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			Mitteilungen 


des 


Coppernicus- Vereins für Wissenschaft und Kunst 


711 


Thorn 


26. Heft 


\ 
1 


Sitzungsberichte und Abhandlungen 


.. . .. 


. 


Thorn 
1<0mmissiol1sverlag von Waller lambcck 
1918 


- 


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			. 


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			Inhaltsverzeichnis. 


. 





 


Sitzungsberichle 


Zur lebensgeschichte des Johannes Hyalinus. Von Lic. freytag 


Neue Urkunden ZIIr Thorner Reformationsgeschichte. Von PFarrer 
Heuer . . . . . . . . . . . '_' 


Die Marktgebäude iu Kulm. Vou Arthur Semrau . 


Die Grapengießer und Rotgießer in Preußen. Von Arthur Semrau 


literarischer Anzeiger 


Dcuhmgsversuch des Namens der Koschnaewjer. Von Professor 
Panske-Pelplin 


Pas Djughaus jn dcr Altstadt Thorn. VOll Arlhur Sem rau 


!, r 


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S. I, 17,67 
. S. 3 
S. 4, 18 
S.28 
S.37 
S. 45 


S. 47, 68 


S.81'
		

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			Mitteilungen 


des 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


26. Heft 


März 1918 


Nr. 1 


Inhal t: 
Silzungsberichte und Mitgliederliste S. 1. - Uc. Freytag, Zur Lebensgeschichte 
des Johanlles Hyalinus S. 3. - Heuer, Neue Urkunden zur Thorner Refor- 
mationsgeschichte S. 4. 


Sitz:ungaberichte. 
Monatssitzung am 28. Januar 1918. 
Als ordentliche Mitglieder wurden aufgenommen die Herren 
Oberlchrer Brien und Stadtrat Mallon. Seinen Austritt hat Herr 
Oberlehrer Dr. Albrich erklärt. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr Pfarrer 
Heuer den Vortrag "Versuch einer Reform des Thorner Franziskaner- 
klosters im Jahre 1491." 
Oeffentliche Sitzung am 19. februar 1918, 
dem Geburtstage des Nicolaus Coppernicus, in dem Saale des 
Königlichen Gymnasiums. 
Der Vorsitzende, Herr Pfarrer Lic. Freytag, erstattete den Jahres- 
bericht für das Geschäftsjahr 1917/18. 
Herr Oberlehrer Wiemer hielt den Festvortrag "Hermann 
löns, sein leben und seine dichterische Eigenart." 


mitgliederliste 
Dom £nde des Gesdlltftsjahres 1917/18. 


I. Ehrenmitglieder. 
Bai!, Dr., Geh. Studienrat, Danzig 
Cantor, Dr., Professor, Heidelberg 
Oünther, Dr., Professor, Polytechnikum München 
Hoppe, Verwaltungsgerichtsdirektor a. D., Oberregierungsrat, Wiesbaden 
Bender, Oberbürgermeister a. D., Breslau 
Antonlo favaro, Professor an der Universität Padua 
filippo Serafini, Professor, Pisa 
Steinbrecht, Dr., Prof., Geh. Regierungsbaurat, Marienburg 


-1-
		

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			11. .Ordentliche Mitglieder. 
Auswärtige. Kerber, Lyzeallehrer 
Kittter, Adolf, Kaufmann 
Czaplewski, Pfarrer, Schöneich, Kr.Culm Kittler, Eduard, Kanfmann 
feldtkeller, Riltergutsbesitzer, Kleefelde Kleefeld, Stadt baurat 
Kr. Thorn Kleelllann, Dr., Landrat 
Ooltz, Oberslleutn. a D., Naumburga.S. Koch, Bürodirektor 
Orolllllus, Dr., Gymnasialdirektor, Kolbe, Schlachthausdirektor 
Dt. Eylau König, Dr., Chemiker 
Koerner, Rittergutsbesitzer, Hofleben Kordes fritz, Kaufmann 
Martell, Oberlandesgerichtsrat, Posen Krause, Kreisbaumeister 
Rose, Plantagenbesitzer, finca Morelia Kraut, Dachdeckermeister 
Coatepequa, Guatemala Krüger, Rich., Kaufmann 
Thoms, Brauereibesitzer, Podgorz KUIIZ, Dr., Sanilätsral 
Laengner, Stadtrat 
Leipolz, Stadt baumeister 
Lewinsohn, Rentier 
Lipski, Kaufmann 
Lottig, Rektor 
Lüth, Dr., Arzt 
Mallon, Stadtrat 
Matthes, Kaufmann 
Mendel, Julius, Kaufmann 
Meyer, Ernst, Dr., Geh. Sanitätsral 
Meyer, franz, fabrikant 
Meyer, Paul, Kaufmann 
Milewski, Bankdirektor 
Musehold, Dr., Generaloberarzl a. D. 
Panten, Semin;1roberlehrer 
Prowe, fr., Dr., Professor 
Raapke, fabrikbesitzer 
Richter, Geschäftsführer 
Rogner, Dr., Chemiker 
Romann, Stadtrat 
Rosenberg, Dr., Rabbiner 
Saft, Dr., Sanitätsrat 
Scharf, Zahnarzt 
Schmid, Oskar, Hauptschriftleiter 
Schoenjan, Pfarrer 
Schwartz, Konrad, Baugewerksrncister 
Semrau, Professor 
Sorge, Oaswerksdireklor a. D. 
Stachowitz, Bürgermeister 
Stein, Dr., Justizrat 
Steinborn, f)r., Arzt 
Templin, Rich., Kaufmann 
Thomas, Oskar, fabrikbesitzer 
Tilk, Stadtältester 
Vereh, Kaufmann 
Voelkel, Veterinärrat 
Wartmann, Hauptschriftleiter 
Weese, Stadlrat und fabrikbcsitzcr 
Wellmer, Oberlehrer 
Wendel, Klara, Oberlehrerin 
Wentscher, Schulvorsteherin 
Wiemer, Oberlehrer 
Wilck, Seminarlehrer 
Wolpe, Dr., Sanitätsrat 
Wysinski, Pfarrer 


Einheimische. 
Ackermann, 0., Stadtrat 
Arndt, Pfarrer 
Aronsohn, Justizrat 
Asch, Stadtrat 
Auerbach, Dr., Apothekenbesitzer 
Bialonski, land richter 
Biewald, Kreisschulinspektor 
Born, C., Rentner 
Brien, Oberlehrer 
Brook, Rentner 
Carstenn, Oberlehrer 
Davitt, Zahnarzt 
Dietrich, Kommerzienrat 
Dombrowski, Alfr., ßuchdruckereibesitzer 
Dombrowski, Paul, Buchdruckereibesitzer 
Engel, Direktor der Leibitseher Mühle 
freytag, lic. Pfarrer 
Oerbis, Dr., Arzt 
Oerson, OIlSt., fabrikbesitzer 
Oimkiewicz, Dr., Sanitätsrat 
Ooldenstern, Kupferschmiedemeister 
Ooldmann, Dr., Sanitätsrat 
Oollnick, Pfarrer 
Oörlitz, Dr., Stadtrat 
Orosser, Baugewerksmeister 
"asse, Dr., Oberbürgermeister 
"eininger, Apothekenbesitzer 
"eldt, Apothekenbesitzer 
"erzfeldt, Dr., fabrik besitzer 
11 eil er, Pfarrer 
ltirsch, Max, Kaufmann 
mrschfeld, Kaufmann 
"offlllann, Baugewerksmeister 
"ohnfeldt, Dr., Professor 
van,Huellen Dr., Spezialarzt" f. Chirurgie 
Isler, Dr., Studienassessor 
Jacobi, Pfarrer 
von Janowski, Zahnarzt 
Jerusalem, Baugewerksmeister 
Johannes, Oberlehrer 
John, Seminardirektor 
Keller, Kaufmaun 


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			Zur LebensgesclJicbte des Jobannes lIyalious o 
Von 
Pfarrer Lic. freytag. 
Als eine Einleitung zu den im folgenden mitzuteilenden 
Dokumenten zur Thorner Reformationsgeschichte möge hier ein kurzer 
lebensabriss des Predigers Mag. Johannes Glaser oder, wie er in 
Preußen sich nannte, Johannes Hyalinus geboten werden, über 
dessen lebensumstände noch manche Unklarheit herrscht. 
Johannes Glaser stammte aus Liegnitz. Von seiner Familie 
ist nichts Näheres bekannt, auch ist es bisher nicht gelungen, etwas 
über seine Vorbildung und sein Universitätsstudium festzustellen. 
Zuerst begegnet er uns im Jahre IM6. Am 8. Oktober dieses 
Jahres wurde er in Wittenberg durch Bugenhagen für das Archi- 
diakonat in löwenberg in Schlesien ordiniert. 1) Während er dieses 
Amt verwaltete, scheint er den Magistergrad erworben zu haben, 
doch ist nicht möglich, anzugeben, wo und wann das geschehen. 2) 
Auch schriftstellerisch trat er während dieser Zeit hervor. Es er- 
schien nämlich von ihm: "Von den Versuchungen des Herrn Christi. 
- Durch Magistrum Johannem Hyalinum von der Lignitz. - Ge- 
druckt zu Wittenberg durch Georg Rhawen Erben. Anno 1551." 
Als Vorrede ist der Brief Melanchlhons an Herzog Georg von 
Liegnitz vom Fest der heil. Engcl 155 tabgedruckt. B) In demselben 
preist Melanchthon den Herzog, daß er nicht zu den Fürsten ge- 
hört, die ihre Pflichten vernachlässigen, sondern daß er dafür sorge, 
daß in seinem lande Kirchen und Schulen wohl bestellt sind. 
Dann empfiehlt er dem Herzog noch besonders den Verfasser des 
Buches. 
Hier erscheint, während bei der Ordination Glaser noch den 
latinisierten Namen Vitrianus führt, zuerst die gräzisierte Namens- 
form Hyalinus, die später in Preußen vorherrscht. 
Wie lange QJaser in löwenberg geblieben ist, wissen wir nicht. 
Nach bisheriger Uberlieferung soll er 1556 von hier nach Hirsch- 
berg gekommen sein. 4) Das ist nicht richtig. 15M bis 1557 ist 
er in Thorn als Prediger an der Johanniskirche angestellt gewesen. 1) 
Von hier wandte er sich wieder nach seiner schlesischen Heimat 
und wurde zunächst Pastor in Hirschberg (j) und endlich im Jahre 


]) Buchwald, Wittenberger Ordiniertenbuch 11 S. 52. 

) Bei seiner Ordination führt er den Magistertitel nicht, dagegen schon 
auf dem Titel seiner Schrift von 1551. Bei Köstlin, Die Baccalaurei und Magistri 
der Wittenberger philosoph. fakultät von 1503-1560, Halle 1887-91 findet sich 
sein Name nicht. 
3) Corpus Reformatorum VII Sp. 836 ff. Correspondenzblatt d. Vereins f. d. 
Gesch. d. ev. Kirche Schlesiens V S. 149 Anm. 2. - Auf dem drittletzten Blatte 
steht: Johannes Hyalinus des Eltern Glasersson von Lignitz. 
') Ehrhardt, Presbyterologie des Evangelischen Schlesiens, Teil 111, 
2. Hauptabschnitt, fürslentum Jauer, Liegnitz 1784 S. 175 vgl. S. 386. . 
b) Urkundenbuch des Bistums Culm, Danzig 1881, S. 882. Heuer, Vom 
kathol. Thorn vor Lnther und wie Thorn evangelisch wurde, Thorn 1917, S.36. 
I;) Ehrhardt, a. a. O. S. 175. 


-3-'"
		

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			1062 Prediger an der St. Martins-Pfarrkirche in Jauer. 1) Am 21. 
September dieses Jahres hat er hier zum ersten Male gepredigt, und 
am Ja. Dezember wurde in der Pfarrkirche zum ersten Male das 
Abendmahl nach evangelischer Weise gefeiert. 2) Unmittelbar darauf 
trat ihm aber auch hier das katholische Kirchenregiment entgegen. 
Am 18. Dezember 15ö2 schrieb der Bischof von Breslau an die 
von Jauer, sie sollten den ohne sein Wissen angenommenen sec- 
tischen Prädikanten Hialinus bei 500 Gulden Strafe sofort entlassen, 
und gab ihnen Anweisung, mit dem Domherrn Georg Fabri über 
die Neubesetzung der Stelle zu verhandeln und diesen ihm zu präsen- 
tieren. 3) Tatsächlich hielt Glaser auch am 18. Dezember t 662 seine 
letzte Predigt in Jauer und der genannte Fabri wurde sein Nach- 
folger im Pfarramte. 4) Daß er selbst damals gestorben sei, ist 
nicht anzunehmen. Er wird vielmehr dem Drucke haben weichen 
müssen, ohne daß wir wüßten, wohin er sich gewandt habe. 


Neue Urkunden zur TllOl'fler Iteformatioosgescbicbte 
von Pfarrer "euer, Thorn. 
Die ersten evangelischen Prediger Thorns, die wir mit Namen 
kennen, waren *) der Franziskanermönch Bartholomäus in St. Marien 
und der Priester Jakob Schwoger 1), der in St. Jakob die Vikariate 
Corpus Christi und Omnium Sanctorum, in St. Johann das 3. 

inisterium am Andreasaltar und das Predigtamt inne hatte 2). 
Uber das, was sie predigten, erfahren wir Einiges gelegentlich 
ihres Zusammenstosses mit dem Bistumsverwalter Martin Zehme 
im Jahre 1536 3 ). Schwoger wirkte bis 1540, wo er seines Alters 
wegen abdankte 4), Bartholomäus noch länger. - 1551 vermutlich 
]) Vorher scheint er sich in Liegnitz aufgehalten zu haben, wenigstens 
wird ausdrücklich berichtet, daß er von dort nach jauer geholt worden sei und 
zwar uicht als Pfarrer, sondern mit dem Auftrage, während der Krankheit des 
alten Pfarrers, des Domherrn Martin Tilius, das Predigtamt zu verwalten. (Cor- 
respondenzbI. u. s. w. V. S. 15t. Danach ist Ehrhardt, a. a. O. S.79 zu berich- 
ligen.) Doch hat er in Liegnitz keine amtliche Stellung bekleidet. (Milteilg. 
von Herrn Pastor prim. Dr. Bahlow in Liegnitz.) 

) Ehrhardt, a. a. O. S. 79, Correspondenzblalt u. s. w. V. S. 149. 
3) Correspondenzblatt u. s. w. V. S. 149 No. 60. 
') Er trat das Amt zu Weihnachten 1562 an. Ein gleichzeitiger Bericht 
leg-t bei der Schilderung der Vorgänge in jauer dem johannes Glaser die ärgsten 
Schmähungen gegen das Altarsakrament und den Versuch der Slörung des 
katholischen Gottesdienstes zur last. 


0) ganz flüchtig erwähnt wird schon im jahr 1525 ("Mitteilg. des Copp. 
Vereins" XIII. S. 158) Matthies Monsterberg: Der Rat ermahnt ihn, in seinen 
Predigten die Mönche nicht Verräter odcr Schalksknechte zu schelten und kein 
Aergernis wegen des fegefeuers zu geben. Dass er die Mönche schalt, .ist noch 
kein Beweis für evang. Gesinnung; die Klo sterleute sind auch von altgläubigen 
Priestern heftig angegriffen worden. Aber das Aergernis mit seiner Lehre vom 
fegefeuer läßt darauf schließen, daß er evangelisch beeinflußt war. Ob er 
aber d
halb schon als evang. Prediger anzusprechen ist? Wir wissen leider 
nicht, an welcher Kirche und wie lange - und zwar im evang. Sinne - er 
gepredigt hat. 1) Die mit Zahlen bezeichneten Anmerkungen stehen am Schluß 
des J\ufsa!zes. 


1. 


-4-
		

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			ist dann Anton Bodenstein aus Wittenberg (ein Neffe des bekann- 
ten Andreas Bodenstein aus Karlstadt, kurz Karlsladt genannt) hier 
im Sinne der evang. Bewegung tätig gewesen ö). 
Der erste aber, der uns in greifbarer Gestalt vor Augen tritt, 
ist Magister Johann Glaser oder Hyalinus aus Liegnitz 6). Im Jahre 
1554 hatten die Thorner ihren Pfarrer vertrieben, und zwar muß 
das vor dem 25. Juli geschehen sein, an welchem Tage bereits der 
Sekretär des Königs, Grabowiecki, aus Wilna darüber an den erm- 
ländischen Bischof Hosius in Beantwortung eines dahinzielenden 
Briefes des letzteren 7) schreibt. Der Kulmer Bischof, Lubodzieski, 
bemühte sich - der König hatte gerade das Besetzungsrecht -, cinen 
"guten, gelehrten Mann" an der Johanniskirche anzubringen, und 
gewann den Isaak Homer aus d
m Ermlande, den ihm wohl sein Kollege 
Hosius empfohlen hatte; Hosius hielt ja, auch nachdem er den Kulil1er 
Bischofssitz mit dem Ermländischen vertauscht hatte, immer noch seine 
Augen auf seine frÜhere Diözese gerichtet und war unermÜdlich im Be- 
raten, Ermahnen, Anspornen seines Nachfolgers, der als ehemaliger 
Wittenberger Student den leidenschaftlichen Katholiken stets als ein 
Lauer galt oder gar des heimlichen Luthertums verdächtig war. Als Ge- 
gengewicht gegen diesen neuen Pfarrer Homer S ) beriefen die Thorner 
den Hyalinus, einen kampflustigen Lutheraner (freneticus nennt ihn 
Grabowiecki), der von Bugenhagen evangelisch ordiniert, vorher 
in Löwenberg in Schlesien amticrt hatte!Jf Als sie ihn dem Bischof 
präsentierten 10), ohne ihm Gelegenheit zu geben, ihn auf seinen 
Glauben hin zu prüfen 11), verweigerte dieser ihm die Anstellung, scharf 
gemacht durch Grabowiecki 12). Der Rat schickte nun den I-tyalinus 
nach seiner Heimat Schlesien, um sich dort die nötigenliterae dimisso- 
riales zu besorgen 18), und schließlich nach Riga zum Erzbischof, damit 
cr von diesem die Ordination empfänge 14), denn die evangelische 
Ordination durch Bugenhagen erkannte der Bischof natürlich nicht 
an; fiir ihn war H. ein purus laicus. Erzbischof war damals Mark- 
graf Wilhelm von Brandenburg, ein Bruder des Hcrzogs Alhrecht 
von Preußen, ein kirchlich gleichgiltiger Mann; soweit er religiös 
gesinnt war, neigte er mehr zur evang. als zur kathol. Seite hin. 
Hyalinus wurde denn auch wirklich vom Erzbischof ordiniert 15) 
und k
hrte Ende Dezember nach Thorn zurÜck 16). Daß er dann 
hier über die erzbischöfliche Weihung lecht verächtlich urteilte 17), 
ist nur natürlich. Auch der Bischof war nicht befriedigt, obwohl 
ihm die betr. Briefe des Erzbischofs vorgelegt wurden IB), denn als 
der Rat ihn am 5. Januar des folgenden Jahres (1555) bat, dem H. 
das Predigen zu gestatten _. es war grade der große Heiligedrei- 
königs-Jahrmarkt und viel Fremdemustrom in Thorn -, schlug er 
es rundweg ab und verbot diesem das Predigen auf das 
Bestimmteste 19). 
Hyalinus predigte aber dennoch ! - Der Bischof scheint zu- 
nächst keine Gegenmaßregeln ergriffen zu haben, ja, nach des 
Rats Behauptung setzte er den H. schließlich als Prediger ein 
O). 
Böse Tage hatte unterdes und nachher der arme Pfarrer 
Homer. In einem tränenfeuchten Schreiben an seinen Gönner 


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			I 
I 


Hosius meldet er, er habe alle Hebel in Bewegung gesestzt, die 
verirrten Schafe in Thorn wieder auf den rechten Weg zu bringen; 
vergebens! Hyalinus arbeite ihm entgegen und rege die Gemüter 
gegen die katholische Kirche auf; er predige, daß die Heiligen und 
die Reliquien nicht zu verehren, Wachskerzen auf den Altären nicht 
anzuzLinden, die Metten- und Vespergebete unnütz seien; er rede 
über die Messe und die I	
			

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			" 


recht genau kennen zu lernen: es sind das Briefe 28) des Thorner Rats 
an den auf dem R
ichstage zu Petrikau sich aufhaltenden Bürger- 
meister Johann Stroband und seine Begleiter (in dem Sammel- 
bande X 2, Katalog 11 S. !:!:Hf). Dieser Reichstag war im April 
eröffnet worden und beschäftigte sich fast ausschlieslich mit kirch- 
lichen Forderungen der zahlreichen evangel. Adligen Polens, die es 
im Mai durchsetzten, daß nicht nur den geistlichen Bannflüchen 
nicht mehr die Unterstützung des Staates geliehen werden sollte, 
sondern auch, daß bis zu einem in Aussicht genommenen National- 
konzile dem Adel das Recht zustehen solle, in seinen Häusern Gottes- 
dienst abhalten und ev. Geistliche anstellen zu dürfen. Die poli- 
tische Lage war also Hir die Thorner in diesem Streite gÜnstig! 
In dem ersten der hier inbetracht kommenden Briefe vom 
17. Mai macht der Rat Mitteilung von der "Inhibition" des Bischofs 
und von der Antwort, die er diesem auf das Begehren, den nicht 
legitime ordinierten Prediger nicht zu dulden, gegeben habe: Er, 
der Rat wüßte von einer ni c h t legitimen Ordination nichts, der 
Bischof habe ja selbst des Erzbischofs Briefe gesehen, er möchte 
sich doch bis zur Rückkehr Strobands aus Petrikau gedulden.-: 
Es folgen nun die beiden Briefe vom 28. Mai u. ü. Juni wortgetreu 
in extenso; die Laute sind genau wiedergegeben (woll, umb, 
hot, lossen, VorsiLbe vor. . . statt ver. .., auffallenderweise auch 
sehr oft bo . . . statt be . . ., z. B. boschwert, boständig u. drgl.*). 
Orthographie und Interpunction jedoch, da der Briefschreiber mit ihr 
völlig willkürlich umspringt, zur Erleichterung des Lesens der heu te 
üblichen angenähert. 
Brief vom 28. Mai. 
(BlaU 82 des Sammelbandes) Unsren freundlichen Gruß mit 
Wunschunge gottlicher Genaden allezeit. Ehrbare, namhafte und 
wohl weise, vielgunstige Herren, gute Freunde! Wir wollen Ew. 
Er. Weisheit nicht bergen, wie auch unlangest in unserem Schreiben 
vor meldet, daß der Herr Bischof von Culmsee der Ursachen, als sollt 
unser Prediger nicht legitime ordiniret, allein (= sondern) 
purus laicus sein, derwegen seiner hochsten Gnaden amts- 
halben solch Personen in Kirchendiensten ihrer Jurisdiction 
zu leiden nicht gebüren woll, hot dem Herr Prediger ein 
In h i bit ion, sich gänzlich ferner der Kanzel und Predigtamts zu 
erhalten (sie! soll heißen: enthalten) zugefertiget und überantworten 
lossen. Weswegen der Herr Prediger höchlichen be wege t, hot er 
bald dornoch im nächsten Sermon offentlich auf der Kanzel zorn- 
miitiglichen weitläufig, wie vormeint wird, auf den Herrn Bischof 
und geistliche Pfaffen, Munche, Nonnen invehiret und also aus- 
rufende: Sie Mastbäuche, daraus Brotwurste anzurichten, feile 
Pfaffen, ungelehrte Esels; du grober Bachante,**) schreib mir, wann 
du wilt lateinisch und nicht deutsch; k1l111st nicht drei lateinische 
Worte; wann das vonnoten, ich will mit dir disputiren; du bist 
nicht mein Richter, sege (= sehe) dich nicht dorvor an etc." 
.) vgl. Änm. 29. 
..) B. = älterer Schüler; die jüngeren wurden Schiitzen genannt. 


fI 


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			Ohn das, was ist sonst mehr oder weiter boruhrt, laB wir bo- 
ruhen. 
Des ist dieselbe Zeit des Herrn Bischofs Diener, der Nimtzen Sohn 
aus dem Colmischen Lande, in der Kirchen gewest, solche Invectiva 
selbst angehort, welchs dovon wie der Herr Bischof boricht wurden, 
boschwerlichen das aufgenommen; hat sein Gnaden den Herr 
Prediger durch ein Capplan Albertum judicialiter schriftlichen uno 
Edicto pro tribus et peremptorie ad quaecumque objicienda iudicia- 
liter responsurum *) laden lossen auf nächst vorgangenen Freitag, 
welchs gewest 2-1. Maij (8
b) zu compariren. Demenoch auf des 
Herrn Predigers sonderlich Bitte haben (sc. wir) dem lierr Bischof 
schriftlichen ersucht, bittende, noch deme daß sein hochste Gnaden 
hätte ein Citation pro termino designato dem Herr Prediger insi- 
nuiren lassen und derselbte sich gehorsamlich zu gestellen gutwillig 
offeriret, allein suppliciret, wir wollten uns bofleißen, bei seiner Gn. 
zuwegezubringen, daß wie der Herr Bischof praetensam actionem 
causae und die rechtliche Zusprüche mochte erstlich declariren 
lassen; dergleichen, wann nu die Erklärungen der Klage und 
Furderunge eingebrocht, quandoquidem nimis maturum et breve esset 
peremptorium, daß ihm mochte die Dilacion ad deliberandum **) 
vorgunnst und zugelossen werden, furder auch sein hoch. Gn. 
um ein frei, sicher Geleit zu und abe zu bitten etc. domite also 
tanquam reus instructus, worauf und was ihm zu antworten wollte 
gebühren, und sonderlich vormitte1st der Bodenkzeit und dem Geleit 
wohl vorsichert, ohne Fährlichkeit und Sorge vor sr. Gn. alsdenn 
mochte compariren, solches alles auf des Herrn Predigers Bitte in 
seinem Namen mit treulichen, herzlichen Fleiß unabschlahenlichen 
fürderend, haben seiner Gn. schriftlichen zugestellt. Worauf sein 
Gn. geantwort, daß, angesehen eines E. Rats Vorbitt, den terminum 
vom Freitage bis auf nächstfolgenden Sonnabend, das ist auf den 
25. Maij, thäte verlegen, welchen länger zu prorogiren nicht tun 
kunde. Die Ursachen aber der Citacion dem Herr Prediger anzu- 
kunden, wär nicht vonnoten, welchs alles auf sein gehorsam Compa- 
rition er selbst von seiner Gn. horen und (83) einnehmen wurde.- 
Soviel und mehr nicht auf unser Bitt bericht uberkcmmen; was 
bolanget die Vorsicherunge des frei Geleits, hot man in der schrift- 
lichen Boantwortunge mit Schweigen vorbeigangen, denn es ist am 
wenigsten nicht gedocht. Darumbe wir denn also vorursacht, von- 
wegen des Geleits zum widermole (d. h. zweitenmale) an sein Gn. 
eilende ohne Verzug zu schreiben, abermols mit mancherlei vieler 
Erwägunge solcher Sachen sorgfältiger Gelegenheit bittende, sein Gn. 
gerüche dem Herr Predicanten auf unser so fleißig sorgsamIich 
ernstlich Bitte und Ersuchen ein frei, sicher, ungefährlich Geleit 
zuzufertigen und bohendigen etc. Solche unser hochfleißige Bitte 
ist mi 

diesen Worten im Latein, dweil, wie wirt angezeigt, kein 
*) H.-wird durch dies eine Edict (statt der sonst iiblichen oder vor- 
gesehenen dreimaligen Vorladung) aufgefordert. sofort vor dem Bischof zur Ver- 
antwortung zu erscheinen [so nach freundl. Mitteilung des Herrn Prof. Waschinski- 
Posen]; die Anklagepunkte sind im Einzelnen nicht angegeben. 
**) Bedenkzeit. 


, 


-8-
		

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			deutschen Schreiber bei die Hand gehabt, namlich also kurz 
(sc. beantwortet): Salutacione praemissa etc. Sententiam literarum, 
quas Spect. D. vestrae mihi scripserunt, intellexi. Si id, quod petunt 
a me, integrum mihi esset, lubens acquescerem. Ceterum aliud 
tcmporum nostrorum ratio atque officij mei pastoralis postulat 
necessitas; velim, ne mihi vitio dent, cum minus possum facere, 
quod a me tantopere contenditur. Opto, Spect. D. vestras bene ac 
foeliciter valere. 24. Maj 1555. Daß uns also zum wiederen Mole 
unser Bitt und Bogehr abgeschlagen, hot uns hochlich bekommert. 
Dann, wie wir vormerken, daß wiewohl der Herr Prediger solches 
dohin tut deut en, daß er nicht den Herr Bischof, sonder den Herr 
Kanzler oder die gemeine Meßpfaffen prätendiret, so ist dennoch 
der Herr Bischof des keinswegen zufrieden, und man kann ab- 
nehmen, daß ihn solches *) großer bowegt, als daß der Herr 
Prediger nicht legitime sollt sein ordiniret. Wir haben in Ew. 
Weisheit Abwesen binnen Rats dreimol und sonst auch aus unserm 
Mittel durch sonderliche Personen den Herr Prediger (83 b) gutlich 
ermahnt und gebeten, er wolde von solchem seinem Furnehmcn, 
imand auf der Kanzel zu calumniren understehen, nochlossen, 
welchs, wiewohl zum Teil zugesaget, er wolde sich wissen zu 
moderiren, so hot er dennoch das, wie gebeten, nicht unterlossen. 
Derwegen mit mannigfaltiger, treu er Sorgfältigkeit, als die, welche 
alle gerne sähen, domit der Herr Prediger ungehindert bei seinem 
Amte mochte b
schirmet und gehandhabt werden, haben von solcher 
Sachen geratschlaget und seind ubereinkommen, daß auch solches 
nicht allein gegen seiner Gn., besonders auch der Gemeine, bei 
welche ein E. Rat vordechtlich, als wollt man dem Herr Prediger 
mit guter Furderunge nicht Beistand tun, ein fast großer Ansehen 
mochte gewinnen, haben aus unserem Mittel die fürnehmsten, 
welche itzund kund vormögen und zuwegebringen, nämlich die 
EI bJre Namhafte und wohlweise Herren Niclas von der Linde, 
ßernhart Pul man Burgermeister, Jacub Wendt, Marcus Mochinger 
Ralmann .." gestrigen Sonnabend zu seiner Gn. zu fahren ver- 
mocht und mit vollkommlicher Instruction abgefertiget. Dieselbte, 
wie sie zum Altenhause ...) ankommen, haben den Herrn Bischof 
von wegen des E. Rats ersucht, und noch angetragenem Gruß under 
anderen vielen Reden und fleißigem, starkelTI Bowegnis allenthalben 
der Sachen Gelegenheit noch, seiner Gn. angezeigt, wie der Herr 
Prediger vor einem Er. Rat sich hochlich boschweret, daß, noch dem 
bei seiner Gn. mit mannigfaltigem Fleiße ein Erbar Rat intel"cediret 


.) er fühlt sich also persönlich beleidigt, daher seine Gereiztheit und Hart- 
näckigkeit. 
..) Nic1as von der Linde 1523 Ratmann, 1540 Bürgermeister, t 1563; hatte 
den Zunamen "der Sittsame". - Bernhart Pulmann 1550 Rtm., 1554 B Mslr. 
t 1577; gebiirtiger Hamburger. - Jacob Wendt 1545 Rtm., nahm mit Grege; \ 
Straus als erster in Thorn 1557 öffentlich das Abendmahl nach evangelischem 
Brauch, t 1573 - Markus Mochinger 1549 Rtm., t 1571. Prätorius, Thorner 
Ehrentempel. 
...) Schloß Althausen bei Kulm war 1505 vom Könige dem Bistum Kulm 
zur Dotation geschenkt worden. 


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			und er sich sonderlich vor seiner Gn. gutwillig pro termino zu er- 
scheinen erboten, quoniam autem in Citacione non exprimuntur res 
et causa (84), super qllibus Judex vel Actor intendit agere, u. man 
ihm solches noch nicht wi!l declariren, die Induciae deHberatoriae *), 
wie auch die Vorsicherunge eines freien Geleits dem Reo abge- 
schlagen und vorsagt, derhalben, wie er angezeiget, ihm solde geroten 
sein großer Fährlichkeit und Hindernis, so ihm mochte widerfahren, 
in keinen Weg ohne Geleit sich vor sr. Gn. zu gestellen etc., wie 
denn allein zu seiner Gn. wär ein Erbar Rat gewisser standhaftiger 
Hoffnunge, was man nicht hätte abwesende durch schriftliche preces 
kundt transigiren, daß solches mit Gottes Hilfe durch l11undliche 
Werbunge und Bitte wurde zuwegebrocht werden, demenoch in 
solcher trostlicher Zuversicht wären die Herren Gesandten an 
seine Gn. abgefertiget etc. Wo dann doselbst sein Gn. Ein 
Erbar Rat mit hochfleißigen Treuen mannigfaltig, was ob!igein (?) 
Fahr und Boschwerunge, wo die Sache also heftig fürge- 
nommen und geschwinde solde vorfurdert werden, mochten hierzu 
drangen und doraus sich erregen, das alles zu betrachten woll 
erwogen, bittende, sein Gn. woll das in großeren, reifen, tap- 
feren, genädigen Bodenken noch ein kurze fügliche Zeit, bis der 
Reichstag geendet oder die Unser, welche diesmol abhäuslich, 
gesund und mit Heil wieder heimkommen, lossen stille beruhn, oder 
jo, wie auch vielfaltig sein Gn. zuvor gebeten, itzund gegenwärtiglich 
mit ihren personlichen Beiwesen mundlich ihn bitten, daB die Action 
und Zusprüche dem Herr Prediger mochten erkläret, die Inducien 
ihm auch vorgunnt und mit sicherem Geleit mochte vorsorget werden 
etc. (84 b) Dogegen sein Gn. gesaget, also, daß er als ein Richter, so 
den Prediger ex officio ci ti ret, wäre nicht schuldig, die Ursachen, 
worumbe derselbte vorgeladen, anzuzeigen. Was auch der Herr 
Prediger ihm Geleit zu geben bogehrte, wär ihm keinswegen zu tlln 
kund lind durfte ihm nicht vorsichern, denn e:n Jeder, der furge- 
heißen und citiret wurde, wär pflichtig zu compariren, doseJbst an- 
zuhören, was ihm wird proponiret, dorallf also sein Antwort geben etc. 
Die Herren Gesandten, auf daß die Sache möchte herzlichen 
treulicher gefürdert und dem Herrn Bischof gründlicher ahne Scheu 
mochte declariret werden, begehrten, mit seiner Gn. in Geheimnis 
remotis arbitris zu reden. Als nu solches gegunnt, haben die Herren 
Oesandten wiederum van Anfange alle der Sachen Gelegenheit, 
Circumstancien und rechtmäßig Vorbedenken mit weitläufigerem Bo- 
griff als zuvor geschehen repetirende expendiret, zum fürderlichsten 
under anderen, daß man viel schwer Unkost auf den Prädicanten 
verton lind ausgericht, daß man den kunnt zuwegebringen. Nu 
wäre die ganze Gemeine ihm seiner evangelischen lehre fast groß 
sehre zugetan lind täten dem beipflichten. Wann nu derselbte 
solde also jächling removiref werden und seins Amts entsatzt, 
wär zu besorg
n, daß von der aufruhrischen haderigen gemeiner 
Burgersc haft, wie vor Zeiten **) bei unsern Vorfahren, welchs Gott 
.) längere Frist zur Ueberlegung-. 
..) sie denken all den Aufstand der Ziinfte 1523: Kestner S. 146 H. 


-10- 


I 
. 


t
		

/Pomorze_039_03_015_0001.djvu

			abwende, erschrockenlich Tumult sich erreget und geschehen, 
domite ein Erbar Rat mochten ubereilet oder auch selbst die BÜrger- 
schaft under einander wie bei unserm in kurz vorruckten Zeiten an 
viel Orten, welchs Gott erbarme, geschehen, vorursacht mit Aufruhr 
non incruentam sedicionem et (85) discordiam concitiren, doraus der 
Stadt Gemeine in ein solchen wichtigen Irrtum eingefuhrt, welcher 
zu langen Zeiten schwerlich aufgehaben und hingeleget mochte 
werden. Solcher Sachen halben ein Rat und etzliche von der Ge- 
meine, welchen Friede und Einigkeit liebet und gefällig, großer 
Angst, Sorge und Forchte, sie zu ubereilen, fast groß sind er- 
schrocken etc. Es kunde sich auch sein Gn. geruhiglich vorerinnern, 
was unser Gemeine jene Zeit gar geringschätzige Ursachen klage- 
weise vor kon. Maj sich wider ein Rat zu fürderen understanden, 
welchen, wär nicht mit zeitigem gutem Ratschlag zuvorkommen, 
wär ein fast erschrecklich catastrophe gefolget. Es wollde sein Gn. 
sonderlich auch fleißig bodenken, daß in diesem Colmischen Lande 
wär sein Gn. fiirnehmster Präsident, hätte auch das Ansehen und 
sonderlich von männiglich dovor geachtet wurde, welcher domite 
das Wort Gottes lauter und klar zu der Ehren Gottis gebraucht, 
auch dem Volk vorgetragen und eingepflanzt fleißiglich täte fiirderen. 
Derwegen Ein Erbar Rat, welcher herzlichen treulich gerne alle 
Dinge, daß die bei gutem Friede und Einigkeit mit der Gemeine 
mochten bisherer beruhen, erhalten und votbleiben, zum Wiedermol 
von neue sein Gn. mit aufrichtigem Gemüte mannigfaldig er- 
mahnende und warnende, dienstlich und demÜtig gebeten, sein Gn. 
geruhe, solcher gefährlichen der Sachen Gelegenheit, Umstände und 
eines Erb. Rats treulich Bodenken, Ermahnung und Bitt achtnehmen, 
mit sich treulich beratschlagen (8ob), betrachten, erwägen und eins 
bessern besinnende, zum türderlichsten ein Aufsehen haben, die 
Sache nicht so heftig, besonder seiner Gn. ernsthaftig GemÜte 
anderswohin wendende, noch aller Notdurft, wie sein On. solchs 
vor das Beste an seinem hohen Vorstande erkennen wird, sänft- 
miitiglich furnehmen und von Nimande sich bomÜhen und anhalten 
lossen, daß dergestalt wie angefangen, geschwinde ein Furgang 
gewinnen mochte; ein erbar Rat wär der ganz treulicher Zuversicht, 
daß sein Gn. genädiglich merkende die geschwinden Läufe dieser 
widerwärtigen unfüglichen, gefährlichen Zeit, welcher viel nochzu- 
geben ist, solche Sachen zu bis füglicher und recht gelegener acco- 
1I10dando sese tempori, wie sich geziemt, wurde zu fuderen fur- 
nehmen wissen, auf solche vielfaltig demütig Ersuchen und Vorbitte 
wird sich post tres repulsas*) also wie gebeten, daß die Sache 
mochte suspendiret werden, sich vom Erb. Rate' lossen erbitten, 
oder jo am wenigsten dem Herr Prediger praetensae actionis decla- 
rationem tun. Der terminus, auch dieweil auch derselbe ob 
angustiam temporis zu compariren sich nicht kann geschicket 
machen, mochte differiret und sonderlich mit freiem Geleit zu und 
abe vorsichert werden. 


.) wohl zu ergänzen slIpplicationes, vg1. 82b; es sind die 3 Bitten um 
Erklärung der Anklage, Bedenkzeit und freies Geleit. 


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			Hierauf sein Gn. lange stillschweigende noch gehabtem Bo- 
denken fast hin und wider bosinnende, bei sich selbst zu Rate 
wurden und also sagende dies zur Antwort gegeben: Es kunde 
und wußte das, wie begehret, sein Gn. nich t zu tun, auch keinss 
wegen zu verantworten; allein, domite dennoch auf Eins Erb. Rats 
solche mannigfaltige Bitte und Anhalten etwas (8ö) nochgegeben und 
vergunnt wurde, wolde den terminum bis auf schierkünftigen Don- 
nerstag den 30. Maij erstrecken, daß er [der Prediger] sich vor sein 
Gn.gestellete, worinne beklaget und boschuldiget, anzuhören und zu 
vorantworten, wie Recht ist. 
Dogegen die Herren Gesandten seiner Gnaden geantwort, 
man hätte sich keinswegen verhofft, daß solche trau herzige Inter- 
cession, Vormahnunge und Bitte Eins Erb. Rats so ganz geringe 
achtende, so leichtlichen balde sollte abgeschlagen sein worden. 
Dann sobalde der Herr Prediger wurde boricht werden, daß man 
kein Geleit bei seiner Gn. zuwege kunde bringen, wird er sich -- 
dweil ihm das ist mannigfaltig widerroten und sonderlich aus unser 
Bürgern Beredunge, welche ihm sich zu gestellen und Gehorsam zu 
leisten tun abhalten - (sc. nicht stellen). Dennoch sein Gn. gesagt: 
Ewr Weisheit tun mich mannigfaltig bitten und ermahnen, daß ich 
solde derselbten nochgeben und die bewilligen. So bitte ich auch 
wiederumb, Ein Erb. Rat und Ew. Weisheit wollten von solcher 
Bitte weiter abstehn und mich in meiner Jurisdiction, daß die nicht 
wormit vorletzt oder vorhindert, verhalten und vorbleiben lassen. 
Denn es wär meins Achtens viel besser, Ew. Weisheit wär zu raten, 
wie solche Intercession, daß die Sache bis noch dem Reichstage 
solide beruhen, ließe unterwegen, denn ich vormerke, jo länger ich 
den Prediger bei euch vorbleiben lassen werde, jo länger mit ihm 
großer drein kommen, das vielleicht Einem Erb. Rate viel Unbo- 
quemlichkeit und mehr, als Gedanken haben, wird bogegnen. 
(86b) Ferncr zum letzten, wie nu auch dieselbte Zeit des Ge- 
zeugnisbriefes *), so von dem Herrn Erzbischof von Rige dem Herr 
Prediger wegen «;Jer Einweihungen, wes Inhalts mitgeteilt, gedocht 
wurde und der Herr ßischof selbst solches eingefuhrt und mit 
Worten Meldunge getan, also sagende: hätte ich erstlich soviel 
gewußt wie itzund erfahren, wolIde dem Prediger den Predigt- 
stuhl nie zugelossen noch eingeräumet haben etc., ist weiter 
seiner Gn. angezeiget, daß der Herr Erzbischof solchen Brief 
mit sei n e m Sie gel und ei gen er Ha n d un der s c h ri e ben, b e- 
s tä ti get und certificeret, hier auf solche vor sein Gn. producirte Testi- 
monia (sc. der Bischof) den Herr Prediger auf-und angenommen und 
allenthalben sein Consens gegeben und in solch Amt instituirt und ein- 
gesetzt, (sc. wir) wußten solche Briefe, welche, wie nicht anders vor- . 
meinen, authentice sein ausgangen,auf kein ander Gestalt wissen noch 
zur Zeit zu deuten, denn wir achtens, wie man gemeinIich saget, das 
boschrieben Zeugnis mehr als aus Hörensagen gemeine Rede be- 
s tehen kan n etc., hierauf sein Gn. boschließende unter andern zu 
.) vgl. S. 95b: diploma. 


I 


- 12 -
		

/Pomorze_039_03_017_0001.djvu

			vorstehen gab, er gedächte den Prediger weiter nicht zu dulden. 
Wo auch seintwegen der Sachen oder sonst von Imand wurde sein 
Gn. angefochten, woll solches allenthalben wissen zu vorantworten. 
Also haben die Herren Gesandten, welche kegenwärtig alle samt- 
lieh von wegen Eins Erb. Rats wie auch itzlicher sonderlich vor sein 
Persone treulichen fleißig bittende ermahnende angehalten, daß man 
auch augenscheinlicher seiner Gn. zu verstehen gegeben, oder die 
Sache lauterer fur die Augen zu stellen als geschen nicht tun kunnt, 
domite haben die Herren Gesandten nicht alleine von den ange- 
tragenen (87) Gewerben mit ihrer Bitte etwas ausrichten, besonder 
auch am wenigsten kein Vortrostunge zuwege ku nt bringen. Die- 
weile der Herr Bischof kein dilacion weiter will gonnen, besonder 
also heftig urgierende, den angefangenen Proceß zu continuiren 
furgenommen, haben wir in der Eile nicht gewußt, was hierinne 
weiter zu tun; seind zu Rate worden, haben furgenommen und auf 
solchen Werk gedacht, domite sich die gemeine Burgerschaft nicht 
uber uns haben zu beschweren, schicken wir Ew. Weisheit des 
Herren Predigers Gezeugnisbrief, welchs vom Herrn Bischof von 
Rige hot uberkommen, Ew. Weisheit wollen bei Kgl. Maj. suppIi- 
rende versuchen, daß man kunde doruber confirmationem Regiam *) 
uberkommen; wo auch Ew. Weisheit dunkt geroten sein, mocht 
das bewegt werden, wie der Herr Bischof er s tI ich auf solches 
Testimonium und commendationem den Herr Prediger willigklich 
an- und aufgenommen, das Predigtamt frei zugelossen und vor- 
gunnt, i t z und aber will sagen, er sei nicht legitime ordiniret worden 
etc. Wie dem allen, es werden E. Er. Weish. aus diesem unserm 
Schreiben und Boricht, wie auch sonderlich aus den mancherlei 
Vorhandlungen, so sich in dem Reichstage zugetragen, und was 
sonst Boscheid der Sachen Gelegenheit noch wir E. Er. Weish. 
schreiben, bei sich wissen, welches der Feder nicht durften haben 
vortrauen etc der Sachen zum Besten, was alle die Notdurft er- 
fordert, das alles fleißig wissen auszurichten. Wir haben auch an 
diesem Tage mit dem Herr Prediger mancherlei Bowegnis gehabt, 
dovon wär weitläufig zu schreiben, dieweil aber angemerket, daß, 
was er furgegeben, wenig sein Sache mochte furdern, haben es vor- 
bleiben lassen; dennoch (87b) domite er, dieweile nicht will pro 
termino auf kunftiigen Donnerstag selbst compariren, nicht mochte 
von dem Herr Bischof in contumaciam so eilende dec1arirt werden 
haben ihm also geraten, dweil der Herr Bischof zuvor ungeladen 
.) Auf einem Zettel, der an einen Brief vom 17. V. angeklebt ist, weil 
das folgende erst nach Besiegelung des Briefes zur Kenntms des Rates 
e- 
kommen sei, steht, daß man (sc. doch wohl: von polnischer Seite her) in Rom SIch 
befleißigt habe, "daß die Authorität, so der Herr Erzbischof (Sc. von Riga) auf 
den Kulmischen Bischof gehabt, solde in den H. Erzbischof von Gneznaw 
transferiret sein." Stroband möchte fleißig nachforschen, denn wenn das der 
fall, würde die (sc. kgl.) Confirmation (sc. des Diploms des Predigers) schwerlich 
zustandezubringen sein. 
Da im Brief vom 28. V. (dr. BlaU 87) Stroband gebeten wird, eine kgl. 
Confirmatioll zu erwirken, wird dieser Zettel zu die sem Briefe gehören und 
später irrlümlich auf deli vom 17. V. angeklebt worden sein. Der Brief vom 
17. V. war ja schon versiegelt, als dieser Zettel geschrieben wurde! 


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"\
		

/Pomorze_039_03_018_0001.djvu

			dem Herr Prediger das Amt durch ein Inhibition, welche ihm 
der Capplan Albertus also schlecht insinuiret, gelegt und zu 
predigen gewehret, also precipitanter sein proceß angefangen, 
daß er Imande aus unsern Burgern sein Vollmacht gebe 
und constituirte in der Sachen Procuratorem. Noch deme denn 
der lierr Bischof sein Klage und Zuspruche dem Herr 
Prediger nicht wollt eroffnen (ausgenommen die Inhibition, wie er- 
kläret, welche uberreichen hot lossen), daß der Mandatarius pro 
termino designato von sein wegen comparire und Exceptionem 
declinatorie forie *) furhringe; wo ihm die abgeschlagen, daß er ad 
Metropolitallutn Rigensem appellire, dodurch die Contumacion vor- 
hindert und der Proceß interrumpiret werde etc. Solches haben 
E. Er. Weish. (welche Gott vom Himmel lange glückselig, gesund 
fristen woll) unangezeiget nicht woll lossen, was auch weiter zu 
tun, wollen Ewer Er. Wsht. uns gutlich Rat mitteilen. 
Gegeben Thoren am 28. Maij Im 1555st. Jor. 
Burgermeistere vund Rathmanne 
konigklicher Stadt Thoren. 
Adresse: Denn Erbarenn Namhafften Wolweisenn{Herrenn 
Joan Strobandt Biirgermeister vnnd{George Eigner ..) Radtmann 
itzundt tzu Peterkow, Vilgonnstigenn Herren vnd gutte{Freundenn. 
Brief vom 6. Juni. 
(90) Unseren freundlichen Gruß mit Wiinschunge der Genaden 
Gottes und sonst alles Guten zuvoran! Erbare namhaftige und 
wolweise Herren, besonders gunstige Freunde und gute Gonnere! 
Es haben aus unserer jungst zufertigten Schrift E. Weish. wohl ein- 
genommen, was in der Sachen zwischen unserm Herren Bischofe 
und dem Herr Prediger vor handelt. Domite aber von den Unsern 
nicht mochten, als thäten wir die Sache geringlieh achten, etwall 
irkeiner Vorwarlosunge angezogen werden, also haben die beiden 
Stadtgerichte, den Kaufmann, Schipper und der Werke Aelteste Ge- 
schworl1e vor uns gefurdert, ihn alles vom Anfange die Vor- 
handlunge, was sich zugetragen, allenthalben furgeleget und ange- 
zeiget, frogende sie, dweile das die Ehr, das Wort Gottes und uns 
Alle betreffende, wollten bei sich das alles treulichen mit Fleiß er- 
wägen, was hierinne zu tun und wie dem Herr Prediger zu raten, 
daß er solde in der Sachen procediren etc. Under vielem Underreden 
und Erwägungen hat man vor gut angesehen, daß der Ratschlag 
mit wenig Personen die Sache bequemlicher als mit großen Menge 
mochte fur genommen und ausgericht werden, welches die zufriede 
.) d. h. er soll erklären, daß der Prediger nicht vor das Bischofsforum, 
sondern vor ein anderes, höheres gezogen werden wolle; gemeint ist das dcs 
Erzbischofs in Riga [Waschinski). 
..) Johann Stroband, Sohn des 1531 verstorbenen Christian SI., des ersten 
seines Namens in Thorn. 1537 Rlm., 1551 B Mslr. Erw;ueshauptsächlich, der 
1557 das Religionsprivileg erwirkte. Ein treu-evangelischer Mann: "wann zu 
Zeiten, sonderlich bei den Wochenpredigten, niemand im Ratstuhle war, da war 
der alte HerrS:roband." I m Rathause, Stadtverordnetensitzungssaal, Südwand, dicht 
am fe-nster nach Westen, hängt ein Bild Stroband's auf Eichenholz aus 1582, 
als Str. 71 Jahre alt war. - Georg Eigner 1553 Rtm. - (Prätorius.) 


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/Pomorze_039_03_019_0001.djvu

			, 
gewest und haben neben uns und den beiden Gerichten aus ihnen 
allen achte Personen vorordnet, denselbten Befehl gegeben, sich mit 
uns zu beratschlagen, domite ahne unser und der Stadt Vorletzunge 
mochte bei uns der Herr Prediger erhalten werden. Also ist noch 
vieler Erwägunge endlich beschlossen, dweil dann wie angezeiget 
wurden, der Herr Prediger gewarnt solde, ahne Geleit sich zu dem 
Herr Bischof keinswegen perschonlich bogeben, und man bisher 
auf vielfaltig eins E. Rats EI sllchunge kein Vorsicherunge nicht 
kunnt zllwegebringen, so sollt der (90 b) in seine Stelle ein Voll. 
mächtiger abfertigen, welcher nu, was am notigsten sein wurde, 
der Sachen Gelegenheit am besten boqllemen, seintwegen dem 
Herr Bischof antragen und Furderunge tun kunde. Des hot man 
dem Herr Prediger beschicket, solche MeinlInge angezeiget, welche 
er sich hot lossen wohlgefallen, und hat selbst Mandatario consti- 
tuiret den Ersamen Herr Casper Riidiger, *) welcher wiewohl sich 
beschwerende entschuldiget, dennoch solches Mandatum ange- 
nommen. Hierneben als Beistand den Herr Katzkowsky und Herr 
Jocub Molner designirende, dweil dann dies mol kein Notarillm 
publicum kunnt zllwegebringen, hot man Simon Freitagk LI. Hans 
Schonnbornn zum Zeugnis, wo von noten , zu gebrauchen adhibiret. 
Dieselbten alle seint am Donnerstage vor Pfingsten den HO. Maij an 
den Herr Bischof abgefertiget. Folgenden Freytag am HI. Maij 
haben vor uns in unser Ratssammlunge die Herren Gesandten, 
welche zu Hause kommen, eingebrocht, daß noch angetragenen des 
Herrn Predigers Erbietunge hot der Mandatarius angezeiget: nochdem 
dann sein Hoch. Gnade den Herr Prediger pro designato termino, 
welcher auf den gegenwärtigen Tag prorogiret, hätte evocieren 
lassen, domite derselbe nicht als ein ungehorsamer oder wider- 
spenstiger mochte geacht werden, so erschiene er seinetwegen in 
desselben Vollmacht, welche er täte mit billiger Reverenz über- 
reichen. Als aber der Herr Bischof das procuratorium, welches 
per publicum Notarium conficiret, auf mannigfaltig des Mandatarii 
Bitte anz"tmehmen sich geweigert, auch nicht zu verlesen zugelassen, 
sagende, was andrer Sachen mehr belangen (91), wollt sich wissen zu 
halten, in diesen aber kunnt die Vollmacht keinswegen annehmen; 
es wär der Herr Prediger vor sein Gn. geladen, denselbten auch 
noch täte furdern, daß derselbte sich gestellte und Gehorsam hielten. 
Dagegen der Voll mächtiger angezeiget, daß beide, in geist- 
lichen und weltlichen Rechten, auch vor könig!. Maj, ob Imand 
gleich personaliter citiret, per Procuratorem sich zu stellen vorgunnt 
wurde; nu wäre dem Herr Prediger in dieser Citacion, daß er per- 
schonlich selbst solde erscheinen, nicht auferleget; derwegen man 
vorhoffe gänzlich, sein hoch. Gn. wurde noch in Gnoden solches 
bewilligen und annehmen. Dorauf sein hoch. Gn. geantwort, Er 
wüßte das auch selbst woll, wie und was Gestalt imand in den 
Rechten admittiret wurde, durch ein Procuratorem zu erscheinen etc. 
Daß auch in der Citacion der Prediger perschonlich zu erscheinen 
.) saß 30 Jahre im Schöppenstuhl und (seit 1564) 30 Jahre im Rat, t1594 
(PrätOl"ius). 


- 15
		

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			I 
nicht vorgefürdert, wird der Prediger noch sonst i"mandes mich 
lernen durfen, mit was stilo Ich Citaciones decerniren und durch 
meine Canzlei soll ausgehen lassen. 
Dweil dann der Herr Bischoff die Vollmacht anzunehmen 
gänzlich abgeschlagen, hot der Mandatarius begehrt, mit seinem 
Anstande wenig abzuweichen, sich zu boreden; nach gehaltenem 
Gespräche, als er eingetreten, hot zum wiederenmole repetirende 
gebeten, ist aber auf voriger Meinunge verharrende vorblieben. 
Dorauf der Voll mächtiger offentlichen anzeigende gesagt: Nochdem 
sein hoch. Gn. auf solche fleißige Bitte, so seines principalis wegen 
sollicitirende, die vorgetragen Vollmacht nicht wollt annehmen, 
zuvor sein hoch. Gn. auch (91 b) dem Hcrr Prediger durch ein ver- 
meinte Inhibition, so unrechtmäßig zur Unbilligkeit ausgangen, das 
Predigtamt geleget und vorboten, welches insonderheit des Herrn 
Erzbischofs von Rige Authorität, der den Prediger eingeweihet und 
ordiniret, bolanget, das zu verantworten wird wissen, dergleichen, 
daß in der Ladunge kein Ursachen der Boschuldigunge angezogen 
noch specificiret etc., wie auch, daß der Herr Prediger sich erboten, 
vor sr. Onoden perschonlich zu comparieren und noch sich zu 
gestellen thäte offeriren, wo ihm frei Geleit zugesaget wurde; aus 
diesen Ursachen wie obgemeldt und sonst anderen, die er bis zu 
seinen notdurftigen Zeichen"') furzuwenden und einzubringen offentlich 
protestierende sich vorbehalten, merklich und fast sich boschwerdt. 
Dartlmbe auf solches von bemeldten gravamine sampt allen und 
itzlichen ihrenAnhängenundUmbständen hot sich borufen und 
appelliret der Mandatarius von wegen des Constituen- 
ten vor sein DurchI. und Hochwürdigste Gn. den Herrn 
Erzbischof von Rige, fleißig bittende und bogerende, daß sein 
hoch. Gn. woll solcher appellation deferiren und seinem principaly 
Apostolos und Kundschaftbriefe ..) miteteilen. Dorauf hot der Herr 
Bischof geantwort "Ich merk woll, wo man hinauswill; ich werde 
dem Kinde woll ein Paten finden, ich weiß solcher appellation nicht 
nochzugeben, auch kein Apostolosbriefe volgen zu lossen." Solches 
der Mandatarius mit dem Herr Katzkowsky und sonst funf Bur- 
geren von wegen seines principalen boschwerlichen anziehende pro- 
testiret und requirirende gebeten. - Dies alles war also vor seiner 
hochst (92) Gn. in ihrer aller Gegenwärtigkeit vorhandelt und ge- 
schehen; dasselbte alles, was geschehen und angehort, was an ge- 
burlicher Stelle vorgefurdert, mit ihren Zeugnis zu bostetigen. 
(Fortsetzung folgt). 


.) ? Zeiten ? 
..) der, von welchem appelliert wird, hat dem Appellanten innerhalb 4 
Wochen einen Apostel- d. h. Send brief auszustellen an die Instanz, an die 
apelliert wird. 


VerantwOI.tllc1.er Herallsgeber Professor Arlhlll' Senll.all lu Thorn. 
Druck der Bllchd....ckerel der Thorner Ostdeutscheu Zeitolllljt O. 111. b. H. lu Tho.....
		

/Pomorze_039_03_021_0001.djvu

			Mitteilungen 


des 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


26. Heft 


Juni 1918 


Nr. 2 


Inhalt: 
Sitzungsberichle S. 17. - Heuer, Neue Urkunden zur Thorner Reformations- 
geschichte S.18. - Arthur Semrau, Die Marktgebäude in Kulm S. 28. 
Arthur Semrau, Die Orapengießer und Rotgießer in Preußen S. 37. - 
Literarischer Anzeiger S. 45. 


SitzungBberichte. 


Monatssitzung am 9. April 1918. 
Als ordentliche Mitglieder wurden aufgenommen Herr Ober- 
lehrer Dr. Ricken und Fräulein Oberlehrerin Brenneisen. Herr 
Professor Dr. Wilhelm hat seinen Austritt erklärt. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr Stadt- 
baurat Kleefeld den Vortrag "Der Städtebau und Thorn cc . 


Monatssitzung am 6. Mai 1918. 
Der Schatzmeister Herr Kaufmann Kordes gab den Kassen- 
bericht für das Geschäftsjahr 1917/18. 
Als ordentliches Mitglied wurde Herr Gymnasialdirektor Ganske 
aufgenommen. Die Herren Seminardirektor John und Chemiker 
Dr. König haben ihren Austritt erklärt. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Herr Professor 
Dr. Prowe den Vortrag "Polens Landschaftsbild und -bau". 


Monatssitzung sm 27. Mai 1918. 
Als ordentliche Mitglieder wurden aufgenommen Fräulein 
Oberlehrerin Pohlmann und Fräulein Oberlehrerin Hofmeier. 
In dem wissenschaftlichen Teile der Sitzung hielt Fräulein 
Oberlehrerin Wendel den Vortrag "Benjamin Constant CC , 


- 17 --
		

/Pomorze_039_03_022_0001.djvu

			Ntme UrklllldclI zlIr TllOl'lIer Reformatiollsgflsdlicltte 
von Pfarrer Heuer, Thorn. 
(Schluß.) 
Weiter hot sich erfolget, daß am Sonnabend den Pfingstabend 
dem Caplano Alberto der Herr Bischof schriftlichen Sentenciam exe- 
cutionis nullo Monitorio praecedente hot zugefertiget mit ernstlichem 
ßofehl auferlegende, ihm und den anderen zuforderste binnen und 
haußen der Stadt Predicanten, auch also in ihren Kirchen, allc 
Sonntage und Fest, wann Gottesdienst vom Volk ange- 
hort, daß der Herr Prediger in Bann getan und erkläret, 
Jedermann soll verkü n det werden etc. 
Aus welchem des Herrn Bischofs Proceß, sonderlich daß er 
so heftig auf des Herrn Predigers personaliter comparitionem tut 
urgiren und den Mandatarium nicht wollt admittiren, klärlichen 
zuvorstehen und erkennen gibt, daß sein hoch. Gn. Part und Richter 
zugleiche sein will. Auch ist ein Anzeigunge, daß der Herr Bischoff 
endlich contra illum Actionem criminalem will moviren etc; welcher 
Geschwindigkeit wir uns nicht vormlltet, unsres Achtens aber, 
dweile dic Excommunication noch nicht wäre per denunciacionem 
publiciret, so haben wir vormeint so groß nicht angelegen sein. 
Obgleich der Herr Prediger am Pfingsttage auf gewohnliche 
Stunde, zuvor ehe die Execution des Bannes in den Kirchen vorlautharet, 
ein Sermon tun mochte, domite aber dadurch nicht etwas furge- 
nommen, drÜber der Herr Bischoff ein ungenädiges Gefallen doran 
wurde haben, haben die beiden Ehrbare Herren Jocub Ludwig *) 
lind Bernhart (9:! b) Pulman Burgermeistere den Herr Prediger vor 
ihre selbst Person boschicket und ihn gutiglich die Sache genug- 
samHch erwägende gebeten, wolde doch Geduld tragen und sich 
in der Sachen so moderiren und vorhalten, von Niemande uber- 
reden lossen, etwas Unfuglichs oder Imande Vordrossenlich fur- 
nehmen, hesonder alles dultiglich leidende mit Boscheidenheit er- 
tragen, sonderlich, wo zu predigen furgenommen, daß er sich der 
Calumnien wie auch der. vielfältigen Scomrnata *.) woll enthalten, 
domit man nicht mit etwas Großerem unvorhofft mocht aggraviret 
werden. Man wollde Gott bitten und vortrauen, dweil solche Sache 
Gott selbst, sein Ehre und gottliches Wort botreffe, es wurde noch 
alle Ding zum besten geraten. Er wolldc sich der Kirchen und 
wann ihre Ceremonien celebiret ein Zeitlang enthalten, wann aber 
die ihre Dinge entscheiden (d h. beenden) und die deutschen 
Gesänge vor der Predigt zu singen angdangen, mochte wie ge- 
wohnlich auf der Kanzel den Sermon anfangen; wann nu auch der 
vollhrocht, woll sich aus der Kirchen bogeben, domite sie auch zu 
ihren Kirch engeprängen nicht wurden gehindert...). Denn wo er nu 
. . .) J. l. Dietz, 1537 Rtm., 1553 B. Mstr. t 155S, "ein fast unbegrenzt be. 
liebter Mann." (Prät.) 
..) scomma, atis (aus dem Griechischen) = Neckerei, Stichelei. 
...) ähnlich verfuhr schon 1536 Ja(:ob Schwoger: Urkundenbuch des ßis- 
fums Cnlms no. 906. 


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als einer der exkommunlciret in der Zeit, wann die Messe oder 
Vesper gesungen, sich wurde in die Kirchen zu gehen understehen, 
mochte dadurch Silentium geleget.) werden etc. Des hot der Herr 
Prediger am Pfingsttage vom Heiligen Geiste woll und schön 
christlichen geprediget, dennoch zu cavilJieren ..) nicht nochge- 
lassen, under anderem Vielen, das er auf der Kanzel bowegen: 
Noch deme er denn boricllt wäre worden, daß man an diesem Tage 
und vielleichte auf diese (93) Stunde, wiewoll unvorschuldt von- 
wegen einer vormeinten Contumacien ...), solde in Bann denunciret 
werden, welchs er nicht achte, bäte auch, niemandes wolde sich 
an dem ärgeren; nicht destoweniger, dweil denn solches der 
Gestalt sich zugetragen, wollt er eigentlichen wissen, ob man ihm 
auch allenthalben woll handhaben und auch vortreten, denn er ge- 
dächte sein leib nicht in Perickel hinzustellen und dranzusetzen; 
denn wo man ihn nicht kunde handhaben, dweil sein Zeit allS, 
das Qllartale so noch vor den Thuren, wollde er stracks wissen, 
was man bei ihm zu tun gesinnet; solches wollt man ihn aufs 
schleunigste borichten, domite er auch moge bowegen und finden, 
was ihm zu tun und zu lassen, endlich auch wisse, wes er sich 
weiter soll halden etc. 
Vor Abend, als man die Vesper gesungen, wie man saget 
nach <,iem Magnificat, ist der Herr Prediger und mit ihm Jocub 
Grliner gelreten (sc. in die Kirche); doselbst, wie man sein gewahr 
wurden, hot man alle Gesänge nochgelOl!lsen, die Priester 
und Schliler seind weggegangen und also nu so lange 
Silentium geh alten; hot sich der Herr Prediger understanden, 
dem Schulmeister bofehlende, die Knaben wieder in die Kirche zu 
beste:lt'n und deutsche lieder noch einander in Stelle der Vesper Z\I 
singcn; welchs also geschehen ist, unsre Burger groß wohlgefallcn, 
mit ma:
cherlei spitzigen UndelTedungen hin \Jud wiederunder einander 
spitzige Rede gehabt (sc. gegen den Rat?). Also hot man den Herr 
Predigcr abermols gebeten, sich nicht woll boschweren, zu dem Herr 
Jocub ludwig und ßernhart Pulman Burgermeistere sich vorfügen, 
bittende wie zuvor under anderem, sein Würde wolde sich doch 
mäßigen und der Kirchen Gepränge (93 b) mit seiner Gegenwärtigkeit 
nicht understehen zuvorhindern, dodurch die Sache mochte heftiger 
boschwert werden. Solche und dergleichen alle gutige Vor- 
mahl1tlllge der Herr Prediger abgeschlagen, sagende ins Ende, er 
erkenne noch Bischof noch Rat, auch sonst Niemandes vor sein 
Obrigkeit, besonder Gott selbst alleine und der Stadt Gemeine alhier; 
derhalben wolde sich in die Kirche zu gehen oder die Wahrheit 
oHenbar zu sagen keinswegen enlhalten, und Trotz sei dem geboten, 
der mir das soll wehren! 
Des hol man am Montage zu Pfingsten zu Vorhutunge, domite 
Niemandes etwas Unruhiges, wie zu besorgen, furzunehmen under- 
.) d. h. das Aufhören der gottesdiensllichell Gesänge verfügt, die Kirche 
fiir entweiht erklärt werden. s. weiter unten. 
..) sticheln. 
...) vgl. 87 h. 


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			Mundc, sei"nd wir samt beiden Oerichten mit dem Kaufman wie 
auch AeUesten von den Werken bei dem Herr Burgermeister 
Bernhart Pulman noch Glocke sieben versammelt zu Haufe ge- 
kommen, wo ihn allen von Herr Burgemeister und Herren Burggrofen 
angezeiget, ein Erbar Rat hätte sich aufs hochste, wie Idermann 
kund und am Tage, zum Teile auch ihn[en), welche jungst mite 
vor dem Herr Bischof compariret, treuherzlichen boflissen, daß 
solcher des Herrn Bischoffs Proceß hätte, wo nicht gänzlich auf- 
gehaben, dennoch ein Zeitlang gehindert sein wurden, welches 
keinswegen kunnt zuwegebringen; wissen nicht, was man mehr 
sollt getan haben. Wie dem allem, so woll ein Erbar Gemeine 
vorsichtiglichen in der Sachen handeln, allesamt uns gedultiglich 
mit gutem Gelimpf solches aufnehmen, bis ein kleine Zeit vorbei- 
kommt, Gott wird .sonderlich helfen, daß alle Dinge zum Besten 
sich wurden boquemen. Derwegen wolde Niemandes (94) sich under- 
stehen, irkein Neuertlnge einzuführen, oder etwas Ungeburliches 
wider wen furzunehmen, domile zu deste weniger Ungenoden der 
Herr Bischof boweget und uns kein Vorweis zu legen mochte, 
als ob wir die Handlung, dorumbe der Herr Prediger in Bann er- 
kläret, täten aufhaUen, turbiren und vorhinderen. Solches ist zu er- 
halten zu V oreinigunge, Friede, Ruhe und Einigkeit, auf dan 
E. E. Rat samt der Ersamen Gemeine in keiner Gefahr zu stehen 
durfen warten, euch angezeiget; demenoch sich auf solche gütige 
Ermahnunge Jdernlinn wird wissen zu halden; will Gott, auf 
kunftig Mittwoche wird man weitläufig sich in der Sachen mit 
euch boreden. - Auf diese selbte Stunde ist uns E. Er. Weish. 
Schreiben, welches am 31. Maij datiret, durch den Diener uberreicht.*) 
Weiter an dem Tage hot der Herr Prediger ein Sermon geton, 
wo dann under viel anderen spitzigen, unglimlJf1ichen Reden, so 
doselbst eingefuhrt, hot weitläufig das, was die beiden Herren 
Jocub ludwick und Bernhart Pulman Burgermeistere zuvor am 
Pfingsttage auf den Abend als vor ihre Personen mit ihm geredet, 
alles repetiret. "lch werde von Niemande mich uberreden lossen, 
als sollt ich die W ohrheit zu sagen schweigen und nicht predigen, 
was die reine lehre und Wort Gottes ist; du wirst mich auch mit 
deinem Liebkosen oder Pochen nicht einleiten, daß solches tun 
werde oder mich der Kirchen enthalten. Ich will predigen und in 
die Kirchen gehen, wann mir's gefällt und dich nicht ansehen. 
Wer Ohren hat, der hore; wer nicht will horen, der gehe hinaus 
vor Tausend Teufel! Du bist wie ein alder groer Hund, der hinken 
kann, wan er will; setze Brillcn auf, lern es baß, lege dich aufs 
StobJein ! (94b) Ei, ei, ei, eil mit Lindigkeit, sagst du, ist umbezu- 
gehen, domit zum Aufruhr mochte kein Ursache gegeben wcrden! 
Ou sagst, ich scheUe und schmähe auf der Kanzel mehr, als ich 
das Wort Gottes gedenke und daß ich zu Aufruhr predige. Solches 
alles ist gar erstunken und erlogen! Es irret mich dein hoher 


.) der 31. Mai war freitag; der Brief ist also von freitag bis Montag 
unterwegs gewesen. 


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Stand nichts, wann du gleich nicht allein an des Kaisers Stelle, 
sondern auch an des Teufels Stelle säßst; [ich] froge nichts dornoch; 
so will ich dirs sagen! Denn wie du mir das sagst, hätte lieber 
gesehen, hättst mir ein Messer ins Leib gestochen." Als ich *) 
.hinwegging, ist noch viel mehr geredt: "Ich mag nicht leiden, daß 
man mich IIberholligert**) und uber das Maul fährt, wie man den 
[sc. ABC-] Schutzen oder Schl1stern tut; du sollt wissen, ich wills 
nicht leiden! Tue mir das nicht mehr! Ich bitte Niemand und 
begehr's auch nicht, liebes Volk, daß sich Imand mein soll an- 
nehmen. Tu's nicht; bin ich doch an euch, ihr an mich auch 
nicht gebunden. Was ist's, daß man mich so oft beschicket und 
fiir sich tut furdern? Man 10ß mich das Meine warten! Ich kann 
nicht einen Fuß auf'm Rathaus, den andern auf der Kanzel haben, 
mag dein Heuchelei nicht anhören, will von dir nicht regiert sein. 
Ich habe kein ander Obrigkeit, als Gott selbst all eine lind sein 
Wort. Derwegen man soll wissen, ich will predigen lind in die 
Kirche gehen, wie und wann mir' s lind nicht dir gefällt, lind Trutz 
sei dir lind allen, den das vordreuBt, hicnnite geboten. Gefällt, 
dir das nicht, will man mich nicht haben noch leiden, man gebe 
mir Urlauh! ist mir all eins ek " 
Am folgenden Dienst:lge, wie ZII predigen angefangen, hot ge- 
saget mit holmiglichen "'.....) \XI orlen lind Gebärden: "Ich will mitten 
IInder die Hunde werfen; wer[de] ich dir etwas sagen, so dich 
das wird hotreffcn (!h), wo es dir nicht gefällt, so nimm dich des 
an! Ich will nicht schweigen, der **>*) dich woll schir vor den Kopf 
nennen. Oll bist gestern in die Predigt nicht kommen, hältst auch 
wohl hellte mogen allßenbleiben! Oh du gleich im großen Regiment 
bist, (gonne dir das, ich nehme dir's nicht), ob du gleich des 
Kaisers Stelle bositzst, ich muß lind will dies kegenwärtig sagen, 
es gefalle, wem es wolle. Es gefällt dir auch, wenn man f'in 
Thall'r 10, 20, 30 Zll sich zeucht, das ist vor lI.ich gllt, dornoch 
denn :luch was sein kann vor das Gemeine, das soll auch ein 
guter Hirte heißen, der sein Schaf kann weiden. Ja, zum Teufel! eiL 
Ihr lieben Herren des Rats, wann ihr das wissen wollt: hält[d) 
den Bann nicht dmfen uber ellern Prediger gehen lossen, den ab- 
ZIIkÜndigen; hätt[et] mogen sagen: wir wollen keinswegen unsern 
Prediger bannen lossen ! Solches aber nicht geschehen, 10ßt den, 
Wolf die Schafe fressen! Draus genug zu merken, daß ihr der 
reinen Gottes Lehre nicht wollt Beistand tun, mehr aber den 
Winkelmeß und feilen Pfaffen, welche doch Erzdiebe, Schälke und. 
Seelenmörder, beistehen, welche zur rechten Türe nicht eingehen. 
Dieselbte sind auch nicht rechte Hirten, sonder Mietlinge, werden 
zu Tausend Teufeln fahren etc. Ihr aber, Herren auf'm Rathause 
sollt nicht Mietlinge, sondern rechtschaffene Hirten sein, euer Schaf 


.) der Briefschreiber, oder derjenige, in dessen Auftrag der Brief ge- 
schrieben wurde. 
..) uberholligern, überheIligem = vexieren, foppen. 
...) höhnisch. 
....) wohl = tar: wage. 


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			so euch empfohlen, treulichen woll weiden, bestandhaftig und nicht 
forchtsam sein, daß, wann der Wolf kummt, ihr die Schafe nicht 
wehret, besonder hinweglauft und loBt die auffressen! Ihr sollt 
nicht wankelmütig, unbeständig, besonder wie die zu Aachen und 
Rom.); waren leute, hätten ein keck, männlich, unvorzagt Herze, . 
nicht wie itzund seind; kommt man ein kleiner Wind, so(95b) er- 
schÜttelt man sich dogegen, ruckt das Kleid itzund auf diese und 
andere Schuldere. Auch nicht sollt sein ja Herren, wie itzt ge- 
schieht, sagende: wir rnussen in dieser Zeit viel nochgeben, 
domite wir bei der Obrigkeit kein Ungenode auf uns laden thun! 
Das heißt boständig bei dem Worte Gottes geblieben! Was bist 
du anders, wan ein Mietling und wie eine Blume, heillt Sonnen- 
wirbel ; wo sich die Sonne hinwendet, dohin kehrt sich auch die 
Blume. Derwegen hot ein tapfer Mann ..), welcher aus dieser 
Stadt ist, von Peterkow an ein sonderliche Person alhier geschrieben: 
Wir haben ein guten Prediger zu Thorn, man kÜnde den woll bei 
sich behalten, wir wÜßten sich ihm zuvorhalten ! Ja, freilich: woll 
behalten, wann man wolde! Ich habe den Brief selbst gesehen 
und gelesen; das ist woll geschrieben und getroffen. Item: Ihr 
sollt wissen, daß ich nicht will gehabt haben, daß ihr in die 
Kirchen gehei; Teufels Messe horen.."'); auch nicht mit dem Häuslein....) 
ull1bgehen; wann's trägst, lossen dem feilen Pfaffen auf den Kopf 
hinfallen; sieh, daß sein nicht fehlest! Wird man mit solchem 
Teufelsgepränge nicht abelossen und abstehen, so will dieselbten 
namlich offentlich rÜgen und auch in Bann tun samt den feilcn 
Pfaffen allen, wie man mir getan hot." 
Weiter: was, ehrbare gunstige Herren. E. Erb. Weisheit von- 
wegen des Herrn Erzbischofs zu Rige Diploma Innehalt wenn 
schreiben bowogen, daß wo pro Confirmatione desselbten sollt 
sollicitiret werden, vielleichte was Unträgliches oder Widerwärtigcs 
aus den bowegten Ursachen uns mochte zuwachsen; dergleichen, 
wie Er. Weish. sich lossen wollgefallen und vor gut (B6) ansehen, 
dohin crbitten den Herrn Prediger und vormogen, sich der 
CaviJlacion zu moderiren : nu ist solchs binnen Rats von uns, auch 
andere Personen und in sonderheit durch die, welche man vormeint 
ihm zugetan sein und er ihnen auch gewogen, als aufs Sänft- 
mlitigste gütlichen durch mancherlei Bowegnis vielfaldiglich ge- 
schehen und gehudert, quod nihil supra; man hat aber keins- 
wegen etwas noch gütlichen oder sonst bei ihm kunnt zuwege- 
bringen, daB er sich uberreden hätte lossen; dovon viel mehr als 
geschehen an Er. Weish. wär zu schreiben; wollten Euer Gegen- 
wärtigkeit selbst allhier gewunscht haben anzusehen und zu horen, 


.) auf welche Vorgänge das hinzielt, habe ich nicht fcststellen können. 
..) er meint seinen Beschützer, B Mstr. Stroband. 
...) vgl. den Ratsbeschlnß vom 27. 1/. 55: alle Ratsherren sollen alle heil 
Tage zur Predigt und hohen Meß im Ratsstuhl sein, mit dem Kreuz gehen 
Hartknoch, Preuß. Kirchenhistoria 875. 
....) der Monstranz, in der bei Processionen der h. leichnam Ilmhergetragen 
wurde; corpus Christi repositorinl11 soll Hyalinus Salhanae cloacam genannt 
haben! Urknndenbuch des Bistums Culms no. 104 J. 


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was mit dem Menschen gehandelt; derselbte aber aiso ganz wider- 
spännig aus seiner sonderlichen Spitzsinnigkeit, welcher sich 
kÜrzlich angenommen, hochtragenden Gemütes und Ambition alles 
vorachtende, nichts vor gut wollt aufnehmen, welchs der gemeine 
Mann, dem sie sonderlich und er ihn(en) wiederumb zugetan, fast 
gerne hort. Denn augenscheinlich, wann der Herr Prediger auf den 
Rat zielt, rücken die Häupter zusammen und tun solches durch die 
faust lachen, besunder, jo länger jo mehr die scommata und fast 
große Vorunglimpfungen, so täglich mit schmählicher spitzigen Vor- 
spottungen, Vorunglimpfungen und leichtfertigen, unehrbaren Reden 
tut aufhäufende, weit austreiben und unaufhorlich fortfahren, welches 
uns dahin vOlUrsacht, vormeinende, dem vorzukommen, haben an 
Ew. Er. Weisheit gesonnen, daß solches durch ein kon:gt Inhi- 
bition, des sich zu enthalten, oder jo etwas zu moderiren, allferlegt 
wurde etc. (9ßb). Dweil aber E. Er. Weish. geroten sein bodiinU, 
solchs underwegen zu vorbleiben, lossen wir das auch auf E. Er. 
Weish. Bodenken beruhen. 
Nicht desto weniger, noch dem (sc. wir) dann eigentlich be- 
finden, wie wir umbe den Prediger nie vorschuldt, daß von ihm 
mit solcher erschrocklichen, schmählichen Vorspottunge, ungebÜr- 
liche, leichtfertige Rede angefertiget, domite aus seines Gemuts 
heftigen Bitterkeit schwerlkh vorletzt seind wurden, dorab auch 
alle fremde Leute, welche solches angehort, kein gefallen, besonder 
fast groß vorarg dem Herr Prediger, daß er solches getan, und 
uns, daß wir dasselbe sehen, horen, leiden und gestatten, wiewoll, 
wann er sich das noch wollde enthalten, soll ihm solches alles 
vorziehen sein u'nd bleiben: wie dem allem, dweil dann mit giit- 
lidter, treuer keiner Ermahnunge wir den Herr Preäiger, daß er uns 
gehorchen wollt, kunnt bowegen, wo dann derselbte, wie zu be- 
sorgen, funhm das underwegen und boruhen nicht wird los sen 
vorbleiben: ist uns hoch vonnoten zu wissen, wie und was ge- 
stalt solche Cavillationes, die einem Er. Rate zu groBer Schmach 
und Vorkleinunge geschehen, unvorz,oglich, welche hoch vonnoten, 
mochte gänzlich abgeschafft werden. 
Was bolanget den furgenommenen des Herrn ßischofs Proceß, 
ne deinde huiusmodi Appellatio promulgaretur nulla aut deserta, ist 
das alles zuvor auch bedocht und furgenommen und soviel Ad 
prosequendam Appellacionem et praesertim impetrandam Inhi- 
bitionem dieser Sachen zu Furderunge, wird ohne Underloß furt- 
gestalt (B7), wiewoll, wann der Herr Prediger hätte wollt gehorchen, 
daß man dem ProceB, wie sich eigent, legitime furgenommen, 
hätte derselbte ein cll1dere rechtmäßiger, ordentlicher Gestalt mogen 
gewinnen. Nicht desle minder muß der Sachen aufs Beste, man 
wird konnen, geholfen werden. 
Erbare, gonstige Herren! Dies alles under anderen Vielem 
nicht wuBt E. Er Wsht. zu bergen. Dann soviel an uns gelegen, 
haben wir von den Gn. *) gewiB mit allem treulichen, hohen fleiß, 


t 


.) d. h. dem ßischof. 


2
		

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			bostandfg, fast groß, sorgfältiglichen bomühet,. welchs .wlr vor 
idermann bekannt Inogen sein, wie auch noch täglich davon nicht 
abestehen, daß der Prediger bei uns mochte erhalten werden. 
Dweil aber vom Herr Bischofe solchen heftigen Proceß so präci- 
pitanter furgenommen, hot ein ider wol zu ermessen' und bo- 
trachten, wie es uns anstehen woll und zu tun sei, des Herrn 
Bischofs Jurisdiction zu widerstehen, was Unfall und Boschwerunge, 
wo dem wurden widerstreben, auf uns laden mochten. Demnach 
will uns zu betrachten wol eignen, was Gestalt weiter die Sache 
domite man also, wie sich eignet und zu Rechte gebührt, soU vor- 
furdert werden, doraus sich erfolgete, daß dergestalt ohne sonder- 
liche Vorletzunge der Stadt gemeines Nutzes gerecht mochte bo- 
stehen, daß wir von Rate zu dem allem getrauen und Hoffnunge 
sähen, daß solches bostehen bostehen [sic! I wird. Was nu hierinne 
zu tun, wollen E. Erb. Wsht. treulichen helfen botracllten und 
uns auch Ew. Er. Wsht. woll Bedenkunge und guten Rats- 
meinunge mitteilen. Hiermite E. E. Wsht Gottes Genoden lange 
glÜckseliglich tun befehlen. Gegebenen Thornll Donnerstage am 
ti. Junj.. Anno etc. 1555. . 
Burgermeistern vnnd Rathmanne 
konigslicher Stadt Thorun. 
Adresse: Deme Erbaren Ersamen Namhafften I' vnd wolweysen 
Herren 1 Johan Strobandt ; 1 Burgermeyster ! Georg Aygenel" Rathmann, /I 
Mgr. Jacobo Seyffertt**) Secretario koniglich /I er Stadt Thorvnn, 
vllseren gutenn freun 11 denn. 
Im selben Bande (X 2 S. 98) ist noch ein Brief des Rats an Rat- 
mann Eigner (Stroband war unter des wieder in Thorn angekommen) 
d. d. 10. Juni 1555 eingeheftet: Der Prediger habe seine Appel- 
lation an den Erzbischof vor Zeugen aufgesetzt und den 8. Juni 
durch einen Notar, 2 Zeugen und einen städtischen Schwertknecht 
"zu insinuiren abgefertigt" sc. nach Althattsen. Die Genannten 
wären, als sie die Appellation ad valvas angeklebt, von des Hischoffs 
Diener zurückgeholt und "angehalten worden" Der Rat habe, als 
er davon erfahren, einen Stadtdiener an den Bischof geschickt mit 
der Forderung, die Betreffenden freizulassen. Adressat möchte sich 
beim Könige Über den Bischof beklagen; dieser habe alle Zeit 
Ursache gesucht, "wenn wir einen Predikanten gehabt, domit er ist 
weggekommen"; Majestät möchte mandiren "damit wir ohne Prediger 
nicht hlieben:". (Verwalter des Schlosses Althausen, wo der Bischof 
"sich itzo enthielt", war dessen Bruder, Landrichter von Schwetz). Es 
folgt dann S. 102 ein Auszug alls dem Schöpp enbuch von 
Kulm, d. d. 11. J uni: Schulze und 
höppen seien vom Schloß- , 
verwalter nach Althausen g.ebeten worden, um einen Vorgang auf- 
zunehmen: Bürger von Thorn und ihr Notar hätten dein Bischoff 
eine Appellation des Predigers (von St Johann) übergeben wollen, 
der sie aber (weil der Prediger iJll Bann) nicht angenommen habe. 
Darauf hätten sie beim Verlassen des Schlosses "etzliche Brief oder 



 


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..) "kam an 1549" Zernecke Geehrtes und gelehrtes Thorn. 


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ein libell" an das Tor angeklebt und selen dann fortgefahren; ihnen 
seien darauf etliche Diener nachgeschickt worden, die sie wieder 
ins Schloß geführt, weil man feststellen wollte, aus wessen Befehl 
(des Rats oder der Gemeinde oder des Predigers)siegehandelt und 
solchen Frevel und MutwiIlen verübt hätten. Das Verhör hätten 
Schulzen und Schöffen von Kulm vorgenommen (oder seien dabei 
zugegen gewesen). Die beiden Thorner Bürger, Hans Schön born 
und Simon Freytag, sagten aus, daß sie auf Ersuchen des BÜrger- 
meisters Strobandt und des Rats als Zeugen mit dem Notar mitge- 
fahren seien, aber bezÜglich der angeklebten Briefe hätten sie von 
niemandem Befehl gehabt, wÜßten auch nicht, wer es dem Notar 
am
lIldeben befohlen. Der Notarius (]oh. Kanadey, eines Bürgers' 
Sohn aus Thorn 30 ) sagte aus, er sei vom Rat beauftragt worden, mit 
dem libell oder Instrument lind dazu gehörigen Zeugnissen (der 
4- L
ute, in deren Gegenwart der Prediger die Appellation aufge- 
setzt) im Namen des Predigers zum Bischoff zu ziehen und, falls 
dieser es nicht annehme, es ans Tor zu kleben; das habe er denn auch 
(mit rotem Wachs) g
tan . . . . 
Die nun folgenden gegen einander arbeitenden Bemühungen 
des Bischofs und des Rats beim Könige sind in ihren Einzelheiten 
nicht bekannt; den Enderfolg aber errang der Rat, denn auf dem 
Marienburger landtage vom Mai des folgenden Jahres (1556) sagte 
der Woiwode von Marienburg, der evangelische Achatius von Zehmen, 
öffentlich: er selbst habe den Hyalinus auf königlichen Befehl in 
Thorn eingesetzt (vielleicht am 22. Februar 1556 - denn an diesem 
Tage ist H. nach Angabe des Manuscriptum Baumgartianum ange- 
stellt worden -; vorausgegan
n waren mehrfache briefliche Ver- 
suche Zehmens, den Bischof zum Einlenken zu bewegen, auf die 
dieser aher garnicht geantwortet hatte); er könne es mit Ihrer Königl. 
Majestät Brief und Siegel unter derselbten Daumenringe erweisen. - 
Also hat der Rat doch wohl schließlich eine königliche Bestätigung 
des erzbischöflichen Gezeugnisbriefes (Blatt 87) erwirkt, obgleich 
Stroband dagegen anfänglich Bedenken trug (BI. 95 b). 
Wie lange Hyalinus hier in Thorn geblieben ist, kann nicht 
mit absoluter Sicherheit festgestellt werden; nach Zernecke ("Thorn. 
Chronica" zu 1554) bis 1558, aber Hartknoch, auf den er sich be- 
ruft, sagt ("Preuß. Kirchen-Historia" S. 877) nur, H. sei geblieben, 
bis der König das Religionsprivileg erteilt habe, das ist nach Hart- 
knoch (irrtümlich!) 1557! Nach Dittmann "Beiträge . . . ." S. 4- Rand- 
bemerkung) ging Hyalinus von Thorn ab al11 18. Dezember 155f;' 
Diese ganz bestimmte Datierung beruht wohl auf sicherer Grund- 
lage als die vorigen Angaben Zel necke's und Hartknochs Damit 
stimmt zusammen, daß nach Zernecke am I R März I Ö57 M. Stephan 
Bilov nach St. Johann als Prediger berufen wird, doch wohl als 
Nachfolger des Hyalinus. 
Unsre Urkunden lassen uns einen Überaus fesselnden Blick auf 
das Thorn jener Zeit tun: Das gespannte Verhältnis zwischen Rat 
und Gemeinde (ZLinfte etc.) tritt deutlich vor unser Auge (BI. 87,90), 
das Mißtrauen der BÜrger gegen die hohen Herren vom Stadt- 


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			regi'ment und die Furcht dieser vor aufruhrerischen Oellisten jenet. 
Wir lernen die schwierige lage des Rats wÜrdigen, der RÜcksicht 
nehmen muß auf die politischen Vorgänge im polnischen Reich, 
auf die Macht des kulmischen Bischofs, auf die unzufriedenen 
Biirger, auf den rabiaten Prediger; um so mehr ist anzuerkennen, 
daß er sich wirklich alle erdenkliche Mühe gab und alle mögliche 
Geduld Übte, um in der schwierigen Sache zu einem guten Ende 
zu gelangen. Wunderlich berührt uns die Art des Gottesdienstes 
in der Johanniskirche: es ist, da ja Thorn noch nicht Religionsfrei- 
heit hatte, obwohl die Überwiegende Zahl der Bürger tatsächlich 
bereits evangelisch war, noch der alte, katholische Meßgottes- 
dienst, von kath. Priestern gehalten; aber mitten drin, ohne orga- 
nische Verbindung mit ihm, ein Fremdkörper, steht die evangelische 
Predigt des vom Rat angestellten evang. Predigers (BI. 92 b); die- 
selben Schüler, die zu Vesper lateinische katholische Gesänge 
singen, lassen zur Einrahmung eier evangelischen Predigt deutsche 
(evangelische) lieder hören (BI. 9:1). Die Gemeinde verhielt sich 
wahrscheinlich ebenso, wie es uns um diesel he Zcit von Danzig 
berichtet wird: sie hörte nur die evangelische Predigt; sobald nach 
dieser die katholische Messe weiter fortgesetzt wurde, verließ sie 
demonstrativ die Kirche, und nur die paar Katholischgesinnten bliebeIl 
bis zum Ende. So wollte es wenigstens Hyalil1lts haben (BI U5b). 
Der Bischof Lubodziesld erscheint in unserm Handel keines- 
wegs als heimlicher Lutheraner, der zum Vorgehen gegen die Evan- 
gelischen immer erst von oben in Schwung gebracht und in Atem 
gehalten werden muß; er kämpft zäh und erbittert gegen den auf- 
sässigen Prediger und seinen BeschÜtzer, den Rat, und weicht nicht 
um Haaresbreite von seinem vermeintlichen Recht ab. 
In unerfreulichem lichte steht Hyalinus vor uns, im lichte 
ungezügelter Schmähsucht: er schilt die Priester und Klosterleute 
"feile Pfaffen", "ungelehrte Esels", "Mastbäuche"; er nennt den 
katholischen Gottesdienst "Teufelsgepränge"; der Bischof (oder 
nach seiner eigenen Behauptung der Kanzler) ist "ein grober 
Bachant, der nicht drei lateinische Worte könne; die BÜrgermeister 
und Ratsherren "Heuchler", Leute, die den Mantel nach dem 
Winde drehen, "Sonnenwirbel." Er muß wie ein rohes Ei behandelt 
werden, und trotzdem begehrt er trotzig auf, sobald auch nur der 
Anschein entsteht, als solle er beeinfluBt werden. Immer wieder, 
"vielfältig", wird er gebeten, sich zu mäßigen, gerät aber in immer 
größere Hitze; schlieHlich erkennt er weder Bischof noch Rat als 
seine Obrigkeit an. Der 3! me Rat kommt schließlich, da er ihn 
auf keine andere Art zu bändigen weiH, auf den Gedanken _ 
ein verzweifeltes Mittel -, den König von Polen um ein Mandat 
zu bitten, das dem Prediger das Schmähen verbiete! 
Das alles ist jene beklagenswerte, lutherische rabies theologo- 
rum, über die Mdanchthon am Ende seines Lebens so geseufzt hat. 
Dennoch würden wir ihm Unrecht tun, wenn wir ihn ge- 
meiner, gehässiger Streitsucht bezichtigen wollten. Er haUe eben 
die Ueberzeugung, daß der Rat die öffentliche Verkündigung seiner 


.. 


.. 



 



'"
		

/Pomorze_039_03_031_0001.djvu

			Exkommunikation hätte hindern können, aber aus Lässigkeit und 
Unenlschiedenheit nicht gehindert habe. Und mit dieser Meinung 
stand cr nicht allein cJa, sie wurde von der Gemeinde d. h. der 
niederen BÜrgerschaft allgemein geteilt. Ueberhaupt ist diese ihm 
sehr zugetan, sp sehr, daß der Rat Aufruhr fürchtet, wenn er ihn 
fallen läßt. Und - was sehr für ihn spricht - ein Mann wie 
Stroband hält große Stiicke auf ihn. 
So werden wir in seiner heftigen Angriffslust doch etwas 
Besseres sehen mÜssen als niedere Schmähsucht. Er wittert aber in 
der ZUlllutung, sich zu mäßigen, den Versuch, die Wahrheit zu unter- 
drücken,und die Wahrheit, "das Wort Gottes", die "reine Lehre", will er 
rücksichtslos aussprechen und verteidigen gegen Jedermann. Er 
will kein tlalber, kein Leisetreter sein. Lieber will er fortgejagt 
werden -- er war mit vierteljährlicher Kündigung angestellt -, als 
feige mit der Wahrheit zllrikkhalten. 
Hyalinus war kein Mann, mit dem wir in Thorn zum vier- 
hundertjährigen Gedächtnis dt'r Reformation viel Staat machen konnten, 
aber er hatte etwas von Luthers trotzigerTapferkeit, also etwas, was 
wir unserm ganzen Volke in dieser schweren Zeit nur dringend 
wÜnschen können. 


. " 


, 


Anmerkungen: I) auch Schwager, Schwogernickel und polonisirt Swoger- 
nicki, lat. Soccr genannt. (Sencr ist sicher nur schlechle lesart für Socer). 

) fontes VI. S. 235. 8) UB. = Urkundenbuch des Bistums Kulm no. 906. 
') er starb ]5. I. ]542, wurde in St. Jacob beg-raben; sein Leichenstein lie
t 
jelzt drauRen vor dem Turm. lI) Hartknoch "Preuß. Kirchenhistoria" 874. B. 
I,am aus Osterode nach Thorn, ging von hier nach Posen und 1558 nach Marien- 
burg. 6) Hartknoch 876 U. B. Seite 882: Hillanius (muß heißen Hyalinus) 
lignicensis. 7) UB. no. 1027. 8) quo mei promission i occurrerent, schreibt 
dieser von den Thornern: U. B Seite 873. 9) UB. 110. 1027. freytag in dieser 
Zeischrift S. 3. ]0) duxerunt: UB. no. 1033. 11) nicht bene examinatus: U. B. 
no. 1029. I
) UB. no. ]027. ]8) literae dimissoriales U. B. no. 1033. 11) ibo 
Ir,) BI. 1)1 b der obigen Briefe. J6) am 18. Dezember wird er täglich erwartet, am 
6. Jannar predigt er schon. 17) omnes ecc1esie. ordinationes .. in infernum pro- 
jicicndas censet U. B. no. 1033. 18) BI. 80 der obigen Briefe. ]9) UB. no. 1032. 
20) RI. 86b und 87 der obigen Briefe. 21) Corporis Christi repositorium 
Sathanae c1oaca: UB no. 1041. 22) UB. no. 1033. 
8) UB. no. 1037. IM) UB. 
no. 1038 u. 37. 2h) BI. 86b U. 87 obiger Briefe. 26) Brief des Thorner Rats 
vom 17. V: S. 80 obigen Bandes. 
7) UB. no. ]04]. 28) Die Handschrift ist 
klar lind gilt lesbar, aber doch sind deutlich erkennbare Spuren der Eile bei 
der Niederschrift zu bemerken: Wechsel der Satzkonstruktion (der Satzbau ist 
recht umständlich), fehlen des Prädikats, die häufigen etc. - Der Brief vom 
28 V hat (einschließlich Adresse) 7, der vom 6. VI hat 9 Blatt Umfang in der 
Größe von 32X22 cm; rotes Stadtsiegel. 29) Die sprachlichen formen des 
BI iefschreibcrs weisen auf Ostmitteldeutsch land (Obersachsen, Schlesien, Preußen); 
"PerscholI" wird noch heute im Königreich Sachsen gesagt (Mitteilung des Herrn 
Prof. Dr. Ziesemer-Königsberg). Zu der sehr auffallenden Vorsilbe bo -- 
sagt das Grimmsche Wörterbuch: ahd für pi - - auch pa - - und pe - - ; 
selbst nhd lälH sich in alten Urkunden zuweilen noch bo - - 
für be - - blicken. 110) am 3. VII ]558 bittet Joh. Canadeus um Zuwendung 
des Leipziger Stipendiums (Archiv Xli No. 17), ]566 nimmt er, autoritate 
apostolica Notarius publicus, einen gerichtlichen Akt auf (Archiv VIII 12). 


- 27 -
		

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			Die 
lilrktgebäDde in Kilim. 
Von Arthur Sem rau. 
Unsere Untersuchungen über die Marktverhältnisse in der Alt- 
stadt Thorn 1) fÜhren uns mit Notwendigkeit dazu, die Darstellung 
der gleichen Verhältnisse in Kulm, wie sie Fr. Scl1Ultz in seiner 
Arbeit "Die Stadt Kulm im Mittelalter" 2) im Jahre IH88 gegeben 
hat, vom Standpunkte der neueren Forschung zu überprÜfen. Wir 
hoffen dadurch einen klareren Einblick in die Bestimmung und Ge- 
schichte mancher Marktgebäude zu gewinnen. 
Ihrer geschichtlichen Bedeutung und der günstigen Lage in 
der Mitte des Kulmerlandes verdankte die Stadt Kulm, daß sie zur 
Hauptstadt des Kulmerlandes ausersehen wurde. 3) Diesem Um- 
stande entspricht auch die Ausdehnung des Marktplatzes, der mit 
seinen Abmessungen den Marktplatz der Altstadt Thorn bei weitem 
übertrifft. Die Stadt Kulm wurde aber, wie die Geschichte der 
Marktgebäude dartut, von der Altstadt Thorn bald überflügelt; denn 
während hier das Kaufhaus bereits 125\) errichtet wurde, wurde der 
Stadt Kulm erst am 19. Mai 1298 das einschlägige Privilegium er- 
teilt, .1) nachdem bereits Pr.- Holland und Christburg 1297 und 12m
 
ähnliche Privilegien erhalten hatten. f.) Nach jener Urkunde ver- 
zichtete der Orden auf alles Recht, das er als landesherr auf den 
Markt und seine Ausnutzung besaß, und Überließ ihn fijr alle 
Zukunft occasionc domini i utilis quam directi " pleno iure 
et in te gro den Bürgern der Stadt. 6) Es geht aus diesem Wort- 
laute unzweideutig hervor, daß der Orden bis 1298 die Marktzinse 
fijr sich in Anspruch nahm. Wahrscheinlich erhob er auch an den 
Wochenmärkten das Standgeld. Wir dürfen uns jedoch nicht ver- 
hehlen, daß es für eine genauere Kenntnis des Marktverkehrs vor 
129H noch an Unterlagen fehlt. 
Was in der Altstadt Thorn das Ergebnis einer allmählichen 
Entwicklung war, fiel der Stadt Kulm 12!:JH mit einem Schlage als 
reife Frucht zu. Der Orden verlieh den Bürgern das Recht und die 
Erlaubnis, innerhalb des Umkreises des Marktes ein Kaufhaus, 
Bänke oder Buden der Krämer, Schuster, Bäcker, Fleischhauer und 
beliebiger anderer Handwerker zu bauen und zu besitzen, zum Ver- 
kaufe, Kaufe oder zur Aufbewahrung beliebiger Gegenstände unter 
und über der Erde, mit allem Nutzen, Vorteile und Zins, den sie 
zum Besten der Stadt daraus würden ziehen können. Zum Entgelte 
überließen die BÜrger dem Orden käuflich das Gut der Witwe des 
Friedrich von Wildenburg gegen eine Barzahlung von 100 Mark. 
. 


I) Die Bebauung des altstädtischen Marktes in Thorn im 13. Jahrhunderte 
in Milteil. des c.-V. 22. Heft S. 281. - Die Marktgt:bäude in der Altstadt Thorn 
im 13. und 14. Jahrhunderte in Mitteil. des c.-V. 24. Heft S. 3f. 
2) Zeitsehr. des Westpr. Geschichtsvereins. Heft 23. 
8) Urbs metropoJitana Handfeste von 1233, civitas capitalis Hand- 
feste von 1251. 
') Preuß. Urkundenb. I 2 S. 431 f. 
6) Siehe die Übersicht in Mitteil. des C-V. 22. lieft S. 34 f. 
ij) Vgl. die ähnliche formel omnl' plenum et integrum ius proprietatis ulla 
Cllm dominio utili et directo in einer Urk. VOll 1291. Pr. Urkundl'nb. 1 2 S. 361. 


28 


.. 


" 


,
		

/Pomorze_039_03_033_0001.djvu

			.. 


Die in der Urkunde von 1298 erwähnten Einrichtungen wurden 
wahrscheinlich sofort zur Ausfiihrung gebracht. . Wir lernen. sie 
zuerst aus einem Zinsbuche aus der ersten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts kennen, I) wo die Marktzinse in nachstehender' Reihenfolge 
aufgezählt weruen. 
- I) Der Fleischhauer Zins. 40 Bänke. 
i) Der Wollen weber Zins. 
a) Bänke mit 2B Namen. 2) 
b) Kammern. Von jeder einen Vierdung. 3) 
. Es folgen 13 Namen. 
c) Oiese Gewandkammern geben eine jede 1 Mark auf Ostern 
und Michaelis: 
Herr Tilman von Drerel1 
Herr HalJllus Palsath. " ''1 
Summa dieser Kammern und Bänke, die. tIlll1 besetzt 
sind, 44 [:!9 + 13 -I-
]. Summa des Geldes von diesen 
Kammern u. s. w. 1'!. 1/ 2 Mark. 
H) Der Bäcker Zins. Es folgen die: Namen. Summa dieser 
Bänke 36. 
4-) Der Schuwerth 4) Bänke. 2H Namen. 
5) Der KÜrschner Zins. 
Die Kiirschner von ihren Stätten, .wie sb zu stehe.n 
pflegen auf dem Kaufhause, von jedem Schragen 4: Skot auf 
S. Martins Tag. Es folgen 9 Namen, von denen drei durch- 
strichen sind. Summa dieses Zinses 16 Skot. . Darna-ch 
waren also damals 4- Schragen mit Kürschnern besetzt. 
6) Krambuden. Zu wissen sei, daß der Krambuden 33 sind 
und jede 1 Vierdung auf S. Martins Tag zinst. 
7) Heringbuden. Bi. , 
I Vierdung auf S. Martins Tag. Die Namen der Inhaber 
fehlen wie bei den Krambuden, weil sie ,.gar unstete, arme 
Leute sind" und ihren Zins unregelmäßig geben. 
8) 3 Teerbuden. 
!I) Die Bude der Semischgerber. 5) 
Das Hauptgebäude ist das in der.. Urkunde zuerst genannte 
Kaufhaus. Die von Fr. SchuItz gegebene Beschreibung dieses Ge- 
b
iudes 'ist ganz verworren und unzureichend: 6) 
Das hervorragellliste Gebäude auf dem Markte war das ehe- 
malige ellglische Packhaus, welches etwa im jahre /400 entstondell 
IlIld.erst im}ahre 1779 abgebrochen ist. Dasselbe wurde auch wohl 
kurzwf'g "das Kaufhaus" gmonnt, namentlich nachdem die Eng- 
länder sich mehr und mehr aus der Stadt zurückgezogm hattell /lnd 
11 Staatsarchiv Danzig Abt. 322 A Nr. 3 (ehemals A 89) S.11O-119. 

) Von jedem Schragen zahlten sie einen halben Vierdung.. Zinsregister 
Abt. 322 A Nr. 4. 
S) In dem Zinsregister Abt. 322 A. No. 5 lesen wir:'Die Wollen weber 
von den Schragen 1/ 2 Vierdung, item von den Kaufkammern jeder ]/2 Vierdung. 
. ,) = Schuster. 
1» Semisch = fettgar, weich vom. leder gesagl s. Grimm. 
0) a. a. O. S. 8. . 


" 


" 


- 29 - 


J
		

/Pomorze_039_03_034_0001.djvu

			I 


dasselbe in den Besitz der Stadt Übergegangen war. I) Es bot in 
seinem bznem eine MeIlge VOll VerkalIfsstätten, welche gegen eineIl 
Erbzills an eblheimische Kaufleute allsgelhan wurden. 
In dieser Darstellung ist zunächst als Zeit der Erbauung- irrig 
etwa 1400 angenommen worden. Es kann gar nicht bezweifelt 
werden, daß der Bau des Kaufhauses noch I :mH oder spätestens. 
12UB begonnen wurde; denn die Genehmigung des Ordens befrie- 
digte ein dringendes Bedürfnis. 
Sodann steht es fest, daß das Kaufhaus seit seiner Erbauung 
bis in die Zeit der uns als Quelle vorliegenden Zinsregister, die 
Mitte des 15. Jahrhunderts, ununterbrochen in den Händen der Stadt 
geblieben ist. FÜr die Entscheidung der Frage, wann das Kaufhaus 
seine alte Bestimmung verloren hat, liegt uns zur Zeit kein Quellen- 
material vor. 
Über die Art der Besetzung des Kaufhauses macht Schultz 
keine näheren Angaben. Wie aus dem oben mitgeteilten Zins- 
register hervorgeht, war es gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts 
mit Wollwebern, Gewandschneidern und Kürschnern besetzt. Die 
Wollweber besaßen 2n Bänke und 4 Kammern, die Gewand- 
schneider 
 Kammern und die Kürschner 4 Stätten. Wie diese drei 
Gewerbe an der Entstehung des Kaufhauses beteiligt sind, kann 
vielleicht durch einige Erwägungen wahrscheinlich gemacht werden. 
Gegell Ende des l::t Jahrhunderts, als das Kuhner Kaufhaus 
errichtet wurde, war das Handwerk der Wollweber in Preußen im 
Aufschwunge begriffen. Auf dem Lande wurde hier die Weberei 
als hauswirtschaftlicher Betrieb wohl seit jeher geÜbt. In der Hand- 
feste für Frankenheyn Kr. Oraudenz vom 17. Dezember 1282 wurde 
den ßauern gestattet, die im Hause gewobenen Tuche im Dorfe zu 
verkaufen. 2 ) Dagegen hat es den Anschein, als ob die Wollweberei 
in den Städten des Ordenslandes als Gewerbebetrieb erst gegen 
Ende des 1 a. Jahrhunderts Eingang fand. 3 ) In unseren Quellen tritt 
die Wollweberei ungefähr zu gleicher Zeit in drei weit auseinander- 
liegenden Städten des Ordenslandes auf. PreuB -Holland, Neustadt 
Thorn und Königsberg-Löbenicht. Am frühesten werden die WolI- 
weher in Pr.-Holland genannt. Nach den GrÜndern, die aus Holland 
gekommen waren, wurde die Stadt Holland genannt. Diese Ein- 
wanderer waren sicherlich ins Land gerufen worden, um die herufs- 
mäßige Wollweberei zu begründen. Daher verlieh der Orden durch 
das GrÜndungsprivilegium vom itl. September i 
tl7 der Stadt die 
Rahmen der Weber, auf denen die vorher gewalkten und dann ge- 
was chenen Wolltuche unter Spannung getrocknet wurden, zinsfrei. 4) 
]) Nach ScllIIllz S. 134 erfolgte dieser Übergang im 15. Jahrhundcrlc! 
VJ!I. auch S. 111. 

) Pr. Urkuudenb. I. 2 S. 271. Da dcr Ausdruck panni ohne Zusatz er- 
scheint, kann nicht gesagt werden, ob leinentuche oder Wolltuche gemeint sind. 
5) In West- und Süddeubchland hatte die Umbildung der Wollweberei 
aus einem haus wirtschaftlichen zu einem berufsmäßigen Gewerbebetriebe um 1200 
stattgefunden. fromm, frankfurts Textilgewerbe im Mittelalter in: Archiv fiir 
frankfurts Geschichte und Kunst 3. folge 6. Bd. S. 45. 
.) Pr. Urkundenb. I 2 S. 425. 


- 30
		

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			FÜr das Jahr 1299 sind die Weber der Städte Königsberg-Löbenicht 
und Neustadt Thorn zugleich bezeugt, doch so, daß die Weber der 
Neustadt Thorn bereits als vorhanden vorausgesetzt werden. 1) Da 
in der Urkunde von liga den Bewohnern dies
lbe Handelsfreiheit 
in der Stadt Königsberg zugebilligt wird wie den Webern der Neu- 
stadt Thorn in der Altstadt Thorn und da außerdem unter den 
weltlichen Zeugen an erster SteIle zwei Weber genannt werden, so 
darf man wohl annehmen, daß in Königsberg-Löbenicht die BegrÜn- 
dung des Weherhandwerks ein Hauptziel war. Da ferner in der 
Neustadt Thorn nur Wollweber genannt sein können,
) so ist durch 
den Hinweis auf dieses Beispiel auch das Dasein des Wollweber- 
handwerks in Löbenicht wahrscheinlich gemacht. 
Auch die Erlaubnis zum Baue eines Kaufhauses für den Tuch- 
handel in Christburg vom 3. Januar 1298 kann in diesen Zusammen- 
hang gezogen werden. 3 ) Wenn auch in der Urkunde gesagt wird, 
daß in diesem Kaufhause beliebige Tuche (panni qualescunqe) ge- 
schnitten oder im ganzen verkauft werden dÜrfen, so wird es sich 
in dcr Hauptsache um cigene Erzeugnisse gehandelt haben, da die 
Abnehmer unter den Uewohnern der Stadt und unter der ländlichen 
Bevölkerung der Umgegend zu suchen sind. Da Übrigens Christ- 
burg unter den Städten genannt wird, die das graue Gewand von 
alters her geschoren haben, 1) so kommen wir zu dem Schlusse, 
daß das dortige Gewandhaus eigens zur Förderung der ein- 
heimischen W ollweherei errichtet wurde. Damit das Kaufhaus 
besscr gedeihe, verbot der Orden zugleich, daß Tuchc zum Verkaufe' 
in allen seiner Herrschaft untertänigen Dörfern auf dem Markte, in 
den Straßcn, in den Häusern, Kellern und amtcrn Gemächern oder 
auf Plätzen der Stadt geschnitten werde. 5) 
Endlich wird auch das in der GrÜndungsurkunde der Stadt 
Lessen vom 
 I. Dezember 1298 vorgesehene Kaufhaus wohl in 
erster linic für den Tuchhandel bestimmt gewesen sein. li ) Daß hier 
das W ollweberhamhverk ausgeÜbt wurde, ist bezeugt dttrch die 
Urkunde Hir Stadt und Dorf Lessen vom 16. März 13Uli, in der den 
Bewohnern des Dorfes Lessen erlaubt wird, in der Stadt Bier zu brauen 
und zu verkaufen und Wolltuche nur in der vorgenannten Stadt zu 
schneiden lind zu vel kaufcn (pall11Os laneos quoscunque incidere et 
vendere non alias quam in civitate predicta). 
So ergibt sich der Schluß fast von selbst, daß auch der Bau 
eines Kau f hau ses in Kulm dttrch die Begründung des WolI- 
weherhandwerks wenigstens mitbestimmt worden ist, und wir ge- 
langen, wenn wir alle diese Einzelheiten unter einem Gesichts- 
. . 


I) Entwurf zu einer Handfeste Hir Königsberg-löbenicht vom 29. März 1299. 
2) Vgl. ihrc Willkür von etwa 1300 in: Zeitsehr. des Westpreuss. Ge- 
schichtsvereins Heft 7 S. 109 Diese Willkür ist wahrscheinlich vor dem 29. März 1299 
abgefaBt. 
S) Pr. Urkundenb. I 2 S. 429. 
') Acten der Ständetage Ost- und Westpreußcns Bd. I S. 318. 
CI) Darnach scheint es, als ob die Bürger der Stadt auch auBerhalb des 
Kaufhanses in den Häusern der Wollweber selbst ihre Einkäufe machen durften. 
6) Pr. Urkundenb. I 2 S. 437. 


31 -
		

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			punkte zusammenfassen, "lOch zu dem weiteren. Schlusse, daß die 
b
rufsmäßige Wollweherei durch die Landesherrschaft in Preußen 
in den Jahren 1297-1 ,W9 eingeführt und begründet worden ist. 
Landmeister war .damals Meinhard von Querfurt (1288-1299); sein 
Verdienst war also die Begründung der einheimischen Tuchindustrie. 
Hinfällig wird dadurch die Annahme von Schultz, daß das 
Gewerbe der Wollweber in Kulm 1 iJ79 begründet worden sei. 1) 
Die GrÜndung muß vielmehr ungefähr in die Zeit der Erbauung 
des Kaufhauses, also in das Jahr 12\18, fallen. 
Ob das Kaufhaus von vorneherein in demselben Maße mit 
Wollwebern besetzt gewesen ist als gegen die Mitte des lö. Jahr- 
hunderts, erscheint uns fraglich. Jedenfalls müßte, um dieses fest- 
zustellen, das Vorkommen der Gewandschneider gründlicher unter- 
sucht werden. Auf den ersten Blick will es aber scheinen, als ob 
der Gewandschnitt gegen die Zeit um 131 '0 zuriickgegangen ist. 
Die Namen der beiden Gewandschneider sind wie oben mit- 
geteilt "Herr" Tilman von Dreren und "Herr" Hannus Palsath. Die 
Palsath sind eine alte' Kulmer 'Familie. Ein Bürger Tilmannus de 
Palsode kommt als Zeuge in der erwähnten Kulmer Urkunde von 
1298 vor. Hat1l1us Palsat wohnte im Barfüßerviertel. 2) Auch ein 
Hermann Palsat aus Thorn hatte Grundbesitz in Kulm. 3 ) Dieser 
Palsat war 1428 - 1430 Schöffe in der Altstadt Thorn, wurde 1431 
r
atlt1ann, 14;11) Richter und starb 1437. 4 ) Diese Familie trat in Thorn 
zuerst mit Ewird Palzot 1375 auf, und nach diesem war noch ein 
Conrad Palsat 1414 Schöffe, 1415 Ratmann, 1419 Richter und saU 
zuletzt J 42U im Rate. 5) 
Der Familienname des zweiten Kulmer Gewandschneiders "von 
Drere" kommt in der Altstadt Thorn früher vor als in Kulm. Ein 
Tylo (Tydeman) von Drere war 13\)1 Schöffe, liHU Ratmann, 
1397 Richter und saß zuletzt 1402 im Rate. Die ursprÜngliche 
Namensform war von der Ere, so z. B. 13t;7. 6 ) 
Wir haben die Nachrichten über die beiden in Kulm und Thorn 
vorkommenden Familien Drere und Palsat hierher gesetzt, weil sich 
vielleicht bei weiterer Forschung die Frage aufwerfen läßt, ob der 
ThonJer Gewandschnitt, der nach seiner Entwicklung nach Aus.... 
dehnung seines Geschäftskreises streben mußte, auch zu Kulm in 
Beziehungen gestanden hat. 
Der Wettbewerb der englischen Kaufleute wurde auch von den 
Gewandschneidern zu Kulm drÜckend empfunden. Der Danzigel" 
Beschluß von 1424, daß ein Bürger, der einem Fremden sein Haus 


. ]) Diese Datierung der Weberordnung, die zuerst von Voigt (Geschichte 
Preu/Jens Bd. V. S. 340 und Cod. dip!. Pr. 111 Nr. 338) aufgestellt wurde, ist 
übrigens wohl mit -Recht von ToeplJen (Acten der Ständetage Preu/Jens Bd. I S. 97) 
bezweifelt worden; dieser hält sie flir jünger als die landeswillkür von 1402. 

I Zinsregisler Staatsarchiv Danzig Abt. 322 A Nr. 4. (Alte Nr. A 53). 
3) Zinsregister Staatsarchiv Dallzig Abt. 322 A Nr. 5 (ehemals A 74) S. 61. 
,) Diese Zahl ist also auch ein Anhalt für die Datierung der entsprechenden 
ZinsreR'ister. 
5) Altstädtisches Schöffenbuch. 
ij) Altst. Schöffenbuch. 


- 32 - 


'"
		

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			... 


vermiete, sei es als Wohnung oder Geschäftsstelle, sein Haus ver- 
lieren und, wenn er sich dem. widersetze, des BÜrgerrechts be- 
raubt werden solle, 1) findet sich..auch in der Kulmer Willkür. Der 
Artikel lau let in hochdeutscher Ubertragung: 
"Daß Gäste, die in Kammern liegen, nicht Gewand schneiden 
sollen noch kaufen noch verkaufen. 
Auch wollen wir, daß alle Gäste, die hier liegen, kein Oewand 
bei der Elle schneiden sollen, bei der Stadt Kür. Und kein Gast, 
der in Kammern liegt, soU kaufen noch verkaufen bei der Stadt 
Kür; und wenn der Wirt, bei dem er wohnt, erfährt, daß derselbe 
BÜrgerrecht gebraucht, und wenn er es nicht meldet, soll er auch 
der Stadt Kür geben.":J) 
Außer den Wollwebern und Gewandschneidern saßen, wie wir 
oben sahen, noch vier Kürschner im Kaufhause. Da die KÜrschner 
in der Altstadt Thorn schon um 130H Stellen im Rathause inne- 
hatten, so l11ag auch das Kulmer Kaufhaus schon von vornherein 
(I 
!J8) mit Kürschnern hesetzt gewesen sein. Der Zins betrug 
wie in Thorn 4- Skot jährlich. 3) Von den Namen der KÜrschner ist 
einer Mattis Hoke. 4 ) Auch in Thorn kommt dieser Name ungefähr 
UI11 dieselbe Zeit vor. Ein Wenzel Hoke (auch Hake) war 1457 
Schöffe, wurde 1--158 Ratmann, 1463 Richter und saß zuletzt 1467 
im Rate. 
Wie die ßiinke oder Schragen und die Kammern der WolI- 
weher, die Kammern der Gewandschneider und die Stätten der 
Kürschner auf das Kaufhaus verteilt waren, läßt sich zur Zeit noch 
nicht sagen. Vielleicht lagen sie alle im Erdgeschosse, zum mindesten 
aber wohl die Stellen der Wollweber und Gewandschneider. 
Über die Grundrißanlage des Kaufhauses wissen wir bisher 
gar nichts; wir erfahren nur, daß etwa in den 80er Jahren des 
I U. Jahrhunderts einige Keller des ehemaligen Packhauses zusammen- 
stürzten. 5) Die Grtlndmauern ließen sich vielleicht durch Nach- 
grabungen feststellen. Mit der Untersuchung über die Anlage des 
Kaufhauses hängt aber eng noch eine andere Frage zusammen: 
_ "Wo befand sich das älteste Rathaus?" Scl1Ultz meint, daß die Er- 
bauung des Rathauses "in eine sehr frühe Zeit" falle, daß dieses 
aber im Anfange des 16. Jahrhunderts wahrscheinlich baufällig ge- 
worden und im Jahre 15ü7 durch ein neues ersetzt worden sei. (j) 
Demgegenüber muß zunächst betont werden, daß ein Rathaus auf 
dem Marktplatze erst dann erbaut werden konnte, als dieser für die 
Errichtung eines Kaufhauses und anderer Marktgebäude freigegeben 


I) Simson, Geschichte der Stadt Oanzig Bd. I S. I 56f. Vgl. Mitteil. des 
c.. V. 22. HeU S. 97. 

) Willkür der Stadt Kulm in Staatsarchiv Oanzig Abt. 322 A Nr. 3 S. 144. 
Die entsprechende DarstelluIlI{ bei Schultz S. 133 ist unklar. 
S) Milt. d. c.-V. 24. Heft S. 23, 28f., 30f. 
') Zinsregister Abt. 322 A Nr. 3 und Nr. 5. 
6) Schultz a. a. O. S. 8 Anlll. 2. Akten über den Abbruch des Packhauses 
sind mir nicht bekannt geworden. 
6) Schultz a. a. 0 S. 2 f. 


- 33 -
		

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			wurde, also erst nach 1 
VH. I) Nun ist es aber sehr fraglich, oh 
um diese Zeit der Plan aufkommen konnte, ein eigenes Gebäude 
für Rat und Schöffen zu erbaueu. 
Selbst in der Altstadt Thorn diente das Rathaus, das im 
Jahre 130!) erbaut wurde, nebenher noch als Kaufhaus, da es die 
Verkaufsstellen der Kürschncr und Leinwandschneiderinnen aufnahm. 2) 
Eine ähnliche Bestimmung halte das in dcn zwanziger Jahren des 
14-. Jahrhunderts erbaute Breslauer Rathaus, dessen Langhaus aus- 
schließlich als Kaufhalle diente. 1 ab7 werden h'er Garnzüger ge- 
nannt, 14
0 Züchner und später KÜrschner. 3 ) Also dÜrfen wir ver- 
muten, daß das Kaufhaus in Kulm, das 12BI:! erbaut wurde, zugleich 
Rathaus war. Nun wird allerdings das Kulmer Rathaus unter 
diesem Namen und dem lateinischen Namen praetorium in den 
Zinsregistern aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts genannt; 
das ist aber kein Beweis für das Sonderdasein eines Rathauses, 
denn auch in der Altstadt Thorn wechselten die Bezeichnungen 
Kaufhaus und Rathaus fiir dasselbe Gebäude im 15. Jahrhunderte. 
Auch die Beschreibung einzelner Räume des Rathauses in dem 
Werke von Scllltltz bringt keine Entscheidung. Die "Keller des 
Rates" 4) können ebenso gut unter dcm Kaufhause gelegen haben. 
Es befand sich ferner in den unteren Räumen des Rathauses die 
Wage;;) und mehrere Kammern, darunter dic Kohlenkammer ("Kol- 
kammer") I;) Die Hallpträume des Rathauses waren die Ratsstube 
und die Sommerstube. 1) Nach Schultz war die Ratsstube "jedenfalls 
groß genug, um die gallze Blirgerschaft zu fassen" 0) Im Sommer- 
gemache versammelteIl sich dic Schöffen zu Verhandhm
en mit dem 
Rate. IrrHimlich meint Schllltz, daß dieser Raum den Schöffen auch 


'" 


1) Bis dahin mag als Amlsgebiiude ein Haus in der östlichen HänseJ:reihe 
des Marktplatzes gedient haben. So lag z. ß. anch in ßreslau nach alter Uber- 
licrerung das älteste I
afllaus innerhalb der 
Iäuserreihe auf der Ostseite des 
Ringes an dcr Stelle des heutigcn Hauses Ring 30 (Markgraf, Der Breslaner 
Hing S. 2 und S. 82), also an der Hauplverkehrsader, die iiber den Ring fiihrte. 
In entsprechender Weise können wir das älteste Amfsgebäude in Kulm in der 
östlichen Häuserreihe vermutcn, und in dcr Altstadt Thorn wird das älteste 
Allltsgebiiude innerhalb der Iläuserreihe auf der Oslseite des Ringes gelegcn 
haben. Es ist iibrigens entgegen einer friiher ausgesprochenen Vernmtung 
(Mit!. d. c.-V. 24. Heft S. 21) nicht ausgeschlossen, dan dieser Zustand bi,; zum 
Jahre 1309, da das Rathans erbant ward, angedauert hat. Das wiirde der Ent- 
wicklung in Breslau entsprechen, wo das Rathaus auf dem Ringe in den zwanziger 
Jahren des 14. Jahrhunderls erbaut wurde (Markgraf a. a. O. S. 21; zuerst er- 
wähnt 1327, Markgraf S. 3). Diesem Zwecl	
			

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			.. 


fiir die Schöffen sitzungen gedient habe. r) Wie uns das Beispie( der 
Altstadt Thorn lehrt, lag die Gerichtsstube herkömmlich zu ebner 
Erde, und auch in Kulm selbst wurde in dem neuen Rathause von 
15ß7 die Gerichtsstube in das Erdgeschoß gelegt, während die 
Ratsstube im ersten Stockwerke Platz fand. 2 ) Also diirfte auch die 
Kulmcr Schöffenstube im Erdgeschosse des Rathauses (oder Kauf- 
hauses) gelegen haben. Wir müßten also annehmen, daß die eine 
Schmalseite des Kaufhauses wie etwa in der Neustadt Thorn zwei- 
geschossig angelegt war. Endlich war auch das städtische Archiv 
in einem besonderen Raume des Rathauses untergebracht.	
			

/Pomorze_039_03_040_0001.djvu

			den t	
			

/Pomorze_039_03_041_0001.djvu

			einzeinen Marktanlagen so zusammengedrängt wurden, daß man 
I H9iJ daran gehen konnte, sie wie ein vierflügliges Ordenshaus neu 
aufzubauen, zerstreuten sich in Kulm die einzelnen Marktgebäude, 
besonders die Buden, über den ganzen Marktplatz und schufen ein 
Bild, das durch seine Mannigfaltigkeit lebhaft an den Breslauer Ring 
erinnert. 


Die 6rapengie
er und Rotgie
er in Preu
en. 
Von Arthur Sem rau. 
In seinem 15. Bericht über die Denkmalpflege in der Provinz 
Westpreußen im Jahre 1917 (Danzig 1918) bietet uns Bernhard 
Schmid eine sehr verdienstvolle, grundlegende Arbeit Über die west- 
preußische Glockenkunde, die gewiß zu weiteren Nachforschungen 
über diesen Gegenstand anregen wird. Auf S. I a bemerkt der 
Verfasser, daß die älteste Rolle des Rotgießergewerks in der Altstadt 
Danzig von 1405 die Grapengießcr, die Bronze verarbeiteten, und 
die Kannengießer, die Zinn verarbeiteten, zu einem Werke zu- 
sammenfasse. Dem Wunsche, der durch diese Bemerkung wohl 
hier und da wach wird, näheres über die beiden verwandten 
Arten der Erzgießer, die Grapengießer und Rotgießer, zu erfahren, 
versuchen wir in folgendem Aufsatze nachzukommen. Doch will 
dieser lediglich Unterlagen für weitere Forschungen bieten. 
I. Die ürapengießer. 
Daß die Nachrichten Über die Grapengießer älter und zahl- 
reiche\" sind als die über die Rotgießer, hängt mit der Natur ihres 
Handwerkes zusammen. Da die Grapen offenbar mit Rücksicht 
auf die Feuerfestigkeit eine besondere MetalJmischung erforderten, 
so wurde dieser Gegenstand von den Städten durch gemeinsam 
vereinbarte Verordnungen geregelt. Am 2. März 13M setzten die 
Ratmanne der Städte Liibeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifs- 
waid und Stettin zu Rostock (?) folgende Bestimmungen fest. 1) 
1. Dat de gropenghetere scllOlen gheten gropen van wekeme 
coppere, ghemenged na rechter mathe, also to deme scep- 
punde wekes copperes de helfte gropenspise ofte ver 
Livesche pu nd tenes ane bly. 
2. Unde en jewelk scal sin werk merken mit sines stades 
merke und mit sines sulves merke. 
Ebenso lauteten die Artikel in der auf der Versammlung zu Lübeck 
al11 
.j.. Juni I Bö I von den Ratmannen der Städte Lübeck, Wismar, 
Rostock, Greifswald und Stettin festgesetzten Rolle der Grapen- 
und Kannengießer. 2) 
.. Die Bestimmung in Absatz I lautet in neuhochdeutscher 
Ubertra gu ng: 
1) Hanserecesse Abt. I Ud. I Nr. 188 S. 117. 
2) Hanserecesse Abt. I Ud. I Nr. 257 S. 184. 


- .37 - 


-
		

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			Daß die Grapengießer Grapen gießen sollen von weichem 
Kupfer, gemengt nach rechtem MaUe, also zu dem Schiffpfunde 
weichen Kupfers die Hälfte Grapenspeise oder (ofte, efte, ichte) I) 
vier Livische Pfund Zinnes. ohne Blei. 
Es handelt sich anscheinend um zwei verschiedene Mischungen. 
Die eine besteht aus 1 Schiffpfund (= 20 Livische Pfund) weichen 
Kupfers und 1/ 2 Schiffpfund (= 10 livische Pfund) Grapenspeise. 
Die Grapenspeise ist vielleicht dasselbe, was man unter aes cal- 
dariOl'um (Kesselerz) verstand, nämlich Messing. Es ist nämlich 
überliefert, daß man schon zu Beginne des 12. Jahrhunderts Geräte 
flir den täglichen Gebrauch, Kessel, Becken, Schüsseln u. a, aus 
Messing (Kupfer und Galmei) herstellte. 2) Außerdem ist ausdrÜck- 
lich bezeugt, daß sowohl die Apengeter als auch die Grapengeter 
Norddeutschlands in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auch 
Messing verarbeiteten, denn in den Zunftrollen aus dieser Zeit 
wird der Galmei angeführt. 3) Ist unsere Vermutung richtig, dann 
ist diese Mischung (Kupfer und Messing) noch um 1 
54 und 1361 
gestattet. 
Die zweite Mischung besteht aus 1 Schiffpfund (-= 20 Livische 
Pfund) weichen Kupfers und 1/5 Schiffpfund (= 4 Livische Pfund) 
Zinn, also etwa 83,33 Ofo Kupfer und 16,1)7 % Zinn. 
Gleiche Verordnungen ergingen sowohl in den Städten liv- 
lands, Estlands und Kurlands als auch in den preußischen Städten. 
Nach einer Aufzeichnung im Revaler Denkelbuche sollen' die Grapen- 
gießer in den Seestädten von zwei Teilen harten und einem Teile 
weichen Kupfers gießen. 4) Unter hartem Kupfer haben wir sicher 
ein durch Zusatz des Zinns gehärtetes Kupfer zu verstehen. Da 
wir aber das Mischungsverhältnis flir hartes Kupfer nicht kennen, 
können wir auch nicht sagen, wie sich diese Mischung zu der 
eben beschriebenen zweiten Mischung verhält. 
In den preußischen Städten begegnen uns die Grapengießer 
zuerst IHn I. Nach dem Receß vom 
(i. September I3Y 1 wurde 
beschlossen, daß die Sendeboten in Hamburg erfahren sollten, wie 
man es in anderen Städten mit der Mischung des Kupfers und 
Zinns halte. r.) Auf dem Städtetage zu Marienburg am 17. Mai IH!I;) 
wurde beschlossen, daß man wegen der KannengieUer und Grapen- 
gießer in Betreff des Zusatzes von Blei Erkundigungen einziehen 
sollte, und zwar die von Thorn in Breslau, die von Danzig in 
Uibeck. G) Die Mischung war dieselbe wie in Reval. 
In der Rolle der Altstadt Danzig für das Kannen-, Grapen- 
und Rotgießergewerk von 1405 bestimmt Artikel f>: "Die Gropen- 
gießer sollen ihren goß also halten, daß sie zu zweyen Pfunden 


I) Nach freundlicher Erklärung des Herrn Oberlehrer Dr. Ziesemer zu 
Königsberg Pr. 
2) Peltzer, Geschichte der Messingindnstrie Aachcn 1909 S. 25-26. 
8) Peltzer a. a. O. S. 22 Anm. 4. 
4) Liv-, est- und kurländisches Urkundenb. I 3 Regest 1375 S. 116. 
r.) Acten der Ständetage Preußens. Hg-. von Toeppen. Bd. I S. 125. 
6) Acten der Ständetage Preußens. Band I S. 82. Vgl. Receß vom 15. 
Aug. 1395 ebend. I S. 125. 


- 3S - 


.. 


4 


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-
		

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			, 


hartes Kupfers sollen thun ein Pfund weiches KupFers." I) Was 
hier als verbindliche Satzung erscheint, wird im Receß vom 28. 
März 1-1-10 als Forderung der Grapengießer von Elbing und Danzig 
ausgesprochen_
). Aber noch auf dem Städtetage zu Marienburg 
am 9. Juni I-H 0 wurde die Art des Gusses genau so verordnet, 
wie die Danziger Rolle von 1405 es festgesetzt hatte. Die Städte 
sollten auf die Geräte ihr "Merk" legen lassen. 3) Auf dem Städte- 
tage zu Eylau am 21. April 1422 wurde das Mischungsverhältnis 
abgeändert. "Dy gropen sal man machen von herten und weichem 
kopper halb und halb und desglich ouch dy fuIJe." 4) Der Zusatz 
des Zinns wurde also gegen früher herabgesetzt. 
Noch wiederholt wurde über den Guß der Kannen- und 
Grapengießer in den Jahren 1422-1424 auf den Städte- und Stände- 
tag
n verh:mdelt; zuletzt wurde auf dem Ständetage zu Marienburg 
am 14. August 1-12-1 der Stadt Danzig befohlen, sich wegen des 
Gusscs bei den Seestädten zu erkundigen. a) Die Antwort, die vom 
Sunde, von Rostock und Wismar einging, sollte nach dem Beschlusse 
des Ständetages zu Elbing vom 2/i. Novemher 14:!4 als Grundlage 
fÜr die Beratung in den Städten und dann auf der nächsten Tag- 
fahrt dienen; doch kam die Angelegenheit der Grapengießer 
wenigstens nach den vorliegenden Quellen auf den Tagungen nicht 
mehr zur Verhandlung. 
Wohl Schwierigkeiten des Erwerbs Hihrten auf dem Stände- 
tage zu Marienburg Olm H März 1-1:!2 zu dem Beschlusse, daß in 
jeder Stadt die Zahl der Mit
lieder des Kannen- und GrapengieBer- 
werks ermittelt wÜrdc, damit anf der nächsten Tagfahrt Wandel 
geschaffen werden könnte. G) I-J.;H) waren in der Altstadt Danzig 
die Gürtler, Rotgießer und Kannengießer zu einem Werke zusammen- 

eschlossen; 7) es fehlen also die Grapengießer ganz. lö
U war in 
Danzig nur noch ein Grapengießer. S) 
Arbeiten des Grapengießers werden z. ß. unter dem Jahre I -lOH 
im Marienburger Treßlerbuch genannt: 9) 5 eherne Grapen, deren 
Gewicht illi Steine bcträgt, LInd I Kessel von 2 Tonnen, der 4 1 / 2 
Steine und 5 PFund wiegt. Auch die GlockengielJer in der Marien- 
burg gießen eherne Grapen; so werden z. B. 1402 von einem 
Glockengießer Grapen Hir des Meisters und des Konvents Küche 
gegossen. 10) 141 
 goß der Glockengießer Dumechin in der Marien- 
burg auf Bestellung des Küchenmeisters Buntscl1ll 3 eherne Töpfe. 
Zu dem GLIsse nahm er 2 alte Töpfe im Gewichte von 17 Steincn 


J) Nach freundlicher Mitteilung des Staatsarchivs in Danzig. 

) Arten der Ständetage Preußens. Bd. I S. 125. 
3) Acten der Ständetage Preußens. Bd. I S. 125. 
') Acten der Ständetage Preußens. Bd. I S. 388. 
CI) Acten der Ständetage Preußens. Bd. I S. 420. 
U) Acten der Ständetage Preußens. Bd. I S. 384. 
7) Urk. im Ratsarchiv Thorn Kat. 111 Nr. 4299. 
8) Mitteil. des Westpr. Geschichtsvereins Jahrg. 15 (1916) S. 5. 
9) S. 378. Eryn ehern darf hier nicht, wie Ziesemer im Register meint, 
als "eisern" erklärt werden. 
10) Das Marienburger Treßlerbuch S. 140. 


- 39 -
		

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			und 18 Steine seines eigenen Kupfers. 1) Das Mischungsverhältnis 
ist nirgends ersichtlich. Da Messing lind Messinggeräte, z. B. ein 
Messingkessel im Jahre 1408, besonders genannt werden, so ist 
es zweifellos, daB man als "ehern" nur die alls einer Mi.
chung 
von Kupfer und Zinn gegossenen Geräte bezeichnete. AhnIich 
stellten wir friiher fest, daß in dem Inventar der Johanniskirche in 
Thorn von 1596 ahenum ein BronzegefäB bedeutet.:!) Unter Erz 
darf man also nicht bloß, wie im Grimmschen Wörterbuche ge- 
schieht,3) eine Mischung aus Kupfer lind Messing verstehen, sondern 
es bedeutet auch die Mischling aus Kupfer und Zinn. Als Meister- 
stück verlangte die Danziger Rolle von 1-105 von den Grapengießern 
einen Grapen, einen Mörser lind ein Handfaß.l) 
Von den Arbeiten der Grapengießer scheinen nur sehr wenige 
erhalten zu sein. Elulich berichtet über zwei bronzene Grapen, 


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von denen der eine sich im Elbinger Museum, der andere, der in 
Plywaczewo Kr. Thorn gefunden wurde, im Westpreußischen Pro- 
vinzialmllseum Danzig befindet. 5 ) Prof. Dr. R. Dorr beschreibt mir 
das Elbinger Stück folgendermaßen: "Der Grapen ist mit Henkeln 
und FÜßen ein einziges GußstÜck aus harter, weißlicher Bronze, die 
nach Entfernung von grau schwärzlicher, stalIbiger Patina zum Vor- 
schein kommt. Das Meisterzeichen sitzt nicht am Bauch, sondern 


J) Das Marienburger KonventsblIch S. 277. 
2) Mitt. des c.-V. 16. Heft S. 68. 
3) Unter dem Worte "Erz". 
') In lübeck und in den anderli Hansastädlen der Oslsee verfertigten die 
Grapengeter nach Pellzer a. a. O. S.:!3 Grapen lKessel), Schapen (flache Tiegel) 
und Morten (Mörser). 
6) Mitteil des c.-V. 25. Heft S. 64-65. 


- 40 - 



 


-
		

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			auf dem Halse in der Mihe des Henkels, ist erhaben und unten 
ein W und darauf ein stehendes Kreuz (\t), die Henkel sind spitz
 
eckig. Höhe 23 cm, größter Bauchumfang 75 cm. Die drei Füße 
sind am untern Ende hufförmig und haben einen dreieckigen 
Durchschnitt. In der Mitte einer jeden der 3 Seitenflächen verläuft 
von oben nach unten eine schmale rillenförmige Vertiefung. Der 
eine Fuß ist ausgebrochen, an der Bruchstelle beträgt die Dicke 
der ßodenwandung 5 mm, am oberen Rande ist die Dicke der 
Wandung erheblich geringer. Um den Hals verlaufen drei erhabene 
horizontale Leisten." Vgl. die vorstehende Abbildung. 
Der Fundort dieses Grapens war bisher unbekannt. Nach 
einer vor kurzem abgegebenen Erklärung des Herrn Antiquar Ficht- 
mann in Elbing wurde er vor etwa 20 Jahren beim Ausschachten 
eines Baugrundes auf dem Neustädter Felde bei Elbing gefunden. 1) 
Es liegt hier ein mittelalterliches Stiick, vielleicht des 15. Jahr- 
hunderts, vor. Eine Untersuchung des MetallgehaIts könnte wei- 
teren Anhalt für die ZeitbestimmutJg geben. Wenn das Zeichen 
ein blofjes Meisterzeichen ist, dann bedeutet es den Anfangsbuch- 
staben des Meisters mit einem Kreuze, also eine Hausmarke. Nach 
der Vorschrift mußte die Arbeit aber mit der Marke der Stadt und 
der Marke des Meisters versehen sein. Dann könnte man das 
Zeichen als eine Vereinigung des Stadt- und Meisterzeichens an- 
sehen. Das W wäre die Stadtmarke von Breslau, und das Kreuz 
darauf miißte die besondere Marke des Meisters sein. 2) Wir mÜssen 
die Sache noch unentschieden lassen. 


11. Die Rotgießer. 
Die Rotgießer wurden in niedersächsischer Mundart meist 
Apengeter genannt. Auf einen Apengeter Hans (JohantJes) führt 
Schmid den ehernen Löwenkopf auf der südlichen Chortiire in 
St. Johann in Thorn zurück (1iJ27-50). 8, Ein Hans Ramme in 
Magdeburg wird 1454 (?) "apengeter edder rotgeter" genannt. 4) 
Die Ableitung des Wortes ist noch dunkel. ,,) 
Die älteste Nachricht iiber die Rotgießer in Preußen ist die 
erwähnte Rolle der Kannen-, Grapen- und Rotgießer der Altstadt 
DatJzig vom Jahre ) -1-05. Als MeisterstÜcke werden in Artikel 23 
vorgeschrieben ein Handfaß, ein Leuchter und ein Zapfen. Die 
Rolle von 1404 schreibt für den Guß der Kronen, Handfässer und 
. 1) Nach einer frenndlichen Mitteilung des Prof. Or. R. Oorr in Elbing. 

) Nach einer frenndlichen Mitteilung des Herrn Prof. Or. Seger in Breslau 
tritt das Wals Stadtmalke auf Kannengiellerarbeiten in Breslau seit dem Ende 
des 15. Jalllhunderts auf. Vgl. Schlesiens Vorzeit Neue folge V S. 186. 
3) Mitteil. des Copp.-Ver. 23. t1eft S. 93. 
4) Magdeburger Urkundenb. 2 S. 680. 
6) Herr Or. W. Ziesemer-Königsberg, den ich deswegen befragte, be- 
zweifelt die Ableitung von ape (
 Affe) und hält es für wahrscheinlich, daß 
das Wort zu apen - = offen zu stellen ist. Oarnach soll es diejenigen bedeuten, 
die offene Gefäße oder Gegenslände, etwa Becken, Schalen u. dergI., gießen. 


- 41 -
		

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			, 


Leuchter Messing vor. f) 14HH waren sie wie oben erwähnt mit 
den GÜrt!ern und Kannengießern zu einem Werke vereinigt. In 
Thorn ist das Werk der Rotgießer zuerst nachgewiesen durch den 
Geburtsbrief des Rotgießers Hannos Czynnenborn aus Neiße vom 
Jahre 140ft 2) Da der Bedarf an Geräten aus Messing in Haus und 
Kirche se
r groß war, so darf man wohl das erste Auftreten der 
Rotgießer ebenso wie das der Grapengießer in Preußen ohne Be- 
denken in das 13. Jahrhundert hinaufriicken. 3 ) Vielleicht war der 
Ratmann Sivrith Werkmann, der ] 262 erwähnt wird, ein Erzgießer, 
wie wir früher aus dem Zusatze "Werkmann" schlossen. 4 ). 
Eine besondere Behandlung erheischt die Frage, wann die 
Glockengießer, die zum Werke der Rotgießer gehörten, in Preußen 
heimisch geworden sind. Schmid nimmt für die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts das Vorhandensein einheimischer Gießer an, die ihre 
Kunst im Umherwandern ausgeübt hätten, setzt dann dar, wie aus 
dem Zusammenhange hervorgeht, die Begründung selbständiger 
Gießhütten in Danzig und Marienburg erst in die Zeit von etwa 
1380-13DO. Im ersten Falle müßten wir auch einen Ort mit einer 
Gießhütte nachweisen oder erschließen. Solange das nicht möglich 
ist, können wir auch annehmen, daß jene Glocken von ausländischen 
wandernden Gießern gegossen sind, und halten es mit der zweiten 
Behauptung Schmids, nach der die ersten Gießhütten in Danzig 
und Marienburg 1380-1390 begründet worden sind. &) 
In diese Zeit können wir noch durch eine andere Vermutung 
geführt werden. Heuer nimmt an, daß der im Schöffenbuche der 
Neustadt Thorn 1425 vorkommende Nicolaus glackingisser diesen 
Beinamen nach seinem Handwerke führt. 6) Nun wird dieser Nico- 
laus Glockingissir aber schon 1388 als Ratmann 7), dann 1402, 140;) 
und 1411 als Richter erwähnt. Es ist also wohl möglich, daß 
dieser Nicolaus als Rotgießer vor 1388 in die Neustadt Thorn ein- 
wanderte, vielleicht um die Glocken für den damals vollendeten 
Turm der Jakobskirche zu gießen, und sich dann dauernd hier 
niederließ. Es ist das dieselbe Zeit, in die Schmid die Begründung 
der ersten Gießhütten in Danzig und Marienburg verlegt, und der 
ursächliche Zusammenhang wäre gegeben. Auch könnte bei der 
langdauernden Wirksamkeit des Nicolaus manches Werk auf ihn 
zurückgeführt werden. Bei dem engeren Zusammenhange zwischen 
der Ordensherrschaft und der Neustadt Thorn dÜrfte dieser Glocken- 
gießer durch das Ordenshaus Thorn gefördert worden sein. Alles 
dieses sagen wir aber mit gewissem Vorbehalte, bis die Sache 
durch weitere Forschung besser geklärt ist. 
]) Nach freundlicher MiUeilung des Staatsarchivs in Danzig. 

) Ratsarchiv Thorn Katal. 111 Nr. 4066. 
S) Messingne Stegreifen und messingnes Reitzeug werden unter dem 
Jahre 1401, ein Messingkessel 1408 erwähnt. Treßlerbuch S. 98, 107, 500. 
') Mitteil. des c.-V. 24. Heft S. 32. 
6) Die Denkmalpflege in der Provinz Westpreußen im Jabre 1917. 15. Be- 
richt S. 9. 
11) Mitteil. des c.-V. 24. Heft S. 128. 
7) Prätorins Ehrentempel S. 72. 


t 


- 42
		

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			In der Altstadt Thorn wurden 1436{37 und 1441{42 Glocken 
für die Pfarrkirche zu S. Johann an Ort und Stelle gegossen, I) ob 
aber von ansässigen Meistern, ist sehr fraglich.. In bciden Rech- 
nungen werden nämiich "die Glockengießer" ohne Namen und ohne 
den Zusatz Meister genannt, was gegen das Herkommen verstieße, 
wenn es sich 11111 Thortler Bürger handelte. Das Wandern der 
Glockengießer war damals durchaus noch üblich, so trafen z. B. 
Rat und Gemeind
 von S. Nicolai zu Zerbst I-!-!
 mit zwei Glocken- 
gießern von Magdeburg wegen des Gusses einer neuen Glocke 
ein Abkommen 
), und 141i4 bot Matthäus Davyd, BÜrger in Rostock, 
der in Reval, Pernau und Wenden in Livland Glocken von 30, 24 
und 1 () Schiffpfunden gegossen hatte, dem Lübecker Rat seine 
Dienste als Glockengießer an. 3) 
Erst im 17. Jahrhunderte I<önnen wir ein städtisches Gießhaus 
in Thorn nachweisen. Es war dieses das Grundstück Altstadt 378/7!:J 
(= PaulinerbrÜcke, jetzt Schuhmacherstraße 
). Da wir annehmen, 
daß die über den Stadtgraben fÜhrende Panlinerbrücke erst nach 
14(ili bebaut wurde, so dÜrfte das Gießhaus wohl frühestens im 
I ß. Jahrhundert errichtet worden sein. Als ersten Pächter können 
wir den Rotgießer Augustin Koesche, der 1ß41 Bürger wurde, 
mittelbar erschließen. Seine Tochter Elisabeth heiratete nämlich 
Hi7b den Rotgießer Heinrich Wrede,4) der in diesem Jahre Bürger 
wurde. Von ihm ist aber überliefert, daß er auf der P:mlinerbrücke 
auf der Seite nach dem Kloster das Haus an der Ecke gegen einen 
Grundzins zu eigen hatte, das ist eben jenes oben erwähnte 
städtische Gieß haus. 5) Wer das Gießhaus von etwa 1728 bis 1747 
innegehabt hat, ist unbekannt. Dann war Nachfolger Julius Nicolaus 
Petersilge, der als Glockengießer am 2b. Oktober 1747 das Bürger- 
recht erhielt. 6) Das läßt sich daraus erschließen, daß Friedrich 
Franz Krieger, der aus Königsberg gebÜrtig war und am Iß.Januar 1778 
das Bürgerrecht erhielt,7) in diesem Jahre die Witwe des Petersilge 
heiratete. H) Am I {j. Juli 1787 kaufte Krieger von der Kämmerei 
unter gewissen Bedingungen das Grundstück Altstadt H78/79, das 
aus einem Wohnhause, einer daneben gelegenen 16 Ellen breiten 
Wohnung, dem neben dem Wohnhause befindlichen Gießhause 
und einem Hof- und Holzplatze bestand. 9 ) 17H9 verkaufte Krieger 


I 
" 



 


1) Mitteil. des c.-V. 21. Hcft S. 45 f. 

) Magdeburger Urkundenb 3. Bd. S. 895. 
3) Livländ. Urkundenb. I. Abt. Bd. 12 S. 163. 
') Schrnid, Westpreußische Glockenkunde S. 21. In dem Verzeichnisse der 
Rotgießer bei Schmid S. 21 ist an erster Stelle zu nennen Andreas Kugelhan 
(Kickelhan) 1580, 15S5. führer durch Thorn 1917 S. 84. - friedrich Beck 
wurde 1722 Bürger als Rot- u::d Stückgießer. -' Georg friedrich Hennig 1749 
ist aus dem Bürgerbuch nicht nachzuweisen. . . 
11) Ratsarchiv Katal. 11, IV 20 S. 35 (aus dem Jahre 1703). 
11) Er war arn 10. Dezember 1717 als Sohn des Sergeanten Tobias Peter- 
ZiIIi (so Jaulele der familienname ursprünglich) und der IIse Catharine Rittmeyer 
zu Braunschweig geboren. Ralsarchiv Kat. 111 Nr. 5394. 
7) Bürgerbuch. 
8) Schmid a. a. O. S. 21. 
") Acta des Magistrats Classe VI Section I Vol. I. 


- 43 - 


-
		

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			das Grundstück für 500 Taler an den Drecnslermeister Michael 
Borkowski. Zum letzten Male wird Krieger in den Akten der Gelb- 
gießer 1803 genannt. I) Doch gehörte er der Zunft der Gelbgießer 
nicht an. 2) 
Zu den von Schmid (S. 21) genannten Glocken, die dieser 
letzte Thorner Glockengießer gegossen hat, ist noch eine Glocke 
von S. Johann in Thorn aus dem Jahre 178:
 hinzuzufügen, deren 
Verbleib unbekannt ist. Sie hing "unmittelbar unter dem mittleren 
Kirchendache". Auf der einen Seite trug sie das Stadtwappen, auf 
der andern Seite das Bild des H. Petrus und die- Inschrift Sol i 
deo gloria - Me fecit F. F. Krieger Anno MDCCLXXXIII. An 
dem Schlagrande stand die Inschrift: Tu es Petrus et super hanc j 
petratn aedificabo ecclesiam meam et portae inferi non praevalebunt 
adversus eam. Mattn. 16. 18. 8 ) 
} 


I 
I 


J) Ratsarchiv Kat. IV, XIV 3. 
2) Die Nachricht bei Schmid a. a. o. S. 21, daß sich 1523 das Rot- lind I 
Kannellgießerwerk zusammengeschlossen hätten, entspricht nicht den Tatsachen. 
Die Akten dcr Thorner Rotgießer sind leider nicht erhalten. Die Gelhgießer 
(Geclgießer) treten in Thorn erst im 18. Jahrhunderte auf. 1711 wird Johann 
Rehmann, alls Danzig gebiirtig, ßiirR"er und 1746 Johann friedrich ßloehmke, 
alls Königsberg gebürtig. 
S) Ratsarchiv Kat. 11, X 25 S. 2:j. 


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			Literarischer Anzeiger. 


Kastell Thorun und der Name Tharandt. Von Alfred Meiche. 
Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde. 
Band XXXIX, Heft I und 2. 
, Diese Abhandlung berÜhrt uns, weil darin zum zweiten Male 
der Name unserer Stadt zu dem Namen des in einer Urkunde von 
1206 erwähnten Kastells Thorun in Sachsen in Beziehung gebracht 
worden ist. Der Verfasser berichtet, daß die eine Ansicht das 
Kastell Thorun auf den Schloß berg von Tharandt, die andere auf 
den Burgwartsberg bei Pesterwitz verlegt. Er selbst tritt für die 
zweite Ansicht ein. Er versteht unter "castelluni" eine alte Wenden- 
schanze und sucht es wahrscheinlich zu machen, daß unter dem 
Ka'5tell Thortm der Burgwartsberg bei Pestelwitz zu verstehen ist; die 
die Gleichung Thortln = Tharandt lehnt er durch urkundliche Belege 
mit Recht ab. Zum Schlusse bespricht der Verfasser den Namen der 
Stadt Thorn. Unter Berufung auf Wernicke (Geschichte I 11) be- 
hauptet er, daß in der Gegend des heutigen Thorn (Altthorn) 1222 
eine Slawenfeste Turne gelegen habe. Das castrum Turno aber, 
das in dem Vertrage von Lonyz 1222 geBannt wird (pr. Urkundenb I 1 
S. 28), wird heute wohl von niemandem in Beziehung zu "Thorun" 
gebracht, sondern in dem heutigen Orte "Turzno" im NO. von 
Thorn gesucht. Ebenso wenig trifft es zu, daß dieses castrum 
später Tarnowo genannt wird. Auch die Gleichung Tarnowo 
(Vertrag von Lonyz 1222, doch nicht in allen Handschr.) = AIt- 
thorn, die im Slownik geograficzny u. d. Worte Tarnowo behauptet 
worden ist, entbehrt der BegrÜndung. Tarl1owo erklärt der Ver- 
fasser als "Dornfeld, Dornhag" (altslawisch trunu, polnisch taril, 
altwendisch toril, "Dorn"). Diese Erklärung, meint er, passe vor- 
trefflich zu einem slawischen Burgwalle und Tarnowo sei darum 
auch der alte Name des Pesterwitzer Burgwartsberges, des castellum 
Thortm, gewesen. 
Die .Gleichung Thorun = Tarnowo ist jedenfalls für unsere 
Gegend abzulehnen; das Urteil, ob abgesehen davon jene Wort- 
erklärung (Thorun = Dornfeid, Dornhag) aufrechterhalten werden 
kann, mÜssen wir den grÜndlichen Kennern des Slawischen über- 
lassen. Wir erinnern hier an eine andere Deutung des Namens 
Thortm, die vor kurzem von Dr. Mucke in Freiberg i. S. gegeben 
worden ist. (Führer durch Thorn 1917 S.7.) Darnach ist Thorun 


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			eine von. dem Hauptworte tor, d. h. gebahnter Weg, abgeleitete 
adjektivische Bildung, zu der gr6d, d. h. Burg, zu ergänzen ist, und 
bedeutet also einen befestigten Platz an dem gebahnten Wege. Eine 
vorgeschichtliche slawische Niederlassung ist hier allerdings, wie wir 
eben sahen, nicht Überliefert und auch bisher nicht nachgewiesen. 
Die eingetretenen Veränderungen des Strombettes und die Anlage 
des Weichseldammes könnten aber die Spuren gründlich verwischt 
haben. Es könnte aber Thorun auch ein bloßer flurname sein. 
Jedenfalls muß nach unserer Ansicht bei allen Deutungen des 
Namens Thorun hier wie in Sachsen auf slawischen Ursprung 
zurLickg-egangen werden. Die Ordensritter behielten hier zunächst 
sämtliche slawische Orts- und Flurnamen, die sie auf dem rechten 
WeichseJufer vorfanden, bei. Außer den Namen der Flußinseln 
Lisske, Gorzk und Verbzke erscheinen die Namen Prepus (Prypus), 
Bostolz, Mokry (Pr. Urkundenbuch) ; in der Beschreibung der 
Grenzen des Dorfes Gurske von 13-16 (Ratsarchiv Kat. 1 Nr. 44; 
gedruckt bei Maercker S. 626-627) kommen die Flurnamen Luckowe, 
Zanowe und die Lange Dal11erowe vor, und der Kirche zu Altthorn 
wurden in demselben Jahre die drei Dörfer Prseschek (wohl = 
preseka, ein Recht, z. B. im Breslauer Urkunden buch S. 1 zusammen 
mit strosa und poduoroue genannt), Smoln (= Teerbrennerei) und 
Gorsk zugeteilt. (Ratsarchiv Kat. I Nr. 4ö; gedruckt bei Maercker 
S. 6
7.) Auch müssen andere Ortsnamen auf ull, wie Wielun u. 3., 
zur Erklärung des Namens Thorlln herangezogen werden. 
Arthur Semrau. 


Vel'antworllicher Herausgebel' Pmfessor ArthIlI' Semrau In Thorn.. 
f)ruck dei. Buchdruckerei der Thorner Ostdeutscheu Zeitung, O. m. b. H. 111 Tborn. 


- 46 -
		

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			Mitteilungen 


des 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zu 


Thorn. 


26. Heft 


September 101H 


Nr. 3 


Inhall: 
P. Panske, Deutungsversuch des Namens der Koschnaewjer. S. 47. 


DeufulIgsversudl des 
amells dtr KoscJm3mvjer. 
Von P. Pan s k e, Professor in Pelplin. 
Die Bewohner der sieben Dörfer, mit deren Siedlungsgeschichte 
sich unsere Aufsätze in diesen Mitteilungen Heft I (i, 21, 

, 
m 
befaßten und zu denen seit 17 -t-!I sozusagen als achtes im Bunde 
das kleine Abrau sich hinzugesellt hatte 1), führen den heutzutage 
gäng und gäben Zeitungsnamen ,Koschneider', die Gegend wird 
als ,Koschneiderei' bezeichnet. 
Ich weiß nicht anzugeben, seit wann eigentlich diese bei den 
Ausdrücke in Schwang gekommen sind. Literarisch, so viel mir 
bekannt, tritt uns die Form ,Koschneider' zum ersten Mal in einer 
Arbeit von F. W. F. Schmitt entgegen, die sich unter dem Titel: 
Topographie des Flatower Kreises in den Neuen Preußischen Pro- 
vinzial-Blättern, andere Folge ßd. VI (lll), 1851 und VII (LI 11), 1855 
gedruckt findet (eine Buchausgabe unter gleichem Titel erschien 18i)5 
zu ßromberg). Im Bande VI nun S. 4-16 ist die Rede von den im 
ehemaligen Caminer Amte angesiedelten deutschen Bauern zu 
Groß Zirkwitz, Damerau, Obkas und W ordel; es wird bemerkt, 
daß sie der Tradition nach aus Westfalen und Nordfriesland an- 
gezogen sein sollen, dann heißt es weiter: "Sie zeichnen sich vor 
den an dern Deutschen des Kreises nur dadurch aus, daß sie fast 2) 
]) Wie nämlich in dem genannten jahr das bisherige Starosteivorwerk in 
fünf freibauergrundstücke umgewandelt wurde, kamen alle fiinf in den Besitz 
von unseren Landsleuten. Drei Erwerber - johann Packowsld (PatzIce), Bartho- 
lomäus Thiede, Peter Nitzler - stammten aus frankenhal!en, zwei - joseph 
Grabowski und Georg Rosentreter - aus Lichlnau. An Stelle von Nilzier und 
Orabowski waren bereits 1753 johann Bünl{er und Simon janowitz, beide a\1s 
Lichtnau, getreten. Im jahre 1909 hat die Ansiedlllngskol11mi
siol1 die ganze 
Abrauer feldflur mit einziger Ausnahme des janowitzschen Grundslücks auf- 
gekauft. Naliirlich hat damit die Verbindung, wie sie seit 1749 bestand, wieder 
von selbst aufgehört. 
2) Dies Wort wäre richtiger fortgeblieben. 


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			-- 


., 


. 


alle katholisch sind, und werden von ihren evangelisch-deutschen, 
sowie polnischen Nachbarn gewöhnlich Coschneider oder Koschne- 
wier genannt Woher dieser Spitzname (denn ein solcher ist er 
ohne Zweifel) stamme, ist nicht ausgemacht. Einige behaupten, 
da.ß sie von einem Comthur von Schlochau ins Land gezogen 
selen, welcher von Kuhschneider oder von Kochschneider geheißen." 
Dazu die Anmerkung: "Da sich in J. Voigt's Namen-Codex der 
Ordensbe3mten kein Comthur von Schlochau, Namens Kuhschneider, 
vorfindet, so mag diese Ableitung wohl schwerlich Stich halten, 
es müßte denn schon der Comthur selbst einen Spitznamen gehabt 
haben." 
Wovon somit Schmitt berichtet, daß es "einige behaupten", 
damit weiß er augenscheinlich selbst nichts anzustellen. Beweis 
dafiir ist auch, daß er anderweitige Erklärungsversuche vorbringt, 
von denen der erste gleich hier mitgeteilt sei. "Andere", sagt er, 
"hal:en das Wort fiir eine Corruption des polnischen kosynieri 
(Sensenträger), weil sie in dieser Eigenschaft den polnischen Königen 
gegen die TÜrken gedient hätten, während ihre adligen Nachbarn 
:lLtS der TucheJer Heide zu Pferde kriegten." Ich will dabei nur 
aufmerksam machen, daß kosynieri schon nicht mehr an die uns 
hier zunächst interessierende Form ,Koschneider' anknÜpft, vielmehr 
sich an die zweite, bei Schmitt ,Koschnewier' geschriebene, hält. 
Zum guteIl Schluß sagt dann der Verfasser noch (S. 4-1-7): 
"Sei dem, wie ihm wolle, so i<:t doch der Name Koschnewier ein 
durchaus mißbräuchlicher, sobald er auf Bewohner des Flatower 
Kreises angewendet wird. Ein Anrecht auf diesen Namen - wenn 
bei einem Spitznamen überhaupt von einem Anrecht die Rede sein 
kann - haben nur die im Conitzer Kreise angesessenen Deutschen 
in H bestimmten Ortschaften, die sich durch ihre Mundart, welche 
die dunkeln Laute, und durch ihre Kleidertracht, welche die dunkeln 
Farben liebt, wesentlich von ihren deutschen Nachbarn, gleich viel 
ob evangelischen oder katholischen Glaunens, unterscheiden." In 
der dahinter stehenden Klammer wird verwiesen auf 
J. Schweminski, Materialien zur Geschichte deutscher Mund- 
arten, in Herrigs Archiv Bd. XIII S. I ff. und Bd. XIV S. 13-1- ff. 
Es ist dies eine linguistische Studie, datiert Posen, Juli I 
52. FÜr 
historische, bezw. kulturgeschichtliche Zwecke fällt nur in der Ein- 
leiltllJg einiges ab. Dabei ist gleich auf S. 1 das Malheur passiert, 
daß von den 8 zu benennenden Dörfern eins (Abrau) ausgefallen 
ist. Es heißt dort: "Im südöstlichen Teile des Konitzer Kreises in 
der Provinz Westpreußen hat sich die deutsche Sprache wie ein 
Keil in die slavische hineingeschoben. Die Spitze dieses Keils 
bilden die 8 Ortschaften: Lichtenau, Granau, Osterwick, Franken- 
hagen, Petztin, Deutsch Zekzin und Schlagentin. 1) Die Bewohner 
dieses kleinen Districts unterscheiden sich auffallend, sowohl durch 
I) Wie bemerkt, sind nur sieben Dörfer mit Namen aufgefiihrt. Abrau 
isl weggeblieben (ob durch Schuld des Setzers?). Daß aber Schweminski Abrau 
mitrechnete, ergibt sich ausdriicklich daraus, daß auf S. 2 wiederum von "jenen 
t! Ortschaften" die Rede ist. 


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			die Kleidertracht, als auch durch die Eigentiimlichkeit ihres Dialekts, 
von der ganzen Umgegend." Die iibliche gemeinsame Benennung 
dieser Bewohner erwähnt der Autor nicht. 
Gehen wir noch über Schweminski hinaus, so findet sich in 
dem Aufsatze von N. 0. ßenwitz über die Komtur('ien Schlochau 
und Tuchel im 3. Bande der Preußischen Provinzial-Blätter, Königs- 
berg 1830, S. 17 das folgende bemerkt: "In den zwischen Konitz 
und Tuchelliegenden Dörfern Franken hagen, Osterwiek und Petztin, 
und in den anderen in deren Nähe siidlich liegenden deutschen 
Dörfern, Deutsch Zeckzin, Schlagentin, Ahrau und einigen andern, 
trugen noch die Einwohner im Anfange dieses Jahrhunderts lange 
nach polnischer Art gemachte Röcke mit Haken statt der Knöpfe, 
Schärpen und Schnurrbärte, obgleich sie alle unter einander deutsch 
sprechen und mit wenigen Ausnahmen auch durchgängig deutsche 
Namen haben, aus dieser Ursache aber auch wohl, obgleich sie 
katholisch sind, noch jetzt von ihren östlich hinter dem Fluß 13rah 
wohnenden, polnisch benannten und sprechenden und in ähnlicher 
Art gekleideten Glaubensbrüdern mit dem vielleicht slawischen, 
mir unbekannten Spottnamen ,Koschenewen' oder ,Koschenewjen' 
belegt werden. Wahrscheinlich waren ihre Vorfahren eingewanderte 
Deutsche, welche zur Zeit der polnischen Herrschaft, um sich dieser 
angenehm zu machen, deren Kleidung angenommen haben mögen, 
wie dieses noch mancher deutsche Gutsbesitzer in der letzteren 
polnischen Zeitperiode that." Ich habe den ganzen Passus aus- 
geschrieben, weil meines Wissens dies die erste Stelle ist, wo der 
heimische Stammname gedruckt erscheint. Daß Benwitz hinsichtlich 
der Ortschaften anscheinend nicht ganz im reinen mit sich war, 
braucht bei ihm als Konitzer eben nicht wunder zu nehmen; 
Übrigens macht er diesbezüglich keine falsche Angabe, nur eine 
gewisse Unsicherheit spricht aus seiner Ausdrucksweise: anstatt 
der ,einigen andern' Dörfer waren einfach Granau und Lichtnau 
zu nennen. 
Dankenswert ist auch, um dies nebenher zu beriihren, was 
Benwitz hinsichtlich der Kleidung und des Barttragens berichtet. 
Inbezug auf den letzteren Punkt bin ich nicht ganz gläuhig. Denn 
soweit das Gedächtnis reicht, gingen die Vorväter stets glatt rasiert. 
Wenn Benwitz welche mit Schnurrbärten gesehen hat, so wird es 
sich mit denselben wohl ähnlich verhalten, wie es unsere Generation 
nach 1870;71 erlebt hat. Diejenigen Mannspersonen nämlich, die 
den Krieg als Junggesellen mitgemacht hatten, behielten zum An- 
denken daran das Stehen lassen des Schnurrbarts bei. Und so mag 
es auch nach den napoleonischen Kriegen gewesen sein. Denn 
wie die Kirchenbücher ausweisen, hat selbst vor Einführung der 
allgemeinen Dienstpflicht zu preußischer Zeit stets eine Anzahl 
unserer Leute dem Heere angehört. 1) Was aber die Kleidung an- 
betrifft, so kommt auch der schon genannte F. W. F. Schmitt in 
einer späte ren Arbeit, betitelt: Die Provinz Westpreußen, wie sie 
1) Der jüngere Bruder meines Urgroßvaters, Lorenz P., ist 1813 gegen 
Napoleon gefallen, und zwar bei Torgau (familientradition). 


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			entstanden und wie sie gegenwärtig beschaffen ist, in Buchforl11 
1879 zu Thorn erschienen, auf das gleiche Thema zu sprechen. 
In der zweiten Ahteilung dieses Buches S. 67/8 sagt er, nach der 
im 17. Jahrhundert hewerkstelligten Rekatholisierung der ,Koschne- 
wier' I) hätten die Männer zwar polnische Tracht und Haltung an- 
genolllmen, indem sie Röcke nach polnischer Art gemacht (mit 
Haken und Oesen, statt der Knöpfe), Schärpen und Leibhinden 
trugen, Haare und Bart bis auf den Sclmurrbart ahschnitten, jedoch 
sonst hätten sie sich von polnischer Sprache und Sitte ferngehalten. 
Es ist wohl klar, daß Schmitt, wie er dies niederschrieb, vielleicht , 
unbewußt, unter dem Banne von Senwitzens alter Mitteilung stand. 
Wenn aber derselbe SclII11itt vier Seiten zuvor die Röcke mit Haken 
und Oesen als altmodische, solche mit Knöpfen als neumodische 
bezeichnet, so macht diese allgemeine Angabe die behauptete Nach- 
ahmung einer spezifisch polnischen Tracht zum mindesten doch 
prohlematisch. Auch will es nicht ganz zu Benwitz' Angabe 
stimmen, wenn Schmitt fortfährt (a. a. 0.): "Nach der preußischen 
Occupation (1772) verschwand die polnische Tracht allmählich bis 
auf die letzte Spur"; denn Benwitz sagt ja, daß die alte Tracht 
noch ins 19. Jahrhundert hineinreichte. Die Landbevölkerung ist 
bekanntermaßen in ihren Oewohnheiten sehr konservativ, und so 
mag es denn auch seine Zeit gebraucht hahen, bis die ,neue Mode' 
sich durchsetzte. Schweminski, auf den, wie ich denke, voller Verlaß 
ist, berichtet bezÜglich der Männer nur, daß "in jenen 8 Dörfern 
kein hinten geschlitzter Rock und keine MÜtze zu finden ist", es 
herrschte also zu seiner Zeit ausschließlich der Hut. "In frÜherer 
Zeit", fährt er dann fort, "trugen die Mänl1er das Haar lang über 
die Schultern hinabhängend, oft mit einem runden, von einem Ohr 
bis zum andern reichenden Kamm von Horn oder Messing zu- 
sammengehalten.":!) 'n lebendiger Erinnerung ist von alle dem 
nichts mehr; höchstens könnte man anHihren, daß noch zu unserer 
Zeit schon jeder halbwÜchsige Bursche auch der ärmeren Bevöl- 
kerung einen langen (fast zu langen) Schoßrock - doch aber hinten 
geschlitzt - als Sonntagskleid zum Kirchenbesuch hab en mußte 
Jacketc waren verpönt. 
Doch nun zurück zum Thema. 'n dem letztgenannten Buche 
wendet Schmitt nur mehr die Namensform mit w an; er schreibt 


J) VgI. indessen die vom towarzystwo naukowe w Toruniu herausgegebenen 
fontes Ud. 12 (1908) S. 244 f. samt der zugehörigen Anmerkung. 

) Ich kann uicht umhin, zum Vergleich hier etwas herzusetzen, was mein 
einstiger lehrer in der Germanistik, friedrich Zarneke (i- 1891), in einer seinen 
Geschwistern gewidmeten Schrift (familie Zarncke, leipzig ]891) S. 12 mit 
Bezug auf seinen Urgroßvater berichtet: "Ein Herr von Beer, wenn ich nicht 
irre, hat unserm Valer noch von ihm erzählt; er sei in der Gegend von Telerow 
in Stellung gewesen, ein strammer, ehrenfester, altfränkischer Mann, noch mil 
langem Rocke und großen Knöpfen, die Haare mit einem gebogenen Kamm 
nach hinten zuriickgenommen, wie wir ja noch als Kinder den uraltcn Kirchen- 
jnlateu Steußlof aus Bibow gekannt haben." Also auch in Mecklenburg bis in 
die dreilliger Jahre des vorigen Jahrhunderls hinein der lange Rock und der die 
Haare zusammenhaltende Kamm_ Ob in unserer Heimat daneben wirklich von 
"langen, nach polnischer Art gemachten Röcken" die Rede sein kann? 


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			(S. (7): "Zwischen Tuchel und Conitz in dem Lande sÜdwestlich 
der Brahe befindet sich ein Bmchteil von katholisierten Deutschen, 
welche von ihrcn Nachbaren, Polen wie Deutschen, mit dem rätsel- 
haften Spitznamen ,Koschnewier' (s. unten) belegt werden." Das 
,so unten' bezieht sich auf S. 93, wo von den Gr. Zirkwitzcrn 
gesagt wird, sie gehörten "zu der [an der eben ausgeschriebenen 
SteIle] erwähnten Klasse von deutschen Bauern, welche im 16. und 
17. Jahrhundert durch die Jesuiten sind rekatholisiert worden. Der 
Spitzname ,Koschnewier', welchen sie tragen, kommt vielleicht von 
I	
			

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			der Deutschen nehmcn die zwischen Conitz und Cammin in 8 
Ortschaften wohl.enden Deutschen, der Tradition nach westphälischen 
und friesischen UFsprungs, eine besondere Aufmelksamkeit in An- 
spruch. Sie unterscheiden sich von den andern Deutschen der 
Gegend, daß sie dem katholischen Bekenntnis angehören und von 
ihrCl1 deutschen und polnischen Nachbarn gewöhnlich Coschnewer 
oder Koschmieder genannt werden." Hier sind also aus den 
Koschneidern gar schon Koschmieder geworden. 
Mit dem 1. Juli 1873 - es war die Zeit des sog. Kultur- 
kampfes - begann d
s Erscheinen des Westpreußischen Volksblatts. 
Um dieselbe Zeit wurde mit dem Mittelpunkte Osterwik ein "ka- 
tholischer Volksverein für die Koschneiderei und Umgegend" ins 
Leben gerufen, und vom Volksverein her wie auch sonst wurden 
vielfach Berichte ins Volksblatt eingesandt unter der Rubrik: Aus der 
Koschneiderei. Seit jener Zeit nun hat sich die Form Koschneider, 
bezw. Koschneiderei unaustil 6 bares Bürgerrecht erworben, trotzdem 
jeder, den es angeht, weiß, daß im Volke selbst nach wie vor der 
Ausdruck Koschnaewjcr fortlebt. Wer sich etwa selbst einen 
Koschneider (oder geborenen Koschneider) nennt, zeigt damit, daß 
er diese seine Weisheit eben aus der Zeitung her hat. 
Nach dem vorstehend Erörterten erÜbrigt es sich eigentlich, 
auf die Phantastereien auch nur mit einem Worte einzugehen, die 
an den Koschneidernamen anknüpfen. Fuhrmann, der, hier wie 
auch sonst in die Fußstapfen Schmitts eintretend, hinter seiner 
ersten Niederschrift des Wortes Koschneider die Form Kuhschneider 
in Klammern beifügt, läßt es unerraten, ob er dabei etwa an Be- 
ziehungen an das Kuhnest I), dessen Bürgermeister er gewesen war, 
gedacht hat. "Andere wollen, daß ein Tuchier Capitaneus Namens 
Kochschncider ( ein Westfale) im 15. Jahrhundert deutsche Familien 
aus Westfalen zur Ubersiedelung nach dem jetzt von ihnen be- 
wohnten Landstriche bewogen habe und sie von ihm Koch- 
schneidersche Einwanderer oder kurzweg Kochschl1eid
T -- Ko- 
schneider genannt wurden." Aus dem von Schmitt vergeblich 
gesuchten Schlochauer Komtur ist also hier ein Tuchlcr Starost 
geworden. Abgesehen von dem für einen solchen gewiß mehr als 
merkwürdigen Namen ist mir dabei immer noch unerfindlich, was 
ein Kochschncider eigentlich recht vorstellen soll (einen Schneider, 
der für einen Koch arbeitet?): eine unsinnige Namengebung aber 
kannte das Mittelalter nicht. Gruselig gar kann einem zumute 
werden, wenn man in der Landeskunde Preußens, herausgegeben 
von A. Beuermann, Heft 11: Die Provfnzen Ost- und Westpreußen, 
bearbeitet von Joh. Ziesemer, Berlin und Stuttgart 1901 S. J 3 nach 
den anmutenden einleitenden Worten: "Noch freundlicher gestaltet 
sich die Landschaft südlich von Tuchei, wo gut bebaute Güter, 
freundliche Dörfer, lachende Seen miteinander abwechseln. Dieser . 
Landstrich heißt im Volksmunde die ,Koschneiderei'. Er wird von 
der Bahn Konitz-Oraudenz durchschnitten" hinterher des weiteren 
J) Unsinnige Etymologisierung des Namens Konitz: vgl. z. B. Uppenkamp, 
Geschichte der Stadt Konitz, 1873 S. 7. 


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			erfährt: "Die Bevölkerung ist "in der Koschneiderei zum größten 
Teil katholisch und polnisch. Bei den Aufständen im W. Jahrlllll1dert 
ließ sie sich in ihrem Deutschenhaß zu Gewalttätigkeiten und Grau- 
samkeiten hinreißen. Daher soll der Name Koschneiderei (Kopf- 
schneiderei) stammen." Man möchte eigentlich staunen, daß noch 
zu Beginn des 20. Jahrhunderts solch barer Unsinn die Drucker- 
schwärze behelligen durfte. Die Entdeckung zudem des polnischen 
Charakters der ,Koschneiderei' verdiente extra prämiiert zu werden. 
Doch damit genug des grausamen Spiels. Die Gedanken- 
losigkeit ist einmal nicht aus der Welt zu bringen. Vor Jahrzehnlen 
hat August Semrau "plattdeutsche Gedichte" in der damals WolIs- 
dorfschen Buchhandlung zu Konitz drucken lassen. Dieselben er- 
schienen zu Lebzeiten des Verfassers noch in 2. und (1891) in 
3. Auflage. Dann starb dieser, der langjähriger Chefredakteur der 
Breslauer Morgenzeitung gewesen war, hochbetagt zu Breslau im 
September 1893. In dem zweiten der Gedichte ist die bekannte 
Geschichte von dem dummen Teufel und dem klugen Bauer, wenn 
schon mit Vorbehalt, nach Osterwik verlegt, das vierte aher be- 
handelt "das Kirchweihfest in Frankenhagen" und es wird darin an 
einer Stelle ganz nebrnher von erwartetem Besuch aus Lichtnau 
geredet; was aber wichtiger ist, es werden in diesem Gedichte 
nicht nur zu Anfang die Frankenhagener selbst, also die Gastgeber, 
als ,Koschnäwjes' bezeichnet, sondern im weiteren Text auch die 
das Fest Feiernden Überhaupt das erste Mal ,Koschnäwjeslüd', das 
zweite Mal ,Koschnäwjes' genannt. Das ist alles, was in der 
Sammlung mit Bezug auf die ,Koschneider', bezw. die ,Koschnciderei' 
zu finden ist. Bemerld sei dabei, daß die übrigen Gedichte nicht 
genauer lokalisiert sind mit einziger Ausnahme des dritten, das in 
Jenznick, der Heimat des Verfassers, spielt. Da das Biichlein viel 
gekauft wurde, so ist davon ein Neudruck (ohne Jahresangabe) 
veranstaltet seitens des gegenwärtigen Inhabers der ehemaligen 
WoIlsdorfschen Buchhandlung, Fritz Büchner in Konitz. Dieser 
Neudruck trägt den Titel: Plattdeutsche (auf dem Umschlage statt 
dessen: Humoristische) Gedichte in Koschneider Mundart von August 
Sennalt. Nun ist nichts unrichtiger als das. Sozusagen nicht einc 
einzige Zeile stimmt zum Plattdeutsch der Koschnaewjer. Vielmehr 
schreibt der Verfasser das reinste Schlochauer Platt, welches nicht 
nur im Wortschatze, sondern schon im einfachen Konsonanten- 
bestande und im Vokalismus stark von der Mundart, die der Titel 
benennt, abweicht. Es ist auch dem Verfasser natürlich niemals 
in den Sinn gekommen, daß er koschneidersches Plattdeutsch 
schreibe oder spreche. Im Gegenteil, wer das auf Franken hagen 
bezügliche Gedicht liest, kann leicht herausmerken, daß er sich mit 
den ,Koschnäwjes' in keiner Weise identifiziert, vielmehr in denseIhen 
. einen anders gearteten Menschenschlag sieht. Die Beziehung gerade 
zu Frankenhagen wurde für ihn durch seine Mutter hergestellt, 
Agnes v. Pokrzywnicka, Tochter des Frankenhagener Freischulzen 
Matthias v. Pokrzywnicki. Der Vater, Andreas Semrau, war Frei- 
und Oberschulz zu Gr. Jenznick, Kreis Schlochau. Man geht wohl 


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			nicht fehl in der Annahme, daß Aug. Semrau in dem Gedichte 
Eindrücke wiedergibt, die er als Knabe oder junger ,Student' (Gym- 
nasiast) bei gelegentlicher Mitfeier (oder Mitfeiern) des Festes ge- 
wonnen hat, natürlich alles mit poetischer Licenz ausgestattet, und 
so hat das Oedicht als Kulturbild seinen Wert und einen gewissen 
r
eiz, aber koschneiderisch ist dawm seine Sprache doch nicht. 
Ich habe mich bei der Besprechung der gedachten Gedicht- 
sammlung etwas länger aufgehalten, einmal um eine unrichtige 
Aufstellung, die sonst in unkritischen Köpfen leicht zum Glaubens- 
satze werden könnte, bei der Wurzel zu packen und auszurotten, 
dann aber besonders auch wegen der Bezeichnung d' Koschnäwjes- 
!Lid (die Koschnaewjerleute), die, um dies vorwegzunehmen, für 
unsere Untersuchung von Nutzen sein wird. 
Es empfiehlt sich, nunmehr chronologisch die Versuche dar- 
zulegen, die gemacht worden sind, den Koschnaewjernamen zu 
erklären. Benwitz (18311) beschränkt sich darauf, denselben als 
,vielleicht slawisch' zu bezeichnen, im Übrigen weiß er damit nichts 
anzustellen. Schweminski, selbst ein Koschnaewjer, aus Lichtnau 
gebÜrtig, Konitzer Abiturient vom Jahre IH32 1), nimmt in seiner eigencn 
Arbeit (I H5
), wie schon oben bemerkt, davon Abstand, den für 
das in Frage kommende Völkchen üblichen Namen mitanzuführen. 
Doch ersehen wir aus Schmitts Angaben, der sich diesbezÜglich 
auf eine schriftliche Mitteilung beruft, so viel, daß Schweminski an 
einen etymologischen Zusammenhang desselben mit demjenigen 
polnischen Wortstamm dachte, der auf einen nomadische
 Zustand 
hinweist. Ich setze am besten her, was bei Schmitt (185-!-) darüber 
zu lesen ist (a. a. O. S. 4-1-6 f.). "Herr Oberlehrer Schweminski", 
schreibt er, "vermutet, daß dieses Wort [Koschnewier] von kosznewcy 
odcr kosznowcy herkomme, welches ,in einem kosz oder koszowisko 
(Nomaden-lager) wohnende Leute' bezeichnet. Es wären - so 
meint er - diese Einwanderer im Anfange, da sie noch keine 
Häuser hatten, vielleicht gezwungen gewesen, sich nach Art der 
Zigeuner oder Tartaren
) ZII lagern, und sei es nicht ohne Wahr- 
scheinlichkeit, daß dieses ihr erstes Auftreten ihnen diesen Spitz- 
namen verschafft habe. Zu gleicher Zeit weist derselbe auch auf 
das Verbum koczowac hin, welches so viel bedeutet als ,einen 
leibeigenen zur Flucht verleiten'. Es sei nicht unmöglich, daß 
man diese Leute, welche in ihrer deutschen Heimat Leibeigene ge- 
wesen, durch das Versprechen der Freiheit nach Polen gelockt habe. 
Vielleicht ließen sich auch beide Ableitungen mit einander ver- 
einigen." 
Die polnischen Worte, so wie sie bei Schmitt sich gedruckt 
finden, stim men nicht ganz. Kosz heißt nicht ,der Lagerplatz', sondern 
I) Meine Angabe in diesen ,Mitleilung-en' 1908 S. 4-1 Anm. 1, er entstammc 
dcr ehemaligen Zekziner SchIlIzenfamilie Schwemin (Schweminski), ist an sich 
zwar richtig, doch war bereits sein Urgroßvater Peter Schwemin spätestens 1710 
als Kr
ger nach lichtnau übergesiedelt. Er selbst (Johann Joseph) ist 3m 
27. Juli 1812 al.. Sohn des freibauern Paul Schwemin (sie) und der Anna geb. 
Sawatzki zur Welt gekommen. 

) Richtig: Tataren. 


)Ir 


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			I 


'" 


,der Korb'; koczowisko (nicht koszowisko) bedeutet allerdings den 
Aufenthaltsort, besonders eines Nomadenvolkes. Nehmen wir gleich 
koczowac hinzu, das für gewöhnlich den Sinn von ,bivouakieren' 
hat, so ist darüber im TroiaÜskischen Lexikon unter 4) Folgendes 
zu lesen: k, mit der vollendeten Handlung wykoczowac, kogo, 
jemanden wegführen, entführen, herauslocken, auch: mit Gewalt 
entfÜhren. Doch schon vom rein sprachlichen Standpunkte alls 
sieht man nicht, wie diese mit kocz (sprich: kotsch) anfangenden 
Wörter dem ,Spitznamen', der doch auf jeden Fall mit Kosch an- 
hebt, zugrunde liegen könnten. Auch das -newcy oder -nowcy 
schwebt in der Luft: was das bedeuten soll, wird mit keiner Silbe 
gesagt. Nun gar die Vermengung: angeblich Leibeigene lassen sich 
zur Flucht verleiten, kommen von wcit her, sind gezwungcn, fiirs 
erste nach .Zigeunerart zu kampieren; und d3s (sei es im einzelnen, 
sei es im ganzen) soll ihnen den auf die Nachwelt Überlieferten. 
,Spitznamen' eingetragen haben! An innerer Wahrscheinlichkeit 
steht es mit einer solchen Anschauung denn doch wohl recht 
schwach bestellt. 
Schmitt hat auch auf die Dauer sich nicht davon befriedigt 
gefühlt. In seiner späteren Arbeit (1870) schreibt er, wie schon 
oben erwähnt: "Der Spitzname ,Koschnewier' kommt vielleicht von 
koszonosz (Korbträger)" und er fügt hinzu: "Es wird nämlich er- 
zählt, daß der König Casimir IV., als er geg.en Ende 1) des 13 jäh- 
rigen Krieges Conitz belagerte, die in der Gegcnd der Stadt wohn- 
haften Bauern zusammentrieb und sie zu schanzen zwang. Die 
dabei gebrauchten Schanzkörbe mögen dann wohl von dem benach- 
barten kassubischen Adel ins Auge gefaßt und zum Vehikel der 
Beschimpfung für die ihnen verhaßten deutschen Freibauern ge- 
nommen worden sein" (a. a. 0. S. m3 f.). Viel geholfen ist mit 
diesem Erklärungsversuch natürlich auch nicht; immerhin wird hier 
an der ersten Silbe Kosch festgehalten. Die zuvor der ,Leibeigen- 
schaH' Entronnenen sind inzwischen zn ,Freibancrn' geworden. 
Leider stimmt auch das nicht mit den geschichtlichen Tatsachen: die 
Bauern in deutschrechtlichen Dörfern warcil dazumal zwar persönlich 
frei, doch ihren Besitz hatten sie gegen' Erbzins, waren somit 
Zinsbauern und nichts anderes. Wie aber die koszonosze (sprich: 
Koschonosche) zu ,Koschnewiern' werden konnten, bleibt ein 
Sprachrätsel. 
Bleibt letztlich von den durch Schmitt vorgetragenen Erklärungs- 
versuchen nur noch der auch schon oben berührte, welcher in d
m 
Namen "eine Corruption des polnischen kosynieri" - Schmitt 
schreibt das Wort gegen den polnischen Gebrauch mit zwei s - 
sieht, wobei zur BegrÜndung angeführt wird, unsere Vorfahren 
hätten als solche, d. hals Sensenträger "den polnischen Königen 
gegen die TÜrken gedient, während ihre adligen Nachbarn aus der 
Tucheier Heide zu Pferde kriegten": Neue preuß. Prov.-BI. VI (185-l) 
S 44G. Fuhrmann (1871) faßt die Sache genauer: "Einige von 
ihnen gebe n an, daß sie zur Zeit der Belagerung von Wien durch 
I) Richtigcr: nach Bcginn. 


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			die Tiirken (I ti8iJ) unter dem Polenkönig Sobieski ein eigenes Corps 
Sensenträger (kosynier) gebildet habe, und daher ihre Benennung 
komme" (a. a. 0.). Fuhrmanns Gewährsmänner, denen die allgemeine 
Heerespflicht bereits geläufig war, haben offenbar vergessen, daß eine 
solche zu polnischer Zeit nicht bestand. Es dürfte die Frage sein, 
ob auch nur ein einziger ,Koschnewier' mit vor Wien war, und 
wenn ja einige wenige - als \Vybranzen - mitgewesen sein 
sollten, dann haben sie sicher ihre Sensen zu Hause gelassen, und 
zur Bildung eines eigenen Corps langte es ganz gewiß nicht. 
Richtig ist eins hinsichtlich des Wortes kosynier: es bezeichnet 
den Sensenmann, auch den Sensen träger (als Soldat). Dabei muß 
man jedoch wissen, daß dieser Ausdruck eine junge Bildung ist, 
entstandc:n erst zu Kosciuszkos Zeiten, und daß er lediglich mit 
dem damaligen Heere der Aufständischen in Beziehung steht. I) 
Somit scheiden auch die kosynieri für unsere Untersuchung aus, 
ganz abgesehen davon, daß von ko
ynieri zu ,Koschnewer' oder 
,Koschnewier' schon rein lautlich der Ubergang schwer zu erfassen 
wäre. 
Im übrigen wiederholt Fuhrmann die uns bekannte Schwe- 
minskische Aufstellung: ihm scheint "eine weitere Herleitung des 
Namens Koschneider (Koschnewer) von I	
			

/Pomorze_039_03_061_0001.djvu

			fiihrungen in der uns hier zunächst angehenden Frage selbst vor- 
legen, erscheint es notwendig, auch hier wieder ein Phantom zu 
zerstören, das in den Köpfen der Männer, die mit dem Koschnaewjer- 
problem sich beschäftigten, schon merkwürdig viel Verwirrung an- 
gerichtet hat. Den Ausgangspunkt bildet folgende Bemerkung 
Schweminskis (a. a. O. S. 2): "Die MU.l)dart weist auf westgerma- 
nische Abstammung hin und hat große Ahnlichkeit mit dem Hollän- 
dischen; ich könnte über tausend Wörter aufzählen, die sich fast. 
unverändert in beiden Dialekten finden. Mit dem Friesischen hat 
sie unter anderm die Deminutivendung kJe (fries. ki und k), so wie 
die Neigung für das j gemein. Viele von den Arch. X. 2, p. 136 ff. 
mitgeteilten friesischen Deminutiven hat die Mundart fast gleich- 
lautend, höchstens mit einer geringen Vocalablautung: z. B. lüskJe 
(fr. löski); riitkJe (fr. rötjk); hüskJe (fr. höski); möskJe (fr. mösk); 
glaeskJe (fr. gleski); läpkJe (fr. lepk); fingekJe (fr. fengerk); foitkJe 
f f OO t ' ) "1 ) 
(r. 0 J u. s. w. 
Schmitt, der in seiner 185-1 gedruckten Arbeit seinerseits be- 
merkt hat: "Die in dem ehemaligen Caminer Amte angesiedelten 
deutschen Bauern zu Groß Zirkwitz, Damerau, Obkas und Wordf'1 
sollen der Tradition nach aus Westfalen und Nordfriesland an- 
gezogen sein", dann, wie oben ausgeführt, seine Erklärungsversuche 
für den ,Spitznamen' der Genannten bezw. der richtigen Koschnewier 
vorbringt und sich dabei auf Schweminskis ihm brieflich gewordene 
Mitteilungen bezieht, schließt seine Erörterung ab mit dem Satze: 
"Die Tradition von der friesischen Herkunft dieser Leute wird 
übrigens durch Schweminskis Untersuchungen, welcher sehr viel 
friesische Elemente in ihrer Mundart findet, auf überraschende Weise 
bestätigt", wozu noch die possierliche Anmerkung gemacht wird: 
"Auch das Rindvieh in Westpreußen ist nach v. Holsche meist 
friesischer Ahkunft." 
Was das Rindvieh betrifft, so hat man hierorts und anderswo 
stets nlll" von 0 s t friesischer Rasse gehört. Wie dem gegenüber 
Schmitt in einem Atemzuge von Westfalen und Nordfriesland als 
der angeblichen Heimat der Zuwanderer sprechen kann, bleibt tl11- 
erfiudlich. Nordfriesland liegt in dem Regierungsbezirk Schleswig, 
die Nordrriesen sind die Nachbarn der Dithmarschen, die südlich 
von ihnen im Holsteinschen sitzen. Schmitt hat auch wohl sicher 
Ostfriesland, das Gebiet von Norden, Emden und Leer, im Sinne 
gehabt und sich nur falsch ausgedrückt. -- Fuhrmann, wo er auf 
die Deutschen des Kreises Konitz im allgemeinen zu sprechen kommt 


J) Bei der leider unznreichenden Wiedergabe der plattdeutschen Ausdrücke 
durch die Schrift läßt sich nicht einmal ganz sicher sagen, was Schweminski 
nur mit den angefiihrtcn Beispielen gemeint hat: länschen (= kleine Lans), 
riechen (?), Häuschen, Gläschen, läppchen (oder löffe1chcn ?), fingerchen, fiiß- 
ehen scheinen eini
erl11aßen klar; aber mit l11ösk'e ist nichts anznstellen. Sollte 
miisk'e (Mänschen) gemeint sein? Denn ein ,kleines Mnß(g-ericht)' hätte doch 
entsprechend foitk'e moisk'e gegeben werden müssen; faut (fuß) : maus (Muß) 
= foitk'e : moisk'e. Anch ist ,riechen' kein Deminutiv; ,riicken', an das man 
noch denken könnte, ebensowenig; das Hanptwort ,Riicken' aber kan:l schon 
aus sprachlichen Rücksichten gar nicht in B
lracht kommen (plaltdeut:ich Riig'g'e). 


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			(a. a. O. S. I 
), sagt zunächst zutreffend, dieselben müßten "als 
eingewanderte betrachtet werden". "Es ist geschichtlich bekannt," 
fährt er dann fort, "daß die Colonisation des Wendenlandes in der 
zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in großer Ausdehnung betrieben 
wurde und daß niederdeutsche und niederländische Ansiedler zahl- 
reich in das Wendenland zogen und die zugänglichsten und frucht- 
barsten Landstriche besetzten, so daß oft meilenweit kein wendisches 
Dorf mehr zu finden war." Fuhrmann denkt also an die Zeiten 
etwa Heinrichs des Löwen. Wenn er aber meinen sollte, wie es 
doch den Anschein hat, es habe sich die damalige Kolonisation 
bis nach Pommerellen hinein erstreckt, so irrt er gewaltig. Auf der 
folgenden Seite, wo er die ,Koschneider' speziell einer Besprechung 
unterzieht und gesagt hat, daß der ominöse ,.Tuchler C;!pitaneus 
Namens Kochschneider (ein Westfale) im 15. Jahrhundert deutsche 
Familien aus Westfalen zur Ubersiedelung nach dem von ihnen 
jetzt bewohnten Landstriche bewogen habe", fügt er wie zur Er- 
härtung der angeblichen Tradition hinzu: "Inbezug auf die Ab- 
stammung der Koschneider hat die letztere Hcrleitung viel fiir sich, 
weil, wie bereits oben erwähnt, in der Tat Ansiedler (\ltS den 
Niederlanden und Friesland, was wohl gleichbedeutend mit 
Westfalen ist, hier eingewandert sind"; des weiteren op.?riert er 
denn auch nur mit Westfalen als vorausgesetzter Heimat, um dann 
noch einmal mit folgendem Satz hineinzuschneien: "Wen!! nach 
den vorhandenen geschichtlichen Nachrichten die Einwanderung der 
Niederländer schon und hauptsächlich in der letzten HälF:e des 
12. Jahrhunderts stattgefunden hat, so läßt sich annehmen, dan die 
Einwanderungen in späterer Zeit fortgesetzt sind, lind die:=e An- 
nahme muß man aufrecht erhalten, um die niederländische resp 
westfälische Abstammung der Koschneider zu rechtfertigen, die iillcr 
Wahrscheinlichkeit nach erst im 15. Jahrhundert sich hier nieder- 
gelassen haben" Man sicht, es geht alles durcheinander: nieder- 
ländische resp. westfälische Abstammung, wo doch entweder das 
eine oder das andere nur in Frage kommen kann. Mit Bezug auf 
Friesland ist einfach der gordische Knoten zerhauen, indem es mit 
Westfalen gleichgesetzt wird. 
Nun aber Maronski. Er hat anscheinend das, was Schweminski 
selbst veröffentlicht hat, gar nicht nachgelesen; sonst könnte er, 
nachdem er zu Anfang ganz richtig die niedersächsische Abkunft dcr 
,Koschneider' (Maronski schreibt den Namen polnisch ,Kosznajdry') 
konstatiert hat, nicht wenige Sätze hinterher behaupten, Schw
minski 
sehe zwar die Mundart - das Plattdeutsch dcr ,I(oschneider' _ 
als einen Dialekt friesischer Abstammung an, aber, obschon hierin 
viel Wahrscheinlichkeit liege, sei es ihm gleichwohl nicht gelungen, 
völlig Überzeugende Beweise dafür beizubringen. Wo in aller Welt 
hat Schwelllinski dergleichen behauptet? Das ist ihm nicht im 
Traume eingefallen. Er sagt lediglich, nachdem er ausgeHihrt hat, 
die Bewohner der bekannten acht Ortschaften würden nach der 
Kleidertracht zu den Ostgermanen gehören, daß die Mundart auf 
westgermanische Abstammung hinweise; dann spricht er von großer 


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/Pomorze_039_03_063_0001.djvu

			Ähnlichkeit - also nicht Identität - mit dem Holländischen und 
glaubt auch Berührungspunkte mit dem Friesischen aufzeigen zu 
können Fiir meine Person möchte ich dazu bemerken, daß er mit 
letzterem Namen kaum den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Denn 
was er mit der gemeinsamen ,Neigung für das j' meint, bleibt 
rätselhaft. Die Erinnerung aber an das Deminutivsuffix mit k ist 
ganz verunglückt, da di
s Suffix gemein niederdeutsch ist, auch im 
Slavischen wiederkehrt. Man versteht auch nicht ganz, was mit 
den von Schweminski angeführten Beispielen eigentlich dargetan 
werden soll; die Verwandtschaft, wenn ja eine solche besteht, er- 
weist sich doch höchstens als eine sehr weitläufige. 
Doch nicht genug damit. Den zweiten Zeitungsabschnitt 
seit
.es Artikels beginnt Maronski mit den Worten - ich gebe sie 
in Ubersetzung: "Was das Land betrifft, aus welchem sie her- 
gekolT\men sind, so besagt die Tradition, daß dies Ostfriesland sei. 
Es scheint, daß darin efwas Wahres liegt. Wir erwähnten schon 
oben, daß die linguistischen Forschungen Prof. Schweminskis ihn 
auLden Gedanken gebracht haben, die Koschneidersprache, welche 
gewisse friesische Elemente aufweist, sei friesischer Abstammung. 
Auch kann man unter den Koschneidern häufig genug auf eine 
äußere Gestalt und Physiognomie stoßen, die tins den ungeschlachten 
Typus des friesischen Bauern in Erinnerung bringt." So wenig die 
Mundart friesischer Herkunft ist, ebenso wenig haben die Koschneider 
ihrer Abstammung nach etwas mit den Friesen - auch nicht mit 
den Ostfriesen - zu tun. Ungeschlachte Mannsfiguren kann man 
schließlich allenthalben sehen. 
Ein e sprachliche Bemerkung, die Maronski seincrseits macht, 
erheischt noch Erwähnung. Schweminski halte festgestellt (a. a. O. 
S. 2), daß wie in der Kleidertracht, so auch in dcr Mundart die 
Koschnaewjer von ihren westlichen Nachbarn, den Bewohnern der 
deutschen Dörfer um Schlochau hemm, sich scharf absondern: "in 
dem östlichen Oistricte sind die dunkeln Vocale, in dem westlichen 
die hellen, und hesonders das e vorwiegend." Schmilt Übernimmt 
die beidcn Unterschiede (1854, S. -BI), nur daß er - nicht ganz 
korrekt - statt der dunklen Vokale ,die dunklen Laute' einsetzt, 
was Maroliski unbesehen nachschreibt. Unmittelbar daran anknüpfend 
bemerkt dieser: "Es ist richtig, daß gewisse Unterschiede, wie z. B. 
die Aussprache der Silbe ke, ko 1), nach polnischer Art durch kie 
(Kelch - Kielch, König - Kienig), unter polnischem Einfluß sich 
herausgearbeitet haben, welchem die Schlochauer Deutschen ganz 
und gar nicht so ausgesetzt waren wie die Konitzer Koschneider; 
aher diese nicht zahlreichen Ausnahmen ändern nicht das Faktum, 
daß die Ursache jener Dialektverschiedenheit tiefer reicht, und daß 
diese hauptsächlich auf dem Unterschied der Läuder und Gegenden, 
von wo sie hergekommen sind, beruht." Verstehe ich Maronski 
recht, so ist er des Glaubens, daß die Schlochauer Deutschen - 
im Gegen satz zu den Koschnaewjern - den erweichten k-Laut 
]) Gemeint ist wohl koe (kö). 


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			nicht kennen. Das ist ein Irrtum, wenigstens soweit der süd Jiche 
Teil des Kreises Schlochau in Betracht kommt. I) Die von Maronski 
gewählten zwei Beispiele für den koschneiderschen Dialekt sind 
zudem wenig glücklich getroffen. Denn ,Kelch' ist kein Wort des 
täglichen Umganges, und der König heißt ganz und gar nicht 
Kienig, sondern K'ünnink' (das k vorn und hinten erweicht zu 
sprechen). Ich würde dies kaum erwähnen, wenn nicht die Maronski- 
sehen Beispiele wie auch sonst seine AufsterIungen in dem Artikel 
,Prusy Zachodnie' des großen Warschauer Ortslexikons (Slownik 
geograficzny) Aufnahme gefunden hätten; so kehrt dort auch fälschlich 
Paglau (P
wlowo) als mit zu den Koschnaewjerdörfern gehörig 
wieder. Uberhaupt bringt der Artikel nichts Neues, vielmehr zitiert 
er ausdrücklich Maronski im Pielgrzym als seine Quelle. - In einem 
anderen Punkte könnte Maronski Recht haben, insofern er nämlich 
annimmt, daß die Mouillierung des k-Lautes "unter polnischem
) 
Einfluß" sich herausgebildet habe. Es wurde schon bemerkt,. daß 
Maronski hinsichtlich des Verbreitungsgebietes dieser Erscheinung 
keine klare Vorstellung hat. Richtiger ist, was in der Beziehung 
St. Ramult in dem Buche: Statystyka ludnosci kaszubsldej, Krakau 1 ö9!J, 
zum Ausdruck bringt. Anknüpfend an die Aussprache der O.-tschaft 
Dziengel (Dzit:gel) unweit Grünchotzen im Kreise Schlochall seitens 
der Deutschen jener Gegend bemerkt er: "Allgemein erweichen in 
den Kreisen Schlochau, Konitz und Flatow die Deutschen k ulld g, 
ähnlich wie die Kaschuben, in den Fällen, in welchen di
 P,)len 
und Oberdeutschen sie hart aussprechen. Es ist das eine der am 
meisten charakteristischen Eigentümlichkeiten des Dialekts der sog. 
Koschneider, eines deutschen Stammes, mit dem ein Teil der Tuch'er 
Heide kolonisiert wurde." Der letzte Satz schießt, so wie er da- 
steht, mit seinem zweiten Teil weit über das Ziel hinaus, das erstere 
dagegen ist richtig. Es fragt sich nur, wie die Erschcinung zu er- 
klären ist. Man ist natürlich versucht, zunächst an den sog. alt- 
sächsischen Zetazismus zu denken, der hier im Osten dann noch 
fortleben wÜrde. Nur wollen die Zeitverhältnisse nicht recht 
klappen. Denn die Einwanderung der Deutschen in diese Gegenden 
ist, wenigstens in kompakteren Massen, doch frühestens im 14 Jahr- 
hundert erfolgt, während nach dem, was die Wissenschaft bisher 
herausgebracht hat, der Zetazismus in seiner altsächsischen Heimat 
kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts schon ein überwundener 
Standpunkt war. Die Mouillierung oder, wie man sich wohl auch 
ausdrückt, die Palatisierung der Laute g und k sind nun keineswegs 
eine spezifisch altsächsische Erscheinung; vielmehr kennt sie bei- 
spielsweise auch das Türkische 3) und - wenigstens hinsichtlich 


]) Im nördlichen Teile weiß ich diesbezüglich nicht Bescheid, dJ ich dort 
nur die Kirchdörfer Borzyszkowo, Adlich Briesen und t-Ieidemiihl kenne, in denen 
polnisch gesprochen wird. Möglich, daß die Deutschen der Nachbarschaft, etwa 
iu Groß Peterkau, schon nach pommerseher Weise das harle k beibehallcn. 
2) Genauer mußte er sagen: kaschubischem. 
S) V21. Hans Stumme, Arabisch, Persisch und Tiirkisch, 2. Auf!. leipzig 
IGI6 S. 49 
 87 Anm. 3. 


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/Pomorze_039_03_065_0001.djvu

			des k - das Chinesische. I) Ebenso noch heutzutage das Kaschu- 
bische. So kann es allerdings sein, daß die in die genannten 
Gegenden zuziehenden Deutschen, wohl fast ohne Ausnahme nieder- 
sächsischer Abkunft, durch den Einfluß der sie umgebenden und 
mit ihnen verwachsenden kaschubischen Bevölkerung die von ihren 
Vätern bereits abgelegten laute wieder aufnahmen. Brachten sie 
doch sozusagen die physiologische Vorbedingung fiir die Aussprache 
derselben mit; wenn auch nicht mehr geübt, waren ihre Sprach- 
organe immerhin atavistisch dafiir veranlagt. 
Doch genug davon. Sehen wir uns auch noch die geschicht- 
lichen Voraussetzungen an, mit denen Maronski operiert. Er hält 
daHir, daß die ,Koschneider' schon zu Ordenszeiten die Gegend, 
in der sie noch heute wohnen, in Besitz genommen haben. Sie 
wohnen ja auf der linken Seite der Kamionka und somit auf Ordens- 
territorium und nicht auf polnischem Boden: seit 1343 bildetf', 
woran Maronski erinnert, dieses flüßchen gemäß dem Kalischer 
Friedenstraktat die beiderseitige Grenze. Die Koschneiderdörfer 
tragen ursprünglich polnische Namen, woraus sich ergibt, daß die 
Zuwanderer in keine Wüstenei einzogen, vielmehr in ein altes 
Kulturland. Da man nun nicht annehmen kann, daß die Urbewohner 
mit Gewi.11t aus ihren Sitzen verdrängt wurden, um den neuen An- 
kömmlingen Platz zu machen, so mÜsse man schließen, daß infolge 
einer allgcmeinen Not, sei es verheerender Kriege, sei es ansteckender 
Krankheiten oder einer epidemischen Seuche, Entvölkerung ein- 
getreten war. Und da weist M. auf die Pest hin, den sog. schwarzen 
Tod, der in den Jahren W50-52 u. a. auch Polen, Preußen und 
Pommern heimgesucht habe. Der neue Hochmeister Winrich von 
Kniprode aber, der 1351 sein Amt antrat, habe sich energisch mit 
der Heranziehung von Ausländern befaßt, um wüst gewordene 
Gegenden aufs neue zu bevölkern. Es sei darum höchstwahrschein- 
lich, daß eben er zu der angegebenen Zeit aus Deutschland, und 
zwar aus Gegenden, welche weniger von der Pest betroffen worden 
waren, neue Ansiedler in die bewußte Oegend einführte, indem er 
ihnen die wüst liegenden Dörfer zuerteilte. Wenn nUR Friesland, 
so schlicßt Maronski die diesbezügliche Erörterung, zu diesen Ge- 
geuden gehören sollte, welche jene Krankheit weniger heimgesucht 
hatte, so könnten wir auch darin einen Beweis erblicken, daß Fries- 
land die Urheimat der Koschneider ist. 
Den letzten Satz zurückzuweisen, ist nach dem oben Aus- 
geführten nicht mehr nötig. Auch sonst hat Maronski mit diesen 
seinen Aufstellungen nicht viel Glück. Denn woher weiß er, daß 
gerade die betreffenden sieben Dörfer so besonders von der Pest 
mitgenommen wurden, und andere nicht. Dann aber ging Maronski 
die Kenntnis der Handfesten ab: aus ihnen hätte er ersehen können, 
daß cs mit einer Neupopulierung der Dörfer durch Winrich von 
Kniprode n ichts ist, daß vielmehr auch schon vor dem Kaliseher 
1) Ki wie k'i gesprochen, z. B. im Namen der Hauptstadt Peking; die 
Verbindung ke kommt nicht vor. Vor u wird k wie g gesprochen (so gleich 
im Namen des Confucius: Kung-1se). 


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			Traktakt die in Frage stehenden Dörfer falls nicht alle, sicher doch 
etliche auf culmisches, also deutsches Recht lociert waren. I) Richtig 
ist, daß mindestens vier dieser Dörfer 2), möglicherweise aber auch die 
übrigen ursprünglich slavische Namen tragen. Und richtig dÜrfte 
auch der Gedanke sein, daß eine Neubesiedelung, in welchem Umfange 
immer eine solche erfolgen mochte, irgend eine vorausgegangene all- 
gemeine Not zur Voraussetzung hat. Von demselben Gedanken ge- 
leitet, habe auch ich in meinen Studien nach einem solchen Zeit- 
punkt mich umgesehen; freilich, da über die Dörfer selbst in der 
Beziehung nicht viel was herauszubringen war, so mußte ich not- 
gedrungen die diesbezüglichen Verhältnisse der nächstgelegenen 
Stadt Konitz ins Auge fassen, und da will ich hier nur einen Satz 
notieren, der schon in den alten Meletemata Thorunensia Bd.2 S.3n 
begegnet: Sic fere (Choinicia) quietam pacem sub Crucigeris ab 
an. 1310 ad an. 1433 egit, halcyoniaque sua habuit. Das Wort 
halcyonia bedeutet die Meeresstille während der Brütezeit des Eis- 
vogels und also in Übertragenem Sinne eine tiefe, tiefe Stille. Dann 
aber setzen die unruhigen Zeiten der Hussiten ein, in denen zweifels- 
ohne unsere heimatlichen Dörfer hart, sehr hart mitgenommen 
wurden. So bin ich für deren (mindestens teilweise) Neubesiedelung 
auf das Jahr 14H3 und die folgenden gekommen, wofür sich doch 
auch wenigstens einige urkundliche Anhaltspunkte beibringen ließen. 
Wir gehen jetzt endlich dazu über, vorzulegen, was Maronski 
über den Namen der Koschneider (Kosznajdry) denkt. Er stellt in 
Abrede, daß derselbe ein Geschlechtsname oder auch lokalgeogra- 
phischer Herkunft sei und hält ihn für einen bloßen Beinamen. Die 
Ableitung von dem angeblichen Schlochauer Komtur Kuhschneider, 
oder auch Kochschneider, weist er zurück, ebenso, wie schon oben 
bemerkt, diejenige von kosynieri. Dann kommt er auf die beiden 
Schweminskischen Erklärungsversuche zu sprechen, die er für viel 
zu gekünstelt hält und die er obendrein beide als unsinnig be- 
zeichnet. Die Ankömmlinge brauchten eben nach Maronskis Grund- 
auffassung nicht, wie Schweminski doch voraussetzt, eine geraume 
Spanne Zeit unter tatarischen Filzhütten zu bivouakieren. 
Doch nun Maronskis eigene Deutung. Danach ist allerdings 
an kosa, die Sense, anzuknüpfen, doch dabei nicht an eine Waffe, 
vielmehr an das gewöhnliche landwirtschaftliche Gerät zu denken. 
Das althergebrachte und einheimische slavische Gerät für das Ab- 
mähen des Getreides war, wie Maroiiski ausführt, die Sichel, nicht 
die Sense; hat doch selbst der Erntemonat davon den Namen 
sierpieli, d. i. Siehelmonat, erhalten. Die Sense kam in die slavischen 
Lande von Westen her, aus Deutschland. Des weiteren bemerkt 
Maronski, daß auch die Bildung des Ausdrucks kosa keine ursprüng- 
liche sei, vielmehr erst sozusagen eine solche zweiter Stufe, an den 
Begriff des Krumm-, Querseins sich anlehnend. Die deutschen Zu- 
]) Ich kann diesbezüglich auf die Ausfiihrungell in diesen Mitteilungen, 
besonders Heft 23, verweisen. 

) Osterwik (geformt aus Ostrowile o. ä.), Zekzin (Ciechocino), Petztin 
(Piastoszyno) und Schlagentin (Slawfcino). 


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			zöglinge hätten aller Wahrscheinlichkeit lIach die Sense gleich alt- 
fänglich als Hauptgerät zum Abmähen des Getreides verwendet 
und dadurch die Aufmerksamkeit ihrer polnischen Nachbarn auf 
sich gezogen, welche in diesem Umstande ein charakteristisches 
Merkmal sahen und den die Sense handhabenden Neulingen den 
Namen ko
niarze - Sensenleute - beilegten. Freilich kann Maroiiski 
die Form kosniarz weder in der jetzigen polnischen Sprache noch 
in dner frÜheren Periode derselben nachweisen. Er stellt demnach 
die Sache so dar, daß die Umwohner selbst diesen Ausdruck (nach 
Art sogenannter Provinzialismen) gebildet hätten, ähnlich wie der 
Oberschlesier szkolarz und der Kaschube szk61ny statt "Lehrer" 
sagt. Später sei die Schöpfung als eigenes Wort verloren gegangen, 
bezw. durch die Ausdrücke Iwsnik, kosiarz ersetzt und habe sich 
n\ll" als Eigenname, in deutsche Form umgegossen, erhalten. Die 
deutschen Zuwanderer hätten sich den Namen angeeignet und ihn 
nach dem Schnitt ihrer eigenen Sprache zurechtgemacht; dabei tat 
dann die Neigung, dic kurzen polnischcn Vokale in langgedehnte 
Diphtonge umzuwandeln, das ihrige, und so ergab sich die Form 
"Koschnaier"; um deli unangenehmen Hiatus zu vermeiden, habe 
man schließlich noch ein d eingeschoben, und damit war der 
"I	
			

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			I 


Korytkowski bezeichnet ihn als synowicc lub wnuk prymasa Gru- 
szczYliskiego, d. h. als Bruderssohn oder Enkel des Gnesner Erz- 
bischofs Johann Gruszczy"ski (14ü..J.-73).I) Dieser war gebürtig aus 
IW3nowice (nw. von Sieradz und sö. von Kalisch) in Großpolen 
(Korytkowsld a. a. O. S. 1330). Sein Neffe (bezw. dessen Vater, des 
Erzbischofs Bruder) müßte also nach Marollski direid oder indirekt 
aus unsern Dörfern herstammen. Wie die Familie dann in Polen 
zu so hohem Ansehen und zu dem Wappen Poraj kam, würde 
wohl für immer ein Rätsel bleiben. Also mit dem kosmider = 
Koschneider ist es nichts. Und mag der auch heute noch bei 
Polen vorkommende Familienname sich woher nur immer ableiten, 
für unsere Betrachtung scheidet er aus. 
In einem andern Punkte könnte man MaroJiski beipflichten: 
ich meine hinsichtlich des euphonischen d. In der deutschen 
Sprache findet sich tatsächlich ein epenthetisches d hie und da zur 
Deckung des Hiatus. Nach Weinhold, Mittelhochdeutsche Gram- 
matik, 2. Ausgabe, Paderborn 1883, S. 186 (vgl. S. 189) dürfte das- 
selbe als mouilliertes d (dj) für j zu fassen sein. Ich führe dies an, 
um damit sofort ein zweites klarzustellen: wir beobachten nämlich, 
daß statt des d zuweilen vielmehr ein g in der genannten Funktion 
erscheint. MaroÜski führt als Beispiel an, daß das ehemalige Beyen- 
dorpe heutzutage Beidendorf heißt: er meint damit jedenfalls die 
Ortschaft unweit Wismar in Mecklenburg-Schwerin; ich benenne 
das Gut Baiersee im Kreise Kulm, polnisch ßajerze; 133t:! wird 
Heynricus dictus Beygerzse, der offenbar davon seinen Namen hat, 
mit der Hälfte von Gcrhartdorf (jetzt Gersdorf, oder vielmehr seit 
Einrichtung der Eisenbahnstation verunstaltet Görsdorf, im Kreise 
Konitz) belehnt. - Doch wenn ich auch das eingeschobene d 
ohne Schwiel igkeit finde, so will ich dies keineswegs so verstanden 
wissen, .1Is ob ich damit zugleich die Voraussetzungen billigte, 
welche Marollski braucht, um zu der Form "Koschneider" (Kosznajder) 
zu gelangen. Schon der rein hypothetische, unbelegte Provinzialismus 
kosniarze muß stutzig machen. Doch selbst diesen zugegeben, so 
hat die Umformung desselben im deutschen Munde zu Koschnaier 
zwar hinsichtlich des weichen s-Lautes, für welches ein hartes sc'h 
eintritt, sowie des weichen n (ni geschrieben) in den gewöhnlichen 
Nasal m. E. am w.
nigsten etwas Bedenkliches; nicht so einfach 
erschein t mir der Ubergang der Endung -arze in -aier. J) Auch ist 
J) Damalewicz, Vitae Vladislaviensium Episcoporum, 1642 berichtet S.327 
schon zum Jahre 1478: Rixa iIIico inter gcrmanos defuncti (joannis Gruszczynski 
Archiep. Gnesnensis) suborta est, Bartholomaeul11 Cali£siensem Castellanum, et 
Nicolaum Cofmider Pincernam Syradiensem, de oppido Kozl11in et villis ad 
iIIud pertinentil>us, quod Archiepiscopus Rrandi pecunia apud Hinczal11 de Rogow 
Castellanum Sandomiriensem pro Har1holomaeo fratre emerat, Nicolaus vero 
Cormider occupaverat, aequam de l>onis iis non minus qU3m de hereditariis 
partem requirens. Sollte der Personen name Kosmider 3m Ende gar mit dem Orts- 
namen Koimin in irgend welchem genetischem Znsammenhange stehen?? _ 
Als nichtadligem familiennamen begegnet man der form 1(0sl11ider in polnischen 
Zeitungen noch heutzutage oft genug. 
1) Umgekehlt kann ich mir viel eher vorstellen, daß ferners1ehende ans 
dem nicht deutlich gesprochenen Worte Koschnaewjer, Koschnaewer, ein 


- 64 -
		

/Pomorze_039_03_069_0001.djvu

			wenig glaublich, daß die deutschen Zuzöglinge den ihnen von 
stammfremden Leuten beigelegten Namen so leichten Herzens 
adoptiert haben sollten. Was aber die Hauptsache ist: wenn der 
Name wirklich in der gedachten Form im Munde der Nachkommen 
sich fände! Das ist aber, wie schon oben ausgeführt, ganz und 
gar nicht der Fall. 
So hat denn auch die Maroftskische Aufstellung selbst bei den 
polnischen Gelehrten keinen fechten Anklang gefunden. Man ging 
weiter auf die Suche. Kujot, dem bedeutendsten unter den polni- 
schen Historikern unserer Provinz, kam gelegentlich eines Kranken- 
lagers ein Band der "Alten und Neuen Welt" (Benziger, Einsiedeln) in 
die Finger. Es war der Jahrgang 1875. Darin steht S. 412 ff. ein 
Aufsatz von P. von Radics, betitelt "Gotschee". Der Verfasser be- 
spricht darin eine deutsche Sprachinsel in der österreichischen 
Landschaft Krain, Gotschee oder vielmehr Kotsche genannt. Er 
führt aus, daß die Bewohner dieser Gegend in der Mitte des 
14. Jahrhunderts aus Thüringen herkamen, und weil sie sich anfangs 
mit Zeltlagern (slawisch kocze) statt Wohnhäusern behelfen mulHen, 
so erhielten sie seitens der angestammten slawischen Bevölkerung 
den Namen Gotschewer (bezw. Kotschewer). Kujot griff dies auf 
und stellte, wie ich glaube, mit Glück die Bedeutung eines Land- 
schaftsnamens in Westpreußen klar: die Gegend westlich und südlich 
von Mewe nämlich trägt im Munde des Volkes noch heute den 
Namen Kociewie, die Einwohner heißen Kociewiaken. Es ist be- 
kannt, daß eben in diese Gegend, da Sambor 11. (t 1271i) die ge- 
nauesten Beziehungen zum deutschen Ritterorden unterhielt, der 
erste hedeutsame Zuzug von deutschen Kolonisten links der Weichsel 
erfolgte. Von dem gleich zu nennenden Ograbiszewski habe ich 
seinerzeit gehört, dall die Bewohner der gedachten Gegend bis 
in unsere Tage ein merkwürdig schlechtes Polnisch sprechen, so 
dall die Vermutung nicht von der Hand zU weisen sei, dall wir 
es hier mit einer ursprünglich deutschen Kolonisationsbevölkerung 
zu tun haben, die durch die Mischung mit den Ureinwohnern und 
unter dem Einfluß der Umwohnerschaft allmählich erst sich polo- 
nisiert habe. Die im 13. und 1-1. Jahrhundert angezogenen Neulinge 
haben nun hier, so -stellte sich Kujot vor, genau so wie die 
Thiiringer später in Krain, fürs erste mit in der Eile hergerichteten 
Zeltlagern (kocze) vorlieb nehmen müssen: daher ihr Name. 
So weit der Kujotsche Gedanke. Ograbiszewski, Kujots da- 
maliger Amtsgenosse am Collegium Marianum zu Pelplin, brachte 
die Entdeckung in einem kurzen Artikel der Zeitung Pielgrzym 
(188!J Nr. I3i'» zur Sprache und fügte seinerseits hinzu, möglich, 
daß auch der bis dahin nicht befriedigend erklärte Ausdruck 
Kosznejder oder Kusznejder dasselbe - etwa "Zeltlagernde" - 
bedeute, zumal die Koschneider selbst in ihrem Dialekt sich 
Koschnewier (vgl. das obige Gotschewer) nennten und unbezweifelt 
A nsiedler s eien, die aus fernen Gegenden hergeführt worden sind. 
Koschnaijer, Koschnaier heraushörten, das dann bei denselben sich bis zu der 
Unglücksform Koschnaider fortbilden mochle. 


- 65 -
		

/Pomorze_039_03_070_0001.djvu

			In dem Artikel wird nebenher darauf hingewiesen, daß das Deminutiv 
von kocze in der Form kuczki sich im Polnischen noch jetzt zur 
Bezeichnung des jüdischen Laubhüttenfestes erhalten habe. 
Der Ograbiszewskische Vorschlag, auch die Koschnewier unter 
die "Zeltlagernden" zu subsumieren, hat zeitweilig sogar Kujots 
Beifall gefunden, wie sich aus einem von diesem in der Gazeta 
T oruiiska 1896 Nr. 180 veröffentlichten Artikel ergibt - derselbe 
wurde alsbald vom Pielgrzym nachgedruckt (1896 Nr. 93). Darin 
ist die Rede von einem doppelten Chociewie, dem Tuchler - der 
sog. Koschneiderei - und dem Pelpliner (sic); erklärend wird hin- 
zugefügt, Chociewie (jetzt Kociewie) leite sich her von chocza, 
kocza (kocz), was eine Hütte (Bude), aus Rundholz zusammen- 
geflickt, bedeute, auf kaschubisch checza. Doch scheitert die 
Etymologie hinsichtlich der Koschnaewjer schon an dem Innen- 
buchstaben n, der nicht übersehen sein will. Unwillkürlich konllnt 
mir dabei in Erinnerung, wie ich in Leipzig den Kursus ,Einführung 
in das Entziffern und Interpretieren griechischer Papyri' mitmachte, 
daß uns der Professor Ulricl
. Wilcken die Weisung zuteil werden 
ließ: "Sind nur punktuelle Uberreste von Buchstaben vorhanden, 
so daß Konjekturen probiert werden müssen, so akzeptiere man 
keine Konjektur, auch wenn sie einem noch so schön CI scheint, 
bei der nicht auch der kleinste Punkt zur Geltung kommt" I, Auf 
unsern Fall übertragen heißt das natürlich: Begnüge dich mit keiner 
Deutung, die nur irgend einen Buchstaben unbeachtet läßt. Kujot 
hat dies offenbar auch herausgefühlt, wenn er in seincr Arbeit: 
Kto zalozyl parafie w dzisiejszej dyecezyi Chelmiriskiej in den 
Roczniki towarzystwa naukowego w Toruniu Bd.9-12 (1f)1I:!-O:J) 
schreibt (Bd. 10 S. 286): "Zwischen Tuchel und Konitz liegen die 
sogenannten deutschen Dörfer oder Koschneider. richtiger Kucie- 
niewer (Kosznejdry, raczej Kocieniewy)"; man sieht, der Buch- 
stabe n kommt hier wieder zu seinem Rechte, aber an dem sch-Laut 
ist dafür stark gemodelt. In dem großen Werke aber, betitelt: Dzieje 
Prus kr6lewskich, Teil I (bis 130!» = Roczniki towarzystwa naukowego 
w Toruniu Bd. :!O (Thorn WW), werden wir S. 201 belehrt, daß 
der Name Kociewic bei der einheimischen Bevölkerung nur die 
nächste Umgegend von Neukirch bei Pelplin, genau genommen 
nur die dortige Pfarrei samt der Filiale Kr616whts, bezeichne. Somit 
ist die Beziehung des Ansdrucks auch auf die Koschneiderei fallen 
gelassen. 2) 


lFortsetzung und Schluß folgt.) 


I) Gedruckt findet man den ausgehobenen Satz in dem Werke: GrundzÜge 
und Chrestomathie der Papyruskunde von l. Mitteis lind U. Wilcken, I. Bd., 
Leipzig-Berlin 1912 S. XLVIII. 

) S. 202 wird dann unter erneutem Hinweis auf die öslerreichisch-kraini- 
sche Gotschee gesagt, Kociewie bedeute eine Ansiedl ergegend. 
Verautwortlicher Herausgeber Professor Arthur Selllrau in Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der Tlmmer Ostdeutschen Zeihm6r. O. 111. b. H. in Thorn. 


- 66 -
		

/Pomorze_039_03_071_0001.djvu

			Mitteilungen 


d!'!\ 


Coppernicus - Vereins für Wissenschaft und Kunst 


zn 


Thorn. 


26. lieft 


I )e7elYlber 1018 


Nr. 4 


Silznngsbel ichte S. 67. - 
Koschnaewjer (Schlnß) S. 68. 


Il1ltall: 
P. Pa n sl	
			

/Pomorze_039_03_072_0001.djvu

			Deutollgsvel'sudl des Namens clrl' Kosclmaewjer. 
Von P. Pan s k e, Professor in Pelplin. 
(Schluß.) 
Die in der vorigen Nummer gemachten Ausführungen wareIl 
zunächst der Orientierung Über die vorliegende Frage im allgemeinen 
gewidmet, suchten dabei nebenher, was in den bisherigen Auf- 
stellungen brauchbar schien, von dem ein für allemal Unbrauch- 
baren auszusondern. In der Hauptsache kann es keinem Zweifel 
unterliegen, daß als genuine Namensfortn, die es zu erklären gilt, 
lediglich die Benennung ,Koschnaewjer' in Frage kommt. Ich 
wiederhole hier t ): kann sein, daß durch nachlässige Aussprache 
seitens Fernerstehender sich eine Nebenform, etwa Koschnaijer, Ko- 
schnaier lautend, herausbildete, welche dann zu ,I	
			

/Pomorze_039_03_073_0001.djvu

			r- 


rungsbezirk Breslau, Kreis und Amtsgericht Trebnitz, Post Prausnitz. 
Der zitierte kurze Artikel spricht die Möglichkeit aus (moze byc), 
daß von dort vor Jahrhunderten die ersten Kolonisten nach unserer 
Gegend kamen und von dem Zuzugsorte ihren Namen erhielten. 
Beides trifft so, wie es hingestellt ist, nicht zu. Unsere Vorfahren 
stammen nicht aus Schlesien: schon die Mundart weist (im Ein- 
klange mit der sonstigen Tradition) unweigerlich auf westfälische 
Abkunft - westfälisch im weiteren Sinne des Wortes, nicht dem 
heutigen, genommen -; somit kann auch der Name des Völkchens 
sich - wenigstens direkt - nicht von einer schlesischen Ortschaft 
herleiten. Gleichwohl halte ich dafür, daß wir mit Koschnoewe G) 
auf eine nicht zu verachtende Spur geleitet werden. Da der Name, 
so wie er uns begegnet, augenscheinlich als Verdeutschung eines 
polnischen sich darstellt, werden wir gut tun, daraufhin den Slownik 
geograficzny zu Rate zu ziehen. Dort ist zu lesen: Koschnewe 
al. Kosclmoewl' (niem.), wies, powiat trzebnicki, parafia Prusice - 
sonst über diese Ortschaft nichts. Wir suchen weiter unter Koszn- 
und Kosn-; resultatlos. Ein mir aus anderer, gleich zu zitierender 
Quelle bekannt geworden er Adliger de Ko1.niewo erheischt, auch 
Kozn- nachZIIsehen. Da begegnet zunächst ein KOiniewice, 
K 0 s nie w i ce, Bauerndorf und Siedelung mit einem Kruge im Bezirk 
(powiat) Petrikau, zur Gemeinde und Pfarrei KamiIisk gehörig. Dann 
aber 
in Koiniewo wielkie al. D
biny i K srednie, Dorf und 
folwark (= adliges Gut in Selbstbewirtschaftung, mindestens aber 
mit getrennter, eigener Wirtschaft) im Bezirk Pultusk, Gemeinde 
QolP,bie, Pfarrei Szyszki; zum folwark K wielkie gehörten 1866 die 
OrtIichkeiten K wielkie, K srednie i male und K-lysaki. Unter 
2) erscheint Kozniewo-Lysaki als Dorf im Bezirk Ciechan6w ge- 
legen, zur Gemeinde und Pfarrei PIOlisk gehörig. Verstehe ich den 
Verweis: Por. powyzsze K pod nr. I recht, so ist dieser Ort mit 
dem eben zuvor genannten identisch. 
Ohne jedwede Gefahr, in die Irre zu gehen, glaube ich nun 
sagen zu diirfen, daß von dem hier aufgezeigten, schon in eine 
Anzahl Teile zersplitterten Gute Kozniewo seinen Namen herleitete 
der generosus Jacobus de Ko1.niewo, Wysogrodensis dapifer, den 
wir als Zeugen mitaufgeführt finden in dem Decretum ducis Janussii 1) 
contra dissidentes, datiert vom Jahre 1525 Varsaviae feria 0. ante 
Dom. Oculi (= 16. März). Das Del	
			

/Pomorze_039_03_074_0001.djvu

			Mazowiecki przeeiwko heretyl	
			

/Pomorze_039_03_075_0001.djvu

			L, 


wiistungen in dCII Dörfern und an der Hufellbtsetzung anrichten, 
aber an dem Grundcharakter der Einwohnerschaft wurde dadurch 
nie wieder eine Änderung herbeigeführt. Daß Übrigens gleich die 
erste Erschiittenlllg, die noch zu Ordenszeiten eintrat - ich meine 
den sog. dreizehnjährigen Krieg von 1454- -66 -, auch an unseren 
Dörfern nicht spurlos vorübergegangen ist, ersehen wir aus einer 
Urkunde, die auf Petztill Bezug hat. Leider ist dieselbe nur in 
einem sehr erbarmenswerten Zustande uns Überkommen. Sie liegt 
vor in einem Sammelbande, betitelt ,Erbverschreibungen', jetzt im 
Danziger Staatsarchiv befindlich als Abt. 410 Nr. 16, und zwar auf 
Blatt 6fi, 57, Ü8 f. in drei Abschriften (A, B, C), die zur Zeit eIes 
TuchJer Amtmanns Klemm (wohl 1789) von einem ,kopeilichen 
Document' genommen sind. Der Verfertiger des ,kopeilichen Do- 
cuments' selbst oder vielmehr wohl schon dessen Vorlage, welche 
die Originalurkunde aus dem Lateinischen übersetzte, hatte mit 
vielen Schwierigkeiten hinsichtlich des Lesens zu kämpfen, was 
besonders in der Wiedergabe der Personennamen sich aufs unan- 
genehmste bemerkbar macht. Doch legen wir nunmehr das Schrift- 
stück, so gilt wie sichs eben machen läßt, selbst vor. Ich bemerke 
dabei nur noch, dan ich hier wie bei der noch folgenden Urkunde 
die völlig belanglose Schreibweise des 18. Jahrhunderts und damit 
die unnötige Belastung des Textes (z. B. mit dem doppelten ff) 
vermeide, obschon keineswegs alle Spuren der früheren Zeit ver- 
wischt werden sollen: gilt es doch, ein möglichst getreues und 
dabei lesbares Abbild der Vorlagen zu bieten. Das Dokument 
lautet: 
Copia einer alten Schrift, die an vielen Orten corrigirt, in 
vielen kaum zu lesen, betreffend das Schulzengut und das ganze 
Dorf. 
Im Namen des Herrn Amen. Wir Nicolaus de Koszczelietz, 
Starost in Bidgost I), Nieszew 2 ), Tuchei, Schwetz, Sluchow, tun zu 
immerwährendem Gedächtnis kraft dieses Briefes allen und jeden, 
denen jetzt und insklinftige daran gelegen, kund und zu wissen 
-. die diesen ßrief wissen, hören und lesen wollen 3) -, wie wir 
vernommen haben, daß das königliche und unser Dorf Petzentien 4) 
nicht bewohnet, sondern durch die Feinde gänzlich ruiniret sei und 
auf andere Al'l ill den frÜheren Zustalld 5 ) nach dem vorigen Privi- 
legio, so in unserm Schloßbuch eingeschrieben, noch nicht gebracht 
sei. Wir wollen vorgedachtes Dorf Petzentien, welches Ihro König!. 
Majestät zu dem Tucheischen Amt gehörig und uns übergeben (ist), 
in den vorigen Stand mit größerm Nutzen und Verbesserung ein- 
führen und wiederhringen, auch aufs beste versehen. Und insonder- 
heit, (damit) das vorgedachte Dorf Petztien desto eher und leichter 
besetzet (werde) und reichere früchte bringen möge, verkaufen wir im 
bemeldten Dorf das Schulzamt, wie es von alters in dreien Plätzen 


I) Die Abschriflen bieten alle drei: Bigdost. 2) = Nessau.. S) Die Worte 
sind anscheinend etwas verslellt, anch nicht korrekt wiedergegeben. 4) Petztien A. 
U) Die cllrsiv gedrnckten Worte habe ich sinngemäß eingesetzt statt der unver- 
ständlichen: unsere ältesten Schnitzes. Im lateinischen Ori2inal stand jedenfalls: 


- 71 -
		

/Pomorze_039_03_076_0001.djvu

			fundiret und limitiret ist, dem arbeitsamen Johanni und seinen 
eh lichen Nachfolgern ohne alle Gefährde lind Betrug, nebst den 
drei Hufen G) zu(r) eigenen Freiheit und Besitzung nach Culmischen 
ewigen Rechte: also, daß (er) nach Landesgebrauch und Gewohn- 
heit derer übrigen Schulzen in andern Dörfern mit allem Recht und 
Eigentum, wie von alters her die vorgedachte drei Hufen in ihren 
Grenzen und Malen bestehen und Iimitiret (sind, dieselben) durch den 
Johann Pruczke und seine rechtmäßige Nachfolger sollen besessen, 
gebrauchet, genutzet und, wie es ihm und seinen rechtmäßigen Nach- 
folgern belieben 
ird, in einen besseren und zuträglichen Stand 
gesetzet werden. Uber diesem aber geben (wir dem) vorgedachte(n) 
Schulzen eine zinsbare Hube, von welcher (er) uns wie die übrigen 
Bauren im Dorf den Zins geben soll, die Angarien und Scharwerk 
ausgenommen, die wir ihm gleichsam \y'egen des Dienstes, den er 
unserm Schloß thun muß, erlassen. Uberdcm geben wir (dem) 
vorgedachten Schulzen und seinen rechtmäßigen Nachfolgern den 
dritten Groschen von den Gerichtsfällen, 2 portiones aber soll er 
uns und unsern Nachfolgern auf dem Schloß einliefern. Desgleichen 
auch vom Kruge. Die Bauren benannten Dorfs sollen von einer 
jeRlichen Hube Hi Scote gute Münze auf Martini gehalten sein zu 
zahlen und eine culmische Hube Grases uns mähen, zusammen- 
bringen und auf unser Vorwerk führen 7), und übrige ehrliche Dienste, 
die nach der Zeit I) des Landes sich zutragen, geruhig verrichten, 
neue Häuser bauen, alte verbessern. So wollen wir auch Über 
diesem, daß vorgedachter Schulz und Uauren uns dienen sollen, 
so oft es nützlich sein wird, und unsere Zinse[ n] einfordern und 
uns zu treuen Händen einliefern. Zu mehrerem Beweis haben wir 
unser Siegel denen vorigen \') angehänget, weIches geschehen und 
gegeben ist vor 10) der Empfängnis der Mutter Gottes der Jungfrau 
Maria im Jahre des Herrn 14
Otertio in Tuchel in Gegenwart 11) 
der hochwohlgebornen Herrn Niclao U) Wanszewsky 13) TucheIschen 
Landrichter, Johanne Wyamszmirsky U.), Martino Susfka l:"i), Petro 
Ezlika, Johann(e) Pasrawsky 16) und andere glaubwürdige Zeugen 
über obengesetztes. 
Diese Abschrift stimmt mit dem beigebrachten kopeilichen 
Docul1lent iiberein. Klemm. 


in superiorem slatum. 0) Huben C. 7) = einfahren. 8) StaU Zeit muß es wohl 
heißen Sitte (oder Gewohnheit). 9) Im lateinischen Text stand offenbar: praesen- 
tibus. 111) Vor diesem Wörtchen ist anscheinend die Bezeichnung sei es eines 
Wochentages oder sei es des Sonntages weggefallen. Das fest Conceptio ß. 
M. V. fiel im Jahre 1483 auf einen Montag. Sonach sind als Datum fiir die 
vorstehende Urkunde die Tage vom 1. bis 7. Dezember 1483 möglich. 11) Das 
Original schloß mit der formel praesentibus und brachte die Namen der Zeugen 
im Ablativ. paß die Namen stark entstellt sind, liegt anf der Hand; wir sind aber 
nicht in der Lage, die richtigen anzugeben. Immerhin vgl. die Bemerkungen 
zu den Zeugen in der gleich noch weiterhin abzudruckenden zweiten Urkunde. 
I
) Niclaw A. ]b) Der Vokal der ersten Silbe ist in allen drei Abschriften unklar 
gehalten, es könnte auch 0 gemeint sein. I') mi in diesem Namen steht nur in 
Bund C; was A bietet, könnte als nu aufgefaßt werden. Mir kommt der Ge- 
danke an Wyandsbursld (vgl. f. W. f. Schmitt, Der Kreis flatow, Thorn 1867 S. 95 
und 255: WyandsborskiJ; doch läßt sich Bestimmtes eben nicht sagen. ]6) 
Suska C. ]8) - ski B. 


- 72 - 


.. 


.
		

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			" 


/... 



 


- 


Wenn in dem vorstehenden Dokumente von dem gänzlichen 
R lt indes Dorfes Petztin die Rede ist, so mag nebenher dabei in 
Erinnerung gebracht sein, daß das an Petztin angxenzende adlige 
Gut Koimin in der Folge ganz zu Grunde ging*). Uber den Namen 
des mit der Neubesetzung von Petztin beauftragten Mannes läßt 
sich nicht ins rcine kommen: nur der Vorname Johann steht fest; 
auf den Zuname" komf).len wir weiter unten zu sprechen. Hier sei 
noch bemerkt, daß die Ubereignung des Schulzenamtes ausdrÜcklich 
als Verkauf bekundet wird. Ebenso in einer zweiten Urkunde, 
die, nur gute drei Monatc später ausgestellt, die Vorurkunde zurÜck- 
nimmt. Auch fÜr dies Dokument sind wir lediglich auf zwei 
Abschriften angewiesen, von denen die jüngere in dem schon 
zitierten Sammelbande Abt. 410 Nr. 16 des Danziger Staatsarchivs 
auf Rlatt HO f. (=_ D) sich vorfindet, die ältere aber (wohl noch 
aus den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts) im ,Alten Grundbuch 
vom Amt Tuchei', gegenwärtig in Verwahntng bei der Regierung 
zu Marienwerder, aufbehalten ist (= M): die letztgenannte gibt 
ihrerseits als Quelle ausdrücklich eine ,simple Abschrift' an. Ich 
führc auch diese Urkunde in der oben gekennzeichneten Weise hier 
wörtlich vor: 
Cop ei des Privilegii, womit der Creuz-Herren Privilegium vom 
ersten Starosten Koscczieliecz I) dem Dorf Pctzentien 2) bekräftiget ist. 
Im Namen des Herren Amen. Wir Nicolaus de Koscczelez 3), 
Starost in Bidgost, Nyessow"), Tuchei, Schwetz 
), Schlochow 6), 
zeugen zur ewigen Gedächtnis kraft dieses Briefes allen und jeden, 
denen daran gelegen, sowohl den gegenwärtigen, als die inskünftige 
die Wissenschaft dieses Briefes lesen werden: wie wir das könig- 
liche und unser Dorf Petzentien befunden haben, daß es von 
denen Feinden gänzlich ruiniret, und dahero darauf bedacht sein, wie 
(wir) dasselbe auf eine mindere Art in den vorigen Stand nach dem 
alten Privilegio, so von den Creuz-lierren anno 1400 dem Dorf 
gegeben, wiederum bringen und aufs beste versehen wollen. Und 
in sonderheit, damit das bemeldtes Dorf Petzentien desto eher und 
leichter wiedentm besetzet lind reichere FrÜchte bringen könne, 
bekräftigen wir das vorige Privilegillm wegen der 34 Hufen 7), die 
das Dorf ewiglich eigen haben soll, von welchen zinsbaren Huben 
wir die Einwohner von allen Zinsen auf I) Jahr frei erklären. Hier- 
nächst verkalIfen wir im besagten Dorf das Schulzenamt, welches 
von alters her in 3en Plätzen gegründet und limitiret ist, ohne Saat 
dem arbeitsamen Joanni 13) Cruczeke 9) und seinen rechtmäßigen 
Nachfolgern für 1lH) Mark nach Cuhnischem Recht, frei von An- 
garien und Scharwerk, doch daß es von uns und unsern Nach- 


.) 1485 erbitten und erhalten die Zekziner die Erlaubnis, die Kapelle von 
J	
			

/Pomorze_039_03_078_0001.djvu

			folgern I	
			

/Pomorze_039_03_079_0001.djvu

			schuldig zu geben. Vom Vorwerk Petzentien aber soll vorgedachter 
Priester und seine Nachfolger. in Ostrowitt 10 Scheffel Roggen, 
H Mark und andere gewöhnliche (Leistungen) ohne Aufschub auf 
St. Martin jährlich bekommen. Endlich befehlen wir unsenn Ober- 
schulzen 21) Joanni und seinen Nachfolgern bei Arbitrar-Strafe, auch 
Entsetzung seiner Güter, falls er sich schwer vergehen sollte, ganz 
ernstlich: daß er unserem Schloß, so oft es von nöten, auch bei 
der Nacht treulich diene, uns und unsern Befehlen gehorsame, auf 
das ganze Dorf gute Acht habe, neue Häuser bauen und die alten 
durch des Dorfs Einwohner repariren lasse, die Zinse[n] treulich 
abfordere und uns abgehe, die Kundbriefe ohne Aufenthalt weiter 
schicke. denenseiben selbsten ein GenÜge tue, das von uns ge- 
schenktes Vieh unter die Einwohner des Dorfs gleich teile, die 
Gerechtigkeit allein 22) handhabe, in Person, so oft er gefordert 
werde, vor uns erscheine, unsere Befehle in den Übrigen Dörfern 
der Starostei ausrichtc und verschaffe, lbß ihnen ein GenÜge ge- 
schehe, und sich als einen getreuen Knecht in allen unsern Ver- 
richtungen beweise. Zu größerem Oezeugnis 2::) widerrufen wir 
das Privilegium, so 21) wir im vorigen Jahr gegeben, welches 2;;) dem 
Dorf schädiich und unrecht, und erkennen es vor ungÜltig. Darum 26) 
haben wir diesem in Gegenwart der vorigen Zeugen unser Insiegel 
angehänget. So geschehen und gegeben am 27 ) 4ten Tage in der 
Woche vor St. 2B) Marien Verkündigung 2(1) im Jahr Christi 14H-l 
auf unserem Schloß in Tuchel in Gegenwart der hoch- und wohl- 
gebort1en Nicolao Wanszawsky Landrichter in Tuchei, joanne 
Wyanzinowsky (10), Martino Saska :J1), Petro Erlika, joanne Cosfow- 
sky 32), Joanne Kosfnewsky 3;:) und andere dazu gebetene glaub- 
wÜrdige Zeugen. 
In M: Stimt mit der simplen Abschrift. Neumark, justizAmtmann. 
An der vorstehenden Urkunde interessiert uns zunächst die 
Stipulation von fünf Freijahren. Das Dorf muß also doch recht 
arg mitgenommen gewesen sein. Ich möchte hier einem Gedanken 
Ausdruck verleihen, der vielleicht seine Berechtigung hat. Wenn 
wir die alte Zusammenstellung vom Jahre I-ti3R nachlesen, welche 
als Orundlage für die damals bevorstehende Landesaufnahme dienen 
sollte -- vgl diese Mitteilungen Heft I H, I HOH S. 37 f. -, so finden 
wir, daß von den heimischen Dörfern Petztin nur erst am mäßigsten 
wieder ,besetzt' war. So kann es sein, daß bei der Neubesetzung, 
dic 4f> Jahre später durch die Maßnahmen des Starosten 'Nicolaus 
Koscielecki in die Wege geleitet wurde, der Zuzug wesentlich durch 
bereits ÜberschÜssige Kräfte jener Bruderdörfer gestellt wurde. 
Was ich indeß nicht dahin verstanden wissen will, daß erst dazumal 
das Deutschtum von Petztin richtig begrÜndet worden sei; denn 
wäre Petztin im Jahre 14i3iJ und danach andere Wege gegangen, 
gleich" folgendcn Stelle offenbar: et alia consueta. 
I) Im Lalcinischen wohl: 
sllperiori sculteto. 

) wohl = selbst; allen D. 
3) Zeugnis D. 2
) welches D. 
20) lind D. 
G) Drum M. 2?) im M. 2") fehlt M. 
9) = 24. März. ;;U) Wyan- 
czinsl	
			

/Pomorze_039_03_080_0001.djvu

			m. a. W. hätte es damals nicht auch von der deutschen Zuwan- 
derung aus dem Westen seinen Anteil bekommen, so wäre es bei 
der Diplomierung der Frankenhagener Kirche als Pfarrkirche der 
Erzdiözese Gnesen im Jahre I-I:\[) kaum zu diesel' eingepfarrt, bezw. 
bei ihr belassen worden. 
Worin übrigens, abgesehen von den Freijahren, die Urkunde 
von 1484 gegenÜber jener von 1-t.
3 eine Aufbesserung darstellen 
sollte, ist schwer herauszufinden. Nur diesen Punkt zu berÜhren, 
der Geldzins von den Hufen wird ja um mehr als um das Doppelte 
gesteigert. So meine ich: wenn zum Schlusse die Rede davon ist, 
daß das frühere Privilegium dem Dorfe abträglich sei, dies doch 
nur vom Standpunkt der Herrschaft aus gemeint sein kann; es galt 
eben, aus der Neulozierung für den Starosten und wohl auch seinen 
Beamtenstab so viel Kapital wie möglich herauszuschlagen. Der 
letztere erscheint, wie ich vermute, in der Zeugenreihe, wobei nicht 
zu Übersehen ist, daß die jüngere Urkunde ausdrücklich als ,in 
Gegenwart der vorigen Zeugen', somit derjenigen von 148:J, aus- 
gestellt bezeichnet wird. Die Namen sind hier anscheinend etwas 
richtiger wiedergegeben Der Pasrawsky der Vorurkunde entpuppt 
sich dabei als Casfowsky oder richtiggestellt Cosfowsky. Da die 
Abschriften der Urkunde von 1483, otfenbar nach ihrer Vorlage, den 
Anfangsbuchstaben des Namens hier mit P wiedergeben, also wohl 
von dem Schreiber der Vorlage der große Buchstabe C des latei- 
nischen Originals mit einem P verwechselt wurde, so kann dasselbe 
möglicherweise auch bei dem Schulzen Pruczke zutreffen, der in 
der Urkunde von l.l84 als Crucleke erscheint. Freilich will diescr 
Name noch unwahrscheinlicher als der Name Pruczke klingen, es 
ist auch auf die auf den Anfangs- weiter folgenden Buchstabcn kein 
genügender VerlaUj wir mÜssen uns bescheiden, den rechten Namen 
nach den vorstehenden bei den Urkunden nicht feststellen zu können I). 
Was den als ZeuRen an erster Stelle urkunden den Tuchler Land- 
richter betrifft, so böte sich bei Wanszawsky (-ewsky) am besten noch 
wohl zum Vergleich ein Matthias Wansofsky, der 1.t8! vom Komtur 
zu Rhein Ramung von Ramek zehn Hufen in Springbon.1 erhält:!); 
doch weiler wird uns damit auch nicht geholfen. Uherhaupt 
machen wir bei Durchsicht der auf Dörfer der Tuchler Starostei 
bezüglichen Urkunden jener Zeit (jetzt in der Abteilung I U des 
Danziger Staatsarchivs vereinigt) die Beobachtung, daß die Zeugen 
unter deu seiben durchgängig wechseln. Dies aber mÜssen wir im 
I) Die nach diesen Zeiten ältest bekannte Pelztiner Schulzenfamilie führte 
den Namen Latzkc (mit langgezogenem a zu sprechen); ich benenne aus dem 
bcginnenden 17. Jahrhundert Jacob laczk (vgl. das Konitzer Schöffenbnch 
Abt. 320 Nr. 23 des Danziger Staatsarchivs, BlaU 186) und weiter Sanmel lack 
(5. die Thorner fontes Bd. 12, 1508 S. 231) vom Jahre 1652. Sollte etwa die 
Schreibnng laczke in Pruczke, Cmczeke korrumpiert sein? So durchaus unmög. 
lieh wäre das nicht. - Einen Bauern latczke - dazumal noch hloner Vorname 
(offenbar Kurzform von Ladislaw) - zu Gmß Mcndromiersz weist das. sog. 
Schadenbuch (Ordensfoliant 5b des Königsberger Staatsarchivs) auf S. 133 zum 
Jahre 1414 nach. Ich habe denselben schon Milt. 1913 S. 63 Anm. 1 benl\nnt. 
2) VR"1. K
lrzYliski, 0 11Idno
ci polskiej w Prusicch niegdys krLyzackich, 
lemuerg Ib82 S. 476. 


i 


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/Pomorze_039_03_081_0001.djvu

			r 


Hinblick auf denjcnigen Mann ganz bcsonders bedauern, auf den 
. es uns für unsern gegenwärtigen Zweck in erster linie ankommt. 
Denn, wie der aufmerksame Leser auch ohne Erinnerung 
beobachtet hat, die neue Verschreibung von 1-18-1 nennt Über die 
,vorigen Zeugen' hinaus doch noch einen weiteren, der an letzter Stelle 
aufgeführt ist und Joannes Kosfnewsky heißt; im lateinischen Ori- 
ginal ist sein Name aller Wahrscheinlichkeit nach Koßnewsky (oder 
auch mit C zu Anfang) geschrieben gewesen. Die härtere Schreibung 
gegenüber der weicheren (Kozniewski - das i hinter dem n zeigt 
nur die Weichheit dieses Buchstabens an) darf uns weiter nicht 
stören:. im ausgehenden 15. Jahrhundert war die Wiedergabe so 
mancher der polnischen Sprache eigentümlichen Laute in der Schrift 
t
.och nicht fixiert. Was die Aussprache betrifft, so dÜrfte den 
Ubergang zu der durch das schlesische Koschnewe, Koschnoewe 
bekundeten Oestaltung vielleicht eine Zwischenform mit dem Laute z 
(= französischem j) vermittelt haben. Dabei darf man nicht Über- 
sehen, daß hier wieder der deutschen Schrift der Mangel anhaftet, 
diesen Fremdlaut nicht klar wiedergeben zu können: man braucht 
blos einen Atlas aufzuschlagen und findet Ortschaften genug, die 
mit sch geschrieben, aber mit z zu sprechen sind - ich erinnere 
nur an Jezewo, Kreis Schwetz. Ja auch der tins zunächst angehende 
i-Laut findet sich in Verbindung mit einem darauffolgendem m in 
dem Namen des Posener Städtchens Koimin deutsch zu Koschmin 
umgestaltet. Was hier mit im vor sich ging, konnte natürlich auch 
bei in sich entwickeln. Also in der Beziehung sehe ich keine 
Schwierigkeit. -- Noch ein zweiter Punkt sei hier abgetan: zu jener 
alten Zeit, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, waren die adjektivisch 
gebildeten Zunamen zwar schon seit längerem eingefiihrt, aber 
noch keineswegs fest; beispielsweise gleich der Starost Nicolaus 
Koscielecki erscheint in allen von ihm herrÜhrenden oder auf ihn 
Bezug habenden Urkunden stets, so viel ich sehe, als Nicolaus 
de Cosczelecz (Coszczyelecz). Somit wurde der KOiniewski sicher 
häufig auch blos de Kozniewo (polnisch z Kozniewa) genannt. 
Wichtiger wäre zu wissen, was für eine Stellung der Joannes 
de Kozniewo eingenommen haben .mag. Doch sind wir in der 
Beziehung leider allein auf Vermutungen angewiesen. Ich möchte 
ihn am liebsten für einen Verwalter halten, den der Magnat 
Koscielecki fiir seine Dienste angeworben hatte. In einer Urkunde 
desselben Koscielecki, der dazumal schon ZlIm Woiwoden von 
ßrzesc in Kujawien aufgerückt war, dabei aber die Starostei Tuchel 
weiter im Besitz behielt (Abt. 10 Nr. [>! des Danziger Staatsarchivs), 
begegnen neben einem Domherrn von Wlodawek (Stanislaus Zam- 
binsky) als weitere Zeugen ein Mateus Poczirnyczsky, in Ostrow 
curator, und ein Nicolaus Dambrowsky, in Gniewkow (= Argenau) 
curator. Weiter ist in einem Briefe des Woiwoden an die Danziger 
aus Tuchel vom 15. Mai 150i) I) die Rede von seinem Faktor in 
Kossabude (Cossobudi), dem Mittelpunkt des klucz zaborsld (Hinter- 


I 
I 
, I 


I) Danziger Staatsarchiv Abt. 300 U 58 Nr. 121. 


77 -
		

/Pomorze_039_03_082_0001.djvu

			waldschliissels) der TuchleI' Starostei. Aus cinem späteren Schreiben 
Koscieleckis, datiert ex Comorsko den I Y. Juli 15U5 1 ), hringen wir- 
den Namen des Faktors in Erfahrung: Nicolaus. Er erscheint ohne 
Zunamen. Schon hieraus kann man annehmen, daß er nichtadlig 
war; dahingegen die bei den curatores von 1502 dlirften dem Adels- 
stande angehört haben. Es war in Polen Sitte, daß lIachgeborene 
Söhne zumal der weniger begÜterten Adelsschicht bei großen Herren, 
wie solches in alten Zeilen bei uns die Koscieleckis als Starosten 
von Tuchei, dann die latalslds und später gar die RadziwiUs als 
Starosten von Schlochau waren, in Dienste traten. Es minderte 
das nicht ihre adlige Qualität. Der Schloßdienst aber beschäftigte 
verschiedene Beamte, manche im Verwaltungs- und Justizdienst, 
andere in der Wirtschaftsgebarung. 
So möchte ich auch die Stellung des in der Urkunde von 14-84 
an letzter Stelle als Zeugen genannten Johann Koßnewski als die 
eines Wirtschaftsbeamten auffassen; und zwar denke ich mir als 
den ihm zugewiesenen Bezirk den westlichen Teil des klucz polny 
(FeldschJüssels) der Tuchler Starostei; fiir diesen ehen kam der 
ehemalige Ordenshof, das spätere Starosteivorwerk Petztin mit in 
Betracht. Doch halte ich nicht dafiir, daß Koßnewski etwa in 
Petztin gewohnt hätte; ich stelle mir vielmehr vor, daß er wie 
durchgängig die Schloßbeamten in Tuchel selbst saß. Natürlich 
hat er oft genug auch die Petztiner Wirtschaft kontrolliert; im Übrigen 
aber will es scheinen, daß dort für gewöhnlich, wenigstens zu jenen 
alten Zeiten, der Ortsschulze den Aufsichtsdienst geleistet hat. 
Ich möchte noch weiter gehen. Wie, wenn Koßnewski eigens 
engagiert worden wäre, um die im engeren Tuchler Gebiet dem 
Starosten Nicolaus Koscielecki unterstellten, schon wesentlich deut- 
schen p'örfer wirtschafllich hochzubringen? Gab es in der Starostei 
einen ,Altesten', m. a. W. einen eigenen Oberschulzen ,der teutschen 
Dörfer', wie fiir das Jahr 170 I ausdrlicklich bezeugt ist :!), so würde 
dem nur entsprechen, daß zu einer frliheren Zeit dieser Bezirk 
in der Tat einmal wirtschaftlich zu einer mehr wctniger bestimmten 
Einheit zusammengefaßt wordcn ist. Trifft diescr Gedanke zu, so 
dlirUe sich Hir die gedachte Maßregel kaum ein geeigneterer Zeit- 
punkt ausfindig machen lassen als cben derjenige, in welchem urls 
die oben ZlIIII Abdruck gebrachten beiden Urkunden hineinfiihren :J). 
Es wird sich, glaube ich, kaum mit Sicherheit mehr feststellen 
lasscn, in welchem Jahre Nicolaus Koscielecki in dcn ßesitz der 
Tuchler Starostei kam 4). Erstmalig begegnen wir ihm in dieser 
I) Danziger Staalsarchiv Abt. 300 U 58 Nr. 123. 
2) S. den Schlull der Urlmnde, die sich im 19. lIeft diesel. Mitteilungen 
(11)11) S. 64 f. abgedruckt findet. 
- 5) Der Orden hatte kein Interesse d.lran, nnsere Dörfer auch nach uer 
Zuwanderung von 1433 nnu den folgenden Jahren anders zu behandeln wie die 
iibrigen Ziusdörfer der Komturei. 
4) 1454 war Nicolaus Szarley Schloßhauptmann von TnchcI; derselbe geriet 
in folge der Schlacht am Heerbruch bei Konitz (17. September) in Gefangenschaft. 
1455 begegnet als Tenularius von Tuchel NicoJaus von Sciborze, Palatin \'on 
ßrzeM. Vgl. R. Frydrychowicz, Geschichte der Sladl . . . Tuche! S. 27 nnd 28. 


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1 


1
		

/Pomorze_039_03_083_0001.djvu

			.'r 


Eigenschaft den 
 I. Mai 1-1-77, wo er zu Bromberg beurkundet, VOll 
Jacob Czestek 20U ungarische Gulden geliehen zu haben, die er 
sich zu Weihnachten zttrückzuzahlen verpflichtet; sollte dies nicht 
geschehen, so wird er dem Czestek dafür das Dorf Czyechoczyno 
(== Deutsch Zekzin) Überlassen 1). Nun erinnere man sich, daU im 
Jahre zuvor, IJ7(i, das Allodifikationspatent König Kasimirs erlassen 
war, wonach die frÜheren Lehngüter des deutschen Ritterordens 
sämtlich zu freiem Eigentum erklärt wurden. Für die Starosten als 
Inhaber von bona regalia war also von dieser Seite nichts mehr 
zu erhoffen; sie muUten sich darauf verlegen, die Zinsdörfer mög- 
lichst ertragreich zu gestalten. Dazu aber waren sicher Ausgaben 
aller Art erforderlich; und so mag es sich erklären, daß selbst so 
reiche Herren, wie unser Koscielecki deren einer war, sich öfters 
in die Lage versetzt sahen, Geld aufzunchmen. Demselben Jakob 
Czestek, den wir eben schon als Gläubiger des Starosten kenncn 
lernten, begegnen wir wieder in eincr Urkunde d. d. Tuchel den 
17. April 14H
: in dieser bekennt der Starost, von Czestek ein Dar- 
lehen von 1 ;JiJ ungarischen Gulden empfangen zu haben, das er 
sich anheischig macht, auf nächste Weihnachten zurückzuerstatten; 
geschieht dies nicht, so verpflichtet er sich abermals, ihm sein Dorf 
Czyechoczyno einzuräumen 	
			

/Pomorze_039_03_084_0001.djvu

			hören wir, daß zur Arbeitsverrichtung dem Vorwerk Petztin außer 
dem anschlieBemlen Dorfe noch die Ortschaften Frankenhag-en und 
Granau, und zwar ganz, Überwiesen werden. Zekzin konnte trotz 
seiner sonst dafijr gÜnstigeren Lage nicht in Frage kommen, weil 
es zu eben jener Zeit ein avulsum der Starostei darstellte. Wenn 
nun Johann Koßnewski, wie ja meine Idee ist, speziell den deutschen 
Bezirk unter seine Aufsicht bekam, so hat er es sich gewiß an- 
gelegen sein lassen, daß auch Zekzin mögHchst bald aus dem 
Pfandbesitz zurÜckkam und die Dörfer hÜbsch beisammen blieben. 
Tatsächlich nehmen wir wahr, daß in der Folge zwanzig Jahre 
hindurch, keins unserer sieben Dörfer mehr zur Verpfändung ge- 
langte, vielmehr eine solche IIIn' noch polnische Ortschaften der 
Starostei in Mitleidenschaft zog (Kelpin ]488' und J.:I.94, Groß und 
Klein Mendromiersz 1488, Polnisch Cekcyn 1500, Groß Bislaw ]502 
und I Ö04: Danziger Staatsarchiv Abt. 10 Nm. aG und 46, 37, 52, 
5-l und 58). Erst 1504 kommen auch Osterwik und Frankenhagen 
an" die Rcihe, und zwar fiir sehr hohe Beträge (0. fijr 700, Fr. gar 
fijr 1000 ungarische Gnlden: Abt. 10 Nr. ()Q und (i I). 
In die Zwischenzeit möchte ich nun die Beziehungen unserer 
Vorfahren zu ihrem von mir supponierten Eponymus setzen. Woher 
derselbe stammte, läßt sich mit Bestimmtheit natürlich nicht aus- 
machen. So viel ist von Hause alls klar, daß er kein Eingeborener 
war, sondern aus dcr Fremde herkam. Wir können Überhaupt bei 
den Zeugen in den von Nicolalls Koscielecki ansgestellten Urkunden 
soweit diese die Tuchler Starostei bctreffen, die Beobachtung machen 
daß sicher nur ein Bruchteil derselben, und anscheinend kein be 
sonders bedelltender, in Pommerellen beheimatet war. Sonst weisen 
die Namen gelegentlich nach Großpolen oder auch nach dem Culmer- 
land (Zeugen in Urk. Abt. 10 Nr. Ö2: johannes de Trlang, Matllias 
de Lescze). Speziell nlln unsern Koßnewski betreffend, so könnte 
derselbe an sich natÜrlich der masovischen Familie de Koiniewo 
angehören; doch halte ich es nicht fiir sonderlich wahrscheinlich, 
daß jemand aus einer solchen Magnatenfamilie in fremde Dienste 
trat. Eher möchte sich eine Herleitung aus dem schlesischen 
Koschnoewe empfehlen; denn da ja der Ort mit als Rittergut be- 
zeichnet wird, so IlIUß es dort einst auch einc Gutsherrschaft, die 
sich nach dem Besitze benannte, gegeben haben. Sollte nun Johann 
Koßnewski von dieser Gutsherrschaft abstammen, so war er jeden- 
falls auch des Deutschen mächtig, und wir würden es um so mehr 
verstehen, daß ihm die Bcwirtschaftung gerade von deutschen 
Dörfern im Starosteibetriebe zugewiescn wurde. Andrerseits aber 
wäre sofort auch klar, was es mit der Benennung ,Koschnaewjer' 
fijr eine Bewandtnis hat. Dies Wort ist, was sich ollllehin von 
selbst versteht, adjektivisch zu fassen: es bezeichnet die Koschnaew- 
schen Leute. Noch heute kanll der Forscher, ZlIl1Ial wenn er platt- 
detJtsch spricht, in unsern Dörfern die Antwort hören: wi sint 
I	
			

/Pomorze_039_03_085_0001.djvu

			hinter dcm w) existierte? Ich sage dies mit Bezug auf Benwlt7, 
der, wie oben S. 4
 mitgeteilt, von ,Koschnewen' oder ,Koschnewjen' 
spricht, und ebenso auf Fuhrmann, der ,Koschnewer' schreibt (s. 
S. 51). Wenn ja, dann knüpft die. gedachte Form.. unmittelbar an 
den Namen Koiniewo, Koschnewe (-oewe) an. Ubrigens bildet 
Benwitz den Plural falsch auf n: es ist ihm als hochdeutsch 
sprechendem Städter anscheinend nicht zum Bewußtsein gekommen, 
daß das plattdeutsche Koschnaewje (Sing.) zum Schluß ein r ab- 
geworfen hat 1); Kosclmaewjer aber ist. wie schon bemerkt, eine 
Adjektivbildung 2 ) und bezeichnet den Koschnaewschen (Mann). 
\Ver aber hat für unsere Vorfahren diesen Namen aufgebracht? 
Das erfahren wir wieder von Benwitz, der da berichtet, daß noch 
jetzt (18:30), also doch erst recht in frÜheren Zeiten, die Bewuhner 
der bewußten Dörfer ,von ihren östlich hinter dem Fluß Brah 
wohnenden, polnisch benannten und sprechenden. . . Glaubensbrüdern 
mit dem (von Benwitz für einen Spottnamen gehaltenen Ausdruck) 
belegt werden'. Nun leiden die Aufsätze Benwitzens nicht eben 
selten an Unklarheiten, die eine Richtigstellung erheischen. Auch 
in unserem Falle hat er sich inkorrekt ausgedriickt: er meint ganz 
offenbar diejenigen ,GlaubensbrÜder', die zwar ös t I ich von den 
Koschnaewjern sitzen, aber zum bei weitem größeren Teile nicht 
hinter der Brah (von Konitz aus gerechnet), sondern vor diesem 
Flusse, teilweise an denselben angrenzend. Damit kommen wir 
auf die Einwohner der alten Zinsdörfer Reetz, Stobno, Bladau, 
Jehlenz, Groß und Klein Mendromiersz, Gostoczyn 3); jenseits der 
Brah liegen, soweit die ehemalige Komturei bezw. Starostei Tuchel 
in frage kommt, lediglich Polnisch Cekcyn und Groß Bislaw. Also 
von diesen Leuten stammt der Name her, nicht. etwa von den im 
Westen der Koschneiderei wohnenden Deutschen, sei es der Stadt 
Konitz, sei es der Schlochauer Dörfer, auch nicht von den. mit 
Mosnitz und Hennigsdorf unmittelbar (an Lichtnau) angrenzenden 
,Jesuitern'. Die Untertanen adlicher Güter können hier außer Be- 
tracht bleiben: das waren keine Standesgenossen. 
Nun wäre für uns erwünscht zu wissen, wie denn eigentlich 
die po In i s c h e Namensform lautete, die jene ,GlaubensbrÜder' an- 
wandten. Heutzutage ist dieselbe verloren, weil verdrängt durch 
Kosznajdry. Doch meine ich, kann es kaum zweifelhaft sein, daß 
wie die deutsche Nachbildung ,Koschnaewjer' sich als Adjektiv 
ausweist, so auch die Urform adjektivisch lautete: Kosznewscy 
	
			

/Pomorze_039_03_086_0001.djvu

			kosznewcy odcr kosznowcy (5. S. 5-l-) schnell zu Schick. Voraus- 
gesetzt, daß Schmitt richtig wiedergiht, was ihm Schweminski ge- 
schrieben hat, so diirfte diesem entgangen sein, daß es sich bei 
den von ihm genannten Formen um Adjektiva handelt, was um so 
leichter passiercn konnte, wcnn er die Namen etwa in seinen jungen 
Jahren kaschuhisch hatte aussprechen hören: Kosznew':;ci, Kosznowsci 
(mit dem Ton auf der ersten Silbe). Der Wechsel des Vokals in der 
(in diesem Falle sogar unbetonten)" Mittelsilbe ist auch Hir das Pol- 
nische gänzlich belanglos. I )er hekannte lesIauer Bischof Hieronymus 
Rozrazcwski (t J(j()O) heißt oft genug auch Rozrazowski; in der 
nichtadjektivischen Form wird er sogar iiberwiegend, fast stets a 
Rozrazow genannt. Die kaschubische Adelsfamilie Cysewski findet 
sich in älteren Urkunden durchgängig mit 0 (Cisowski) wieder- 
gegeben. Mir ist aus meiner Vikarzeit eine Familie erinnerlich, die 
von den leuten allgemein Belakiewicz genannt wurde, sich aber 
selbst Belakowicz schrieb. Auch das schlesische Koschnoewe 
nehen Koschnewe deutet noch darauf hin, daß einst dic Formen 
Kozniewo, Kozniowo nebeneinander hergingen. AlleS in allem: 
findet meine Deutung Beifall, so schwebt auch das -newcy oder 
-nowcy nicht mehr in der luft, wie ich doch oben S. 5f> bemerken 
mußte; es ist nur durch -newscy, nowscy zu ersetzen I). 
Von einem Spottnamen (Ben witz) oder Spitznamen (Schmitt) 
kann unter diesen Umständen natlirlich nicht die Rede sein, zum 
wenigsten, was den Ursprung dcs Namens angeht. Daß nicht 
mehr richtig verstandene Ausdriicke von manch einem wohl so 
aufgefa/!t werden, ist nichts Nettes: auch die Mosnilzer oder 
Hennigsdorfer hörtcn sich nicht gerade gcrn ,Jesuiter' nennen. Odcr 
denke man gar an ,Kaschube'! Es mag ja oft genug der Fall sein, 
daß derjenige, der diesen Namen ausspricht, in denselben etwas 
Despektierliches hineinlegt, und auch, daß der, dem gegeniiber der 
Ausdruck gebraucht wird, die Bezeichnung un;mgenehm empfindet. 
Damit ist aber noch lange nicht gesagt, daß ,Kaschuhe' von Hause 
aus ein Spottname sein miisse. 
Daß kleinere Volkseinheiten untcr Umstiinden nach Personen 
benannt werden, ist an sich nichts Ncues: es versteht sich von 
selbst, da/! irgend eine genauere Beziehung zwischen dem namen- 
gebenden und namenempfangenden Teil einmal bestehen lIlußte. 
So wurde die Gegend c1er Neumark, in denen einst (und teilweise 
vielleicht noch jetzt) die v. Wedellsche Familie große Besitzungen 
hatte, polnischerseits als Wedelsczyzna (etwa: Wedellsgebiet) be-"- 
zeichnet. Im Posenschen sind die Paluken bekannt - es sind das 
die Bewohner der Umgegend von Wongrowitz, Exin und 
nin, 
diese Städte miteinbegliffcn: sie sollen ihren Namen führen nach 
einem Geschlechte, das einst im Besitz der Gegcnd war, und das 
polnische Genealogen von Sobiebor, dem ältesten Bruder des 


1) Koszncwszy bei Fuhrmanu (vgl. oben S. 56) kommt der vou mir als 
richtig erachtctcu f"onn zwar den ßuchstabcu nach ziemlich nahe, wiirde sich 
aber am ehesten mit dcr plattdcutschen form Koschnaewesch, welln ('s einc 
solche gab, deckcn, nicht so mit dem polnischen J(O
7I1CWSC)'. 


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/Pomorze_039_03_087_0001.djvu

			hl. Adalbert, herleiten wollen. FÜr unsere eigene Nachbargf'gend 
im Westen habe ich schon wiederholt die ,Jesuiter' benannt, welche 
in den Besitzungen der ehemaligen Konitzer Jesuiten wohnten: es 
gehört dazu außer den schon genannten Ortschaften Hennigsdorf 
und Mosnitz noch Döringsdorf samt der Fischerlage Steinberg, 
sowie Niesewanz, letzteres von uns aus hinter KOllitz gelegen. - 
Von einem ähnlich gearteten vormaligen Besitzverhältnis kann nun 
freilich nach allem, was wir wissen, in unserm Falle keine Rede 
sein; und doch bleibt es das natürlichste, daß wir nach etwas 
Analogem Umschau halten: wenn es schon auch nicht der Besitzer 
war, so muß es doch ein Mann gewesen sein, der zu unseren 
Vorfahren in irgend welcher obrigkeitlichen Stellung sich befand. 
Wie ich mir diese Stellung etwa vorstelle, habe ich ja genügend 
gekennzeichnet. Hier sei l"!Pch dem Gedanken Ausdruck verliehen: 
der Historiker soll an alten Uberlieferungen, auch wenn er mit ihnen 
nichts Rechtes anzustellen weiß, doch nicht einfach achtlos vorüber- 
gehen; er hat die Schlacken uer Tradition zwar abzustreifen, muß 
aber dabei zusehen, daß der Kern nicht zu Schaden kommt. Vor- 
liegendenfalls nun wolle man sich ins Gedächtnis zurückrufen: 
Einige behaupten (s. S. 48), andere wollen (S. 5i). Nach 
meiner Auffassung sind darin Erinnerungen durcheinandergeworfen, 
die es zunächst einmal auseinanderzufitzen gilt: zwar war es kein 
Komtur von Schlochau, doch immerhin (nach meiner Hypothese) 
ein vornehmer Mann dieser Komturei, der einst die deutschen 
leute aus dem Osnabr{ickschen in unsere Dörfer zog; und wieder 
war es wenn schon kein Capitaneus (Starost) von Tuchei, so doch 
aller Wahrscheinlichkeit nach ein von einem solchen bestellter 
Beamter, der für die Namengebung in Frage kommt. Ja selbst die 
Zeit - das 15. Jahrhundert - ist dem Gedächtnis nicht ent- 
schwunden: vgl. oben S. 52. Daß mit der seinerzeit amtlichen 
Stelle in TucheJ Beziehungen da sein mußten, ergibt sich einfach schon 
daraus, daß nur Dörfer, genauer gesagt Bauerndörfer der Starostei 
Tuchel als ,Koschnaewjer' anerkannt werden. Daß dieser Name 
gelegentlich verallgemeinert wurde und dann auch auf die Bewohner 
der im Süden angrenzenden, ehedem erzbischöflich-gnt'snischen 
Dörfer Damrau, Groß Zirkwitz und Obkas, alle drei jetzt im Kreise 
Flatow gelegen, mit Anwendung fand, erklärt sich leicht aus der 
offenbar nächsten Verwandtschaft, in der unsere Vorfahren mit 
diesen leuten standen. Wenn aber in neuerer und neuster Zeit 
gar sämtliche deutschsprechenden Katholiken in den Kreisen Konitz, 
Tuchei, Flatow, Sehlochau, desgleichen aus den Städten Konitz und 
Schlochau, ja womöglich noch darüber hinaus, als ,Koschneider' 
- der Zeitungsname muß herhalten - bezeichnet oder gar ver- 
ketzert werden, so kann die Wissenschaft eine solche Verallgemei- 
nerung nur ablehnen. Immerhin liegt darin eine wenn auch wider- 
willige Anerkennung, daß die Koschnaewjer trotz ihrer numerischen 
Schwäche es verstanden haben, sich zur Geltung zu bringen. 
Noch eine Frage könnte auftauchen. Warum nannte man - 
nach uns
rrr Vor:Hlssel7lll1g seit rund 148ö - unsere Vorfahren 


j 


- 83 -
		

/Pomorze_039_03_088_0001.djvu

			flach einem Chef, warum bezeichnete marI sie nicht einFach als 
Deutsche (Niemcy)? Nun, wir stehen um die gedachte Zeit noch 
keine zwanzig Jahre hinter dem Verfall der Ordens herrschaft. Sicher 
hat es dazumal auch in manch einem anderen Dorfe des engeren 
Tuchler Gebiets - ich denke etwa an Groß Mendromiersz und 
dabei an die Nachkommen des Schulzen Arnold 1) -- und erst 
recht auf den früheren Lehngütern noch Deutsche genug gegeben, 
sodaß die Bezeichnung eben nicht exklusiv gewesen wäre. Und 
umgekehrt sind in unsern Dörfern damals die letzten Reste der 
Vorbevölkerung vielleicht auch noch nicht aufgesogen gewesen. 
Es wäre, dies hier im allgemeinen zu bemerken, eine grundfalsche 
Vorstellung, sich unsere Vorfahren von allem Anbeginn als eine 
starre, sozusagen allein auf sich gestellte Masse vorzustellen: ein 
Völkchen, wie wir es mit den Koschnaewjern vor uns haben, ist 
nicht mit einem Male da, sondern hat seine geschichtliche Ent- 
wickelung: diese kann sich je nach Umständen langsamer oder 
schneller vollziehen. Sollte meine Annahme, wonach eine starke 
Zuwanderung aus Westdeutsch land, genauer dem Osnabrückschen. 
seit 1433 die endgiltige BegrÜndung des Deutschtums unserer 
Dörfer zur Folge hatte, zutreffend sein, so lebte zur Zeit des Johann 
Koßnewski erst die zweite Generation: da saßen gewiß unter ihnen 
noch mancherlei stammfremde Elemente, die erst allmählich sich 
voll assimilierten. Immerhin bildete der Bezirk bereits eine deutlich 
erkennbare Einheit flir sich, die auch wirtschaftlich zusammenzufassen 
auf der Hand lag. 
Ich bin mir, wie ich schon zu Anfang dieser ganzen Erör- 
terung es kennzeichnete, voll bewußt, daß die Position, auf welche 
ich meine Ausführungen gründen mußte, allerdings nicht sonderlich 
fest ist. Doch kann ich bekunden: seit 28 Jahren bereits ist mir 
die Urkunde mit dem Koßnewski als letzten Zeugen, wie auch die 
Vorurkunde bekannt. Gern hätte ich in der Richtung ein mehreres 
in Erfahrung gebracht; es ist mir aber nicht gelungen. Was ich 
bezüglich der Namensfrage zu lesen odcr zu hören bekam, befrie- 
digte mich nicht. So entschloß ich mich denn, mit dem Deutungs- 
versuch, wie er auf diesen Blättern vorgetragen ist, nicht zurückzu- 
halten. Ich betone ausdrücklich: es ist nur ein Deutungsversuch. 
Wer eine bessere Erklärung weiß, soll mir damit aufrichtig will- 
kommen sein. Vivant sequentes! 


r 


J) ViI. über diesen das Rellilter zu den ,Urkunden der Komlurei TucheI'. 


- 84 - 


... 


""""-
		

/Pomorze_039_03_089_0001.djvu

			r 


Das Dingllaus in der Altstadt Tllorn. 
Von Arthur Sem rau. 
In großen Umrissen ist die Entwicklung der Oerichtsstätte 
auf deutschem Boden im Reallexikon der Germanischen Altertums- 
kunde geschildert worden. 1) Oarnach wurde ursprünglich unter 
freiem Himmel Recht gesprochen, und erst im Mittelalter verlegte 
man die Gerichte ,in die Zunft- oder Rathäuser, wohl auch in 
eigene Gerichtsgebäude'. Unsere Quelle fährt dann so fort: ,Aber 
der häufige Brauch, nicht in geschlossenen Zimmern, sondern in 
offenen Hallen (Oerichtslauben) zu tagen oder wenigstens Fenster 
und Türen der Oerichtssäle zu örrnen, erinnerte noch lange an den 
alten Zustand; auf dem Lande, in den Dörfern, in Burgen, auch 
in manchen Städten lebte dieser aber auch das ganze MA hindurch 
bis in die Neuzeit fort'. 
Wie uns das Beispiel der Altstadt Thorn lehrt, muß dem 
unsicheren Ausdrucke in der vorstehenden Schilderung gegenüber 
mit Bestimmtheit ausgesprochen werden, daß es im MA auch 
eigene Oerichtsgebäude gegeben hat. Wir werden also erstens das 
Vorhanden sein selbständiger Gerichtsgebäude nachweisen, um viel- 
leicht einen Zusammenhang zwischen den Verhältnissen des Ostens 
und Westens aufzudecken, und zweitens das Dinghaus der Altstadt 
Thorn zum Gegenstande unserer Untersuchung machen. 
Wir prüfen zunächst die einschlägigen Verhältnisse der Stadt 
Köln, mit der die Altstadt Thorn durch manche Fäden verknüpft 
war. Die Kölner Oerichtsverfassung umfaßt eine große Zahl von 
Gerichten, deren Dasein durch die eigenartige kommunale Entwick- 
lung der Stadt bedingt ist. Deshalb tragen auch die verschiedenen 
Gerichtsstätten keinen einheitlichen Charakter. 
Der Sitz des Hochgerichtes, das in Kriminalsachen für die 
ganze Stadt und deren Bezirk zuständig war, befand sich auf 
dem Oomhofe. Oie Gerichissitzungen wurden ,anfangs wohl nach 
alter Sitte unter freiem Himmel, später in einem besonderen 
Oebäude' abgehalten. 2 ) In der bürgerlichen Gerichtsbarkeit wirkten 
neben dem städtischen Gerichte zahlreiche vorstädtische und selbst 
innerstädtische Gerichte, die nach Lau in die lokalen Gerichte 
öffentlich-rechtlichen Ursprungs und in die lokalen Gerichte hof- 
rechtlichen Ursprungs gesondert werden. 8) Wir stellen im nach- 
steh enden die Art der Gerichtsstätte nach der vorliegenden Quelle 
') I. Band Straßburg 1911-13 unter dem Worte ,Ding' S. 469. 

) friedrich Lau, EntwicklunJ:(" der kommunalen Verfassung und Verwaltung 
der Stadt Köln bis zum Jahre 1396. Bonn. 1898. S. 5. VgI. S. 30: ,in dem 
Gerichtshause am Domhofe'. 
S) LRn a. a. O. S. 30 f. und S. 38 f. 


- 85 -
		

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			fest. Der Sitz des Gerichts Niederich befand sich in dem Oe.. 
meindehause zu Niederich in der Johannisstraße und zwar in 
seinem vorderen Teile. I) Das Gericht der Hausgenossen Unterlan 
benutzte für seine Sitzungen bis zum 10. Dezember 1360 ein der 
Genossenschaft gehörendes Haus, das Gurdilhuis, später nach 
dem Verkaufe dieses Hauses ein neu errichtetes ,Dinchus'.:I) 
Der Sitz des Oerichtes von St. Severin war der Frohnhof von 
St. Severin. 3 ) Die GerichtssitZllngen des weltlichen Gerichts der 
Propstei St. Oereon (St. Christophorus) wurden, wenigstens in 
früherer Zeit, in dem Palacium, wohl demjenigen des Propstes, 
abgehalten.' I) Das erbvogteiliche Oericht zu St. Gereon hielt seine 
Sitzungen unter einer Linde ab.
) Das Oericht des Erbvogtes 
auf dem Büchel-Eigelstein halte seinen Sitz in einem sog. Ding- 
hau s e. Es lag auf dem Eigelstein neben der alten Eigelsteinspforte. 6) 
Endlich hielt das Gericht der Hausgenossen von Mariengreden 
auf den Dielen seine Sitzungen im Freien ab. Die Stätte war eine 
mit Bohlen gedielte SteIle unterhalb der Kirche ad Oradus. 7 ) 
Wir sehen, daß in Köln in der Einrichtung der Gerichtsstätte 
verschiedene Gepflogenheiten nebeneinander bestehen. Der Brauch, 
unter freiem Himmel Gericht abzuhalten, hat sich in zwei Fällen 
gehalten, sonst finden die Gerichtssitzungen in Gebäuden statt. 
Wie weit diese etwa noch anderen Zwecken gedient haben, geht 
aus unserer Quelle nicht immer hervor. In einem Falle (Niederich) 
diente das Gemeindehaus den Gerichtssitzungen und zwar sein 
vorderer Teil. Vorausgesetzt daß hier das Er.9geschoß gemeint ist, 
war die Grundrißanlage bedingt durch die Offentlichkeit der Ver- 
handlungen, die durch die Lage gegen die Straße hin ermöglicht 
wurde. 
Ähnlich zu beurteilen sind wohl die bciden erwähnten Ding- 
häuser, das der Hausgenossen Unterlan und das auf dem Büchel- 
Eigelstein. Sie stellen in erster Linie die Oerichtsgebäude der zu- 
gehörigen Bezirke dar, werden aber zugleich als Gemeindehäuser 
gedient haben. In gleicher Weise wird auch das 1433 erwähnte 
Dinghaus des zur Altstadt Thorn gehörigen Dorfes Mocker zu 
beurteilen sein. 8 ) 
Bedeutsamer als die Verhältnisse der Sondergemeinden sind 
für unsere Zwecke die der Gesamtgemeinde Köln. Da sehen wir 
dann, daß das Schöffenkollegium der Altstadt und der Rat ver- 
schiedene Sitze haben. Das Schöffenkollegium der Altstadt hielt, 
wie wir oben sahen, seine Sitzungen in einem Gebäude auf dem 
Domhofe, dem Hochgerichte, ab. In der Plankammer des Historischen 
Archivs der Stadt Cöln wird ein alter und ein neuer Grundriß de!' 


'- 


I) Lall a. a. O. S. 33. 

) Lall a. a. O. S. 37 Al1m. 2. 
ti) Lau a. a. O. S. 38. 
4) Lall a. a. O. S. 41. 
D) Lau a. a. O. S. 41. 
6) Lau a. a. O. S. 46. 
7) Lau a a. O. S. 48. 
") Mitt. de!' f:npp.-Vl"r. 11. Heft S. 60. 


8b - 


....
		

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			. 


..... 


Hochgerichts vom Jahre li41i aufbewahrt. Gewölbe sind auf dem 
alten Grundrisse nicht eingetragen; das erschwert das Urteil über 
das Alter des Gebäudes, aber es ist wohl möglich, daß er noch 
den mittelalterlichen oder spät mittelalterlichen Zustand darstellt. 
Das Hohe Gericht ist ein länglichrechteckiger Raum, der auf einer 
Schmalseite .offen ist und dessen Decke hier von einer steinernen 
Säule getragen wird. Man betritt den Raum auf fünf hausteinernen 
Stufen. Der Fußboden hat drei verschiedene Höhenlagen, deren 
Verhältnis zu einander wegen der Unzulänglichkeit der Zeichnung 
nicht sicher zu beurteilen ist. Im vorderen Teile des Raumes ist 
eine nahezu quadratische Fläche anscheinend durch eine Balustrade 
gegen den übrigen höher liegenden Raum so abgegrenzt, daß an 
den Seiten nur ein schmaler Gang, nach vorne der kleinere Teil 
des ganzen Raumes übrig bleibt. Aus dem durch die Balustrade 
abgegrenzten vorderen Raume führen fünf Stufen hinauf in den 
hinteren Raum, der zu seinem größeren gegen die Rückwand lie- 
genden Teile in seiner ganzen Breite von einer Tribüne eingenommen 
wird, die man auf zwei hölzernen Stufen betritt. In der Mitte der 
Rückwand steht der Richterstuhl, zu dem drei Stufen hinaufführen. 
Zu heiden Seiten des Richterstuhles und an der linken Wand 
(vom Beschauer aus) stehen die Schöffenbänke. Diese Dreiteilung 
des ganzen Rallmes ist vielleicht so zu deuten: der von einer 
Balustrade umgrenzte Raum dient den Zuschauern, der davorliegende 
schmale Raum den Angeklagten und rechtsuchenden Personen, dei 
dritte ist das gehegte Ding. Das Ganze ist eine nach einer Seite 
ganz offene Halle, ist also mittelalterlich oder spiegelt wenigstens 
den mittelalterlichen Zustand wieder. 
Von der Tribüne führen in der rechten Wand flinf Stufen in 
das Nebenzinshaus. Liegt in diesem Gebäude noch die mittelalter- 
liche Raumanordnullg vor, so könnte im Nebenzinshause die 1487 
erwähnte Sprechkammer des Gerichts gelegen haben. Ungefähr in 
der Mitte der linken Wand liegt eine Tür, durch die man auf einer 
Wendeltreppe in das zweite Stockwerk und unter das Dach des 
Hochgerichts gelangt. Wozu dieses zweite Stockwerk gedient hat, 
ist unbekannt. Möglich wäre es auch, daß die mittelalterliche Sprech- 
kammer hier gelegen hat, dann müßte aber festgestellt werden, 
welchen Zweck die in einer starken Mauer liegende in das Zinshaus 
fijhrende Tür gehabt hat. Vielleicht kann die Kölner Forschung 
-näheren Aufschluß über diese Fragen bringen. 
, Ob das Gericht hier auch als die von den Erzbischöfen und 
den Bürgern seit mindestens 1149 anerkannte oberste kommunale 
Behörde der Stadi') getagt hat, ist unbekannt, aber wahrscheinlich. 
Das Rathaus aber entstand an anderer Stelle zwischen 1135 und 
1152 als Sitz der Richerzeche 2 ), die nach Lau zwischen 1149 und 
1182 zur Behörde ward. 3) 


1) Lau a. a. O. S.75 f. 

) Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins E. V. S. 3. 

) a. a. O. S. 77. 


- 87 -
		

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			Auch die kommunale Entwicklung der Stadt DortmunQ, auf 
deren Betrachtung wir durch Beziehungen zum Osten hingewiesen 
werden, brachte es mit sich, daß Rat und Gericht in verschiedenen 
Gebäuden tagten. Das Rathaus entstand hier im Zusammenhange 
mit der Entwicklung einer Gilde, der Wantschneider; es wird zuerst 
] 241 erwähnt. t) Im Erdgeschosse befand sich die Tuch halle, im 
Obergeschosse die Amtsräume des Rates. Die Gerichtsbarkeit war 
ursprÜnglich in den Händen der Grafen, darum war auch das 
,Richthaus' ihr Eigentum. 1286 kaufte die Stadt Dortmund von 
dem Grafen Herbord mit Zustimmung seiner Erben den dritten Teil 
seines Oerichtes in Dortmund, ein weiteres Sechstel 1313. 2 ) Wann 
die andere Hälfte der Oerichtsbarkeit an die Stadt Dortmund über- 
ging, ist unbekannt. Anscheinend wurde das Richthaus erst nach 
dieser Zeit mit dem Verkaufe der zweiten Hälfte der Gerichts- 
barkeit Eigentum der Stadt. 8) In dem Vertrage von 1343 ist unter 
den Rechten, die der Graf sich vorbehielt, jedenfalls ein Anrecht 
auf das Richthaus nicht aufgefÜhrt. ') Das Richthaus stand ,der 
nordöstlichen Ecke des Marktes gegenÜber l . Das Erdgeschoß 
öffnete sich in drei Bogen zum Ostenhellwege ll ), war also eine laube. 
Es wird in den älteren und jüngeren Statuten Halle, in lateinischen 
Eintragungen ,pretorium' genannt. 6) Der Name ,Richthaus' ist erst 
seit 1501 nachweisbar. 7) 
Endlich verdient die Geschichte der Gerichtsstätte in der 
Stadt Magdeburg, dem Vororte der Kolonisation des Ostens, in 
diesem Zusammenhange eine Darstellung. Als die Altstadt ungefähr 
in der Zeit von 1100 bis 1170 aus dem Hochgerichtssprengel aus- 
schied und einen Stadtgerichtsbezirk bildete, entstand auch ein 
neuer Dingplatz. 8) Die Bürger suchten nunmehr, sagt Schranil, 
auf ihrem Dingplatz auf dem Markte, später vor der loven, ante 


I/ 


I) Karl Rübel, Geschichte der Grafschaft. . .. Dorlmund Bd. I S. 127. 
,) Rübel a. a. O. S_ 134. 
U) Nach Riibel verkaufte der Graf Konrad der Stadt sein Recht an dem 
Gebäude ,oberhalb des Tribunal'. Riibel versteht daruuter offenbar das Ober- 
ge
choß. In der Urkunde heißt es ,reliquimus eis gratiam . . . . . et in fundo 
domus panum et in edificio quod est super tribunal iudiciarinm situm'. D. U. 
B. I Nr. 78 u. Erg.-Bd. Nr. 120 (Nach freundlicher Mitteilung des Archivs der 
Stadt Dortmnnd). 
') Riihel a. a. O. S. 419. 
/I) Riibel a. a. O. S. 126. 
6) Rübe! a. a. O. S. 139 Anm. 24. 
7) Dortm. Beitr. XV 138 nach freundlicher Mitteilung des Archivs der 
Stadt Dortmund. Sonst ist das Wort Richthaus schon im Mittelalter nachweisbar. 
So wird das ,Richtehus' in lüneburll unter dem 13. September 1390 erwähnt. 
In dem Werke ,Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover' lieft 5 und 6 S.200 
wird für wahrscheinlich gehalten, daß die durch ein Gitter eingefriedigte Nische 
an der Nordostecke des Rathauses, die noch im 19. Jahrhundert die Stätte des 
peinlichen Gerichts war, durch alle Jahrhunderte dieselbe geblieben ist; 1607 
erhielt sie den Bilderschmuck. Das Wort .Richthans' geht dann in das Neu- 
hochdeutsche über und findet sich in der Lutherischen Bibelübersetzung, z. ß. 
I Könij;e 7, 7 als Randschrift. Wittenberg, Hans Lufft 1535. 
) Schranil, StadtveIfassunll nach Magdeburger Recht ßreslau 1915 S. 51 
und 64. 


. 


...' 


- 88 - 


. 


Ia.
		

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			" 


cOllsistorium civitatis Recht, I) lind an einer anderen Stelle (S. 226): 
,Ullter dem Rathaus, dessen Hauptfront damals nach Norden ge- 
wendet war, wird das städtische Gericht abgehalten, auf dem 
Marktplatz vor dem Rathaus unter der love findet das Burding 
statt.'2) Das Rathaus zu Magdeburg (pretorium, love, lobe, lobium, 
palatium commune, domus consulum, radhus) wurde um die Mitte 
des 13. Jahrhunderts erbaut, bald nachdem der Rat als oberste 
Kommunalbehörde an die Stelle der Schöffen getreten war. S) Seit 
dieser Zeit also können die Gerichtssitzungen in der Gerichtslaube 
unter dem Rathause abgehalten worden sein. Innerhalb des alten 
Rathauses bewahrten die Schöffen in einer Kammer die Schöffen- 
bücher auf. 
Als das Rathaus 1293 abhrannte, erbauten die Schöffen für 
sich ein eigenes Haus.4.) Wie aus dem Streite von 1293 hervor- 
geht, war die Rechtslage unklar geworden: die Schöffen behaup- 
teten, daß sie die Schöffenkammer mit ihren Pfennigen gekauft 
hätten und der Stadt verzinsten.
) Wahrscheinlich war also der 
Ge2"ensatz ZIIm Rate der Anlaß, sich räumlich selbständig zu 
machen. 6) Das Schöffenkollegium bildete ja im 13. Jahrhunderte 
eine Genossenschaft und war vermögensfähig. 7) Dieses Schöffen- 
haus wird gewöhnlich ,Schöffenkammer', einmal auch im Gegen- 
satze zum Rathause ,die love' genannt. 8) Man darf darnach wohl 
annehmen, daß das Erdgeschoß als Laube ausgebaut war. Aber 
weder Über die Grundrißhildung dieses Schöffenhauses noch über 
die des 1425 erbauten erhalten wir eine Nachricht. Das Wort 
,Dinghaus' kommt nur in einer allgemein gehaltenen Stelle der 
Magdeburger Fragen vor und besagt nichts über die Beschaffenheit 
des Gebäudes. 
Nachdem wir' so die Richtung beschrieben haben, in der eine 
Eiilwirkung auf die Ausbildung der Gerichtsstätte in Thorn erfolgt 
sein wird, versuchen wir durch Darstellung der Thorner Verhält- 
nisse die Beziehung zum Westen näher zu bestimmen. 
Die ursprüngliche Dingstätte wird in der Altstadt Thorn wie 
anderswo auf dem Marktplatze unter freiem Himmel gelegen haben. 
So muß es mindestens bis zum jahre 1259 geblieben sein, als das 
Markthaus (domus forensis), später Kaufhaus genannt, erbaut 
wurde. 9) An sich lag ja nun die Möglichkeit vor, daß die Oerichts- 
verhandlungen innerhalb des Markthauses, etwa in dem als Laube 
ausgebauten Siidende, stattfanden. Uns scheint aber die geringe 


1) A. a O. S. 64. VgJ. auch S. 71 lind 82. 

) Vgl. auch Schranil a. a. 0- S. 202 und Anm. 4. 
S) Schranil a. a. O. S. 226. Vgl. S. 97. 
,) Schranil a. a. O. S. 97. 
0) Schranil a. a. O. S. 101. 
6) Ob dieser Gegensatz noch bestärkt wurde durch die Erinnerung an 
die Zeit vor 1240'41, da Schultheiß lind Schöffen vor Entstehung des Rates noch 
Vorstand der Gemeinde waren, IIlUß dahingestellt bleiben. Vgl. Schranil a. .. O. 
S. 209 f. 
7) Schranil a. 8. O. S. 101. 

) Schranil a. a. O. S. 97-98. 
9) Vgl. Mitt. des Copp.-Ver. 22. Heft S. 33. 


- 89 - 


.
		

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			Ausdehnung des Kaufhauses (etwa 35 m länge) dagegen zu 
sprechen. Ziehen wir in Erwägung, daß der östlich des K3ufhauses 
gelegene Teil des Marktplatzes für Verkaufs stätten bestimmt war 
und daß die Dingstätte aus praktischen Gründen in der Nähe des 
Kaufhauses liegen mußte, so kommen wir auf die Vermutung, daß 
die Dingstätte sich an die Süd- oder Westseite des Kaufhauses an- 
lehnte. Diese Vermutung findet eine StÜtze in der Tatsache, daß 
an der Siidwestseite des Kaufhauses bis in das 18. Jahrhundert 
hinein der Pranger gestanden hat. I) 
Wir haben früher nachgewiesen, daß im Jahre 1309 das Rat- 
haus als südlicher und das Dinghaus als nördlicher Verbindungs- 
flügel erbaut wurde. 2) Wie man dazu kam, Rat und Gericht in 
zwei verschiedenen Gebäuden unterzubringen, muß besonders unter- 
sucht werden. Es mögen verschiedene Beweggründe zusammen- 
gewirkt haben. Das Rathaus lag an der verkehrsreicheren SÜdseite 
des Ringes; so ergab sich neben seiner amtlichen Bestimmung 
seine Ausnutzung zu gewerblichen Zwecken. Wir erkennen in der 
Besetzung des Rathauses mit Kürschnern und leinwalldschneiderinnen 
einen Einfluß der Innungen der KÜrschner und leinweber auf die 
Stadtverwaltung. B) Sodann wies die Beziehung zu den dargestellten 
Zuständen in den Städten Köln, Dortmund und Magdeburg auf die 
Erbauung eines selbständigen Oerichtsgebäudes hin. Die lage 
des Dingplatzes in Magdeburg seit der Mitte des I H. jahrhunderts 
bis zum Jahre 1293 ist zwar nach der oben versuchten Darstellung 
nicht sicher, aber gerade die Erbauung eines eigenen Schörfenhauses 
im Jahre I :!9;J mag sechzehn Jahre später in Thorn den gteichen 
Schritt mitbestimmt haben. Außerdem scheint, wie wir in einem 
späteren Aufsatze darzutun hoffen, die kommunale Verfassung der 
Altstadt Thorn durch das Beispiel der Stadt Magdeburg beeinflußt 
worden zu sein 
Mit der Sache kam auch der Name ,Dinghaus' als westdeutsche 
Gepflogenheit nach Thorn. Er kommt hier zuerst in der Bau- 
urkunde von 1393 vor, nach der u. a. Gebäuden ein neues Ding- 
haus gebaut werden soll'), ist also ohne weiteres Hir das alte Ding- 
haus (1309- HI9H) vorauszusetzen. Das Wort ,Dinghaus' hielt sich 
weit über das Mittelalter hinaus, es wird z. B. in dem 1613 ver- 
besserten Schöppenmodell des Jahres 1444 genannt. 0) Daß auch 
in dem zur Altstadt Thorn gehörigen Dorfe Mocker das Gerichts- 
gebäude im Mittelalter Dinghaus genannt wird, haben wir schon 
oben erwähnt. 
Die Abmessungen des alten Dinghauses müssen nach der 
Nordseite 11m die Tiefe der 1343 angelegten Buden geringer ge- 
I) Nach dem Hoffmannschen Plane von 1631 in der Ausgabe von t677. 
Prätorius (Beschreibung der Stadt Thorn S. 134 f.) verlegt ihn an die Südoltecke 
des Rathauses. 
. 3) Mitt. des Copp.-Ver. 21. Heft S. 32 und 22. Heft S. 36. ViI. auch 
24. Heft S. 22 f. 
8) Mitt. des Copp.-Ver. 24. Heft S. 23 f. und S. 31 f. 
') Mitteil. des Copp.-Ver. 22 Heft S. 37. 
11) Ralsarchiv Kat. 11, VIII 62 (Art. 33 und 47). 


I[ 


- 90 - 


....
		

/Pomorze_039_03_095_0001.djvu

			I, 


wesen sein. Wir mÜssen wie bei dem Rathause voraussetzen, daß 
die im Neubau von 1393 vorhandene Durchfahrt auch 1309 schon 
vorhanden war. Die Dingstätte war vieIleicht eine Laube, die nach 
drei Stiten (Norden, Westen und SÜden) offen war und sich mit 
der vicrten Seite an die Kram- und Brothänke anlehnte. Wir dÜrfen 
das daraus schließen, daß das neue Dinghaus, wie nunmehr fest. 
steht, den Laubencharakter besaß. Die Laubenform der Gerichts- 
stätte war wohl in ganz Deutschland verhreitet, wenn sie sich auch 
schwer wird Überall nachweisen lassen. 1) Die Bezeichnungen sind 
im Mittelhochdeutschen loube, dincloube, richteloube. 
Wieviel Gerichtslauben etwa in deutschen Städten erhalten 
sind, können wir nicht sofort feststellen. 2) Daß sie frÜher zahlreich 
waren, beweisen die ideeIlen Bilder des 16. Jahrhunderts, die doch 
wohl in Anlehnung an wirkliche Beobachtung gezeichnet sind. So 
sehen wir auf einem Holzschnitte von 15
3 (Livius, Römische 
Historien. Mainz, Joh.. Schöffer, 152iJ) einen Richter auf seinem 
Stuhle in einer spätgotischen Halle sitzen. 8) Ein anderes Bild von 


J) In Breslau läßt sich die älteste Entwicklung schwer feststellen. t-tier 
müssen zwei fragen aufgeworfen werden: 1) Wo hielt der Vogt bis znm jahre 
1326 die Gerichtssitzungen ab? 2) Wo fanden die Gerichtssitzungen seit der 
Erwerbung dcr Vogtei durch die Stadt in den jahren 1326 und 1329 bis zu 
Anfang des 15. jahrhunderts statt, da der nördliche Fliigel mit Ratsstube und 
Schöffenstube vollendet warf (lüdecl	
			

/Pomorze_039_03_096_0001.djvu

			1571 (Neu Formular und Canzleibuch Frankfurt, Egenolff, 157 J) 
zeigt uns 
ine ganz freistehende Gerichtslaube in Renaissance- 
formen. 1) Uher einem Kellergeschosse erhebt 5iich eine in drei 
Bögen geöffnete Halle. Die Wände und Pfeiler der Halle treten 
von der Kante des Unterbaues so weit zurück, daß zwischen der 
am Rande des Unterbaues stehenden Balustrade und der Halle ein 
schmaler Raum (Gang) freibleibt. 
Die Laubenform wurde auch in dem Neubau des Thorner 
Dinihauses gewahrt, war alIerdings in der Gegenwart nicht mehr 
erkennbar. Die Grundrißanlage dieses Gebäudes ist uns aus zwei 
zeichnerischen Aufnahmen des 18. Jahrhunderts bekannt, die eine 
ist abgedruckt in dem Werke ,Die Bau- und Kunstdenkmäler der 
Provinz Westpreußen' Heft VI und VII, die andere im Steinerschen 
Album. 11) Darnach gehörten damals zum Gerichte drei Räume, die 
östlich der Durchfahrt lagen, 1) ein schmaler, länglicher Vorraum, 
den man von der Durchfahrt aus betritt, 2) die Oerichtsstube, die, 
vom Vorraume aus zugänglich, sich in seiner ganzen Breite nach 
Norden vorlegt 8), 3) die Sprachkammer,l), die sich östlich an den 
Vorraum und die Gerichtsstube legt und von dieser aus zugänglich 
ist. (Vgl. den Grundriß auf S. 93.) Bei dem Neubau von 13U3 f. 
muß die nördliche Mauer der Gerichtsstube entsprechend dem 
neuen Bauplaneri) um 8 kulmische Fuß hinausgerückt worden sein, 
wenn wir wohl auch annehmen müssen, daß die Gerichtsstube 
1343 nicht durch die Anlage einer Bude beengt wurde. Ob der 
entsprechende Raum auf der Hofseite schon 13U3 vom Dinghause 
abgetrennt und als Verkaufsstätte eingerichtet wurde, kann fraglich 
erscheinen. Auf delJ Plänen des 18. Jahrhunderts ist hier ein Tuch- 
händlergewölbe eingetragen. Mit der Einrichtung einer Sprach- 
kammer griff der Bauplan in die Bauflucht der Kram- und Brotbänke 
hinein, aber ursprÜnglich wird für sie nur der mittlere von einem 
Kreuzgewölbe Überspannte Teil des heutigen Raumes bestimmt 
gewesen sein, während der nördliche Teil vielleicht ein Verkaufs- 
gewölbe war und der südliche von Süden oder Westen her einen 
Zugang hatte. Die Sprachkammer war also im Mittelalter ein 
kleiner, dunkler Raum. Erst im 16. oder 17. Jahrhunderte wird die 
eben erwähnte Erweiterung nach Norden und SÜden erfolgt sein. 
Es ist wahrscheinlich, daß auch die westlich der Durchfahrt ge- 
legenen Räume dem altstädtischen Oerichte als Nebenräume (Ge- 
wahrsam, Folterkammer) dienten, doch ist dieser Teil durch die 
Anlage der Kreuztreppe zu Beginn des 17. Jahrhunderts 6) wohl 


I 
.. 


I) franz tfeinemann a. a. O. S. 9-1. 

) Städl. Museum. 
S) Im Stein ersehen Album bezeichnet als ,die Gerichtsstube, alwo Ver- 
sehreibungtn und peinliche Gerichte gehalten 
crden'. 
4) Im Steinersehen AlbUlI1 bezeichnet als ,die Spreehslnbe der Gerichten' 
(= der Geriehlspersonen, vgl. Grimm u. d. Worte Gericht Sp. 3(42). 
') Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen Heft VI und VII 
S. 236 f. 
6) Die Ban- und Kunsldenkmäler der Proviuz Westpreußen Heft VI und VII 
S.237. 


- 92 - 


\
		

/Pomorze_039_03_097_0001.djvu

			stark verändert und noch nicht gründlich untersucht worden. Wo 
das als Gewahrsam 1474 und 1475 erwähnte Kämmerchen gelegen 
hat, ist unbekannt. 1) Auf alten Gebrauch scheint aber hinzuweisen, 
daß im Obergeschosse des Dinghauses nach einem Plane des 
18. Jahrhunderts ein von dem Vorsaale der Königsstube zugäng- 
liches Gefängnisstübchen lag. 2) 


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GrundrilJ des Diughauses iu der Altsladt "[110m (Teil) 


Eine bauliche Untersuchung der Gerichtsräume wurde erst in 
diesem Jahre möglich, als diese vom Einwohnermeldeamt auf- 
gegeben und von der Stadtbehörde der Museumsverwaltung zur 
Benutzung Übergeben wurden. Zunächst wurden die aus der 
Schöffenstube stammenden im Museum befindlichen Tafelbilder 
wieder an ihre alte Stelle gehängt. Sodann wurden die Einbauten 
aus dem Flur entfernt. Eines jener Bilder stellt die Gerichtsstube 
I) Mitteil. des Copp.-Ver. 13. Heft S. 117 und S. 119. Nach einem Plane 
aus dem 18. Jahrhunderte lag ein Biirgergehorsam neben dem Turme. Die Bau- 
lind Kunstdenkmäler der Provinz WestpreuBen. Heft VI und VII S. 232. 

) Die Bau- und Kunstdenkmäler a. a. O. S. 232. 


- 93 -
		

/Pomorze_039_03_098_0001.djvu

			't: 


mit einer Schöffensitzung dar: auf der Siidseite stehen in einer 
breiten Laubenöffnung, auf die Brüstung gelehnt, drei Personen, 
die Schriftstücke vor sich halten, also rechtsuchende Personen. 
Das Bild stammt aus dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts. 
Die auf diesem Rilde sichtbare Laubenöffnung wurde bis zu der 
erhaltenen Brüstung wieder aufgebrochen. Dabei wurden auf der 
Innenseite des Bogens Rokokoverzierungen aufgedeckt, ein Beweis, 
daß die Laubenöffnung erst nach 1793, dem Ende der städtischen 
Gerichtsbarkeit, vermauert wurde. I) 
Herr Geheimer Baurat Steinbrecht, der den Befund besichtigte, 
äußerte sich darüber in einem Berichte vom 10. September: ,Die 
zum Vorschein gekommene Laubenöffnung stellt sich als eine 
nachträgliche Erweiterung dar. W cnn vorher eine Offnung da war, 
so war sie von geringerer Breite und geringerer Höhe. Die alten 
Wandungen und der alte Wölbbogen sind bei der späteren Erwei- 
terung weggemeißelt.' 
Auf dem Bilde hat der Maler in einer damals üblichen Weise 
die Westwand des Raumes bis auf Briistunghöhe weggelassen, lIm 
den Einblick in den genannten Raum zu ermöglichen. Dadurch 
ist die Beurteilung des damaligen Zustandes der Westwand er- 
schwert. Nach außen hin befindet sich westwärts in ihr eine rund- 
bogig gewölbte Nische, und es liegt der Gedanke nahe, daß in 
dieser Nische sich eitle ähnliche Laubenöffnung befand. FÜr diese 
Vermutung spricht vielleicht der Umstand, dan auf .dem Bilde der 
Schöffenstube eine Anzahl Personen, die in der Durchfahrt vor 
der Brüstung steht, ihr Antlitz der Schörfenstube zuwendet. Be- 
stätigt könnte die Vf'rmutung werden, wenn wahrscheinlich gemacht 
würde, daß das auf der Innenseite hangende Bild (Otanes, der Sohn 
des Sisamnes spricht Recht) später gemalt ist als das der Schöffen- 
stube. Das Bild kann erst aufgehängt worden sein, als die Lauben- 
öffnung geschlossen war. Man gewänne dann zugleich eine Zeit- 
bestimmung für die Schließung dieser vermuteten Laubenöffnung. 
Von einer Untersuchung des Mauergefüges, die zu einem sichern 
Ergebnisse hätte führen können, wurde zur Zeit Abstand genommen. 
Ganz ungcwiß muß bleiben, ob auch die Fensternische auf der 
Nordseite im Mittelalter eine Laubenöffnung statt des Fensters ent- 
hielt. Das gegenwärtige Fenster, das schon auf dem Bilde der 
Schöffenstube vorhanden ist, stammt wohl aus dem Umbau des 
Rathauses am Anfange des 17. Jahrhunderts. 
Zugänglich war die Thorner Schöffenstube durch eine in der 
Südwand gelegene spitzbogige TÜr. Die Anlage der gegenwärtigen 
breiteren Tür (vielleicht nach 1793) hat nach Steinbrcchts Darstellung 
in dem oben erwähnten Berichte das Gewände und den Spitzbogen 
vernichtet. ,Bewiesen wird das durch die noch "erhaltene flach bogige 
Anschlagnische df'r spitzbogigen Tiir auf der Flurseite. Die alte 
SpitzbogentÜr schlug nach außen auf. Die jetzige Tür schlägt nach 


I) Aus derselben Zeit stammt die Tür, die aus der Durchfahrt in den 
VorraulII fiihrt. Sie zl'i
t Über der figur der ju!!titia !luch Rokokoverzieruniell. 


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/Pomorze_039_03_099_0001.djvu

			innen und nimmt etwa die Breite und Höhe der alten flachbogigen 
Anschlagnische ein.' 
Der dargestellte Zustand des Dinghauses war vielleicht nicht 
der ursprüngliche. Das Dinghaus mag sich zuerst in drei vom 
Fußboden aufsteigenden Bogenöffnungen nach Süden, Westen und 
Norden geöffnet haben, also eine der Dortmunder ähnliche Halle 
gewesen sein. FÜr diesen Zustand wäre dann die Tür auf der 
Südseite wegzudenken. 
Die Einrichtung der Gerichtsstube ist durch das oft erwähnte 
Bild sichergestellt. An der Ost wand, die von dem unteren Rande 
der Bilder an mit rotem Tuche bespannt istl), sitzt der Richter auf 
einer Bank, die auf einem einstufigen Unterbau steht und mit einem 
Kissen hedeckt ist.:I) In der Rechten hält er einen auf der Schulter 
ruhenden Stab. Ob wir in der Stellung des Richtersitzes an der 
Ostwand einen Zusammenhang mit alten Volksbräuchen sehen 
dÜrfen, muß so lange dahingestellt bleiben, als uns keine ähnlichen 
Untersuchungen anderer mittelalterlicher Oerichtsstätten vorliegen. 
Nach alter Gewohnheit sollte der Richter von der Sonne abgekehrt 
sein zum Schutze gegen ihre Strahlen. 8) Es mÜßte also darauf 
geachtet werden, ob auch sonst der Richterstuhl an der Ostwand 
der Gerichtsstube aufgestellt ist. In der erwähnten Breslauer Schöffen- 
stube ist die Längsachse ost westlich gerichtet. 
Auf den Abbildungen erscheinen sonst schon im Mittelalter 
neben thronartigen Lehnstiihlen, die sich von den Schöffenbänken 
deutlich abheben, Richterstühle mit Baldachinen 40), die dann wohl 
im 1 ö. Jahrhunderte allgemein üblich wurden. CI) Auf solchen Richter- 
stühlen mit Baldachinen sitzen auf unsern Bildern auch Salomo 
und Otanes. Im altstädtischen Dinghause scheint die einfache 
Richterbank niemals durch einen prunkenden Richterstuhl ersetzt 
worden zu sein. Der Richterstuhl nämlich, der jetzt im altstädtischen 
Rathause steht und den man bisher fiir den Richterstuhl des alt- 
städtischen Oerichts zu halten geneigt war, stammt, wie sich aus 
der Inschrift erschließen läßt, aus der neustädtischen Gerichtsstube. 6) 
Der reichbemalte Richterstuhl, auf den zwei Stufen hinaufführen, 
ist mit einem Himmel überdacht, der von der Rückwand und zwei 


-,--- --- 


1) Mit Tuch bespannt ist z. B. die Wand, vor deI" ein Richlerkollegium 
sitzt, auf einem Holzschnitte von H. Burgkmair (1473-1531). franz Heinemann, 
Der Richter Abb. 82. 

) Auf einer schlichlen, mit einem Kissen bedecklen Bank ohne Rück- 
und Seitenlehne sehen wir auch eincn Richter auf einem Holzschnitle von 1510 
sitzen. Vjl\. Heinemann, Der Richter Abb. 46. Er sitzt gewöhnlich auf einem 
roten oder weißen Kissen. Heinemann S. 21. 
S) franz Heinemann, Der Richter S. 21. 
') Heinemann, Der Richter Abb. 8, 9, 12, 15, 47, 69, 76 - Abb. 10, 40. 
lJ) HeinemaIllI a. a. O. Abb.50 (von 1535), 52 (von 1536), 61 (von 1541), 
62 (von 1541), 87 (von 1510), 93 (von 1571). 
6) Irrig wird dieser Stuhl von Heise für einen dreisitzigen Schöffen stuhl 
angesprochen. Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen Heft 6 
und 7 S.238. Die Rückwand ist archilektonisch in drei senkrechte felder geteilt, 
und das mag Heise zu seiner Auffassung bestimmt haben. Der Stuhl hat als 
Richterstuhl eine vornehme Breite (etwa 1,80 m). 


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auf den Seiten wangen stehenden Säulchen getragen wird. Er trägt 
an der Vorderseite und rechten Seite des Himmels folgende Inschrift 
in großen lateinischen Buchstaben: ,Anno 1624 den 10. Septemb. 
H. Daniel Oiringck hat diesen Stvel den Erbahren Gerichten 1) zv e. 
Ehren vndt ewigen Oedaechtnvs verehret Anno 1624.' 
Der Kaufmann Daniel Giering wurde 1622 neustädtischer 
Schöffe I), 1628 Ratm3nn und starb an der Pest 1629. 8 ) Da Oiering 
neustädtischer Schöffe war, war der Stuhl eine Schenkung an das 
neustädtische Oericht. Wo die neU städtische Gerichtsstube sich 
befunden hat, ist unbekannt. Bis zur Einrichtung der Dreifaltig- 
keitskirche im Jahre 1668 könnte als Gerichtsstuhe ein Zimmer im 
Rathause der Neustadt gedient haben. 
Das Abzeichen des Richters ist der Stab. ') Auch der Fron- 
bote trägt einen Stab. lI ) Das Städtische Museum bewahrt zwei als 
Oerichtsstäbe bezeichnete Stäbe auf. Der eine ist aus Holz ge- 
drechselt, er hat eine Länge von 4
,5 cm. Er sieht einem Szepter 
ähnlich und kann daher wohl als Richterstab angesprochen 
werden. 6) Er gehört vielleicht dem 18. Jahrhunderte an. Der zweite 
Stab ist braunpoliert und am oberen und 3m unteren Ende m"it 
Silber beschlagen; er hat eine Länge von 80 CI11. Der Beschlag 
auf dem oberen Ende zeigt nach oben in getriebener Arbeit einen 
Löwenkopf und seitlich in gravierter Arbeit das von einem Lorbeer- 
kranze umrahmte Wappen der Stadt Thorn. Eigentümlich ist die 
Zeichnung der Zinnen. Von den drei Türmchen auf jedem der 
drei Türme zeigen jedesmal die bei den außenstehenden eine seit- 
liche Neigung. Ein ähnlicher Stilfehler begegnet uns in der Zeich- 
nung der Turmzinnen auf einem Thorner Brandtaler von 1629 und 
auf einem Thol"l1er Taler des Jahres 1639 (Bahrfeldt VI S. 35 N\". 9050), 
und aus dieser Zeit etwa mag auch der Stab stammen. Unter dem 
oberen Ende hat der Stab eine Durchbohrung, an der an roten 
und gelben Schnüren eine schwere Quaste aus roten Seidenfäden 
hängt; eine zweite fehlt anscheinend. Die rote Farbe ist die der 
Stadt durch Urkunde von 15067) für amtliche Abzeichen verliehene 
Farbe. Wird der Stab unterhalb der Quaste gefaßt und wie natürlich 
etwas schräge gehalten, dann wird dem Gegenüber der Löwenkopf 
und das Wappen der Stadt Thorn sichtbar. Aus dieser durch die 
Beschaffenheit des Stabes gebotenen Haltung geht aber unzwei- 


I) Die Mehrzahl bedeutet hier die Gerichtspersonen eines Gerichtes, vgl. 
Grimm u. d. W. Gericht Sp. 3642. 
3) Kiirbuch Ratsarchiv Kat. 11, I 121. 
I) Prätorius Ehrentempel S. 46. 
') Heinemann, Der Richter S. 19. 
11) Heinemann a. a. O. S. 13. 
11) Wir sehen allerdings auch einen Schwertdiener mit einem Szepter in 
der Hand bei einer ladung. Dammhonder, Praxis rerum criminalinm Deutsch 
frankfurt a. M. 1565 BI. 22. 
7) Ratrlarchiv Kat. I Nr. 2709. 


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			deutig 11ervor, daß er nicht das Zeichen des Richters, sondern das 
Zeichen des Fronboten bei seinen Amtshandlungen war. 1 ) 
Es scheint ursprünglich üblich gewesen zu sein, daß die Sitze 
der Urteiler zu beiden Seiten des Richterstuhles angeordnet waren.') 
Die Abweichung von dieser Gewohnheit im altstädtischen Ding- 
hause war durch den Grundriß des Neubaues bedingt: die Türen 
auf der Ost- und Südseite nötigten zu einer anderen Aufstellung 
der Schöffenbänke. Diese stehen an der Nord-, West- und Süd- 
wand. Auf den Bänken an der Nord- und Westwand sitzen je 
(i Schöffen, die Bank vor der Laubenöffnung ist unbesetzt. Auf 
der Bank an der Nordseite sitzt aunerdem dem Richter zunächst 
der Schreiber. 
An den Wänden hangen sechs auf Holz gemalte Bilder. Das 
älteste ist das vom Jahre 1 [)06: Christus als Weltrichter. 3 ) Das 
Bild des Jüngsten Gerichtes gehörte nach dem Magdeburger Recht 
zu den AusstattungsstÜcken einer Gerichtsstube. Es wal' z. B. 
angebracht in der neuen Schöffenstube des Breslauer Rathauses, 
die in der Südwestecke lag. 4) Ein großes gotisches auf Holz ge- 
maltes Bild ,Der Heiland als Weltrichter' hängt in der sog. Gerichts- 
laube zu Lüneburg über dem Gurtbogen auf der ganzen Fläche 
des Schildbogens. 5) 
,Christus als Weltrichter l hing ehemals auch außer dem 
,Urteil Salomonis' in der Ratsstube der Altstadt Elbing, bevor es 
von der Gemahlin Peters des Großen 1712 als Geschenk nach 
Petersburg mitgenommen wurde. G) Unser Bild hing wahrscheinlich 
über der spitzbog"igen Tür, hier hatten Richter und Schöffen es 
stets vor Augen. Da die Türöffnung in neuerer Zeit erhöht wurde, 
war diese Stelle ge2"enwärtig ungeeignet. Es wurde darum vor- 
läufig an .der Nordwand untergehracht. Die übrigen fünf Bilder 
hangen an denselben Stellen wie früher. Die richtigen Stellen 
ließen sich leicht ermitteln, da die Form der Holzrahl11en nach den 
Schildbögcn zurechtgeschnitten ist. Auf der Wand, vor der der 
Richterstuhl steht, hangen zwei Bilder, nordwärts ,Das Urteil Salo- 
monis' und ,Christus' und sÜdwärts ,Die Ehebrecherin'. Auf dem 
angrenzendcn Teile der Nordw:1nd hangen die zehn Gebote, und 
auf dem etttsprechenden Teile der Süd wand hängt das Bild der 
Gerichtsstubc. Auf dcm Bilde selbst sind diese beiden Bilder ver- 
tauscht; vielleicht wollte der Maler das Bild der Schöffenstube sicht- 
barer zeigen. Das sechste Bild - Kambyscs setzt den Otanes auf den 
Richterstu hl, der mit der Haut seines bestechlichen Vaters Sisamnes 
I) \r
I
 Die Abbildung des Gerichtsboten zu Straßburg von 1630 bei Heine- 
mann S. 127. Auf einer Zeichnung des 17. Jahrhunderts sehen wir einen 
Kanzleiboten, der eine Schuld einfordern soll. Sein Mantel zeigt vorne ein 
Wappen, einen Stab trägt er nicht. Heinemann a. a. O. S. 128. 

) Heinemann, Der Richter Abb. 8, 15, 15, 42, 87, 93 u. a. 
S) Vgl. Heuers Beschreibung in Mitteil des Copp.-Ver. 24. Heft S. 104 
und Anm. 24 auf S. 126. 
') Uidecke, Das Rathaus zu Breslau S. 9. 
b) Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover Heft 5 und 6 S. 226. 
') fuchs, Beschreibung der Stadt Elbing 1. Bd. S. 176. 


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			bespannt i'st 1) - "hängt an der Westwand. Auf dem Bilde' der 
Schöffenstube sehen wir auf der Nordwand -- allerdings an einer 
unmöglichen Stelle - ein siebentes Bild mit einer unbekannten 
Darstellung, das der Maler vielleicht aus freicr Erfindung hinzugefügt 
hat. Jedenfalls sind für die beiden Schildbögen in der Nordwest- 
ecke keine Bilder nachweisbar. 
Der im Osten angrenzende schmale Raum heißt auf dem 
Grundrisse im Steinerschen Album Sprechstube, in dem Schöppen- 
modell von 1444 (verbessert 1613) Sprachkammer. Eine Sprech- 
kammer im Gerichtsgebäude zu Köln wird 1487 erwähnt. 2 ) Das 
Wort wird in bei den Formen wohl dasselbe bedeuten, nämlich 
Kammer zur Verhandlung (Sprache), Sprachkammer ist aber bei 
Grimm in dies
.r Bedeutung nicht verzeichnet, Sprechkammer über- 
haupt nicht. Uber die Bestimmung der- Thorner Sprach kammer 
erfahren wir einiges aus dem Schöppenmodell von 14-14 (verbessert 
161 H). 3) Nach gehaltener öffentlicher K.
r gehen die Schöffen in die 
Sprachkammer, um für das Jahr ihren AItesten und Schöffenmeister 
zu wählen (Art. 5). Ihm werden alle Schlüssel zur Sprachkammer 
und zu den beiden Schaffen daselbst übergeben; diese muß er stets 
zu BÜrger- und Beidingen mit sich bringet] (Art. G). Von allen 
Schöffen wird ein Herr aus dem Mittel der Altesten erwählt, dem 
der SchlÜssel zum Tische und 'zur grünen Lade im großen Schaffe 
in Verwahrung gegcben wird (Art. 8). Nach ,Aufgebung' jedes 
BÜrgerdings sollen sämtliche Schöffen in die Sprachkammer gehen, 
den Schreiber alles, was bei Gericht gehandelt, aus dem Protokoll 
Icsen lassen, damit es bei frischem Gedächtnis richtiggestellt werde 
(Art. 42). Dieselbc Bestimmung wiederholt der Artikel 3 der Ord- 
nung für den Schreiber. Das eine der Schaffe diente zur Auf- 
bewahrung der Schriftstücke (Mandate, Wiedergebote, Handschriften, 
Missiven, Vollmachten u. a.). Die Protokolle oder Coneepte aller 
Sachen sollen, wenn sie eingeschrieben sind, aus der Sprachkammer 
nicht entfernt werden (Art: 44). 
In der Ostwand der Sprachkammer befindet sich ein Wand. 
schrank, der vielleicht zur Aufnahme des Silberschatzes des Gerichtes 
bestimmt war. Dcnn nach einem Beschlusse des Gerichtes vom 
Jahre 1617 sollte jeder, der aus der Schöffenbank in den Rat ge- 
wählt wurde, dem Gerichte zum Gedächtnis eine silberne Gabe 
stiften. (Siche die Beilage.) 
Wir haben ohen erwähnt, daß das Dinghaus baulich wieder- 
hergestellt und daß der alte Wandschmuck wieder aufgehängt ist. 
Die drei Bänke, die vom Rathausboden heruntergeholt sind und 
wahrscheinlich aus der letzten Einrichtung der Oerichtsstube 
stammen, harren noch der Wiederherstellung. Neu angefertigt muß 


 H erodot V 25. In dem Breslauer Rathause wurden nach 1662 in den 
Schildbögen der Gewölbe zwei Gemälde von Willmann angebracht, Das Urteil 
Salomos und Kambyses, der den ungerechten Richter schinden Hißt. Bllrge- 
meister, Das Breslauer Rathaus S. 12. 
I) Nach freundlicher Mitteilung des Historischen Archivs Cö1n. 
8) Ratliarchiv I	
			

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			nach dem ßilde der Oerlchtsstube der RIchtersitz und das Pult des 
Schreibers werden; dann haben wir eine Gerichtsstube mit der 
vollständigen Ausstattung in der Entwicklung von etwa 13!13 -17!:J3, 
doch so, daß sie uns im wesentlichen das Bild des mittelalterlichen 
Zustandes gibt und nur im Wandschmucke die Zutaten des Ih. und 
17. Jahrhunderts aufweist. Die Gerichtsstube in der begonnenen 
und noch geplanten Wiederherstellung ist der einzige Raum im 
Rathause, der uns ein bedeutsames Stück alter deutscher Kultur 
anschaulich darstellt, ihre Erhaltung darum eine dringende t-orderung 
der Deukmalpflege. 


Beilage. 


Silberschatz des AltstädtischeIl Gerichts 1618-1642. 1) 
Folgen die Gaben laut Schluß der Erbaren Gerichte Ao () 17. 
Den ein Jedweder, so auß Mittel der Erb. Gerichten In den Rath 
gekohren, den E. Gerich. zum OedechtnÜß eine silberne Gabe hinder- 
laßen will. 
Ao. 1618. Herr Mattis J(ießling einen verguIten Becher ohne Deckel 
mit seinem Nahmen. 
Ao. 1620. Herr Mattes Bartram einen weißen Becher mit M. B. 
gerißen. 
Ao. 1623. Herr Hendrich Eßcken einen gantz vergulden Becher mit 
dem Deckel unterm Wappen. 
Herr Asmus Eßcken:l) zwey silberne Teller unter seinem 
Wappen. 
Ao. 1624. Herr Daniel Grötsch einen weißen Becher mit seinem 
Wappen. 
Ao. 1625. Herr Andreas Baumgart der Eitere einen halb vergulden 
Becher unterm Wappen. 
Ao. 1626. Herr Hendrich Böttcher einen halb vergulten Becher mit 
(j Kanten. 
Ao. 1627. Herr Henrich Hoppe einen gantz vergulden Becher mit 
dem DeckelJ unter seinem Nahmen. 
Ao. 1630. Herr Jacob Koyen eine gantz vergulde Traube 8 ) mit dem 
Deckel unter seinem Nahmen. 
Herr Daniel Preiß zwo silberne Scheiben unter seinem 
Wappen. 
lierr Gottfried Krieweß eine weiße silberne Fahne unter 
seinem Wappen. 
]) Ratsarchiv Katal. 11, VIII 62. 
I) fehlt als Ratmann im Ehrentempel von Prätorius. 
') Vari;1nlen mit kleineren Buckeln, sog. Trauhenhecher, bei denen Kuppa 
und Decl	
			

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			Ao. 1631. Hf'rr Andl'eas Baumgart "einen gantz" vergutden Becher 
mit dem Deckel unter seinem Wappen. . 
Herr Jacob Streubig einen weißen silbernen Becher unter 
seinem Nahmen und Wappen. 
Ao. 1634. Herr Hanß Preiß eine Confect Schalle unter seinem 
Nahmen und Wappen. 
Ao. 1635. Herr Abraham Rentz eine silberne Schalle oder Tatze 
und eine lange drey zanckichte Gabel, halb verguld, dazu 
unter seinem Wappen. 
Ao. 1638. Fridrich Lichtfus den hohen verguldten Hertzbecher 4 ) 
mit dem Deckel und weißen Kronchen geziehret ohne 
Zeichen. 
Herr Daniel Baumgart einen Stutz weiß zier verguldt mit 
einem durch gebrochenen Fuße. 
Herr Hans HÜbner eine alte silberne Schalle weiß zier 
verguldt unter seinem Nahmen. 
Herr Nicolaus HÜbner zwo silberne Teller unter seinem 
Nahmen und Wappen. 


Ao. 1641. 
Ao. 1641. 
Ao. 1642. 


') Becher in Herzform, bei denen ,die Knollen sich in prismatische Er- 
höhnng-en, wie Edelstein schnitt verwandelt haben'. ferdinand luthmer, Gold 
und Silber S. 238. 


Verantwortlicher Heraus!!"ebe,' Pmftssor Arlhul' Semrau In Thorn. 
Druck der Buchdruckerei der "[horner Ostdeutscheu Zeibllllr, O. m. b. H. iu Thorn. 


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