrags die Bewohner des Stadt- und Land-Kreises Thorn 
unter dem 22. Mai von ihrem bisherigen Landesherrn der Eides- 
pflicht entlassen und zu Treue und Gehorsam gegen die neue 
Preuszische Regierung angewiesen werden. 30 Abdrücke der sich 
auf die Wiederherstellung der König\. Preuszischen Regierung 
beziehenden Urkunden, nämlich das Besitznahme-Patent vom 15. 
Mai IHI5, die Bekanntmachung des Königs von demselben Datum, 
die Verzichtleistungs- und Entbindungs-Urkunde des Königs von 
Sachsen, Herzogs von Warschau, vom 22. Mai und die Besitz- 
ergreifungs-Urkunde vom 8. juni 1815 sowie die Verfügung der 
Regierungl
) in Marienwerder bezüglich der vorläufigen Verwaltung 
der Kreise Culm, Michelau und des Stadt- und Land-Kreises Thorn 
waren beigefügt und bestimmt, diese Verordnungen, sobald als tun- 
Iich, der versammelten Bürgerschaft auf die sonst herkömmliche 
Weise bekannt zu machen. Die Stadt Thorn wurde von der bis- 
herigen Unterpräfektur und dem jetzigen Landratsamt entbunden 
und direkt der Westpreuszischen Regierung unterstellt. Sollte die 
Publikation in der Stadt nicht erfolgen können, so seien die der 
Unter-Präfektur bisher nicht untergeordneten Behörden, das Post- 
amt und die Verwaltung der Staatseinkünfte, wenigstens damit be- 
kannt zu machen. Der Kommandant, General-Major von Padeiskoi, 
sei von dieser Verfügung unterrichtet worden. 
Hierauf wurde von dem noch im Amte befindlichen Munizi- 
palpräsidenten von Stettner verordnet, dasz der Munizipalrat in cor- 
pore, die Richter, Zollbeamten, Postbeamten, der Kassenrendant, die 
Geistlichen, eine Deputation der Kaufmannschaft und die Elterleute 


11) Die nachfolgenden Anga.ben sind grösstenteils den dem Archiv noch 
nicht einverleibten Akten des Magish'ats in Thorn CI. XII No. 1 entnommen. 
]2) Die Verfügung dCl' Regierung von WestpI'euszen war am 17. Mai 
IHI5 erlassen, dal'in (
 11) dm. Regiel'lmgsrat Graf Klingsporn zU!' Vollziehung 
der bereits am R Juni proklamierlen Besitzcrgreifung der Landschaflen, vor- 
läufigen Verpflichtung der öffentlichen Behörden und Et'lass von Verwaltungs- 
massregelll bestimmt, die Rechtspflege dem Chefpräsidenten des Oberlandes- 
gcrichts von WestpI'euszen, Oellrichs, unterstellt (
 4) und die Ausfuhr von 
Getl'eide und Vieh aus den Kt'eisen Thol'n, Culm und Michelau in die 
pI'auszischen Pl'Ovinzen fl'eigegeben (
 7). 


2 


- 17 - 


'.
		

/Pomorze_038_03_022_0001.djvu

			sämtlicher Zünfte zur Entgegennahme der Verfügung eingeladen, 
je ein Exemplar der Urkunde am Rathaus und den Toren ausge- 
hängt und je 1 Exemplar an jeden Geistlichen der Stadt und des 
Stadtgebietes zur Verkiindigung von der Kanzel am nächsten Sonn- 
tag übersandt, auf dem Lande auch jc 1 Exemplar an jeder Kirche 
angebracht werden solle. ferner solle der Kurs der preuszischen 1 
und polnischen Scheidemiinzen auf dem Lande von den Kanzcln . 
herab bekannt gemacht werden. 
Wenn hiermit allch die heiszersehnte Wicdervereinigung der 
Stadt mit dem preuszischen Vaterlande rechtlich erreicht war, so 
war sie immcr noch nicht voIJendete Tatsache. Erst nach mancher- 
lei Enttäuschungen und Kämpfen, über wclche in ejnem späteren 
Aufsatze berichtet wcrden wird, sollten die Thorner in den Gcnuss 
ihres miihsam erfochtenen Sicges gelangen. 


Druckfeh lerberich tlgung. 
Im 14. Hcfte der "Mitteilungen" ist auf S. fi1 Zeile a von 
unten Hundt statt Mundt zu lesen. 


_ -- cw--
"'" 


Verantwortlicher Iferansgeber: Professor Arthllr Scmrall in Thorn. 
Druck der Uuchdrllckcrei der 'J'horncr Ostdeutschcn ZcirulI-" G. m. h. H. in Thonl. 


- IX - 


-
		

/Pomorze_038_03_023_0001.djvu

			'I 


Mitteilungen 


des 


Coppernicus- Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


15. Heft. 


Juni 1907. 


Nr. 2. 


Inhalt: 
Sitzungs berichte S. 19. - Lilie, Der Urnenfund zu Gmmbkow KrElis 
Stolp S. :20. - Dr. Lindau, Thorn unter Pt"cussischer Herrschaft, aber russischer 
Bevurmundung S. 22. ,Literat.ischel' Anzeiger S. 3-1-. 


Sitz:ungeberichte. 
(Auszug.) 
Monatssitzung am 15. April 1907. 
In dem geschäftlichen Teile der Sitzung wird mitgeteilt, dass 
Herr OberbÜrgermeister Dr. Bender zu Breslau ein Exemplar der 
ihm zu seiner silbernen Hochzeit im Jahre' 1903 von dem Breslauer 
Magistrat dargebrachten Medaille dem Vereine geschenkt hat. 
Herr Gutsbesitzer feldtkeller aus Kleefelde wird als ordent- 
liches Mitglied aufgenommen. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder 
beträgt darnach 85. 
Herr Stadtrat Kordes hat der Bibliothek das Werk Michelangelo, 
Ein Beitrag zu seinem Seelenleben von Os wald Roeder Berlin-Leipzig 
1907 geschenkt. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr Geheim- 
rat Dr. Lindau einen Vortrag über "KassenverwaltUllgs-Schwierig- 
keiten bl Thom nach seiner Besitznahme durch Preussen u . 


Monatssitzung am 6. Mai 1907. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung legte Herr Professor 
Sem rau ein gedrucktes Blatt vor mit dem Bannfluche des Papstes 
Urban gegen die freimaurer aus dem Jahre 1738 und dem bei- 
gefiigten Publikations schreiben des Bischofs von Culm und Pome- 
sanien Adam Stanislaus auf Grabowo Grabowski d. d. Warschau 


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/Pomorze_038_03_024_0001.djvu

			22. Januar 1739. Dieses Blatt war als Anschlag für die Türen der 
Kathedralkirche und anderer Kirchen der genannten Diözesen 
bestimmt. .) 
Herr Pfarrer Heller hielt einen Vortrag mit dem Titel "Aus 
der Gesdzichte einer Thorner Kirchengemeinde". Der Vortragende 
behandelte die Geschichte der Georgengemeinde besonders zur 
Zeit der Schwedenkriege. 
Monatssitzung am 10. Juni 1907. 
In dem geschäftlichen Teile der Sitzung teilt der Bibliothekar 
mit, dass Herr Pfarrer Heuer zwei Exemplare seiner Schrift TllOm- 
St. Oeorge1l Thom, 1907, der Bibliothek geschenkt hat. 
Herr Buchhändler W. Lambeck übergibt ein Exemplar der Schrift 
von Robert JUlillS Lau Old Babylonion tcmple records New Vork 
1906 (Colll/llbia University Oriental StudÜ's Vol.I/I), das der Ver- 
fasser in Erinnerung an seine Vaterstadt dem Coppernicus-Vereine 
übersandt hat. 
Herr Professor Semrau legt eine Photographie des gotischen 
Speichers Mauerstrasse Nr. 1 (Eigentümer Herr Hotelbesitzer Leutke) 
in seiner bisherigen form aus dem Denkmälerarchiv vor und spricht 
das Bedauern aus, dass jetzt die architektonische Wirkung des 
Westgiebels durch einen Umbau (führung eines Schornsteines durch 
eine Blende) stark beeinträchtigt worden ist. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr Stadt- 
baurat Gauer einen Vortrag über das Thema "Der Städtebau und 
einige seilzer Aufgaben für TllOm". 


Der Urnenfuud zu Grumbkow Kr. Stolp. 


Von Hauptmann Lilie zu 'l'horn. 


Am Sonnabend, den ]5. September] 906, bezogen wir in Gut 
Grumbkow, das zum Kreise Stolp gehört und südwestlich von 
Pottangow, einem Bahnhofe an der Bahnstrecke Stolp - Lauenburg 
liegt, Quartier. In unmittelbarer Nähe des Gutshofes erhebt sich 
der Bromberg, auf dem, wie wir härten, wiederholt Urnen und hin 
und wieder auch metallische Gegenstände, wie Nadeln und Ringe, 
gefunden und auch in letzter Zeit funde aufgedeckt worden waren. 
Der Hügel dient als Viehweide, in ihn hinein aber ist eine Sand- 
grube gegraben. 


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.) Nach .rulius Eduard Rauch, Geschi<'hte der :it, Johannil'-Loge Victoria 
zu den drei gekrönten Thürmen im Oriente von Marienbm'g in 'Vestpreuszen, 
Danzig 1872 H.5 wurde die Freimaurerei, als sie in d('r zw('iten Dekade dc's 
18. Jahl'h. in Deutschland bekannt wurde, sogleich durch das Kurfürstlich- 
Sächsische Haus nach Polen gebracht und in 'Vanmhau eine Loge "Au vel.tu£>ux 
Sarmate" gestiftet. Die polnischen Magnaten und sächsischen Hofleute, aus 
denen die Loge bestand, lächelten spöttisch über den Bannstrahl von Rom 
und das Anathema ihrer Priester. Als erste Loge wurde in Polnisc.h-Preussen 
im Jahr\! 174fi die "zu den drei Bleiwagen" in Danzig gegründet. (A. a. o. S. G) 


" 


- 20-
		

/Pomorze_038_03_025_0001.djvu

			Als wir am Sonntag die oben auf dem Hügel gelegene fund- 
stelle besichtigten, bemerkten wir in der Sandgrube Spuren zerstörter 
Gräber, umherliegende Steine, Urnenscherben und Knochen. Am 
Grubenrande befand sich cin seitlich geöffnetes Grab, das neben 
einigen Urnenresten und Knochen an den in der Erde befindlichen 
Seiten noch die Steinbettung in alter Ordnung enthielt. (Grab Nr. 1 
der beigefügten Skizzc.) 


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Am Nachmittage gingen wir wieder zur fundstätte; ich 
nahm emlge Leute meiner Kompagnie mit. Zwei Schritte 
von dem vormittags festgestellten Grabe Nr. 1 fanden wir ein 
zweites Grab, dessen Urne zerbrochen war. (Grab Nr. 2.) Nörd- 
lich von diesen beiden Gräbern wurde eine zweite Reihe von Gräbern 
aufgedeckt (11), die je 2 Schritt von einander entfernt waren. (Grab 
Nr. 3, 4-, 1) und 6.) In jedem Grabe stand eine Urne. In einer 
dritten Reihe (111) gruben wir noch zwei Oräber aus. (Nr. 7 und R) 
Grab Nr. 8 lag, wenn auch völlig gesondert, doch so dicht neben 
Grab Nr. 7, dass sich der Eindruck aufdrängte, es gehörten diese 
bei den Gräber besonders zusammen. Die Urne des Grabes Nr. 
 
fiel durch ihre Kleinheit auf (Kinderurne ?). Sie war zerdrückt. 
Alle Gräber lagen etwa 1/ 2 m unter der Grasnarbe. Jedes 
Grab war mit mehreren flachen, verschieden grosscn Deckplatten 
zugedeckt. Die Urnen selbst standen auf steinernem Boden, in 
ihrer ganzen Höhe dicht von Steinen umgeben, die in Grösse und 
form sehr verschieden waren, aber keine Bearbeitung zeigten. Zu 
einem der Gräbcr gehörten, wie festgestellt wurde, 36 Steine. 
Davon bildeten 4 dicht aneinandergefügte Steine den Boden, 3 
flache Steine dic Decke. Jede dieser 3 Platten war etwa zwei 
finger dick. 
Es gelang uns, 2 Urnen unversehrt zu erhalten. Von diesen 
befindet sich die eine (Grab Nr. 7) in Grumbkow, die zweite (Grab 


-:!1-
		

/Pomorze_038_03_026_0001.djvu

			Nr. 4) gelangte mit den fragmenten der Übrigen Urnen in den 
Besitz des Städtischen Museums in Thorn....) 
Die Urnen waren alle von verschiedener form, stärker oder 
schwächer ausgebaucht. Jede Urne war durch einen Schalen deckel 
geschlossen. Die Urne aus Grab Nr. 7 hatte (i knopfartige Buckel. 


Tborn unter prcussiscber OberllOlleit, aber russischer ß(wormoodulIg. 
Von Dr. OUo Lindau. 


Am 21. Juni 1815 waren alle auf die Wiederaufnahme Thorns 
in den preuss;ischen Staatsverband bezüglichen Urkunden der 
städtischen Vcrwaltung von der Regierung übergeben, diese aber 
damit keineswegs Herrin in ihren Mauern geworden. Ihrc Geduld wurde 
vielmehr nochmals, wie bei allen ihren früheren Bestrebungen in 
dieser Richtung, auf eine harte Probe gestellt. Zunächst widersctzte 
sich die russische Militärverwaltung der von der preussischen 
r
egierung angeordneten Veröffentlichung jener Urkunden. Der 
hierauf bezügliche Brief "des General-Majors und Kommandanten 
der Vestung Thorn Podeiskoi an den Wohllöblichen Magistrat" haUe 
folgenden Wortlaut: 
"Obglcich ich aus allen mir comuniziertcn Zuschriften, die mir 
von einem Wohllöblichen Magistrat überreicht worden, wie auch 
aus anderen Schriften ersehe, dass die Vestung Thorn der Preussi- 
schcn Regierung zufallen wird, so kann ich doch nicht anders ver- 
fahren, als wie die Vorschrift Sr. Kayserlichen Hoheit lautet, das 
heisst bis ich einen aparten Befehl, den ich von meinem Aller- 
gnädigsten Kayser bekommen werde, erhalte. Bis zu dem Augen- 
blick bin ich Kriegs-Commandant in vollem Wort und in der 
Thätigkeit, daher ich auch verfahren muss nach den Vorschriften, 
die mir ehedem gegeben sind. Hiermit vollziehe ich also den 
Willen Sr. Kayserlichen Hoheit und benachrichtige den Wohl- 
löblichen Magistrat, dass die Befehle, die von Seiten der Königlich 
Preussischen Regierung gegeben sind, ohne mein Wissen nicht 
vollführt werden dÜrfen und überhaupt so lange, als ich keincn 
Befehl zur Uebergabe erhalte, bleibt alles beim Alten. 


*) Die Urne aus dem Graue NI'. 4 ist aus rötlichem Ton lind Bchw8'!h 
ausgebaucht. Der Hals ist geglättet. Zwischen Hals und Gefässkörpm' läuft 
ein ß:md aus eingeritzten sehräggestelllen, kurzen Strichen. Höho:!ü --:!jj cm. 
Dazu gehören die Fragmente eines Schalendeckels mit abgesetztem, nach illl1!'n 
gewöll>tem Halide. - Aus den 1<'l'3gment!'n Jassen sich 4 weitere Urnen nm'h- 
weison. a) Fragment einer gerauhten Urne mit geglilttetem Halse. Zwischen 
Hai" und Gef.'issköl'pur ein Band aus nebeneinandm' gestellt!'n tiefen Grübchen. 
b) Fragment eineI' gemuhtGn Urne mit geglättetem Halse. Zwischen lIals und 
GefässköI'v ur ein wulstartiges Hand mit schräO'"pstellten km'zen StI'iehcn 
Unterhalb des Bandes zwei kleiIlu Henkel. e) "'l",'agmuute eineI' gOl'Ruhtel; 
Urne mit geglättetem Halse. d) Fragment einei' gerauhten Urne mit steilem 
geglättetem Halse. 
Der Charakter der Gräuel' und die Beschaffenheit deI' Ul'l1en weh.en den 
Fund in die iilteBte Eisenzeit. (Anm. des Hel'ausgebcrB,) 


- 2
 - 


. 


./
		

/Pomorze_038_03_027_0001.djvu

			Wegen denen Verordnungen, die ich von der KÖniglich 
Preussischen Regierung erhalten, habe ich nach Warschau Bericht 
erstattet und, wenn ich die Antwort erhalte, werde ich nicht ver- 
säumen, Einem Wohllöblichen Magistrat solche mitzutheilen, und 
daher, bevor dies nicht geschieht, kann auch keine Publication 
sowohl in Publico, als auch in den hiesigen Kirchen nicht statt- 
finden und auch von mir nicht erlaubt werden." 
Dieses Schreiben wurde sofort dahin beantwortet, dass durch 
Publikation der Befehle der König\. Preussischen Regierung keines- 
wegs die Autorität des festungskommandanten zu schmälern be- 
absichtigt sei, da die Publikation sich nur auf Anordnungen für 
die Civilverwaltung erstrecken und im Interesse der neuen Landes- 
Regierung erfolgen solle. Es erscheine bei den freundschaftlichen 
Beziehungen zum preussischen Herrscherhause undenkbar, dass es 
der Wille des Zaren sei, durch die Verzögerung der militärischen 
Besetzung der festung den Wirkungskreis der Preussischen Re- 
.. gierung in der Stadt hinsichtlich der Civiladministration zum Schaden 
der Landesregierung zu hemmen. Den Befehlen der Westpreussischen 
Landesregierung müssten, wolle man sich nicht einer Pflichtver- 
letzung schuldig machen, strengstens nachgeachtet werden. Es 
solle aber alles vermieden werden, der Autorität des Kommandanten zu 
nahe zu treten und zur Vermeidung aller fernerweitigen Kollisionen 
an den kommandierenden General von Thuemen zu Posen und an 
den Regierungs-Präsidenten von Hippel in Marienwerder berichtet 
werden. 
Das war denn auch an demselben Tage (2-1. Juni 1815) ge- 
schehen und bei den Berichten Abschriften des Briefes von 
Podeiskois beigefügt worden. 
Bei dem kommandierenden General als dem Befehlshaber der 
zur Besitznahme bestimmten Truppen wurde die Stadt dahin vor- 
stellig, mit dem Russischen Generalgouvernement in Warschau zu 
verhandeln, "damit auch wir in Besitz genommen werden". Dieser 
Wohltat erfreue sich schon seit 4: Wochen die ganze Umgebung 
der Stadt, nur das so schwer heimgesuchte Thorn könne sich 
dieses Glücks immer noch nicht rühmen und seine mit unverwelk- 
lichem Ruhm bekränzten Krieger in seinen Mauern sehn. Rechtlich 
mit Preussen vereint und doch getrennt, sei die Stadt wegen der 
öffentlichen Verwaltung, der Hebung des Handels, der stets sich 
reibenden Verhältnisse mit der russischen Garnison, der Kosten für 
Einquartierung in prekärster und qualvollster Lage. 
Nicht nur das Interesse der Bürger, sondern auch das des 
Staates leide unter diesem Aufschub, ]) weil die Zoll-, Aceise- und 
andere Gefälle nicht regelmässig eingeführt werden können, da die 
Stadt sich beinah im Zustande einer halben Sperre befinde, die 
Tore und Ausgänge von der Garnison bewacht werden, so dass 
der Zutritt von fremden und damit Handel und Wandel erschwert 
seien, 2) weil die russische Behörde der freien Schiffahrt alle 
möglichen Schwierigkeiten in den Weg lege, abgehende und an- 
kommende fahrzeuge und Traften anhalte und damit grosse Kosten 


- 23- 


.........
		

/Pomorze_038_03_028_0001.djvu

			verursache, 3) weil die preussischen Passier-Zettel von der russi- 
schen Behörde nicht respektiert und die Waren deshalb doppclt 
verzollt werden müssten, 4) weil die um Thorn kal1tonnicrenden 
preussischen Truppen in der aufs schrecklichste durch den Krieg 
ausgesogenen Gegend sehr dürftig plaziert seien und die Einwohner 
der Stadt die russische Garnison verpflegcn müsscn. Endlich wegen 
der Eingriffe der russischen Militärbehörde in die Verwaltungs- 
geschäfte der Stadt, gegen die sie sich durch nichts schützcn könne. 
"Alle diese Umstände", so heisst es weiter, "und mehrere andre, die 
uns bei dem freundschaftlichen Verhältnis beider hohen Mächte die 
Bescheidenheit anzuführen verbietet, machen unsre Lage äusserst 
drückend und peinlich". 
Posen und Bromberg seien im Vergleich mit Thorn beneidens- 
wert, weil sie vom Kriege verschont, Sitze von Landeskollegien, 
durch ihre offne Lage im Handel und Gewerbe unbeschränkt, 
frühzeitig ruhig und beglückt dem Vaterlande wiedergegeben sein, 
während die unglückselige, verwüstete, von aller Welt abgesperrte 
Stadt immer noch in tiefem Kummer und Unglück lebe. Der grösste 
Kummer jetzt aber sei das Harren auf Erlösung. "Wir sind", so 
heisst es weiter, "in allem Unglück treue Untei.thanen geblieben und 
haben uns dadurch den Hass der fremden Befehlshaber zugezogen 
in Hoffnung auf bessr
 Zukunft - und immer noch keine Aus- 
sicht!" Die Räumungsarbeiten würden auf das lässigste betrieben, 
die brauchbaren Magazinbestände fortgeschafft, das Verdorbene 
verkauft und Lazarett-Effekten beiseite geschafft. Es sci unerfindlich, 
was die gänzliche Räumung noch hintenan halten könne, da es doch 
gut möglich sei, über das Eigentumsrecht an den 40-50 hier noch 
befindlichen Kanonen auch zu verhandeln, wenn die Preussen die 
Stadt besetzt haben werden. 
An die Regierung ging an demselben Tage (24. juni) die 
Meldung ab, dass die Bekanntmachung der Urkunden in den 
lutherischen Kirchen von den Kanzeln herab erfolgt und in den 
katholischen demnächst zu erwarten sei. Der festungskommandant 
erklärte an demselben Tage in einem Schreiben, dass er missver- 
standen sei und die Publikationen keineswegs zu verhindern beab- 
sichtige, sofern er nur vorher davon benachrichtigt werde, um die 
Garnison entsprechend unterrichten und Exzesse verhindern zu 
können. 
Auch dieses Schreiben wurde den massgebenden Stellen, 
General kommando und Regierung, mitgeteilt und letzterer gleich- 
zeitig berichtet, dass die Publikation nun auch in den katholischen 
Kirchen am 25. juni erfolgt sei. Die Regierung sprach dem 
Magistrat am 28. juni ihre Zufriedenheit mit seinem Verhalten aus. 
Sie habe in Berlin über die Verhältnisse in Thorn Bericht erstattet 
und erwarte alle 3 Tage durch Vermittlung der zu Konczewitz 
(Kunzendorf), Lippinken, Waldow, Graudenz, Garnsce aufgestellten 
Ordonnanzen Nachricht iiber die weiteren Vorgänge in Thorn. 
Am 20. juni 1815 hatten sich die Bürger auch wieder dirckt 
an den König gewandt: Nach H Trauerjahren sei die Wiederver- 


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/Pomorze_038_03_029_0001.djvu

			einigung glÜcklich erreicht, für die Stadt aber schmerzlich, dass die 
Besitznahme tatsächlich nun schon drei Wochen auf sich warten 
lasse. Se. Majestät wird gebeten, die Huldigung der Stadt und des 
Stadtgebietes, sowie der Kreise Michelau und Culm in Thorn voll- 
ziehen zu lassen. Es sei dazu zwar Danzig ausersehen, dieses aber 
liege 20 Meilen entfernt, die genannten Kreise dagegen dicht bei 
Thorn und seien mit ihm durch örtliche und verfassungsmässige 
Gemeinschaft verbunden. Die Einwohner würden es für ein Glück 
und eine Ehre halten, in ihrer alten Urstadt Preussens mit den 
Nachbaren das erste öffentliche Bekenntnis ihrer stets im Herzen 
'. aufs treuste bewahrten Anhänglichkeit ablegen zu können. 
An den fürsten Reichskanzler schickten die Bürger unter 
demselben Datum durch Eilboten ein Gesuch mit der Bitte um 
Befürwortung ihres dem König ausgesprochenen Wunsches ab und 
fügten zur Begründung desselben eine ausführliche Darstellung der 
Mittel zur Herstellung des zerrütteten Handels der Stadt bei. 
" In der dieser voraufgestellten Geschichte des Handels werden 
gleichzeitig die Gründe für seinen Verfall im Laufe der Zeit er- 
örtert. Ursprünglich durch die freistädtische Verfassung, die 
günstige Lage und die Zugehörigkeit der Stadt zur Hansa in hoher 
Blüte, wurde er ihr zur See von dem mächtig emporwachsenden 
Danzig entrissen und so auf das Innen-Land beschränkt. Wieder- 
holte Kriege in alter Zeit trafen die Stadt hart, verwüsteten sie 
und lenkten den Verkehr auf benachbarte kleine Ortschaften, die 
dadurch in die Höhe kamen. Wenn hierdurch schon in der ersten 
Hälfte des 18. jahrhunderts ein Dahinsinken des Handels bemerkbar 
wurde, so blieb er bis zum jahre 1772 immer noch bedeutend und 
ein gewisser Wohlstand erhalten. Als dann aber mit der preussi- 
schen Besetzung der Grenze bis dicht an die Stadt heran fast aller 
Vcrkehr mit dem Culmer, dem Michelauer Kreise und dem Netze- 
distrikt aufhörte und nur auf die damals polnisch gebliebenen 
Gebietsteile angewiesen war, verschwand auch der Rest der früheren 
Wohlhabenheit. Graudenz, Culm und Bromberg dagegen traten 
durch grössere Geld unterstützungen und andere Begünstigungen 
seitens der preussischen Regierung aus ihrer früheren Bescheiden- 
heit hervor und teilten sich in den Handel Thorns - umsomehr, 
als das schwache Königreich Polen für die Stadt nichts mehr tun 
konnte. Nach der Besitznahme im jahre 1793 war an eine Besse- 
rung der Verhältnisse wegen der polnischen Insurrektion bis 1795 
nicht zu denken, um so weniger, als die Bürger sich der preussischen 
Garnison unter General von Hundt zur Verteidigung der festung 
anschlossen und sich hierdurch den Hass der Polen zuzogen, 
welche nun der Stadt in jeder Weise zu schaden suchten und den 
Verkehr von ihr abzogen. Auch nach Beendigung des Aufstandes 
blicb die Hoffnung auf Hebung des Handels unerfüllt, weil Thorn 
von den Nachbarprovinzen durch Zwischenzölle getrennt blieb und 
von den anderen Städten gewährten Beihilfen auf Thorn nur eine 
einmalige Unterstützung von 3000 Thlr. im jahre 1803 entfiel. Auch 
die für die Lebensfähigkeit des Thorner Grosshandels unerlässlichen 


- 25-
		

/Pomorze_038_03_030_0001.djvu

			alten Privilegien fanden von keiner Seite mehr Beachtung, die Be- 
rechtigung, 4 Meilen oberhalb und unterhalb der Stadt auf bei den 
Seiten der Weichsel Handel und Gewerbe zu treiben und Ein- und Aus- 
schiffungen zu machen, sowie der Ausschlu3s jüdischer Kaufleute 
vom Handel in der Stadt, abgesehen von der Jahrmarktszcit. Trotz 
der bei der preussischen Regierung deshalb gemachten Vorstellungen 
und eines zugunsten der Stadt am 11. April 1800 erlasscnen 
Kabinetts-Befehls kümmerte sich keine Seele, am wenigsten die 
Bewohner von Podgorz und Maydanni, um diese Gerechtsame 
der Stadt. 
Die Zahl der ursprünglich zur Ansiedlung in Thorn - und zwar 
lediglich als Makler mit Rücksicht auf den Jahrmarktsverkehr - 
zugelassenen jüdischen 3 familien, eines Lehrers, eines Garkochs 
und eines Schächters, war mit der Zeit, besonders während der 
polnischen Insurrektion, auf 24 angewachsen und sollte laut Kabinetts- 
Ordre vom 24. August 1802 wieder auf 15 verringert werden. Das 
war für die christlichen Kaufleute eine empfindliche Konkurrenz 
und trotz dieser üblen Lage der Stadt, trotz der Gesuche und 
Deputationen der Bürger tat der damalige Magistrat 1) kcinen Schritt 
zu ihrer Verbesserung. - Während der französischen Occupation 
bekümmerte sich bis zum Tilsiter frieden weder die preussische 
Kriegs- und Domänenkammer, noch die interimistische r
egierul1g- 
des abgerissenen Landes um Thorn und die nach dem frieden 
eingesetzte Regierung des Herzogtums Warschau legte der Stadt 
wegen ihrer deutschen Gesinnung unglaublichc Lasten auf, konfis- 
zierte z. B. ohnc weiteres einen Getreidebestand im Werte von 
120000 Thlr. So war denn im Jahre 1815 der Handel fast voll- 
ständig vernichtet. 
Um nun so traurigen Verhältnissen abzuhelfen, erbitten die 
Thorner Bürger in erster Linie die Wiederherstellung und Aufrccht- 
erhaltung ihrer alten Privilegien. Sie schlagen fcrner vor, ihrc Stadt 
zum Sitze der Kreisdirektorialverwaltung und, da die Errichtung 
eines Landeskollegiums nicht zu ermöglichen gewesen war, eines 
Kreis- und Land-Gerichts zu machen, um sich die Fühlung mit 
den benachbarten Einwohnern zu sichern; und eines Grenzzollamtcs 
zur Heranziehung des Verkehrs. Sie bitten ferner darum, dass die 
Landes-Handelsstrasse über Thorn gelegt und dadurch die Nieder- 
lage der für Russland bestimmten und von dort kommendcn 


I) An dip Rpitze der Verwaltung wurden nach der Besitznahme der 
 
Stadt durch Pn!ussen der OberbüI'germpistm' und Polizeidirektol' Kriegsrat , 

, 
Le(h-ich und nach seinem Tode i. J. 17
):) der Justizbürgm'meister und Obel'- , 
richter Schmid berufen. Ihnen zU!' Seite standen als Magistratsmitg-lieder 
Biirgermeistel' Ueorg Adam Rcyher, 0,'. Samuel LuthCl' von Gcret, beide mit , l 
dem Titel KI'iegsl'at, Bürgermeister Joh. Thcodot' Elsner, Stadtrat und Kümmm'cr 
Chi'. Friedr. Connenbel'g, Stndt- und l'nlizeirat Joh. Ant. Giering-. Es wurdpn 
ferner Stadträte Joh. MiC'h. "'
chschlag(\,,, Joh. Uoltlieh Hoemmen'iug, MiclllLel 
Nalhonael SpillPI', Grabowskl nus Ma1"ienwordm' und Schniblel' ebenclalwr. 
An dei' Spitze tiPI' .Justizverwaltung stand JUfllizbül'gm'meislm' uud Oben'ichtel' 
IÜiegsrat Schmitl. Ihm heigeot'dnct wat'en die StadtjustiZl'iile Zicks, Kr'iegc.', 
Diestel und Liedtke. - 'Vernieke, Gesehichte Thorns IH4:?, S. 5G6. 


- 2G-
		

/Pomorze_038_03_031_0001.djvu

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Waren der Stadt zunutz kommen möge; dass den Thorner reellsten 
lind sichersten Kaufleuten gestattet werde, ein Lager der unver- 
steuerten Waren zum Debit über die Grenze zu halten und den 
kleinen Acker-Städten des Gebietes, wie Gollub und Strasburg, eine 
solche Vergünstigung nicht zuteil werde. Weiter erbitten sie die 
Wiedereinrichtung eines Kontors der Salz. und See-Handlung, die 
beständige Unterhaltung der Weichselbrücke, die Wiederherstellung 
der im Kriege verfallenen Accise- und Zoll-Direktions-Gebäude und die 
wohlwollende Berücksichtigung des Gymnasiums als einer Provin- 
zialschule ; falls Thorn festung werden sollte, die Erleichterung des 
Verkehrs durch die Tore ohne Passzwang oder andere Hindernisse 
für Menschen und Tiere, um die Landleute vom Besuch der Stadt 
nicht abzuschrecken; den Schutz der Gewerbe-freiheit in grösster 
Ausdehnung nach dem jetzigen System der preussischen Regierung, 
doch derart, dass sie nur wirklichen Bürgern im Inneren der Stadt 
gestattet wird, fremden dagegen nur für die jahrmärkte; die Er- 
richtung von Kasernen für die Garnison, um den Einwohnern dic 
Wiederherstellung ihrer Wohnungen und den unbehinderten Betrieb 
ihrer Geschäfte zu erleichtern; die Wahrung des Rechtes der Bürger- 
schaft auf Vergütung der liquidierten Beträge für weggenommenes 
Getreide, fahrzeuge, zum festungsbau abgebrochene Grundstücke 
durch die Regierung, um den Kredit der Bürger durch SichersteIlung- 
ihrer forderungen zu stärken; endlich um Bestimmungen gegen 
die in den letzten 9 jahren unglaublich gesteigerte Konkurrenz 
jüdischer Händler. Gegenwärtig seien in Thorn 50 jüdische familien 
mit 2(H Seelen gegen 10 im jahre 180n und gegen 42 christliche 
Kaufleute in Thorn ansässig. 
Trotz der ausgesprochenen Besitznahme war die Lage der 
Stadt nicht nur um nichts gebessert, vielmehr durch die fortdauernden 
Reibereien mit der russischen Militärbehörde fast unerträglich. Am 
]. juli berichtete der Magistrat hierüber an die Regierung folgendes: 
Nach der Veröffentlichung der Urkunden seien mit Vorwissen 
der russischen Kommandantur nachts die polnischen Adler ohne 
alles Aufsehen abgenommen und die preussischen angebracht. 2 ) 
,Auch seien die öffentlichen Kassen gemäss dem Auftrag an den 
Rendanten Mellien von diesem revidiert worden, ohne dass der 
Ausführung dieser Pflichten das geringste Hindernis in den Weg 
gelegt worden wäre. Am gestrigen Abend aber zwischen 11 und 
12 Uhr seien die polnischen Adler von der Militärbehörde "mitte1st 
Bajonett" wieder zurückgenommen und an den Türen der Behörden 
angebracht worden. Ausserdem habe General v. Podeiskoi unter 
Androhung strengster Ahndung dem Magistrat und ebenso dem 
Zollamt untersagt, die Befehle der preussischen Regierung vor- 
läufig und bis zur Uebergabe der festung in Ausführung zu 
bringen. Es wird darauf hingewiesen, wie der patriotische Geist 
der Thorner, grösstenteils gut gesinnter Bürger, durch solch ein 



) Di£>se Massr£>g-cl wurdo im 
 3 der ß('kanntmachnng vom 17. .funi 
lXIi') von der Regierung besonders g£>I"OI'dm't. 


- 27 -
		

/Pomorze_038_03_032_0001.djvu

			,.' 


Verfahren niedergedrückt werde. Mit jedem Tage werde die Lage 
der Bürgerschaft bedrückter, es fehle die Weichselbrücke für den 
Verkehr, der überdies durch das russische Militär auch sonst über- 
all gehemmt werde. Handel und Gewerbe liege danieder, die 
Bürger seien in Nahrungssorgen, müssten aber ausserdem noch 
8-10 Mann russische Soldaten zwei- bis dreimal täglich bespeisen 
und würden dafür vom Morgen bis zum Abend schikaniert. Die 
Regierung wird um Befreiung aus dieser Notlage so schleunig, 
als irgend möglich, gebeten. Mit der Evakuation von Kranken nach 
Plock sei auf 3 Kähnen am 28. juni begonnen und zwei andre Kähne 
lägen zu gleichem Zweck bereit. 
Auch dem Generalkommando in Posen und dem zukünftigen 
Kommandeur der festungstruppen Oberst v. Hindenburg, welcher 
schon in Konczewitz (Kunzendorf) stand, wurde Mitteilung von den 
Vorgängen gemacht; darauf antwortete der kommandierende General 
v. Thuemen am 5. juli, dass er bereits Schritte zur militärischen 
Uebergabe der festung bei dem Grossfürsten Constantin getan und 
dass er die Massregeln der Bürger, die Befehle der pr. Regierung 
zu respektieren, nur billigen könne, doch müsse der russische 
Kommandant von allen Vorgängen Kenntnis erhalten. 
Auch der Regierungspräsident von Hippel billigte in seinem 
Schreiben vom 5. juli das Verhalten des Magistrats. "Durch blosse 
Drohungen wird sich kein Beamter von seiner Pflicht abwendig 
machen lassen." Die Befehle der Regierung seien auszuführen, 
wenn dies nicht durch militärische Gewalt unmöglich gemacht 
würde. Besonders dürften die Kassenbeamten ohne Befehl der 
Regierung nicht das Geringste an ausländische Behörden abliefern 
zur Vermeidung des Ersatzanspruchs aus ihrem Privatvermögen. 
Drohungen gälten nicht als Entschuldigung, nur Gewalt. Die 
Macht des preussischen Staates, welcher soeben ohne fremde Hilfe 
den gefürchteten Beherrscher eines der grössten Reiche in wenigen 
Tagen vom Throne gestürzt und seine zahlreichen Heere zerstreut 
habe, verbürge jedem Beamten, der bei Ausübung seiner Pflicht 
Schaden erlitten habe, Schaden-Ersatz und Genugtuung. 
Am 6. juli berichtete der Magistrat weiter an die Regierung: . 
Eine Bekanntmachung des zukünftigen Festungskommandanten 
Obersten v. Hindenburg sei dem General v. Podeiskoi mitgeteilt und, 
da dieser die Veröffentlichung verboten habe, den Bürgern in der Stille 
mitgeteilt und dadurch die Gemüter beruhigt worden. 
Am 6. juli habe der Accise-Kontrolleur Duwe dem Magistrat 
einen Befehl des Kommandanten überbracht, sofort 1691 Thlr. an 
den Lazarett-Inspektor Przystonski zu zahlen. Duwe habe die 
Zahlung verweigert und,nachdem noch ein Magistratsmitglied persönlich 
vorstellig geworden wäre, habe man von der forderung Abstand 
genommen. - Ein weiterer Kranken-Transport werde erst am Tage 
der militärischen Uebergabe abgehen. Es sei in den nächsten 
Tagen Brotmangel für das russische Militär und damit neue Belastung 
der Bürger zu befürchten. Man bitte um Erlösung! 


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			Die Lage gestaltete sich auch immer unerträglicher. So wurde 
am 20. Juli, wie es in dem Bericht vom 21. heisst, gegen Mittag 
plötzlich die Alarmnachricht verbreitet, der Einzug der Preussen 
stehe unmittelbar bevor. Daraufhin liess der Kommandant die 
Wälle besetzen, die Kanonen richten und, als die Nachricht sich 
natÜrlich nicht bestätigte, abends Überall Posten aufstellen, als ob 
ein feind zu erwarten wäre. So absurd dieses Verhalten war, so 
sehr war es geeignet, die polnisch gesinnten Elemente aufzuregen 
und die Stimmung der deutschen Bürgerschaft niederzudrücken, 
zumal russische Offiziere erklärt hatten, sie würden Thorn nicht 
verlassen coute que coute. Die Verhältnisse wurden damit durch- 
aus nicht zu schwarzseherisch, vielmehr von dem zukÜnftigen 
preussischen Kommandanten, der sich in seinem Kantonnements- 
Quartier Kunzendorf über die Vorgänge in der festung auf dem 
laufenden erhielt, in demselben Sinne dargestellt. Oberst von 
Hindenburg berichtete noch am 23. August an den kommandierenden 
General von Thuemen, dass von Podeiskoi an Abzug gar nicht 
denke, sondern sich auf den Winter einzurichten scheine, die so 
oft schon getäuschte Bürgerschaft müsse bei dieser endlosen Ver- 
zettelung der Uebergabe der festung den letzten Rest von Glauben 
und Vertrauen an Erlösung verlieren. 
Die Regierung sprach wiederum ihre Zufriedenheit mit dem 
Verhalten der städtischen Verwaltung aus und forderte einen ein- 
gehenden Bericht über die Vorgänge in Thorn seit der Besetzung 
durch die franzosen am 5. Dezember 1806, die Veränderungen in 
der Kommunal- und Polizei-Verwaltung durch die Regierung in 
Warschau und die gegenwärtige Verfassung, über die Kommunal- 
Kassen, die Polizei- und Kommunalbeamten und über die jetzigen 
Handelsverhältnisse, sowie die Massregeln zur Besserung der Ver- 
hältnisse. 
Diesem Befehl entsprechend, wurde am 25. Juli eine eingehende 
Schilderung der Zustände in Thorn während der französischeR 
Okkupation abgesandt, des Erscheinens französischer Truppen am 
18. November auf dem linken Weichsel ufer, des Bombardements 
der Stadt bis zum 4. Dezember, des RÜckzuges der zwischen 
Kasczorek und Czarnowo in einer Länge von 3 Meilen am rechten 
Weichselufer aufgestellten preussischen Verteidiger unter General 
L'Estocq, des Ueberganges der Angreifer Über die Weichsel in 
der Nacht vom 5. zum 6. Dezember mit Hilfe von polnischen 
Schiffern und ihres Einzugs in die Stadt. Das verräterische Ver- 
halten der Schiffer wird durch die Angst zu entschuldigen gesucht, 
welche sie nach Abzug L'Estocq's ergriffen habe. Sie hätten später 
von der Warschauer Regierung für ihre Tat 100 Napoleonsdor 
erhalten und sich ihrer auch berühmt, so in einem in der Bernhar- 
dinerkirche aufgehängten Bild, einen Kahn mit franzosen und 
Matrosen darstellend, der über die Weichsel führt, und mit der 
Unterschrift: "Wir Thorner Steuerleute haben die ersten franzosen 
über die Weichsel gefahren." Das Bild sei beim Einmarsch der 
Russen verschwunden und von den Landesverrätern nur noch 


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wenige Übrig, die dauernd bcobachtet werdcn sollen. -- Nach der 
französischen Besetzung sei die Stadt bis zum frieden zu Tilsit 
von Truppcn erst in Stärke bis zu 20000 Mann, dann in kleineren 
Abteilungen, durchzogen und den Bürgern die Verpflichtung zur 
Verpflegung dieser Menschen auferlegt worden. Sogleich sei auch 
mit Wicderherstellung der festungswerke, der Einrichtung von 20 
Lazaretten und Wiederherstellung der von den Belagerten abge- 
brannten Weichselbrücke auf Kostcn der Stadt begonnen, ganze 
Strassenzüge in Anspruch genommen, auf alles Bauholz Beschlag 
gelegt, allc Schiffsgefässc für militärische Transportzwecke requiricrt, 
an Schadenersatz aber nie gedacht, die Vorstädte verwüstct und 
der Stadt unerschwingliche Tafelgelder und Douceurs für durch- 
reisende Marschälle und andre hohe Beamte vom 5. Dezember 1806 
bis Ende Mai 1807 aufcrlegt. Nach dem Frieden zu Tilsit habe 
sich der RÜckmarsch der Franzosen unter denselben schweren 
Bedrückungen vollzogen, zu welchen auch die Unterhaltung der 
Post, der Handwerker für die Regimenter, die Versorgung der 
Lazarett-Gebäude und Utensilien gehörten. Am 7.August 1807 sei dann 
die Stadt durch eine Explosion beim Verladen von Pulver auf 
Kähne in der Nähe des Weissen Tors durch Unvorsichtigkeit der 
französischen Mannschaft aufs schwerste heimgesucht, alle Weichsel- 
kähne und Gebäude an der Weichsel zerstört. Irgend ein Schaden- 
ersatz sei ihr von der polnischen Regierung nicht bewilligt, weil 
Davoust die Schuld an dem Unglück ohne jede Berechtigung dcn 
Bürgern zugeschrieben habe. Vielmehr sei die Bürgerschaft nur um 
so mehr durch Einquartierungen mit Verpflegung, durch Heran- 
ziehung zur Unterhaltung der Lazarette, durch Inanspruchnahme 
ihres Grundbesitzes zum festungsbau in den jahren ]808/9 bedrÜckt 
und ausgesogen worden. Im jahre 1809 sei dann die Beschiessung 
der Stadt durch die belagernden Oesterreicher, UHO/lI die fort- 
setzung der festungsbauten gefolgt, für welche die St.-Georgen- 
kirche und der lutherische Kirchhof habe geopfert werden müssen. 
18J 2 habe sich dann der unendliche Strom der französischcn Armee 
auf ihrem Zuge nach Russland besonders wieder über Thorn er- 
gossen. Napoleon, der sich bei seinem achttägigen Aufenthalt in 
der Stadt zu wenig ausgezeichnet gefühlt, habe das Rathaus schonungs- 
los in 24 Stunden zu Lazarettzwecken räumen lassen. 18J:I habe 
sich dann die flut der vernichtcten Armee mit ihrem ganzen Elend 
aus Russland zurückergossen, Tauscndc von Flüchtlingen seien durch 
die Stadt nach kürzerer oder längerer Rast gezogen, darunter auch 
Davoust, der bei scinem Abzug am 22. januar in aller Eile noch 
die jakobs - Vorstadt, Mocker und Podgorz habe niederbrennen 
lassen, wohl in der Hoffnung, die Rückzugslinie für die Armee zu 
halten, nachdem vorher zu festungsbauzwecken die Reste der Vor- 
städte mit der St.-Lorenz-Kirche, dem Krankenhause und den 
Spitälern gefallen waren. Am 22. januar 1813 sei dann die Stadt 
von den Russen blockiert und bis zum W. April scharf beschossen 
Das Elend habe seinen Gipfelpunkt erreicht. Die besten Häuser 
seien zu Alarmquartieren verwandt, alles Vieh fortgenommen und 



 


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			Seuchen hätten unter dem Militär 40 bis GO, aber auch von der 
Civilbevölkerung mehrere Opfer täglich erfordert. Das Holz aus 
den Häusern sei zur Vcrwendung als Brennholz losgerissen und 
den Bürgern eine Kontribution von 100000 fr. unter Androhung 
der Todesstrafe auferlegt worden. 
Auch nach dem Einmarsch der Russen am 17. August UH3 
dauern die starken Einquartierungen und Durchmärsche, die Speisung 
von Generälen, Offizieren und Soldaten, sowie Requisitionen aller 
Art, z. B. von Speichern und Häusern zu Magazinen, in der Stadt 
und im städtischen Territorium an. Die Niederungsbewohner seien 
überdies durch die Ueberschwemmung beim Eisgange des jahres 
1813/14 an den Bettelstab gekommen. 
Bezüglich der Kommunaleinrichtungen Thorns wird weiter 
berichtet, dass vom 6. Dezember 1
06 bis zur polnischen Organi- 
sation aller Landesdehörden Militärdiktatur bestanden habe, der alte 
Magistrat abgesetzt und an die Spitze der Verwaltung der Kaufmann 
Oppermann, doch ohne Gehalt, gestellt, die städtische Verwaltung 
aber ohne Direktive der Regierung sich selbst überlassen und 
Personalveränderungen unter den Beamten nach Belieben des 
Gouverneurs der festung vorgenommen worden seien. - Am 10. 
Oktober 1807 erst sei durch den Kommissarius der Warschauer Re- 
gierung, Grafen Zboinski, auf Grund der Landeskonstitution zu- 
nächst ein interimistischer Magistrat und dann im Dezember 1
08 
ein Munizipalpräsident mit 4 Lawniks und ein Munizipalrat, aus J fj 
Mitgliedern bestehend, eingesetzt worden. Diese Verfassung be- 
stehe noch. Die Landeskonstitution sei im Dziennik Praw ent- 
halten. 
Dem Schreiber war, wie befohlen, eine Uebersicht über den 
Zustand der Kommunalkasse und der Kämmerei-Etat für das jahr 
180n beigefügt. Letzterer war bis 1809 massgebend. Abschrift 
der Kämmerei-Etats 1809/lIi konnte nicht beigefügt werden, weil 
sie, in Warschau zur Approbation eingereicht, nicht zurückzuer- 
langen seien. Ausserdem war eine Liste aller Beamten beigefügt, 
ebenso wie ein Bericht der Kommission von Kaufleuten mit Vor- 
schlägen zur Hebung des Handels. 
Währenddessen waren die Bemühungen des kommandierenden 
Generals von Thuemen um Befreiung der Stadt von der russischen 
Besatzung erfolglos geblieben. Der Statthalter des Herzogtums 
Warschau, Grossfürst Constantin, hatte ihm auf seine Vorstellung 
geantwortet, dass er die Räumung der festung nur auf ausdrück- 
lichen Befehl des Zaren anordnen dürfe. Der für die Entgegen- 
nahme der Erbhuldigung in der wiedergewonnenen Provinz Preussen 
bestimmte Landhofmeister des Königreichs (von 1808-]HlO Ober- 
präsident der Provinz) von Auerswald musste deshalb am 10. juli an 
das Ministerium der äusseren Angelegenheiten berichten, dass die 
auf den Geburtstag des Königs am 3. August für die Provinz in 
Danzig festgesetzte Huldigung sich auf Thorn nicht erstrecken 
könne, falls die Festung bis dahin nicht in Besitz genommen werde. 
Der Staatskanzler verfügte hierauf am 12. juli, dass die Huldigung 


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			der Kreise Thorn, Culm und Michelau später stattfinden solle und 
zwar in Thorn. Damit war der Wunsch der BÜrgerschaft nach 
der für ihre Stadt erwünschten Ehrung zwar erfüllt, seine Ver- 
wirklichung aber zögerte sich noch bis zur Mitte des Monats 
September hin, denn erst am 12. September konnte der Regierungs- 
präsident von Hippel an das Ministerium des Aeusseren berichten, 
dass an den Kommandanten v. Podeiskoi die Anweisung zur 
R .. d f t 26. August . d 
aumung er es ung am 4 - S 
 t - b ergangen sei un wegen 
. ep em er 
fortschaffung der Kanonen erst am 19. September vollzogen werden 
könne. 
Der zur Besitznahme durch den Oberpräsidenten von Posen 
Zerboni di Sposetti und den kommandierenden General v. Thuemen 
bestimmte Kommissarius, Geheime Rat Kozorowski, Direktor der 
Regierung in Bromberg, konnte dann endlich am 26. September an 
die genannten Würdenträger hierüber folgendes berichten :3) 
"Am 22. September habe ich die Besitznahme der Stadt Thorn 
feierlich vollzogen. In Thorns Einwohnern fand ich nur mit Leib 
und Leben ergebene Preussen, die ihren König anbeten und unbe- 
denklich mit Aufopferung ihres Blutes sich für ihn hingeben würden. 
Ihre Empfindungen waren nicht erheuchelt oder aufgeregt von dem 
Moment der Neuheit und Gelegenheit. Sie waren von Wahrheit, 
Religion und Dankbarkeit gegen die Vorsehung begleitet, die ihr 
Schicksal widerum in die Hand ihres Königs, unter dem sie früher 
glücklich gelebt, gelegt hat. Sie betrachteten sich für verlorne 
Kinder, die ihren Vater wiedergefunden haben." 
Am 21. September begrüssten die Thorner die ersten preussi- 
schen Soldaten mit unendlicher freude, Blumen und Kränzen. Am 
2t. fand die Besitznahme bei herrlichstem Wetter nach einstündigem 
Geläute sämtlicher Glocken mit Beteiligung des Magistrats, der 
Behörden, Geistlichkeit und Bürgerschaft, des Kommandanten Oberst 
von Benckendorf, der beiden Chef-Präsidenten der Regierung von 
Hippel und Oellrichs aus Marienwerder durch den Besitznahme- 
Kommissarius in Begleitung des Hofrats Hoffmann statt. 
Auch in dem Bericht der Westpreussischen Regierung an den 
König vom 2. Oktober 18154) wurde der Patriotismus der Ein- 
wohner Thorns rühmend hervorgehoben. Nachdem, so heisst es 
dort, am 19. September die Wachen von den preussischen Truppen 
bezogen waren, folgte am 2 L der feierliche Einzug der Garnison 
unter Oberst Benckendorf von Hindenburg und am 22. die Besitz- 
nahme der Stadt durch den Geheimen Rat Kozorowski als Bevoll- 
mächtigten des General-Beamten von Thuemen und des Ober- 
präsidenten v. Zerboni unter den üblichen Förmlichkeiten und da- 
mit die förmliche Ueberweisung der Landesverwaltung an die 
hiesige damit von Majestät beauftragte Regierung. Noch am 19. 


S) Geheimes HtaatHlu'chiv A. A. IH NI'. 2. 
4) Abgedruckt in einem den Archivakten beigefügten ZeitungRbericht. 


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			September hatte ein russisch-polnischer Kommissarius, der Polizei- 
Assessor Wolcowicz, den Versuch gemacht, sich der seit dem 
1. juni d. J. für die preussische Regierung aufgesammelten Bestände 
der öffentlichen Kassen zu bemächtigen, wurde aber durch die 
Kassenbeamten auf Grund des Traktats vom 3. Mai und des Be- 
sitznahme-Patents vom 15. Mai hieran verhindert. Alles Erforder- 
liche zur Ablieferung dieses Geldes an die Regierungs-Hauptkasse 
und die Einleitung der öffentlichen Verwaltung im alten und neuen 
Thornschen Gebiete ist veranlasst worden. 
Unverkennbar war die herzliche freude, die alle Bewohner 
der Stadt Thorn, dieser alten deutschen Stadt, empfanden, welche 
deutsche Sitten und Sprache immer treu bewahrt hat, unter preussische 
Regierung zurückzukehren und mit Westpreussen vereint zu sein, 
dessen Hauptstadt nach der alten Landesverfassung Thorn war. 
Die treugesinnten Bürger der Stadt, welche seit 1806 so manches 
Ungemach erduldet hat, werden der huldreichen fürsorge Sr. Majestät 
empfohlen. Es bietet jetzt dieser Ort einen sehr traurigen Anblick 
dar, die beträchtlichen Vorstädte, gegen 400 Häuser enthaltend, mit 
den schönen Gärten sind gänzlich zerstört, grösstenteils auf 
Davoust's Befehl im januar 1813 niedergebrannt worden; in der 
Stadt selbst, vorzüglich in der Neustadt, sind viele Häuser seit 
mehreren jahren von ihren verarmten Einwohnern verlassen, und 
es stehen solche entweder leer, oder es ist während der Belagerung 
von ]813 das Holzwerk aus denselben von der französisch- 
bayerischen Besatzung ausgebrochen und zur feuerung verwandt 
worden. Die meisten Kaufleute und Handwerker, welche letztere 
seit langer Zeit den Russen besonders gute Arbeit zu liefern hatten, 
sind tief verarmt, alle aber sehen vertrauensvoll der Zukunft unter 
der Regierung Sr. Majestät entgegen. Die Stadt wird deshalb 
der königlichen Gnade und aller Unterstützung, deren sie bedarf, 
empfohlen. Hauptsächlich werden der Allerhöchsten Erwägung 
unterbreitet die Wiederherstellung der Weichselbrücke im Interesse 
des Getreidehandels, Vergütigung für das zu festungsbauten ge- 
brauchte Terrain, Entschädigung für die verwüsteten Häuser und 
Gärten, Anweisung von Bauhilfsgeldern, Einrichtung von Kasernen 
für die Besatzung, wozu mehrere leer stehende öffentliche Gebäude, 
namentlich das vormalige jesuiten-Collegium, leicht eingerichtet 
werden können, sowie die Herstellung des als Kaserne benutzt 
gewesenen Rathauses zum Behuf der Huldigung, Einrichtung der 
für die Garnison bestimmten Lazarett- und Wacht-Gebäude auf 
öffentliche Kosten. Se. Majestät wird um entsprechende Anweisungen 
an die betreffenden Ministerien ehrfurchtsvoll gebeten. Der Abmarsch 
der russischen Besatzung hat sich bei dem entgegenkommenden 
Verhalten des Generals Podciskoi ordnungsgemäss gestaltet. Auch 
haben die russischen Kommissarien am 1. Oktober zur Grenz- 
regulierung in Mlawa und Soldau einzutreffen versprochen. "Wegen 
Errichtung eines neuen Landwehrregiments im Kreise Culm und 
Michelau", so heisst es zum Schluss, "sind die nöthigen Einlei- 
tungen getroffen. Wir werden uns bemühen, die durch Er- 


L 


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/Pomorze_038_03_038_0001.djvu

			schöpfung an Geld und Mannschaften erwachsenden Schwierig- 
keiten zu beseitigen, bitten aber auch um alle die Erleichterungen wie 
für das Grossherzogtum Posen, weil beide Kreise in gleicher Lage sind." 
Schon vor der Besitzergreifung hatten die Thorner in einem 
Schreiben vom 20. August an den Regierungspräsidenten gebeten, 
bei der bevorstehenden Trennung der Grenzen zwischen dem 
Posner und Marienwerderer Departement im Interesse des Thorner 
Handels und zur Aufrechterhaltung des Stadt-Privilegs darauf hin- 
zuwirken, dass die beiden Weichsel ufer dem Departement Marien- 
werder erhalten bleiben und der hicrzu abzugrenzende Uferstreifen 
von fordon bis zur russischen Grenze eine möglichst grosse 
Breite erhalten möge. Ebenso wie die Interessen der Stadt be- 
mühten sich die Bürger ihre Stellung im Verwaltungskörper wahr- 
zunehmen. (Schluss folgt.) 


Literarischer Anzeiger. 
Die a 1t s t ä d t i sc h e Kir c he zu T ho r n. Zur fe i er 
ihrcs einhundcrtundfünfzigjährigen Bcstehens am 
1 K j ul i 1!J 0 6. Von B r 1I noS t ach 0 witz, P f ar r e run d 
er s te r Pr e d i ger. (
4 S. t;O). 
Das kleine Schriftchen enthält u. a. eine Geschichte des 
Turmbaues an der altstädtischen evangelischen Kirche. Willkommen 
sind die hier zum ersten Male veröffentlichten Inschriften der 
Epitaphien und Grabsteine und des Kirchengerätes. Leider sind 
die Inschriften nicht zuverlässig abgcdruckt. Besonders störend 
wirkcn Druckfebler in dcn Eigennamen, wie Li c h t fa s s in statt 
Lichtfussin, Sitkin statt Litkin S. 17, joelnerin statt 
Zoebnerin und jerneckin statt Zcrncckin, Weirrii statt 
W eis s i i S. 19. Auf dem Grabstein des Georgius Hankius las 
ich seiner Zeit hinter "sibi" noch folgende Zeilen in lateinischen 
Majuskeln: 
Annae Reginae Coelmeriae 
uxori amantissimae 
haeredibus qve 


Verwischt war die vierte Zeile und nicht sichcr zu lescn die 
jahreszahl in dcr letzten Zeilc in römischen Zahlzeichen (1706 ?). 
A. S. 
Thorn-St.G eorgcn, G esch ic h te der Georgengemeinde, 
ihr c r alt e n Kir c heu n d ihr e s H 0 s P i tal s, Bau ge s chi c h te 
und ßaubeschreibung der neuen Georgenkirche in 
Thorn-Mocker. Von Reinhold Heuer, Pfarrer an Thorn- 
St.Georgen Thorn, 1907. (lIi3 S sn). 



 .'-- 


- al 


- - 
Verantwortlicher Heraus&eber: P.ofessor Arthur Sem rau In Thorn. 
Uruck der Buchdruckerei der Thorner Ostdelltschen Zeitung G. m. b. H. in Thorn. 


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/Pomorze_038_03_039_0001.djvu

			Mitte'ilungen 


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Coppernicus- Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


15. Heft. 


September 1907. 


Nr. 3. 


Inhalt: 
Dr. Lindau, Tltorn untcr preussischer Oberhoheit, aber russischer Bevor- 
mundung (Forh;etzung uud Schlus!') H. ;1.-). -- H. Sehmid, Der alte Hochaltar 
in Ht.-Marien H. .1,0. - R. Jacobi, Thom, I<:lbing. Danzig und die polnischen 
Königswahlen 1573 -1575 S. 42. - Litcl"a,'ischer Anzeige,. S. 4R. 


Thorn ullter preussisrller OberbolU'it, aber russiscller ße"ormllIlduß
. 
Von Dr. OUo Lindau. 
(fortsdzung und Schluss.) 
Als die Bestimmung bezüglich des Akts der Huldigung- 
in Thorn am 1 u. Juli eingetroffen war, behielt der Munizipal-Rat 
sich das Recht vor, die Beglaubigung der 
 zur Huldigung zu 
deputierenden BÜrger zu vollziehen, weil er und nicht der Munizipal- 
präsident mit seinen 4 Lawniks über alle vorkommenden Gemeinde- 
angelegenheiten sein Gutachten abgebe, die Geistlichen wähle, die 
Repartition der Abgaben ausfertige, überhaupt die Rechte der Stadt 
und Bürgerschaft in allen Stücken wahrnehme, während die Lawniks 
nur beratende, nicht aber beschljessende Stimme hätten. Die Voll- 
macht könne deshalb von dem Munizipalpräsidenten nur durch die 
Mitunterschrift des Munizipalrats gültig vollzogen werden. Der 
Munizipalrat betrachte es als sein gutes Recht, besonders bei Aus- 
stellung von Urkunden, die für die ganze Bürgerschaft Kraft haben 
sollen, mitzuwirken. Er habe bei der Entscheidung hierüber kein 
anderes Interesse als die feierliche Verpflichtung zur Huldigung 
so vollständig und gÜltig als möglich zu machen und dabei namens 
der Bürgerschaft nichts zu versehen. 
Dieser forderung konnte regierungsseitig nicht entsprochen 
werden. Der Munizipalpräsident mit seinen 4 Lawniks wurde viel- 
mehr als Stadtmagistrat angesehen und mit der Beglaubigung der 
von den verschiedenen Korporationen zur Huldigung gewählten 
Deputierten betraut. So finden sich mit den Unterschriften Stettner, 


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/Pomorze_038_03_040_0001.djvu

			Paetrorius, jacobi, Rittwegen und Piotrowski (I), als dem Munizipal- 
präsidenten mit seinen dcrzeitigen 4 Lawniks, die Rekognitions- 
urkunden dieser Deputations-Mitglicder in den Akten und zwar 
für die von den Kämmerei-Giitern gewählten Vertretcr, dic Schulzen 
Michael Bialkowski von Mocker und Heinrich Raguse aus Schwarz- 
bruch, für den Senior der evangelischen Geistlichkcit der Stadt 
und des Stadtgebietes, den Pastor primarius friedrich Ernst Eisen- 
hauer, für den Beichtvater der Nonnen des Benedictiner-Klosters 
Canonicus von Richowski, für die Mönche des Bernhardiner-Klosters 
der Guardian faustin Lenticki, für dic des Dominikaner-Klosters 
 
der Prior Mat11ias Lipinski. ! 
Den vorgenanntcn [) Magistratsmitgliedern und 8 von der Bürger- 
schaft hierzu auserwählten Abgeordneten, Gottlieb Mellien, Christian 
Oaniel Raeschke, johann Michael Gall, jacob Gottfried Meissner, 
Samuel George Prowe, johann Benjamin Kannenberg, Christian 
friedrich Glitzke und johann Heinrich Kreter wurde die Ableistung 
des Eides auf zwei besonderen, mit Siegeln versehenen Certifikaten 
von dem hierzu bestimmten Kommissarius, Regierungsrat Thoma, 
bescheinigt. (i) 
Wenn der Munizipalrat als Vertreter der Biirgerschaft somit 
auch formell eine Zurücksetzung erfuhr, der Ruhm der vollendeten 
Wiedervereinigung der Stadt mit Preussen konnte ihm und vor 
allem dem unermüdlichen und umsichtigen Mellien nicht gcschmälert 
werden, ein patriotisches Verdienst, welches schon am 
o. juni, 
also lange vor vollendeter Tatsachc, dadurch anerkannt wurde, dass 
der klar sehendc Regierungs-Präsident von Hippd mit seinem 
warmen Herzen für deli ihm untcrstellten Wirkullgskreis Mellien 
dem Reichskanzler wärmstens zu einer Auszeichnung empfahl. 
Der Huldigungsakt vollzog sich in ebenso feierlicher Weise 
wie der des Truppen-Einmarschs lind der Besitzergreifung. Ein 
Protokoll hierüber sowie eine Beschreibung der feierlichkeit in der 
Spenerschen Zeitung findet sich in den Akten des Geheimen 
Staatsarchivs A. A. 3 Nr. 21. Am 18. Oktober, dem Geburtstag des 
Kronprinzen, fand in sämtlichen Kirchcn dcr zur Huldigung be- 
stimmten Städte und Ortschaften Gottesdienst statt. Am Abend 
desselben Tages traf der Huldigungs-Kommissaritls von Auerswald 
ein, wurde von berittenen Postbeamten und der Schiitzenbriider- 
schaft zu Pferde mit wehenden fahnen eingeholt, in der Stadt vom 
Magistrat und den Stadtrepräsentanten bcgriisst und in sein Quartier 
im Hötel de Danzig (jetzigen Miljtärkasino Seglerstr. Nr. 8) ge- 
leitet. Die Vollmachten dcr Hllldigungsdeputierten wurden von 
den dazu ernannten Kommissaren, Regierungsrat Thoma und justiz- 
rat Diestel, geprüft, verifiziert und die Herren hierauf durch den 


I) Piolrows
i ist unter den vereidigten Magi!	
			

/Pomorze_038_03_041_0001.djvu

			Grafen zu Dohna-Lanck und Oberstleutnant von Treyden dem 
Landeshofmeister von Auerswald vorgestellt. Am 18. Oktober 
wurde dieser von seiner Wohnung, vor welcher eine Offizierswache 
aufgestellt war, von den Deputierten in feierlichem Zuge mit seinem 
Gefolge in das Rathaus geleitet, in dessen mit Staatsmitteln reno- 
viertem Saal ein Thron aufgestellt war. Von der obersten Stufe 
desselben aus, unter dem Bilde des Königs, hielt von Auerswald 
eine Ansprache, welche von dem auf der untersten Stufe stehenden 
Justizrat Diestel in polnische Sprache Übertragen wurde. Dem Thron 
gegenÜber waren dic Deputierten der Geistlichkeit und Ritterschaft, 
rechts die der Behörden der Stadt, links die der übrigen Städte 
und Ortschaften aufgestellt und dem Publikum gegen Einlasskarten 
der Zutritt zu der feier ermöglicht, der Saal somit dicht gefüllt. 
Zunächst leisteten der Scholasticus von Kutowski für das Dom- 
kapitel in Culm, dann Kammerherr von Kruszynski auf Nawra 
namens der Besitzer den Eid, dann Senior Eisenhardt für die 
protestantische Geistlichkeit und die übrigen Deputierten. Nach 
einer .Schlussrede des Regierungs-Kommissars, welche in einem 
Hoch auf den König ausklang, bei dem Publikum vor dem Rathaus 
einen mächtigen Wiederhall fand und von Trompetengeschmetter 
und Kanonenschlägen begleitet war, folgten kirchliche Feiern beider 
Konfessionen, eine Bewirtung der Deputierten im Huldigungssaal 
und am folgenden Tage ein Ball bei dem Huldigungskommissar. 
So war denn der heisseste Wunsch der Thorner Bürger 
erfüllt und ihr mühe- und sorgenvolles Werk durch eine würdige 
feier gekrönt. Der König sprach sich in einem Brief vom 
10. Novbr. 1815 auch anerkennend über ihre stets bewährte vater- 
ländische Haltung aus: "Es hat meinem Herzen wohlgethan, in 
dcr freude, welche die Einwohner Thorns bey der Besitznahme 
der Stadt geäussert haben, die treue Gesinnung wieder zu finden, 
mit welcher Ich sie vor der Trennung von ihnen, dem Staat und 
Meinem Königlichen Hause jederzeit erprobt fand. Ich theile diese 
freude, die Einwohner zu Thorn als treue Unterthanen wieder- 
gewonnen zu haben, und werde ihren Wohlstand nach Möglichkeit 
zu befördern nicht aufhören." 
Kurze Zeit darauf traf ein zweites Schreiben des Königs: 
An die Stadtverordneten und Repräsentanten der Bürgerschaft und 
Gemeine zu Thorn vom 13. November 1H15 ein. "Ich wünsche 
tim so angelegentlicher, der Stadt Thorn baldmöglichst wieder auf- 
zuhelfen, als ich anerkennen muss, dass die Einwohner seit 9 Jahren 
ungemein gelitten haben. Mehrere der dieserhalb ausgesprochenen 
Gesuche werden nicht zu erfüllen seyn, indessen habe ich die 
Vorstellung der Stadtverordneten und Repräsentanten der Bürger- 
schaft und Gemeine vom 30. v. M.l) an den Staatskanzler fürsten 
von Hardenberg zur sorgfältigen Prüfung gelangen lassen und 
werde demnächst das Weitere bestimmen." 


I) Enthalten in den Akten des Geheimen Staatsarchivs A. A. III Nr. 2. 


" 


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			Diese schnell auf einander folgenden Allerhöchsten Kund- 
gebungen erklären sich daraus, dass die Bürgerschaft auch nach 
vollzogener Erbhuldigung es nicht unterlassen hatte, sich an den 
König, den Staatskanzler und die verschiedenen Ministerien mit 
der Bitte um Beistand und einer ausführlichen Darstellung des 
jetzigen Zustandes der Stadt Thorn, der Ursachen ihres Verfalls 
 
und der Mittel zur Wiederherstellung ihrer baulichen Beschaffenheit 
und ihres Verkehrs zu wenden. Unterschrieben waren diese 
Gesuche von "den Stadtverordneten und Repräsentanten der Stadt 
und BÜrgerschaft" Hcpner, Speth, Hirschberger, Droes, Kadach, 
Noske, Hepner jun., Elsner, Prowe, Voigt und Klinger I). 
In dieser Darstellung, welcher für den Reichskanzler besondere Er- 
läuterungen beigefügt waren, wird zunächst der beklagenswerte Verfall 
der Stadt geschildert. Von den 1112 vor dem Kriege vorhandenen 
Grundstücken der Vorstädte waren 340 im Werte von je lOUOO 
bis 20 000 Talern verwüstet und verbrannt, von 77'"2 Häusern der 
Innenstadt nur 300 noch bewohnbar, allenfalls einquartierungsfähig 
davon nur noch 172. Die Ruinen waren verlassen oder nur von 
Tagelöhnern bewohnt. Auf den zerstörten GrundstÜcken lastete 
ein Teil des Vermögens der milden Stiftungen, der Waisen und 
andrer Privatpersonen, welche damit Zinsen und Kapital verloren 
hatten. Die Liquidationen daflir waren der Regierung in Warschau 
eingereicht, zum Teil auch als Staatsschulden anerkannt, aber ohne 
Bestimmung der künftigen Entschädigungsfrist. Durch den Krieg 
von 1 H12i W waren alle Verhandlungen hierÜber unterbrochen und 
viele familien nunmehr gänzlich verarmt und hilfsbedürftig. Das 
Stadtgebiet war cbenso durch dic Kriegswirren, die Niederung 
besonders auch noch durch die Ueberschwemmung im Jahre IR 13 
verwüstet, dic Dämme vernichtet und die Bauern gänzlich verarmt. 
Dcr Handel hatte seit 1806 so gut wie ganz aufgehÖrt, der VerkC'hr 
war seit 9 Jahren auf die Nachbarstädte übergegangen und auch 
jetzt noch durch die Spcrre an der Grenze nach Russland einge- 
schnÜrt. Der Handel war tot, das Kapital der Kaufleute in dem 
fortgenommenen Getreide verloren und damit ihr Gcschäft brach- 
gelegt. . Das Kommunal- und Privat-Vermögen war zerrÜttet, weil 
die liquidierten Summen an baren Vorschüssen und I
equisitionen 
seit 9 Jahren und zwar aus Kommunalvermögen 175 
(j8 Taler, aus 
Privatvermögen 2:?fI iJ5!:J Taler ohne Ausstellung von Obligationen 
und ebenfalls aus Privatvermögen gegen Ausstellung von Obli- 
gationen 250192 Taler gezogen und damit alles Betriebskapital 
verloren gegangen war. Die Stadt konnte die Zinsen für alte 
Schuldkapitalien nicht zahlen und musste neue Schulden machen, 
um Vorsch üsse aufzutreiben, was zum Ruin des öffentlichen Ver- 
I) Die Namen dieser ,,
tadtvel'ordneten und Repräsentanten der Stndt 
Thorn" finden sich in R 7-1 S. 3, NI'. !) des Geheimen Staatsarchivs. Die 
Vollmacht für die 3 Repräsentanten der Stadt, Mcllien, Diestel und Voigt zum 
Besuch des Königs im Hauptquartier Frankfurt 8./M. war unterzeichnet von t. 
Hepnel", Speth, Hepner jun., HiI'schberger, Droes, Kadach, Spel'liug, Saenger, 
Thiel, Prowe, Dietz. (Nachträglich aus den Akten des Geheimen Staatssrehivs 
R. 74. 11. NI'. 26 festgestellt.) 



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/Pomorze_038_03_043_0001.djvu

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mögcns geführt hat. Die' Einwohnerzahl der Stadt und ihres 
Gebietes war von I,WJO im jahre 1806 auf 11000 gesunken, der 
dritte Teil der Gewerbetreibenden und Wohlhabenden verzogen und 
dafür Pöbel zugezogen. 
Als Ursachen dieses traurigen Zustandes werden angeführt 
die Belagerungen von 1806, 180tJ und 1813, die Pulverexplosion 
im jahre 1807, die fortwährenden Einquartierungen und Durch- 
märsche, Verwüstungen der Vorstädte und der Stadt, die Sperre für 
den Handel, die dreifache Wegnahme aller Getreide-Bestände, die 
starke Garnison und Einquartierung bis zum 15. September 1815 
ohne jede Entschädigung, die enormen Aufwendungen für die Ver- 
pflegung durchmarschierender Truppen, zuweilen 1ß-20000 Mann 
vom G. Dezember 1H',)I) bis zum Tilsiter frieden, dann von franzö- 
sischen und polnischen, endlich nach 1813 auch von russischen 
Soldaten, der Marschälle und Generale, welche allein der Stadt 
von 1801i/180!} f}H 000 Taler kostete, alles ohne Entschädigung, 
ebenso wie die Einrichtung und Unterhaltung der Lazarette, welche 
z. B. nach der Schlacht bei Eylau und Pultusk mit 11000 Ver- 
wundeten und Kranken belegt wurden, endlich die stiefmütterliche 
Behandlung der Stadt durch die Warschauer Regierung, die jener 
aufbürdete, was sonst nur Provinzen tragen können. 
Als Mittel zur Abhilfe des Notstandes werden bezeichnet: 
I. Die Vermittlung gegenseitigen freien Grenzverkehrs, Erleichterung 
im Passwesen, Einrichtung eines russischen Konsulates; 2. Ver- 
günstigung zur Niederlage von Waren zum Debit, führung der 
Handelsstrasse von Königsberg nach Breslau über Thorn; 3. Ein- 
setzung der Hauptämter der Grenz-, Land- und Wasser-Zölle und 
4. der Servis- und justiz-Behörden für die Umgegend in Thorn; 
5. Erleichterung des Verkehrs an den festungs-Toren; li. 
erück- 
sichtigung der besonders hohen forderungen Thorns bei der 
Liquidation durch die vereinigte Kommission in Warschau ; 7. Ver- 
gütigung für die zum festungsbau gebrauchten Häuser und Bau- 
hilfsgelder für die verwüsteten Häuser der Stadt; H. Wiederher- 
stellung der Weichselbrücke, die 1808 der Stadt gehörte, dann von 
der Warschauer Regierung für die festung in Anspruch genommen 
wurde, wodurch die Stadt cinen Schaden von 23551 Taler 50 Gr. 
erlitt (sie wurde im jahre 181il durch deli Eisgang fortgerissen); 
B. Einrichtung von Kasernen, Wiederherstellung der Wacht- und 
Lazarett-Gebäude aus Staatsmitteln ; 10. Uebernahme der Kosten 
für den r
athausausbau und der Gebäude für die städtische Admini, 
stration und justizverwaltung durch den Staat; 11 Wiederher- 
stellung der Weichseldämme; 12. Prüfung des Schuldenwesens 
und Bewilligung von Mitteln zur Interessentilgung, die aus delTl 
Kommunalvermögen allein nicht aufgebracht werden können. (Die 
alten Schulden betragen 200000 Taler, die jetzigen 40f}il!lü Taler 
Kapital, der jährliche Zinsbetrag 1 B 060 Taler und 97 3n I Taler 
aufgelaufene Zinsenreste in der Zeit 1806/15); 1iJ. Beschränkung der 
Handelsfreiheit für jüdische Kaufleute. 


- 39-
		

/Pomorze_038_03_044_0001.djvu

			"Wir werden", so heisst es am Schluss des Briefes an den 
Staatskanzler, "dankbar annehmen, was uns gewährt werden kann, 
und mit Hilfe dessen wollen wir mit Gott in Gesinnung treuer 11 
Unterthanen nach deutschem Sinn und Sitte wieder anfangen, an 
der Wiederherstellung unseres dahingesunkenen Wohlstandes und 
Gewerbes nach möglichsten Kräften zu arbeiten." 'I 
So hatten die Thorner Bürger erreicht, was sie mit Hingabe 
ihrer besten Kraft, mit fleiss und Ausdauer angestrebt, sie waren 
Herren auf deutscher Scholle geblieben. Das fundament war ge- 
legt, auf dem ihr Werk weiter aufgebaut werden konnte und schaffens- 
freudig aufgebaut worden ist. 
An die Spitze der Verwaltung wurde von der preussischen 
Regierung der in Sturm und Drang bewährte, zielbewusste, spätere 
Oberbürgermeister Mellien und ihm zur Seite als Syndikus Wilhelm 
fritz Sartorius, später für diesen der Assessor Johann Theodor 
Oloff, sowie 4 Stadträte, Dr. Carl Praetorius, friedrich ferdinand Hahn, 
vorher Kassierer bei der Regierungshauptkasse, Carl Wilhelm 
Rittwegen, vorher Lawnik, und Carl Wilhelm Brauer, früher König!. 
Oekonomie-Kommissarius, gestellt. An Stelle des Munizipalrats 
trat der Gemeinderat. Die bürgerliche Selbstverwaltung im Sinne 
Steins, deren Kraft sich in so drangsalvoller Zeit bewährt hatte, 
wurde zu neuem Leben erweckt, ihr Werdegang unter staatlicher 
Machtfülle für alle Zeiten gesichert. 


Der alte Ilorbaltilr in Si. - 3lal'irn. 
Von Bernhard Schmid. 


In den Bildtafeln des alten Hochaltares der Marienkirche besitzt 
Thorn ein unschätzbares Denkmal der Malerei aus früher Zeit. Bis 
zum Jahre 1731 stand der Altarschrein an seiner alten Stelle im 
Presbyterium; dann wurde er hier durch den jetzigen Aufbau ersetzt 
und zu untergeordneten Zwecken verwendet. Eine Beschreibung 
des Altares im ursprünglichen Zustande gibt das Manuscr. Baum- 
gartianum: 
"In ipso ergo Choro spectatur altare antiquissimi operis ab 
aliquot hucusque conservatum seculis in latitudinem per totum 
chorum sese extendens, cui ad dextrum latus haud mediocre 
imminet horologium. Altare hoc multiplieibus picturis per spatia 
quadrata, prisco more, in fundamento Graecanico inaurato, sed 
rudiore minerva, tota Christi vita, passio et mors expressa; supra 
ipsum vero altare tabulae haec pictae duabus valvis, quibus 
aperiuntur, quatuor Evangelistae in habitu Cardinaliull1 et Epi- 
scoporum sunt appicti, ibique intus videtur nativitas Christi, nec 
non historia trium Regum, tum et simulacra variorum Sanctorum !. 
utriusque sexus lignea, probe inaurata atque deargentata, quae 
vero raro visuntur. Supra altare conspieienda erant vetustissima 


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/Pomorze_038_03_045_0001.djvu

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transparentia Iigna, instar turricuIarum majorum et minorum 
subtilissimi operis, quae vero vetustate temporis fragmentatim 
coneiderunt, neque jam inveniuntur." 1) 
Zuletzt befanden sich die Altarflügel als Türen vor dem 
heiligen Grabe und waren hier sehr der B
schädigung ausgesetzt, 
ohne dass man dabei an dieser dunklen Stelle des Seitenschiffs das 
Kunstwerk hätte betrachten können. 
Es ist das Verdienst des damaligen Pfarrers, Herrn Weih- 
bischof Dr. Klunder zu Pelplin, die bessere Erhaltung der Bilder im 
Jahre 1 gO-l angeregt zu haben. Geldbewilligungen seitens der 
Kirchengemeinde und der Provinzial-Verwaltung, vor allem aber 
ein namhafter Zuschuss des Herrn Kultusministers ermöglichten die 
Arbeit, die in diesem Sommer ausgeführt wurde. Der Maler Arthur 
fahlberg aus friedrichshagen wurde hierbei vom Berichterstatter mit 
dcr Reinigung und festigung der Bildflächen betraut. Die hierbei 
vorgenommene ge laue Untersuchung ermögEchte es, sich ein klares 
Bild von dem Aussehen des alten Altaraufsatzes zu machen. 
Den Kern bildete ein mächtiger 
Schrein von 3,50 m Breite 
und ca. 2,50 m Höhe. Von 
dem Inhalte des Schreins: 
"Bildnisse von männlichen und 
weiblichen Heiligen" ist nur 
eine figur (57 cm hoch) er- 
halten, die wahrscheinlich 
Christus darstellt. Sie stand 
im Mittelteil des Altarschreins 
lind gehörte zu einer Gruppe 
der Krönung Mariens. (Siehe 
die Abbildung.) Die figuren 
müssen in zwei Reihen ge- 
standen haben, und jede dieser 
Reihen wurde durch zweifache 
Doppeltüren verschlossen, so 
dass ursprünglich 8 Türen, 
oben vier grössere, ca. 1,:i-l m 
hoch, unten vier kleinere, 
ca. I,OH 111 hoch, vorhanden 
waren. Von den kleineren 
dass (j Tafeln noch erhalten sind. 


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fehlen jetzt die zwei inneren, so 
Die Bilder stellten dar: 
I. Bei Schluss der äusseren Flügel die Passionsgeschichte 
Christi in acht Bildern. 
11. Bei Schluss der inneren und Oeffnung der äusseren flügel 
Darstellungen aus dem Leben der Maria und hierin eingerochten 
Legenden aus der Geschichte des franeiscaner-Ordens, wie die 
Stigmatisierung des heiligen franeiscus. In den Bildern der Auf- 


I) Nach Zernecks ThorJlische Chronica, 2. Auflage, Seite 11. 


- 41-
		

/Pomorze_038_03_046_0001.djvu

			erstehung und Himmelfahrt Christi und des Pfingstwunders ist das 
Marienleben mit der Heilstat Christi in engen Bezug gebracht und 
zugleich ein innerer Zusammenhang erreicht zwischen der ersten 
und der nun folgenden 
111. flügelsteIlung: bei Oeffnung der inneren flügel und Blick 
in den Schrein: Leider ist hicr nur das obere fliigelpaar erhalten, 
auf ihm ist in sechs Bildern die Kindheit jesu dargestellt. Wurzel 
Jesse, Verkündigung, Beschneidung, Darstellung im Tempel, An' 
betung der hl. drei Könige und jesus lehrt im Tempel. Diese sechs 
Bilder sind künstlerisch die am wertvollsten und auch gut erhalten; 
inhaltlich schloss sich ihnen dann wohl der Bildschmuck des 
Schreines selbst an, von dem noch die eine erwähnte figur erhalten ist, 
Heise setzt den Altar in die Zeit Ende des XIV. jahrhunderts, 
und ich kann mich ihm nur anschliessen. 
Westpreussen besitzt jetzt noch drei andere Malwerke aus 
derselben Zeit: die Bildtafeln des Altars der GraudenzerSchlosskirche, 
im Provinzial- Museum zu Danzig und in der kath. Pfarrkirche zu 
Graudenz, zweitens den Dorotheen-Schrein im Dom zu Marien- 
werder und endlich den Altar in der Allerheiligen-Kapelle zu St.- 
Marien in Danzig. Dieses sind die letzten Zeugen einer Periode leb- 
haften künstlerischen Schaffens, die durch die wirtschaftliche Blüte 
des Ordensstaates hervorgerufen war. Das Tresslerbuch I) gibt hier- 
über einige Auskunft. Der Maler Peter malte ]402 die Wandbilder 
der Hochmeistcr im Remter zu Marienburg, ferner 14CJ Altartafeln 
in Meisters Kapelle zu Marienburg und in der Schlosskapelle zu 
Neidenburg. Der Maler Albert malte 1402 den Hochaltaraufsatz für 
die Schlosskapelle zu Elbing. Leider ist von diesen so gut beglau- 
bigten Altar-Werken nichts mehr erhalten; doch kann man, namentlich 
auch wegen der Tracht und Bewaffnung an den figuren, den Thorner 
Altar derselben Zeit zuweisen. Nach der Katastrophe von 1410 
hat man wohl kaum noch Kraft zu derartigen Schöpfungen gehabt. 
In dem Maler einen Bruder des Thorner Klosters oder doch wenig- 
stens des franciscaner-Ordens zu vermuten, liegt sehr nahe; eine 
eingehende kritische Untersuchung des Altares und seiner hier nicht 
erörterten Maltechnik ist aber nicht Zweck dieser Zeilen und soll 
später an anderer Stelle versucht werden. 


Thoro, f:lbiug, Danzig und die polnischen Küuigswahlen mI'3-157ä. 
Von Dr. R. JacoLi. 


Das Thorner Ratsarchiv bewahrt unter Nr. 3018 zwei Urkunden, 
ausgestelIt am 17. Dezember 1575 von den kaiserlichen Gesandten 
in Warschau, Bischof Martin Gerstmann von Breslau, Andreas 
Dudith (oder Dudicz) und Matthäus von Logau. Nach erfolgter 
Wahl Maximilians 11. zum König von Polen versprechen die Ge- 


- 42- 


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1) Joachim, Das Mal'ienhul'ger Tresslerbllch der Jahre Ja99-,1409, Köuigs- 
berg IH9G pag'. tU:, 318 und 1m.
		

/Pomorze_038_03_047_0001.djvu

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sandten im Namen des Kaisers die Bestätigung der Rechte und 
freiheiten der Lande Preussen im weitesten Umfange; den drei 
gros sen westpreussischen Städten Thorn, Elbing und Oanzig wird 
für den bei der Wahl bewiesenen Eifer ausdrücklich der frcie Ge- 
brauch der Augsburger Konfession, auch für die Kirchen königlichen 
Patronats zugesichert. 
Damit ist der springende Punkt in dem Verhalten der drei 
Städte bei den polnischen Königswahlen 1573 und 1075 berührt. 
Die Erhaltung der preussischen Sonderrechte und die freie r
eligions- 
übung bilden den roten faden, der sich durch allc Verhandlungen 
dieser jahre auf Land- und Reichstagcn hindurchzicht. Die recht- 
liche Stellung Preussens, namentlich der drei grossen Städte, hattc 
sich unter der schlaffen Regierung des letzten Jagellonen mehr und 
mehr verschlechtert. Je weniger die preussischen Stände unter ein- 
ander einig waren, namentlich der Adel seine Sonderahsichten ver- 
barg, um so eifriger drängten die Gcgner unter führung des Bischofs 
von Kujawien vorwärts. Natürlich kam es diesem auch auf die 
Durchführung der Gegenreformation an. Elbing und Danzig 
mussten die Eingriffe einer königlichen Kommission in ihre Verfassung 
hinnehmen, deren Ergebnis nicht nur die Zahlung hoher Geld- 
summen, sondern auch die Bedrohung des Bekenntnisstandes war. 
Dem Eindringcn dcs polnischen Adels in Westpreussen leisteten 
die Exekutionen Vorschub, d. h. die Einziehung ehcmaliger Domänen 
zu Gunsten der Kronc auf Grund (des für Prcusscn ungiiltigen) 
Statuts König Alexanders vom J. 1504, durch die auch der Land- 
besitz der Städte bedroht wurde. Der entscheidende Schlag erfolgte 
durch das Lubliner Dekret von 15G!), das die preussischen Land- 
stände dem polnischen Reichstage völlig eingliederte und unterordnete. 
Vergeblich crhoben die Preusscn Einspruch. Der Tod König Sig- 
mund Augusts warf ein grelles Licht auf die Rcgierung seines 
Reiches. Wesentlich der ungezähmte Eigennutz der sozialcn Klassen 
hat das Reich zu Grunde gerichtet. Die sittliche Inferiorität des 
Königs Sigmund August beschleunigte seinen Tod. Er befand 
sich seit lange in den Händen seiner Günstlinge und Mätresscn, 
von dcnen er das niedrige Genre bevorzugte; abergläubisch wie er 
war, Iiess er sich in seinen letzten Tagen von naturheilkundigen 
Weibern behandeln, die mit einem Absud ihrer Beinkleider ihn zu 
kurieren suchten. fast verlassen, geplündcrt von seiner Umgehung 
endete der letzte Jagellone in Knissin am 7. juli 1572. 
Die Geschichte des Interregnums des jahres 157
, das nur 
durch die kurze Regierung lieinrichs von Valois unterbrochen bis 
zum j. 1576 währte, ist fast von seinem Beginn an bis in die 
neuere Zeit so eingehend erforscht und dargestellt worden, dass 
kaum neue Gesichtspunkte sich ergeben werden. Ich beschränke 
mich daher darauf, das Verhalten der drei grossen westpreussischen 
Städte Thorn, Elbing und Danzig hervorzuheben. Der Verwaltung des 
könig!. Staatsarchivs in Danzig wie dem Vorstand der Ossolinskischen 
Bibliothek in Lemherg bin ich für die Liberalität, mit der sie die Benutzung 
des einschlägigen Materials gestatteten, zu grösstem Dank vcrpflichtet 


-4-3-
		

/Pomorze_038_03_048_0001.djvu

			Die offizielle Kunde vom Tode Sigmund Augusts brachte den 
preussischen Ständen ein Ausschreiben des Gnesener Erzbischofs 
jacob Uchanski, das die Stände zum Reichstage nach Knissin auf 
den 7. September 1572 einlud. Da das Bistum Kulm durch Tod 
erledigt, der ermländische Bischof, Kardinal Hosius, in Rom weilte, 
seinem Koadjutor Cromer aber die Rechtmässigkeit seiner StelIung 
von den Preussen bestritten wurde, so leitete der Kulmer Woiwode 
von Dzialin die Versammlungen der Stände, die vom August bis 
zum Dezember 1572 in Marienburg, Lessen und Thorn, im März 
157:J in Graudenz und Marienburg stattfanden. johann von Dzialin 
war ein schwankendes Rohr, er meinte es wohl ehrlich mit der 
Erhaltung der preussischen Privilegien, die er wiederholt tapfer 
verteidigt hat, aber er kam darüber in Konflikt mit seiner religiösen 
Ueberzeugung als Katholik und mit seiner StelIung als polnischer 
Beamter. Daher ist cr in entscheidenden Augenblickcn mehr als 
einmal umgefalIen. Kaum stärkercn Rückhalt fandcn die Städter an 
den Woiwoden von Pommerellen und Marienburg, Achatius und 
fabian von Zehmen, die beide als Protestanten den Städten grösseres 
Vertrauen einflössten, aber auch dem Verhängnis ihrer Doppel. 
stelIung erlagen. Der Hecht im Karpfenteich aber war der Vertreter 
dcs politischen Renegatenturns, der Danziger KastelIan johann Kostka 
von Stangenberg. Nicht nur widmete er den Danzigern eine ehrliche 
feindschaft, sondern vertrat auch ganz offen das völIige Aufgehen 
Preussens im polnischen Reichskörper. Das hinderte ihn nicht, bei 
den Danzigern eine beträchtliche Schuld zu kontrahieren, für deren 
Abtragung er dcr Stadt faule Aussenstände anbot. Seine politische 
Tätigkeit blicb nicht unbelohnt, er wurde als erster Preusse mit 
einer polnischen Woiwodschaft, der von Sandomir belchnt und auch 
die zweifelhafte Ehre, 1f)73 und liJ7Ö als piastischer wie \57-1- als 
türkischer Thronkandidat benannt zu werden, war ihm vorhehalten. 
Die Absichtcn der Städte ging
n von Anfang an darauf aus, 
dic Gelegcnheit der ncuen Königswahl dazu zu benutzen, von den 
hisherigen Privilegicn zu retten, was noch zu rctten war. Die 
führung übernahm naturgemäss Danzig als grösste Stadt, doch sind 
auch die Vcrtreter Thorns mehrfach als Wortführer hervorgetreten. In 
staatsrcchtlicher Beziehung kämpften die Städter in erster Linie Hir 
dic Bcscitigung der Lubliner Union von 15(i!). Immer wieder for- 
derten sie dic unumwundenc Erklärung der übrigcn Räte, dass sie 
auf de:n ßoden der alten Union ständen, ohne damit durchzudringen. 
Vergeblich war daher auch die forderung der Städte, die Verhand- 
lungen auf den Tagsatzungen in deutscher Sprache zu Hihren: 
"Weil die Herren preussischerI Räte zu teutschem Rat sitzen, dass 
sie auch die deutsche Sprache dem alten löblichen Gebrauch nach 
umstimmen, ratschlagen und verabscheiden hrauchen und hehalten". 
Während der Marienburger Unterkämmerer Melchior von Mortangen 
sie darin gelegentlich unterstützte, traten der Kulmer Woiwode und 
johann Kostka dem Antrage, den neucn König darauf zu verpflichten, 
die Acmter und Würden in Preussen nur solchen Leuten zu ver- 
leihen, die der deutschen Sprache mächtig seien, höhnisch entgegen. 


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Grössere Einigkeit herrschte aus naheliegenden Gründen unter den 
Ständen über die Ablehnung der Kontribution, zu der man sich 
nicht verpflichtet glaubte, während man zu freiwilligen Lcistungen 
in Form der Accise bercit war. Auch die frage der Exekutionen 
trennte die Stände nicht. Offenbar in der Voraussetzung, dass man 
das Eisen schmieden müsse, solange es heiss sei, setzten sich die 
Herren von Konopat wieder in den Besitz des ihnen abgesprochcnen 
Gutes Lopatken (u. a. in Pommerellen) und ihrem Beispiel folgten 
die Zehmen und Christburg. Die Stände waren durchaus damit 
einverstanden, namentlich die Städte, obwohl sie den Sturm, den 
dieses Vorgehen bei den Polen entfesselte, ermessen konnten. - 
Ueber die Beschickung des Wahltages kam es dagegen zu keiner 
Einigung. Seit ca. 2UO jahren hatte in Polen keine Königswahl 
stattgefunden, es herrschte deshalb unter den Polen selbst völlige 
Unsicherheit über den Wahlmodus. Dem ehrgeizigen Starosten 
von BeIz, johann Zamojski, der bei diesem Anlass zuerst öffentlich 
stärker hervortrat, gelang es die Ausdehnung des Wahlrechts auf 
den kleinen Adel mit Virilstimmen durchzusetzen. [So S. 4H.] Der 
Senat, dem dadurch tatsächlich das Heft aus der Hand genommen 
wurde, hatte allen Grund seine Nachgiebigkeit zu bcreuen. Daher 
drangen denn auch in Preussen die von johann Kostka mittels 
seines Neffen Stenzel Kostka beeinflussten Landboten darauf, den 
Reichstag nicht durch Deputierte mit fester Instruktion, wie die 
Städte angelegentlich befiirworteten, zu beschicken, sondern per- 
sönlich nach Warschau aufzuziehen. Ein Teil der preussischen 
Räte war gleicher Ansicht und so verblieb es dabei. An sich 
war diese Entscheidung nicht sc wesentlich, denn bei ihrer 
geringen Zahl fielen die preussischen Stimmen Überhaupt nicht 
ins Gewicht, und dies umsoweniger als die Landboten der Kosten 
wegen nur in geringer Anzahl den Reichstag besuchtcn. War in 
dieser frage von mehr theoretischer Bedeutung keine Einigung zu 
erzielen, so scheiterten die Absichten der Städte in der Kardinal- 
frage der Religionsfreiheit vollständig. Gewarnt durch die Vorstösse. 
die zwccks Durchführung der Gegenreformation seitens des kujawi- 
schen Bischofs und des ermländischen Koadjutors, dcr gelehrigen 
Adepten des Kardinals Hosius, gemacht wurden, suchten dic 
Städter, entsprechend dem Augsburger Religionsfrieden, dic Gleich- 
berechtigung des Augsburger und des katholischen Bekenntnisses 
durchzusetzen. Weitergehende Toleranz, namentlich I
cformicrten 
gegenüber, wie sie hald darauf in Danzig und früher als anderswo 
geübt wurde, lag der damaligen Anschauung noch fern. Auf die 
Sicherung ihres Bekenntnisstandes zu dringen hatten die Städter 
aber um so mehr Anlass, als zwar bei der Ausbreitung der Refor- 
mation in Polen bisher tatsächlich Glaubensfreiheit herrschte, formell 
jedoch die alten strengen Ketzerverbote in Geltung waren, und die 
katholische Partei sich äusserst rührig zeigte. Unter den preussischen 
Räten aber erwicsen sich die religiösen Differenzen stärker als das 
nationale Band. Der Kuhner Woiwode widersetzte sich mit aller 
Energie, sodass den Städten nichts übrig blieb, als auf den Plan 


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/Pomorze_038_03_050_0001.djvu

			zu verzichten, dass die Religionsfreiheit als forderung aller Ständ
 
aufgestellt wurde. Auch bei den übrigen Artikeln, die die Sicherung 
dcr alten Rechte bezweckten, mussten die Städte noch vielfach nach- 
geben, ehe nur unter den Landräten eine Einigung erzielt wurde. 
Johann Kostka war auch hier der eifrigste Gegner der Städte und 
bezeichnete das Kulmer Recht als "werdersches Bauernrecht." Er 
widersetzte sich überhaupt der Vorlage der Artikel in Warschau, 
deren Vertretung übrigens auch der Danziger Bürgermeister Georg 
Klefelt ablehnte, denn er sei "zuvor gewitzigt". Die Landboten 
dagegen, geführt von Stenzel Kostka, wiesen hartnäckig jede Ver- 
ständigung zurück und setzten eigene Artikel zur Verteidigung 
ihrer adligen freiheit auf. Seide Elaborate erwiesen sich schliesslich 
als mÜssige Stilübungen, da sie von den Polen gleichmütig bei 
Seite geschoben wurden, entgegen den anfänglichen Zusicherungen 
Karnkowskis und des Erzbischofs. Die wiederholten Verhandlungen 
der preussischcn Stände aber endeten mit völliger Unfruchtbarkeit 
und dienten nur dazu, ihre Uneinigkeit aufzudecken. 
Inzwischen war die Wahlbewegung in Polen lebhaft in fluss 
g-craten. Die Parteien schieden sich nach Stammeszugehörigkeit 
und Bckenntnis. Die in den Oberschichten der Bevölkerung über- 
wiegend protestantischen Kleinpolen standen den katholischen 
Masoviern und Grosspolen gegenüber. Zuerst regten sich die 
Kleinpolen, die in Krakau und Knissin zusammentraten; es miss- 
lang ihnen aber die führung der Bewegung zu übernehmen, weil 
Grosspolen und Littauer ihnen keine Gefolgschaft leisteten und weil 
unter ihren eigenen führern persönliche Rivalität bestand. Der 
Sandomirer Woiwode Pcter Zborowski konnte dem Krakauer Amts- 
gcnossen Johann firlei den Besitz dieser Stellung, auf die er selbst 
Anspruch erhoben hatte, nicht vergesscn. Bei den Littauern da- 
gcgcn regten sich Erinnerungen an die alte Sonderstellung; man 
dachte an die Wahl des Moskowiters Iwan des Schrecklichen oder eines 
seiner Söhne, in der Hoffnung dadurch zu dauerndem frieden und 
vielleicht in den Wicdcrbesitz von Smolensk u. a. Orten zu gelangen. 
Der Primas des Reiches, Erzbischof Uchanski von Gnesen trachtete 
danach, dic Prärogative als Regent während des Interrcgnums auf- 
recht zu erhalten. Er berief die Stände nach Lowicz und Warschau, 
während die Grosspolcn auf eigene Hand in Schroda und Radziejewo 
tagten. Die rÖmische Kurie suchte natürlich den erledigten Thron 
mit cinem katholischen fürsten zu besetzen und hatte dem bis- 
herigen piipstlichen Legaten, dem Kardinal Commendolle den Auf- 
trag erteilt, für einen Habsburger, den Kaiser oder seinen Sohn 
Ernst, tätig zu sein. Commendone setzte sich mit Bischof Stanis- 
laus Karnkowski in Verbindung, streckte aber seine fÜhlhörner auch 
nach Littaucn aus, wo er mit den Konvertiten des hohen Adels, 
Nik. Christ. I
adziwill und Joh. Chodkiewicz seine fäden spann. 
Aber die Abneigung der Polen gegen die deutschen Habsburger 
war stärker als das religiöse Band des Katholizismus. Dazu kam, 
dass Kaiser Maximilian 11., obwohl dic Erwerbung der polnischen 
Krone seit lange in dem Repertorium Habsburgischer Wünsche 


t 

 


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			sich befand, nur mit kalter Hundenase an die diplomatische Aktion 
herantrat. Zwar liess er durch Agentcn, wie Abt Cyrus, Gastaldo, 
Oerstmann u. a. Polen bereisen, schickte auch als offiziclle Gesandte 
Wilheltn von Rosenberg und Wratislaw von Pernstein, aber zu 
energischen Schritten, wie zur Aufstellung einer Truppenmacht in 
Schlesien, war er nicht zu bewegen, seitdem ihm Commcndones 
Sekretär Graziani wahrheitsgemäss die Stimmung der Polen geschil- 
dert hatte. Auch die Bewerbung des schwedischcn Königs johann, 
dcr sich als Gemahl einer Schwester des letzten jagellonen empfahl, 
fand wenig Anhang. Immer aussichtsreicher wurde die Kandidatur 
lieinrichs von Valois, die durch den geheimen Agenten Krassowsky 
vorbereitet worden war, besonders seitdem Bischof Karnkowski 
Anfang September ] 57:! ohne Rücksicht auf die päpstlichen Wei- 
sungen und obwohl Commendone dadurch in eine fatale Lage 
geriet, zu der französischen Partei übertrat. Auch Russen und 
Türken begannen ungescheut und drohend sich einzumischen. 
Erstere, soweit Iwan nicht selbst als Bewerber auftrat, waren für 
Oesterreich, letztere für Heinrich. 
Von den verschiedencn Parteien wurden die Preussen an- 
gegangen, sich an den Verhandlungen zu beteiligen. Im Scptember 
1572 schickten die Danziger ihren Bürgermeister Eberhard Klein- 
feIt nach Polen, um die Dinge zu beobachten und brennende 
fragen, wie die dänischen Händel zu erledigen. Er setzte sich mit 
Bischof Karnkowski, an den er gewiesen war, in Verbindung. Der 
jedoch hinderte ihn nach Radziejewo zu gehen, wohin der Erz- 
bischof für den 22. September die Stände berufen hatte, die Karn- 
kowski nun plötzlich unverrichteter Sache entliess. Wir wissen, 
dass der Bischof kurz vorher seinen Uebertritt ins französische 
Lager vollzogen hatte. Den Vorwand für die Absage des Tages 
bot die angehliche Krankheit des Erzbischofs, der "tödlich krank, 
auch an Verstandefast mangelhaftig" sein solIte. Das hinderte Uchanski 
jedoch nicht, in denselben Tagen den Knissinern über ihr eigen- 
mächtiges Vorgehen gehörig die Leviten zu lesen. Immerhin wurden 
auch die vom Lessener Tage nach Radziejewo abgeordneten preu- 
ssischen Räte, der Kulmcr Woiwode und der Danziger Bürger- 
meister Georg Klcfelt zurÜckgerufen. Eine Aufklärung wenigstens, 
falls es dercn noch bedurft hätte, brachte Kleinfeit nach Hause 
mit, die über die unverhohlene feindschaft, die bei den Polen ge- 
gen die Preussen hervorbrach. Auch die in den letzten Monaten 
des jahres 1572 in Polen angesetzten Versammlungen wurden von 
den Preussen nicht beschickt. Man hegte den Verdacht, die Ein- 
ladungen seien absichtlich so spät erfolgt, dass das Erscheinen der 
Preussen ausgeschlossen war. Erst für den januar 1573 wurden 
wieder Gesandte ernannt, um auf dem sog. Konvokations- 
reichstage die Städte zu vertreten. Man hatte Warschau als Ort 
der Versammlung gewählt, damit die am nächsten wohnenden 
Masovier und Grosspolen durch ihre Zahl den Ausschlag geben 
konnten. Der Reichstag brachte die definitive festsetzung des 
Wahlreichstages auf den 5. April 1573, aber auch das verhängnis- 


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			volle Wahlrecht für die Ritterschaft. Denkwürdig aber war er vor 
allem durch die Konföderation, dic nicht nur die Einheit und Unverletz- 
lichkeit des Reiches und des Landfriedens sichern sollte, sondern 
auch von den Protestanten bcnutzt wurde, den Religionsfricden 
nach dem Augsburger Vorbilde auch für Polen dauernd festzulegen, 
während sie von der Erhebung eines Protestanten auf den Thron 
absahen. Da die Konföderation den Besitzstand der katholischen 
Kirche sicher stellte, war sie auch den Katholiken annehmbar. Je- 
doch erhoben die Bischöfe heftigen Widcrspruch; nur der Krakauer 
unterzeichnete; Karnkowski, obwohl er bei der Abfassung der 
Artikel in erster Reihe mitgewirkt hatte, entzog sich scllliesslich 
doch mit allen andern der Unterschrift. 
Bis zum Zusammentritt des Reichstages wurden die Preussen 
durch mancherlci Ereignissc in Unruhe erhalten. Am 20. Januar 
versuchte der bisherige Besitzer von Lopatken, Prziemski mit mehreren 
hundert Bewaffneten aus Grosspolen von Dybow aus die Weichsel 
zu überschreiten und forderte den Uebergang über die Thorner 
Brücke unter der Drohung, sich sonst anderweit einen Uebergang 
zu verschaffen. Er wollte sich mit Gewalt wieder in den Besitz 
seiner Güter setzen. Die Thorner aber versagten ihm die Erlaub- 
nis und besonnenere Elemente, die im Auftrage des Senats herbei- 
eilten, besonders Graf Stanislaus Gorka, verhinderten den Einbruch. 
Dann meldete sich der französische Gesandte Montluc, Bischof von 
Valence, der geriebenste unter den in Polen weilenden Diplomaten, I 
der keinen ohne mündliches oder schriftliches Versprechen irgend 
einer Art entliess, aber nie gesonnen war, diese Wechsel einzulösen, 
mit der Werbung für Heinrich von Valois. Endlich wurde im 
März Abt Cyrus auf der Reise nach Danzig auf Betrieb des kuja- 
wischen Bischofs durch den Danziger Kastellan aufgehoben und 
in der Marienburg festgesetzt. Kostka unterliess nicht, auf dem 
Marienburger Landtage über den Vorfall zu berichten, wurde aber 
kühl abgewiesen: "Da cr wisse, auf wessen Befehl er gehandelt 
habe, werde er auch wissen, was er weiter zu tun habe". 
(fortsetzung folgt.) 


Literariacher Anzeiger. 
Dr. Oigal
ki. Nicolaus Coppernicus und Allenstein. Sein Studium, 
seme Tätigkeit als Statthalter in Allenstein, sein Entwick- 
lungsgang zum Entdecker des neuen Weltsystemes. 1!)07. I 
Kommissionsverlag von Karl Danehl, Allenstein. VIII u. 
91 S.8 11 . 
Die [kleine Schrift scheint aus einem Vortrage erwachsen zu 
sein, den der Verf., der sich als Privatdozent (wo?) bezeichnet, im , . 
Ja hre 1 BOa zu Allenstein hielt, wo man ein Denkmal des grossen 
Astronomen errichten will, dessen Andenken mit der kleinen ost- 
preussischen Stadt ja sehr enge verbunden ist. Dieser Gedanke 
verdient ebenso wie der Umstand, dass der Reinertrag der vor- 
liegenden Veröffentlichung dem Denkmalsfonds überwiesen ward, 


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I 


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			j 
, 


. 


die vollste Anerkennung. Es steht zu hoffen, dass das fiir weitere 
Kreise bestimmte Schriftchen seinen Zweck erreichen, viel gelesen 
und einen hübschen Ertrag für den guten Zweck liefern werde. 
Der Verfasser hat mit Geschick die Lebensschicksale seines 
Helden auf dem Hintergrunde eines unerfreulichen, düsteren Zeit- 
alters zu zeichnen gesucht, von dem sich die Lichtgestalt Koppernics 
um so glänzender abhebt. Die politischen Wirren, die fast während 
der ganzen Lebensdauer des genialen Denkers dessen Vaterland 
beunruhigten und seine Person nur allzu häufig in Mitleidenschaft 
zogen, werden des näheren geschildert. Dass dieselben in den 
unklaren staatsrechtlichen Verhältnissen wurzelten, in denen sich 
der Hochmeister des zusammensinkenden Deutschen Ordens, das 
Königreich Polen und das zwischen zwei Mühlsteine geratene Hoch- 
stift frauen burg gegeneinander befanden, ist bekannt, aber die ein- 
zelnen Phasen dieser fast unaufhörlichen Kämpfe mit steter Be- 
ziehung auf die Mitwirkung des Coppernicus eingehender zu 
besprechen, war trotz der trefflichen Vorarbeiten L. Prowes wohl am 
Platze, und die hier gegebene Erzählung wird selbstverständlich 
Vielen zugänglich werden, die von dem schweren, gelehrten Werke 
jenes forschers nichts wissen. Dass das Städtchen Allenstein eine 
Hauptrolle zu spielen hatte, ist an und fiir sich klar, und gerade 
in ihm hat ja der Kapitelsstatthalter gezeigt, wie man wissen- 
schaftliches und praktisches Können mit einander verbinden muss, 
um Gedeihliches zu leisten. In der Armierung und Verteidigung 
seiner Burg bewies er, dass man in geistigen und geistlichen Dingen 
wohl erfahren sein und am Himmel sich vollkommen auskennen 
könne, ohnc die nahe fÜhlung mit den Dingen auf der Erde zu 
verlieren. Vor allem interessiert der Reformator der Sternkunde als 
ein gewandter Beurteiler der hohen Bedeutung, welche mehr und 
mehr dem Geschützwesen in der Kriegführung zuerkannt werden 
musste. 
Aber auch den wichtigsten Punkt im Leben des Meisters hat 
unsere Vorlage nicht geringer gewertet, sondern es ist auch dessen 
Stellung in der Entwicklung der Wissenschaft in der Hauptsache 
zutreffend gekennzeichnet worden. Der Verfasser ist wohl nicht 
selber fachmann, wie einzelne Wendungen (z. B. "Grösse der sogen. 
Ekliptik", S. 51) bekunden, aber er hat von guten Hilfsmitteln Gebrauch 
gemacht und sich offenbar bemüht, die eigenartige Grösse des 
Mannes, dem er vielleicht ursprünglich unter anderen Gesichts- 
punkten näher getreten war, näher kennen zu lernen. So macht 
das Ganze einen angenehmen Eindruck. 
Nur mit einer Gepflogenheit des Verfassers können wir 
uns durchaus nicht einverstanden erklären; damit nämlich, dass er 
die ausgezeichneten Leistungen der Männer, denen wir unser heutiges 
Wissen von Coppernicus fast ausschliesslich verdanken, nicht nam- 
haft macht. Man sucht umsonst nach den Namen Prowe, Menzzer, 
Curtze. Warum das? Die einzigen Autoren der Neuzeit, die wir 
uns zitiert gefunden zu haben entsinnen, sind ein wenig bekannter 
Loof und der Jesuit Müller, von dem die - keineswegs einwand- 


J 
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L 


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freien 
 Lebensbeschreibungen von Coppernicus und Kepler her- 
riihren. Dazu ist, was von Loof herstammt, gar nicht richtig. Dieser 
sagt nach H
rrn Gigalskis Reproduktion: "Wenn die Hölle auf- 
gerührt worden wärc, so hätte kein grösserer Lärm entstehen können 
als durch diese Schrift des Coppernicus." Das ist denn doch eine 
kolossale Uebertreibung! Der liistoriker der Astronomie weiss, dass 
es lange dauerte, bis eine energischere Opposition gegen die neue 
Lehre einsetzte, und dass selbst viele sachliche Gegner, z. B. Tycho 
Brahe, dem Manne und seinem Werke mit grosser Hochachtung 
begegneten. 
Miinchen. S. GÜllther. 
Publikationen aus den K. Preuszischen Staatsarchiven. 
RO. Bd. 0 tt 0 Me in a r du s, Protokollc und Relationc n dcs 
Branuenburgischen Gehcimen Rates aus der Zeit des Kur- 
fiirsten friedrich Wilhelm. Fünfter Band. Von 1H55 -- 1659. 
Leipzig IU07. 8°. 
Wie der Herausgeber selbst hervorhebt, offenbart sich der 
grosse Kurfürst bei tieferem Eindringen in die Quellen immer deut- 
lichcr als realer Politiker, der alle faktoren in I
cchnung zieht. Man 
lesc i. B.' mit weIcher Sorgfalt im Jahre 1657 die Geheimen Räte 
dic Stellung zu Schweden lind Polen nach allen Seiten hin prüfen 
miissen (Nr. :107). In einer Denkschrift aus demselben Anlasse 
(Nr. a(8) rät Friedrich v. Jena zwar, sich von Schweden abzuwenden 
und mit Polen zu verhandeln, im übrigen aber bei den pactis weder 
Schweden noch Polen zu trauen, sondern auf andere Ver
cherungs- 
mittel zu denken. Das Herzogtum Preussen mÜfiste durch gehörige 
Befestigung von Pillau und Königsberg gesichert und die Sicherheit, 
wenn angängig, durch Gewinnung Thorns oder eines 3ndern Platzes 
an der Weichsel erhöht werden. "Könnten E. Ch. D. von den 
Polen Thorcn oder sonsten einen Ort an der Weichsel be- 
kommen, wäre es für Dero Staat desto sicherer." (S. :\5-1.) 
Dicse Anregung wurde anscheinend nicht in weitere Erwägung 
gezogen. A. S. 
Städtisches Museum zu Thorn. führer durch die 
Münzsammlung. Mitdrei Abbildungstafeln. Berlin 1!)07. 8°. 
Das Vorwort gibt Aufschluss Über die Geschichte der Sammlung, 
die in den Jahren 1903 und 190,1. im König\. Münzkabinett zu Berlin 
wissenschaftlich geordnet und katalogisiert worden ist. Die Ver- 
fasser des führer sind die Herren Prof. Dr. Menadier, Direktor 
des König\. Münzkabinetts in Berlin, und Direktorialassistcnt Dr. 
freiherr v. Schrötter. Ocr Führer "will nicht nur ein Katalog der 
ausgestellten Münzen sein, sondern auch eine für den gebildeten 
Besucher bestimmte Belehrung iiber die Entwickelung des preussisch- 
polnischen Oeldwesens von den ältesten Zeiten an darbieten." 



'D-CO 


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Verantwortlicher Herausgeber: Professor Art1mr Semrau In Thorn. 
Druck d
r Buchdruckerei der Thorner Ostdeutschen Zeitung G. m. b. H. in Thoro. 


.......
		

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			Mitteilungen 
dOll 
Coppernicus- Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


15. Heft. 


Dezember 1907. 


Nr. 4. 


Inhalt: 
Sitzungs berichte S. .11. - R. Jacobi. 'l'horn, Elbing, Danzig und die 
polnischen Königswahlcn 157::1-157.') (Schluss). S. .j::l. 


Sitzungeberichte. 
(Auszug.) 
Monatssitzung am 15. Oktober 1907. 
In dem geschäftlichen Teile der Sitzung teil!e Herr Professor 
Semrau mit, dass Herr Oberstleutnant z. D. Goltz aus DarllJstadt 
den grössten Teil der Werke des Bogymil Goltz und sein Olbild 
der Bibliothek geschenkt hat. Das Olbild ist von Karl Aubel zu 
Cassel im jahre 1847 gemalt. 
Durch fortzug von Thorn schieden aus die Herren Stadt- 
baurat Gauer und Regierungsassessor Metz. 
Als ordentliche Mitglieder wurden gewählt die Herren Oberst- 
leutnallt z. D. Goltz aus Darmstadt und Stadtbaurat Kleefeld. Die Zahl 
der ordentlichen Mitglieder beträgt darnach 85 (vgI. S. 19) - 2 + 2 
= 85. 
In dem wissenschaftlichen Teile der 
jtzung hielt Herr 
Dr. Buszczyftski aus Zoppot einen Vortrag "Uber die neu esten 
Coppernicus-forschungen". 
Herr Pfarrer jacobi machte einige Mitteilungen über den 
Lebensgang des Robert julius Lau (vgl. S. 20). 


. 


Monatssitzung am 13. November 1907. 
Als ordentliche Mitglieder wurden aufgenommen die Herren 
Chefredakteur Boehme und Kaufmann Eduard Kittler. Die Zahl 
der ordentlichen Mitglieder beträgt darnach 85 + 2 = 87. 


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...
		

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			In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr König- 
licher Bauinspek
or Schmid aus Marienburg, Provinzialkonservator, 
einen Vortrag "Uber Ausbau historischer Bauten im Anschluss an 
den Thorner Rathausturm". 


Monatssitzung am 2. Dezember 1907. 
Der Vorsitzende, Herr Professor Boethke, teilt mit, dass Herr 
Mittelschullehrer v. jakubowski am 30. November gestorben sei, 
und gedenkt seiner Verdienste. Herr von jakubowski war seit 
1894 Mitglied des Vereins und nahm an den vorgeschichtlichen 
Ausgrabungen und an der Ermittelung vorgeschichtlicher funde stets 
lebhaften Anteil. Seit dem 19. februar ISfJ9 war er ohne Unter- 
brechung eines der drei Mitglieder, die der Verein in die Museums- 
deputation entsendet. 
Der Bibliothekar, Herr Professor Sem rau, macht auf das am 
altstädtischen Markte gelegene Wohnhaus des Herrn Kaufmann 
Gucksch aufmerksam, das sich durch seine gotische fa<;ade und 
seine alte Diele auszeichnet. Im Interesse der Denkmalspflege wäre 
es, dass dieses merkwürdige Privathaus dem Publikum angenehm 
zugänglich gemacht würde, etwa in ähnlicher Weise als Weinhaus 
wie z. B. das des Essighaus in Bremen. 
Der Bibliothekar macht sodann Mitteilung von Geschenken 
an dic Vereinsbibliothek, die von den Herren Oberstleutnant z. O. 
Goltz zu Darmstadt, Herrn Hauptmann a. O. Henkel zu jena, Herrn 
Professor jacobi zu Thorn und der Hamburg-Amerika-Linie zu- 
gegangen sind. . 
Der Bibliothekar berichtet endlich über einen Münzfund aus 
der arabisch - nordischen Epoche, aus dem 8 Münzen von Herrn 
Oberbürgermeister Bender zu Breslau dem Städtischen Museum 
übersandt wurden. 1) 
Der stellvertretende Vorsitzende, Herr Geheimrat Dr. Lindau, 
wird zum Ehrenmitgliede ernannt. 
Die Wahlen fiir den Vorstand und fiir die Museumsdeputation 
werden auf die nächste Monatssitzung verschoben. 


I) Der Münzfund wUI'dc etwa 1876 Buf dom Gute l'oczalkowo, das in 
Polen bei Sluzewo hart an der proussischen Gronze liegt und damals Herrn 
Berner gehörte, von Knaben bcim Pflügen gemacht. 
In einem z. 'I'. beschädigten Tongefässe bcfanden sich etwa 3 Pfund 

ilbeJ'münzen und auch "einige längliche Stücke Silbcrblech." Der Fund 
geriet in verschiedene Hände. I<
s waren darunter nach einer handschriftlichen 
Beschreibung ganze und zcrstückelte arabische Münzen, englische von Ethelred, 
deutsche von Cöln, Dortmund, and ere von OUo odor Oddo, Henricus H. und 
Henricus IH. Dio 8 übersandten Münzen sind folgende: 
1) Barbal'ische Nachprägung eines Dirhems dcs Samaniden Nasr H. ibn 
Ahmad (913-942 n. Chr.) 
2) Münze des Samaniden al-Mansur I. (lHH--976 IJ. Chr). Pl'ägoort: 
(Samarqand)? Jahr 3.j!) d. H. = 969/70 n. Chr. 


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Herr Semin(jroberlehrer Jol-m wird als ordentliches Mitglied 
aufgenommen. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder beträgt 'also 
H7 - I (s. oben) + I = 87. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr Ober- 
landesgerichtssekretär Scholz aus Marienwerder den Vortrag über 
"Die moderne Entwickelungslehre und die christliche Naturerklärung". 


TlJorn, .:Ibillg, Dallzig IIlId die lJOlllisflwlI KÖlligsWillJlclI 1:'7:J, -1:'7:'. 
Yon Dr. R. Ja co b i. 


( fortsetzung.) 
Anfang April trat der Wahlreichstag in Warschau zusammen. 
Die Thorner und Elbinger Gesandten, Schottorf und Sprengel 
waren voraufgereist, am 7. April trafen die Danziger Georg Klefelt 
und Albrecht Giese ein. Ihre Instruktion lautete entsprechend den 
bisherigen Verabredungen der Städte dahin, auf keinen fall die 
Lubliner Union anzuerkennen, sondern im Notfall unter Protest 
den Tag zu verlassen. Die Hoffnung über die Beschwerden noch 
eine Einigung der preussischen Stände herbeizuführen, ist bereits 
sehr geschwunden, jedoch sollen die Gesandten auch dahin wirken, 
wenigstens versuchen, die gros sen und klcinen Städte zu einigei!. 
Der Ritterschaft gegenüber, falls deren Artikel zur Beratung kommen, 
sind sie zu einigen Zugeständnissen ermächtigt, darüber hinaus 
sollen sie erst an den Rat berichten. für den Wahlmodus sollen 
sie sich möglichste Selbständigkeit wahren und nur unter Vorbehalt 
aller Rechte innerhalb der Woiwodschaft stimmen. fÜr die Person 
des zu wählenden Königs war den Gesandten vorgeschrieben, nur 
für einen "christlichen, fried- und rechtliebenden König, welcher von 
unserer Religion und Sprache", zu stimmen. Diesen Wünschen ent- 
sprächc in erstcr Linie Herzog Albrecht Friedrich von Preussen. 
falls dieser keine Aussicht habe, sei ein Mitglied des Hauses 
Oesterreich zu wählen, "weil sie gleichwohl die Gerechtigkeit lieben, 
dabei auch erzogen, und die Augsburgische Konfession den Unter- 


3) \Vahrscheiulich samanidische P,'iigung aus Samarqand. Milte des 
10. Jahrh. (Die entsprechenden Legenden sind nuf diesem Bt'uch- 
stücke nicht erhalten). 
4) Münze des Bujiden Rukll-eddnula Abu 'All (!J;12 - !JiG 11. Chr.). 
I'rägeot't und -.iaht' nicht vorhanden. 
5) Münze des Dujiden 'Adud-eddaula (!1.l9-!JS2 n. Ch.,.). 
Prägeort und -jahr nicht erhalten. 
6) Denar ,'on AUg"sburg. Herzog alto von Bayel'll und Schwabcn !I72/SI. 
MünzID. E N C. 
7. Denar von Magdeburg. OUo 1. und Adellwid, 

) Sog. 'Vendcnpfennig. Elbgrenze. 10. Jalu'h. 
Dm' Miinzfund gehört dal'l1nch dem Ausgange des 10. Ja}u'h. 8n. 
Die Münzen I-[) sind rlllr'Jh lIerl'l1 Prof. 0.,. Niitzcl zn nf'I'lin b£'- 
stimmt worden. 


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			tanen in ihren Erblanden verstaUen und zum mehren Teil 'unver- 
hindert dabei verbleiben lassen." Ist es unmöglich, einen Habs-' 
burger durchzubringen, so sollen die Gesandten für die Prinzessin 
Anna stimmcn, die aber nicht heiraten darf und "tins bei unser 
Religion, als nämlich der Augsburgischen' Konfession und allen. 
Privilegien, freiheiten, Rechten lind ellen Gewohnheiten erhalten 
soll." Streng verboten wird ihnen, für einen tyrannischcn oder ver- 
dächtigen Herrn zu stimmen, zu denen der Moskowiter und liein- 
rich von Valois gehören, - eine Nachwirkung der BartholomÜusnacht. 
Wird der franzose trotzdem gewählt, so sollen sie ihm auf keincn fall .I. 
sofort huldigen, auch nicht für ihre eigene Person; das Glciche · 
gilt für den fall der Wahl eines Piasten, d. h. eincs einheimischcn 
Edelmannes. Bei zwiespältiger Wahl sollen sie für den zuver- 
lässigsten und geeignetsten stimmen. 
Die Aufnahme der städtischen Gesandten in Warschau war 
nicht die beste. Den Thortlern und Elbingern wurde ihre Rats- 
fähigkeit überhaupt bestritten; die Senatoren lind Bischöfe traten 
zwar wohl in der Mehrzahl für sie ein, anderc aber und der um- 
stehende grosse Haufe der Landboten empfing sie mit schroffer 
Feindseligkeit: sie sollten ihre Zugehörigkcit zum Rate beweisen, 
sie seien der Ratsstellen unwürdig, weil sie den Lubliner und 
andere Tage nicht besucht hätten. Merkwürdigerweise fanden sie 
selbst bei den übrigen preussischen Räten, mit denen sie am 
8. April verhandelten, kein Entgegenkommen, sodass sie kühl er- 
klärten, dass den Städten an den Räten nicht mehr liege, als diesen 
an ihnen. Erst mit Hilfe anderer Vermittler, dcnen die Städter vor- 
stellten, dass sie seit 119 Jahren unbestritten Mitglieder des Rats 
gewesen seien, erhielten sie ihre Plätze hinter den preussischen 
Woiwoden angewiesen. Sie erlebten am gleichen Tage die Genug- 
tuung, dass der von gegnerischer Seite geäusserte Verdacht mit 
Abt Cyrus konspiriert zu haben, in sich zerfiel. Auf das heftige 
Begehren der Landboten wurde dessen Briefkasten geöffnet; cr 
enthielt nur unverfängliche Briefschaften, darunter das Original und 
die zugehörigen Abschriften eines kaiserlichen Schreibens an die 
Städte mit der Werbung für cinen der Erzherzöge, woraus sich 
ergab, dass es noch nicht übergeben sein konnte. Aber auch sonst 
spürten die Städter mehrfach die feindschaft des Danziger Kastellans 
und des Kujawischen Bischofs. Wiederholt wurde während der 
Verhandlungen, die zweckmässig dic Pauscn der eigentlichen Wahl- 
handlung ausfüllten, der Versuch gemacht, die Städte, namentlich 
Danzig, für ihre selbständigen Regungen büssen zu lassen, indcm 
man ihnen einen wesentlichen Teil der flir die Bezahlung der Söldner 
nötigen Summen aufbürden wollte. Man berechnete die Verpflich- 
tungen Oanzigs aus den Verhandlungcn der königlichen Kommission, 
bestehend in der halben Pfahlkammcr und einschliesslich der dem 
verstorbenen König zugesagten Summe auf 700000 fl.; weder seien 
die dem Könige einzuräumenden Gebäude übcrwiesen, noch die 
Poboren bezahlt. Der Bischof von Kujawien und Johann Kostka 
machten ihrem Herzen Luft; ersterer riet, die beiden Danziger Ge- 


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			&. 



 


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sandten wie 1570 festzunehmen, denn Klefelt regiere alles nach seinem 
Gefallen, und auch Kostka stimmte in das "crueifige" über Danzig 
ein. Am deutlichsten wurde der jungleslauer Woiwode, der bedauerte, 
dass man Klefelt und Giese 1570 nicht habe über die Klinge springen 
lassen, dann würde man jetzt weiter sein. Von dem allgemeinen 
Uebelwollen wurde sogar der Grossmarschall firlei angesteckt, sodass 
er Klefelts Ausführung über das Privileg Kasimirs von 1476 mit 
den Worten abfertigte: "errores non sunt allegandi" und ihn bei 
anderer Gelegenheit einfach das Wort abschnitt. - jedoch fanden 
sich auch Anwälte der Städte. Nicht nur der Kulmer Woiwode 
trat für sie ein, auch andere Räte, namentlich die Litauer, erklärten: 
"man solle die Städte mit solchen ungebührlichen Auflagen nicht 
beschweren, sondern vielmehr dahin trachten, wie man solche 
Schinderei und Schaberei abschaffen möchte." Auch die kleinen 
Städte klagten beweglich über die Höhe der Auflagen, die das 
Vierfache der in Polen eingezogenen betrage, sodass sie von den 
letzten Poboren etwas für sich behalten hätten. Damit aber kamen 
sie aus dem Regen in die Traufe. Der Schatzmeister griff das auf 
und forderte die sofortige Abführung der Gelder, da aus Preussen 
und Masovien nichts eingegangen sei. Währef1d johann Kostka 
vorher erklärt hatte, die Ritterschaft habe die Poboren bezahlt, die 
gros sen Städte dagegen "wendeten die Einkünfte an ihre Wollust, 
Hoffahrt und lose fraschken", schwieg er jetzt betreten. Die 
Städter aber liessen sich die Sache nicht allzusehr anfechten. Als 
am 21. April gelegentlich der Forderung der Söldner, wie Klefelt 
berichtet, die Kommissarien nochmals in Abwesenheit der städtischen 
Gesandten den ganzen Handel auftischten, war eben niemand da "nnt 
dem sie sich hätten beissen können", sodass die Sache im Sande verlief. 
Von Hause wurde den Gesandten das Rückgrat gestärkt; durch das 
Geschenk von je vier Ballen Tuch milderten sie die Stimmung des 
Grosskanzlers und des Unterkanzlers Krasinski. Im übrigen erklärten 
sie, nur zur Königswahl und Abhilfe ihrer Beschwerden, nicht jedoch 
zu Geldbewilligungen entsendet zu sein, wie denn auch der Danziger 
Rat gelegentlich der forderung des Grenzschutzes während des 
Interregnums seinen Standpunkt dahin formuliert hatte: "sie seien 
der Krone Polen nicht beigetreten, um sie zu schützen, sondern um 
sich schützen zu lassen". Der Reichstag beschloss denn auch die 
Auflage neuer Quarten und Poboren, um die Söldner abzulohnen; 
die Städter aber lehnten ihre Mitbeteiligung ab und weigerten sich 
auch, dies schriftlich zu begründen, weil die Polen zu dieser forderung 
nicht berechtigt seien. 
Ein gemeinsames Vorgehen der preussischen Stände war 
jedoch auch jetzt infolge ihrer Uneinigkeit ausgeschlossen. Die 
preussische Ritterschaft war so unbotmässig wie die polnische, mit 
der sie in enge Beziehungen trat. Ihre führer Gluchowski und 
Zalinski (später Kostkas Nachfolger als Danziger Kastellan) erklärten, 
sie wollen nicht nach Kulmer Recht leben, sondern sich "an die 
polnischen Statuten" halten. Als der Kulmer Woiwode ihnen darüber 
Vorwürfe machte, kam es fast zum Handgemenge. Dass die Ritter- 


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			schaft gegen die Städte auftrat, war daher selbsverständlich. Aber 
auch in der Lopatken-Christburger Streitsache erlebten die Städter 
die Enttäuschung, dass die Woiwoden zur Nachgiebigkeit sich 
bequemten, im völligen Gegensatz zu ihren frÜheren Erklärungen. 
Natürlich war auch über die Königswahl unter den Preussen 
keine Einigung zu erzielen. Die kaiserlichen und die schwedischen 
Gesandten, besonders aber der französische, der Danzig als "die 
Krone im Reich" bezeichnete, machten die erheblichsten Anerbietungen 
um die Städter zu gewinnen. Sie hielten sich jedoch an ihre In- 
struktion, und als ihnen durch das tumultuarische Vorgehen der 
französischen Partei, zu dem Bischof Karnkowski das Zeichen ge- 
geben hatte, die Möglichkeit entzogen worden war, ihre Stimme 
für den Erzherzog Ernst abzugeben, verliessen sie Warschau, nach- 
dem sie am 9. Mai den preussischen Woiwoden einen Protest 
übergeben hatten. Nicht ungefährdet erreichten sie die Heimat. 
Die preussischen Räte und die Landboten stimmten teils, wie Johann 
von Dzialin und fabian von Zehmen, für Heinrich von Valois, teils 
für den Erzherzog. Ein völliger Taumel der Begeisterung für den 
französischen Bew.erber hatte die meisten Wähler ergriffen, Heinrich 
war von der Mehrheit gewählt. ,Die führer der Protestanten setzten 
wenigstens durch, dass eine unzweideutige fassung des Artikels 
über die Religionsfreiheit nachträglich von den französischen Ge- 
sandten beschworen wurde, nicht ohne dass der Erzbischof Uchanski 
auch jetzt heftigen Widerspruch erhob. Die preussischen Städte 
erklärten dann in Beantwortung der Aufforderung des polnischen 
Senats auf den Landtagen, die in Graudenz zwischen Juni und 
Oktober stattfanden, dass sie den Gewählten annehmen würden 
unter der Bedingung, dass er ihre Privilegien anerkenne und die 
Beschwerden abstelle. Die Thorner wiesen auf das Bedenkliche in 
der polnischen Eidesformel für den König hin, dass nicht nur die 
Preussen übergangen seien, sondern auch dem König auferlegt 
werde, alles zu halten, was dem polnischen und litauischen Recht 
nicht zuwider sei, wodurch die preussischen Sonderrechte ausge- 
schlossen seien. Der Kulmer Woiwode, der fast als ein Paulus aus 
Warschau zurückgekehrt war, stimmte darin mit den Städten überein. 
Die Polen hätten mit Vorbedacht diese Bedingungen aufgesetzt, um 
die Preussen ganz der Lubliner Union zu unterwerfen; er wÜrde 
es gern sehen, wenn sie nach früheren Vorbildern dem Könige 
nicht eher huldigen wollten, als bis er seinerseits ihre Rechte be- 
schworen hätte. Allerdings hätten frÜher die Städte bei den Polen 
in höherem Ansehen gestanden als heutzutage, da jene gefürchtet 
hätten, "dass man die Vögel, welche noch neu waren aufjage und 
verschüchterte"; es sei zu besorgen, dass man jetzt, wo Polen und 
Litauer zusammengingen, summarisch mit den Preussen verfahren 
würde, besonders da unter diesen selbst viele polnische Parteigänger 
seien. - Diese Besorgnis war nur zu wohl begründet. Der Danziger 
Kastellan Iiess im Putziger Gebiet durch den Oberst Ernst von 
Weiher Truppen werben, die übel genug in der Umgegend hausten 
und die Danziger zu Gegenrüstungen veranlassten. Kostka handelte 


\. 
, 


l 



 



 56-
		

/Pomorze_038_03_061_0001.djvu

			im Einverständnis mit seinen polnischen freunden; den Vorwand 
entnahmen sie der schnellen Abreise der städtischen Gesandten vom 
Warschauer Wahltage und der Verdächtigung, es sei auf Trennung 
von Polen abgesehen. Kostka besass die Dreistigkeit, den Unter- 
halt oder die Ablohnung der Weiherschen Söldner von den 
preussischen Ständen zu fordern. Es kam das Ende des Jahres 
heran, bis man die ungebetenen Gäste los wurde, denn die Mass- 
nahmen der Stände beschränkten sich auf Proteste und Interventions- 
gesuche bei dem pommerschen Herzoge, dem Landesherrn Weihers, 
und den Litauern. Diese zeigten sich auch entgegenkommend. 
Natürlich machte dies Verhalten der Stände auf die Polen wenig 
Eindruck, aber die eigene Wehrkraft war in elendester Verfassung 
\... \vie sich aus dem Beschluss ergab, von einer Heerschau abzusehen, 
da grosse Unordnung dahei zu Tage treten würde. 
Hatte die Unbotmässigkeit der Ritterschaft die adligen Räte 
und die Städter zeitweilig zusammengeführt, so war es nach wie 
vor unmöglich den Widerstand des Kulmer Woiwoden gegen die 
Gewähr der Religionsfreiheit zu überwinden. In diesem Punkte 
blieb er unbelehrbar, "er repetierte seinen alten Gesang wegen der 
Religion." Um so fester bestanden die Städte darauf und kamen 
schliesslich auf den Ausweg, dem König ein besonderes Exemplar 
ihrer Beschwerden mit dem Religionsartikel zu überreichen. Es ge- 
lang ihnen dann mit dem einen der französischen Wahlgesandten, 
dem Marquis de Lansac eine Punktation aufzusetzen, die ihren 
Wünschen vorläufig Rechnung trug. Lansac wollte auf dem See- 
wege von Danzig aus nach frankreich zuriickkehren und schloss dort 
am 15. Juli mit den Vertretern der drei Städte ein Abkommen, in 
dem er sich für die Bestätigung der Religionsfreiheit und der Rechte 
und Gewohnheiten wie für die Abstellung der Beschwerden durch 
den König verbürgte, während die Städte sich zur Huldigung bereit 
erklärten. Lansac hat später, seinem Meister Montluc folgend, diesen 
Vertrag als unverbindlich hingestellt; zur Geltung ist er bei der kurzen 
Regierung Heinrichs auch nicht gelangt. - Eine Einigung mit der 
Ritterschaft überdiedem König bei der Krönungin Krakau vorzulegenden 
Gravamina erfolgte auch jetzt nicht. Vielmehr hatte die Ritterschaft 
einen neuen Zankapfel unter die Stände geworfen, indem sie den 
in polnischer Sprache verfassten Entwurf einer Gerichtsordnung für 
die Dauer des Interregnums einbrachte, die den Städten wegen der 
Beschränkung ihrer Gerichtsbarkeit über ihre Landgüter unannehm- 
bar war, während die Woiwoden gegen Sicherstellung ihrer Ein- 
nahmen zustimmen wollten. Einmütig waren die preussischen 
Stände auch jetzt nur in der Ablehnung der polnischen Geldforderungen 
für das Begräbnis des alten und die Krönung des neuen Königs, 
sowie in der frage der Besetzung der beiden preussischen Bistümer. 
Am 25. Januar 1574 betrat Heinrich von Valois bei Meseritz 
den polnischen Boden. Er hatte wochenlang mit seiner Abreise 
aus frankreich gezögert, weil die Bedingungen der Wahl, besonders 
die Ehe mit der beinahe sechzig Lenze zählenden Prinzessin Anna 
ihm wenig zusagten, während die Geisteskrankheit Karls IX., zu 


- 57-
		

/Pomorze_038_03_062_0001.djvu

			dessen Nachfolger er noch feierlich berufen wurde, bereits ?um 
Ausbruch gekommen war. Die Polen ihrerseits hatten die Ver- 
mähung Annas mit dem neuen Könige zur Bedingung gestellt, ein- 
mal um sie billig zu versorgen, besonders aber, um das Wahlr
cht 
des Nachfolgers in der Hand zu behalten. Oenn auch eine etwaige 
zweite Ehe des Königs. war an die ausdrückliche Zustimmung des 
Senats gebunden. für Anna dagegen schien die Verbindung mit 
dem jugendlichen Heinrich grossen Reiz zu haben; sie Iiess die 
Beisetzung, der Leiche ihres Bruders hinausschieben, um einen 
passenden Vorwand zu haben, bei Heinrichs Ankunft in Krakau zu- 
gegen zu sein. Heinrich jedoch war so vorsichtig, für den äussersten 
Notfall den Herzog Karl von Mayenne als Ersatzmann mit zu 
bringen. Erzeigtesich demnach von vornherein weniger gewissenhaft 
in der Erfüllung der Wahlkapitulation als sein Nachfolger Stefan 
Batori, der das Beilager mit Anna, vollzog. 
. Halbtot vor Kälte und Entbehrungen, da sie die klimatischen und 
kulturellen Eigentümlichkeiten des Landes nicht beachtet hatten, kamen 
die franzosen in Polen an und tauten erst in Posen bei besserer Ver- 
pflegung wieder auf. Am 21. Februar wurde Heinrich in Krakau 
zum Könige gekrönt. Die preussischen Stände waren auch vertreten; 
von Oanzig waren der Bürgermeister Konstantin ferber und der 
Ratmann Albrecht Giese, von Thorn Dr. Morchinger, von Elbing 
Hieronymus Langerfeld und johann Sprengel entsandt. Von den 
Landboten wareIl nur wenige (4) erschienen; von den kleinen Städten 
hatten allein Marienburg und Dirschau den Ehrgeiz, ihre Bürgermeister 
zu entsenden. Sie hatten von vornherein über, mancherlei Zurück- 
setzung zu klagen. Bei der Vorberatung über den Empfang des 
Königs kamen sie nicht zu Wort, da der Grossmarschall mit einem 
"Nitschewo" die Sitzung aufhob, augenscheinlich infolge einer Ein- 
flüsterung des Danziger Kastellans. Vergeblich hatten der Kulmer 
Woiwode und Kastellan für die Preussen gleiche Behandlung wie 
für Polen und Litauer, d. h. die ausdrückliche Bestätigung ihrer 
Rechte durch den König gefordert. Es wurdc als im Widerstreit 
mit der Lubliner Union und mit der Drohung abgclehnt, "sie sollten 
damit innehalten, oder sie würden sich verbrennen." Weniger 
schmerzlich, weil sie dies Schicksal mit viclcn teilten, war es, dass 
die Städter weder in die Kirche zur Krönung gelangcn konnten, 
noch zum Krönungsmahl geladen waren. Der Pöbel drängte derartig 
zur Kirche, dass er mit Knütteln und Hellebarden zurückgetrieben 
werden musste, und neben vielen Woiwoden auch die preussischen 
Abgesandten auf den Eintritt verzichteten. Sachlich erreichten sie 
auch nichts. Dazu trug neben der feindschaft der Polen wesentlich 
auch der Wankelmut der preussischen Woiwoden bei. johann von 
Dzialin hatte im Stillen mit Bischof Karnkowski sich eingelassen 
und dessen eigenmächtige Aufforderung an Heinrich, seine Ankunft 
in Polen zu beschleunigen, mit unterzeichnet. jetzt weigerte er sich 
entschieden, die forderung der preussischen Stände, als besonderes 
Glied des Reiches neben Polen und Litauern zu gelten, dem neuen 
König in deutscher Sprache vorzutragen. Es blieb dabei, dass er 


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j 
.., 


t) 


;
		

/Pomorze_038_03_063_0001.djvu

			ihn polnisch .lI1redcte und die lateinisch abgefasste Begründung 
überreichte.. Ueberhaupt erschwerte Heinrichs Unkenntnis der Landes- 
sprache und sein mangelhaftes Verständnis des Lateinischen den 
Verkehr mit ihm ungemein; am besten kamen die wenigen Polen 
fort, die mit ihm französisch oder italienisch verhandeln konnten. 
Dahcr hatten die Städter auch trotz einer persönlichen Audienz, in der 
si,ch Heinrich gnädig' zeigte, keinen Erfolg. Sie hielten deshalb auch 
mit den üblichen Geschenken, die ohnehin etwas dürftig ausgefallen 
,waren, auf den Vorschlag der Danziger zurück und suchten durch 
Verzögerung der Eidesleistung allen Drohungen der Polen zum 
Trotz, zum Ziele zu kommen. Polnischerseits erklärte man ihnen 
,immer wieder, dass in der allgemeinen Bestätigung der Landesrechte 
auch die preussischen einbegriffen seien. Es half auch nichts, dass 
die Kastellane von Minsk und Radom dem Bischof von Kujawien 
,zu Gcmüte führten, dass er früher jenen alles bewilligt habe und 
"ihn so mit seinem eigenen Schwerte schlachteten". Vielmehr liess 
,er jetzt wieder die Meute der polnischen Landboten gegen die 
Preussen los, die tobend deren Eintritt in den Rat und die Ablegung 
des Eides forderten. Zuerst crgaben sich die preussischen Kastellane 
in das Unvermeidliche, dann folgten die Woiwoden. Der Kulmer 
hatte sich ehrlich für sein Land bemüht und auf sein Amt verzichten 
wollen, schliesslich gab er unter der Bedingung nach, dass in die 
Bestätigung der Rechte Preussen ausdrücklich einbegriffen werde. 
Das bewilligten die Polen, nur dass zum Hohn in der Eidesformel 
dann auch alle übrigen polnischen Provinzen aufgezählt wurden, so- 
dass Preussen als dcren eine erschien. Unter dem höhnischen 
Gelächter der Polen traten die preussischen adligen Räte in den 
Senat ein. Die Städter dagegen verschanzten sich hinter der 
mangelnden Instruktion. Im Widerspruch mit den Wünschen der 
gesamten preussischen Stände gab ferner Heinrich nicht dem von 
Sigismund August bereits Nominierten, sondern dem streitbaren 
Peter Kostka das Bistum Kulm und auch Cromer blieb in Heilsberg. 
Daher sank denn auch die Hoffnung, den Religionsartikel durchzu- 
setzen, selbst bei den Danzigern immer mehr. König Heinrich hatte 
in Paris wie bei seiner Krönung nur mit äusserstem Widerstreben 
den Religionsfrieden bewilligt, nachdcm johann firlei u. a. sehr 
deutlich geredet hatten und die Krönung beinahe in die Brüche ge- 
gangcn war. Wie hätte er, zumal da Stanislaus Karnkowski und 
Peter Kostka die Sprachrohre waren, durch die er mit den verhassten 
Preussen verhandelte, diesen mehr zugestehen sollen. Die Thorner 
und Elbinger rieten daher bald, sich mit den Zugeständnissen Lansacs 
zu begnÜgen. Bis in den juni hinein verhandelten die Städter in 
Kr akau mit den beiden Kanzlern, die sehr unfreundlich waren und 
auf den Geiz namentlich der Danziger schalten, während die Elbinger 
wegen reichlicherer Gaben etwas besser angeschrieben waren. Alle 
Berufungen auf die Privilegien waren wirkungslos; der Kujawische 
Bischof, der durch Wort und Schrift gegen sie tätig war, die 
preussischen Lande als altpolnisches Gebiet bezeichnete, und johann 
Kostka stellten dem Könige vor, die preussischen Städte arbeiteten 


- ijU-
		

/Pomorze_038_03_064_0001.djvu

			auf' eine Trennung von Polen hin. Daher blieben auch die Versuche 
persönlich auf den König einzuwirken fruchtlos, da die Städte ihm 
ohnehin als ergiebige Geldquelle erschiencn. Die Sache der Städte 
sollte auf dem nächsten Reichstage entschieden werden, vorher aber 
eine grosse Kommission, bestehend aus dem Bischof Karnkowski, 
den Woiwoden von Krakau, Sandomir (jetzt joh. Kostka), Lenczicz 
und vielleicht von Brest, den Kastellanen von Kulm und Elbing 
Ende juli nach Preussen kommen. Es war auf eine gründliche 
Schröpfung und Demütigung Danzigs abgesehen. Die forderungen 
lauteten auf das halbe Pfahlgeld, drei rückständige Kontributionen und 
Zinsen, jährliche Kontribution, Gebäude für den königlichen Hof, 
Rückgabe der Kirchen und dcr zubehörigen Güter an die Katholiken, 
200000 fl. zur glücklichen Ankunft Sr. Majestät in Preussen oder 
Bürgschaft der drei Städte für diese Summe als Anleihe bei Aus- 
wärtigen, Unterwerfung der Danzigerunter die königliche Kommission. 
Aber es war dafiir gesorgt, dass die Kujawischen Bäume nicht 
in den Himmel wuchsen. Der jubel über den französischen König 
hatte bei den Polen sehr bald starker Ernüchterung Platz gemacht. 
Dass Heinrich unter der Last der Kroninsignien zusammenbrach, 
war vielen als böses Omen erschienen. Von dem französischen 
Goldregen, der das Land befruchten sollte, war nichts zu spüren. 
Vertragsmässig sollte Heinrich aus seinen französischen Einkünften 
jährlich 450000 Dukaten aufwenden; statt dessen befand er sich in 
chronischer Geld klemme. Selbst die durch Sigismund Augusts 
Hofhalt und ihre eigenen Verhältnisse nicht verwöhnten Polen 
nahmen Anstoss daran, dass Heinrich infolge seiner dissoluten 
Wirtschaft zuweilen nichts zu essen bekam, und wunderten sich 
über seine geschlechtlichen Ausschweifungen. Viel böses Blut 
machte die Nichtachtung, die er polnischen Würdenträgern bewies, 
wenn er sie vor verschlossener Tür warten liess, während sie deutlich 
seine Unterhaltung mit seinen Landsleuten hören konnten. Die 
franzosen ihrerseits beklagten sich schon beim Einzuge in Krakau 
über ihre schlechten Quartiere, sie massen dem Grossmarschall die 
Schuld daran bei. Es fehlte auch nicht an nächtlichen Raufereien 
zwischen franzosen und Polen. Bei diesen aber schadete sich 
Heinrich unendlich durch seine Halbheit bei dem über Samuel 
Zborowski verhängten Urteil. Zahlreiche Spottgedichte, die selbst 
an den königlichen Gemächern angeheftet wurden, geisselten Montlucs 
lügenhafte Versprechungen, die französischen Sitten u. a., sie be- 
wiesen die zunehmende Missachtung des Königs. Heinrich selbst 
fühlte sich nicht wohl im Lande; als flüchtling verliess er in der 
Nacht zum 19. Juni Krakau und eilte nach frankreich, wohin ihn 
der Tod seines Bruders rief. So endigte diese comedie, fran
aise 
in Polen. 
Als die Polen sich von der ersten Verblüffung über den 
landesüblichen Abschied ihres Herrschers erholt hatten, richteten 
sie ihren Unwillen gegen dessen Person. Die Puppe, welche nach 
Volksbrauch am Himmelfahrtstage als. Teufel vom Warschauer 
Kirchturm geworfen wurde, trug zeitgemäss Heinrichs Züge, zu 


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/Pomorze_038_03_065_0001.djvu

			grosser Belustigung seiner verlassenen Braut. Aber auch die 
Würdenträger, denen das Land den verflossenen König verdankte, 
Uischof Karnkowski, Peter Zborowski, selbst Johann Zamoiski hatten 
dic Missstimmung sehr deutlich zu empfinden; sie hielten sich 
sämtlich vorerst vorsichtig zurück. fortgesetzt befand sich das 
Land in peinlicher Ungewissheit. Heinrich sandte wiederholt Briefe 
und Boten, die seine Absicht zurückzukehren ankündigten, und 
auch polnischerseits wurde er dazu aufgefordert. Je mehr Zeit aber 
darüber verging, um so geringer wurde bei der unsichern Lage des 
französischen Königtums die Aussicht auf Heinrichs Wiederkunft. 
Man setzte ihm endlich den 12. Mai 1575 als äussersten Termin 
der Rückkehr, andernfalls würde man einen neuen König wählen. 
Heinrich wollte offenbar Zeit gewinnen, vielleicht Polen mit seinem 
Bruder beglücken, er erklärte deshalb dem Ueberbringer des Ulti- 
matum seine unveränderte Geneigtheit, den Polen zu helfen. Weniger 
diplomatisch verfuhr Katharina von Medici. Als sie eines Tages 
aus dem Pariser Parlament kam, fuhr sie gegen die Polen los, die 
sie zorngeschwollen als Verräter an Ruf und Ehre ihres Sohnes 
bezeichnete, den sie des Reiches berauben wollten. Es machten 
sich aber auch andere Einflüsse bei Heinrich geltend, als deren 
Vermittler Stanislaus Varsevicius bezeichnet wird. Man beschuldigte 
ihn, die Tätigkeit der polnischen Gesandten durchkreuzt zu haben. 
Von den Tagungen, die in Polen nach des Königs Abreise 
stattfanden, ist zunächst die Warschauer vom 24. August 1574 
bemerkenswert. Der Erzbischof Uchanski und die meisten Bischöfe 
waren ihr ferngeblieben, auch die Preussen und Litauer fehlten. 
Trotzdem wurde abermals eine Konföderation geschlossen, in der 
der Land- und Religionsfriede erneuert, aber auch die Strafe der 
Infamie auf jede Art von Wahlbestechung gesetzt wurde. Die 
wenigen anwesenden Bischöfe unterzeichneten mit dem üblichen 
Vorbehalt. Daneben wurde die erwähnte Gesandtschaft an Heinrich 
abgeordnet und mit Rücksicht darauf ein neuer Reichstag nach 
Stensicz für den Mai 1575 berufen. 
Die preussischen Stände hielten ihre gewöhnliche Versammlung 
am Stanislaustage (7. Mai) 1574 in Marienburg ab. Es herrschte 
eine beklommene, aber auch ungewöhnlich versöhnliche Stimmung, 
wozu allerdings der schwache Besuch seitens der Ritterschaft bei- 
tragen mochte. Die Woiwoden bedauerten, dass sie durch den 
Vorgang der beiden Kastellane in die, Zwangslage versetzt worden 
seien, den Huldigungseid zu leisten, hielten den Schaden aber nkht für 
so gross, da sie unter Protest und nur für ihre eigene Person ge- 
schworen hätten. Allerseits versprach man, die Städte in ihrem 
Widerstande zu unterstützen. Namens der Landboten gab Stenzel 
Kostka diese Erklärung ab; so hatten sich die Ansichten geändert. 
- Die nächste Tagung fand im August in Graudenz statt und 
war durch die Aufforderung der Polen veranlasst, den Warschauer 
Reichstag zu beschicken, dessen Ankündigung für Bartholomäi durch 
die Senatoren von Krakau und Sandomir erfolgt war. Zum ersten 
Male führte der neue Kulmer Bischof Peter Kostka den Vorsitz. 


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/Pomorze_038_03_066_0001.djvu

			Der Beschluss den Warschauer Tag nicht zu beschicken, weil er 
nicht vom Erzbischof.berufen sei t!nd die Verhandlung innerpolnische 
Angelegenheiten beträfe, wie die Befriedigung der Söldner, denen 
bereits ein Teil des Kronschatzes habe ver.pfändet. werden müssen, 
den Unterhalt der Prinzessin u. s. w., wurde einstimmig gefasst, 
nachdem die gleiche Absicht der Litauer bekannt geworden war. 
Den tieferen Grund, sich vor Heinrich nicht unnütz zu kompro- 
mittieren, sprach man nicht offen aus. Des weiteren aber lebten 
auch bald die alten Streitigkeiten zwischen Städten und Landboten 
wieder auf wie vor der Wahl, denen die von der. Ritterschaft ein- 
. gebrachte Gerichtsordnung neue Nahrung gab. Der Übliche Michaelis- 
landtag fand in Thorn, statt (30., September). ,Es berührte die 
Städter unangenehm, dass der Kulmer Bjschof, ihren Gruss, auf 
, polnisch, statt wie bisher üblich in deutscher Sprache erwiderte. 
Obwohl als Abgesandte des Warschauer Reichstages der Bischof 
von Kujawien und einige Woiwoden, darunter auch Johann Kostka 
erschienen waren, kam man über gegenseitige Vorwürfe nicht hinaus; 
der Hauptzweck der Sendung, die Beendigung, der Lopatkenschen 
Händel wurde nicht erreicht. Nach wie vor hielt man dagegen an 
Heinrich als, re.chtmässigem Könige fest, in dieser Beziehung waren 
alle preussischen Stände einig, ebenso in der Weigerung, den 
Stensiczer Reichstag zu beschicken. Man begründete die Ablehnung 
mit der Ungewissheit über Heinrichs Rückkehr und dem Zweifel 
an der Gesetzlichkeit des Warschauer Tages. Daran schlossen sich 
Beschwerden über die schlechte Behandlung der Preussen, von 
denen zwei zu Gesandten nach frankreich bestimmt worden seien, 
deren Namen dann einfach gestrichen worden wären. - Unter dieser 
dünnen Decke glommen aber die Gegensätze lustig weiter, wie so- 
gleich die Beratung der ritterschaftlichen Gerichtsordnung ergab und 
das Vorgehen d
s Kulmer und des kl.ljawischen Bischofs bewie5>, 
dessen Zusammentreffen mit einem Uberfall. d
s. protestantischen 
Stadtviertels in Krakau schwerlich zufällig war. Der Kulmer forderte 
von den Thornern die Rückgabe der Pfarrkirche für den katholischen 
Gottesdienst, was die Stadt mit dem Hinweis auf die freiheit des 
Augsburgischen Bekenntnisses ablehnte. Der Kulmer Offizial drohte 
mit dem Bann und bewaffnetem Einschreiten seines Bischofs, der 
ihn nur sanft verleugnete, während die, Ritterschaft ihm Bcistand 
versprach.. Der Kujawische Bischof aber hatte mehrere evangelische 
Pfarrer in Poml11erellen gefangen fortführen lassen und abgesetzt 
und begründete dies mit ihrer Abtrünnigkeit; nicht der Augsburger 
Konfession halber habe er"die Mamelucken" angegriffen. Auch 
in Danzig selbst erhob Karnkowski Beschwerde über die Beleidigung 
seines Offizials, die der Rat abwies. . 
Immerhin hielten es die Danziger für geraten einen nicht. 
offizieIlen Vertreter in Stensicz zu haben; sie beauftragten mit diesem 
Amt den Stadtsekretär Mattheus Radecke. Der Reichstag war stark 
besucht, die Litauer dagegen waren nur durch wenige. Senatoren 
vertreten, darunter freilich die tonangebenden Leute in ganz Litauen, 
Nikolaus und Nikolaus Christoph Radziwillundjohann Chodkiewicz. 



 


, 


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/Pomorze_038_03_067_0001.djvu

			j. 


. Aus Preussen war allein und ohne Vorwissen der Stände der 
Kulmer Kastellan erschienen, der in Polen begütert war. ' Dicselbe 
Ungewissheit wie bei den preussischen Ständen herrschte auch bei 
den Polen. Man konnte sich nicht entschliessen Heinrich offen ab- 
zusagen. Erzbischof Uchanski weigerte sich bestimmt, die Ab- 
,sctzung auszusprechen; Bischof Krasinski von Krakau griff schon 
I:ach seinem Ornat, um an seiner Statt die Erklärung abzugeben, 
.hcsann sich dann aber eines andern. Endlich beruhigte man sich 
(
6. Mai) mit der halben Massregel, dass vier Herolde an den vier 
Ecken des Lagers ausriefen, da Heinrich am 12. Mai nicht erschienen 
sei, habe man sich auf eine Neuwahl geeinigt. Mit der Einigung 
hatte es aber no
h gute Wege. Die Mehrzahl der Senatoren war 
ohne frage für Osterreich, es fehlte ihr aber an einem energischen 
führer; auch erregte das geschäftige Treiben des Andreas Dudith 
das Misstrauen der Gegenpartei, die vorwiegend aus den Landboten 
gebildet wurde. Dudith, der ehemalige Bischof von fünfkirchen, 
war vor jahren als kaiserlicher Gesandter nach Polen gekommen, 
hatte aber seine fun
.tionen nicht zu Ende geführt, sondern sein 
Bistum nach seinem Ubertritt zum Protestantismus aufgegeben und 
sich nacheinander mit zwei vornehmen polnischen Damen vermählt, 
deren letztere die Schwester der Zborowskischen Brüder war. Das 
hinderte nicht, dass er politisch deren Gegner war, sodass er 
schliesslich aus Krakau ausgewiesen wurde. Wie 1573 war er 
wieder eifrig für die Wahl eines Habsburgers tätig, ohne vorläufig 
als Gesandter beglaubigt zu sein. Dieses Amt übte vielmehr Bischof 
Gerslmann von Breslau allS, der aber bestimmt erklärte, erst nach 
der formellen Abdankung oder Absetzung Heinrichs die kaiserliche 
Bewerbung vorbringen zu wollen. Vorläufig waren die Landboten 
allerdings nur in gel11 einig, was sie nicht wollten, in der Abneigung 
Regen das Haus Osterreich. Sie schöpften Verdacht, die kaiserliche 
Partei verzögere die Wahl absichtlich und erklärten stürmisch: "wir 
wollen kcinen Deutschen, wir wollen keinen Deutschen, lieber das Leben 
lassen, als dass der Kaiser in Polen herrsche". Mindestens zwei- 
deutig war auch die Haltung der Litauer; sie lehnten die Warschauer 
Konföderation ab, weil sic ohne ihr Zutun geschlossen sei, wollten 
aber an der Wahl teilnehmen. Schliesslich nahmen sie auch die 
Konföderation an; im Grunde waren sie kaiserlich gesinnt. All- 
mählich bildete Peter Zborowski, der nach johann firleis Tode die 
ersehnte Krakauer Woiwodschaft erlangt hatte, den KristalIisations- 
punkt für dm bisber französisch gesinnten Teil der Ritterschaft und alle 
andern Gegner Osterreichs. Sei es, dass in der Tat die türkischen 
Drohungen wirkten, die für den Fall der Wahl eines Habsburgers 
oder Russen Krieg in Aussicht stellten, sei es, dass l11an vorlällfig 
nur Zeit gewinnen wollte, um einen definitiven Entschluss zu fassen, 
genug, man zog angeblich auf johann Zamoiskis Vorschlag einen 
Vorwand, sich von der Mehrheit des Senats zu trennen, an den 
Haaren herbei. Man erklärte, diese habe den Bruch der Konfödera- 
tion beabsichtigt und begann gesonderte Beratungen. Einigungs- 
versuche mussten daher von vornherein aussichtlos sein. Die 


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			Sezessionisten setzten ihren Willen durch; sie forderten die sofortige 
Vornahme der Wahl, und als die kaiserliche Partei darauf nicht 
einging, verliessen sie grösstenteils Stensicz. Die Augenzeugen der 
verschiedenen Parteien stimmen darin überein, dass die österreichische 
Partei mit Leichtigkeit hätte zum Ziel gelangen können, wenn sie 
in diesem Augenblick zur Wahl geschritten und ihren Kandidaten 
zum König proklamiert hätte. Aber Uchanski war zu unent- 
schlossen; so endete die Tagung unter gegenseitigen Vorwürfen 
ohne anderes Ergebnis, als dass die Sache Heinrichs endgültig ab- 
getan war. Es wurde von den Sezessionisten ein neuer Reichstag in 
Warschau gefordert, von dem aber die Litauer nichts wissen wollten. 
Sie sagten sich wieder von der Konföderation los, und Nikolaus 
Radziwill rief: "veni, fui, vidi; Polonia vale!" 
Von den Grosspolen aufgefordert, berief der Erzbischof für 
den 3. Oktober einen neuen Reichstag nach Kolo bei Warschau. 
Die Preussen lehnten es ab zu erscheinen, weil der Zweck der 
Tagung nicht die Königswahl; sondern die Beratung der bedrängten 
Lage des Reichs sei, was sie als innerpolitische Angelegenheit be- 
trachteten. Auch der Einfall der Russen in Livland musste zur Be- 
gründung der Ablehnung herhalten. Der Tag war jedoch so schwach 
besucht, dass Erzbischof Uchanski sogleich den neuen Wahl- 
reichstag auf den ;. November nach Warschau ausschrieb. 
Die Preussen hielten aus diesem Anlass in Lessen einen Land- 
tag ab (
!). Oktober), auf dem EinmÜtigkeit darüber herrschte, dem 
Antrage der Städte entsprechend Gesandtc mit fester Instruktion 
nach Warschau zu schicken. Weder der Kulmer Bischof noch die 
Ritterschaft, die sonst zum Kummer der Woiwoden ihre eigene 
Wege zu gehen beliebte, waren dagegen. Das hatten die Erfahrungen 
der ersten Wahl doch gefruchtet. Man hatte anfangs auf den Vor- 
schlag des Kuhner Bischofs noch vermeint, an König Heinrich fest- 
zuhalten, und in diesem Sinne die kaiserlichen Gesandten Dr. 
Christoph Heigel und Jakob Schachtmann, die als Werber für Erz- 
herzog Ernst in Lessen erschienen, ausweichend verabschiedet. 
Nachrichten aber über neue Wirren in frankreich, die in diesem 
Augcnblick einliefen, führten rasch einen veränderten Beschluss 
herbei. Zwar wurde Eingangs noch der Wunsch geäussert, die 
Reichsstände möchten den König zur Rückkehr nach Polen bis zu 
einem bestimmten Termine oder zu freiwilligem Verzicht auffordern, 
doch folgte dann die Weisung, falls die Reichsstände sich für einc 
Neuwahl entschieden, für Erzherzog Ernst zu stimmen.' Auf jeden 
fall solIten die Gesandten gegen den Moskowiter stimmen. Dass 
ihnen die Wahrung der preussischen Privilegien zur Pflicht gemacht 
wurde, war selbstverständlich. Die offiziellen Gesandten der preussi- 
schen Stände waren der Woiwode und der Kastellan von Kulm, 
jedoch schickten die Danziger wieder den Bürgermeister Konstan- 
tin ferber und den Ratmann Reinhold Molner, die Thorner den 
Ratmann Georg am Ende, die Elbinger Johannes Grunau und Mag. 
Andreas Neumann oder Neander. Die Danziger trafen erst am 
18. November in Warschau ein und mussten mit einem sehr dürftigen 


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l 


.......
		

/Pomorze_038_03_069_0001.djvu

			. 


Quartier sich begnügen. Die Thorner und Elbinger waren vorauf- 
gereist. Die preussische Ritterschaft war anfangs nur durch den 
Dirschauer Landschöffen vertreten, während die kleinen Städte allein 
den Ratsschreiber Michael Kahle von Graudenz entsendet hatten. 
Letzterer irrte fast drei Wochen verlassen in Warschau umher, an- 
geblich auf die Ankunft der heimischen Landboten harrend, bis ihn 
am 26. November die Gesandten der grossen Städte vorfordern 
liessen und ihm zu Gemüte führten, dass er sich an sie zu halten 
habe. Angenehm fiel den Preussen der ruhige Ton auf, der an- 
fänglich in den Verhandlungen herrschte, im Gegensatz zu dem 
Stencziczer Tage. Die Behandlung der Preussen seitens der Polen 
liess allerdings auch diesmal viel zu wünschen übrig. Zwar liess 
man ihre Zugehörigkeit zu den Räten unangefochten, aber der Krakauer 
Woiwode Peter Zborowski bestritt am 17. November unter dem 
Beifall seiner Landsleute seinem Kulmer Kollegen Dzialin wie dessen 
Kastellan das Recht, als Vertreter der preussischen Stände zu stimmen: 
dieser Anspruch sei eine verwegene frechheit und enthalte ein ver- 
derbliches Beispiel; die Wahl des Königs habe durch die anwesenden 
dazu Wahlberechtigten zu geschehen, es sei in Polen unerhört und 
höchst gefährlich, dass Leute, die müssig zu Hause sitzen, durch 
Gesandte, demnächst womöglich durch Zettel in solcher Sache ihr 
Stimmrecht ausübten. Sie hätten nur als einzelne Räte, nicht als 
Vertreter der Stände Preussens zu stimmen". Oer Kulmer blieb die 
Antwort nicht schuldig und hatte auch den Trost, dass der Erz- 
bischof bei anderer Gelegenheit (
9. Nov.) versicherte, man würde 
ihn als Vertreter der preussischen Stände anerkennen. Noch lauter 
äusserte sich die Gehässigkeit der Polen gegen die Preussen in der 
polnischen Ritterschaft, und trotz der Geneigtheit des Erzbischofs 
wurden die Vertreter der Städte von den geheimen Beratungen, die vom 
+. bis zum 6. Dezember in der Wohnung des Primas stattfanden, 
ausgeschlossen, obwohl sie dazu eingeladen waren. Sie legten Protest 
dagegen ein, der aber umsomehr platonisch blieb, als die beiden 
adligen Räte entgegen ihrer vorherigen Zusage bei der Versammlung 
blieben. 
Unter den Bewerbern um die Krone kam ernsthaft nur der 
Kaiser oder sein Sohn, Erzherzog Ernst in frage. Nach wie vor 
hatten sie die grosse Mehrheit des Senats für sich. Weder der 
Moskowiter noch Johann von Schweden oder ferdinand von Tirol 
oder Alfons von ferrara fanden grösseren Anhang, auch Stefan 
Batori, der Woiwode von Siebenbürgen, blieb anfangs fast un- 
beachtet. Dagegen war der Erzbischof Uchanski jetzt in das öster- 
reichische Lager übergegangen. Die kaiserlichen Gesandten waren 
Bischof Martin Gerstmann, Andreas Oudith und Matthias von Logau, 
Hauptmann von Schweidnitz. Es wird der Vorwurf gegen Bischof 
Martin erhoben, dass er nicht mit genügender Energie die Sache 
des Kaisers vertreten habe; die Hauptschuld trägt ohne frage der 
Erzbischof, er gehörte zu der gros sen Zunft der Männer der ver- 
passten Gelegenheiten. Auch der Kaiser wiederum ist nicht ohne 
Schuld, besonders deshalb, weil er nach erfolgter Wahl nicht das 


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mindeste zur Unterstützung seiner Anhänger tat. - Die Ritterschaft 
war anfangs zum Teil noch von russischen Sympathien erfüllt; zum 
Verdruss der Litauer hatten sie mit Iwan heimlich verhandelt. 
Als aber ein russischer Bote niederen Ranges erschien und statt 
der erhofften Verheissungen nur freies Geleit für einen in Smolensk 
wartenden russischen Gesandten forderte, schlug die Stimmung 
gründlich um. Wie in Stensicz kam es dann zu einer Trennung. 
Die Ritterschaft und die ihr jetzt offen beitretenden Senatoren 
sonderten sich vom allgemeinen Beratungsplatze ab und schlugen 
eine Wagenburg auf. Ihre Zahl nahm allmählich zu, während die 
Kaiserpartei abbröckelte. Peter Zborowski, johann Zamoiski und 
andere führer der Ritterschaft, in der Wahl der Mittel unbedenklich, 
steigerten zunächst die Verwirrung durch Aufstellung piastischer 
Kandidaten. Es waren johann Kostka und Andreas Tenczin, Woi- 
wode von Beiz. Beide erklärten sich offen für unfähig, die 
Regierung zu übernehmen: "nicht einmal Salomo würde es fertig 
bekommen, Polen zu regieren." Da endlich rückten die Sezessionisten 
mit ihrem eigentlichen Kandidaten, Stefan Batori heraus, der bis 
dahin kaum in frage gekommen war. Die Zborowskischen Brüder 
hatten ihn entdeckt und mit ihm insgeheim verhandelt. Samuel 
Zborowski hatte nach seiner Verbannung bei ihm Zuflucht gefunden. 
Während die preussischen Landboten, entgegen den Verab- 
redungen in Lessen, durch Abgesandte ihren Beitritt zur Sezession 
anzeigten, hielten die Städte und auch die adligen Räte zur Genug- 
tuung des Erzbischofs am Erzherzog Ernst fest, wenn sie auch 
schliesslich für den Kaiser stimmten, um sich nicht von der Mehr- 
heit des Senats zu trennen. Die Leidenschaften erhitzten sich immer 
mehr und die Spannung zwischen den bei den Parteien des Reichs- 
tages wurde schliesslich so gross, dass ein Mordanschlag auf den 
Erzbischof gemacht wurde. Die Kaiserpartei wählte daher ebenfalls 
einen sicheren Ort zu ihren Beratungen und der Erzbischof prokla- 
mierte am 12. Dezember den Kaiser als gewählt. Die Gegner riefen 
am folgenden Tage Anna als Regentin aus, mit der man sich über 
ihre Heirat mit Stefan Batori geeinigt hatte. Die Kaiserlichen erfuhren 
daher, als sie mit dem Vorschlag dem Erzherzog Ernst sich zu ver- 
mählen an Anna herantraten, eine schroffe Ablehnung: "sie habe sich 
lange genug von ihnen äffen lassen, sie werde das Glück ergreifen, 
das ihr von Gott und ehrlichen Leuten angeboten würde." 
Am 17. und 18. Dezember, dem Tage der feierlichen Ver- 
kündigung des Kaisers als neugewählten Königs im Schlosshofe 
und in der Kirche, verhandelten die städtischen Gesandten mit den 
drei Vertretern des Kaisers. Sie erhielten zum Dank für ihren bei 
der Wahl bewiesenen Eifer die gewünschte allgemeine Bestätigung 
der preussischen Privilegien mit der ausdrücklichen Erklärung, dass 
die polnischerseits beliebte Auslegung derselben keine Geltung 
haben solle. Des weiteren verbürgten die drei Gesandten ihnen 
und den kleinen Städten persönlich bis zur endlichen Bestätigung 
durch den Kaiser den Gebrauch der Augsburgischen Konfession 
auch für die Pfarrkirchen königlichen Patronats und den Religions- 


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fried-enin umfassendsfcr Form. Auch die Abschaffung aller sonstigen 
Beschwerden wurde zugesichert. Nach der Ankunft des Kaisers 
sollte dieser 'Revers den Gesandten' zurückgegeben werden. Man 
versteht, dass die Städter mit diesem Erfolge höchlich zufrieden 
waren und dass besonders dic Danziger einen festlichen Empfang 
bei der Heimkehr fanden. Leider datierte die Freude nicht lange. 
Ganz sicher fühlte sich bei der zwiespältigen Wahl keine der 
beideJi Parteien. Der Vorschlag der' Batorianer, in vier bis fünf 
Wochen zu eincr neuen Versammlung in Andrejewo zusammen zu 
komm'en, machte auf die Kaiserpartei tiefen Eindruck. Der immer 
unzuverlässige Bischof von Krakau verliess nächtens eilends (raptim) 
die Stadt. Dank der Untätigkeit des Kaisers und der Energie Stefan 
Batoris erreichte das Interregnum 'rasch sein Ende. 
Die preussischen Räte hielten noch am Kaiser fest. Dann' 
aber 'traten, wie zu erwarten war, zuerst die adligen Räte dem neuen 
Könige bei; es folgten im Herbst 157() Thorn und Elbing. Danzig 
liess es auf bewaffneten Widerstand ankommen und erreichte, wenn- 
gleich unter beträchtlichen Opfern, günstige Bedingungen, da 
Stefan Batori die Bedeutung der Stadt wohl würdigte. Man wird 
den drei Städten die Anerkennung nicht versagen dÜrfen, dass sie 
tapfer für das Ihre und für das Deutschtum gestritten haben. Die 
alte Wahrheit, die erst die Staatsweisheit neuerer Zeit als über- 
wundenen Standpunkt betrachtet, dass in der Ostmark evangelisch 
und deutsch gleichbedeutend sind, fand durch diese Kämpfe ihre 
Bekräftigung, aber auch das andere Wort ward an den Städten zur 
Wahrheit: '"Weh' Dir, dass Du ein Enkel bist", sie büssten für die 
Siinden ihrer Vorfahren.' 


... 


... 


* 


Ex kurs. 
t. Sventoslaus Orzelski. Eine der wichtigsten Quellen 
für das Interrl'gnum ist die Schrift des Sventoslaus Orzelski; sie 
wurde von Lengnich und seitdem besonders von Caro unn seinen 
Schülern benutzt.' Das erste Buch besitzt die Danziger Stadtbiblio- 
thek als Ms 1510 Interregni Poloniae liber primus ad Petrum Czarn- 
kowium Castellanulll Posnaniensem scriptus anno Christi 1573 
Swietoslao OreIio de Bozeievice equite polono authore. fm BI. in 
Kleinquart. Es ist ein Geschenk des Leipziger Ratsherrn jos. jak. 
Mascou an den Danziger Valentin Schlieff aus dem J. 1712, wie 
aus einer Notiz auf dem Titel hervorgeht. Abgeschlossen wurde 
die Schrift nach BI. RB Thopolae XIX. Calend. Sept. a. Chr. 1 f>73. 
Sie befand sich nach BI. HUb im I. 1577 im Besitz des Andreas 
Czarnkowski, der noch einige Nachträge hinzufügte, die bis zu 
diesem jahre reichen. Nach Schlieffs handschriftlicher Bemerkung 
hat Mascou alleriei Emendationen vorgenommen, die indes nicht 
immer. das Richtige treffen. -- Diese kurze Darstellung hat Orzelski 
später überarbeitet, erweitert und bis zum J. 1 f) ,li fortgeführt. Die voll- 
ständige fassung besitzt die Ossolinskische Bibliothek in Lemberg 


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			in den Codd. l. 3551 und 782; die erstere stammt aus dem Besitz 
der familie Mniszech. Orzelski schliesst seine Darstellung mit der 
Unterwerfung Danzigs ab; sie ist in acht Bücher eingeteilt. L. B551 
bricht in lib. 8 ab mit dem Krönungseide Stefans; die fortsetzung 
bis zum Schluss enthält dann in sehr verderbtem Text Cod 7H
. 
Genau soweit wie L. 3551 reicht auch die im Danziger Staatsarchiv 
aufbewahrte Handschrift (R. ]572). In ihr ist die Ueberschrift zu 
lib. 7 und 8 ausgefallen, weshalb Lengnich sie als in sechs Bücher 
eingeteilt bezeichnete. Auch sonst ist die Uebereinstimmung zwischen 
L. ;J551 und der Danziger Handschrift fast gleichmässig; älter ist 
wohl die Lemberger. Cod. 7H2 enthält auch Iib. {i und 7 in un- 
vollständiger fassung. 
Orzewski berichtet fast in Tagebuchform genau über die Er- 
eignisse, fügt Aktenstücke, Reden und Denkschriften ein, so dass er 
oft weitschweifig wird. Wiederholt tritt er als Landbote handelnd 
hervor. Er ist z. B. Berichterstatter der Kommission, die zur Unter- 
suchung der Missstände am. Hofe Sigmund Augusts eingesetzt 
wurde, deren Bericht er daher ausführlich mitteilt. Er steht auf 
streng lutherischem Boden, so dass ihm die Reformierten als Ketzer 
gelten, doch tritt bei seiner Darstellung durchaus der nationale Stand- 
punkt in den Vordergrund. Die Episode Heinrichs von Valois er- 
scheint ihm als Komödie; ein scharfes Urteil fällt er über die Per- 
sönlichkeit des Königs. Er gehört zu den wenigen, die 1673 für 
den schwedischen Thronbewerber stimmen; er ist ein Gegner 
Oesterreichs und tritt daher 1575 für Stefan Batori ein. Am Schluss 
seines Werkes bezeichnet er sich als notarius Calissiensis (L. 782 p. 565). 
Sein Latein ist stark mit juristischen Ausdrücken durchsetzt. Eigen
 
tümlich berührt bei dem sonst verständigen Mann krasser Aber- 
glauben, wie er bei der Erzählung von Sigmu.ld Augusts Tode oder 
p. 3!J0 in dem Bericht nächtlicher Himmelserscheinungen zu Tage 
tritt, die an früh mittelalterliche Chroniken erinnern. Eine kritische 
Ausgabe des Werkes wäre dankenswert. Persönliche Nachrichten 
über ihn gibt die Encyklopedja Powszechna T. VIII. 
11. Christophorus Varsevicius. Cod. 782 der Bibliothek 
Ossolinski enthält auf S. ] 20 -1 !)8 eine summarische Zusammen- 
fassung der Ereignisse vom Tode Sigmund Augusts bis zum 
Warschauer Wahlreichstage 157H aus der feder des Christ. Var- 
sevieius unter dem Titel Rerum polonicarum libri tres. Lib. 111 ist 
unvollständig, es bricht mit dem Referat Über Commendones Rede 
ab. Als Anhang folgt eine Denkschrift, dat. Regensburg, den 
7. Sept. ] 576 Rationes et argumenta pro regno Poloniae recuperando, 
die mit der Aufforderung an den Kaiser schliesst, Truppen nach 
Polen zu schicken. Bei aller Kürze der Darstellung hebt Varsevieius 
scharf den Kern der Sache, namentlich die religiösen Beweggründe 
hervor. Er schreibt sich das Verdienst zu, das starke Aufgebot der 
Masovier zur Wahl des..J. ]57a veranlasst zu haben (p. 151). Er 
gibt sich als Anhänger Ostreichs aus, wie auch seine Geschichte 
dem Erzherzog Maximilian gewidmet ist. Dem Gefecht bei Pitschen 
1588 ist er mit knapper Not entronnen und bittet den Erzherzog 


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			ihn aus seiner Bedrängnis und den Schulden zu retten. Ueber 
seinen Charakter teilt Orzelski, falls nicht eine Verwechslung mit 
seinem Bruder Stanislaus V. vorliegt, sehr auffällige Dinge mit. Es 
werden ihm Diebstahl, Betrug und Sodomiterei vorgeworfen; nur 
durch fussfälliges Bitten entgeht er der Verurteilung zum Tode, 
weil er Heinrich durch eine Schrift von der eidlichen Bestätigung 
der Gesetze abgehalten habe (p. 354-35Ii), an anderer Stelle (p.41O) 
werden jedoch die moralischen Defekte dem Stan. Varsevicius zu- 
geschrieben. Seinen katholischen Standpunkt verleugnet V. auch 
darin nicht, dass er die von mediceischer Seite durch flugschriften 
in Polen verbreiteten Verdächtigungen der Hugenotten zur Recht- 
fertigung der Bartholomäusnacht aufnimmt. Er berichtet Einzel- 
heiten über die scheussliche Abschlachtung des Admirals Coligny. 


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rantwortlicher Hcrauigeber: Professor Arthur Semrau in 'I"horn 
Uruck d
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rei der Thorner Ostdeutschen Zeitung G. ffi. b. H. ;.. Thorn. 


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